Meinung: Ein Blitzlicht zum CSD in Wilhelmshaven.

Am 4. September wird zum ersten Mal in Wilhelmshaven der Christopher Street Day begangen. Aus diesem Anlass wird am Vorabend, am Freitag, dem 3. September, ein Eröffnungsgottesdienst in der Lutherkirche gefeiert.

Die namengebende Christopher Street befindet sich im Ortsteil Greenwich Village in Manhattan, New York City. Dort begannen am 28. Juni 1969 die homosexuellen Menschen sich gegen die Praxis schikanöser Razzien zu wehren und somit begann gleichzeitig ein weltweiter Kampf gegen die Kriminalisierung und Ausgrenzung homosexueller Menschen.

Viel ist seitdem geschehen. Waren bis 1994 auch in Deutschland noch nach §175 StGB homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt, wird es heute gesellschaftlich akzeptiert, dass homosexuelle Menschen z.B. Erster Bürgermeister von Hamburg oder Oberkirchenrätin in Oldenburg werden.

Ein großer gesellschaftlicher, auch kirchlicher Wandlungsprozess hat in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, homosexuelle Menschen als das zu betrachten, was sie sind, ganz normale Mitmenschen mit Gaben, aber auch Fehlern und Schwächen wie sie nun einmal alle Menschen haben. Aber auch “ganz normale“ Menschen werden immer wieder ausgegrenzt, sobald sie sich in irgendeiner Weise vom Durchschnittsverhalten abheben. So gab es auch schon zur Zeit Jesu sogenannte „Randgruppen“. Jesus ging gezielt auf diese Menschen zu, seien es die damals verhassten Zöllner, Aussätzigen oder Ehebrecherinnnen und zog sich damit den Hass seiner Feinde zu.

Diese Provokationen waren allerdings ein Herzstück seiner Botschaft von der Liebe Gottes, die auch unter den Menschen gelten soll. Es liegt dem Geist des Evangeliums völlig fern, sich vorzustellen, Jesus hätte homosexuelle Menschen verdammt.

Es ist also gesamtgesellschaftlich ein großer Fortschritt in der Toleranz zu verzeichnen, doch die Geschichte und auch die aktuellen Beispiele etwa aus Belarus, Russland, China oder muslimischen „Gottesstaaten“ wie jetzt auch wieder Afghanistan (!) zeigen auf, wie brüchig dieser Fortschritt ist. Tendenzen selbst in EU-Staaten wie Ungarn oder Polen lassen aufhorchen. Freiheit und Toleranz sind Werte, die stets verteidigt werden müssen.

Dass diese Verteidigung auch auf fröhliche und friedlich-bunte Weise geschehen kann, zeigt der Christopher Street Day nun auch in Wilhelmshaven.

Ein Beitrag von Pastor Frank Moritz, Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Bant, Wilhelmshaven

Meinung: Wort zum Israel-Sonntag

Morgen ist Israelsonntag. Er wird in den evangelischen Gottesdiensten gefeiert. Elf Wochen nach Pfingsten ging es früher darum, Juden zur Taufe zu bewegen. Der Zeitpunkt bleibt gut gewählt, begehen doch jüdische Gemeinden den Gedenktag der Zerstörung des ersten Tempels am 9. Tag des jüdischen Monats Av, der in die gleiche Zeit fällt.

Kreispfarrer Christian Scheuer (Bild: Axel Biewer)

Die inhaltliche Ausrichtung hat sich hingegen auf dem Hintergrund der Shoa, so der jüdische Begriff für den Holocaust, grundlegend gewandelt. Der jahrhundertealte Antijudaismus der Kirchen wird kritisch aufgearbeitet. Wenn unter dem Deckmantel der politischen Empörung Rassismus und die Infragestellung der vom Grundgesetz verbrieften Freiheit für Menschen aller Glaubensrichtungen wieder salonfähig gemacht werden sollen, sind Christen und Christinnen gerade in diesen Tagen gefordert, sich solidarisch an die Seite von Juden und Jüdinnen zu stellen.

