Coronakrise und Beten? Zitate zum Sonntag Rogate 2020

„Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich. Brüder sein und dich rufen an. Und willst das Beten von uns han. Gibt, dass nicht bet allein der Mund. Hilf, daß es geh von Herzensgrund.

Geheiligt werd der Name dein. Dein Wort bei uns hilf halten rein, dass wir auch leben heiliglich, nach deinem Namen würdiglich. Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr, dass arm verführet Volk belehr.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 1+2

„Corona heißt für mich: Noch einsamer sein. Alleine zu Hause bin ich. Die Fernsehnachrichten machen mich traurig. Oft stelle ich schon den Fernseher aus, weil ich es nicht mehr ertrage. Ich muss viel weinen. Das Gebet fällt mir nicht leicht. Irgendwann dachte ich mir: Meine Tränen sind mein Gebet. Dann also habe ich viel gebetet. Ich hoffe auf Gott, dass er uns beisteht, mir aber auch allen Kranken in diesen Tagen.“

Anonym, Wilhelmshaven, Mai 2020

„Ich bin mir sicher, dass es für viele Menschen wichtiger gewesen wäre, Kirchen zu öffnen statt Baumärkte. Die Ruhe, der Frieden und Besinnung in dieser Zeit, die wie ein schwankendes Schiff ist, festigt. – Ich bin nicht sehr religiös. Die Ruhe und die Konzentration auf mich selbst und das Wesentliche habe ich weit abseits von dem nervösen panischen Geflirre gefunden. – Mit meinem Hund; draussen vor der Stadt. Der Wald und der Himmel über mir wie eine Kathedrale. 

Barbara Nolte, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Es kommt dein Reich zu dieser Zeit und dort hernach in Ewigkeit. Der heilig Geist uns wohnet bei. Mit seinen Gaben mancherlei. Des Satans Zorn und groß Gewalt, zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 3
Schwester M. Stella (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„In der Zeit, als wir keine Gottesdienste haben konnten, hatten wir Öffnungszeiten für das stille Gebet in unseren Kirchen angeboten.

Man konnte sich  „verankern“. An dem Platz ,wo man gern in der Kirche sitzt, konnte man einen Anker anbringen und ihn gestallten; zum Beispiel mit Symbolen, etwas drauf schreiben, oder nur mit Namen versehen.

Eine Frau sagte: „Es gefällt mir sehr gut, diese Betstunde. Diese Ruhe, eine innere Gelassenheit macht sich breit. Man kann über alles nachdenken, über den grauen Alltag, der plötzlich viel heller wird. Ich spüre bei mir: Die Betstunde macht mich stark. Ich kann sie nur empfehlen! Lieber Gott, segne mich und meine Familie. Liebe Gottesmutter, ich vertraue auf Dich, Danke! Vielen Dank, für alles Gute, dass ich empfangen durfte!“

Schwester M. Stella, Marienschwester in Wilhelmshaven-Fedderwardergroden, Mai 2020

Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich, auf Erden und im Himmelreich. Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid. Wehr und steur allem Fleisch und Blut, dass wider deinen Willen tut.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 4

„Täglich höre ich von Menschen, die sich in dieser Krise große Sorgen machen. Ihr Arbeitsplatz ist bedroht, nahe Angehörige oder auch sie selbst sind krank oder sie leiden unter der Einsamkeit durch die Kontaktbeschränkungen. Im Gebet bitte ich Gott um seinen Beistand für uns alle. Und danke für die vielen gerade auch in der Diakonie, die in dieser Zeit für andere da sind. Gott, bleib Du bei ihnen und gib uns allen Zuversicht.“

Pfarrerin Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Mai 2020
Pfr. Andreas Erdmann (Bild: privat)

„Beten ist für mich wie atmen: Es gehört zu meiner Beziehung mit Gott schlicht dazu. Das war vor der Pandemie nicht anders als jetzt. Es tut mir gut, über das, was geschieht, mit Gott im Gespräch zu bleiben und gestärkt durch seinen Zuspruch an mich und seine Schöpfung diesen Zuspruch anderen zuteilwerden zu lassen. Dabei fühle ich gerade auch durch das gemeinsame Gebet in dieser Zeit eine starke Verbundenheit mit meinen christlichen Geschwistern im Glauben.“

Pfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Berlin, Mai 2020

„Ein brauchbares Zitat fällt mir zwar nicht ein, aber ich kann sagen, dass der Glaube auch in schwierigen Zeiten stärkt. Viel schlimmer als die Einschränkungen empfinde ich den Verlust jeglicher beruflichen Perspektive. Insbesondere erfüllt es mich mit Schrecken, wie viele Jobs in der Gastronomie verloren gehen.“

Michael Oberseider, Bayern, Mai 2020

„Mir geht es gut. Nach anfänglicher Sorge und Angst kann ich Gott danken, für die Kraft und Zuversicht, dass es mir auch weiterhin gut geht und bitte ihn auch für alle, die auf ihn vertrauen, sie zu stärken in dieser schweren Zeit. Meine Gedanken drehten sich um die Menschen, die ich in dieser außerordentlichen Zeit nicht im der Gemeinde treffen konnte. Wie kamen sie zurecht, wie fühlten sie sich, brauchten sie Unterstützung? Mit Anrufen, Grußkarten und später auch Besuchen hielten wir Kontakt im gegenseitigen Austausch. Als deine Kinder bist du immer für uns da. Danke, lieber Gott.“

Heidrun Helbich, Wilhelmshaven-Neuengroden, Mai 2020

„Gib uns heut unser täglich Brot und was man darf zur Leibesnot. Behüt uns, Herr, vor Unfried und Streit, vor Seuchen und vor teurer Zeit, dass wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizes müßig gehn.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 5
Michael Feitel (Bild: privat)

„Mir ist (in dieser Zeit) das folgende Gebet eines anderen Schreibers wichtig geworden: Bleibe bei uns, Herr, in dieser Zeit, in der wir zweifeln, aber nicht verzweifeln wollen, Fragen stellen, ohne Antworten zu haben, Probleme sehen, ohne Lösungen zu kennen. Bleibe bei uns, wenn wir die Dunkelheit fürchten und lass uns den neuen Morgen, das neue Ostern, erwarten.“

Michael Feitel, Berlin, Mai 2020
Dekan Ulf-Martin Schmidt (Bild: privat)

„Angesichts der vielfältigen Dynamiken, die der Umgang mit Corona in unserer Gesellschaft ausgelöst hat (von Entschleunigung bis Aggression), fällt mir das freie Beten von Tag zu Tag schwerer und ich bin froh, dass ich auf verschriftlichte Gebete anderer Menschen und Gemeinschaften zurückgreifen kann. Als Pfarrer werden jeden Tag Gebetsanliegen an mich herangetragen, die ich bei Gott geborgen weiß wenn ich sie im-Namen-nennen vor ihn bringe – mein persönliches Bitten kann ich aber nicht mehr gut in Worte fassen und versuche im Meditieren innere Ruhe zu finden.“

Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin, Mai 2020

„All unser Schuld vergib uns. Herr, dass sie uns nicht betrüben mehr. Wie wir auch unsern Schuldigern ihr Schuld und Fehl vergeben gern. Zu dienen mach uns all bereit, in rechter Lieb und Einigkeit.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 6
Heide Grünefeld (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„Ich glaube, dass Wort „Corona“ ist in meinen Gebeten nicht ein einziges Mal gefallen. Meine eigenen Zwiegespräche mit Gott haben mit Corona eigentlich nichts zu tun. Ich sehe zur Zeit viele andere Menschen, die nicht an Corona, sondern an der Angst davor oder an Folgen der Pandemieregeln leiden. Aber ich bin nicht gut darin, lange Gebete in Ruhe zu sprechen. Ich bin eher diejenige, die sich nach einem Besuch wieder ins Auto setzt, verzweifelt und wütend über die erlebte Traurigkeit oder Perspektivlosigkeit o.ä. ist, und dann nach oben schaut und in sehr ungeduldigem Tonfall sagt: „Du siehst das, oder? Du hast ihn/sie im Blick? Und ich hoffe sehr, Du hast einen Plan und weisst, wozu diese ganzen Schwierigkeiten gut sind, denn ich sehe das nicht, und das geht da schief, hilf ihm/ihr, Du musst da hinsehen, bitte!!!“

Und nach einer Weile, wenn ich mich abgeregt habe, kann ich etwas ruhiger sagen „Ja, gut, ich vertraue Dir und ich versuche weiter mein Bestes.“ Und dann, weil ich es doch nicht lassen kann und lieber auf Nummer sicher gehe, sage ich in wieder energischem Tonfall noch ein weiteres Mal „…aber Du guck dahin! Danke.“

Ob das als Beten durchgeht, weiss ich nicht. Ich hoffe es. Und ich hoffe, Gott guckt dann da hin.“

Heide Grünefeld, Theologin und Sozialarbeiterin, Hooksiel (Wangerland, Friesland), Mai 2020

„Führ uns, Herr, in Versuchung nicht, wenn uns der böse Geist anficht. Zur linken und zur rechten Hand, hilf uns tun starken Widerstand. Im Glauben fest und wohlgerüst und durch des heilgen Geistes Trost.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 7

„In der Corona-Krise sitze ich vor einem Arbeitsberg, der einfach nicht kleiner wird. Durch das Zuhause-Arbeiten im Homeoffice fällt es mir noch schwerer, wirklich Feierabend oder Wochenende zu machen und abzuschalten. Die Ruhe des Gebets würde mir hier sehr guttun. Aber mir diese Ruhe zu geben, fällt mir schwer.“

Anonym, Berlin, Mai 2020
Rechts: Edmund Mangelsdorf (Bild: privat)

„Unser Vater im Himmel weiß, was er uns auf der Erde zumutet und zumuten kann, um unserer Entwicklung willen. So bitte ich nicht um Einzelnes, sondern nur: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!“ und denke dabei auch an Corona. Und wo ich mein persönliches ewiges Leben dann verbringen soll, ob nun hier oder drüben, das überlasse ich Seiner Weisheit.“

Edmund Mangelsdorf, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Von allem Übel uns erlös, es sind die Zeit und Tage bös. Erlös uns vom ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not. Bescher uns auch ein seligs End. Nimm unser Seel in deine Händ.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 8
Pfr. Burkhard Bornemann (Bild: privat)

„Ich weiß, wie privilegiert und geborgen ich diese Krise erleben darf. Aber das war und ist auch Verantwortung. Wie viele Gespräche mit sehr unglücklichen, verstörten, psychisch zutiefst verletzten Menschen habe ich in den letzten Wochen geführt, in der offenen Kirche oder anderen Orten, manchmal auch einfach, wenn ich mit dem Mopsduo unterwegs war. Aber immer fühlte ich mich geführt auf der rechten Straße um seines Namens willen – im Namen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Im Namen von Trost, Zuwendung und Halt.“

Pfarrer Burkhard Bornemann, Evangelische Zwölf-Apostel-Gemeine, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

Amen, das ist: Es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar. Auf das wir ja nicht zweifeln dran, dass wir hiemit gebeten han. Auf dein Wort in dem Namen dein, so sprechen wir das Amen fein.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 9

Hinweis zu dieser Zitatesammlung: Zum Sonntag Rogate 2020 haben wir verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Berufsgruppen um einen Beitrag zu „Coronakrise und das Beten“ angefragt. Die aufgeführten Zitate fanden Eingang in den Gemeindegottesdienst des Rogate-Klosters Sankt Michael zu Berlin am 17. Mai 2020 in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg und werden hier dokumentiert. Ursprünglich war für den fünften Sonntag nach Ostern eine ökumenische Eucharistie gemeinsam mit der Alt-katholischen Gemeinde Berlin geplant. Diese konnte aufgrund der Einschränkungen der Gottesdienste in der Pandemie nicht stattfinden, daher fand ein Gottesdienst ohne Abendmahl statt.

Fünf Fragen an: Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, EKBO

Fünf Freitagsfragen an Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über einen Digitalisierungsschub in der Kirche, Innovationen ohne Beschlussvorlagenketten und neue Wege der Seelsorge in der Pandemie.

Landespnlinepfarrer Andreas Erdmann (Bild: privat)

Andreas Erdmann ist in Berlin geboren, hat seinen Zivildienst in einem evangelischen Kindergarten in Bergfelde geleistet und ist anschließend wieder in Berlin zunächst in die Lehre gegangen und hat danach studiert. Er hat abgeschlossene Berufsausbildungen in den Berufen Fachinformatiker/Systemintegration und Fachinformatiker/Anwendungsentwicklung sowie zunächst Theologie und dann Religions- und Gemeindepädagogik studiert und schließlich sein Vikariat in Glienicke/Nordbahn gestaltet. Die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen liegt ihm besonders am Herzen.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Erdmann, was macht ein „Landesonlinepfarrer“?

Andreas Erdmann: Als Landesonlinepfarrer unterstütze ich Gemeinden und Kirchenkreise bei der Digitalisierung von Gottesdiensten, Andachten, Jugendtreffs, Kirchentouren und anderen Angeboten, berate bei der Digitalisierung der Verwaltung und koordiniere Projekte. Das Ziel dabei ist es, die Präsenz der Landeskirche im Netz zu erhöhen und damit digitale Gemeinschaft zu ermöglichen. Außerdem arbeite ich sehr eng mit den anderen Bereichen des Medienhauses der EKBO zusammen wie der Öffentlichkeitsarbeit, dem Rundfunk und auch dem Homepage-Team, aber auch zum Beispiel der Pressearbeit und dem Wichernverlag, hier vor allem mit der Wochenzeitung „Die Kirche“. Außerdem habe ich natürlich auch eigene Projekte, wie die Gestaltung einer virtuellen Online-Kirche im Gameplay-Format.

