Fünf Fragen an: Stefan Wenzel, MdL Niedersachsen

Fünf Freitagsfragen an Stefan Wenzel, Mitglied des Landtages von Niedersachsen, über die Symbiose des Menschen mit der Pflanzen- und Tierwelt, die Notwendigkeit einer Weltverfassung und eine Ethik des Fleischkonsums.

Stefan Wenzel MdL

Stefan Wenzel (Bild: Grüne Fraktion)

Stefan Wenzel ist in Dänemark geboren und in Niedersachsen aufgewachsen. Er hat in Göttingen Agrarökonomie studiert, hat sich lange für ein Ende der Nutzung von Atomenergie engagiert und war fast fünf Jahre Umweltminister in Niedersachsen.

Rogate-Frage: Herr Abgeordneter Wenzel, wie dramatisch ist das Insekten- und Vogelsterben in Niedersachsen und welche Auswirkungen hat es?

Stefan Wenzel: Es gibt sehr wenige Untersuchungen. Die beste Untersuchung ist derzeit eine Studie von Wissenschaftlern aus Krefeld, die fast 30 Jahre lang Beobachtungen angestellt haben. Die Studie wurde auch im Wissenschaftsjournal Plus One veröffentlicht. Ergebnis sind Rückgänge bei den Insektenmenge von etwa 70 Prozent. Das sind dramatische Zahlen. Deshalb hat Niedersachsen eine Expertengruppe eingesetzt und die Umweltministerkonferenz hat die Bundesregierung gebeten zu handeln. Insekten sind die Tierart mit den allermeisten Tierarten. Sie haben eine essentielle unverzichtbare Bedeutung für die Bestäubung von Wild- und Nahrungspflanzen. Sie sind aber beispielsweise auch unverzichtbar für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Ohne Insekten kann der Mensch nicht überleben. Er lebt in einer Symbiose mit der Pflanzen- und Tierwelt und ist ein Teil des Ganzen.

Rogate-Frage: Was sind die Ursachen für diese dramatische Entwicklung und wer trägt die Schuld?

Stefan Wenzel: Die Ursachen sind noch umstritten. Deshalb soll das sogenannte Monitoring der Arten und die Forschung vorangetrieben werden. Wir können mit Gegenmassnahmen aber nicht warten, bis in einigen Jahren eindeutige Forschungsergebnisse vorliegen. Deshalb müssen wir auch dort ansetzen, wo eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass Massnahmen helfen. Das betrifft eine massive Reduzierung des Einsatzes von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden im Landbau. Die Beendigung der Überdüngung, die ohnehin dem Grundwasser schadet. Eine sehr extensive Weidehaltung auf den sogenannten Greening-Flächen der Bauern. Die Renaturierung der Bäche, Flüsse und Stillgewässer. Die drastische Reduzierung von künstlichen Lichtquellen in der Nacht. Auch die Energiewende ist sehr wichtig. Schnelle Klimaveränderungen können das Artensterben beschleunigen.

Rogate-Frage: Mikroplastik und riesige Teppiche von Müll in den Meeren, kaum intakte Flüsse und Bäche in Deutschland, Artensterben, Nitrat im Grundwasser…. Können wir die Entwicklung noch aufhalten?

Stefan Wenzel: Der wichtigste Schritt ist zu erkennen was ist. Da sind wir weltweit vorangekommen: Von „Laudato si2 bis zum Pariser Klimaabkommen und den UN Nachhaltigkeitszielen. Derzeit erleben wir das letzte Aufbäumen der alten Öl- und Kohlewelt. Auch die Atomkraft ist wirtschaftlich tot. Wer daran fest hält, will die Bombe. Deshalb brauchen wir ein globales Governance System und eine Weltverfassung.

Rogate-Frage: Was können wir als Bürger und Konsumenten konkret für die Umwelt und eine Verbesserung der Situation von Flora und Fauna tun?

Stefan Wenzel: Das Klimaabkommen wäre ohne die Best practice Beispiele der Bürgerinnen und Bürger, der Kommunen und den Druck der gesamten Zivilgesellschaft nicht gekommen. Das gilt ebenso auf vielen anderen Feldern. Wichtig ist, Mut zu machen beim konkreten Handeln und die eigene Kraft und deren Wirkung zu erkennen.

Rogate-Frage: Wie sinnvoll ist in ökologischer Hinsicht der Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte?

Stefan Wenzel: Der Verzicht oder die Reduzierung ist ein zentraler Punkt für eine gute Zukunft. Ein sehr großer Teil der Weltagrarflächen wird für Fleischproduktion genutzt. Dafür wurden viel zu viele Wälder abgeholzt. Urwälder zerstört. Für mich ist Fleischkonsum auch eine ethische Frage. Tiere sind Geschöpfe, die diesen Planeten mit uns gemeinsam bewohnen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Wenzel, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Thomas Lienau-Becker, Propst in Kiel

Fünf Freitagsfragen an Propst Thomas Lienau-Becker, Kirchenkreis Altholstein, über die Aufgaben seines Amtes, die Aufgabe seiner Leitungstätigkeit und die Spiritualität im Norden.

Thomas Lienau-Becker

Propst Thomas Lienau-Becker (Foto: Anna Leste-Matzen)

Thomas Lienau-Becker wurde („gut lutherisch“) an einem Reformationstag in Hamburg geboren. Zum Studium der Theologie kam er durch „guten Religionsunterricht“ und studierte Ev. Theologie in Hamburg und Marburg. Nach dem Studium machte er ein einjähriges Praktikum in Paris gemacht, im „Centre du Christ Libérateur“, einem Beratungs- und Seelsorgezentrum für sexuelle Minderheiten. Die Arbeit als Vikar in Norderstedt bei Hamburg und dann als Gemeindepastor in Hamburg-Wilhelmsburg und Kiel schlossen sich an. Seit 2007 ist Lienau-Becker als Propst dort tätig. Ab September 2018 wird er als Pastor in der AIDS-Seelsorge „positiv leben und lieben“ in Hamburg arbeiten. Er lebt seit 1984 mit dem Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Heiko Schulze zusammen.

Rogate-Frage: Propst Lienau-Becker, was verbirgt sich hinter dieser Amtsbezeichnung in der Nordkirche und welche Aufgaben stehen dahinter?

Thomas Lienau-Becker: In der Nordkirche sind die Pröpstinnen und Pröpste jeweils die leitenden Geistlichen einer Region. In anderen evangelischen Landeskirchen werden sie Dekane/innen oder Superintendent/inn/en genannt. . Sie sind unmittelbare Dienstvorgesetzte der Pastorinnen und Pastoren. Sie visitieren die Kirchengemeinden, beraten und begleiten sie, und wirken bei der Wahl und Einführung von Pastorinnen und Pastoren mit.

Außerdem vertreten Pröpstinnen und Pröpste die Evangelische Kirche in der Öffentlichkeit ihrer jeweiligen Region. Dies hat in der Landeshauptstadt Kiel, wo ich seit 2007 Propst bin, natürlich eine besondere Bedeutung. Viele große Organisationen haben hier ihren Sitz, und ich vertrete unsere Kirche im Dialog mit ihnen.

Rogate-Frage: Sie werden nach zehn Jahren im Amt als Propst des Kirchenkreises Altholstein zurücktreten. Warum? 

Thomas Lienau-Becker: Zunächst einmal sind kirchenleitende Ämter – wie andere übergemeindliche Pfarrstellen – auf Zeit vergeben. Darin drückt sich aus, dass es sich auch bei Leitungsämtern um pastorale Dienste handelt, die ihre Legitimation durch eine Wahl erhalten. Ich kann es auch anders sagen: Ein Propst ist für mich kein „höherer“ oder „besserer“ Pastor als andere. Natürlich wird es eine große Umstellung sein, demnächst nicht mehr in einem Leitungsamt zu arbeiten. Andererseits finde ich meine künftige Aufgabe als Pastor in der Aids-Seelsorge in Hamburg genauso spannend und attraktiv wie mein jetziges Amt. Ich denke da wirklich nicht hierarchisch, auch wenn ich weiß, dass es für den Weg, den ich jetzt gehe, nicht viele Vorbilder gibt. Aber ich freue mich auf die Veränderung!

Dass ich diesen Weg gehe, hängt auch mit meinem Lebenspartner zu tun, der chronisch erkrankt ist und gerade in den Ruhestand gegangen ist. Wir möchten zusammen etwas Neues beginnen.

Rogate-Frage: Wie viel Barmherzigkeit ist in einem leitenden Amt in der Kirche möglich und ‑ durch Jesu Auftrag – nötig?

Thomas Lienau-Becker: Sicher ist der begriff der Barmherzigkeit nicht der erste, den man im Zusammenhang mit einem kirchlichen Leitungsamt nennt. Denn auch in der Kirche gibt es Regeln, die eingehalten werden sollen. Damit hatte ich als Propst natürlich viel zu tun. Gelegentlich kann die Anwendung von Regeln natürlich auch schwer fallen. In aller Regel habe ich aber mich mit den Regeln, für deren Durchsetzung ich sorgen musste, gut identifizieren können. Sonst hätte ich ein kirchliches Leitungsamt sicher nicht wahrgenommen.

Barmherzigkeit im Sinne einer guten Zuwendung zu anderen Menschen finde ich jedoch außerordentlich wichtig. Für mich ist der Respekt vor Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und mit ihren jeweiligen Gaben die Grundlage für jeden Umgang miteinander. Solchen Respekt auszudrücken, halte ich für die wichtigste Aufgabe in der Wahrnehmung eines Leitungsamts schlechthin. Und dieser Respekt gilt jedem Menschen, unabhängig von allen dienstlichen Hierarchien. Um solchen Respekt habe ich mich immer sehr bemüht, er ist für mich das A und O jedes Leitungshandelns. .

Rogate-Frage: Wie wirkt sich das Leben im Norden auf Glauben und Spiritualität von Gemeinden und Menschen aus?

Thomas Lienau-Becker: Schleswig-Holstein ist ein Bundesland mit einer vergleichsweise hohen Kirchenmitgliedschaft. Generell würde ich aber sagen: „Der Norddeutsche an sich“ ist kein sonderlich religiöser Mensch.

In Kiel aber ist die Kirchenmitgliedschaft gering, wie in den meisten Großstädten. Ich denke aber, dass es in dieser Stadt noch einen eigenen Grund dafür gibt. Die Stadt Kiel war und ist immer geprägt gewesen durch Zuwanderung – von Arbeitenden, Studierenden oder Geflüchteten. Heimat – in jedem Sinn – müssen sich viele Menschen in Kiel folglich erst suchen. Dies schließt auch eine geistliche Heimat ein. Und immer mehr Menschen finden solche „geistliche Heimat“ eben nicht in der Kirche oder der christlichen Spiritualität. Ich habe den Eindruck, dass Menschen in Kiel in religiöser Hinsicht besonders stark Verstreute, Suchende oder Vagabundierende sind. Und leider sind viele auch schlicht desinteressiert. Aber auch das gilt es ernst zu nehmen und zu respektieren.

Rogate-Frage: Sie werden neuer Pastor für Menschen mit HIV und Aids in Hamburg. Was erhoffen Sie sich von der neuen Stelle und welche Erwartungen haben Sie?

Thomas Lienau-Becker: Die Lebenswelten vieler Menschen mit HIV und Aids sind mir nicht fremd. Insofern freue ich mich, an viele Erfahrungen meines Lebens wieder anknüpfen zu können, die in den letzten Jahren weniger im Vordergrund standen. Mir ist wichtig, unterschiedliche Lebenswelten (nicht nur von schwulen Männern, sondern auch anderen aus der LGBT-Community sowie von Drogenkonsumenten und Sexarbeitern) in der Kirche sichtbar zu machen. Und in die andere Richtung hin ist mir wichtig, diesen Menschen gegenüber die große Liebe Gottes glaubhaft zu bezeugen. Ich glaube, ich bringe für beides ganz gute Voraussetzungen mit. Und damit will ich dann auch gern weiterführen, was in der AIDS-Seelsorge unter der Überschrift „positiv leben und lieben“ in den vergangenen Jahren gewachsen ist.

