Fünf Fragen an: Pfarrer Oliver Fischer, Ev.-luth. Kirche Cambridge

pfarrer oliver fischer

Pfarrer Oliver Fischer (Bild: privat)

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Oliver Fischer, Evangelische-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland, über Unsicherheiten angesichts des anstehenden Brexits, die Auswirkungen auf die eigene Kirchengemeinde und die Suche nach Frieden in einem gespaltenen Land.

Oliver Fischer lebt in Cambridge, Vereinigtes Königreich. Er stammt aus Berlin, studierte Evangelische Theologie in Berlin, Rom und Heidelberg und engagiert sich dafür, dass fremde Menschen einander begegnen und wahr nehmen – damit lebendige Brücken entstehen können, über Grenzen hinweg, die längst nicht immer nur territoriale sind.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Fischer, seit wann sind Sie in Großbritannien und worin unterscheidet sich das Pfarrerleben dort im Vergleich zu dem in Deutschland?

Oliver Fischer: Seit sechseinhalb Jahren lebt unsere Familie im schönen Cambridge, der traditionsreichen Universitätsstadt, die sehr international geprägt ist. Hier teilen meine Frau und ich uns den Dienst im Pfarramt der „Evangelisch-Lutherischen Kirche deutscher Sprache in Ostengland.“ Auf dem Gebiet von East Anglia, Bedfordshire und Essex betreuen wir eine Gemeinde deutschsprachiger Christinnen und Christen. Die Arbeit ist geprägt von intensiver persönlicher Kontaktpflege und Betreuung in den kleinen Gruppen, die sich an den verschiedenen Orten des Pfarrbereichs treffen. Zum Pfarrdienst gehört hier neben der Übernahme aller Aufgaben, die im Büro und dem Haus einer Gemeinde anfallen, auch viel Autofahren dazu.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen des nahenden Brexit nehmen Sie in Ihrer eigenen Gemeinde wahr?

Oliver Fischer: Die Unsicherheit im Blick auf die Zukunft wird spürbar stärker. Viele der berufstätigen Gemeindemitglieder haben im letzten Jahr die Einbürgerung in Großbritannien beantragt, aus Sorge vor den Folgen eines Austritts aus der Europäischen Union. Es gab auch schon einige, die aufgrund der steigenden Unsicherheit zurück nach Deutschland gezogen sind oder das immer stärker in Erwägung ziehen, weil sie entweder ganz persönlich Befürchtungen haben oder weil ihre Arbeitsverträge in international ausgerichteten Bereichen voraussichtlich nicht verlängert werden. Das ist zum Beispiel ein Riesenproblem für die internationalen Programme, in denen die Universität beteiligt ist.

Bei vielen älteren Gemeindemitgliedern, die oft schon seit Jahrzehnten im Lande leben, überwiegt eine eher abwartende Haltung: „Die werden mich schon nicht raus werfen“, hört man immer wieder.

Es gab seit dem Referendum leider auch vermehrt die Erfahrung fremdenfeindlicher Begegnungen. Auch wenn das im Fall von Deutschen bislang zwar meistens bei verbalen Äußerungen blieb, weckt das bei manchen Älteren ungute Erinnerungen an die Jahre nach dem Krieg, in denen eine feindselige Stimmung gegen Deutsche sehr verbreitet war.

Aber es gibt auch sehr deutliche und starke Gegenstimmen gegen diese Tendenzen. So haben wir als deutsche Gemeinde kurz nach dem Referendum gleich mehrere Solidaritätsbriefe von anderen Kirchen erhalten. Und ich höre sehr oft die Aussage: „Gottseidank, dass Ihr da seid! Es tut mir so leid, was in unserem Land geschieht.“

Rogate-Frage: Was hat sich nach Ihren Beobachtungen gesellschaftlich durch den Brexit in Ostengland verändert?

Oliver Fischer: Der Brexit hat ja vor allem gezeigt, dass eine tiefe Spaltung durch das gesamte Land geht, nicht selten mitten durch Familien hindurch. Das anfangs große Erschrecken darüber, zum Beispiel in der Anglikanischen Kirche, hat bislang allerdings noch nicht zu wahrnehmbaren Ansätzen geführt, wie sie überwunden werden können. Nach den kontroversen Abstimmungen dieser Woche im Parlament hat „Churches Together in Britain and Ireland“ (CTBI), eine Art ökumenischer Dachorganisation für das Vereinigte Königreich und Irland, alle Kirchen dazu aufgerufen, für dieses Land und vor allem seine Politiker zu beten, vor allem um Einheit. Auch das zeigt, wie zugespitzt der Streit ist, und die öffentliche Stimmung ist zunehmend gereizt.
Wie schon im Vorfeld des Referendums selbst liegt das absolute Übergewicht der Argumentationen bei finanziellen Fragen oder besser: den Fragen nach größerem finanziellen Gewinn. Andere, wie zum Beispiel die Rolle Europas für den Frieden oder manche sozialen Fragen, traten dagegen – jedenfalls in der öffentlichen Berichterstattung – stark zurück. Das geht Hand in Hand mit der Tendenz, alle Gesellschaftsbereiche marktförmig geschmeidig zu machen und möglichst gewinnbringend beziehungsweise verlustvermeidend umzubauen. Auch wenn Ostengland landesweit zu den eher besser gestellten Regionen zählt, ist diese Entwicklung auch hier zum Beispiel in Krankenhäusern und Schulen schon an vielen Stellen zu spüren. Das reiche Cambridge etwa wurde letztens sogar als „the most unequal city“, die Stadt mit der größten (sozialen) Ungleichheit identifiziert, in der für wenige der Reichtum stark wächst, aber immer mehr unter die Armutsgrenze fallen. So hat sich die Zahl derer vervielfältigt, die tägliche Mahlzeiten oder ihre Heizkosten nicht bezahlen können und darum auf gemeinnützige Initiativen wie die ehrenamtlich organisierte „foodbank“ angewiesen sind.Auch Notunterkünfte für Obdachlose sind durchgehend ausgelastet.

Rogate-Frage: Wie bereiten sich die Menschen in Ihrer Gemeinde auf die Auswirkungen vor? Und wie Ihre Kirchengemeinde?

Oliver Fischer: Manche erwägen tatsächlich einen Umzug nach Deutschland. Nicht wenige beantragen einen britischen Pass. Die meisten werden wohl eine permanente Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Hier hat die Regierung ein neues, schnelleres Verfahren zugänglich gemacht, das allerdings bislang nur (!) über ein Android Smartphone funktioniert! Für uns als Kirchengemeinde kann das bedeuten, dass wir zum Beispiel älteren Mitgliedern, die kein Smartphone besitzen, hier weiter helfen. Und natürlich ein Forum für Betroffene bieten, die sich hier unkompliziert austauschen können.

Als Kirchengemeinde selbst sind wir eine Organisation nach britischem Recht und rechnen daher erstmal nicht mit Veränderungen. Was die aus Deutschland entsendeten Pfarrpersonen angeht, werden natürlich neue Regeln zu berücksichtigen sein.