Aus lediglich 15000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland im Jahr 1989 sind 30 Jahre später wieder über 300.000 geworden, was angesichts der Geschichte fast an ein Wunder grenzt. Gerade deshalb kann es nicht hingenommen werden, dass jüdische Gotteshäuser in Deutschland nach wie vor besonders vor Übergriffen geschützt werden müssen.

Im Dialog der Religionen geht es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Das erste Testament unserer Bibel ist die Tora der Juden. Das Christentum wurzelt in der Botschaft des Juden Jesus von Nazareth. Der deutsch-israelische Publizist Schalom Ben-Chorin hat es einmal so auf den Punkt gebracht: Der Glaube Jesu verbindet Christen und Juden, der Glaube an Jesus trennt beide.

Die Begegnung von Christen und Juden ist in der Praxis keine bedrückende, weil vor allem schuldbeladene Angelegenheit, sondern ein fruchtbarer, lebendiger Dialog. Davon können viele Israel-Reisende aus unseren Kirchengemeinden begeistert berichten. Davon geben aber auch vor unserer Haustür in vorbildlicher Weise eine Reihe friesischer Erinnerungsorte wie das Gröschler-Haus in Jever und die ehemalige Synagoge in Neustadtgödens oder die gegenwärtig im Küstenmuseum laufende, interessante Ausstellung zur religiösen Vielfalt an der Jade „Wilhelmshaven glaubt.“ Zeugnis.

Ein Beitrag von Christian Scheuer, Kreispfarrer in Friesland und Wilhelmshaven

Berliner Freiheitsglocke: „Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten“

RogateKl_Postkarte A6 hoch_Freiheitsglocke_301018_online„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen.

Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde.

Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen.“

Widmung der Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg.

Die Glocke ist mit der Inschrift versehen:

„That this world under God shall have a new birth of freedom“ (Möge diese Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erleben)

Online-Initiative „Rettet den Advent! Weihnachten beginnt am 25.12.“

Aktion des Rogate-Klosters: Rettet den Advent! Weihnachten beginnt am 25. Dezember.Der Advent verschwindet. Immer mehr ist nur noch von der „Vorweihnachtszeit“ die Rede.

Weihnachtssüßigkeiten gibt es jedes Jahr ab dem 1. September in den Supermärkten, manchmal sogar früher. Weihnachtsbeleuchtungen in Straßen, Geschäften und in den Fenstern werden Anfang November in Betrieb genommen. Sogar Kirchengemeinden veranstalten am Volkstrauertag, Totensonntag und den Adventssonntagen „Weihnachtsmärkte“.

Für manche beginnt irgendwann Mitte November sofort die „Vorweihnachtszeit“. Das Weihnachtsoratorium erklingt an vielen Stellen vor dem 1. Advent, Wochen vor Weihnachten („Jauchzet, frohlocket…“). Jeden Tag Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte, die kurz vor Weihnachten schließen. Eine Adventfeier? Was ist das denn? Und wer ab November Weihnachten feiert, der glaubt, dass Fest sei spätestens am 2. Weihnachtstag vorbei. Schade, denn so wird der Januar ein einfacher Wintermonat statt vom Licht durchflutet.

Dabei gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Advent und der Weihnachtszeit, die das eigentliche Fest (der Geburt Jesu) ist. Der Advent begleitet den Weg dahin. Heiligabend ist nicht das Ende der Weihnachtszeit. Da beginnt Weihnachten.

Wir wollen mit dieser kleinen Initiative (auf Facebook und Twitter) zur Rettung des Advents als Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten beitragen. Eine stille Zeit der Besinnung, die hinführt zum großen Fest.

Drum: Rettet den Advent! Weihnachten beginnt am 25.12.

Ihre Meinung ist gefragt:

Wir möchten gern Aufkleber (siehe oben) produzieren und an Gemeinden kostenlos weitergeben. Für die Produktion suchen wir Unterstützende, um die Initiative finanzieren zu können. Helfen Sie mit, den Advent zu retten!

Kontonummer des Rogate-Klosters: Spendenkonto IBAN DE76 3706 01936010 2880 19, BIC GENODED1PAX. Bitte Spendenzweck „Adventsaktion“ sowie Ihre Adresse für die Spendenbescheinigung hinzufügen. Vielen Dank!

Rettet den Advent vom Rogate-Kloster

Betrachtung: „Brotbrechen, gemeinsam“

Bildschirmfoto 2017-07-28 um 12.13.41Schwarzbrot, Baguettestangen und sogar ein Backwerk namens „Hildegard von Bingen“ liegen im Regal. „Haben Sie Vollkornbrot?“, frage ich die freundliche Verkäuferin. „Nee, aber was mit Körnern!“

Ob Brotring zu Erntedank, Klaben zu Ostern oder das gemeinsame Abendbrot am Tisch: Brot verbindet. Brot ist Bestandteil für Orte und Momente, in denen sich Menschen begegnen und kommunizieren. Brotkultur als lebendiges Weltkulturerbe.

Brot nährt und macht satt, wenn nicht zu viel Luft drin ist. Manchmal muss es Vollkorn-, mal Rosinenstuten sein. Ich spüre an manchen Tagen deutlich, welches Brot passt, um satt zu werden. Und dann sehne ich mich nach der richtigen Runde mit Freunden, um gemeinsam zu essen, zu reden und sich am Miteinander zu freuen.

Das Brot ist das Symbol für den Leib Christi. Brotbrechen ist zentraler Bestandteil der Abendmahlsfeier der Christen. Nicht ohne Grund, denn Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ (Johannes 6,35).

Wir sind auf dem Weg. Dafür brauchen wir noch viel Brot, Vielfalt und verschiedene Sorten. Kirche, die nährend ist, die frisches, gut duftendes Brot anbietet, darauf hoffe ich. Und auf eine Gemeinschaft, die richtigen Fragen stellt, die Türen weit offen hält und zum Tisch einlädt und Gemeinden, die stark machen zum Leben und zur Hoffnung befreien.

Br. Franziskus

Stadtfest: Feiern gegen Gewalt. Tanzen gegen Hass.

IMG_9259„Gleiche Rechte für Ungleiche?“ So lautete vergangenes Wochenende das Motto des großen Straßenfestes in der Hauptstadt: Das Motzstraßenfest. Offizieller Titel: Lesbisch-schwules Stadtfest Berlin. Mit über 350.000 Besuchern aus der ganzen Welt ist es unangefochten das größte Event seiner Art. Ein ganzer Kiez feiert Vielfalt, bunt und ausgelassen.

Der Ursprung des Festes vor 25 Jahren ist ernst: Gewalttätige Übergriffe in den Straßen auf homosexuelle Frauen und Männer. Die Anwohner wollten das nicht mehr hinnehmen und luden ein: Information gegen Unwissenheit, Feiern gegen Gewalt, Tanzen gegen Hass. Eine ungewöhnliche Reaktion, doch Fröhlichkeit, Wissen und Gemeinschaft machen stark gegen Ausgrenzung.

DSC08983Die Kirche feiert mit: Wir, das Rogate-Kloster, richten seit bald zehn Jahren den Eröffnungsgottesdienst aus. Wie vergangenen Freitag: Eine volle Kirche, Pastorin und Priester, Ordensfrauen und Bischof, Lektoren und ein Kiezorchester gestalteten einen Festgottesdienst. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sprach ein Grußwort und sagte von der Kanzel: „Erst, wenn wir alle die gleichen Rechte haben, sind wir alle frei.“

Mich erinnert es an folgende Liedverse („Wenn das Rote Meer grüne Wellen hat“): „Wenn unsre Tränen rückwärts fließen, dann bleiben wir hier, dann bleiben wir hier, weil sich das Land gewandelt hat. Wenn es dreizehn schlägt und die Zeit zerbricht, dann bleiben wir hier…“

Br. Franziskus

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Montag, 24. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Alexander von Fintel, Bündnis 90/Die Grünen. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Dr. Holger Onken, Die Linken. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Der Mond ist aufgegangen”. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 6. August 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Udo Striess-Grubert, Freie Wähler. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 6. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Wie ist die Welt so stille”, mit Prof. Dr. Jörg Schneider, Jade Hochschule. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 14. August 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Andreas Tönjes, Die Partei. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.

Meinung: Trauung für alle

cw 9511 1 RegenbogenfahneDie Glocken der Kirchen läuten in diesen Wochen besonders häufig. Ab Mai bis in den August wird viel geheiratet. Viele suchen sich einen Heiratstermin in der schönen Jahreszeit, wenn alles blüht und die Feste sogar draußen gefeiert werden können – sofern das Wetter mitspielt. Zumindest ist die Chance auf schöne Hochzeitsfotos größer.

Wir Menschen sehen uns nach Nähe. Sich zu verlieben ist wunderbar – ein Traum, wenn die Liebe erwidert wird. Der Wunsch nach Verbindlichkeit und Ritualen ist groß. Viele erfahren zudem, Gottes Segen beflügelt, stärkt die Verbindung und das Miteinander.

Doch stellen Sie sich mal vor, Ihnen wäre es verboten zu heiraten. Wie fühlt es sich an, wenn Staat und Kirche sagen: „Ihr dürft nicht!“ Lesbischen und schwulen Paaren ging es lange so. Ihnen ist weiter die staatliche Ehe untersagt. Viele fordern lange schon gleiche Rechte und die Öffnung zu einer Ehe für alle. Dadurch würde niemanden etwas genommen werden. Keiner heiratet weniger, weil andere heiraten dürfen.

Lange genug waren die Kirchen nicht Teil der Lösung, sondern haben durch Ausgrenzung von Lesben und Schwulen schwere Schuld auf sich geladen. Die evangelische Kirche ist einen langen Weg gegangen: In der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ist die Gleichberechtigung hergestellt. Die Synode der Oldenburger Kirche hat vergangene Woche beschlossen, die Diskriminierung zu beenden und gleichgeschlechtliche Paare in allen Rechtstexten gleich zu stellen. Dazu gehört die „Trauung für alle“, die Öffnung der Traugottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare.

Gesellschaft und die Kirche werden lebenswerter, wenn alle gleichberechtigt sind, volle Bürgerrechte haben, Liebe Respekt erfährt und Vielfalt als Bereicherung verstanden wird. Vielleicht hören wir künftig noch öfter Hochzeitsglocken. Frauen- und Männerpaare heiraten und bitten um Gottes Segen bitten. Eingeladen sind sie. Es gibt genug „Trauung für alle“. Und das ist gut so.

Ein Meinungsbeitrag von Bruder Franziskus Aaron RGSM

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten und Terminen:

Meinung: #dazusteheich – ein Wort der Kirche in Köln

„Dazu stehe ich“ #dazusteheich – das sagen die Superintendentin und die Superintendenten des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region zu Rechtspopulismus und anderen Themen unserer Zeit.
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – „Ihr sollt die Fremdlinge lieben“ – mit diesen beiden Bibelworten aus dem Ersten und dem Zweiten Testament beginnen die Statements der Superintendenten und Superintendentin des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. Die Aussagen zu den Themen „Nächstenliebe“, „Schöpfung“, Luthers „Goldener Regel“ und „Europa“ setzen ein Zeichen unter dem Motto #dazusteheich.

 

Meinung: Die Tötung eines Menschen ist kein Grund zum Jubel.

Von Frater Franziskus.

Als Mensch bin ich irritiert: Muss man so jubeln über die Tötung eines Menschen, auch wenn der offenbar hinter furchtbaren Verbrechen steht? Wären nicht Trauer über die Verbrechen wie am 11. September, die Kriege und alle Folgen daraus angebrachter? Die Verbrechen der Terroristen machen betroffen, aber der Jubel der Massen und der politisch Verantwortlichen in den westlichen Regierungen auch.

Und ich gestehe zudem: Mir fällt es heute sehr schwer in der Fürbitte Gott um sein Erbarmen für ihn, den getöteten Osama Bin Laden, zu bitten. Da bin ich ein so schwacher und sündiger Christ. Da stehen mir vor Augen meine Erinnerungen an meine Besuche in New York City vor 2001 und danach, im World Trade Center und später am Ground Zero. Da ist noch der Schmerz zu spüren und die Bilder, die nicht verschwinden wollen. Auch nicht zehn Jahre danach. Da brauche ich nun keinen weiteren „entscheidenden Schlag“, sondern den Willen zu Gerechtigkeit und Frieden. Verbrecher gegen die Menschlichkeit sehe ich lieber vor Gericht und nicht deren Bilder nach der Tötung.

Wie sollte ich mich über einen weiteren Toten freuen? Es sind zu viele Menschen durch den Terror gestorben, Muslime, Juden, Buddhisten, Christen, Angehöriger so vieler Nationen, Männer, Frauen und Kinder… Über die Schuld und die Sühne entscheide nicht ich, sondern allein Gott. Vielmehr müssen wir über die große Verantwortung eines jeden vor Gott und den Mitmenschen nachdenken.

Es ist überall von Erleichterung wegen Tötung von heute Morgen in Parkistan zu hören. Erleichtert und frei gemacht hat mich nur der Tod eines einzigen Menschen und zwar am Karfreitag, es war der Erlösungstod von Jesus Christus für die Menschheit. Jede Tötung danach ist ein Mord zuviel. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Verfahren, egal wie schlimm seine Verbrechen sind. Jedem stehen Menschenrechte zu. Der Hass ist kein guter Ratgeber. Und der Mord auch kein Instrument auf dem Weg zu einer besseren Welt.

Darum bete ich heute um so entschiedener zum barmherzigen Gott:

Verleih‘ uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unser’n Zeiten,
es ist doch ja kein Ander‘ nicht,
der für uns könnte streiten,
…denn du, unser Gott alleine.

In these our days so perilous,
Lord, peace in mercy send us;
no God but thee can fight for us,
no God but thee defend us;
thou our only God and Saviour.

O God of all, with wonderful diversity of languages and cultures you created all people in your image. Free us from prejudice and fear that we may see your face in the faces of people around the world, through Jesus Christ, our Savior and Lord. Amen. (Evangelical Lutheran Worship, p. 79)

Meinung: „Menschen sterben nicht nur durch einen Hammer.“

Wenn ich öffentliche Ereignisse besuche, frage ich mich, der ich zu einer Augustiner-Kongregation gehöre: Gehst du in zivil oder im Habit? Bist du da privat oder bist du da als Ordensbruder?

Der Verlauf der furchtbaren Trauerfeier am Freitag für David Kato hat dann entschieden. Ich stehe hier im Habit als Zeichen der Demut vor Gott. Ich stehe hier als Zeichen als Zeichen der Dankbarkeit für euer Erscheinen hier.

Ich stehe hier im Habit als Zeichen der Ehrerbietung für David, der am Mittwoch grausam erschlagen wurde. Ich stehe hier als Christ und Mitglied des Rogate-Klosters.

Ich stehe hier, weil ich es leid bin, dass meine Religion für Hasspredigten und für die Ausgrenzung Andersliebender benutzt wird.

Ich stehe hier, weil ich den Worten Jesu glaube, wie wir sie eben in der Lesung (Johannes 15. und 16. Kapitel, 26-27 & 1 – 4) gehört haben: Sie tun dies, weil sie weder Gott noch Christus kennen, weil ihnen die Liebe Gottes fremd ist.

Ich stehe hier, weil ich mir von meinen Glaubensgeschwistern Einsatz für das Leben, für das bedrohte Leben von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern einfordere. Ich stehe hier, weil sie in zu vielen Ländern vom Tode bedroht sind, weil sie in so vielen Ländern diskriminiert, ausgegrenzt, verstoßen, gejagt, bespuckt und beschimpft werden.

Ich stehe hier und ihr mit mir, weil die Zeit enden muss, wo anders Liebende geächtet werden. Ich stehe hier, weil es ein Ende haben muss mit dem Kastensystem auch in unserer Kultur, wo bestimmte Prägungen als gut und anerkannt, andere als anrüchig gesehen und auch (noch) in den Gesetzen benachteiligt werden.

Ich stehe hier, weil meine Bibel nicht zum Hass gegen Lesben, Schwule und alle anders Geprägten aufruft. Da steht nirgendwo: „Tötet, demütigt Homosexuelle und greift sie an.“

Sogar bei seiner Beerdigung hat es ein Vertreter meines Glaubens, hier war es mal ein Pfarrer der anglikanischen Kirche, nicht unterlassen, zur Tötung von Homosexuellen aufzurufen, sie zu demütigen, David Kato zu demütigen. Menschen zu demütigen, wie Gott sie schuf und prägte.

Es erfüllt mich immer mit Trauer, wenn unsere Kirchen nicht Liebe, sondern Hass, nicht Nächstenliebe, sondern Ausgrenzung, nicht Annahme sondern Ablehnung verkündigen.

Zeit meines Lebens als Christ muss ich mich wieder und wieder entschuldigen, weil nicht nur Fundamentalisten, sondern auch mancher gemäßigte Kirchenmensch vermittelt, lesbische, schwule, bisexuelle, Transgender- Menschen seinen weniger wertvoll.

Vor noch nicht einmal einem Jahr haben wir hier an dieser Stelle ebenfalls gestanden. Es wurde zu einem Kiss-In gegen die drohende Todesstrafe für Homosexuelle in Uganda geladen. Küsse für das gleiche Recht auf Liebe, Küsse gegen Hass. Die weltweiten Aktivitäten gegen das Gesetz, auch vom Europäischen Parlament, zeigten Wirkung. Das Gesetz ist in der Schublade verschwunden, vorerst jedenfalls. Küsse und Zärtlichkeit gegen den Tod!

Im Christentum steht der Kuss leider nicht nur für die Liebe. Judas, der Verräter küsste Jesus und verriet den Menschensohn (Lukas 22, 47-48). Menschen sterben nicht nur durch einen Hammer.

Es erfüllt mich mit Trauer, wenn in unserem Land eine Fernsehsendung aus einem fernen Wald die größte Beachtung findet und Traumquoten für die Veranstalter erreicht, weil ein vermeintlich schwuler Mann durch Küsse versucht, seine Heterosexualität zu beweisen. Große Teile der Bevölkerung kannten tagelang kaum Wichtigeres, als diesen krampfhaften Versuch in Farbe und Großaufnahme.

Es muss ein Ende haben, es ist unwürdig, dass die sexuelle Prägung eines Menschen einen Makel bedeutet.

Liebe Freundinnen und Freunde, ich stehe auch hier, weil ich euch bitten möchte, uns, die wir uns in den verschiedenen Glaubensgemeinschaften engagieren, zu bestärken. Der Zug derer, die die Kirchen wegen der oft homophoben Praxis und vieler schlimmer Äußerungen verlassen, zieht auch die mit, die für die Offenheit stehen. Ich bitte euch um Solidarität mit denen, die wieder und wieder Bereiche des öffentlichen Lebens öffnen wollen, die sich ohne Rast wieder und wieder für die Akzeptanz anderer Lebensformen einsetzen. Es gibt in den Kirchen viele Menschen guten Willens, großer Weite und guter Herzensbildung.

Wenn wir den Weg und den Kampf gegen Homophobie in all seinen Formen gemeinsam und solidarisch gehen, dann war der Tod von David Kato nicht umsonst.

Dann kann ein Kuss wieder uneingeschränkt Zeichen der Liebe, der wahrhaften Intimität, der Freude, der Nähe und der Zuwendung werden.

Votum von Frater Franziskus beim Gebet für David Kato vor der Botschaft von Uganda am Sonnabend, 29. Januar 2011.