Rogate: Vielen Dank, Herr Propst Linau-Becker, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Hans-Christian Biallas, Präsident der Klosterkammer Hannover

Fünf Freitagsfragen an Hans-Christian Biallas, Präsident der Klosterkammer Hannover, über eine Sonderbehörde des Landes Niedersachsen, eine moderne Stiftungsverwaltung und rechtlich verbindliche Beziehungen zu fünfzehn belebten evangelischen Frauenklöstern.

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Hans-Christian Biallas (Bild: Thomas Damm)

Hans-Christian Biallas, geboren in Hannover, studierte Ev. Theologie in Göttingen, Amsterdam und Kiel, war unter anderem Gemeindepastor in Cuxhaven-Altenbruch, Mitglied des Niedersächsischen Landtages und ist seit 2011 Präsident der Klosterkammer Hannover.

Rogate-Frage: Herr Präsident Biallas, der Name „Klosterkammer“ verspricht Spiritualität und Glaube. Was steckt wirklich dahinter?

Hans-Christian Biallas: Die Klosterkammer Hannover ist eine Sonderbehörde des Landes Niedersachsen und verwaltet das Vermögen von vier öffentlich-rechtlichen Stiftungen. Die Stiftungen sind aus ehemals kirchlichem Vermögen entstanden. Aus ihren Erträgen unterhält die Klosterkammer mehr als 800 Gebäude, viele davon sind denkmalgeschützt, sowie rund 12.000 Kunstobjekte. Weitere Mittel in Höhe von rund drei Millionen Euro stellt sie pro Jahr für mehr als 200 kirchliche, soziale und bildungsbezogene Maßnahmen in ihrem Fördergebiet zur Verfügung.

Rogate-Frage: Wie ist es zur Gründung der Klosterkammer vor 200 Jahren gekommen?

Hans-Christian Biallas: Bis Anfang des 19. Jahrhunderts bestand das Klostervermögen im Kurfürstentum Hannover ausschließlich aus den Vermögen der Klöster, die in der Reformation 1542/43 aufgelöst oder in Damenstifte umgewandelt worden waren. Zu einem ersten Vermögenszuwachs kam es, als König Georg III. im Jahr 1802 als Kurfürst von Hannover die Regierung des Fürstbistums Osnabrück übernahm und Besitz von den geistlichen Gütern ergriff. Im Jahr 1803 fielen aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses die Vermögen des Benediktinerinnenklosters Gertrudenberg in Osnabrück, des Kollegiatstifts St. Johann in Osnabrück, des Benediktinerinnenklosters Malgarten, des Benediktinerinnenklosters Oesede, des Zisterzienserinnenklosters Rulle, des Benediktinerklosters Iburg, der Johanniterkommende Lage, des Stifts und vormaligen Zisterzienserinnenklosters Bersenbrück an das Kurfürstentum Hannover. Dieser erhebliche Vermögenszuwachs war zugleich Anlass, die Verwaltung dieses Vermögens im Gründungspatent des Prinzregenten Georg IV. für AHK und Klosterkammer vom 8. Mai 1818 förmlich zu regeln und diese Aufgabe einer ausschließlich für diesen Zweck errichteten Behörde, der Klosterkammer, zu übertragen.

Rogate-Frage: Wie ist die Klosterkammer aufgebaut und wie arbeitet sie?

Hans-Christian Biallas: Die Klosterkammer arbeitet wie eine moderne Stiftungsverwaltung, die bis heute ihren Stiftungsgrundsatz, das Stiftungsvermögen zu wahren und zu mehren, treu geblieben ist. Die Klosterkammer ist die größte Erbbaurechtsausgeberin in Deutschland. Auf der Einnahmeseite vergibt die Abteilung Liegenschaften Grundstücke im Erbbaurecht und verpachtet landwirtschaftliche Flächen sowie 15 Klostergüter. Die Klosterforsten bewirtschaften 26.600 Hektar Wald. Auch ausgegründete Betriebe tragen mit zu unseren Einnahmen bei. Auf der anderen Seite erhalten wir mehr als 800 Baudenkmale und rund 12.000 Kunstgegenstände. Außerdem unterstützen wir jedes Jahr mit mehr als drei Millionen Euro Förderprojekte in weiten Teilen Niedersachsens. Außerdem hat die Klosterkammer neun Beteiligungen. Der Allgemeine Hannoversche Klosterfonds ist an neun privatrechtlichen Gesellschaften als Allein- oder Mehrheitsgesellschafter beteiligt.

Rogate-Frage: Was fördert die Klosterkammer und in welchen Regionen?

Hans-Christian Biallas: Wir unterstützen qualitätvolle, wegweisende und nachhaltige Projekte in den Bereichen Kirche, Schule und Soziales. Die geförderten Vorhaben sollen auf einen konkreten Bedarf reagieren und ihm Idealfall einen beispielhaften Charakter haben. Dabei beschränkt sich unser Fördergebiet aus historischen Gründen auf die Teile des Landes Niedersachsen, die früher zum Königreich beziehungsweise der preußischen Provinz Hannover gehört haben.

Rogate-Frage: Welches Leitbild steht hinter der Förderung des geistlichen Lebens durch Ihre Organisation?

Hans-Christian Biallas: Die Klosterkammer Hannover erfüllt als staatliche Behörde nicht selbst geistliche Aufgaben, kann aber Kirchengemeinden, anderen kirchlichen Institutionen sowie Klöstern und geistlichen Gemeinschaften die Möglichkeit zu kirchlicher Arbeit eröffnen und die äußeren, auch finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen. Das geschieht zum einen durch Projektförderung, zum anderen aber auch durch die besondere, auch rechtlich verbindliche Beziehung der Klosterkammer zu den fünfzehn belebten evangelischen Frauenklöstern und -stiften, die zum Teil komplett von uns finanziert werden. Fünf der Klöster – die so genannten Calenberger Klöster – Barsinghausen, Mariensee, Marienwerder, Wennigsen und Wülfinghausen – gehören sogar zum Stiftungsvermögen des Allgemeinen Hannoverschen Klosterfonds, der größten von der Klosterkammer verwalteten Stiftung.

Rogate: Vielen Dank, Herr Biallas, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Lutz Müller, Pater der Societas Jesu

Fünf Freitagsfragen an Pater Lutz Müller, Societas Jesu, über seinen Weg in den Orden, den Märtyrer Frans van der Lugt und eine bunte Willkommenswohngemeinschaft in Essen.

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Pater Lutz Müller (Bild: Ulrich Püschmann)

Lutz Müller SJ stammt aus der Neustadt/Weinstraße in der Rheinpfalz, wurde Jesuit und Priester, studierte in München, Frankfurt und Chicago. Er engagiert sich für Menschen in Notlagen (psychisch, physisch, spirituell).

Rogate-Frage: Pater Müller, warum sind Sie Priester, Ordensmann und Jesuit geworden?

Lutz Müller: Mein geistlicher Weg führte über das Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an der Weinstraße. Bei den Herz-Jesu-Priestern sah ich, wie ein überzeugendes Engagement für die Menschen aussah, grundgelegt durch eine Ausrichtung auf Gott, einer Arbeit in der Kirche und einem überzeugenden Lebensstil. Diese Männer hatten eine enorme Ausstrahlung! Ebenso lernte ich die KSJ (Katholische Studierende Jugend im BDKJ/Bund der katholischen Jugend) kennen, was eine einzigartige Erfahrung war, weil meine Kirche und mein Freundeskreis sich deckten. Wir feierten nicht nur viele Partys und machten tolle Ausflüge, sondern wir bereiteten auch Jugendgottesdienste vor, mit denen ich mich identifizieren konnte; und wir hatten viele Gruppenstunden, die richtig Spaß machten. Zusätzlich waren diese Gruppenstunden informativ, lernten wir doch viel über die Beziehungen zwischen reichen und armen Ländern. Die Themen Entwicklungshilfe und kirchliche Initiativen, Welthandel und Gerechtigkeit, Kirchenbilder und Glaubenswelten spielten eine große Rolle. Ich unterschätzte die Prägekraft dieser Aktivitäten völlig.

Als ich nämlich einige Zeit später eine Lehre zum Bankkaufmann in einer großen Geschäftsbank begann, wurde mir der Unterschied in den Wertewelten sofort klar. Ansagen wie „Das persönliche Konto ist das Persönlichste des Menschen!“, oder „Wir wollen das Beste unserer Kunden, nämlich ihr Geld!“ zeigten mir, dass ich in die Welt geraten war, die für die Ausbeutung der Armen in der Dritten Welt mitverantwortlich war. Auf einmal hieß es Umsatzsteigerung statt Solidarität und Profitorientierung anstelle von Nächstenliebe. Mir wurde klar: Ich hatte die Seiten gewechselt! Plötzlich arbeitete ich bei denen, die die Monokulturen in der Landwirtschaft förderten, Atomkraftwerke finanzierten und mit denjenigen politischen Eliten zusammenwirkten, die Demokratie aushebelten und die Rechte von Ureinwohnern, Slumbewohnern und Armen unterdrückten.

Ich geriet so in eine persönliche Krise. Zunächst musste ich mir klarmachen, dass eine abgebrochene Banklehre weder eine Antwort darstellte, noch irgendjemandem nützen würde. Also machte ich mit der Ausbildung weiter, besann mich aber auf meine Erfahrungen im Herz-Jesu-Kloster und begann, die Ordenslandschaft in Deutschland zu untersuchen. Ich war auf der Suche nach einer Lebensform, die meinen Glauben und die Fragen nach Gerechtigkeit miteinander vereinbaren konnte. Bei meinen Sondierungen unter den Männerorden stieß ich bald auf die Jesuiten. Ich war überzeugt, dass sie eine Perspektive für mein Leben darstellten. Nach dem Ende der Banklehre trat ich dort ein.

Ich wurde also zuallererst Ordensmann. Bei den Jesuiten sah ich meine Anliegen für Glaube und Gerechtigkeit, Spiritualität und Engagement, als Kirche um der Menschen willen, gut aufgehoben.

Der Jesuitenorden heißt Societas Jesu (daher das Ordenskürzel SJ), was auf Deutsch bedeutet: Gesellschaft Jesu. Die Männer in diesem Orden wissen sich zu Gefährten Jesu berufen. Als solche Männer sind sie zum Dienst an Anderen ausgesandt. Die Priesterweihe ist ein Ausdruck dieser Berufung. Sie ist eine Form des Dienstes in der Kirche. Ein solcher Gefährte Jesu zu sein, macht mich glücklich.

Rogate-Frage: Wie kommt es, dass sich Ihr Orden weltweit mit großem Engagement für Geflüchtete einsetzt?

Lutz Müller: Unser Ordensgeneral P. Pedro Arrupe SJ gründete 1980 den Jesuit Refugee Service (JRS), den Jesuitenflüchtlingsdienst. Dieser sollte auf die Zeichen der Zeit antworten, das heißt akut auf die Nöte der vietnamesischen Boat People eingehen. Unser Ordensgründer, Ignatius von Loyola (1491-1556), ließ sich auch zu seinen Lebzeiten von den Anforderungen seiner Zeit leiten. Er hatte nicht geplant, die Katholische Reform in Europa zu unterstützen, denn ihm hatte eher ein Wanderpredigerleben seiner Ordensbrüder vorgeschwebt. Aber die Kirche in Europa stöhnte unter den Folgen der Reformation, und sie litt unter ihren eigenen Defiziten. Ignatius erkannte, dass gut ausgebildete Priester hier helfen könnten. Also änderte er sein Konzept. Entsprechend formulierten die Jesuiten im 20. Jahrhundert, dass Jesuiten eher dorthin gehen sollten, wo andere nicht hingehen konnten oder wollten. Diese Haltung führte zur Gründung des JRS und zum Engagement für Geflüchtete. Diese Parteinahme geschieht auf verschiedenen Ebenen:

  1. Durch direkten Kontakt mit Flüchtlingen in den Lagern an der Front,
  2. die Sorge um menschliche Entwicklung, Ausbildung und Förderung in den Lagern (Erstaufnahme, Transit, Abschiebehaft),
  3. anwaltliche Vertretung und juristische Hilfen in Drittländern.

Das spiegelt das Grundanliegen des JRS wider: Serve, Accompany, Advocate.

Rogate-Frage: Sie haben eine Willkommenskommunität in Essen gegründet. Was steckt hinter dieser Idee? Warum haben Sie das Haus nach Pater Frans van der Lugt benannt?