Rogate-Frage: Wie gehen Sie in den von Ihnen gehaltenen Gottesdiensten, Predigten und Gebeten mit der Lage um?

Oliver Fischer: Ich versuche wahrzunehmen, was die Menschen tatsächlich bewegt und darauf einzugehen. Ich versuche sicher nicht, Ängste zu schüren, aber ich denke, wir brauchen uns auch nicht zu scheuen anzusprechen, was Menschen verunsichert. Schon das Mit-teilen führt ja manchmal zum Mittragen.

Als Kirche können wir keine falschen Sicherheiten propagieren, die ja doch niemanden überzeugen oder gar trösten. Aber wir haben die wichtige Aufgabe, auch in verunsichernden Zeiten sozusagen den festen Boden zu finden, auf dem wir stehen können. Das ist nicht einfach ein Fleckchen Erde, gut abgeschirmt vom Rest der Welt, auf dem scheinbar alles bleibt, wie es immer war. Und wir können nicht aufhören danach zu suchen, was dem Frieden und der Gerechtigkeit dient.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Fischer, für das Gespräch!

Mehr über die Evangelische-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland finden Sie hier: german-church.org/cambridge

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Fünf Fragen an: Prof. Dr. Sabine Hark, Technische Universität Berlin

Fünf Fragen an Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der Technischen Universität Berlin, über das Verbot der Gender Studies in Ungarn, die Bedeutung von Freiheit in der Forschung und einer wichtige Wissensquelle für die gesellschaftliche Entwicklung.

2018 Prof Dr Sabine Hark

Prof. Dr. Sabine Hark (Bild: privat)

Die Berliner Soziologin Sabine Hark ist eine der profiliertesten Geschlechterforscherinnen in Deutschland, die sich selbst als „notorische (In-)Fragesteller_in“ beschreibt. Sie schrieb früh über „Grenzen lesbischer Identitäten“; sie beschäftigt sich u.a. mit europaweit stärker werdenden homophoben und antifeministischen Bewegungen. Seit 2009 leitet Hark das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. In Mainz und Frankfurt am Main studierte sie Politikwissenschaft und Soziologie. 1995 wurde sie an der Freien Universität Berlin promoviert.

Rogate-Frage: Frau Professorin Hark, was wissen Sie über das Verbot der Genderstudies in Ungarn?

Sabine Hark: Bereits im August dieses Jahres hatte die ungarische Regierung angekündigt, die Gender Studies aus der Liste der genehmigten Studiengänge an ungarischen Universitäten streichen zu wollen. Es gäbe zu wenig Studierende – was nicht stimmt, die Programme sind ausgelastet –, vor allem aber stellten die Gender Studies einen „Angriff auf den gesunden Menschenverstand“ dar, der nur Männer und Frauen kenne und dies sei alles, was es hier zu wissen gäbe, so der Stabschef der ungarischen Regierung, Gergely Gulyas. Aufgrund des starken internationalen Protestes, der dies als Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre wertete, vertagte die Regierung die Entscheidung, um sie jetzt gewissermaßen still und heimlich einfach umzusetzen. Gender Studies wird in Ungarn an zwei Universitäten in akkreditierten Master-Studiengängen gelehrt, an der staatlichen Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest und der privaten, aber staatlich anerkannten Central European University (CEU) ebenfalls in Budapest. Diese dürfen jetzt keine neuen Studierenden mehr aufnehmen, wobei das Progamm an CEU immer noch eine US-amerikanische Akkreditierung hat.

Rogate-Frage: Was wissen Sie über die Situation und Lage Ihrer Kolleginnen und Kollegen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Studierenden vor Ort?

Sabine Hark: Unmittelbar betroffen sind erst einmal die Kolleginnen und Kollegen, die in diesen Programmen unterrichten. Ob ihre Anstellungen an diesen Studiengängen hängen, weiß ich nicht. Das wird aber sicher in einigen Fällen so sein. Und natürlich verstärkt eine solche Entscheidung den Rechtfertigungsdruck, unter dem die Gender Studies ohnehin seit einigen Jahren europaweit stehen. Die Studierenden, die jetzt eingeschrieben sind, können ihr Studium noch zu Ende führen, es werden aber keine neuen aufgenommen. Die ungarischen Kolleginnen und Kollegen informieren und mobilisieren derzeit weltweit den Protest gegen diese Entscheidung. Auch ein internationaler Streik der Gender Studies ist im Gespräch.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat ein nationales Verbot für die Genderstudies international?

Sabine Hark: Im besten Fall rüttelt das Verbot die internationale Staatengemeinschaft noch stärker auf und erkennt, dass der Angriff auf die Gender Studies strategisch gesehen sowohl ein Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre ist als auch Teil des weltweiten Kampfes gegen Selbstbestimmung, sexuelle Freiheit und reproduktive Rechte. Es ist ein Pfeiler des nationalautoritären Angriffs auf die Demokratie. Das erleben wir ja weltweit in vielen Staaten, dass Angriffe auf die Pressefreiheit und die Wissenschaftsfreiheit Teil der neoreaktionären Landnahme der Demokratie sind. Das europäische Parlament hat ja bereits ein Verfahren gegen Ungarn eingeleitet, in dem es darum geht, ob Ungarn gegen die Werte und Prinzipien der Europäischen Union verstößt. Die Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit sind hier explizit genannt. Auch die Gender Studies organisieren sich international derzeit noch einmal stärker, um solchen Anfeindungen entgegen treten zu können. Wir dürfen die Situation nicht unterschätzen. Hier sind Kräfte am Werk, die größer sind als die ungarische Regierung.

Rogate-Frage: Was geht der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Entwicklung verloren, wenn dieser Wissenschaftsbereich fehlen würde?

Sabine Hark: Die Gender Studies beschäftigen sich ja mit vielen Fragen und Thematiken, nicht nur dem Verhältnis der Geschlechter und Fragen individueller geschlechtlicher Identität, sondern auch mit Fragen der Organisation von Familie und Verwandtschaft, mit Erwerbsarbeit und Entlohnung, mit Gewalt, Krieg und Terror, mit der gerechten Organisation von Gesellschaft etwa im Bereich Bildung, Erziehung, Pflege und Sorge für andere, mit Technikentwicklung, Kunst, Literatur und vielem anderen. Wenn all dies nicht mehr aus der Perspektive der Geschlechterordnung betrachtet werden kann, verlieren Gesellschaften eine wichtige Wissensquelle, die sie für ihre Entwicklung und die Gestaltung eines guten, von Zwang und Gewalt freien Lebens für alle dringend brauchen.

Rogate-Frage: Welche Entwicklungen befürchten Sie für andere Länder und wie nehmen Sie die politische Diskussion in der Bundesrepublik wahr?

