Fünf Fragen an: Dr. Dagmar Pruin, Präsidentin Brot für die Welt

Fünf Freitagsfragen an Pfarrerin Dr. Dagmar Pruin, Präsidentin Brot für die Welt, über eine politische Kirche, die Folgen der Coronakrise im Globalen Süden und Erinnerungen an eine orangene Dose. Ein Interview im Rahmen des Rogate-Demokratieprojekts „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“.

Präsidentin Dr. Dagmar Pruin (Bild: Brot für die Welt)

Pfarrerin Dagmar Pruin leitet seit März 2021 die evangelischen Hilfswerke Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Zuvor war die evangelische Theologin von 2013 bis 2020 Geschäftsführerin der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und bereits seit 2007 auch Direktorin des deutsch-amerikanisch-jüdischen Begegnungsprogramms Germany Close Up (GCU). Schwerpunkte ihrer bisherigen Arbeit waren Fragen nach Begegnung und Versöhnung, nach der Verhältnisbestimmung von Religion und Politik, die christliche Friedensarbeit, der interreligiöse Dialog in internationaler Perspektive und der christliche Antisemitismus.

Dagmar Pruin wurde 1970 in Leer in Ostfriesland geboren und studierte Evangelische Theologie in Hamburg, Göttingen und Berlin und Jüdische Studien an der Hebräischen Universität Jerusalem. Von 1998 bis 2006 war sie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Rüdiger Liwak für Altes Testament und Geschichte Israel, unterrichtete im Grund- und Hauptstudium an der Theologischen Fakultät und in den Gender Studies und leitete Exkursionen in den Nahen Osten. 

Nach ihrer Promotion im Fach Altes Testament im Jahr 2004 führten sie Studienaufenthalte und Lehrtätigkeiten nach Jerusalem, Tel Aviv, Washington DC und Stellenbosch (Südafrika). Als Gründungsmitglied des Forschungsbereichs „Religion und Politik“ an der Humboldt-Universität leitete sie Konferenzen in Berlin, Brüssel und Washington, DC. 2007 konzipierte sie das Programm Germany Close Up an der Stiftung Neue Synagoge Berlin / Centrum Judaicum, welches mit Beginn ihrer Geschäftsführungstätigkeit dort dann zu Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) wechselte.

Nach einem berufsbegleitenden Vikariat ist Dagmar Pruin seit 2014 ordinierte Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Sie lebt in Kreuzberg, ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Rogate-Frage: Frau Präsidentin Dr. Pruin, wann haben Sie zum erstmals von „Brot für die Welt“ gehört? Und was ist Ihnen vom ersten Eindruck in Erinnerung geblieben?

Dagmar Pruin: Im Kindergottesdienst! Wir haben immer etwas in die orangene Dose getan und kurz vor Weihnachten wurde dann bei uns zu Hause gezählt – meine Mutter war aktiv im Kindergottesdienst. Die Dosen wurden dann bei uns zu Hause geleert, die Münzen sortiert und dann in Geldrollen zur Bank gebracht. Ich fand das sehr spannend und für mich waren das unglaubliche Summen, die da auf dem Tisch lagen. Meine Eltern haben mir dann versucht zu erklären, wie unterschiedlich nicht nur das Geld, sondern gerade auch die Nahrungsmittel verteilt sind und dass es Kinder gibt, die nie genug zu essen haben und nicht in die Schule gehen können. Da wurde dann bei uns am Küchentisch der Blick auf die Welt viel weiter – das sind meine ersten Erinnerungen.

Rogate-Frage: Sie haben in Ihrer Vita durchaus häufiger die Felder Religion und Politik intensiv engagiert betrachtet. Wie politisch müssen Kirche und deren Werke heute sein?

Dagmar Pruin: Kirche ist politisch, auf jeden Fall, und die kirchlichen Entwicklungswerke ebenfalls. Es gibt den christlichen Auftrag, die Welt, in der wir leben, zu gestalten. Was das aber in den jeweils unterschiedlichen Situationen für politisches Handeln heißt, das muss dann immer wieder neu erfasst werden – auch in der konstruktiven Auseinandersetzung.

So brachte der Ökumenische Rat der Kirchen in den 1980er Jahren den „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ auf den Weg. Darin setzte er Gerechtigkeit, Frieden und Umweltschutz in einen Zusammenhang, wie dies auch die 2015 von den Vereinten Nationen beschlossenen Nachhaltigen Entwicklungsziele tun. Diese Impulse werden in vielen Ländern umgesetzt. Kirchen und ihre Werke übernehmen – hier und weltweit –  wesentliche Aufgaben.  Ob Armutsbekämpfung, Ernährungssicherung, Anpassung an den Klimawandel, Bildung, medizinische Versorgung oder Stärkung der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte: Bei all diesen drängenden Themen sind Partnerorganisationen von Brot für die Welt gefragt. Und wir setzen dies gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen auch in der politischen Arbeit um.

Rogate-Frage: Wie sehr hat die Coronapandemie die Arbeit von „Brot für die Welt“ verändert? Welche Herausforderungen muss die Organisation schultern und wie nehmen Sie die Situation der weltweiten Projektpartner wahr?

Dagmar Pruin: Corona hat die Arbeit von Brot für die Welt stark verändert – wir haben sehr schnell umgestellt auf mobiles Arbeiten und Home Office, und wir haben Dienstreisen bis auf wenige Ausnahmen eingestellt. Verändert hat sich vor allem auch die Arbeit unserer Partnerorganisationen: Sie konnten nicht mehr zu den Projekten reisen und mussten ebenfalls auf digitale Kommunikation umstellen. 

Die Corona-Pandemie hat die Menschen im Globalen Süden hart getroffen und zu mehr Armut und Hunger geführt. Unsere Projektpartner haben immer wieder berichtet, wie die Lockdowns, die notwendig und richtig waren, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, zugleich vielen Menschen die Einkommen genommen haben. Die Pandemie hat die Menschen zurückgeworfen; wenn etwa Schulen geschlossen waren und es keine Schulmahlzeiten mehr gab, hat der Hunger zugenommen. Wir haben daher mit unseren Partnern wo immer möglich geholfen: mit Aufklärung über die Ansteckungswege, Hygienesets, mit Lebensmittelpaketen, der Einrichtung von kleinen Krankenstationen bis hin zu Sauerstoffkonzentratoren. Mein Eindruck ist, dass unsere Partner hier schnell, flexibel und kreativ Hilfe geleistet haben.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat Corona auf die Spendeneingänge sowie auf die Kollekten für Brot für die Welt in den Landes- und Freikirchen? Falls es zu geringeren Einnahmen kam/kommt, wie geht Brot für die Welt damit um?

Wir sind sehr dankbar, dass die Spendenbereitschaft in den vergangenen beiden Jahren hoch war. Angesichts der Pandemie, die auch bei uns zu wirtschaftlichen Einbrüchen geführt hat, war das keinesfalls selbstverständlich. Es hat sich jedoch gezeigt, dass viele langjährige, aber auch viele neue Spenderinnen und Spender die Arbeit von Brot für die Welt gerade wegen der gravierenden Pandemie-Folgen in den Ländern des Globalen Südens unterstützt haben. Für dieses Vertrauen sind wir überaus dankbar. Anders sieht es bei den Kollekten aus. Aufgrund der Corona-Auflagen konnten Gottesdienste nicht in gewohnter Form stattfinden und auch Kollekten nicht gesammelt werden. Gerade die Kollekten der Weihnachtsgottesdienste, vor allem an Heiligabend, sind traditionell für Brot für die Welt bestimmt. Hier haben wir deutliche Rückgänge zu verzeichnen. Deshalb haben wir alternative Wege zur traditionellen Kollekte aufgezeigt: als digitale Kollekte, im Spendentütchen oder als Überweisung. Wir hoffen sehr, dass viele Menschen dieses Angebot annehmen. 

Rogate-Frage: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung steht unter neuer Leitung. Welche Wünsche haben Sie an die Politik der Ampelkoalition und der Regierung?

Dagmar Pruin: Wir alle wissen: Die Corona-Pandemie können wir nur global besiegen. Angesichts der anhaltenden Pandemie-Lage und des Impfstoffmangels in den ärmeren Ländern wünschen wir uns deshalb ein klares Signal der neuen Bundesregierung für die Unterstützung der zeitlich begrenzten Aussetzung der geistigen Eigentumsrechte auf Impfstoffe. Ein solcher sogenannter Waiver wird seit mehr als einem Jahr von über 100 Staaten bei der Welthandelsorganisation nachdrücklich gefordert. Leider spricht die Ampelkoalition nur von „freiwilligen Produktionspartnerschaften“. Diese werden nicht reichen, um der in Armut lebenden Mehrheit der Weltbevölkerung Zugang zu Impfstoffen zu verschaffen.

Wir wünschen uns auch, dass die neue Bundesregierung die Überwindung von Hunger und Armut in der Welt entschiedener angeht. Das wird mit Blick auf die dramatischen Folgen, die der Ukrainekrieg hat und haben wird, umso dringender. Positiv sehen wir, dass agrarökologische Ansätze im Kampf gegen den wachsenden Hunger gestärkt werden sollen. Bei der Anpassung an den Klimawandel und der Frage des Umgangs mit den Schäden und Verlusten, die viele besonders verletzliche Staaten infolge des Klimawandels bereits jetzt erleiden, wünschen wir uns deutlich mehr Engagement.

Rogate: Vielen Dank, Präsidentin Pruin, für das Gespräch!

Weitere Interviews in der Reihe Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.


Willkommen zu unseren nächsten Rogate-Gottesdiensten und Terminen:

  • Dienstag, 22. März 2022 | 18:00 Uhr, ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Der Alterspräsident des Rates der Stadt Wilhelmshaven, Uwe Reese, spricht. Intervention: Pastorin Doris Möllenberg (Lutherkirche). Liturgie: Pfarrer Kinzinger (Sankt Willehad), Bezirksevangelist Eike Rosentreter (Neuapostolische Kirche Wilhelmshaven) und Bruder Franziskus (Rogate-Kloster). Orgel: Herr Pude (Neuapostolische Kirche Wilhelmshaven). Diakon Dr. Michael und Gemeindechor von St. Maria und St. Mauritius (Koptisch-orthodoxe Kirchengemeinde Wilhelmshaven). Die Friedensgebete werden getragen von der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Gemeinde Wilhelmshaven, der Caritas Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven, Banter Kirche, der Luther-Kirche und dem Rogate-Kloster Sankt Michael. Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.
  • Donnerstag, 24. März 2022 | 19:30 Uhr, Ökumenische Klimakanzel mit Dr. Melanie Janßen-Kim, Scientists for Future Wilhelmshaven-Friesland. Mitwirkende Liturgie: Pastor Thorsten Harland, (Stadtkirche Jever) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Weitere Beteiligte: Diakon Dr. Michael und Gemeindechor von St. Maria und St. Mauritius (Koptisch-orthodoxe Kirchengemeinde Wilhelmshaven) Musik: Posaunenchor Jever unter der Leitung von Kreiskantor Klaus Wedel (Stadtkirche Jever). Ort: Stadtkirche Jever, Am Kirchplatz 28, 26441 Jever.