Lutz Müller: Pater Frans van der Lugt SJ war ein Mitbruder aus den Niederlanden, am 10. April 1938 geboren in Den Haag. Er trat 1959 in den Orden ein, absolvierte von 1964-1966 seine Arabischstudien in Beirut/Libanon, wurde 1971 zum Priester geweiht und lebte von 1966 – 2014 in Damaskus und Homs, Syrien. Er war in Amsterdam aufgewachsen und ausgebildeter Psychotherapeut. In Homs arbeitete er unter anderem mit Menschen mit Behinderungen, obdachlosen Jugendlichen und Kindern mit seelischen Schwierigkeiten. Dort gründete der Jesuit in den 1980er Jahren das Zentrum Al-Ard (Die Erde), in der junge Menschen mit seelischen Problemen und Menschen mit Behinderungen in der Landwirtschaft arbeiten konnten. Damit eröffnete er in einer Umgebung, in der Menschen mit Behinderungen teilweise versteckt wurden, vielen von ihnen und ihren Familien neue Lebensperspektiven. Zur Gemeinschaft gehörte ein spirituelles Zentrum als Ort des interreligiösen Dialogs.

So half er Menschen, miteinander als Christen und Muslime unterwegs zu sein. Mit seiner Wanderbewegung „Al Maseer“ (Der Weg) organisierte „Abuna Frans“ (Unser Vater Frans = Pater Frans) regelmäßig mehrtägige Wanderungen, in der er Menschen unterschiedlicher Herkunft und politischer Ansichten, verschiedenen Glaubens und sozialen Status zusammenbrachte. Er war davon überzeugt, dass die Menschlichkeit und das gemeinsame Erleben der Natur alle mehr verbinden und letztlich stärker sind als alles, was wir Menschen uns an Trennendem ausdenken. „Am Ende jeder Wanderung stellen wir fest, dass es keinen Menschen gibt, der nicht geliebt ist“, sagte er.

Nach Beginn des Kriegs in Syrien blieb Frans van der Lugt in Homs, auch nachdem die UNO alle europäischen Staatsangehörigen aus der umkämpften Stadt evakuiert hatte, und die katholische Gemeinde statt früher 10.000 nur noch rund 60 Angehörige umfasste. Nach der Zerstörung von Al-Ard lebte er in der Altstadt und versuchte, Lebensmittel für die hungernden Einwohner der belagerten Stadt zu organisieren. „Die Menschen in Syrien haben mit mir ihre Schätze und ihre Freude geteilt, jetzt teile ich auch ihre Leiden und ihre Trauer“, sagte Frans van der Lugt über seine Entscheidung, in Homs zu bleiben. Am 7. April 2014 wurde er von maskierten Männern aus seiner Unterkunft in der Ordenszentrale gezerrt und auf der Straße mit gezielten Schüssen getötet.

Als Mann des Friedens und der Verständigung, der bis zuletzt nicht Partei für eine politische Seite einnahm, war er in Syrien sehr bekannt und bei vielen Menschen sehr beliebt. Sein Tod wurde von vielen Syrern, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, in und außerhalb Syriens sehr betrauert.

Seine Idee, über das gemeinsame Wandern in der Natur Liebe und Frieden untereinander zu fördern, lebt durch seine Freunde aus Homs jetzt auch in Deutschland und Europa weiter: Jährlich laden sie alle Interessierten zum „FransWandern“ ein.

Dieser Mann mit all seinen Facetten scheint uns ein gelungenes Vorbild zu sein für Verständigung, Kommunikation und Versöhnung. Ein von ihm überliefertes Motto lautet: „Ich sehe keine Christen und Muslime, ich sehe nur Menschen!“ Ein solches Leitmotiv eignet sich sehr für das Abuna-Frans-Haus!

Nun bauen wir in Essen auch einen solchen Ort auf. Unter einem Dach leben Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Religionen, Konfessionen, Nationalitäten und Sozialisationen zusammen. Die Form ist die einer Wohngemeinschaft, einer WG. Das heißt wir haben keine Angestellten, sondern alle Arbeiten im und rund ums Haus werden von allen Bewohnern getragen.

Rogate-Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben und welche Herausforderungen begegnen Ihnen?

Lutz Müller: Wir wollen die Vielfalt in Religion, Lebensstil, Herkunft und Kommunikation leben und nicht einfach nur den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen. Wir empfinden dies selbst als ehrgeizig, die Verschiedenheiten auszuhalten, zu tolerieren, wertzuschätzen und einzubringen. Unterschiede dürfen sein und werden nicht schnell aufgelöst. Das ist manchmal anstrengend. Es kostet Kraft, immer wieder Alltägliches zu erklären, kulturelle Barrieren wahrzunehmen und auszuloten. Während wir beiden Jesuiten natürlich Leitung praktizieren, bieten wir den Geflüchteten die Beziehung zu uns an, um sich besser zu integrieren. Wir begleiten Lernprozesse in Sprache, Kultur, Ausbildung, Festtraditionen und Alltag. Dazu kommen die in WGs üblichen Differenzen mit Blick auf Sauberkeit, Pünktlichkeit, Hygienestandards, Ordnungsvorstellungen. Wir leben in einer Wohngemeinschaft in Deutschland!

Wesentlich verkompliziert wird dies dadurch, dass wir mit traumatisierten Menschen zusammenleben. Fast alle haben Schlafschwierigkeiten, weil die Erinnerungen an Krieg, Flucht und Vertreibung sich nicht nur ins Bewusstsein eingebrannt haben, sondern auch noch über die sozialen Medien, die Smartphones und Tablets immer wieder aufgefrischt werden.

Und so ist das Zusammenleben mit fünf Herkunftskulturen eine Herausforderung! Mit uns leben zwei Guineer, zwei Kongolesen, zwei Syrer, ein Libanese, ein Iraner, zusammen also acht Männer. Die Altersspanne deckt ein Spektrum von 19 bis 68 Jahren ab. Die noch nicht erworbene Sprachkompetenz bildet natürlich eine Hürde. Vieles Interessante kann dadurch gar nicht besprochen werden, wie zum Beispiel religiöse Grundfragen. Sodann kommen die Unsicherheiten im Status dazu. Die Wartezeiten auf die Anhörung durch das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) sind sehr lang. Wenn es zu einer Ablehnung oder anderen Komplikationen kommt, stellen wir einen Rechtsbeistand zur Verfügung. Die Situation der Herkunftsfamilien in den Heimatländern beunruhigt die Bewohner zusätzlich. Kriegerische Ereignisse, Bürgerkriegszustände, Krankheiten bei zerstörter Infrastruktur vor Ort binden viel Aufmerksamkeit und ziehen sie von hier ab. Wenn dann auch noch eine fremde Kultur wahrgenommen, eine fremde Sprache gelernt und die Idee einer WG mit Fremden, auch noch unter der Leitung zweier katholischer Priester verstanden werden soll, dann überfordert das leicht unsere Mitbewohner.

Unsere Idee ist es, Gemeinschaft zu fördern. Das ist nicht immer das Ideal unserer Gäste. Von den Gemeinschaftsunterkünften kennen sie viele Situationen von Konkurrenz und Neid. Wenn wir dann über Kommunikation, Gemeinschaft, Vertrauen und gemeinsames Lernen reden, begegnen sie uns mit viel Skepsis! Beispielsweise ist vielen kaum einsichtig, dass wir miteinander essen könnten, was bedingt, dass wir füreinander kochen. Jeder ist hier ein Überlebenskünstler, sonst wäre er nicht hier. Ein Miteinander einzuführen, ohne familiäre Bindungen, ohne vorgegebene Loyalität, einfach so, ist ein eigenes Thema. Zu all diesem gehören auch die beruflichen Situationen: Ein Mitbewohner macht eine Lehre zum Bäcker, ein anderer eine Ausbildung zur Servicekraft im Restaurant; einer macht gerade seinen Führerschein, ein anderer ein Praktikum in einem Malergeschäft, gefördert vom Jobcenter. Unsere Leute kommen in Deutschland an, selbst wenn es mühsam ist.

Rogate: Vielen Dank, Pater Müller, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Gundula Gause, Co-Moderatorin des „heute journal“

Fünf Freitagsfragen an Gundula Gause, Co-Moderatorin ZDF-„heute journal“, über ihren Weg in den Journalismus, den professionellen Umgang mit bewegenden Nachrichten und Hoffnung für eine gerechte Zukunft.

2018 Gundula Gause ZDF Klaus Weddig

Gundula Gause (Bild: ZDF/Klaus Weddig)

Gundula Gause, M.A., 1965 in Berlin geboren, studierte Politikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte und Publizistik in Paris und Mainz. Seit 1989 ist sie als Redakteurin und Moderatorin beim ZDF tätig. Ihre Stationen dort: 1989 – 1993 in der heute-Redaktion in Kombination mit Nachrichtenmoderation, 1992 – 1994 Moderation des gesellschaftspolitischen Magazins „Nachbarn“, 1992 – 1998 des ZDF-morgenmagazins, seit 1993 Co-Moderatorin im ZDF-heute-journal. Neben der Moderation von Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen engagiert sie sich ehrenamtlich, z.B. als Schirmherrin für das katholische Hilfswerk „missio“, jahrelang im Kuratorium der ekhn-Stiftung oder für Menschen mit Sehbinderungen als Schirmherrin der „Woche des Sehens“ und die Stiftung Lesen. Seit Dezember 2015 hat sie die Schirmherrschaft für den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar übernommen. Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Gauck. Gundula Gause ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Rogate-Frage: Frau Gause, was hat Sie in den Journalismus und in das heute journal getrieben?

Gundula Gause: Schon in meiner Jugend faszinierte mich der Journalismus. Ich interessierte mich „schon immer“ für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Zeitgeschehen in nah und fern. Heute sprechen viele junge Leute ja davon, „irgendwas mit Medien“ machen zu wollen, – „imm“ wie wir verkürzt gerne sagen. In den 80er Jahren, als ich in das Berufsleben startete, waren die Bedingungen natürlich völlig andere. Zugleich lassen sich aber Parallelen zu heute ziehen, denn damals wie heute gab es massive Veränderungen im Medien- und Kommunikationsumfeld. Heute ist es die Digitalisierung – vor 30 Jahren kamen die privaten Sender auf. Das Privatradio „Rheinland-Pfälzischer Rundfunk“, kurz RPR inserierte in unserer Lokalzeitung – ich bewarb mich und hatte die einzige Festanstellung meines Lebens. Als Redaktionsassistentin konnte ich als junge Frau gut Einblick in die Arbeit des Senders und seiner Redaktionen erhalten. „Learning by doing“ führte zu redaktionellen Erfahrungen und auch ersten Schritten in der Moderation. Dann ging es recht schnell über die Flure der „Anstalt für Kabelkommunikation“ in Ludwigshafen zu SAT.1, wo ich als Programm-Moderatorin 1988/89 dann auch Fernseherfahrung sammeln konnte.

Zugleich hatte ich an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität ein Studium der Politikwissenschaft, mittleren und neuen Geschichte sowie der Publizistik aufgenommen – und war dann 1997 doch recht froh, neben meiner Arbeit beim ZDF einen guten alten Magister Artium geschafft zu haben. Denn über „Mund zu Mund-Propaganda“ von Radiokollegen hatte ich einen Kontakt zum ZDF, das Ende der 80er Jahre Nachrichtenmoderatoren suchte, weil das Programm über Mittags- und später das Morgenmagazin über den ganzen Tag ausgeweitet wurde. Wie viele Leser kenne ich ja auch noch die Zeiten, als ARD und ZDF und die Dritten Programme erst nachmittags anfingen zu senden – tempi passati… Somit sei Ihre Frage nach dem Berufseinstieg in Kürze beantwortet mit den drei „L“: Lust auf den Job, Leidenschaft für die redaktionelle Tätigkeit – und letztendlich auch Leistungsbereitschaft, doppelt und dreifach zu arbeiten.

Rogate-Frage: Welche journalistische Ethik leitet Sie?

Gundula Gause: Mit vielen Journalisten und Kollegen in verschiedenen Redaktionen fühle ich mich dem Pressekodex verpflichtet, der Kriterien auflistet, die für eine ehrliche und sorgfältige Berichterstattung gelten: Achtung der Menschenwürde, Einhaltung von Persönlichkeitsrechten, das Prüfen aller Informationen sowie absolute Objektivität in der Bewertung der Fakten. Diese Wertehaltung haben wir alle verinnerlicht und setzen sie unabhängig und bewusst um, – in jedem Satz, bei jedem Bild.