Sabine Hark: In der Bundesrepublik sind die Gender Studies ja schon seit bald fünfzehn Jahren Unterstellungen ihrer Unwissenschaftlichkeit und dem Vorwurf, dass sie Ideologie produzierten und keine wissenschaftlichen Ergebnisse, ausgesetzt. Das reicht leider teilweise bis weit in die bürgerliche Mitte hinein. Immer wieder finden sich auch in seriösen Zeitungen und Magazinen wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ oder auch der „Süddeutschen Zeitung“ und dem „Spiegel“ Artikel, die argumentieren, dass Geld für die Gender Studies eine Verschwendung von Steuergeldern sei und in der Byzantinistik oder der Meteorologie besser eingesetzt wären. Selbst Stimmen im Feminismus, allen voran Alice Schwarzer, behaupten immer wieder, wir würden eine wirklichkeitsfremde Ideologie propagieren, die mit der Lebensrealität der Menschen nichts zu tun hätte. Und seit die AfD in den Parlamenten sitzt, nutzen sie intensiv das Mittel kleiner und großer parlamentarischer Anfragen, um ihrem Ziel der Abschaffung von Geschlechterforschungs-Studiengängen näher zu kommen. All dies ist, wie gesagt, Teil des nationalautoritären Angriffs auf die Demokratie. Das müssen wir erkennen und die Gender Studies als Teil einer offenen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft verteidigen.

Rogate: Vielen Dank, Frau Professorin Hark, für das Gespräch!

Mehr über das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung finden Sie hier: zifg.tu-berlin.de

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Fünf Fragen an: Stefan Wenzel, MdL Niedersachsen

Fünf Freitagsfragen an Stefan Wenzel, Mitglied des Landtages von Niedersachsen, über die Symbiose des Menschen mit der Pflanzen- und Tierwelt, die Notwendigkeit einer Weltverfassung und eine Ethik des Fleischkonsums.

Stefan Wenzel MdL

Stefan Wenzel (Bild: Grüne Fraktion)

Stefan Wenzel ist in Dänemark geboren und in Niedersachsen aufgewachsen. Er hat in Göttingen Agrarökonomie studiert, hat sich lange für ein Ende der Nutzung von Atomenergie engagiert und war fast fünf Jahre Umweltminister in Niedersachsen.

Rogate-Frage: Herr Abgeordneter Wenzel, wie dramatisch ist das Insekten- und Vogelsterben in Niedersachsen und welche Auswirkungen hat es?

Stefan Wenzel: Es gibt sehr wenige Untersuchungen. Die beste Untersuchung ist derzeit eine Studie von Wissenschaftlern aus Krefeld, die fast 30 Jahre lang Beobachtungen angestellt haben. Die Studie wurde auch im Wissenschaftsjournal Plus One veröffentlicht. Ergebnis sind Rückgänge bei den Insektenmenge von etwa 70 Prozent. Das sind dramatische Zahlen. Deshalb hat Niedersachsen eine Expertengruppe eingesetzt und die Umweltministerkonferenz hat die Bundesregierung gebeten zu handeln. Insekten sind die Tierart mit den allermeisten Tierarten. Sie haben eine essentielle unverzichtbare Bedeutung für die Bestäubung von Wild- und Nahrungspflanzen. Sie sind aber beispielsweise auch unverzichtbar für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Ohne Insekten kann der Mensch nicht überleben. Er lebt in einer Symbiose mit der Pflanzen- und Tierwelt und ist ein Teil des Ganzen.

Rogate-Frage: Was sind die Ursachen für diese dramatische Entwicklung und wer trägt die Schuld?

Stefan Wenzel: Die Ursachen sind noch umstritten. Deshalb soll das sogenannte Monitoring der Arten und die Forschung vorangetrieben werden. Wir können mit Gegenmassnahmen aber nicht warten, bis in einigen Jahren eindeutige Forschungsergebnisse vorliegen. Deshalb müssen wir auch dort ansetzen, wo eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass Massnahmen helfen. Das betrifft eine massive Reduzierung des Einsatzes von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden im Landbau. Die Beendigung der Überdüngung, die ohnehin dem Grundwasser schadet. Eine sehr extensive Weidehaltung auf den sogenannten Greening-Flächen der Bauern. Die Renaturierung der Bäche, Flüsse und Stillgewässer. Die drastische Reduzierung von künstlichen Lichtquellen in der Nacht. Auch die Energiewende ist sehr wichtig. Schnelle Klimaveränderungen können das Artensterben beschleunigen.

Rogate-Frage: Mikroplastik und riesige Teppiche von Müll in den Meeren, kaum intakte Flüsse und Bäche in Deutschland, Artensterben, Nitrat im Grundwasser…. Können wir die Entwicklung noch aufhalten?

Stefan Wenzel: Der wichtigste Schritt ist zu erkennen was ist. Da sind wir weltweit vorangekommen: Von „Laudato si2 bis zum Pariser Klimaabkommen und den UN Nachhaltigkeitszielen. Derzeit erleben wir das letzte Aufbäumen der alten Öl- und Kohlewelt. Auch die Atomkraft ist wirtschaftlich tot. Wer daran fest hält, will die Bombe. Deshalb brauchen wir ein globales Governance System und eine Weltverfassung.

Rogate-Frage: Was können wir als Bürger und Konsumenten konkret für die Umwelt und eine Verbesserung der Situation von Flora und Fauna tun?

Stefan Wenzel: Das Klimaabkommen wäre ohne die Best practice Beispiele der Bürgerinnen und Bürger, der Kommunen und den Druck der gesamten Zivilgesellschaft nicht gekommen. Das gilt ebenso auf vielen anderen Feldern. Wichtig ist, Mut zu machen beim konkreten Handeln und die eigene Kraft und deren Wirkung zu erkennen.

Rogate-Frage: Wie sinnvoll ist in ökologischer Hinsicht der Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte?

Stefan Wenzel: Der Verzicht oder die Reduzierung ist ein zentraler Punkt für eine gute Zukunft. Ein sehr großer Teil der Weltagrarflächen wird für Fleischproduktion genutzt. Dafür wurden viel zu viele Wälder abgeholzt. Urwälder zerstört. Für mich ist Fleischkonsum auch eine ethische Frage. Tiere sind Geschöpfe, die diesen Planeten mit uns gemeinsam bewohnen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Wenzel, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Thomas Lienau-Becker, Propst in Kiel

Fünf Freitagsfragen an Propst Thomas Lienau-Becker, Kirchenkreis Altholstein, über die Aufgaben seines Amtes, die Aufgabe seiner Leitungstätigkeit und die Spiritualität im Norden.

Thomas Lienau-Becker

Propst Thomas Lienau-Becker (Foto: Anna Leste-Matzen)

Thomas Lienau-Becker wurde („gut lutherisch“) an einem Reformationstag in Hamburg geboren. Zum Studium der Theologie kam er durch „guten Religionsunterricht“ und studierte Ev. Theologie in Hamburg und Marburg. Nach dem Studium machte er ein einjähriges Praktikum in Paris gemacht, im „Centre du Christ Libérateur“, einem Beratungs- und Seelsorgezentrum für sexuelle Minderheiten. Die Arbeit als Vikar in Norderstedt bei Hamburg und dann als Gemeindepastor in Hamburg-Wilhelmsburg und Kiel schlossen sich an. Seit 2007 ist Lienau-Becker als Propst dort tätig. Ab September 2018 wird er als Pastor in der AIDS-Seelsorge „positiv leben und lieben“ in Hamburg arbeiten. Er lebt seit 1984 mit dem Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Heiko Schulze zusammen.