Rogate-Frage: Wie ist es zur Einrichtung einer solchen Stelle gekommen und was soll damit erreicht werden?

Andreas Erdmann: Es gab in den vergangenen Jahren bereits ähnliche Stellen, mit denen bereits ein bisschen ausprobiert worden ist, was angenommen wird und was nicht und wo überhaupt der Bedarf liegt. Dass ich jetzt bereits schon seit März auf dieser Stelle mit 100 Prozent (Vollzeitstelle) arbeite, liegt aber sicherlich auch an der außergewöhnlichen Situation dieser Tage, die insgesamt zu einem Digitalisierungsschub in der Kirche beigetragen hat und die Notwendigkeit eines Landesonlinepfarrers als Ansprechpartner für die Menschen vor Ort deutlich hervorhob.

Rogate-Frage: Wie digital ist die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und wohin soll die Reise gehen?

Andreas Erdmann: Wer ist schon „die Landeskirche“? Die Verwaltung hat hier noch viel Luft nach oben. Andere sind bereits schon länger auf der Reise. Ich denke da vor allem an viele Gemeinden und Kirchenkreise, aber auch Einzelpersonen, die bereits lange vor der Pandemie insbesondere in den Sozialen Medien sehr aktiv waren und es immer noch sind. Das wurde bei der ersten Online-Konferenz der EKBO am 2. Mai deutlich. Von solchen Treffen wird es zukünftig mehr geben: Das nächste Treffen findet am 2. Juni und fortan monatlich statt. Hier geht die Reise also vor allem hin: zu mehr Vernetzung und einem besseren Austausch untereinander. Außerdem setze ich mich dafür ein, dass die einzelnen Aktiven auch entsprechende Wertschätzung und Unterstützung erfahren, indem zum Beispiel auch Stellenanteile für die Arbeit im Digitalen Raum bei der Besetzung von neuen Stellen gleich mitbedacht werden und Schulungen etwa für den Umgang mit Trollen und Hate-Speech angeboten werden.

Rogate-Frage: Was ist anders in der digitalen Verkündigung und was sollte man dort nicht tun?

Andreas Erdmann: Das Evangelium ist dasselbe, ob analog oder digital, aber die Teilhabenden sind mitunter andere und das sollte sich in der Ansprache und Auslegung entsprechend bemerkbar machen. Wenn ich einen Gottesdienst ins Netz stelle und mich über die überregionale Beteiligung freue, dann darf ich mich inhaltlich nicht auf lokale Besonderheiten und Gepflogenheiten konzentrieren. Zudem sind mir diejenigen gar nicht bekannt, die ich tatsächlich erreiche. Im Gottesdienst vor Ort sehe ich, wer da in den Bankreihen sitzt und kann meinen Gottesdienst, wenn ich so flexibel bin, entsprechend anpassen. Im Internet kann es sein, dass zum Beispiel ein Großteil Neugieriger mit Erstbegegnungscharakter zuschauen. Deshalb sollte man noch dringender auch auf niedrigschwellige Zugänge achten, insbesondere was die Liturgie betrifft.

Rogate-Frage: Was hat sich durch die Corona-Pandemie in der digitalen Kirche verändert und gibt es für Sie positive Beispiele?

Andreas Erdmann: Es haben sich seither deutlich mehr Menschen auf den Weg gemacht, sich in den Digitalen Medien auszuprobieren. Leider haben einige auch schon kundgetan, dass von ihnen ganz klar erwartet wird, dies einzustellen, wenn die analogen Veranstaltungen wieder stattfinden können oder dass sie die digitalen Angebote irgendwie zusätzlich in ihrer Freizeit stemmen müssten. Schön wäre es hier, wenn die guten Erfahrungen genutzt werden würden, um insgesamt in Zukunft beide Arbeitsbereiche mit im Blick zu haben. Ebenfalls aufgefallen ist mir ein Abbau von Bürokratie in den ersten Wochen der Pandemie. Viele Innovationen wurden ohne lange Beschlussvorlagenketten neu ausprobiert und rasch umgesetzt. Gute Beispiele sind hier Telefongottesdienste, ein Autogottesdienst und natürlich viele Veranstaltungen, die gar nicht Gottesdienste betreffen, wie vor allem auch solidarisch-fürsorgliche Projekte von zum Beispiel „Jungen Gemeinden“, die sich digital vernetzt absprechen, um für ältere einzukaufen. Ebenfalls erwähnen möchte ich auch die stärkeren Angebote von Chat- und E-Mail-Seelsorge sowie Seelsorgegespräche, die in den Sozialen Medien stattgefunden haben. Diese unkomplizierte Art, Kirche voranzubringen, würde ich mir auch für die Zukunft wünschen.

Rogate-Frage: Wenn die Digitalisierung gerade einen so großen Aufschwung erlebt, gibt es dann andere Felder, die an Beachtung verlieren?

Andreas Erdmann: Solche Themenfelder gibt es sicherlich, wobei diese freilich nicht an Relevanz verlieren, sondern gegenwärtig schlicht weniger stark im Fokus bleiben. Ich nehme wahr, dass vor der Pandemie deutlich häufiger auch in den Medien Krisen wie der Klimawandel oder die Migrationspolitik thematisiert worden sind. Die Menschen, die in großer Not in Flüchtlingslagern unter miserablen Bedingungen überdauern, ist nicht weniger geworden und der Klimaschutz nicht minder wichtig. Die EKBO bringt sich in diesen Fragen deshalb nach wie vor ein, wie viele andere Aktive ebenfalls. Es fehlt hier allerdings häufig an der Unterstützung durch die Diskussion in der Öffentlichkeit. Denn die Pandemie nimmt, selbst wenn gar nichts wirklich Neues zu berichten ist, in der „Tagesschau“ und anderen Nachrichtensendungen den deutlich größten Teil ein und veranlasst sogar zu Sondersendungen. Das gilt für andere Medien in der Regel ebenso. Die Ursache für dieses „Weniger an Beachtung“ ist also weniger der Digitalisierung anzulasten als vielmehr der Informationspolitik in den öffentlichen Medien.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Erdmann, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier:

  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Gottesdienst zum Sonntag Rogate. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Donnerstag, 18. Juni 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Hohenkirchen/Friesland.
  • Fällt wegen der Corona-Pandemie aus: Freitag, 17. Juli 2020 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin 2020.
  • Donnerstag, 27. August 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Donnerstag, 24. September 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Sonntag, 27. September 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum St. Michaelisfest und zum Monat der Diakonie. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin u.a.. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.