Rogate-Frage: Wann fallen Ihnen in der Sendung Meldungen schwer und wie gehen Sie damit um?

Gundula Gause: Leider haben Nachrichten bekanntermaßen überwiegend negative Ereignisse zum Inhalt. Wir müssen über Kriege, Konflikte, Krisen berichten – von Unglücken, Anschlägen und immer wieder auch von terroristischen Attacken. Wann immer sinnlose Gewalt unschuldige Menschen zu Opfern macht, sind wir alle im Team betroffen und zugleich wahren wir alle journalistische Distanz zu den jeweiligen Themen. Der berühmte Satz des von uns allen verehrten Hanns Joachim FriderichsMache Dich nie gemein mit einer Sache.“ hilft auch. Mir persönlich gehen Meldungen über Opfer von sexueller Gewalt besonders nahe. Bei diesen Nachrichten – sowie bei allen Nachrichten über Gewalt – muss man sich auch persönlich zusammenreißen und sich um einen professionellen Umgang bemühen.

Rogate-Frage: Was bedeutet Ihnen Gott, Glaube und der Gottesdienstbesuch?

Gundula Gause: Mir persönlich ist mein Glaube wichtig. Religion hat für mich identitätsstiftenden Charakter, – prägt den Menschen in seinem Umfeld. Man kann sich ja nicht allein stellen – und denken. Wir sind Teil einer Gesellschaft, in der Regeln das Miteinander leichter machen. Eine von vielen Regeln kann da auch die Religion sein. Als Protestantin bin ich mit einem Katholiken verheiratet – mit der Familie besuche ich den katholischen Gottesdienst. Seit Jahren engagiere ich mich für das katholische Hilfswerk „missio“ – und zugleich war ich im vergangenen Jahr als Botschafterin für das Reformationsjubiläum aktiv. Dieses ehrenamtliches Tun erfüllt mich – ebenso wie jeder Gottesdienstbesuch, der „weiß Gott“ zu selten ist – mit Zuversicht und guter Hoffnung. Da wir alle in der Familie recht viel arbeiten – und mit Leidenschaft auch familiäre Verpflichtungen übernehmen, sind auch die Wochenenden häufig derart belegt, dass wir es leider nur alle paar Wochen in den Gottesdienst „schaffen“. So leben wir unseren Glauben privat – jeder für sich. Diese Freiheit, die das Christentum lässt, ist wunderbar – und lässt sich von Theologen gewiss mit „Gottes Größe“ auch begründen. Darf ich als Laie mir erlauben, dies so zu behaupten?

Rogate-Frage: Dürfen Sie! Welche Nachrichten würden Sie gern am Ende dieses Jahres verlesen? 

Gundula Gause: Erleben würde ich gerne folgendes, was mehr als nur eine gute Nachricht wäre: „Afrika ist gleichberechtigter Handelspartner von EU, China, USA und Russland. Die Wirtschaft auf dem Kontinent kommt in Schwung, Entwicklungsländer werden zum Konjunkturmotor, Arbeitsplätze entstehen. Millionen Menschen entkommen Hunger und Armut, haben eine Perspektive in ihrer Heimat.“ Dafür setzt sich missio übrigens seit über 100 Jahren ein. – Eine andere wichtige Nachricht wäre die von einem Ende des Krieges in Syrien, der in diesen Tagen vor sieben Jahren begann.

Rogate: Vielen Dank, Frau Gause, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Fünf Fragen an: Imke Zwoch, BUND Kreisgruppe Wilhelmshaven

Fünf Fragen an Imke Zwoch, BUND Kreisgruppe Wilhelmshaven, über das Plastikfasten, Müll in den Meeren und tödliche Luftballon-Aktionen.

2018 03 Imke Zwoch

Imke Zwoch (Bild: privat)

Imke Zwoch, geboren in Wilhelmshaven, studierte in Gießen Agrarwissenschaften und Umweltsicherung. Sie engagiert sich seit frühester Jugend für den Schutz von Natur und Umwelt in ihrer Heimatstadt, aktuell ehrenamtlich im BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) und in der Gruppe JadeWale.

Rogate-Frage: Frau Zwoch, Sie haben zu einem „Plastikfasten“ aufgerufen. Was steckt dahinter?

Imke Zwoch: Plastikfasten ist eine bundesweite Kampagne des BUND, die wir hier als Kreisgruppe des großen Umweltverbandes mit lokalem Bezug umsetzen. Die Fastenzeit dient traditionell dazu, einige Wochen auf bestimmte Gewohnheiten zu verzichten, um den eigenen Alltag mal umzukrempeln und bewusster zu leben. Viele verzichten in dieser Phase zum Beispiel auf Fleisch, Alkohol oder Süßigkeiten. Unser immenser Plastikkonsum ist ebenfalls ein „Laster“, das wir hinterfragen müssen. Kunststoffe verbrauchen in der Herstellung und in der Entsorgung wertvolle Ressourcen. Insbesondere bei Einweg-Artikeln ist das ökologisch wie ökonomisch ein Wahnsinn.

Rogate-Frage: Wie genau kann Plastik gefastet werden?

Imke Zwoch: Es geht darum, mit offenen Augen und kritischem Blick durch unsere Konsumwelt zu gehen und beim Einkauf und im eigenen Haushalt zu hinterfragen, ob und wozu ein Produkt eine Verpackung benötigt beziehungsweise aus Plastik besteht. Die Herausforderung besteht darin, möglichst konsequent plastikfreie Alternativen zu bevorzugen. Gleichzeitig gilt es, das Thema Plastikfasten hartnäckig zu kommunizieren – im Familien- und Freundeskreis, im Betrieb, in der Schule, in der Tageszeitung und sozialen Medien. Und natürlich beim Einkaufen, mit den Händlern und anderen Kunden.

Es geht nicht darum, von heute auf morgen zu 100 Prozent auf Plastik zu verzichten. Wenn man gute Vorsätze zu hoch ansetzt, ist das Scheitern programmiert. Jeden Tag eine Plastikfalle entdecken, das reicht schon aus. Und festzustellen, dass unsere Uroma im Haushalt mit Naturmaterialien ökologisch betrachtet viel weiter war, als wir es heute sind.

Die Erkenntnis, wie sehr unser Leben in Plastik eingebettet ist, kann erschreckend sein. Aber auch belustigend, wenn man erkennt, wie die Verpackungskünstler uns über den Tisch ziehen wollen. Kaffeekapseln oder „Quetschies“ – diese winzigen Folienverpackungen mit Kinder-Smoothies oder anderem überteuerten Inhalt – sind nur zwei Beispiele solcher absurden Auswüchse angeblich praktischer Verpackungen.

Rogate-Frage: Warum sind Kunststoffe am und im Meer ein besonderes Thema?

Imke Zwoch: Mittlerweile ist weithin bekannt, dass in unseren Ozeanen mehrere riesige Teppiche aus Plastikmüll schwimmen. Jährlich sterben schätzungsweise eine Million Vögel und 100.000 Meeressäuger an den Folgen des Plastikmülls. Viele Tiere verhungern, weil ihr Magen voll ist mit unverdaulichen Plastik. Andere verenden, weil sie sich in Schnüren und Netzen verfangen. Am Ende der Nahrungskette kommt das Mikroplastik über Fische oder Muscheln auf dem Teller zu uns zurück.

Wenn man an der Nordsee wohnt, fällt einem das Problem buchstäblich jeden Tag vor die Füße. Bei jedem Spaziergang wird mir bewusst, welch ein Geschenk es ist, am Weltnaturerbe Wattenmeer zu wohnen – und gleichzeitig stößt man alle paar Meter auf „to-go“-Becher, Plastiktüten, Flaschen, Zigarettenkippen, Reste von Fischernetzen und vieles mehr, das im Wasser schwimmt oder am Strand herumliegt. Das kann man als „Fischkopp“ nicht einfach hinnehmen!

Rogate-Frage: Sie kritisieren Ballon-Aktionen. Was ist hier das Problem?

Imke Zwoch: Luftballons gehören zu den häufigsten Funden bei Müllsammelaktionen an der Küste oder auf den Inseln. Und in den Mägen von Meerestieren. Angeblich umweltfreundliche Ballons aus Naturkautschuk brauchen lange, um sich zu zersetzen, und enthalten zudem Weichmacher und andere Zusatzstoffe. Meist hängt das Plastikband noch dran. Wenn man Luftballon-Aktionen kritisiert, wird man oft als Bösewicht hingestellt, weil man angeblich Kindern den Spaß nimmt. Wir engagieren uns aber gerade deshalb, damit auch zukünftige Generationen noch Spaß an der Natur haben – das wiegt mehr als der Spaß für ein paar Minuten mit bunten Luftballons am Himmel. Deswegen muss man solche Kritik aushalten. Oftmals ist der Aufdruck einer Fast-Food-Kette oder einer Tourismusorganisation auf den Ballonresten noch zu erkennen. Dann heißt es: Ab die Post, mit Begleitschreiben – Annahme verweigert, zurück an Absender, mit freundlichem Gruß, Ihr Weltnaturerbe Wattenmeer.

Rogate-Frage: Sind die Meere noch zu retten oder ist bereits jetzt zu viel Micro- und Großplastik vorhanden?

Imke Zwoch: Wer nicht kämpft, hat schon verloren! Zunächst gilt es, dass Bewusstsein der Menschen so zu verändern, dass die Zufuhr von Plastik in unsere Weltmeere gestoppt wird. Unsere Plastikfasten-Kampagne ist einer von vielen kleinen Bausteinen weltweit, um dieses Ziel zu erreichen: Global denken, lokal handeln. Überall gibt es Menschen, die sich an ihrem Heimatort dafür einsetzen. In den letzten Wochen machte der Ort Penzance an der Küste von Cornwall von sich reden. Strömungsbedingt landet dort sehr viel Müll am eigentlich malerischen Strand. Eine einzige Frau, Rachel Yates, ergriff irgendwann die Initiative und hat nun die ganze Stadt hinter sich im Kampf gegen den Plastikmüll.

Der Niederländer Boyan Slat gründete 2013, da war er gerade 18 Jahre alt, seine Firma „The Ocean CleanUp“ und sammelte über Crowdfunding eine zweistellige Millionensumme an Spenden, um seine Idee zu verwirklichen. Mit riesigen Filteranlagen will er binnen fünf Jahren den pazifischen Müllteppich um die Hälfte reduzieren. Ich meine, warum soll das nicht klappen? Jemand hatte mal die Vision, dass Menschen zum Mond fliegen. Er wurde verlacht und heute fliegen Menschen zum Mond und weiter. Wobei ich es wichtiger finde, den eigenen Planeten zu erhalten, bevor man nach neuen sucht.

Das macht Hoffnung und gibt uns Mut und Energie, immer weiter zu machen. Wir werden die jungen Menschen nicht im Stich lassen, die dafür kämpfen, eine lebendige Meereswelt zu erhalten, die auch dann noch existiert, wenn wir selbst längst wieder Teil des großartigen Stoffkreislaufes unser Erde geworden sind.

Rogate: Vielen Dank, Frau Zwoch, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Fünf Freitagsfragen: Welche Themen sollen in der Interview-Reihe künftig vorkommen?

Bildschirmfoto 2017-07-11 um 13.30.01Seit drei Jahren stellen wir auf der Seite des Rogate-Klosters regelmäßig „Fünf Freitagsfragen“ zu sehr verschiedenen Themen vor.

Geantwortet haben mittlerweile 175 Wissenschafterinnen, Politiker, Superintendeninnen, Bischöfe, Schauspieler, Ordensleute – und viele andere mehr.

Ob Daniel BröckerhoffManuela Schwesig, Stephan Ackermann, Sabine Hark, Wolfgang Huber, Heinrich Bedford-Strohm oder Gregor Gysi: Sie alle gaben Antwort und Einblicke in ihre Ansätze für grundsätzliche Lösungen aktueller Fragestellungen.

Die Reihe hat mittlerweile von der Deutschen Nationalbibliothek eine eigene „International Standard Serial Number“ (ISSN 2367-3710)

Wir wollen nun von Ihnen, den Leserinnen und Lesern der Freitagsfragen, wissen, welche Themen Sie interessieren und weitergeführt werden sollen:

Vielen Dank für Ihre Antworten!