Rogate-Frage: Propst Lienau-Becker, was verbirgt sich hinter dieser Amtsbezeichnung in der Nordkirche und welche Aufgaben stehen dahinter?

Thomas Lienau-Becker: In der Nordkirche sind die Pröpstinnen und Pröpste jeweils die leitenden Geistlichen einer Region. In anderen evangelischen Landeskirchen werden sie Dekane/innen oder Superintendent/inn/en genannt. . Sie sind unmittelbare Dienstvorgesetzte der Pastorinnen und Pastoren. Sie visitieren die Kirchengemeinden, beraten und begleiten sie, und wirken bei der Wahl und Einführung von Pastorinnen und Pastoren mit.

Außerdem vertreten Pröpstinnen und Pröpste die Evangelische Kirche in der Öffentlichkeit ihrer jeweiligen Region. Dies hat in der Landeshauptstadt Kiel, wo ich seit 2007 Propst bin, natürlich eine besondere Bedeutung. Viele große Organisationen haben hier ihren Sitz, und ich vertrete unsere Kirche im Dialog mit ihnen.

Rogate-Frage: Sie werden nach zehn Jahren im Amt als Propst des Kirchenkreises Altholstein zurücktreten. Warum? 

Thomas Lienau-Becker: Zunächst einmal sind kirchenleitende Ämter – wie andere übergemeindliche Pfarrstellen – auf Zeit vergeben. Darin drückt sich aus, dass es sich auch bei Leitungsämtern um pastorale Dienste handelt, die ihre Legitimation durch eine Wahl erhalten. Ich kann es auch anders sagen: Ein Propst ist für mich kein „höherer“ oder „besserer“ Pastor als andere. Natürlich wird es eine große Umstellung sein, demnächst nicht mehr in einem Leitungsamt zu arbeiten. Andererseits finde ich meine künftige Aufgabe als Pastor in der Aids-Seelsorge in Hamburg genauso spannend und attraktiv wie mein jetziges Amt. Ich denke da wirklich nicht hierarchisch, auch wenn ich weiß, dass es für den Weg, den ich jetzt gehe, nicht viele Vorbilder gibt. Aber ich freue mich auf die Veränderung!

Dass ich diesen Weg gehe, hängt auch mit meinem Lebenspartner zu tun, der chronisch erkrankt ist und gerade in den Ruhestand gegangen ist. Wir möchten zusammen etwas Neues beginnen.

Rogate-Frage: Wie viel Barmherzigkeit ist in einem leitenden Amt in der Kirche möglich und ‑ durch Jesu Auftrag – nötig?

Thomas Lienau-Becker: Sicher ist der begriff der Barmherzigkeit nicht der erste, den man im Zusammenhang mit einem kirchlichen Leitungsamt nennt. Denn auch in der Kirche gibt es Regeln, die eingehalten werden sollen. Damit hatte ich als Propst natürlich viel zu tun. Gelegentlich kann die Anwendung von Regeln natürlich auch schwer fallen. In aller Regel habe ich aber mich mit den Regeln, für deren Durchsetzung ich sorgen musste, gut identifizieren können. Sonst hätte ich ein kirchliches Leitungsamt sicher nicht wahrgenommen.

Barmherzigkeit im Sinne einer guten Zuwendung zu anderen Menschen finde ich jedoch außerordentlich wichtig. Für mich ist der Respekt vor Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und mit ihren jeweiligen Gaben die Grundlage für jeden Umgang miteinander. Solchen Respekt auszudrücken, halte ich für die wichtigste Aufgabe in der Wahrnehmung eines Leitungsamts schlechthin. Und dieser Respekt gilt jedem Menschen, unabhängig von allen dienstlichen Hierarchien. Um solchen Respekt habe ich mich immer sehr bemüht, er ist für mich das A und O jedes Leitungshandelns. .

Rogate-Frage: Wie wirkt sich das Leben im Norden auf Glauben und Spiritualität von Gemeinden und Menschen aus?

Thomas Lienau-Becker: Schleswig-Holstein ist ein Bundesland mit einer vergleichsweise hohen Kirchenmitgliedschaft. Generell würde ich aber sagen: „Der Norddeutsche an sich“ ist kein sonderlich religiöser Mensch.

In Kiel aber ist die Kirchenmitgliedschaft gering, wie in den meisten Großstädten. Ich denke aber, dass es in dieser Stadt noch einen eigenen Grund dafür gibt. Die Stadt Kiel war und ist immer geprägt gewesen durch Zuwanderung – von Arbeitenden, Studierenden oder Geflüchteten. Heimat – in jedem Sinn – müssen sich viele Menschen in Kiel folglich erst suchen. Dies schließt auch eine geistliche Heimat ein. Und immer mehr Menschen finden solche „geistliche Heimat“ eben nicht in der Kirche oder der christlichen Spiritualität. Ich habe den Eindruck, dass Menschen in Kiel in religiöser Hinsicht besonders stark Verstreute, Suchende oder Vagabundierende sind. Und leider sind viele auch schlicht desinteressiert. Aber auch das gilt es ernst zu nehmen und zu respektieren.

Rogate-Frage: Sie werden neuer Pastor für Menschen mit HIV und Aids in Hamburg. Was erhoffen Sie sich von der neuen Stelle und welche Erwartungen haben Sie?

Thomas Lienau-Becker: Die Lebenswelten vieler Menschen mit HIV und Aids sind mir nicht fremd. Insofern freue ich mich, an viele Erfahrungen meines Lebens wieder anknüpfen zu können, die in den letzten Jahren weniger im Vordergrund standen. Mir ist wichtig, unterschiedliche Lebenswelten (nicht nur von schwulen Männern, sondern auch anderen aus der LGBT-Community sowie von Drogenkonsumenten und Sexarbeitern) in der Kirche sichtbar zu machen. Und in die andere Richtung hin ist mir wichtig, diesen Menschen gegenüber die große Liebe Gottes glaubhaft zu bezeugen. Ich glaube, ich bringe für beides ganz gute Voraussetzungen mit. Und damit will ich dann auch gern weiterführen, was in der AIDS-Seelsorge unter der Überschrift „positiv leben und lieben“ in den vergangenen Jahren gewachsen ist.

Rogate: Vielen Dank, Herr Propst Linau-Becker, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Hans-Christian Biallas, Präsident der Klosterkammer Hannover

Fünf Freitagsfragen an Hans-Christian Biallas, Präsident der Klosterkammer Hannover, über eine Sonderbehörde des Landes Niedersachsen, eine moderne Stiftungsverwaltung und rechtlich verbindliche Beziehungen zu fünfzehn belebten evangelischen Frauenklöstern.