Fünf Fragen an: Pfarrer Lothar Vierhock, St. Elisabeth-Gemeinde Moskau

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Lothar Vierhock, St. Elisabeth-Gemeinde Moskau, über die Vorteile digitaler Kirche, orthodoxe Ostern in der Coronakrise und die Erreichbarkeit der Herzen der Gemeindeglieder.

Pfarrer Lothar Vierhock (Bild: privat)

Lothar Vierhock, 1956 geboren in Gera (Thüringen). Beruf: Facharbeiter für Bergbautechnologie, Bausoldat bei der NVA, Studium der Theologie/Philosophie am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt. Priesterweihe 1984 in Dresden; Wirkungsstätten in Zwickau/Sachsen, Erfurt, Dresden, Leipzig und Hongkong. Jetzt Pfarrer der Deutschsprachigen Katholischen St. Elisabeth-Gemeinde in Moskau und Religionslehrer an der Deutschen Schule Moskau. Engagiert beim Malteser-Hilfsdienst Moskau.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Vierhock, wie sieht kirchliches Leben in Ihrer Gemeinde aktuell aus?

Lothar Vierhock: Seit reichlich vier Wochen können auch wir in Moskau aufgrund der Corona-Pandemie keine öffentlichen Gottesdienste und Veranstaltungen abhalten. Das Verständnis für diese Maßnahme ist sehr groß. Nunmehr feiern wir unsere Gottesdienste über das Internet, also online. Der „Vorteil“: Auch unsere Gemeindemitglieder, die derzeit nicht in Moskau sind, können an der Heiligen Messe und am anschließenden Gemeindeplausch teilnehmen, ebenfalls unsere Kranken, vor allem unsere älteren Menschen, die nicht mehr zum Gottesdienst kommen können. Natürlich leiden viele darunter, nur „geistlich“ kommunizieren zu können.

Jeweils Mittwochs „treffen“ wir uns online zu Begegnung und Austausch. Täglich um 19.00 Uhr beten wir das Gebet des Herrn und bitten darin für die an Corona Erkrankten und Infizierten, für ihre Angehörigen und für alle Helferinnen und Helfer. Wir bitten, dass Gott diese Geisel bald von uns nehmen möge. Natürlich bleiben die privaten Kontakte – auf Distanz gehalten – weiterhin erhalten.

Rogate-Frage: Die Russisch-orthodoxe Kirche feierte vor wenigen Tagen das Osterfest. Wie anders wurden die Feiertage in Moskau begangen und welche Einschränkungen gibt es aktuell?

Lothar Vierhock: Wie wir, so konnten auch unsere orthodoxen Geschwister ihr Osterfest am vergangenen Sonntag nicht öffentlich miteinander feiern. Aus der Christ-Erlöser-Kirche, der Hauptkirche der Orthodoxie in Russland, wurde der feierliche Gottesdienst im Fernsehen übertragen. Viele Gläubigen haben diese Feier mitverfolgen können. Am Morgen des orthodoxen Ostersonntags habe ich viele Grüße erhalten: „Christus ist auferstanden!“ – „Christus ist wahrhaft auferstanden!“

Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu vermeiden gilt: Kontakt zum Nächsten nur mit 1,5 Metern Abstand. Man kann sich von seiner Wohnung aus im Umkreis von 100 Metern frei bewegen, um Wichtiges zu erledigen: Einkauf, Bank, Arzt und Apotheke. Weitere Wege, die durchaus bedeutsam sind, müssen beantragt werden. Das funktioniert meines Wissens unbürokratisch.

Rogate-Frage: Was beschäftigt Sie persönlich im Moment besonders und wie hat sich Ihr Leben verändert?

Lothar Vierhock: Mich beschäftigt sehr, wie wir als Gemeinde weiterhin gut vernetzt bleiben. Niemand soll sich am Virus infizieren und erkranken. Da ich auch als Religionslehrer an der Deutschen Schule in Moskau tätig bin, unterrichte ich online meine Schülerschaft. Ich bin ein durchaus sozialer Mensch. Mir fehlt der direkte Kontakt zu meinen Mitmenschen. Mir fehlt die gemeinsame Feier der Gottesdienste. Die Sorgen von Gemeindemitgliedern bewegen mich ebenso.

Rogate-Frage: Welche Hoffnung trägt Sie durch diese Zeit und was können Sie Ihrer Gemeinde mitgeben?

Lothar Vierhock: Mich trägt in dieser Zeit vor allem mein Glaube. Manchmal wird er auch durch verschiedene Umstände kritisch hinterfragt. Da ermutigt mich das Beispiel vieler Mitmenschen und Freunde, die mich durch ihr Vorbild widerum ermutigen. Das verbindende Gebet trägt in dieser Zeit. Ich schreibe einmal in der Woche einen Newsletter an die Gemeinde. Darin versuche ich, im Glauben zu ermutigen, neue Chancen und Möglichkeiten zu sehen und sie zu realisieren. Was ich nicht kann, was ich aber sehr gut vorbereite, ist, durch den Gottesdienst die Herzen der Gemeindemitglieder mit Freude und Hoffnung in Jesus Christus zu erfüllen.

Rogate-Frage: Würden Sie uns ein Gebet schenken?

Lothar Vierhock: Allmächtiger Gott, dir ist nichts verborgen. Du kennst uns und unsere Sorgen und Nöte. Du hast dich uns als der „Gott mit uns“ geoffenbart, vor allem in Jesus Christus, deinem Sohn. Er war besonders für die Menschen da, die seiner Hilfe bedurften. In seiner Auferweckung hast du uns Zeugnis gegeben, dass du ein Gott des Lebens bist. In der Sendung des Heiligen Geistes, schenkst du uns Hoffnung und Stärke. Dafür danken wir dir aus ganzem Herzen.

Herr, unser Gott, unser guter Wille reicht nicht aus und unsere Hände für eine wirksame Hilfe greifen mitunter zu kurz. Stärke unsere Hoffnung in dieser Krise. Beende in Kürze die Pandemie. Sei allen Kranken und Leidenden, besonders den am Corona-Virus Erkrankten, nahe. Hilf dort, wo Menschen nicht mehr weiterwissen. Unterstütze alle Bemühungen um Frieden und um mehr Gerechtigkeit in unserer Welt. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus im Heiligen Geist.

Rogate: Amen. Vielen Dank, Herr Pfarrer Vierhock, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin oder Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Dar es Salaam/Tansania

Fünf Fragen an Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Deutschsprachige Gemeinde Dar es Salaam, über das Leben in ihrer durch Ausreisen verkleinerten Kirchengemeinde in Tansania, die Veränderungen durch die Corona-Pandemie und die Sehnsucht nach offenen Grenzen.