 

Fünf Fragen an: Erika Fischer, Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis

Fünf Fragen an Erika Fischer, Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis, über Geistliche Begleitung, Gottessuche und Gestaltung einer persönlichen Spiritualität im Alltag.

2017 Erika Fischer (Foto privat)

Erika Fischer (Bild: privat)

Erika Fischer: Geboren 1954 in der Schweiz, seit 1973 in Norddeutschland lebend. Ausbildung zur Heilerzieherin und langjährige Tätigkeit in der Arche-Bewegung. Zwei erwachsene Kinder. Zugehörig zur Evangelischen Schwesternschaft Ordo Pacis. 2006 – 2008 Ausbildung in Geistlicher Begleitung/Exerzitienbegleitung. Seit 2008 Tätigkeitsschwerpunkt in der Aus- und Fortbildung von Geistlich Begleitenden sowie in der Weitergabe von Kontemplativen Exerzitien.

Rogate-Frage: Was ist Geistliche Begleitung?

Erika Fischer: Geistliche Begleitung beschreibt ein spezifisches Angebot im Raum der Seelsorge. Das Wort „geistlich“ macht den Inhalt deutlich, um den es geht: Gottessuche und Gestaltung einer persönlichen Spiritualität im Alltag. Geistliche Begleitung ist demzufolge angelegt auf einen längeren Zeitraum und auf regelmäßige Gespräche.

Anlass für die Suche nach einem Geistlichr Begleitung können zum Beispiel sein: ein Lebensumbruch, eine wichtige zu treffende Entscheidung, die Sehnsucht nach Stille und Meditation im Alltag, der Wunsch, mit einem anderen Menschen über Glauben und Zweifel zu sprechen, eine allgemeine Suche nach Sinn…

Der Geistliche Begleiter oder die Geistliche Begleiterin ist dabei jemand, der zuhört, der einen eigenen geistlichen Weg geht und sich Zeit nimmt, mit der begleiteten Person zusammen zu schauen: auf den Alltag, den Lebensweg, auf das, was ist, was sein könnte und was Glaube an Gott bei all dem bedeutet.

Geistliche Begleitung geschieht im Bewusstsein der Gegenwart Gottes. Sie weiß kompetente Gesprächsführung zu verbinden mit den Schätzen der christlichen Tradition wie Heilige Schrift, geistliche Texte, Rituale wie Gebet, Segen und Beichte.

Geistlich Begleitende sind teils Hauptamtliche in ihren Gemeinden, teils Ehrenamtliche mit ganz verschiedenen beruflichen Hintergründen. Ihre Befähigung zu diesem Dienst erwerben sie durch ihren eigenen geistlichen Weg und durch eine entsprechende Weiterbildung.

Geistliche Begleitung geschieht in Nachbarschaft zu anderen Zweigen der Seelsorge und zur Supervision, ohne an ihre Stelle zu treten. Einen psychotherapeutischen Prozess kann sie nicht ersetzen, aber mitunter – in guter gegenseitiger Absprache – ergänzen.

Folgende Rahmenbedingungen für Geistliche Begleitung sind üblich:
Regelmäßige Treffen über einen längeren Zeitraum, ein halbes Jahr, ein ganzes oder länger. Alle vier bis sechs Wochen ein Gespräch in geschützter und gastlicher Atmosphäre, Verschwiegenheit und gegenseitiges Vertrauen sind Grundvoraussetzungen. Geistliche Begleitung ist in der Regel unentgeltlich. Manchmal wird um eine Spende für eine dem Begleiter wichtige Organisation gebeten.

Rogate-Frage: Welchen religiösen Ursprung hat diese Form der Begleitung?

Erika Fischer: Auf eine kurze Formel gebracht kann man sagen: Der Name ist neu, die Sache selber hat eine lange Tradition. Wann und wo immer Menschen sich in geistliches oder spirituelles Leben einüben wollen, suchen sie dafür ein Gegenüber, einen Anleiter, eine Lehrerin, jemanden, der oder die geistliches Leben aus eigener Erfahrung kennt und fähig ist, es zu vermitteln. Dies gilt auch für spirituelle Wege in anderen Religionen.

Im Bereich des Christentums findet sich die älteste systematische Praxis Geistlicher Begleitung bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern, etwa Ende drittes bis sechstes Jahrhundert. Wer neu in die strenge und asketische Lebensweise in der Wüste einstieg, merkte meistens sehr schnell, dass es nicht möglich war, solch ein Leben zu führen ohne regelmäßiges Gespräch mit einem erfahrenen Menschen. Es entwickelte sich eine präzise Methode der Begleitung und eine Form „kollegialer Intervision“, beides natürlich ohne die heutzutage dafür üblichen Begriffe. Ein reicher Erfahrungsschatz aus dieser Zeit ist vor allem in kurzen Geschichten und Sprüchen überliefert. Die Stärke dieser Worte und Geschichten bis heute hin liegt in der Tatsache, dass sie ein tiefes und differenziertes Wissen über das Wesen und das Herz des Menschen enthalten. Gleichzeitig ist bei ihnen – implizit oder explizit – immer sehr klar, dass Selbstfindung sich nicht in einem beziehungslosen Raum abspielt, sondern „im Angesicht Gottes“ stattfindet.

Die Weiterentwicklung dieser Anfänge von geistlicher Begleitung geschahen dann zum Beispiel im frühen Mönchtum, in der iro-schottischen und franziskanischen Tradition oder im Kontext mittelalterlicher Mystik, um einige Orte in der Westkirche zu nennen. In der Ostkirche waren es neben den Klöstern durch alle Jahrhunderte hindurch Starzen (Einzahl: Starez), geistlich erfahrene Männer oder Frauen, die oft als Einsiedler lebten und ihre geistliche Erfahrung mit Suchenden teilten.

In der beginnenden Neuzeit steht der Name des Basken und späteren Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, für eine wegweisende Erneuerung Geistlicher Begleitung. Er befreite sie von strukturellen Verkrustungen und entfaltete sie neu als ein Instrument, das dem einzelnen Menschen Hilfe sein soll, Gottes Willen für das eigene Leben zu suchen und zu leben. Ignatius hat zwar später Theologie studiert und wurde zum Priester geweiht, aber die geistlichen Übungen und die darin vorgesehene Form geistlicher Begleitung hat er als Laie für Laien entwickelt, was ihm mehrere Verfahren der Inquisition eingetragen hat – dass später die Jesuiten selber zu einer Speerspitze der Gegenreformation wurden, zählt zu den tragischen Verwicklungen, wie das Lebenswerk eines Menschen sich manchmal in sein Gegenteil verkehren kann.
Die Sprache der „Geistlichen Übungen“ ist zeitkritisch zu sehen und bedarf unbedingt einer eigenen Hinführung und Übertragung. Ihre Hinweise sowohl für den geistlichen Weg als auch für die geistliche Begleitung sind dagegen zeitlos. Es ist ein großes Verdienst der Jesuiten, dass sie die überlieferten Exerzitien in der Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil, also ab den 1960iger Jahren, konsequent für unsere heutige Zeit erschlossen haben und damit – zunächst auf katholischer Seite – die moderne Bewegung von Exerzitien und Geistlicher Begleitung begründet haben.
Anschlussfähig für evangelische Christen wurde die ignatianische Spiritualität durch zwei Grundansätze, die sich bei Ignatius sehr deutlich finden. Der erste: Ignatius war dezidiert der Überzeugung, dass jeder Christ selber die Bibel lesen und daraus Gewinn für sein Leben ziehen kann. Seine Exerzitien sind in weiten Teilen nichts anderes als was wir heute „biblische Betrachtungen“ nennen würden. Der zweite Grundansatz hängt eng mit diesem ersten zusammen: ein ernstzunehmendes geistliches Leben ist nach Ignatius nicht an die Lebensform des Klosters gebunden sondern für jeden Christen möglich. Auch damit stand er quer zu seiner Zeit.

Und heute: Im Rahmen der ökumenischen Bewegung seit den 1970iger Jahren haben evangelische Christinnen und Christen die Schätze bei den römisch-katholischen Geschwistern und das gemeinsame vorreformatorische Erbe neu entdeckt. Die römischen Geschwister haben ihre Erfahrungen großzügig geteilt. Geistliche Begleitung, so wie wir sie heute kennen, ist in der evangelischen Kirche also noch eine junge Bewegung. Als ich 2005 nach einer Langzeitfortbildung für Geistliche Begleitung suchte, gab es im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine einzige, das war bei der Communität Christusbruderschaft in Selbitz, in der Hannoverschen Landeskirche war gerade ein erster Kurs in Planung. Inzwischen gibt es in der EKD mehr als zehn Orte, an denen Kurse für Geistliche Begleitung angeboten werden, die meisten Landeskirchen sind als verantwortliche Träger oder durch Kooperationen involviert.

Rogate-Frage: Wo finde ich einen Geistlichen Begleiter?

Erika Fischer: Geistliche Begleitung ist von Anfang an und bis heute hin nie ganz in den Strukturen der verfassten Kirche aufgegangen. Das schafft ein notwendiges Stück Unabhängigkeit. Gleichzeitig bedeutet das den Verzicht auf ein „flächendeckendes Netz“, wie etwa die Ortsgemeinden es anbieten können. Man muss also immer ein bisschen suchen.
In der katholischen Kirche sind es meist die Exerzitienreferate der Diözesen, die Geistliche Begleiter ausbilden und vermitteln, auf evangelischer Seite sucht man am besten im Bereich der eigenen Landeskirche: die Arbeitsgemeinschaften oder Netzwerke in den Landeskirchen bilden Geistliche Begleiter aus und vermitteln sie. Auch die Klöster, Geistlichen Gemeinschaften oder Häuser der Stille in beiden großen Konfessionen können oft weiterhelfen. Auch was im Internet unter den entsprechenden Stichworten zu finden ist, ist im Wesentlichen brauchbar.

Rogate-Frage: Welche Voraussetzungen sollte eine Person mitbringen, die geistlich begleitet?

Erika Fischer: In einem von Martin Buber aufgezeichneten Midrasch drückt Gott sein Wohlgefallen Abraham gegenüber aus, indem er sagt: „Du hast mein Handwerk ergriffen.“ Geistliche Begleiterinnen und Begleiter sind Menschen, die das Handwerk Gottes ergriffen haben. Dabei ist das wichtigste Werkzeug in der Geistlichen Begleitung die Person des Begleiters/der Begleiterin selbst. Durch die Art, wie eine Geistliche Begleiterin den Suchenden begegnet, kann etwas von der Beziehungswilligkeit Gottes durchscheinen. Durch die Art, wie ein Begleiter andere aufnimmt, kann etwas davon deutlich werden, wie Gott die Brüchigkeit menschlichen Lebens nicht aufhebt, wohl aber sie zu verwandeln vermag. Das alles lässt sich nur bedingt in Kursen lernen und vermitteln. Über spirituelle Erfahrung lässt sich kein Zertifikat ausstellen. Wohl aber kann man christliche Übungswege kennen lernen und Kompetenz in Gesprächsführung sowie Wissen um biografische und spirituelle Prozesse erwerben. Erfahrungsräume dafür eröffnen entsprechen qualifizierte Weiterbildungen.

Die Arbeitsgemeinschaft Geistliche Begleitung in der Evangelischen Kirche in Deutschland listet folgende idealtypischen Voraussetzungen für Geistlich Begleitende auf:
– eigene längere Erfahrung auf dem geistlichen Weg,
– langjährig vollzogene und reflektierte geistliche Übung,
– Erfahrungswissen im Blick auf verschiedene Weisen der „Zwiesprache mit Gott“ und der Dynamiken geistlichen Lebens,
– selbst erfahrene geistliche Begleitung,
– Erfahrungswissen hinsichtlich des Widerfahrnisses geistlicher Krisen, der Anfechtung, die gerade der Raum der Selbstmitteilung Gottes ist (Martin Luther),
– professionelle Grundhaltungen für ein förderliches Gespräch,
– Wissen um Grenzen geistlicher Begleitung und Kenntnis anderer, Beratungs-/Begleitungs-/Therapieformen, auf die gegebenenfalls zu verweisen ist,
– absolute Verschwiegenheit und
– eigene Praxisbegleitung.