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Hans-Christian Biallas (Bild: Thomas Damm)

Hans-Christian Biallas, geboren in Hannover, studierte Ev. Theologie in Göttingen, Amsterdam und Kiel, war unter anderem Gemeindepastor in Cuxhaven-Altenbruch, Mitglied des Niedersächsischen Landtages und ist seit 2011 Präsident der Klosterkammer Hannover.

Rogate-Frage: Herr Präsident Biallas, der Name „Klosterkammer“ verspricht Spiritualität und Glaube. Was steckt wirklich dahinter?

Hans-Christian Biallas: Die Klosterkammer Hannover ist eine Sonderbehörde des Landes Niedersachsen und verwaltet das Vermögen von vier öffentlich-rechtlichen Stiftungen. Die Stiftungen sind aus ehemals kirchlichem Vermögen entstanden. Aus ihren Erträgen unterhält die Klosterkammer mehr als 800 Gebäude, viele davon sind denkmalgeschützt, sowie rund 12.000 Kunstobjekte. Weitere Mittel in Höhe von rund drei Millionen Euro stellt sie pro Jahr für mehr als 200 kirchliche, soziale und bildungsbezogene Maßnahmen in ihrem Fördergebiet zur Verfügung.

Rogate-Frage: Wie ist es zur Gründung der Klosterkammer vor 200 Jahren gekommen?

Hans-Christian Biallas: Bis Anfang des 19. Jahrhunderts bestand das Klostervermögen im Kurfürstentum Hannover ausschließlich aus den Vermögen der Klöster, die in der Reformation 1542/43 aufgelöst oder in Damenstifte umgewandelt worden waren. Zu einem ersten Vermögenszuwachs kam es, als König Georg III. im Jahr 1802 als Kurfürst von Hannover die Regierung des Fürstbistums Osnabrück übernahm und Besitz von den geistlichen Gütern ergriff. Im Jahr 1803 fielen aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses die Vermögen des Benediktinerinnenklosters Gertrudenberg in Osnabrück, des Kollegiatstifts St. Johann in Osnabrück, des Benediktinerinnenklosters Malgarten, des Benediktinerinnenklosters Oesede, des Zisterzienserinnenklosters Rulle, des Benediktinerklosters Iburg, der Johanniterkommende Lage, des Stifts und vormaligen Zisterzienserinnenklosters Bersenbrück an das Kurfürstentum Hannover. Dieser erhebliche Vermögenszuwachs war zugleich Anlass, die Verwaltung dieses Vermögens im Gründungspatent des Prinzregenten Georg IV. für AHK und Klosterkammer vom 8. Mai 1818 förmlich zu regeln und diese Aufgabe einer ausschließlich für diesen Zweck errichteten Behörde, der Klosterkammer, zu übertragen.

Rogate-Frage: Wie ist die Klosterkammer aufgebaut und wie arbeitet sie?

Hans-Christian Biallas: Die Klosterkammer arbeitet wie eine moderne Stiftungsverwaltung, die bis heute ihren Stiftungsgrundsatz, das Stiftungsvermögen zu wahren und zu mehren, treu geblieben ist. Die Klosterkammer ist die größte Erbbaurechtsausgeberin in Deutschland. Auf der Einnahmeseite vergibt die Abteilung Liegenschaften Grundstücke im Erbbaurecht und verpachtet landwirtschaftliche Flächen sowie 15 Klostergüter. Die Klosterforsten bewirtschaften 26.600 Hektar Wald. Auch ausgegründete Betriebe tragen mit zu unseren Einnahmen bei. Auf der anderen Seite erhalten wir mehr als 800 Baudenkmale und rund 12.000 Kunstgegenstände. Außerdem unterstützen wir jedes Jahr mit mehr als drei Millionen Euro Förderprojekte in weiten Teilen Niedersachsens. Außerdem hat die Klosterkammer neun Beteiligungen. Der Allgemeine Hannoversche Klosterfonds ist an neun privatrechtlichen Gesellschaften als Allein- oder Mehrheitsgesellschafter beteiligt.

Rogate-Frage: Was fördert die Klosterkammer und in welchen Regionen?

Hans-Christian Biallas: Wir unterstützen qualitätvolle, wegweisende und nachhaltige Projekte in den Bereichen Kirche, Schule und Soziales. Die geförderten Vorhaben sollen auf einen konkreten Bedarf reagieren und ihm Idealfall einen beispielhaften Charakter haben. Dabei beschränkt sich unser Fördergebiet aus historischen Gründen auf die Teile des Landes Niedersachsen, die früher zum Königreich beziehungsweise der preußischen Provinz Hannover gehört haben.

Rogate-Frage: Welches Leitbild steht hinter der Förderung des geistlichen Lebens durch Ihre Organisation?

Hans-Christian Biallas: Die Klosterkammer Hannover erfüllt als staatliche Behörde nicht selbst geistliche Aufgaben, kann aber Kirchengemeinden, anderen kirchlichen Institutionen sowie Klöstern und geistlichen Gemeinschaften die Möglichkeit zu kirchlicher Arbeit eröffnen und die äußeren, auch finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen. Das geschieht zum einen durch Projektförderung, zum anderen aber auch durch die besondere, auch rechtlich verbindliche Beziehung der Klosterkammer zu den fünfzehn belebten evangelischen Frauenklöstern und -stiften, die zum Teil komplett von uns finanziert werden. Fünf der Klöster – die so genannten Calenberger Klöster – Barsinghausen, Mariensee, Marienwerder, Wennigsen und Wülfinghausen – gehören sogar zum Stiftungsvermögen des Allgemeinen Hannoverschen Klosterfonds, der größten von der Klosterkammer verwalteten Stiftung.

Rogate: Vielen Dank, Herr Biallas, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Lutz Müller, Pater der Societas Jesu

Fünf Freitagsfragen an Pater Lutz Müller, Societas Jesu, über seinen Weg in den Orden, den Märtyrer Frans van der Lugt und eine bunte Willkommenswohngemeinschaft in Essen.

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Pater Lutz Müller (Bild: Ulrich Püschmann)

Lutz Müller SJ stammt aus der Neustadt/Weinstraße in der Rheinpfalz, wurde Jesuit und Priester, studierte in München, Frankfurt und Chicago. Er engagiert sich für Menschen in Notlagen (psychisch, physisch, spirituell).

Rogate-Frage: Pater Müller, warum sind Sie Priester, Ordensmann und Jesuit geworden?

Lutz Müller: Mein geistlicher Weg führte über das Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an der Weinstraße. Bei den Herz-Jesu-Priestern sah ich, wie ein überzeugendes Engagement für die Menschen aussah, grundgelegt durch eine Ausrichtung auf Gott, einer Arbeit in der Kirche und einem überzeugenden Lebensstil. Diese Männer hatten eine enorme Ausstrahlung! Ebenso lernte ich die KSJ (Katholische Studierende Jugend im BDKJ/Bund der katholischen Jugend) kennen, was eine einzigartige Erfahrung war, weil meine Kirche und mein Freundeskreis sich deckten. Wir feierten nicht nur viele Partys und machten tolle Ausflüge, sondern wir bereiteten auch Jugendgottesdienste vor, mit denen ich mich identifizieren konnte; und wir hatten viele Gruppenstunden, die richtig Spaß machten. Zusätzlich waren diese Gruppenstunden informativ, lernten wir doch viel über die Beziehungen zwischen reichen und armen Ländern. Die Themen Entwicklungshilfe und kirchliche Initiativen, Welthandel und Gerechtigkeit, Kirchenbilder und Glaubenswelten spielten eine große Rolle. Ich unterschätzte die Prägekraft dieser Aktivitäten völlig.