Pastorin Almut Birkenstock-Koll (Bild: privat)

1954 in Hamburg geboren wuchs Almut Birkenstock-Koll im Ruhrgebiet und Rheinland auf. Sie studierte in Wuppertal und Göttingen. In den USA und Italien folgte das Auslandsvikariat. Sie lebte Kenia und im Iran. Sie engagiert sich in der Friedens- und Versöhnungsarbeit, u.a. in Aktion Sühnezeichen Ost und West), in der Diakonie (Hospizarbeit und Altenseelsorge) sowie in der interreligiösen und interkulturellen Arbeit. Zuletzt war sie in Deutschland in der Flüchtlingsarbeit tätig. Aktuell engagiert sie sich in der sozialdiakonischen Arbeit in Tansania. Sie ist Pastorin der Deutschsprachigen Gemeinde Dar es Salaam in Tansania.

Rogate-Frage: Frau Pastorin Birkenstock-Koll, in welcher Situation befindet sich Ihre Kirchengemeinde aktuell?

Almut Birkenstock-Koll: Unsere Kirchengemeinde hat sich dezimiert wie hier die gesamte Expatcommunity. Zwei Familien sind im Abstand von drei Wochen ausgereist. Dazu gehörte unser Musiker, der fast immer unsere Gottesdienste begleitet hat. Er und seine Familie hat quasi die letzte Chance ergriffen, nach Deutschland zu fliegen, da sie ihren Hund mitnehmen konnten auf dem Flug. Sie hatten Sorge, dass der 13 Jahre alte Hund in Tansania bleiben muss, wenn es am Ende eventuell ganz plötzlich geht. Wir waren in Vorbereitung eines Osterkonzertes über Zoom, das wird nun über Email organisiert. Denn aufgeben will ich die Idee noch nicht. Wir haben Kantate oder Himmelfahrt ins Auge gefasst, wo dieses Konzert abrufbar sein soll für unsere Gemeinde.

Rogate-Frage: Wie hat das Coronavirus Ihre Gottesdienste und die Seelsorge in den letzten Wochen verändert?

Almut Birkenstock-Koll: Wir haben heute gerade in einer kurzen webex Konferenz mit dem Kirchenvorstand der Gemeinde beschlossen, den nächsten Gottesdienst – wir halten zweimal im Monat deutschsprachigen Gottesdienst – nicht analog zu halten. Bislang konnten wir dies noch tun, da hier in Tansania noch Gottesdienste in den Kirchen stattfinden. Wir wollten nicht die ersten sein, die dies nicht mehr anbieten. Es wurde jedoch zunehmend schwieriger, da viele unsere Mitglieder verständlicherweise nicht mehr kommen wollten. Einige Aufrechte gab es noch. Nun aber haben wir von allen Hiergebliebenen das Einverständnis, zu pausieren und stattdessen haben wir eine WhatsApp-Liste aller Gemeindeglieder und Interessierten gegründet. Wir werden versuchen, mit anderen Medien Andachts- und Gottesdienstangebote zu verschicken.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation im Land, welche gesundheitlichen Massnahmen gibt es und wie steht es um das Gesundheitswesen vor Ort?

Almut Birkenstock-Koll: In Tansania hat man ja lange die Pandemie nicht wirklich wahrhaben wollen. Man hat alle Verschwörungstheorien diskutiert oder auch als Krankheit des weißen Mannes beziehungsweise der weißen Frau. Man hat sich gefreut, dass das arme Afrika dieses Mal nicht den „schwarzen Peter“ habe….und so weiter.

Nun sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Die Zahlen der Infektionen steigen, der Toten auch, aber die sind noch einstellig. Die Infektionen lagen gestern bei 147. Der Staat geht eigentlich ganz gut mit der Situation um. Man veröffentlich die aktuellen Zahlen, die man hat – es gibt ja kaum Tests -, man fordert nun in der Stadt zum Tragen eines Mundschutzes auf. Ich nähe Mundschutz(-masken) ohne Ende mit meiner Gruppe von Teenage Mothers und verkaufe sie für wenig Geld, sodass unsere Mädels etwas Geld für sich erwirtschaften können. Das Gesundheitssystem ist äußerst schwach. Es gibt private Krankenhäuser, wo es vielleicht Beatmungsgeräte gibt, aber nur, wer zahlen kann, kann dies auch nutzen. 

Rogate-Frage: Wie geht es Ihnen persönlich mit der Situation, welche Fragen stellen Sie sich und was macht Ihnen Hoffnung?

Almut Birkenstock-Koll: Nun, ich gehöre mit 65 Jahren zur Risikogruppe, mein Mann ist 69. Wir haben uns entschlossen, hier zu bleiben, als es noch Flüge gab. Nun gibt es keine mehr. Ich denke, im Zweifelsfall geht es uns hier besser als in Deutschland, im Krankheitsfall eher nicht oder halt mit Glück doch. Ich hatte letztes Jahr Dengue-Fieber und war im privaten Aga Khan Hospital gut aufgehoben. Das war eine Erfahrung, die auch in der jetzigen Situation Hoffnung machen kann, dass eine Infektionslage bewältigt werden kann.

Ich schwanke jedoch immer wieder mal beziehungsweise sehne mich danach, dass die Grenzen wieder geöffnet werden und es auch wieder internationale Flüge gibt. Unser ältester Sohn ist Diplomat und arbeitet an der Botschaft in Nairobi, wo wir alle früher Jahre gelebt haben. Unsere Enkel sind jetzt auch dort und ich würde sie so gern besuchen. Ich drehe jeden Tag ein kleines Video für die beiden, die fünf und zwei Jahre alt sind. So bleiben wir in Kontakt. Auch zu unseren anderen Kindern in Deutschland und in den USA halten wir intensiven Kontakt.

Ich sehne mich nach unserem geplanten Familientreffen in Frankreich im Juli, aber das scheint wohl nichts zu werden. Das, wozu wir Menschen bestimmt sind: in Beziehung zu treten und Beziehung zu suchen zum Gegenüber, Kontakt über Berührung, der Nähe herstellt zum Nächsten und auch zum Fernen, gerade dies wird nun verwehrt, das schmerzt mich persönlich sehr.

Mir macht Hoffnung, dass die Liebe in unserer Familie uns trägt, dass ich auch in so einer irrealen Situation Gottes Gegenwart als real empfinde und mich nicht scheue, jeden Tag zu beten. Ich denke an viele Menschen, die allein sind und solche Zuwendung wenig oder gar nicht spüren. Ich bete intensiv für Menschen in all den schrecklichen Situationen, die ich kenne. Ich habe Flüchtlingsarbeit gemacht, so denke ich an diese heimatlosen Menschen. Ich habe im Iran gelebt – in der Zeit, in der sich die Beschränkungen schon anbahnten, musste ich mich entscheiden, ob ich den sterbenden Freund im Iran besuche oder meine 99 Jahre alte Tante, für die ich die Vorsorge habe… das war sehr schwer für mich. 