Aber auch mit all diesen Voraussetzungen bleibt: Geistlicher Begleiter/Geistliche Begleiterin ist kein Titel. Begleiter/Begleiterin werde ich dadurch, dass andere sich an mich wenden. So ist und bleibt Geistliche Begleitung ein Ineinander von sorgfältig zu erlernendem Handwerk auf der einen und unverfügbarem Charisma und Begegnungsgeschehen auf der anderen Seite.

Rogate-Frage: Wie sind sie zu dieser Form der Begleitung gekommen?

Erika Fischer: Meine eigene Geschichte mit geistlicher Erfahrung und geistlicher Begleitung beginnt 1970 in Taizé. Ich lernte dort eine ungemein befreiende und weite Spiritualität kennen. Die Stille berührte mich ganz tief und hat mich nicht wieder losgelassen. Wieder zu Hause fing ich für mich allein an, in der Stille zu beten – ich war 16, hatte keine Ahnung von Meditation und die Familie denkt, ich bin verrückt. Ich hatte so etwas wie ein mystisches Erlebnis: ganz eingehüllt in Licht. Auch wenn die Erfahrung allmählich verblasste, die unstillbare Sehnsucht, Gott in der Stille zu begegnen, durchzieht seither mein Leben.
Einige Monate später fuhr ich wieder nach Taizé und hatte dort mit einem der Brüder erstmals die Möglichkeit, über das zu sprechen, was mir widerfahren war. Das war eine erste und sehr hilfreiche Erfahrung von Geistlicher Begleitung. Ich erfuhr Ermutigung und Bestätigung, gleichzeitig auch wichtige Korrekturen: nicht um die besonderen, herausragenden Erfahrungen geht es, sondern um treues „Dranbleiben“. Als ich wenige Jahre später nach Hamburg umsiedelte, waren es wieder die Taizé-Kontakte, durch die ich auf eine kleine geistliche Gemeinschaft von Frauen aufmerksam wurde, der ich seit über 40 Jahren angehöre: die Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis. Die Geistliche Begleitung gehört von Anfang an zum Repertoire dieser Schwesternschaft. Ich wuchs also immer mehr hinein in eine selbstverantwortete Gestaltung eines geistlichen Lebens, ins Begleitet-werden. Ein wichtiger Schwerpunkt war in dieser Zeit die eigene geistliche Biografiearbeit: alles was war, durfte nach und nach ins heilende und befreiende Licht Gottes kommen.
Etwa 20 Jahre später lernte ich mit dem Weg der Kontemplativen Exerzitien von Franz Jalics zum ersten Mal eine systematische Methodik kontemplativen Betens kennen. Das eröffnete mir noch einmal ganz neue Möglichkeiten, an meine frühen Stille-Erfahrungen anzuknüpfen. In den zehntägigen Exerzitienkursen in Haus Gries lernte ich viel am Modell derer, die mich begleiteten.
Um andere begleiten zu können, ist es notwendig, die Erfahrung nicht nur zu erleben, sondern sie auch zu reflektieren und zu verstehen. Deshalb entschied ich mich, von 2006 – 2008 an einem zweijährigen Exerzitienleiterseminar teilzunehmen. 2007 wurde ich ins Leitungsteam der in der Nordkirche neu beginnenden Langzeitfortbildung für Geistliche Begleitung berufen. Seitdem darf ich in vielfältiger Weise Menschen auf ihren geistlichen Wegen begleiten und geistliche Begleiterinnen und Begleiter ausbilden.

Ein letztes noch: Christliche Spiritualität, richtig verstanden, ist keine weltabgewandte Innerlichkeit. Sie ist auch nicht die „Wellnessoase“, die gestresste Zeitgenossen so dringend meinen zu benötigen. Nur ein guter Baum kann gute Früchte tragen, und so ist es in unseren aktionsbetonten Kirchen eine notwendige Innenseite, sich um den ganzen Baum und sein gutes Ergehen zu kümmern. Aber der Baum unseres Lebens wird sich erst dann als guter Baum erweisen, wenn er Früchte trägt, d.h. wenn er sich nicht selbst genügt. Geistliche Begleitung hat immer beides im Blick.

Rogate: Vielen Dank, Frau Fischer, für das Gespräch.

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Fünf Fragen an: Petra Weitzel, Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

Fünf Fragen an Petra Weitzel, 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V., über die Trans*-Definition, das Geschlecht als Kontinuum und warum dies ein Thema für Kirche und Gemeinden sein sollte.

2017 Petra Weitzel

Petra Weitzel (Bild: privat)

Petra Weitzel, 57, Dipl. Ing (FH), verheiratet (Lebenspartnerschaft), engagiert sich in der „Projektgemeinde nicht nur für Schwule und Lesben“ in Frankfurt am Main seit 2004. In der Trans*Beratung ist sie seit 2009 tätig. Seit Juli 2017 ist sie 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

Rogate-Frage: Frau Weitzel, was ist Transidentität und was Transsexualität?

Petra Weitzel: Transsexualität und Transidentität bedeutet für die Träger_innen dieser Eigenschaften das Wissen, nicht oder nicht ganz dem ihnen bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht anzugehören.

Der Begriff Transsexualität wurde von Magnus Hirschfeld, Deutschlands bekanntestem Sexualwissenschaftler um 1920 geprägt und meint, dass Psyche und Körper geschlechtlich verschieden sind, eines davon „trans“ also jenseits vom anderen liegt. Es geht also um das Sein und nicht um das Tun.

Transidentität wurde Mitte der 1980er Jahre von Transidentitas e.V., unserem Vorgängerverein, und Medizinern im Rhein-Main Gebiet geprägt und betont eben genau einen Zustand und nicht sexuelles Handeln, woran bei „transsexuell“ uninformierte Menschen gewöhnlich zuerst denken.

Heute wird Transidentität tendenziell von Fachkräften, die up-to-date sind, häufiger benutzt als Transsexualität. Beispiele sind die Institutsambulanz der Universitätsklinik Frankfurt mit der „Transidenten Sprechstunde“ und zahlreiche Veröffentlichungen von Dr. Udo Rauchfleisch, Dr. Meyenburg und vielen anderen.

Es gibt Menschen, die beide oder einen der Begriffe als Bezeichnung für sich aus sehr unterschiedlichen Gründen ablehnen und deshalb neue Begriffe kreieren oder einfach nur als Mann oder Frau bezeichnet werden wollen. Auf der anderen Seite ist „transident“ nicht exklusiv Menschen vorbehalten, die zum Beispiel eine geschlechtsangleichende Operation wünschen.

Rogate-Frage: Welche Aufgaben hat die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualiät dgti e.V. und wer engagiert sich in ihr?

Petra Weitzel: Die dgti e.V. widmet sich seit 20 Jahren der Beratung transidenter/transsexueller Menschen, der Aufklärung von Pädagogen und Erziehern sowie medizinischem und betreuendem Personal.

Diese Beratung von gleich zu gleich ist eine sozialrechtliche- und Antidiskriminierungsberatung. Hier geht es um alles von A wie „Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz“ bis Z wie „Zuspruch“.

Neu hinzugekommen sind eine umfangreiche Aus- und Fortbildungsreihe für unsere Beratenden sowie Ärzte und Therapeuten und Publikationen und Filmprojekte wie „Reformation für Alle*„, die bestimmte gesellschaftspolitisch relevante Aspekte behandeln, mit dem Ziel, die Akzeptanz transidenter Menschen zu steigern.

Rogate-Frage: Von wie vielen Geschlechtern gehen Sie aus?

Petra Weitzel: Das Geschlecht eines Menschen ist genetisch betrachtet ein Kontinuum. Nicht nur dass das Gehirn unser wichtigstes Geschlechtsorgan ist (nach Prof. Milton Diamond) und zu einem unterschiedlichem Zeitpunkt wie der Rest des Körpers während der Schwangerschaft durch Sexualhormone geprägt wird, sondern auch viele andere Merkmale wie Größe, Körperform und so weiter, sind einer großen Bandbreite unterworfen, die vielen nicht bewusst ist. Das Vorhandensein einer bestimmten statistischen Durchschnittsgröße entsprechenden primärer Geschlechtsmerkmale bei der Geburt, sagt ohne Gentest und ohne dass der betreffende Mensch sich schon äußern könnte, nichts über das Geschlecht dieses Menschen aus.

Schon im Alter von drei Jahren können transidente Kinder merken, dass sie mit der Zuweisung und/oder dem Körper nicht übereinstimmen. In der Pubertät können intergeschlechtliche Menschen sekundäre Geschlechtsmerkmale entwickeln, die sich entgegengesetzt den primären Geschlechtsmerkmalen entwickeln oder sie kommen schon mit nicht eindeutigen Merkmalen auf die Welt.

Wir können daher nur von den Polen männlich und weiblich und jeder möglichen Zwischenstufe mit Bezeichnungen wie zum Beispiel nicht-binär sprechen. Folgerichtig, wenn beide rechtlich vorhandenen Geschlechter tatsächlich auch rechtlich überall gleichgestellt wären, könnten man im Idealfall auf eine „amtliche“ Sortierung des Geschlechts verzichten und damit jeder Person die Freiheit lassen, sich in einer Kategorie wohl zu fühlen oder nicht.

Rogate-Frage: Warum ist Transidentität und Transsexualität Thema für die Kirche?

Petra Weitzel: Kirche, dass sind im Falle der römisch-katholischen und evangelischen Landeskirchen in Deutschland in weltlicher Hinsicht Institutionen, die derzeit circa 60 Prozent der deutschen Bevölkerung auf sich vereinen. Das hat uns veranlasst uns mit der evangelischen Kirche zu beschäftigen, da wir hier schon viele Samenkörner sehen, aus denen etwas gutes wachsen kann.

Kirche ist für alle da. In dem Moment wo sie das nicht ist, hört sie auf Kirche zu sein.

In jeder Kirchengemeinde gibt es welche, die bei Abneigung gegen eine bestimmte Personengruppe, das passende Bibelzitat finden und wenn das nicht klappt, darauf vertrauen, dass ein wörtliches Zitat aus der Bibel, die Unkenntnis des hebräischen Urtextes vorausgesetzt, schon die gewünschte Wirkung hat.

So kommt es, dass uns „Gott schuf Mann und Frau, nach seinem Bilde“, vorgehalten wird. Der zweite Halbsatz wird weggelassen sowie die Tatsache, dass im hebräischen Adam, Mensch bedeutet und es dort männlich UND weiblich heißt. Als männlich und weiblich schuf er sie (die Menschen). Aus dem Urtext ist klar erkennbar: Am Anfang waren die Menschen beides. Etwas später gab Gott diesem Menschen eine Gefährtin. Aber heißt das nun, dass diese beiden Geschöpfe keine Anteile vom jeweils anderen haben dürfen?

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Cover der Broschüre „Reformation für Alle*“

Hat Gott nur Tag und Nacht geschaffen und Abendrot, Morgendämmerung sowie den Übergang nicht?

Wie könnten diese Geschöpfe zusammenkommen, wäre da keine Seelenverwandtschaft?

Über die Jahrhunderte hat sich die Kirche, seit der Reformation, immer wieder darauf besonnen, dass sie für alle da ist.

Ohne Luther, wo wären da Frauen in der Kirche heute? Die Ordination von Frauen, Segnung und Trauung gleichgeschlechtlicher Paare sind Errungenschaften der letzten 70 Jahre. Mit der Aufklärung nimmt die Inklusion zu. Die Kirche reformiert sich weiter, ecclesia semper reformanda, und dass muss sie auch.

Menschen als krank zu bezeichnen, die eine Eigenschaft haben, die man nicht verstehen kann, das hat in der Geschichte der Menschheit Tradition. Fugitivismus nannte man einst im 19. Jahrhundert die Tendenz von Sklaven, fliehen zu wollen. Es gab bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts christliche Glaubensgemeinschaften, die die Messlatte, wer in der Gemeinde akzeptiert ist, auf der Höhe der Hautfarbe angesiedelt haben. Auch dafür hatte man eine theologisch überzeugende Begründung. Darüber sind wir inzwischen weitestgehend hinweg und dies weist uns Weg.