Als ich nämlich einige Zeit später eine Lehre zum Bankkaufmann in einer großen Geschäftsbank begann, wurde mir der Unterschied in den Wertewelten sofort klar. Ansagen wie „Das persönliche Konto ist das Persönlichste des Menschen!“, oder „Wir wollen das Beste unserer Kunden, nämlich ihr Geld!“ zeigten mir, dass ich in die Welt geraten war, die für die Ausbeutung der Armen in der Dritten Welt mitverantwortlich war. Auf einmal hieß es Umsatzsteigerung statt Solidarität und Profitorientierung anstelle von Nächstenliebe. Mir wurde klar: Ich hatte die Seiten gewechselt! Plötzlich arbeitete ich bei denen, die die Monokulturen in der Landwirtschaft förderten, Atomkraftwerke finanzierten und mit denjenigen politischen Eliten zusammenwirkten, die Demokratie aushebelten und die Rechte von Ureinwohnern, Slumbewohnern und Armen unterdrückten.

Ich geriet so in eine persönliche Krise. Zunächst musste ich mir klarmachen, dass eine abgebrochene Banklehre weder eine Antwort darstellte, noch irgendjemandem nützen würde. Also machte ich mit der Ausbildung weiter, besann mich aber auf meine Erfahrungen im Herz-Jesu-Kloster und begann, die Ordenslandschaft in Deutschland zu untersuchen. Ich war auf der Suche nach einer Lebensform, die meinen Glauben und die Fragen nach Gerechtigkeit miteinander vereinbaren konnte. Bei meinen Sondierungen unter den Männerorden stieß ich bald auf die Jesuiten. Ich war überzeugt, dass sie eine Perspektive für mein Leben darstellten. Nach dem Ende der Banklehre trat ich dort ein.

Ich wurde also zuallererst Ordensmann. Bei den Jesuiten sah ich meine Anliegen für Glaube und Gerechtigkeit, Spiritualität und Engagement, als Kirche um der Menschen willen, gut aufgehoben.

Der Jesuitenorden heißt Societas Jesu (daher das Ordenskürzel SJ), was auf Deutsch bedeutet: Gesellschaft Jesu. Die Männer in diesem Orden wissen sich zu Gefährten Jesu berufen. Als solche Männer sind sie zum Dienst an Anderen ausgesandt. Die Priesterweihe ist ein Ausdruck dieser Berufung. Sie ist eine Form des Dienstes in der Kirche. Ein solcher Gefährte Jesu zu sein, macht mich glücklich.

Rogate-Frage: Wie kommt es, dass sich Ihr Orden weltweit mit großem Engagement für Geflüchtete einsetzt?

Lutz Müller: Unser Ordensgeneral P. Pedro Arrupe SJ gründete 1980 den Jesuit Refugee Service (JRS), den Jesuitenflüchtlingsdienst. Dieser sollte auf die Zeichen der Zeit antworten, das heißt akut auf die Nöte der vietnamesischen Boat People eingehen. Unser Ordensgründer, Ignatius von Loyola (1491-1556), ließ sich auch zu seinen Lebzeiten von den Anforderungen seiner Zeit leiten. Er hatte nicht geplant, die Katholische Reform in Europa zu unterstützen, denn ihm hatte eher ein Wanderpredigerleben seiner Ordensbrüder vorgeschwebt. Aber die Kirche in Europa stöhnte unter den Folgen der Reformation, und sie litt unter ihren eigenen Defiziten. Ignatius erkannte, dass gut ausgebildete Priester hier helfen könnten. Also änderte er sein Konzept. Entsprechend formulierten die Jesuiten im 20. Jahrhundert, dass Jesuiten eher dorthin gehen sollten, wo andere nicht hingehen konnten oder wollten. Diese Haltung führte zur Gründung des JRS und zum Engagement für Geflüchtete. Diese Parteinahme geschieht auf verschiedenen Ebenen:

  1. Durch direkten Kontakt mit Flüchtlingen in den Lagern an der Front,
  2. die Sorge um menschliche Entwicklung, Ausbildung und Förderung in den Lagern (Erstaufnahme, Transit, Abschiebehaft),
  3. anwaltliche Vertretung und juristische Hilfen in Drittländern.

Das spiegelt das Grundanliegen des JRS wider: Serve, Accompany, Advocate.

Rogate-Frage: Sie haben eine Willkommenskommunität in Essen gegründet. Was steckt hinter dieser Idee? Warum haben Sie das Haus nach Pater Frans van der Lugt benannt?

Lutz Müller: Pater Frans van der Lugt SJ war ein Mitbruder aus den Niederlanden, am 10. April 1938 geboren in Den Haag. Er trat 1959 in den Orden ein, absolvierte von 1964-1966 seine Arabischstudien in Beirut/Libanon, wurde 1971 zum Priester geweiht und lebte von 1966 – 2014 in Damaskus und Homs, Syrien. Er war in Amsterdam aufgewachsen und ausgebildeter Psychotherapeut. In Homs arbeitete er unter anderem mit Menschen mit Behinderungen, obdachlosen Jugendlichen und Kindern mit seelischen Schwierigkeiten. Dort gründete der Jesuit in den 1980er Jahren das Zentrum Al-Ard (Die Erde), in der junge Menschen mit seelischen Problemen und Menschen mit Behinderungen in der Landwirtschaft arbeiten konnten. Damit eröffnete er in einer Umgebung, in der Menschen mit Behinderungen teilweise versteckt wurden, vielen von ihnen und ihren Familien neue Lebensperspektiven. Zur Gemeinschaft gehörte ein spirituelles Zentrum als Ort des interreligiösen Dialogs.

So half er Menschen, miteinander als Christen und Muslime unterwegs zu sein. Mit seiner Wanderbewegung „Al Maseer“ (Der Weg) organisierte „Abuna Frans“ (Unser Vater Frans = Pater Frans) regelmäßig mehrtägige Wanderungen, in der er Menschen unterschiedlicher Herkunft und politischer Ansichten, verschiedenen Glaubens und sozialen Status zusammenbrachte. Er war davon überzeugt, dass die Menschlichkeit und das gemeinsame Erleben der Natur alle mehr verbinden und letztlich stärker sind als alles, was wir Menschen uns an Trennendem ausdenken. „Am Ende jeder Wanderung stellen wir fest, dass es keinen Menschen gibt, der nicht geliebt ist“, sagte er.

Nach Beginn des Kriegs in Syrien blieb Frans van der Lugt in Homs, auch nachdem die UNO alle europäischen Staatsangehörigen aus der umkämpften Stadt evakuiert hatte, und die katholische Gemeinde statt früher 10.000 nur noch rund 60 Angehörige umfasste. Nach der Zerstörung von Al-Ard lebte er in der Altstadt und versuchte, Lebensmittel für die hungernden Einwohner der belagerten Stadt zu organisieren. „Die Menschen in Syrien haben mit mir ihre Schätze und ihre Freude geteilt, jetzt teile ich auch ihre Leiden und ihre Trauer“, sagte Frans van der Lugt über seine Entscheidung, in Homs zu bleiben. Am 7. April 2014 wurde er von maskierten Männern aus seiner Unterkunft in der Ordenszentrale gezerrt und auf der Straße mit gezielten Schüssen getötet.

Als Mann des Friedens und der Verständigung, der bis zuletzt nicht Partei für eine politische Seite einnahm, war er in Syrien sehr bekannt und bei vielen Menschen sehr beliebt. Sein Tod wurde von vielen Syrern, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, in und außerhalb Syriens sehr betrauert.

Seine Idee, über das gemeinsame Wandern in der Natur Liebe und Frieden untereinander zu fördern, lebt durch seine Freunde aus Homs jetzt auch in Deutschland und Europa weiter: Jährlich laden sie alle Interessierten zum „FransWandern“ ein.

Dieser Mann mit all seinen Facetten scheint uns ein gelungenes Vorbild zu sein für Verständigung, Kommunikation und Versöhnung. Ein von ihm überliefertes Motto lautet: „Ich sehe keine Christen und Muslime, ich sehe nur Menschen!“ Ein solches Leitmotiv eignet sich sehr für das Abuna-Frans-Haus!

Nun bauen wir in Essen auch einen solchen Ort auf. Unter einem Dach leben Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Religionen, Konfessionen, Nationalitäten und Sozialisationen zusammen. Die Form ist die einer Wohngemeinschaft, einer WG. Das heißt wir haben keine Angestellten, sondern alle Arbeiten im und rund ums Haus werden von allen Bewohnern getragen.

Rogate-Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben und welche Herausforderungen begegnen Ihnen?

Lutz Müller: Wir wollen die Vielfalt in Religion, Lebensstil, Herkunft und Kommunikation leben und nicht einfach nur den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen. Wir empfinden dies selbst als ehrgeizig, die Verschiedenheiten auszuhalten, zu tolerieren, wertzuschätzen und einzubringen. Unterschiede dürfen sein und werden nicht schnell aufgelöst. Das ist manchmal anstrengend. Es kostet Kraft, immer wieder Alltägliches zu erklären, kulturelle Barrieren wahrzunehmen und auszuloten. Während wir beiden Jesuiten natürlich Leitung praktizieren, bieten wir den Geflüchteten die Beziehung zu uns an, um sich besser zu integrieren. Wir begleiten Lernprozesse in Sprache, Kultur, Ausbildung, Festtraditionen und Alltag. Dazu kommen die in WGs üblichen Differenzen mit Blick auf Sauberkeit, Pünktlichkeit, Hygienestandards, Ordnungsvorstellungen. Wir leben in einer Wohngemeinschaft in Deutschland!

Wesentlich verkompliziert wird dies dadurch, dass wir mit traumatisierten Menschen zusammenleben. Fast alle haben Schlafschwierigkeiten, weil die Erinnerungen an Krieg, Flucht und Vertreibung sich nicht nur ins Bewusstsein eingebrannt haben, sondern auch noch über die sozialen Medien, die Smartphones und Tablets immer wieder aufgefrischt werden.

Und so ist das Zusammenleben mit fünf Herkunftskulturen eine Herausforderung! Mit uns leben zwei Guineer, zwei Kongolesen, zwei Syrer, ein Libanese, ein Iraner, zusammen also acht Männer. Die Altersspanne deckt ein Spektrum von 19 bis 68 Jahren ab. Die noch nicht erworbene Sprachkompetenz bildet natürlich eine Hürde. Vieles Interessante kann dadurch gar nicht besprochen werden, wie zum Beispiel religiöse Grundfragen. Sodann kommen die Unsicherheiten im Status dazu. Die Wartezeiten auf die Anhörung durch das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) sind sehr lang. Wenn es zu einer Ablehnung oder anderen Komplikationen kommt, stellen wir einen Rechtsbeistand zur Verfügung. Die Situation der Herkunftsfamilien in den Heimatländern beunruhigt die Bewohner zusätzlich. Kriegerische Ereignisse, Bürgerkriegszustände, Krankheiten bei zerstörter Infrastruktur vor Ort binden viel Aufmerksamkeit und ziehen sie von hier ab. Wenn dann auch noch eine fremde Kultur wahrgenommen, eine fremde Sprache gelernt und die Idee einer WG mit Fremden, auch noch unter der Leitung zweier katholischer Priester verstanden werden soll, dann überfordert das leicht unsere Mitbewohner.

Unsere Idee ist es, Gemeinschaft zu fördern. Das ist nicht immer das Ideal unserer Gäste. Von den Gemeinschaftsunterkünften kennen sie viele Situationen von Konkurrenz und Neid. Wenn wir dann über Kommunikation, Gemeinschaft, Vertrauen und gemeinsames Lernen reden, begegnen sie uns mit viel Skepsis! Beispielsweise ist vielen kaum einsichtig, dass wir miteinander essen könnten, was bedingt, dass wir füreinander kochen. Jeder ist hier ein Überlebenskünstler, sonst wäre er nicht hier. Ein Miteinander einzuführen, ohne familiäre Bindungen, ohne vorgegebene Loyalität, einfach so, ist ein eigenes Thema. Zu all diesem gehören auch die beruflichen Situationen: Ein Mitbewohner macht eine Lehre zum Bäcker, ein anderer eine Ausbildung zur Servicekraft im Restaurant; einer macht gerade seinen Führerschein, ein anderer ein Praktikum in einem Malergeschäft, gefördert vom Jobcenter. Unsere Leute kommen in Deutschland an, selbst wenn es mühsam ist.

Rogate: Vielen Dank, Pater Müller, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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RogateKl_Postkarte A6_Eucharistie Miserikordias Domini 150418_110118_2 KopieWillkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

Fünf Fragen an: Gundula Gause, Co-Moderatorin des „heute journal“

Fünf Freitagsfragen an Gundula Gause, Co-Moderatorin ZDF-„heute journal“, über ihren Weg in den Journalismus, den professionellen Umgang mit bewegenden Nachrichten und Hoffnung für eine gerechte Zukunft.

2018 Gundula Gause ZDF Klaus Weddig

Gundula Gause (Bild: ZDF/Klaus Weddig)

Gundula Gause, M.A., 1965 in Berlin geboren, studierte Politikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte und Publizistik in Paris und Mainz. Seit 1989 ist sie als Redakteurin und Moderatorin beim ZDF tätig. Ihre Stationen dort: 1989 – 1993 in der heute-Redaktion in Kombination mit Nachrichtenmoderation, 1992 – 1994 Moderation des gesellschaftspolitischen Magazins „Nachbarn“, 1992 – 1998 des ZDF-morgenmagazins, seit 1993 Co-Moderatorin im ZDF-heute-journal. Neben der Moderation von Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen engagiert sie sich ehrenamtlich, z.B. als Schirmherrin für das katholische Hilfswerk „missio“, jahrelang im Kuratorium der ekhn-Stiftung oder für Menschen mit Sehbinderungen als Schirmherrin der „Woche des Sehens“ und die Stiftung Lesen. Seit Dezember 2015 hat sie die Schirmherrschaft für den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar übernommen. Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Gauck. Gundula Gause ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Rogate-Frage: Frau Gause, was hat Sie in den Journalismus und in das heute journal getrieben?

Gundula Gause: Schon in meiner Jugend faszinierte mich der Journalismus. Ich interessierte mich „schon immer“ für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Zeitgeschehen in nah und fern. Heute sprechen viele junge Leute ja davon, „irgendwas mit Medien“ machen zu wollen, – „imm“ wie wir verkürzt gerne sagen. In den 80er Jahren, als ich in das Berufsleben startete, waren die Bedingungen natürlich völlig andere. Zugleich lassen sich aber Parallelen zu heute ziehen, denn damals wie heute gab es massive Veränderungen im Medien- und Kommunikationsumfeld. Heute ist es die Digitalisierung – vor 30 Jahren kamen die privaten Sender auf. Das Privatradio „Rheinland-Pfälzischer Rundfunk“, kurz RPR inserierte in unserer Lokalzeitung – ich bewarb mich und hatte die einzige Festanstellung meines Lebens. Als Redaktionsassistentin konnte ich als junge Frau gut Einblick in die Arbeit des Senders und seiner Redaktionen erhalten. „Learning by doing“ führte zu redaktionellen Erfahrungen und auch ersten Schritten in der Moderation. Dann ging es recht schnell über die Flure der „Anstalt für Kabelkommunikation“ in Ludwigshafen zu SAT.1, wo ich als Programm-Moderatorin 1988/89 dann auch Fernseherfahrung sammeln konnte.

Zugleich hatte ich an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität ein Studium der Politikwissenschaft, mittleren und neuen Geschichte sowie der Publizistik aufgenommen – und war dann 1997 doch recht froh, neben meiner Arbeit beim ZDF einen guten alten Magister Artium geschafft zu haben. Denn über „Mund zu Mund-Propaganda“ von Radiokollegen hatte ich einen Kontakt zum ZDF, das Ende der 80er Jahre Nachrichtenmoderatoren suchte, weil das Programm über Mittags- und später das Morgenmagazin über den ganzen Tag ausgeweitet wurde. Wie viele Leser kenne ich ja auch noch die Zeiten, als ARD und ZDF und die Dritten Programme erst nachmittags anfingen zu senden – tempi passati… Somit sei Ihre Frage nach dem Berufseinstieg in Kürze beantwortet mit den drei „L“: Lust auf den Job, Leidenschaft für die redaktionelle Tätigkeit – und letztendlich auch Leistungsbereitschaft, doppelt und dreifach zu arbeiten.

Rogate-Frage: Welche journalistische Ethik leitet Sie?

Gundula Gause: Mit vielen Journalisten und Kollegen in verschiedenen Redaktionen fühle ich mich dem Pressekodex verpflichtet, der Kriterien auflistet, die für eine ehrliche und sorgfältige Berichterstattung gelten: Achtung der Menschenwürde, Einhaltung von Persönlichkeitsrechten, das Prüfen aller Informationen sowie absolute Objektivität in der Bewertung der Fakten. Diese Wertehaltung haben wir alle verinnerlicht und setzen sie unabhängig und bewusst um, – in jedem Satz, bei jedem Bild.

Rogate-Frage: Wann fallen Ihnen in der Sendung Meldungen schwer und wie gehen Sie damit um?

Gundula Gause: Leider haben Nachrichten bekanntermaßen überwiegend negative Ereignisse zum Inhalt. Wir müssen über Kriege, Konflikte, Krisen berichten – von Unglücken, Anschlägen und immer wieder auch von terroristischen Attacken. Wann immer sinnlose Gewalt unschuldige Menschen zu Opfern macht, sind wir alle im Team betroffen und zugleich wahren wir alle journalistische Distanz zu den jeweiligen Themen. Der berühmte Satz des von uns allen verehrten Hanns Joachim FriderichsMache Dich nie gemein mit einer Sache.“ hilft auch. Mir persönlich gehen Meldungen über Opfer von sexueller Gewalt besonders nahe. Bei diesen Nachrichten – sowie bei allen Nachrichten über Gewalt – muss man sich auch persönlich zusammenreißen und sich um einen professionellen Umgang bemühen.

Rogate-Frage: Was bedeutet Ihnen Gott, Glaube und der Gottesdienstbesuch?

Gundula Gause: Mir persönlich ist mein Glaube wichtig. Religion hat für mich identitätsstiftenden Charakter, – prägt den Menschen in seinem Umfeld. Man kann sich ja nicht allein stellen – und denken. Wir sind Teil einer Gesellschaft, in der Regeln das Miteinander leichter machen. Eine von vielen Regeln kann da auch die Religion sein. Als Protestantin bin ich mit einem Katholiken verheiratet – mit der Familie besuche ich den katholischen Gottesdienst. Seit Jahren engagiere ich mich für das katholische Hilfswerk „missio“ – und zugleich war ich im vergangenen Jahr als Botschafterin für das Reformationsjubiläum aktiv. Dieses ehrenamtliches Tun erfüllt mich – ebenso wie jeder Gottesdienstbesuch, der „weiß Gott“ zu selten ist – mit Zuversicht und guter Hoffnung. Da wir alle in der Familie recht viel arbeiten – und mit Leidenschaft auch familiäre Verpflichtungen übernehmen, sind auch die Wochenenden häufig derart belegt, dass wir es leider nur alle paar Wochen in den Gottesdienst „schaffen“. So leben wir unseren Glauben privat – jeder für sich. Diese Freiheit, die das Christentum lässt, ist wunderbar – und lässt sich von Theologen gewiss mit „Gottes Größe“ auch begründen. Darf ich als Laie mir erlauben, dies so zu behaupten?

Rogate-Frage: Dürfen Sie! Welche Nachrichten würden Sie gern am Ende dieses Jahres verlesen? 

Gundula Gause: Erleben würde ich gerne folgendes, was mehr als nur eine gute Nachricht wäre: „Afrika ist gleichberechtigter Handelspartner von EU, China, USA und Russland. Die Wirtschaft auf dem Kontinent kommt in Schwung, Entwicklungsländer werden zum Konjunkturmotor, Arbeitsplätze entstehen. Millionen Menschen entkommen Hunger und Armut, haben eine Perspektive in ihrer Heimat.“ Dafür setzt sich missio übrigens seit über 100 Jahren ein. – Eine andere wichtige Nachricht wäre die von einem Ende des Krieges in Syrien, der in diesen Tagen vor sieben Jahren begann.

Rogate: Vielen Dank, Frau Gause, für das Gespräch!

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