Rogate-Frage: Wenn Sie ein Gebet für uns in der Gemeinde Berlin für den nächsten Gottesdienst schreiben würden, wie würde es lauten?

Almut Birkenstock-Koll: Ach, ich weiß es nicht… Ein Gebet kommt aus dem Herzen… Ich bete in meinen Gottesdiensten oft frei… Vielleicht einen Dank an Gott, dass wir durch diese Situation auch wieder neu lernen können, wie wichtig seine Liebe zu uns ist und wie sehr wir den Mitmenschen brauchen. Ich habe mich dieses Ostern viel ernsthafter und intensiver gefragt, was der Tod Jesu beziehungsweise was Jesus Christus mit seinem Leben für mich eigentlich bedeutet… Und mir ist klar, wie leer und ohne Hoffnung die Welt ohne ihn wäre… Alles, was der Mensch an Gutem vollbringen kann, hat doch seinen Grund in Gottes Liebe, die durch Christus vorgelebt wird.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Birkenstock-Koll, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Schwester Agnes Grasböck, Ashwood in Südafrika

Fünf Fragen an Schwester Agnes Grasbröck, Convent Mariannhill Ashwood/Südafrika, über Engagement in Südafrika in der Corona-Pandemie, die Versorgung der Menschen vor Ort und die Hoffnung auf das Wiedersehen in der Gemeinde.

Schwester Agnes Grasbröck (Bild: privat)

Schwester Agnes Grasbröck wurde 1938 in Oberösterreich geboren. Sie arbeitete als Fürsorgerin in Wels. 1962 trat sich ins Missionskloster Wernberg in Kärnten/Österreich ein. Seit 1981 lebt sie in Südafrika und arbeitet als als Religionslehrerin in der deutschen Schule. Sie setzt sich für das ökumenische Engagement in den Gemeinden in Pinetown ein, dazu gehört die Sorge für die Armen durch die monatliche Lebensmittelausgabe und interreligiöse Kommunikation.

Rogate-Frage: Schwester Agnes, wie ist es gekommen, dass Sie als Ordensfrau in Südafrika leben und wirken?

Sr. Agnes Grasböck: Beim Eintritt in das Missionskloster Wernberg war es mein Wunsch in die Mission zu gehen, um den Menschen zu Gott zu führen. Zuerst war ich bis 1981 als Religionslehrerin in Österreich tätig und kam dann hier nach Mariannhill. Hier konnte mich dann pastoral, auch sozial in der deutschsprachigen Gemeinde und darüber hinaus einsetzen.

Rogate-Frage: Wie sieht gemeindliches Leben bei Ihnen vor Ort normalerweise aus und was hat sich durch die Corona-Pandemie verändert?

Sr. Agnes Grasböck: Mit der deutschsprachigen Gemeinde feiern wir monatlich einen Gottesdienst in deutscher Sprache. Zwischendurch besuche ich Familien, Alleinstehende, kranke und ältere Leute. Zurzeit sind wir „eingesperrt“. Zuerst sollte es nur bis zum 17. April sein, nun wurde „Lockdown“ noch für zwei Wochen verlängert.

Wir versuchen, telefonisch und über Mails in Verbindung zu bleiben. Gottesdienste können über Fernsehen mitgefeiert werden. Online gibt es Anleitungen zu Hausgottesdiensten. In uns lebt die Hoffnung, auf ein gesundes Wiedersehen…. Hoffentlich bald.

Rogate-Frage: Wie ist das Gesundheitswesen in Ihrer Region aufgestellt und wie gehen die Menschen mit den Einschränkungen um?

Sr. Agnes Grasböck: In Südafrika wurde gute Vorsorge getroffen: Es gibt ein Ausgehverbot, nur Lebensmittel und Arznei dürfen geholt werden. Die Todesfälle durch Corona sind hier im Verhältnis niedrig, aber das kann noch steigen. Für Menschen die positiv, aber nicht krank sind, werden Quarantäneplätze gesucht, zum Beispiel in Hotels und Gästehäusern et cetera.

Durch die Einschränkungen gibt es viele Arbeitslose, die Einbrüche steigen und viele Menschen wissen nicht, wie sie sich noch länger versorgen können. Es gibt aber auch eine Reihe von Hilfsaktionen, nur erreichen sie nicht alle, die Lebensmittel brauchen würden.

Rogate-Frage: Was macht Ihnen Hoffnung und was möchten Sie gern nach der Pandemie tun?

Sr. Agnes Grasböck: Hoffnung macht mir der große Glaube und das Gebet so vieler Menschen, auch der Zusammenhalt auch über äußere Entfernungen. Wir von der deutschsprechenden Gemeinde freuen uns, auf den nächsten möglichen Gottesdienst. Hoffentlich ist er am 10. Mai und wir werden in Dankbarkeit einander ansehen und miteinander Gott für die Rettung danken.

Rogate-Frage: Schenken Sie uns ein Gebet?

Sr. Agnes Grasböck: Guter Gott, du hast uns alle erschaffen und willst unser Wohlergehen und unser Glück. Schau auf unser in dieser Not. Lass uns aus dieser Krise neu herausgehen. Wir loben und preisen dich und möchten dir und einander in Liebe, Wertschätzung und Aufmerksamkeit dienen. Amen.

Rogate: Amen. Vielen Dank, liebe Schwester Agnes, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pfarrer Stephan Gras, Pfarrei St. Albertus Magnus Barcelona

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Stephan Gras, Deutschsprachige katholische Pfarrei Sankt Albertus Magnus, über die aktuelle Situation in Barcelona, Ärzte, die kaum noch schlafen können, und über die praktizierte geistliche Kommunion in der Coronakrise.

Pfr. Stephan Grass (Bild: Benjamin Dahlhoff)

Seit September 2018 ist Stephan Gras Pfarrer von Sankt Albertus Magnus in Barcelona. Geboren 1967, aufgewachsen in Bad Soden am Taunus. Studium in Frankfurt am Main und in München. Weihe zum Diakon 1992 in Braunfels an der Lahn. Priesterweihe 1993 im Limburger Dom. Kaplan in drei Frankfurter Gemeinden: Schwanheim, Goldstein und Bornheim. Nach seiner Kaplanszeit arbeitete Gras 1999 mehrere Monate in Argentinien in der Urwaldprovinz Misiones in einer Pfarrei direkt an der Grenze zu Brasilien. “Eine meiner Leidenschaften sind rege Kontakte nach Lateinamerika, wo ich auch unterschiedliche Länder bereist habe”, sagt Gras. 2000 bis 2018 war Stephan Gras Pfarrer der spanischsprachigen Gemeinde für den Westteil des Bistums Limburg mit Sitz in Wiesbaden. Darüber hinaus war er über 11 Jahre Priesterlicher Leiter des Pastoralen Raums Oestrich-Winkel im Rheingau mit vier Pfarreien. 2012 bis 2018 war Stephan Gras stellvertretender Stadtdekan von Wiesbaden.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Gras, seit wann und wie hat die Corona-Pandemie Ihr Leben verändert und wie gehen Sie damit um?

Stephan Gras: Gerade Spanien und insbesondere die beiden größten Städte Madrid und Barcelona sind hart von der Corona-Pandemie betroffen. Seit 13. März gilt eine strikte Ausgangssperre. Nur Einkäufe in Lebensmittelgeschäften, Apotheken und Tabakwarenläden sind möglich, und auch die nur unter Auflagen. Es gibt viele Polizeikontrollen, da man das eigene Stadtviertel praktisch nicht verlassen darf. Um zur Arbeit zu gelangen, werden Passierscheine benötigt.

Vieles am Leben hier in Barcelona hat sich massiv verändert. Das Leben der Stadt pulsiert nicht mehr. Die Straßen sind fast leer.

Für mich als Pfarrer ist es schon sehr ungewohnt, praktisch keine täglichen Begegnungen im Umfeld der Gemeinde zu haben. Anfangs waren noch unsere beiden Freiwilligen mit vor Ort, die hier nach dem Abitur einen „Anderen Dienst im Ausland“ geleistet haben; aber die mussten dann nach Deutschland zurück.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation an Ihrem Wohnort und wie ist das Gesundheitssystem in Ihrer Region aufgestellt?

Stephan Gras: Ich wohne drei Blocks von der Sagrada Familia entfernt. Normalerweise ist dieses Viertel von Touristen geprägt und sehr lebendig. Aber schon seit Wochen sind die zahlreichen Bars, Restaurants und alle Geschäfte, die nicht der sogenannten Grundversorgung dienen, geschlossen.

Gerade hier in Spanien findet das Leben auf der Strasse, in den zahlreichen Parks und in den Bars statt. Auch viele Senioren und Nachbarn treffen sich hier. Manche von den älteren Mitbürgern, die nur eine geringe Rente haben, bringen sich dann auch ihr belegtes Brot von zu Hause mit und bestellen sich nur den Kaffee; das ist hier in traditionellen Bars üblich. All das findet derzeit nicht statt.

Insbesondere im Blick auf die gesamte Tourismus- und Gastronomiebranche werden hier harte Zeiten bevorstehen. Es ist eine offene Frage, wie viele das wirtschaftlich überstehen. Die Ausgaben für die Miete faktisch nicht genutzter Gewerbeflächen laufen ja weiter.

Das Gesundheitssystem hier in Barcelona ist an der Grenze der Belastbarkeit, sogar teilweise schon darüber. Es gibt Krankenhäuser in der Stadt, die zusätzliche Gebäude, etwa leerstehende Hotels, mitnutzen, um Patienten versorgen zu können.

Das medizinische Personal ist ausgepowert, so deutlich muss man es sagen. Ich kenne Ärzte, die kaum noch schlafen können.

Auch die Situation in den Seniorenheimen ist nicht besser. Ich stehe in Kontakt mit Bewohnern, die seit Wochen ihre Zimmer nicht mehr verlassen dürfen, weil das Virus bereits im Haus ist. Auch Besuche sind ebenso wie in Krankenhäusern nicht möglich. Ich kann das Pflegepersonal und die Ärzteschaft nur bewundern. Der abendliche Applaus von den Balkonen und Fenstern der Stadt ist hochverdient.

Rogate-Frage: Wie findet in dieser Zeit noch Gemeindeleben statt und was beschäftigt aktuell die Mitglieder Ihrer Gemeinde?

Stephan Gras: Das Leben in unserer deutschsprachigen katholischen Gemeinde findet derzeit vor allem in den einzelnen Häusern und Wohnungen statt. Kontakte sind praktisch nur virtuell oder telefonisch möglich. Es ist hier in Spanien im Gegensatz zu einigen deutschen Bundesländern nicht erlaubt, Spaziergänge im Kreis derer, die sich eine Wohnung teilen, zu unternehmen. Faktisch bedeutet dies, dass Familien, die in einer Stadtwohnung ohne Garten leben, schon seit Wochen kreativ sein müssen, damit die häusliche Beschulung der Kinder, das Homeoffice der Eltern und alles weitere funktionieren.

Für die Seelsorge in der Gemeinde bedeutet dies vor allem Kontakt über Telefon und digitale Medien. Die Liturgie der Osternacht haben wir virtuell stattfinden lassen: Menschen aus der Gemeinde haben Videoclips der Lesungen, Fürbitten et cetera erstellt, und wir haben daraus einen Film gemacht. Auf diese Weise kamen zum Beispiel Lektoren, Ministranten und Firmlinge zu Wort, obwohl wir uns ja persönlich nicht begegnen dürfen. Dieser Film wurde in der Osternacht mehr als 90 Mal abgerufen.

Die Mitglieder der Gemeinde beschäftigt die Frage, was nach dem Lockdown sein wird. Wann wird eine Rückkehr zur Normalität möglich sein? Wie wird sich diese sogenannte Normalität gestalten? Viele befürchten eine Pleitewelle rund um die Tourismusbranche und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Auch gibt es zum Beispiel viele Großeltern, denen die Begegnung mit ihren Enkelkindern fehlt. Besonders an Ostern war das für viele schmerzlich spürbar.

Die Erstkommunion mussten wir von Pfingsten in den September verlegen. Normalerweise bietet unsere Gemeinde auch Sommerfreizeiten für Kinder und Jugendliche an. Wir haben ein eigenes Haus mit 60 Betten etwa 100 Kilometer von der Stadt entfernt im Landesinneren. Ob und wie das in diesem Sommer genutzt werden kann, ist völlig offen.

Und dann steht natürlich der massive Wunsch der Menschen in der Gemeinde im Raum, sich endlich wieder zu begegnen: zum Gottesdienst mit anschließendem Café im Pfarrsaal und bei den verschiedenen Aktivitäten.

Rogate-Frage: Was wollen Sie nach der Pandemie machen? Haben Sie Pläne?

Stephan Gras: Erst einmal einen Dankgottesdienst feiern. Alles Weitere findet sich.

Rogate-Frage: Gibt es Lieder, Texte oder Bibelstellen, die Ihnen in dieser Zeit besonders wichtig geworden sind?

Stephan Gras: Es gibt hier in Spanien sozusagen eine Hymne um durchzuhalten: „Resistiré„. Das ist ein Lied aus den Achtzigern und heißt in etwa: „Ich halte durch“

Mir persönlich wichtig geworden, ist der Gedanke der sogenannten „geistlichen Kommunion“; also der innigen Gemeinschaft mit Christus ohne an der Eucharistie teilnehmen zu können. Faktisch ist das hier ja für die Mitglieder unserer Gemeinde derzeit nicht möglich.

Darüber hinaus ist für mich entscheidend, die Hoffnung nicht zu verlieren und ein Stück Humor zu bewahren. Meinen Primizspruch habe ich vor mehr als 26 Jahren dem ersten Petrusbrief (1. Petrus 3,15) entnommen: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Den habe ich neu schätzen gelernt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Gras, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Pfarrer Andreas Blum, Gemeinde St. Bonifatius London

Fünf Fragen an Pfarrer Andreas Blum, Deutschsprachige Katholische Gemeinde St. Bonifatius London, über die Leere der Kirchen an Ostern, die Bedeutung persönlicher Begegnung in einer Auslandsgemeinde und existentielles Reden von Gott.

Pfarrer Andreas Blum (Bild: A. Karpinski)

Pfarrer Andreas Blum (53) stammt aus Bensberg bei Köln und studierte in Bonn und Canterbury Katholische Theologie. Nach vielen Jahren als Schulseelsorger und Geistlicher Mentor Theologiestudierender im Erzbistum Köln, wurde er 2017 Pfarrer der Deutschsprachigen Katholischen Gemeinde St. Bonifatius in London. Er engagiert sich darüber hinaus für die „Arche“ (Lebensgemeinschaften für Menschen mit und ohne geistige Behinderungen) sowie in der Exerzitienbegleitung (Schwerpunkt: Film).

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Blum, wie haben Sie dieses Jahr Ostern feiern können?

Die Kirchen im Vereinigten Königreich müssen in diesen Tagen geschlossen bleiben und dürfen auch nicht für das Gebet Einzelner zugänglich gemacht werden. Diese Leere der Kirchen hat etwas von einem andauernden Karsamstag. Am Ostermorgen habe ich mich dann vor allem in der Klage der Maria von Magdala wiedergefunden: „Man hat meinen Herrn weggenommen.“ (Johannes-Evangelium 20,13). In diesem Jahr fehlte der Leib Christi in Gestalt der versammelten Gemeinde (1. Korintherbrief 12,27), und mit Maria habe ich zu verstehen versucht, was es heißen kann, nicht an dem Vertrauten und Liebgewonnenen festhalten zu sollen, sondern das österliche Leben im ganz anderen wiederzufinden. Die Antwort wird reifen müssen.

Rogate-Frage: Was hat sich durch die Corona-Pandemie für Ihre Gemeinde und Sie verändert und wie gehen Sie damit um?

Andreas Blum: In einer Auslandsgemeinde ist die Zusammenkunft und das Teilen von Sprache, Kultur und Speisen aus der Heimat ein wesentlicher Grundvollzug. Sich als Gruppe zu erleben, bietet Halt und Sicherheit in fremder Umgebung. Da unsere Gemeindemitglieder weit verstreut im Großraum London leben, haben wir Erfahrung im Umgang mit räumlicher Distanz, aber wir wissen eben auch um die Bedeutung einer Begegnung, die nicht durch Telefon und Bildschirm ersetzt werden kann.

Besonderes Augenmerk gilt in diesen Tagen unseren Senioren und ihrer Versorgung, sowie denen, die unter Einsamkeit und Zukunftsängsten leiden. Sie werden regelmäßig kontaktiert. Wir haben eine Sonderausgabe unseres Pfarrbriefs mit nützlichen Hinweisen, Anregungen und Ermutigungen erstellt, nicht zuletzt für jene, die digital nicht leicht zu erreichen sind. Wir bieten auf unserer Homepage eigene Gottesdienstvorschläge für jeden Sonntag an und haben zu Ostern ein Video montiert, in dem sich die Gemeinde mit Gebeten und Liedern von Haus zu Haus grüßt. Wir versuchen, in konkreter Verbindung zu bleiben.

Rogate-Frage: Wie nehmen Sie die aktuelle Situation in London wahr und wie geht die Bevölkerung damit um?

Andreas Blum: Bis vor kurzem galt das Vereinigte Königreich noch als gespaltenes Land (Stichwort: Brexit). Erstaunlich schnell und einmütig hat man sich jetzt jedoch hinter den Institutionen des Landes versammelt. Den regierungsamtlichen Anordnungen und Empfehlungen wird willig Rechnung getragen, beim Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) meldet sich ein Heer von freiwilligen Helfern und die Queen ordnet in ihrer unangefochtenen Autorität den historischen Moment für die ganze Nation ein. Direkte Kontakte in zwei große Krankenhäuser im Zentrum der Stadt berichten davon, dass die Anspannung groß sei – aber von einer Überforderung oder gar einem Kollaps des Systems, wie er in manchen deutschen Medien an die Wand gemalt wird, kann zur Stunde glücklicherweise nicht die Rede sein. Auf der Straße kommen jetzt eingeübte Tugenden wie das geduldige Schlangestehen oder die aus Höflichkeit bewahrte Distanz voll zum Tragen.

Rogate-Frage: Was können wir als europäische Christen aus der Situation lernen und in die Zukunft tragen?

Andreas Blum: Mitten in einer Krisenbewältigung mit unbekanntem Ausgang ist es kaum möglich, bereits nachhaltige Rückschlüsse für die Zukunft zu formulieren. Wo die einen noch hoffen, möglichst bald zu ihrem früheren Leben zurückzukehren, glauben andere, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Die Wahrheit mag irgendwo dazwischen liegen, aber das kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keiner wissen. Auf den Prüfstand wird unser Verhältnis zur Schöpfung gehören, das sich weder in Ausbeutung noch Schwärmerei verlieren darf. Die Erkenntnis, dass auch der moderne Mensch nicht der Herr allen Lebens ist, führt uns vielleicht zu neuer Demut und Dankbarkeit. Nicht zuletzt aber verlangt eine existentielle Krise von uns Christen auch ein existentielles Reden von Gott. Mit Schweigen oder Floskeln wird es nicht getan sein.

Rogate-Frage: Würden Sie uns ein Gebet schenken?

Andreas Blum:

Statt Angst – das „Fürchtet euch nicht“ des Auferstandenen.
Statt Strafe – die Barmherzigkeit und Vergebung Gottes.
Statt Tod – das Leben.
Das ist Ostern.

Guter Gott,
lass dein österliches Licht auch in diesen Tagen leuchten,
in denen wir voll Sorge in eine ungewisse Zukunft schauen.
Du hast dich über unzählige Generationen
als der Gott an der Seite des Menschen erwiesen.
Stärke, führe und begleite auch uns
durch Leben und Tod
in Christus, unserem Herrn.
Amen.

Rogate: Amen. Vielen Dank, Herr Pfarrer Blum, für das Gespräch.

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