Niemand hat es sich ausgesucht, transident zu sein. Es wurde uns mitgegeben und wir haben als transidente Menschen die Aufgabe verantwortungsvoll aber eigenverantwortlich damit umzugehen. Gott hat den Menschen die Fähigkeiten verliehen, hier etwas hinzuzulernen und das kann auch dazu benutzt werden den Körper der Seele anzupassen. Gott kann in die Herzen der Menschen hineinsehen und wird es verstehen.

Rogate-Frage: Was wünschen Sie sich von den Kirchen und den Kirchengemeinden?

Petra Weitzel: Das Annehmen des Anderseins als etwas Schönes und Gottgegebenes, dass wäre meine Definition von Reformation im 21. Jahrhundert. Jeder Mensch, gleich welcher Herkunft, Alter, Leistungsfähigkeit, sozialem Status, geschlechtlichem Zustand oder sexueller Orientierung sollte gleich in den Kirchengemeinden willkommen sein. Jeder Mensch ist anders, mal mehr oder weniger offensichtlich. Das zu Begreifen ist eine Herausforderung, aber es gibt einen Lohn dafür, der sich nicht berechnen lässt und sich in Frieden, Freiheit und Glück ausdrückt.

Rogate: Vielen Dank, Frau Weitzel, für das Gespräch.

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In folgenden Youtube-Video kommen Menschen, die mit der Kirche verbunden sind, zum Thema „Kirche und Transsexualität“ zu Wort.  Er wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Reformationsjubiläums gefördert.

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Fünf Fragen an: Die Kandidatinnen und Kandidaten zur Bundestagswahl 2017 im Wahlkreis 81 Tempelhof-Schöneberg

2017 09 21 Kandidaten WK Tempelhof SchönebergFünf Freitagsfragen an die Kandidatinnen und Kandidaten des Wahlkreises 81 (Tempelhof-Schöneberg), Mechthild Rawert, Dr. Alexander King, Renate Künast, Dr. Lothar Mundt, Jan-Marco Luczak und Alexander Spies, zur Bundestagswahl 2017 über die persönliche Motivation zum politischen Engagement, die Entscheidung für die eigene Partei und gute Erfahrungen im Wahlkampf.

Mechthild Rawert, 1985 bis 1986 sozialpädagogische Fortbildungsstätte Haus am Rupenhorn, 1986 bis 1991 Projektleiterin, anschließend Geschäftsführerin beim Sozialdienst katholischer Frauen e. V. Berlin, 1991 bis 1996 BBJ Consult e. V., 1996 bis 2002 zukunft im zentrum, 2002 bis 2004 Projektmanagerin, 2003 Deutscher Frauenrat e. V., 2004 bis 2005 Zentrale Frauenbeauftragte der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Seit 2005 Mitglied im Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestags, seit 2009 Sprecherin der Landesgruppe Berlin der SPD-Bundestagsfraktion, seit 2014 stv. Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarats.

Renate Künast, MdB und Rechtsanwältin, wurde in Recklinghausen/NRW geboren. Sie studierte Sozialarbeit und arbeitete als Sozialarbeiterin in einer Berliner Justizvollzugsanstalt. Später studierte sie Jura und schloss das Studium 1985 als Volljuristin ab.

Der Westberliner Alternativen Liste trat sie 1979 bei. Von 1985-1987 und 1989-2000 war sie Mitglied der Berliner Abgeordnetenhausfraktion, sowohl als Fraktionsvorsitzende als auch als rechtspolitische Sprecherin. Von Juni 2000 bis März 2001 war Renate Künast Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Von Januar 2001 bis zum 4. Oktober 2005 war sie Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Von Oktober 2005 – Oktober 2013 war sie Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Seit 2014 ist sie Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz im Deutschen Bundestag.

Alexander King, geb. 1969, ist in Tübingen aufgewachsen und lebt seit 16 Jahren in Schöneberg. Er ist Diplomgeograph und arbeitet seit acht Jahren als Referent für Entwicklungspolitik (2009 bis 2015) bzw. Außenpolitik (seit 2015) für die Linksfraktion im Bundestag. King ist Bezirksvorsitzender der LINKEN in Tempelhof-Schöneberg.

Dr. Lothar Mundt: Geboren 1940 in Berlin; 1959-1965 Studium der Germanistik und Geschichte an der FU Berlin (Staatsexamen); Promotion in Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft 1982 an der TU Berlin. – Ab 1968 tätig als Lektor in einem Schulbuchverlag in Frankfurt a.M., ab 1986 bis zum Ruhestand (Ende 2005) als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsche Philologie der FU Berlin; danach freiberuflich tätig. Seit Oktober 2016 Mitglied der Fraktion der AfD in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg.

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MdB Jan-Marco Luczak (Bild: Yves Sucksdorff)

Jan-Marco Luczak, MdB, ist seit 2009 der direkt gewählte Bundestagsabgeordnete für Tempelhof-Schöneberg. Der 1975 in Berlin-Lichtenrade geborene Rechtsanwalt ist Mitglied im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz. Dort kämpft er für bezahlbare Mieten, einen besseren Schutz vor Einbrechern und effektivere Strafverfolgung durch Videoüberwachung. Als moderner Konservativer tritt er für eine offene und tolerante Gesellschaft ein und hat für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare gekämpft.

Alexander Spies, Softwareentwickler. Bis Oktober 2016 war er Mitglied des Abgeordnetenhaus von Berlin und Fraktionsvorsitzender der Piratenfraktion.

Rogate-Frage: Was hat Sie persönlich in die Politik und das politische Engagement getrieben?

Mechthild Rawert: Sich engagieren für die Gemeinschaft ist ein Muss – so wurde ich erzogen. Nach einigen aktiven Jahren in der Jugendverbands- und in der Hochschularbeit, später dann in der Gewerkschaft und in Frauenverbänden wollte ich in eine Partei, um insbesondere in der Frauen- und Gleichstellungspolitik sowie in der Teilhabepolitik wirksam etwas zum Besseren zu bewegen.

Fakt ist doch: Es gab und gibt viel soziale Ungleichheit, die es abzubauen gilt. So auch weiterhin beim Thema Geschlechtergerechtigkeit: Die Situation von Frauen hat sich in den letzten 15 Jahren verbessert, junge Frauen und Männer denken vielfach, die Gleichstellung ist erreicht. Dem ist aber nicht so: Der Gender Pay Gap liegt bei 21 Prozent, der Gender Pension Gap und der Gender Care Gap liegt bei über 50 Prozent. Das heißt: Mag sich formal vieles verbessert haben, im Alltag sind die Verwirklichungschancen der Lebensträume von Frauen immer noch sehr viel geringer als die der Männer – sowohl hinsichtlich ihrer eigenen beruflichen Karriereentwicklungen, ihrer Vorstellungen von partnerschaftlicher Erziehungsarbeit u.v.m. Es gibt nach wie vor strukturelle Diskriminierungen, gegen die ich ankämpfe: als Bürgerin und als Politikerin.

Mein politisches Engagement für die Geschlechtergerechtigkeit hat mich selbst auch weiterentwickelt. Heute verstehe ich Geschlechtergerechtigkeit sehr viel umfassender: Es geht um eine grundlegende Chancengleichheit unabhängig von der sexuellen Identität und der sexuellen Orientierung.

Renate Künast: Ich hatte viele Gründe, mich für diesen Weg zu entscheiden. Als Mädchen musste ich darum kämpfen, mehr als die Hauptschule besuchen zu dürfen. Nach meinem Realschulabschluss habe ich dafür gekämpft auch die Fachhochschule zu besuchen und schließlich Soziale Arbeit studiert. Ich wollte ein anderes Leben führen, als die Mädchen und Frauen aus meiner Familie. Während meines Studiums Ende der 70er Jahre habe ich dann die Auseinandersetzung um Klima, Energie und Atom mitbekommen sowie den Kampf um Finanzen und Wirtschaftsmacht, in mein erstes Semester fiel auch der Putsch in Chile. Das alles hat mich bewegt und ich stellte mir die Frage, reicht es Einzelnen zu helfen (zu therapieren)  oder kann ich mehr tun? Also habe ich mich Anfang der 80er Jahre für ein Jurastudium entschieden, denn Gesetze sind Ausdruck von Machtverhältnissen und Lobbypolitik. Und ich wollte, dass sich etwas ändert! Denn ob wir unsere Lebensgrundlagen erhalten, es ökologische Landwirtschaft oder echten Verbraucherschutz gibt, ist auch eine Folge der richtigen Gesetze.

Dr. Alexander King: Als es Anfang der 90er Jahre zu schlimmen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge kam, reagierten Union und SPD darauf ausgerechnet mit der Einschränkung des Grundrechts auf Asyl. Für mich, der ich mich damals in der Flüchtlingshilfe engagiert habe, war das genau die falsche Antwort. Mir ist bewusst geworden, dass mir zivilgesellschaftliches Engagement alleine nicht ausreicht, sondern dass ich mich auch für andere Mehrheiten im Parlament einsetzen möchte, um andere politische Weichen stellen zu können. Ich bin froh, dass DIE LINKE – leider als einzige Partei – bis heute alle Einschränkungen des Asylrechts abgelehnt hat.

Dr. Lothar Mundt: Die EURO- und die Migrationskrise und die hiermit zusammenhängende verantwortungslose Poltik der Bundesregierung.

Jan-Marco Luczak: Mir war immer schon wichtig, nicht nur den Blick auf sich selbst zu richten, sondern auch einmal rechts und links zu schauen, wo man sich einbringen kann, wo es gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen gilt. Deswegen engagiere ich mich politisch.

Alexander Spies: Seit meiner Jugend interessiere ich mich für Politik und engagiere mich für Themen wie die Europäische Einigung, Frieden und Sicherheit, Bürgerrechte, soziale Teilhabe, Migration und nachhaltiges Wirtschaften. Parteien habe ich dabei gemieden, da sie zwar notwendig aber in der Regel voller Übel sind. Die nachlassende Qualität der Parteipolitik und die fast totale Ignoranz der im Palament vertretenen Parteien für die wichtigsten Zukunftsfragen sind allderdings eine Herausforderung, der ich mich stellen musste.

Rogate-Frage: Warum haben Sie sich für die Partei entschieden, für die Sie nun kandidieren?

Mechthild Rawert: Mit meinem Eintritt in die SPD Ende 1987 wollte und will ich etwas leisten für eine lebendige Demokratie und eine starke Bürger*innengesellschaft, die sich den sozialen Zusammenhalt und Chancengleichheit für alle auf die Fahne schreibt. Werte der Demokratie haben Vorrang vor den Interessen der Wirtschaft.

Der SPD-Kanzlerkandidat Johannes Rau verlor, die Regierungsmehrheit von Schwarz-Gelb unter Kanzler Helmut Kohl wurde bei der Bundestagswahl im Januar 1987 erneut bestätigt. Mir passte die von Helmut Kohl eingeschlagene Richtung der „geistig-moralischen Wende“ überhaupt nicht, da sie der dringend notwendigen gesellschaftlichen Modernisierung eine Absage erteilte. In meinem persönlichen Umfeld gab es viele Sozialdemokrat*innen, die diese Haltung ebenfalls einnahmen. Es musste etwas geschehen, ich musste etwas machen: Nach jahrelangem zivilgesellschaftlichen Engagement wollte ich mit meinem Parteieintritt „ins System“ der parlamentarischen Demokratie, um für gesellschaftspolitische Veränderungen zu streiten. Zur Realisierung von Zielen gehört Überzeugung und vor allem die Bündelung von Mehrheiten. Mit der Berliner SPD kämpfe ich für den gesellschaftlichen Fortschritt. Ich war immer links organisiert und bin eine der SprecherInnen der Berliner Linken.

Mitglied einer Volkspartei, die auf eine lange und politisch wirksame und ehrenvolle Geschichte zurückblicken konnte, gefiel und gefällt mir. Ich teile die Grundwerte der SPD: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. In einer Volkspartei sind viele verschiedene Menschen – und diese unterschiedlichen Lebenssituationen interessier(t)en mich. Der differenzierte Aufbau der SPD in Ortsvereinen/Abteilungen und in Arbeitsgemeinschaften gefiel und gefällt mir. Ich wollte und will mich nicht nur einer homogenen „Blase“ bewegen. Mitglied einer Partei zu sein, die sich für ein Europa der Solidarität und des Friedens einsetzt, für eine moderne weltoffene Gesellschaft in der – aus heutiger Sicht „alten“ – Bundesrepublik war und ist mir wichtig. Und da bin ich in der SPD nach wie vor richtig.

Renate Künast: Für wen denn sonst? Für mich waren und sind Bündnis 90/Die Grünen die Partei, die Fragen nach den großen Themen wie Klimaschutz, Gleichstellung und Energiewende, globale Fairness. Wir denken nicht nur in einer Wahlperiode oder einem Jahrzehnt, sondern wir wollen unsere Zukunft gestalten.

Also denken wir darüber nach, holen Wissen zusammen, wie man ökologisch und ressourcenschonend transportieren und produzieren kann. Wir fragen, wie sich eine Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen ernährt und sich die Erde trotzdem regenerieren kann. Wir haben Visionen, Mut und Beharrlichkeit, von Atomausstieg bis Ehe für Alle. Und jetzt geht es am Sonntag bei der Wahl um eine Richtungsentscheidung. Nutzen wir die Chancen gegen den Klimawandel noch? Ich sage: Darum Grün.

Dr. Alexander King: 1998 trat ich in die PDS als Vorgängerpartei der LINKEN ein. Damals zeichnete sich bereits ab, dass es bald zum Krieg gegen Jugoslawien, dem ersten deutschen Angriffskrieg nach dem Zweiten Weltkrieg, kommen würde. Und tatsächlich bombardierte die Bundeswehr gemeinsam mit anderen Armeen im Frühjahr 1999 Belgrad. SPD und Grüne stellten damals die Bundesregierung und hatten auch den Eintritt Deutschlands in den Krieg in Afghanistan 2001 zu verantworten. Ich habe mich als aktives Mitglied der Friedensbewegung gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr engagiert.
Mit der Agenda 2010 setzte während der Regierungszeit von SPD und Grünen in Deutschland eine bis dahin ungekannte Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben und von der öffentlichen Hand in wenige private Hände ein. Im Ergebnis dieser Politik sind heute Millionen Menschen von Altersarmut bedroht. Auf der anderen Seite ist riesiger privater Reichtum entstanden. Im internationalen Vergleich weist Deutschland eine überdurchschnittliche große Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen auf. Diese Umverteilung umzukehren – darin liegt heute die zentrale Herausforderung. Und da hat nur DIE LINKE den Mut und die Konzepte, sich mit den Mächtigen anzulegen.

Dr. Lothar Mundt: Hierzu zitiere ich einen Passus aus meiner Bewerbungsrede zur Direktkandidatur in meinem Wahlkreis: Ich begrüßte in der AfD von Anfang an die dringend notwendige politische Kraft, von der sich die Bewahrung oder vielmehr Wiederherstellung bürgerlicher Freiheit und Demokratie erhoffen ließ, die ich schon seit langem in hohem Maße durch das Wirken des überkommenen, nur noch auf eigenen Machterhalt ausgerichteten, faktisch ohne parlamentarische Opposition kartellmäßig agierenden und die laufenden Rechtsbrüche der Merkel-Regierung schweigend hinnehmenden Parteienblocks gefährdet sah. Tatsächlich ist unsere Partei heute die einzige ernst zu nehmende politische Opposition gegenüber den mehr oder weniger auf ein rot-grün eingefärbtes bürgerfeindliches Ideologiekonglomerat eingeschworenen Altparteien und somit die einzige politische Kraft, die entschieden eintritt gegen Kollektivismus, Gleichmacherei, Staatsgläubigkeit, ideologische Bevormundung, Umerziehung und Gesinnungsdiktatur – ebenso auch gegen die starken Tendenzen zu sozialistischer Umverteilung, planwirtschaftlicher Staatsintervention und Aufgabe nationaler, demokratisch fundierter Souveränitätsrechte zugunsten eines demokratisch nicht legitimierten europäischen Zentralstaats.

Jan-Marco Luczak: Die CDU ist die Partei, die Freiheit und Sicherheit auf Grundlage des christlichen Menschenbildes in Ausgleich bringt. Deshalb engagiere ich mich für die CDU.

Alexander Spies: Als ich in meinem Umfeld auf die Piratenpartei aufmerksam wurde, gefiel mir vor allem ihre internationale Ausrichtung und die Hinwendung zu Zukunftsthemen. Es war mir aber klar: Es kann keine Partei geben ohne den Ärger mit der Partei. Da der Weg zu Mandaten in den Parlamenten nun einmal Parteien voraussetzt, ist dieser Ärger unvermeidlich. In der Piratenpartei wird trotz vieler Rückschläge unvermindert nach neuen Wegen aus diesem Dilemma gesucht, das spornt mich an.

Rogate-Frage: Was macht Ihnen Hoffnung und welche politischen Vorbilder haben Sie?

Mechthild Rawert: Viele der neu eingetretenen SPD-Mitglieder jeden Alters wollen sich aktiv engagieren für die Stärkung unserer Demokratie, Menschenrechte und unseres Rechtsstaates. Der immer lauter werdende Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, die Wahl von Donald Trump oder der Brexit werden als Warnsignale verstanden. Politische Vorbilder sind für mich weniger berühmte Persönlichkeiten als die vielen „Held*innen des Alltags“.

Renate Künast: Ich habe verschiedene Menschen für Ihre Gradlinigkeit und die Umsetzung ihrer Werte bewundert. Das waren meine Grundschullehrerin Frau Verstege, die großartige Hildegard Hamm-Brücher und nicht zuletzt Petra Kelly.

Dr. Alexander King: Hoffnung macht mir, dass die neoliberalen Glaubenssätze nicht mehr einfach so hingenommen werden, dass immer mehr Menschen den Sinn der Agenda 2010 in Frage stellen und die dahinter liegenden Interessen erkennen. Hoffnung macht mir, ganz allgemein gesprochen, dass sich Menschen immer solidarisch organisiert haben und dies immer tun werden: in Gewerkschaften, in politischen Parteien, in ihrer Nachbarschaft, z.B. vor zwei Jahren, als dass viele Menschen in der Flüchtlingskrise ehrenamtlich geholfen haben. Auch wenn ehrenamtliches Engagement falsche Politik oder staatliche Untätigkeit nicht ausgleichen kann, ist es doch ein Ausdruck hervorragender menschlicher Eigenschaften und der Fähigkeit, sich als Teil der Gemeinschaft zu begreifen. Menschen, die das zum Ausdruck bringen, sind Vorbilder für andere, auch für mich.

Dr. Lothar Mundt: Hoffnung macht mir die sich deutlich abzeichnende Zeitenwende, mit der die seit der 68er-Revolte anhaltende Vorherrschaft linker Politikkonzepte allmählich abgebaut wird. Ausdruck dieser Zeitenwende ist gerade die erfreuliche Aufwärtsentwicklung meiner Partei, begleitet von einer ebenso erfreulichen Entwicklung einer lebendigen und reichen konservativen Publizistik auf beachtlichem Niveau.

Jan-Marco Luczak: Es macht mir Hoffnung, wenn Menschen trotz Widerständen und Anfeindungen an ihren Werten und Prinzipien festhalten. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dies in den letzten Jahren hervorragender Weise getan.

Alexander Spies: Es gibt gute Lösungen für die meisten politischen Problemstellungen. Die Politik verzögert nur sehr oft ihre Durchsetzung. Es lohnt sich aber, mit Nachdruck daran zu arbeiten.
Ich habe keine expliziten Vorbilder, schätze aber Politiker mit Visionen, wie zum Beispiel Rudolf Virchow. Als er vor über 120 Jahren eine Krankenversicherung für alle gefordert hat, schien das eine uneinlösbare Utopie. Eine meine wichtigsten Forderungen ist ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das heute ebenso oft als unmöglich angesehen wird. Dass Virchows Utopie sich in einer überschaubaren Zeitspanne durchgesetzt hat, gibt mir auch Hoffnung.

Rogate-Frage: Was macht für Sie einen fairen Wahlkampf aus?

Mechthild Rawert: Die vielfach zu beobachtende Verrohung der Sprache und damit der politischen Auseinandersetzung nicht mitmachen. Dennoch aber auf der Sachebene deutlich Position beziehen.

Renate Künast: Kritik an anderen Parteien oder Kandidaten darf hart sein, muss aber immer sachlich und gut argumentiert bleiben.
Auch Fake News und Hate Speech sind ein großes Problem. Ich bin eine gestandene Politikerin und weiß damit umzugehen. Ich habe auch ein Team an meiner Seite, das mir hilft. Aber viele Kandidatinnen, die zum ersten Mal antreten, haben das nicht. Sie sind häufig auf sich alleine gestellt, sie werden massiv bedroht und beleidigt. Die Folge ist, dass sich diese Leute oder andere, die sich eigentlich engagieren wollen, dann nicht mehr trauen. Es geht also nicht nur ums Wählen an sich , sondern um unsere Demokratie!

Dr. Alexander King: Fair ist ein Wahlkampf, der ohne Hass und Ausgrenzung auskommt.

Dr. Lothar Mundt: Freier, ungehinderter demokratischer Wettbewerb aller beteiligten Parteien um die Stimmen der Wähler.

Jan-Marco Luczak: Hart in der Sache argumentieren, aber nie persönlich werden.

Alexander Spies: Es ist fair, sich mit guten Argumenten auszutauschen, ohne einander zu verteufeln. Das wird im Zeitalter von Fake-News immer schwieriger. Diffamierung und Volksverhetzung lässt sich nur schwer etwas entgegen setzen.

Rogate-Frage: Was war Ihr schönstes Erlebnis in diesem Wahlkampf?

Mechthild Rawert: Es gibt bisher schon mehrere: Wenn eine junge Frau in der Diskussion sagt: „Ich darf nicht länger wegschauen. Nicht allen Menschen geht es in unserer Gesellschaft gut. Deshalb werde ich mich stärker einmischen und für Schwächere und Ausgegrenzte eintreten.“ Oder ich gelobt wurde dafür, dass ich mich schon lange und laut stark mache für eine gute Pflege und darauf hinweise, dass wir für unsere Gesellschaft des längeren Lebens noch die nötige Infrastruktur aufbauen müssen.

Renate Künast: Beim Haustürwahlkampf bin ich den unterschiedlichsten Menschen begegnet. Das finde ich immer sehr spannend, denn an einer Haustür zu klingeln und mit den Bewohnerinnen in ein persönliches Gespräch zu kommen ohne das sie, wie zum Beispiel bei Wahlkampfständen selber auf einen zukommen, bietet eine ganz eigene Atmosphäre. Ein Mann zum Beispiel – der nicht unbedingt Grünwähler ist – hat es mit seiner „Außenansicht“ auf die Grünen auf den Punkt gebracht. Er sagte, die Grünen braucht es, weil sie die einzige Partei sind, die die großen Menschenthemen wirklich und ehrlich angehen, wie es beim Klimaschutz der Fall ist. Grün braucht es für die Mega-Themen. Das trifft’ s gut.

Dr. Alexander King: Ein Highlight war der Besuch von Sahra Wagenknecht in Marienfelde. Es war am Tag des Jahrhundertregens (29.6.), als Teile des Bezirks metertief im Wasser versanken. Wir hatten eine Open Air Veranstaltung geplant und Bühne und Technik aufgebaut. Aber es war klar: Dies würde keine „normale“ Veranstaltung werden. Sahra Wagenknecht ließ ich von den Wassermassen nicht aufhalten. Sie kam trotz allem und hielt – im strömenden Regen – eine Rede vor immerhin 100 Zuhörern, die sich mit Regenschirm und Regenmantel auf den Weg gemacht hatten. Diese Veranstaltung wird in die Annalen unseres Bezirksverbands eingehen.

Dr. Lothar Mundt: Sich generell steigernde Sympathiekundgaben von potentiellen Wählern bei den AfD-Standaktionen, an denen ich teilgenommen habe.

Jan-Marco Luczak: Wenn beim Haustürwahlkampf jemand öffnet, und sagt, er habe mich schon längst gewählt. Ist zum Glück mehr als einmal in diesem Wahlkampf vorkommen.

Alexander Spies: Guter Zuspruch von Wählerinnen und Wählern, sich in diesen politisch schwierigen Zeiten nicht entmutigen zu lassen. Das hilft auch dann, wenn sie mich nicht wählen werden.

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Rogate: Vielen Dank, Mechthild Rawert, Dr. Alexander King, Renate Künast, Dr. Lothar Mundt, Jan-Marco Luczak und Alexander Spies, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unserem nächsten Gottesdienst: