Jan-Marco Luczak: Grußwort zur Verleihung der Berliner Ehrennadel

Im vergangenen Jahr wurde Bruder Franziskus die „Berliner Ehrennadel für besonderes soziales Engagement“ zuerkannt. Pröpstin Christina-Maria Bammel (EKBO), die Bundestagsabgeordneten Mechthild Rawert (SPD) und Jan-Marco Luczak (CDU) sowie Prof. Markus Beckmann (2. Vorsitzender Rogate-Kloster) hatten ihn dafür vorgeschlagen.

Dr. Jan-Marco Luczak vor der Zwölf-Apostel-Kirche, in der die Feier begangen wurde. (Bild: Büro MdB Luczak)

Die Verleihung im Roten Rathaus fiel in Folge der Pandemie aus. Die Übergabe wurde gestern, Donnerstag, 27. Mai, in der Zwölf-Apostel-Kirche nachgeholt.

Anwesend waren u.a. Dr. Jan-Marco Luczak, der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates der Zwölf-Apostel-Kirche, Carsten Schmdt, die Landespfarrerin für Spiritualität, Andrea Richter, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Gemeindeglieder der Zwölf-Apostel-Kirche und Mitglieder des Rogate-Klosters.

Dr. Jan-Marco Luczak sprach in der Feier ein Grußwort. Es wird hier dokumentiert:

Lieber Professor Beckmann, lieber Pfarrer Bornemann, 
vielen Dank für Ihre einleitenden Worte und ihre – wie immer – herzliche Gastfreundschaft. 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde und des Rogate-Klosters Sankt Michael zu Berlin, 

Ein altes Sprichwort sagt, „der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an, und handelt“ und auch wenn sich die Gelehrten bis heute uneins darüber sind, welcher klugen Feder diese Zeilen wohl entsprungen sein mögen – die einen sagen Wolfgang Goethe, die anderen schreiben sie dem italienischen Dichter und Philosophen, Dante Alighieri, zu – so könnte doch die Aussage für unseren heutigen Ehrenträger, für Sie, lieber Bruder Franziskus, kaum trefflicher sein.

Denn Abwarten, das ist wahrlich nicht Ihre Stärke. Im Gegenteil, Sie packen an. Sie Handeln. 

Seit Jahren setzen Sie sich in Schöneberg und weit darüber hinaus unermüdlich für notleidende Menschen, für Toleranz und Offenheit sowie für die Verständigung über Kulturgrenzen hinweg ein. 
Hervorheben möchte ich dabei beispielhaft ganz besonders Ihr Engagement und Einsatz für die queeren Menschen in unserer Stadt. 

Der von Ihnen ins Leben gerufene ökumenische Gottesdienst zum alljährlichen schwul-lesbischen Stadtfest in Berlin – dem größten seiner Art in ganz Europa – ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Festprogramms geworden, der weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt ist und international große Anerkennung findet. 

Er ist zu einem Sinnbild für Toleranz und Offenheit geworden. Zu einem Ort, wo Vielfalt über Grenzen hinweg verbindet und nicht spaltet. Viele Menschen haben Sie damit, lieber Bruder Franziskus, auch dem Glauben und der Kirche wieder näher gebracht. 

Im vergangenen Jahr, dem Jahr Ihrer Auszeichnung mit der Berliner Ehrennadel, konnten wir bereits das zehnjährige Bestehen dieses wohl einzigartigen Gottesdienstes begehen – wenngleich pandemiebedingt auch hier anders, als wir uns das alle gewünscht hätten. 

Lassen Sie mich daher heute die Gelegenheit ergreifen, Ihnen auch dafür noch einmal persönlich meine Anerkennung und meinen Dank auszusprechen. 

Ich hoffe und wünsche mir, dass wir auch diesen Gottesdienst bald alle wieder gemeinsam zusammen begehen und ein Fest voller Nächstenliebe und Vielfalt feiern können. 

Lieber Bruder Franziskus, ich weiß aber auch um Ihre Bescheidenheit. Ihr Antrieb ist nicht das Rampenlicht, sondern die Liebe zu den Menschen. Für Sie ist Handeln und Helfen keine Besonderheit, sondern eine Selbstverständlichkeit. 

Ich bin dankbar, dass es Menschen wie Sie, Bruder Franziskus, in unserer Stadt gibt. 
Mit Ihrer Arbeit tragen Sie dazu bei, dass unsere Welt jeden Tag ein bisschen besser wird. 

Sie versöhnen, trösten und verbinden, Sie geben Hoffnung und Zuversicht über alle gesellschaftlichen, konfessionellen und kulturellen Grenzen hinweg. 
Damit sind Sie ein leuchtendes Beispiel für ehrenamtliches Engagement, ohne das unsere Gesellschaft so viel ärmer wäre. 

Am heutigen Abend stehen Sie damit zu Recht im Rampenlicht. Sie haben unseren Dank und unsere Anerkennung mehr als verdient. 
Die Berliner Ehrennadel ist Ausdruck der Wertschätzung aller Berlinerinnen und Berliner für Ihre Arbeit und Ihre Person. Sie können Sie mit Stolz tragen. 

Lieber Bruder Franziskus, Ich freue mich auf viele weitere gemeinsame Projekte und Veranstaltungen mit Ihnen in den kommenden Jahren. 
Denn gerade die vergangenen Monate haben uns eines gelehrt, wir können die Welt ändern, wenn wir alle gemeinsam anpacken und handeln.

MdB Dr. Jan-Marco Luczak

Rückblick: Reihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ dokumentiert auf Youtube

Die einzelnen Andachten der ökumenischen Reihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ sind auf dem Youtube-Kanal der Sankt-Willehadgemeinde Wilhelmshaven jeweils live übertragen worden und archiviert, um sie weiterhin abrufen zu können.

Bild: Screenshot der Ansicht des Youtubekanals der Sankt-Willehad-Gemeinde

Der nächste Termin: Donnerstag, 20. Mai 2021 | 18:30 Uhr, Gebet für die Stadt – in der Coronakrise: Mit Oberbürgermeister Carsten Feist, Stadt Wilhelmshaven. Liturgie: Dechant Andreas Bolten und Br. Franziskus. Ort: Sankt Willehad-Kirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven. Hier der Link zum Livestream. Das Gebet wird hier zu sehen sein:

Carsten Feist: Ansprache im „Gebet für die Stadt – zum Gedenken an das Kriegsende in Wilhelmshaven“

Heute vor 76 Jahren endete der Zweite Weltkrieg für Wilhelmshaven und die Überlebenden in der Stadt.

Die Kapitulation wurde in der Nordseestadt bereits am 6. Mai 1945, zwei Tage vor der allgemeinen Kapitulation Deutschlands, unterschrieben.

Oberbürgermeister Carsten Feist hat am Abend in einer Rede im „Gebet für die Stadt – zum Gedenken an das Kriegsende in Wilhelmshaven“ in der Sankt-Willehad-Kirche daran und an die Befreiung vom Faschismus erinnert. Er nahm in seiner Ansprache auch Bezug auf heutige antidemokratische Tendenzen und Radikalisierungen.

Die Ansprache ist hier zu sehen:

Die nächsten Rogate-Andachten:


Bianca Ewering-Janßen und Marc Ewering: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben im März 2021 mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch das Coronavirus und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshavens erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

„Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am 25. März 2021 (Bild: Gemeinde St. Willehad)

Am 25. März 2021 waren Bianca Ewering-Janßen (Kurvenhaven) und Marc Ewering (Spiel + Baby Dannmann) zu Gast, um einen Klageteil zu gestalten und inhaltlich zu füllen. Das Ehepaar schilderte in der Andacht, wie sie als Geschäftsinhaber mit den Herausforderungen in der Pandemie umgehen und welche Auswirkungen die behördlichen Maßnahmen auf sie haben. Hier dokumentieren wir den Beitrag der beiden:

#MARC: Meine Frau und ich sind Unternehmer. Wir sind selbständig. Was bedeutet das? Wir haben uns entschieden, etwas zu unternehmen, selbständig zu entscheiden, ein Risiko einzugehen und die Verantwortung zu übernehmen. Und wir tun dies beide aus voller Überzeugung.

Was bedeutet also diese Pandemie für uns? Was machen die Corona-Verordnungen mit uns? Die einfache Frage: „Wie geht es dir?“ ist schon schwierig zu beantworten. Ja, wie geht es mir? „Eigentlich“ gut, meine Frau und ich sind bisher vom Virus verschont geblieben, ebenso unsere Familien und Freunde.

Die ersten Familienangehörigen sind geimpft, da sind wir sehr dankbar. Aber unseren Geschäften geht es schlecht. Das sollten wir eigentlich trennen, aber das können wir nicht.

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann
Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven (Bild: Sankt Willehadgemeinde)

#BIANCA: Der Kurvenhaven, ein Modegeschäft für Damenmode in großen Größen, ist mein Herzensprojekt. Da steckt viel Liebe drin.

Uns war es nicht vergönnt Kinder zu bekommen und ich war in meinem vorherigen Beruf nicht glücklich. Nach langem Abwägen habe ich mich dann entschlossen im November 2019 den Kurvenhaven zu eröffnen. Er ist mein Baby. Nur einen Monat später brach das Virus erstmalig in China aus und nach nur vier Monaten waren wir im ersten Lockdown.

Es ist immer noch ein Schock, auch nach über einem Jahr. Es war und ist für mich immer noch nicht vorstellbar, dass die Regierung uns von heute auf morgen ein Berufsverbot erteilen kann. Und zwar ohne dass wir uns haben etwas zu Schulden kommen lassen und ohne uns dafür angemessen zu entschädigen.

Natürlich müssen die Menschen geschützt werden! Aber da waren und sind viele Fragen: Wie geht es mit dem Kurvenhaven weiter? Wie geht es mit meinen Mitarbeitern weiter? Wie geht es mit der Ware weiter, die ich, wie üblich in meiner Branche, ein halbes bis dreiviertel Jahr im Voraus verbindlich bestelle?

Zumal ich im letzten September der Aussage von Herrn Spahn Glauben geschenkt habe, dass der erste fünfwöchige Lockdown nachträglich betrachtet ein Fehler war und es nie wieder zu einem Lockdown kommen würde. Ein Hohn mit dem Wissen von heute, da wir uns seit über drei Monaten im Lockdown befinden und ich mittlerweile nicht mehr weiß, wo ich die eintreffende Ware noch lagern, geschweige denn, wem ich sie verkaufen soll. Und die Ware muss bei Lieferung von mir bezahlt werden.

Da macht sich sehr schnell Verzweiflung breit. Plötzlich ist man davon abhängig, was andere entscheiden und hat nicht die geringste Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Es bleibt ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Trotzdem heißt es weiter machen, Ideen entwickeln, alternative Absatzmöglichkeiten finden, um dem großen Warendruck entgegenzuwirken. Die Kundinnen weiterhin an sich zu binden, gerade bei so einem jungen Unternehmen, das sich im Aufbau befindet. Den Mitarbeitern eine Perspektive bieten.

So wurde ich kurzerhand zur Moderatorin, seit Dezember bin ich mit Kurvenhaven-TV montags um 18 Uhr live bei Facebook und präsentiere eine Modenschau mit Models. Die Kundinnen können dann im Anschluss die bestellte Ware an der Ladentür abholen oder sich zuschicken lassen. An dieser Stelle nochmal ein herzlicher Dank an alle Mitwirkenden! Das und auch der Zuspruch der Kundinnen hat mir die Kraft gegeben weiterzumachen.

Dabei fühle ich mich wie in einem Paralleluniversum, während die meisten Menschen gegen die Langeweile kämpfen, arbeite ich mehr als je zuvor. Und das alles im Prinzip ohne Einkommen. Denn natürlich können auch diese Aktivitäten eine geöffnete Ladentür nicht ersetzen.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven

#MARC: Jetzt denken Sie vermutlich an die Coronahilfen. Leider ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Diese Hilfen dürfen nur für betriebliche Festkosten verwendet werden, also meine Frau und ich dürfen davon nicht unseren privaten Lebensunterhalt bestreiten. Wir sollen Hartz IV beantragen und das haben wir tatsächlich bis heute nicht übers Herz gebracht.

Wir hatten uns den Antrag zuschicken lassen. Wo dieser vereinfacht sein soll, lässt sich für uns nicht erkennen. Zum einen ist der Antrag sehr aufwendig, die Zeit haben wir gar nicht. Zum anderen müssten wir alles offenlegen. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir haben nichts zu verbergen. Vermutlich hätten wir sogar Anspruch. Aber es wurden beispielsweise die Kontoauszüge aller Konten verlangt, geschäftlich und privat. Sogar Kopien von Fahrzeugschein und Grundbuchauszug unseres privaten Hauses sollten beigelegt werden. Das alles, um Hilfe in einer Situation zu bekommen, für die wir absolut nichts können. Wir empfinden das als erniedrigend. Zudem haben wir von der Überbrückungshilfe III, die für Unternehmen gilt, die seit dem 16. Dezember geschlossen sind, noch keinen Cent gesehen.

Die Antragstellung startete erst Mitte Februar, also zu einem Zeitpunkt, als wir bereits zwei Monate geschlossen waren. Und dieser Antrag kann nur über einen Steuerberater gestellt werden. Da dieser in der Regel mehrere Klienten hat, können Sie sich vorstellen, dass sich das hinzieht. Zwischenzeitlich wurden dann auch noch die Auszahlungen komplett gestoppt, weil es einen Betrugsversuch gab. Es ist alles ein ziemlicher Nervenkrieg.

Ich habe das Glück, den Babybereich bei Spiel + Baby Dannmann auch während des Lockdowns offen halten zu können, da Babyfachgeschäfte von der Verordnung ausgenommen sind. Daher war bis Anfang März der Spielwarenbereich abgetrennt. Wir haben aber auf Vorbestellung auch gerne Spielwaren im Babybereich übergeben. Da aber alle anderen Geschäfte und Restaurants in der Marktstraße geschlossen waren, hat sich nur selten ein Kunde in meinen Laden verirrt. Also habe ich die Öffnungszeiten gekürzt und meine Mitarbeiterinnen gingen in Kurzarbeit.

Seit dem 8. März dürfen Kunden nun nach vorheriger Terminvereinbarung wieder die gesamte Fläche betreten. Und somit auch im Spielwarenbereich stöbern. Dabei hat der Gesetzgeber nicht festgelegt, wie weit im Voraus diese Termine zu buchen sind. Da mein Laden über 680 qm verfügt, und sich eine Kunde plus Begleitung auf 40 qm aufhalten darf, ist eigentlich immer noch ein spontaner Termin an der Tür möglich. Die Öffnungszeiten sind auch wieder ausgeweitet.

Täglich lesen wir uns durch Verordnungen, die auch gerne mal über Nacht geändert werden. So zum Beispiel die Erfassung der Kontaktdaten. Der Passus stand ursprünglich in der Corona-Verordnung vom 6. März des Landes Niedersachsen nicht drin. Er wurde am Abend des 12. März nachträglich eingefügt, aber bereits zum 13. März in Kraft gesetzt. Und dabei möchten wir eigentlich nur eins: Unsere Kunden glücklich machen! Ich möchte in meinem Spielwarengeschäft in leuchtende Kinderaugen sehen und den Satz hören: „Das habe ich mir schon immer gewünscht.“

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann

#BIANCA: Und ich liebe es, wenn meine Kundin gefühlt zehn Zentimeter größer das Geschäft verlässt, weil ich ihr mit typgerechter, modischer Kleidung zeigen kann, wie schön sie ist und wie sie ihre Vorzüge unterstreicht.

Stattdessen bangen wir von Ministerpräsidentenkonferenz über Pressekonferenz zu Corona Verordnung des Landes Niedersachsen. Wir haben gelernt, Behördendeutsch zu lesen und passen unsere Betriebe ständig an.

Es fing von März bis April letzten Jahres mit dem ersten Lockdown an. Dann ein Sommer mit gefühlt ein wenig Normalität. Im November kam der Teil-Lockdown. Dieser brachte uns wieder einen großen Einbruch, da eine Fußgängerzone ohne Cafés und Toiletten in der kalten Jahreszeit nicht gerade zum Verweilen einlädt. Ab Dezember dann der komplette Lockdown, lediglich mit Abhol- und Lieferservice. Dieser Lockdown wurde mehrfach verlängert. Seit dem 8. März haben wir zwar offiziell weiterhin geschlossen, aber Beratung und Verkauf nach Terminvereinbarung ist möglich. Erst ohne Erfassung der Kontaktdaten, dann plötzlich mit.

Diese Veränderungen kommen teilweise so kurzfristig, dass wir kaum reagieren können. So auch das aktuelle Beispiel. Erst werden für Gründonnerstag und Karsamstag Ruhetage angeordnet. Nur zwei Tage später wird diese Anordnung zurückgenommen. Wir ändern also die Planung für die Mitarbeiter, verteilen die Stunden in den Schichten neu, nur um dann alles wieder rückgängig zu machen. Was ich im Übrigen jetzt nicht mache. Ich gönne meinen Mitarbeiterinnen und mir jetzt die fünf Tage Ruhe und Zeit mit der Familie. Das haben wir uns verdient.

Gleichzeitig müssen wir diese Ungerechtigkeit ertragen, dass Marktkauf und Kaufland ohne Begrenzung das volle Sortiment anbieten dürfen. Dort durften durchgehend auch Spielwaren und Bekleidung verkauft werden, dort muss auch jetzt kein Termin vereinbart werden. Dort darf sich ein Kunde auf 10 qm aufhalten, bei uns ein Kunde inklusive einer Begleitung auf 40 Quadratmeter. Wir sind wütend und die Kunden mittlerweile massiv verunsichert.

Da war die Pressemitteilung der Stadt Wilhelmshaven diese Woche nicht besonders förderlich. Die Stadtverwaltung warf den Einzelhändlern vor, die Vorgaben zu verwässern und drohte mit Bußgeldern. Auch dass einzelne Fachgeschäfte wie Blumenläden und Buchläden plötzlich ohne Terminvereinbarung öffnen dürfen, trägt nicht gerade zum allgemeinen Verständnis bei. Bisher konnte uns keiner erklären, was der Unterschied zwischen einer Topfpflanze, einem Buch, oder eben einem Pullover und einem Spielzeug ist.

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zynisch werden. Und dann denken wir an die Gastronomie und Hotellerie, die immer noch nicht öffnen darf, aber dabei zusehen muss, wie körpernahe Dienstleistungen möglich sind und der volle Flieger nach Malle abhebt. Gleichzeitig sind die Theater und Kinos geschlossen. Da geht es uns gut. Aber wir spüren auch, dass sich allgemein Unverständnis breit macht, weil die Nachvollziehbarkeit nicht mehr gegeben ist.

Ebenso spüren wir leider auch, dass die Solidarität nachlässt, wurden während des ersten Lockdowns noch großzügig Gutscheine gekauft, um die regionalen Geschäfte zu unterstützen, siegt doch mittlerweile die Bequemlichkeit und bei Amazon ist alles schnell angeklickt.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven
Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann Bild: Sankt Willehadgemeinde)

#MARC: Die Schwierigkeit ist der Föderalismus. Erst erfolgen die Bund-Länder-Beratungen in der Ministerpräsidentenkonferenz. Diese schließen mit einer Pressekonferenz ab, auf der die Ergebnisse dieser Konferenz mitgeteilt werden.

Diese Ergebnisse sind für die einzelnen Bundesländer aber nicht verbindlich. Die Länder arbeiten ihre Verordnungen im Anschluss separat aus. Die niedersächsische Corona-Verordnung weicht an vielen Stellen von dem Ergebnis der Beratungen ab. Beispielsweise dürften wir auch bei einer Inzidenz von unter 35 in Wilhelmshaven unser Geschäft nicht komplett öffnen. In anderen Bundesländern ist dies üblich.

Wir haben den Glauben in die Regierung, in die Politik verloren. Zu oft gab es schon Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. Das Vertrauen ist leider nachhaltig gestört. Wir haben großen Respekt, wenn Menschen, wie aktuell Frau Merkel, Fehler eingestehen und sich entschuldigen. Aber was weiterhin fehlt, ist die Perspektive.

Die aktuelle Niedersächsische Corona-Verordnung tritt mit Ablauf des 28. März außer Kraft. Das ist Sonntag, heute in drei Tagen. Und wir wissen immer noch nicht, was dann kommt. Wir wissen nicht, was wir unseren Mitarbeitern sagen sollen, ob und wann sie nächste Woche arbeiten dürfen. Wir können keine Ware, keine Öffnungszeiten planen. Nichts!

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann

#BIANCA: Was bleibt ist Hoffnung. Hoffnung, dass das Impfen nun schnell voranschreitet. Hoffnung, unsere Geschäfte bald wieder vollständig öffnen zu dürfen. Hoffnung, dass die Gastronomie wieder öffnen darf, damit die Innenstadt wieder einladend für einen Shoppingbummel ist. Hoffnung, dass die Hotellerie und sonstige Beherbergungen wieder öffnen dürfen, damit die Touristen wiederkommen, die auch für uns wichtig sind. Hoffnung auf eine neue, lebenswerte Zukunft.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven

Das Gebet für die Stadt wurde live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Wir sind Bündnismitglied. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten im Rahmen eines Klageteils über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

(Bild: Sankt Willehadgemeinde)

Am 18. März 2021 waren Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Inhaber Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN Wilhelmshaven, zu Gast. Sie beschrieben eindrücklich, wie es ihrem Betrieb, ihren Mitarbeitenden und ihnen persönlich in der Pandemie ergeht. Hier dokumentieren wir den Beitrag der beiden:

Es ist der 17. März 2020. Eine WhatsApp-Nachricht an unser Team: „Wie Ihr alle mitbekommen habt, treffen Daniel und ich täglich neue Entscheidungen. Entscheidungen, welche wir Tage zuvor noch nicht einmal im Ansatz in unser Denken aufgenommen haben – so fern und abstrakt und leider so nah ist dieser ganze Mist, der nicht nur uns, sondern alle da draußen derzeit einholt. Es ist nicht so, dass rein niemand kommt und bei uns konsumiert. Aber wir merken, wie es Tag für Tag weniger werden.

Auch wächst bei uns die Unsicherheit, wie lange wir verantwortungsvoll uns, Euch und den Gästen gegenüber noch geöffnet haben können.

So sind die Tage gefüllt mit lauter Fragezeichen, mit stündlichem „Auf und Ab“. Wir erhoffen uns Klarheit bei einem morgigen Gespräch mit unserem Steuerbüro. All das, was Ihr in den Medien derzeit zu hören bekommt, gilt es zu besprechen, abzuwägen und genau unter die Lupe zu nehmen. Denn wir werden Hilfe benötigen – so viel ist klar. Inwiefern und was das für uns und auch für Euch heißt, wird sich somit erst die kommenden Tage genau zeigen. Wir werden Euch direkt darüber in Kenntnis setzen! Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise noch geht.

Ich danke Euch aber für Euer bisheriges Verständnis! Für Euer „Kein Problem, Heike! Dann geh ich halt eher nach Hause!“.

Einen Tag später, am 18. März 2020. Eine weitere Nachricht ans Team: „Hallo zusammen, heute haben bereits Gespräche mit einigen von Euch stattgefunden. Die momentane Situation bringt uns wirtschaftlich extrem an unsere Grenzen. So werden wir auf das ein oder andere Hilfspaket vom Staat zurückgreifen müssen. Ab morgen werden drei von Euch komplett auf Kurzarbeit umgestellt. […]

Für die Aushilfen unter Euch gilt, dass ich all Eure Schichten streichen musste. Es tut mir unglaublich leid, weil ihr so nicht die Möglichkeit bekommt, das benötigte Geld zum Lebensunterhalt hinzuzuverdienen. […] Ich habe keine Ahnung, ob dieser Plan aufgeht. Nicht derzeit, wo alles drunter und drüber läuft. Ich hoffe aber auf Euer Verständnis… ich kann leider keine anderen Ergebnisse liefern, was mich und Daniel selber extrem unglücklich zurücklässt.

Solltet Ihr Fragen haben, so wendet Euch sehr gerne an uns. Lasst uns gemeinsam diese Zeit so gut es geht überstehen! Und vor allen Dingen: Lasst uns gesund bleiben!“

Abends am selben Tag dann die nächste Nachricht:

„Und während ich die Zeilen heute am Spätnachmittag an Euch schrieb, war vorne das Ordnungsamt zu Besuch und teilte die nächsten Neuigkeiten mit: AB SOFORT dürfen nur noch höchstens Vierer-Tische angenommen werden. Keine Fünfer-Gruppen oder mehr!!! Müssen zwischen den verschiedenen Parteien mindestens zwei Meter Abstand sein. Muss eine Bezahlt-Reihe im Laden kenntlich sein, in welcher die Gäste mit einem Abstand von 1.5 Metern zueinanderstehen. Diese neuen Auflagen werden im laufenden Betrieb kontrolliert. Sollte da irgendetwas missachtet werden, erhalten wir keine Verwarnung, sondern direkt eine Strafanzeige!!! So haben wir nun Tische rausgeräumt, manchen Tisch doch stehen gelassen (damit‘s nicht gar so leer aussieht) und diese wiederum gekennzeichnet!“

Am nächsten Tag, den 19. März, beschlossen wir, unser Café komplett zu schließen. Die Auflagen nahmen uns unsere Betriebsfähigkeit. Es kamen keine Gäste mehr. Unter Tränen schickten wir das gesamte Team in Kurzarbeit und schlossen den Laden zu.

****

Was ist geschehen? Corona platzte in unser Leben. Ließ sich nieder und machte es sich so richtig bequem. Bestimmt war es unglaublich naiv von uns, nicht im Januar und Februar 2020 bereits zu erkennen, was auf uns zukommt. Zu verstehen, was es für uns – für unser kleines Café und Hotel – für Folgen haben kann. Aber wir hätten zu dem Zeitpunkt eh nichts ändern können. Was uns zum Verhängnis wurde?

Wir waren kurz vor Fertigstellung unserer Renovierungsarbeiten einiger Hotelbäder. Diese Arbeiten begannen im Dezember 2019. Wir waren sehr glücklich und stolz, dass wir vier Bäder renovieren konnten aus Eigenmitteln. Aus Angespartem der letzten Jahre. Wer schon mal ein Bad renoviert hat, weiß, mit welchen Kosten dies verbunden ist. Und dann kam von heute auf morgen das Aus für unser Unternehmen. Wir verdienten nichts mehr. Nichts!

Aber es mussten Rechnungen bezahlt werden. Nicht nur die Handwerkerrechnungen, die fleißig hineinflatterten… das Team sollte sein Geld bekommen, Darlehen liefen weiter, die sogenannten Fixkosten mussten beglichen werden. Die zugesagten Hilfen wurden direkt beantragt und kamen vier Wochen später. Natürlich hätten wir die Möglichkeit gehabt, diverse Zahlungen zu stunden, also aufzuschieben. Unser Steuerberater ermahnte uns, dies nicht zu tun, denn irgendwann kommt der Zeitpunkt der Zahlung. Also stundeten wir nicht. Wir zahlten weiter, was eben zu zahlen war.

Hilfe von der Hausbank, um Tilgungen auszusetzen? Natürlich doch! Das kostet aber extra! 500,- Euro Bearbeitungsgebühr. Also haben wir uns auf privatem Wege Gelder geliehen, um uns am Leben zu halten. Denn was ein Unternehmen an Fixkosten in vier Wochen zu leisten hat, ist nicht mal eben mit ein paar hundert Euro zu begleichen.

Wir liefen mehr als blank und als die Soforthilfe dann da war, waren wir auf Null. Also musste ein Kredit her! Es ging nicht anders. Das Lebenswerk meiner Schwiegereltern und das von uns neu Erschaffene aufzugeben, war keine Option! Während alle ihre Wohnungen entrümpelten und Gärten pflegten, saßen wir täglich im MORGÆN, beantragten irgendwo irgendwelche Hilfen, integrierten PayPal als Bezahlfunktion, versuchten ein Konzept zu entwickeln, mit dem wir wenigstens etwas Geld generieren konnten und machten weiterhin über die sozialen Netzwerke auf uns aufmerksam. Denn was weiterhin Bestand hatte, das waren die vielen Menschen – Gäste wie Mitarbeiter – die nur darauf warteten, uns irgendwie zu unterstützen.

Wir guckten uns für unser Hotel das Prinzip des „Hoteloffice“ aus anderen Städten ab. Wer zu Hause nicht vernünftig arbeiten kann, kann sich bei uns Tageweise ein Zimmer buchen. Dies Angebot wurde angenommen. Von einem Gast. Jede Woche an dem Tag, an dem seine Putzfrau seine Wohnung reinigte. Immerhin!

Im MORGÆN öffneten wir einen Kiosk. Gegen Vorbestellung konnte man Kuchen abholen. Die Menschen waren glücklich, auch nur ein klitzekleines bisschen vom MORGÆN bei sich daheim zu erleben, zu genießen. Und wir waren glücklich, derart Zuspruch zu erfahren.

****

Mit unserem Team waren wir im steten Austausch! Wir motivierten die Menschen zu mehr Bewegung, weniger Netflix und riefen auch mal Ärzte an, wenn das Deutsch nicht so gut war um mitzuteilen, dass der Körper in den Streikmodus schaltet. Der Kampf in dieser Krise zeigte wieder mehr, dass wir es nicht nur mit extremen finanziellen Sorgen zu tun hatten, sondern als Chefs auch eine Verantwortung und Fürsorgepflicht jedem einzelnen unserer Mitarbeiter gegenüber.

Menschen, die plötzlich nur noch einen Bruchteil ihres Gehalts durch Kurzarbeitergeld bekommen, aber trotzdem die vollen festen Beträge an Miete, Nebenkosten und Krippenbeiträge et cetera zu leisten haben. Menschen, deren Familien nicht in Deutschland wohnen und durch die Krise komplett abgeschnitten wurden aus ihrem sozialen Miteinander. Alleine dastehen. Jeden Tag alleine bestreiten. Das macht was mit uns Menschen. Und es macht nichts Gutes. So ging ein Aufatmen durch die Reihen, als es hieß, wir dürfen am 12. Mai wieder öffnen.

Zwei Monate seit Schließung im März 2020 ohne nennenswerten Umsatz. Wir hatten ab diesem Zeitpunkt im Café weniger als die Hälfte an Plätzen zur Verfügung aufgrund der Abstandsregelungen. Somit auch weniger an Umsatz. Dafür mehr Ausgaben. Kanisterweise musste Desinfektionsmittel geordert werden. Masken für das komplette Team. Plexiglasabtrennungen integrieren, Lüftungsanlage in Betrieb nehmen.

Gute zwei Wochen hat es dann gedauert, bis die Menschen sich auch getraut haben, wieder vor die Tür zu gehen.

Es ist der 7. Juni 2020. Mal wieder eine WhatsApp-Nachricht an unser Team: „Hallo zusammen! Ich schicke Euch hier den Plan für den restlichen Juni. […] Wir erfahren, wie alle anderen auch, alle neuen Regelungen und Lockerungen ein paar Tage vorher durch die Medien. Und somit kann es hier auch immer noch zu Änderungen kommen, was die Schichtplanung angeht.

Es ist schwierig, einen Plan zu schreiben und dabei zu versuchen, allen so gut es geht gerecht zu werden. Die Festangestellten sind derzeit nach wie vor alle in Kurzarbeit. Zwar nicht mehr zu 100 Prozent, aber keiner ist auch zu 100 Prozent wieder bei uns.

Es ergeben sich Wochenenden, an welchen wir langsam wieder Aushilfen benötigen! Ich hoffe natürlich, dass Ihr alle noch dabei seid und Lust habt auf uns und das MORGÆN. ♥️ Wir haben Lust, auch wenn einiges komplett anders läuft.

Es gibt Tage, die laufen miserabel und andere Tage, da läuft es ganz gut. Trotzdem versuchen wir weiter, das beste aus der momentanen Situation zu machen. Und vor allen Dingen, ruhig zu bleiben. Keiner kann die Zeit zurückdrehen, niemand kann was dran ändern. Und so gießen wir weiterhin den leckersten Kaffee in Wilhelmshaven, kredenzen unsere Frühstücke und Bowls und Kuchen und haben Spaß am Leben und am Miteinander. Und jeden Tag aufs Neue freuen wir uns, Euch wieder um uns zu haben – das war ganz schön deprimierend so allein…“

****

Die Zeit bis zum nächsten Lockdown lief sehr gut. Die Menschen kamen und waren unendlich glücklich, endlich wieder Orte zum Verweilen zu haben. Orte, an denen man sich zu mehreren Treffen durfte. Die Gastronomie ist ein wichtiger Pfeiler in unserer Gesellschaft. Bei uns kann man die Seele baumeln lassen, sein „Sein“ genießen. Das klingt so nebensächlich, ist es aber bei weitem nicht! Wir sind soziale Wesen! Wir brauchen einander! Die Gastronomie und Hotellerie sorgen für derlei Miteinander bei einem absolut hygienischen hohen Standard.

Dann die Ernüchterung: Der nächste Lockdown im November 2020. Wir waren ruhiger als beim ersten Lockdown im Frühjahr. Nicht mehr panisch. Es flossen keine Tränen. Es wurde uns Hilfe vom Staat zugesagt. Bessere Hilfen als beim ersten Mal. Auch wenn diese lange auf sich warten ließen.

Wir hatten uns über den Sommer ein finanzielles Polster zulegen können. Eigentlich wollten wir direkt den zuvor nicht geplanten Kredit aus dem Frühjahr wieder zurückzahlen. Aber daraus wurde nichts. Wir mussten diesen nutzen, um die Durststrecke bis zur ersten Abschlagszahlung zu überstehen.

Obendrein versuchten wir weiterhin täglich das To-Go-Geschäft im Café am Laufen zu halten. Der Zulauf wurde bis zum Schluss immer weniger. Bis Weihnachten hielten wir stand. Danach schlossen wir das Tor zum MORGÆN bis in den Februar dieses Jahres. Seitdem haben wir jeden Samstag geöffnet und verkaufen alles zum Mitnehmen.

Das Geschäft im Hotel läuft seit November mehr als schleppend. Die Firmen schicken ihre Leute nicht mehr auf Reisen und somit bleiben unsere Betten leer. Die erste Abschlagszahlung der Novemberhilfe erreichte uns kurz vor Weihnachten. Die Auszahlung der kompletten außerordentlichen Wirtschaftshilfen waren dann Ende Februar dieses Jahres abgeschlossen. Die Überbrückungshilfe III, welche einen Teil unserer Fixkosten für die Zeit ab Januar bis zur Rückkehr zur regulären Öffnung unseres Geschäftes übernimmt, ist die nächste Formalität, welche nun beantragt wird.

Wenn wir uns vor Augen führen, dass wir Ende April dieses Jahres – und darauf wird es nach den aktuellen Informationen mindestens hinauslaufen – mit unserem Unternehmen nur einen Bruchteil von Umsatz machen konnten als in jedem anderen normalen halben Jahr, wird uns beiden schlecht! Also versuchen wir nicht drüber nachzudenken. Wir können es doch nicht ändern. Ändern können wir aber unsere Einstellung. Zu uns selbst. Unserem bisherigen Tun. Zu unserem Unternehmen. Und so birgt jeder noch so große Mist auch immer etwas Gutes in sich.

Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Inhaber Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN

Das Gebet für die Stadt wurde live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Wir sind Bündnismitglied. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

Bianca Bolle: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

Am 11. März 2021 war die Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Wilhelmshaven, dem ambulanten Pflegedienst der evangelisch-lutherischen Kirche in der Nordseestadt, an die Situation der Gepflegten, des Dienstes und der Mitarbeitenden seit dem Anfang der Pandemie erinnert. Die Liturgie sah einen Klageteil vor. Hier dokumentieren wir den Beitrag von Bianca Bolle:

Im Haus der Diakonie in Wilhelmshaven (Niedersachsen) hat die von Bianca Bolle geleitete Diakoniestation ihren Sitz (Bild: Rogate-Kloster)

Anfang 2020: Corona hat Deutschland erreicht, während in Süddeutschland bereits ein hohes Ausbruchsgeschehen herrscht, ist es im Norden noch relativ ruhig. Der Übertragungsweg ist schnell klar, Tröpfcheninfektion wie auch bei Erkältungskrankheiten. Das Virus verbreitet sich schnell. Das Robert Koch Institut empfiehlt: „Abstand halten und Kontakte meiden“. Die ambulanten Pflegedienste versorgen die Risikogruppen, oft hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen. Abstandhalten in der Pflege? Wie soll das gehen? Gar nicht.

Hygieneregeln sind für uns nichts Neues, die Händedesinfektion vor und nach Patientenkontakt Routine. Ein großes Problem trat auf: die Preise für Desinfektionsmittel explodierten. Es waren Preissteigerungen von 300 Prozent zu beobachten. Auch die Preise für weitere Schutzkleidung stiegen ungebremst. Ein medizinischer Mundnasenschutz, ein 15 Cent Artikel wurde mit 3,50 Euro gehandelt. Eine Packung Handschuhe stiegt von ihrem ursprünglichen Preis von drei Euro auf 15 Euro an. Eingeschritten ist hier niemand, das nennt sich freie Marktwirtschaft, die Nachfrage regelt den Preis.

Bereits bevor die Regierung die Pflicht zum Tragen eines Mundnasenschutzes beschlossen hat, haben wir uns dazu entschlossen, sie zum Schutz unserer Patient:innen und Mitarbeitenden zu tragen. Aber woher nehmen? Der Markt ist leergefegt. Lieferzeiten bis zu zwei Monate. Im privaten Umfeld umgehört, wer kann uns ausreichend Behelfsmasken zur Überbrückung nähen? Kollegen, Familie und sogar neunzigjährige Patienten machen sich an die Arbeit.

Im März 2020 dann ein Lichtblick, die Regierung verspricht alle Krankenhäuser und Pflegeinrichtungen mit Masken zu beliefern, vorrangig die Krankenhäuser und die Pflegeheime. Ja, auch wir haben welche erhalten, Anfang Dezember 2020, mit einem Brief vom Gesundheitsminister, datiert auf den 26. März 2020.

Die Ängste wachsen, viele Patienten stellen aus Angst vor Ansteckung ihre Versorgung ein, die Medien schüren die Ängste und verkünden, das Pflegepersonal sei der Überträger.

Es folgt der erste Lockdown. Die Pflegedienste arbeiten weiter, still und unerkannt, sieben Tage die Woche. Selbst durch Vorerkrankungen gefährdete Kolleg:innen machen weiter. Zusätzliche Belastungen kommen hinzu, die Kindertagesstätten und Schulen schließen. In der ambulanten Pflege arbeiten zum größten Teil Frauen in Teilzeit, mit Kindern. Wohin mit dem Kind, wenn ich arbeiten muss? Das Pflegepersonal wird plötzlich als systemrelevant eingestuft. Eine Notbetreuung der Kinder muss von den Einrichtungen gewährleistet werden.

Beim Anmelden der Notbetreuung in einer Kinderkrippe erhielt eine Mitarbeiterin die Aussage: „Ja, aber nur für systemrelevante Berufe!“ Traurig. Wir sind in den Augen der Bevölkerung nicht systemrelevant. Immer wieder hören wir Aussagen wie: „Wann macht Ihr denn wieder auf? Seid ihr auch im Homeoffice? Ach so, ihr arbeitet auch im Lockdown?“ Ja, die ambulanten Pflegedienste arbeiten immer, an 365 Tagen im Jahr arbeiten … und ja…  wir arbeiten auch an Weihnachten, Silvester und während einer Pandemie!

Dann endlich ein Schreiben der Niedersächsischen Landesregierung, das Hilfe verspricht. Die Ernüchterung ist schnell da. Erste Anweisung: „Die Versorgung der Patienten ist unter allen Umständen aufrecht zu erhalten! Sollten hohe Mitarbeiterausfälle auftreten: Stellen Sie mehr Personal ein! Ist dieses nicht möglich, fragen Sie in anderen Einrichtungen nach, ob diese aushelfen können…“

Von weiteren Vorschlägen möchte ich hier gar nicht sprechen…Wir leben seit Jahren in einem Pflegenotstand, Personal auf dem freien Markt gab es schon vor Corona nicht.

Der Toilettenpapierwahnsinn nimmt seinen Lauf. Haben Sie schon einmal in das verzweifelte Gesicht einer schwer kranken neunzigjährigen Frau, geblickt, die Ihnen verzweifelt und den Tränen nahe berichtet, dass sie den Kampf um Toilettenpapier verloren hat und nichts mehr hat? Also wieder an private Kontakte anknüpfen, bis sich ein Geschäft findet, was uns Toilettenpapier für unsere Patienten reserviert. Abzuholen bitte möglichst kurz vor Geschäftsschließung, im Dunkeln, mit Begleitservice bis zum Auto, damit ja nichts passiert…

Der Sommer kommt. Die Pflegedienste arbeiten weiter. Personal fehlt noch mehr als zuvor, da jetzt jede kleine Erkältung zu einer Krankschreibung von sieben Tagen führt, obwohl diese häufig schon nach zwei Tage vorüber ist. Häufiges Einspringen aus dem „Frei“ ist die Folge. Zumindest gibt es wieder Schutzausrüstungen, die Preise weiter extrem hoch, aber zumindest lieferbar. Schnell wird in der zweiten Welle aus dem Tragen einer Behelfsmaske die Pflicht, einen medizinischen Mundschutz in der Pflege zu tragen, kurze Zeit später die Verpflichtung zur FFP 2 Maske umzusetzen in den Einrichtungen innerhalb von wenigen Tagen.

Mitarbeitende mit Lungenerkrankungen wie zum Beispiel Asthma bekommen durch diese Masken kaum Luft, die ersten Ohren sind wund, offene Stellen hinter den Ohren keine Seltenheit, die FFP 2 Maske muss eng anliegen. Die Mitarbeitende der ambulanten Pflege arbeiten weiter, ungesehen von vielen, klagen nicht und sind für Ihre Patient:innen da.

An Corona erkrankte Patienten müssen versorgt werden, in voller Schutzkleidung, die einem kaum die Luft zum Atmen lässt… So wie man es aus dem Fernsehen kennt. Das Risiko, sich trotzdem zu infizieren, schwebt immer über einem. Coronapatient:innen, die alleine zu Hause leben, die Angehörigen weit entfernt, müssen versorgt werden. Die Mitarbeitenden der ambulanten Pflegedienste sind oft die einzigen Ansprechpartner.

Eine Mitarbeitenden-Teststrategie wird von der Regierung festgelegt, umzusetzen in drei Tagen. Durchführen dürfen sie nur examinierte Pflegekräfte nach einer ärztlichen Schulung – in Testzentren darf es jeder, der eine Schulung erhalten hat. Die Schulung ist über die Krankenkasse abzurechnen, trotzdem verlangt ein Arzt knapp 700 Euro für eine einstündige Schulung. Wieder organisieren, es ist kurz vor Weihnachten 2020, viele Ärzte schon im Urlaub. Das Gesundheitsamt wird eingeschaltet. Dreimal pro Woche müssen alle Mitarbeitende verpflichtend getestet werden, auch wenn Feiertag ist, Tests sind Mangelware… Es ist alles genau zu dokumentieren.

Im Januar 2021 dann geht Niedersachsen den Alleingang: Tägliche Testung der Mitarbeitenden in der ambulanten Pflege an sieben Tagen in der Woche. In keinem anderen Bundesland ist dieses erforderlich. Soziale Kontakte gibt es eh schon lange nicht mehr. Dieses heißt täglich bis zu 15 Mitarbeitende testen: Schutzkleidung anlegen, Schutzkittel, Haube, Handschuhe, Schutzvisir , FFP2 Maske…Test durchführen, 15 Minuten auf das Ergebnis warten und hoffen, dass alles gut ausgeht… Fünfzehnmal hintereinander… wir haben ja auch sonst nichts zu tun.

Aber jetzt wird alles besser, es wird ja geimpft, Nachdem bereits im Dezember angefangen wurde, den Bedarf in Krankenhäusern und Pflegeheimen zu ermitteln, und im Januar die ersten Impfungen starteten, fiel dann Anfang März auf: Ach ja, die ambulante Pflege gibt es ja auch noch… Ja, auch wir gehören zur höchsten Priorität und sind systemrelevant, auch wenn man uns nicht sieht und wahrnimmt… oder wussten Sie, dass wir in Wilhelmshaven 18 verschiedene ambulante Pflegedienste haben?

Bianca Bolle, Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Wilhelmshaven, am 11. März im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ in der Pfarrkirche Sankt Willehad Wilhelmshaven.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Das Diakonische Werk Friesland-Wilhelmshaven e.V., der Förderverein Rogate-Kloster und wir sind Bündnismitglieder. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

Gottesdienst für Mensch und Tier: Predigt von Prof. Julia Enxing

Zum Franziskusfest feierten wir am 3. Oktober unseren ökumenischen „Gottesdienst für Mensch und Tier“ in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche.

Diese Segensfeier ist bei uns Tradition geworden, seit zehn Jahren ist er fester Bestandteil unseres Gottesdienstjahres. Mindestens einmal im Jahr wird zu dieser besonderen Segnungsfeier eingeladen, zumeist am 3. Oktober.

Auch im Coronajahr 2020 wollten wir nicht darauf verzichten. Wir konnten Prof. Dr. Julia Enxing, Dresden, als Predigerin gewinnen. Wir dokumentieren ihre Ansprache hier:

Willkommen im Anthropozän. Anthropozän, so nennen Wissenschaftler:innen unser Zeitalter, ein Zeitalter, in dem Menschen den natürlichen Lebensraum in kürzester Zeit mehr verändert haben als je zuvor. Anthropozän benannt nach dem Anthropos, dem Menschen. Wir haben es also geschafft: ein ganzes Zeitalter wird nach uns benannt. Herzlichen Glückwunsch.

Doch… wer kann schon ernsthaft stolz darauf sein? Die Veränderungen die die Menschheit, die wir, bewirkt haben und bewirken, führen nicht nur zu innovativen Technologien, Pflege-Robotern und E-Autos, sie führen auch zu nuklearen Waffen, Bergen von Plastik an den Stränden der Welt und zu einem massiven Artensterben.




Prof. Dr. Julia Enxing mit Lucy in der Mitte des Tier-Gottesdienstteams (Bild: Markus Beckmann)

Erst kürzlich bekamen wir es schwarz auf weiß: Mit unserem Lebensstil haben wir zwei Drittel der Tierbestände in den vergangenen Jahrzehnten ausgelöscht. Ausgelöscht. Weg. Unwiederbringlich. Zwei Drittel. Das muss man sich mal vorstellen. 68 Prozent der Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien sind zwischen 1970 und 2016 zerstört worden.

Neulich habe ich Folgendes gelesen: Wenn wir Menschen einander im selben Ausmaß und in derselben Geschwindigkeit töten würden wie wir Tiere töten, wären wir innerhalb von 17 Tagen ausgestorben.

All das macht mich sehr traurig. Es macht nicht nur oft genug traurig, wie wir Menschen miteinander umgehen, es macht mich auch traurig, wie wir mit den Tieren umgehen.

Es macht mich nicht nur traurig, wie sehr wir auf Kosten von anderen Menschen leben, sondern auch, wie sehr wir auf Kosten der Tiere leben.

Als könnten sie etwas dafür.

Als könnten sie etwas dafür, dass wir es waren, die einst entschieden haben, dass wir, die Menschen, die Krone der Schöpfung seien, uns anderen überlegen fühlen und sie zu unseren Dienern und Sklaven machten.

Apropos Krone der Schöpfung – steht davon eigentlich etwas in der Bibel? Ich suche dieses Missverständnis dort schon lange und bin bisher nicht fündig geworden. Ich lese die Schöpfungserzählung und lese dort, dass Gott sich – natürlich nur symbolische, nicht wörtliche – fünfeinhalb Tage für die Erschaffung von Licht und Finsternis, Wasser, Erde und Himmel, Bäumen und Sträuchern, Sternen, Wasser-, Flug- und Landtiere Zeit genommen hat und … einen Nachmittag für den Menschen. Und dass der krönende Abschluss dieses wunderbaren Werkes, die Krönung der gesamten Schöpfung (nicht nur dieses einen nachmittags) der Sabbat war, der siebte Tag. Der Sabbat ist geheiligt, er ist die Krone der Schöpfung, nicht der Mensch. Und der Sabbat gilt selbst den Tieren. Auch sie sollen am Sabbat ruhen von ihrer Arbeit. Sie sind ebenfalls geheiligt. Es ist das Miteinander allen Lebens, das geschaffen wurde, damit es lebt, damit es nur so wuselt und wimmelt, summt und brummt und quietscht, blubbert, bellt, grunzt und miaut.

Das Konzert des Lebens wurde von Gott am Sabbat gekrönt – und da heißt es, dass das gut war. Gott fand das gut, diese Fülle an Leben, diese Lebensfülle. Ich frage mich: Wie muss das nun für Gott sein, dass wir dieses Lebenswerk sukzessive zerstören. Sind wir nicht aufgetragen, den Willen Gottes zu erfüllen?

Sie alle, die sie hier sind und auch die, die nicht physisch, sondern nur in Gedanken hier sein können oder wollen, haben sich hier versammelt, weil sie zu den Menschen gehören, die den paradiesischen Zustand des Miteinanders von Lebendigem kennen, schon erlebt haben und wertzuschätzen gelernt haben. Sie alle haben vermutlich einen Zugang zu dem, was es heißt, die Schöpfung zu lieben. Vielleicht haben Sie einen Garten oder einen Balkon, auf dem sich regelmäßig die Bienen zum Tanz versammeln. Oder sie haben einen Rasen auf dem sich die Grashüpfer tummeln, einen Teich, in dem die Kaulquappen umhersausen oder sie gehen durch einen Park, in dem die Eichhörnchen um die Wette klettern. Vielleicht haben sie auch ein Meerschweinchen, dessen freudiges Quieken ihnen Geschichten aus einer anderen Perspektive erzählt oder sie haben eine Katze, mit der sie eine WG bilden, oder oder oder … oder Sie wissen davon zu berichten, wie bereichernd es ist, mit einem Hund an ihrer Seite leben zu dürfen. Wie schön und manchmal auch wie traurig und sorgenvoll ein Leben mit Tieren ist.

Menschen die ihr Leben mit Tieren teilen dürfen, erfahren häufig das, was manche Bibelschulen, manche Katechese und manche Predigt mühevoll zu vermitteln suchen: Die Zusage: Du bist wertvoll. Ich freue mich, dass Du da bist. Egal, wie Dein Tag war, egal, ob Du es noch zum Friseur geschafft hast, egal, ob Du im Berufsleben erfolgreich warst: Es ist schön, dass Du da bist. So, wie Du bist. Diese vorbehaltlose und zensurfreie Annahme schaffen wir Menschen einander selten zu vermitteln. Das können vermutlich nur Tiere. Hier sind sie uns in der Vermittlung der göttlichen Liebe um einiges voraus.

Der Berliner Philosoph und Schriftsteller Andreas Weber drückt es so aus: „Darin sind sie (die Tiere) so, wie man sich einst die Gnade Gottes vorgestellt hat. Der Schulversager, der von Schwermut gepeinigt wird, hat für seinen Hund denselben Wert als Kumpan und Bezugsperson, als wäre er ein Überflieger. Die beißenden Regeln menschlicher Sozialbeziehungen sind teilweise außer Kraft gesetzt. (…) In einer Welt, in der es nichts geschenkt zu geben scheint, bezeugen Tiere gerade die Möglichkeit unverdienter Gunst.“

Ich kann es nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Niemand, aber wirklich niemand, hat mich je so ehrlich und so freudig begrüßt, wie meine Hündin. Sie kann mich geradezu überschwänglich überfallen. Wenn ich nach ein paar Tagen von einer anstrengenden Konferenzreise, bei der ich mir unter Umständen harte – oftmals sehr gnadenlose und erbarmungslose – Kritik anhören musste, geprüft, gewogen, gemustert und für gut oder eben nicht gut befunden wurde, nach Hause zurückkomme, rast sie mir entgegen. Sie rast in einer Geschwindigkeit auf mich zu, dass ich nur noch hoffen kann, dass sie es schafft, rechtzeitig abzubremsen. Dann führt sie nicht nur mit ihrer Rute, sondern mit ihrem gesamten Körper einen Tanz der Wiedersehensfreude auf, der nicht aufhören möchte. In solchen Momenten denke ich manchmal: so muss das Paradies sein. Das ist ein Vorgeschmack auf die Aufnahme in das Himmelsreich. Ein schöner, ein tröstlicher Gedanke, dort hoffentlich einst so begrüßt zu werden.

Der Kölner Pastoralreferent Peter Otten drückt es so aus: „Du kannst behaupten, dass du Gott vertrauen kannst. Du kannst darüber predigen, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Du kannst den Satz sagen: Gott liebt dich. Mit einem Hund an deiner Seite hältst du es für möglich.

Ich habe meine Predigt damit begonnen, unser gestörtes Verhältnis zu unserer Mitwelt zu benennen. Und ich habe im Anschluss gezeigt, wie tief die Liebe von Mensch und Tier gehen kann. Das eine schließt das andere offenbar nicht aus. Ich frage mich, wie es uns einst gelingen kann, nicht nur bestimmte Menschen und bestimmte Tiere zu lieben, sondern den Wert des Miteinanders allen Lebens auch auf jene Lebewesen – sei es Mensch oder Tier – zu übertragen, von denen wir gelernt haben, dass sie uns nichts zu sagen haben und deren Anders-Sein wir viel zu häufig mit „weniger Wert sein“ übersetzen.

Als könnten sie etwas dafür.

Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, einen Schritt weiter auf einem Weg zu gehen, an dessen Ende wir auch das Leben von Schweinen, Wölfen, Hornissen, von Raben, Amseln, Tauben, Stinktieren, Mistkäfern und Nacktschnecken so begrüßen und annehmen, wie unsere geliebten Tiere es uns heute schon nach einem Arbeitstag an der Eingangstür vormachen.

Möge Gott uns helfen, die Kraft und den Mut hierzu aufzubringen. Amen.

Prof. Dr. Julia Enxing, Dresden

Vorschau 2021: Sonntag, 3. Oktober 2021 | 11:00 Uhr, Erntedank-Gottesdienst für Mensch und Tier zum Franziskusfest. Predigt: N.N.. Liturgie: Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Gemeinde, und Bruder Franziskus, Rogate-Kloster. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche Berlin-Schöneberg.

Grußwort: Bürgermeister Uwe Reese begrüßt Bischof Matthias Ring

Folgendes Grußwort hat Wilhelmshavens Bürgermeister Uwe Reese am Donnerstag, 12. September 2019, im Küstenmuseum Wilhelmshaven gesprochen. Er begrüßte Bischof Dr. Matthias Ring. Dieser hielt den Vortrag „Frieden und Toleranz in der Alt-katholischen Kirche„.

„Das 150jährige Stadtjubiläum, das wir ganzjährig feiern, hat einiges in Wilhelmshaven verändert. Nach meiner Wahrnehmung ist bei der Fülle von Veranstaltungen ein „Wilhelmshaven-Gefühl“ entstanden. Die Bürgerinnen und Bürger sind zusammen gerückt.

So viele positive Reaktionen zu dem Geschehen in unserer Stadt habe ich noch nie erlebt, und ich lebe immerhin schon seit mehr als 70 Jahren in meiner Geburtsstadt Wilhelmshaven.

Mit der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade““ und der „Politikerkanzel: Was mich treibt“ demonstrieren die Kirchen in unserer Stadt die ökumenische Vielfalt in beeindruckender Weise.

Ich bin mir sicher, dass Erleben der religiösen Vielfalt im Küstenmuseum entfaltet den erhofften nachhaltigen Effekt zu mehr Toleranz im Miteinander der Religionen.

Bruder Franziskus, das muss jetzt sein, Sie sind der Motor der Aktivitäten. Dafür spreche ich Ihnen meine Hochachtung aus und verbinde das mit dem Dank im Namen von Rat und Verwaltung der Stadt für ihr außergewöhnliches Engagement, das ich bei der Eröffnung der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt.“  live erleben durfte. Sie haben praktisch bis zur Begrüßung gewerkelt, um die Exponate ins rechte Licht zu rücken.

Heute Abend hören wir den letzten Vortrag im Kontext der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt“. Ihr Referat, Herr Bischof, „Frieden und Toleranz in der Alt-katholischen Kirche“ bildet den Abschluss einer Vortragsreihe mit diversen Einblicken in verschiedene Religionen und Konfessionen.

Ich darf sie ganz herzlich im Namen von Rat und Verwaltung  der Stadt Wilhelmshaven begrüßen. Kennen gelernt haben wir uns bereits gestern Abend in der Banter Kirche, in der Sie bei der Veranstaltung „Politikerkanzel“ mitgewirkt haben.

Liberales Judentum, reformierte Theologie, Buddhismus oder der Blick in die Geschichte Wilhelmshavens – alles fand Platz in einem spannenden Reigen hoch interessanter Vorträge in Hörweite der Sonderschau „Wilhelmshaven glaubt.“.

Ihr Vortrag, Herr Bischof, schließt den Reigen der die Sonderschau begleitenden Veranstaltungen. Wir alle sind gespannt auf ihre Ausführungen zu Frieden und Toleranz in der Alt-katholischen Kirche, deren amtlicher Name Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland lautet. Das Bistum ist eine selbständige katholische Kirche innerhalb der Utrechter Union der Altkatholischen Kirchen, und Sie wurden am 20. März 2010 in der evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe in ihr Amt eingeführt.

Herr Bischof Dr. Ring, Sie haben bereits gestern Abend in der Banter Kirche mit gewirkt bei der Sommerreihe „Politikerkanzel: Was mich treibt“, bei der der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil eindrucksvoll schilderte, was ihn treibt, Politik zu machen.

Sie haben sich in Wilhelmshaven aber auch informiert über das mittlerweile mehrjährige Engagement des Rogate-Klosters in unserer Stadt und dabei mit Verantwortlichen von Kirche und Diakonie Gespräche geführt.

In Wilhelmshaven gibt es einen Arbeitskreis um Bruder Franziskus, der sich mit der Idee „House of One“ nach Berliner Vorbild beschäftigt.

Deshalb freuen wir uns in Wilhelmshaven besonders über ihren Besuch, signalisieren Sie damit doch ihre Unterstützung für die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Religionenhaus und ihr Interesse am Wirken des von ihrem Bistum anerkannten Rogate-Klosters.

Schließen will ich mit einem Zitat des 2007 verstorbenen deutschen Philosophen Carl-Friedrich-von Weizäcker: „Die Kirche hat nicht den Auftrag, die Welt zu verändern. Wenn Sie aber ihren Auftrag erfüllt, verändert sich die Welt“.

Für die Stadt Wilhelmshaven stelle ich fest – die Kirche hat im Jubiläumsjahr 2019 ihren Auftrag erfüllt.“

Bürgermeister Uwe Reese, Stadt Wilhelmshaven

Rückblick: Vor zehn Jahren Gründung der Ökumenischen Rogate-Initiative

(Bild: Rogate-Kloster)

Heute vor zehn Jahren: Am 9. September 2009 haben sich zur Rogate-Gründung (Ökumenische Rogate-Initiative e.V.) zehn Menschen in der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde zusammen gefunden, die in ihrer Unterschiedlichkeit einiges gemeinsam erreichen wollten – und auch erreicht haben.

Ein Jahr später, am 29. September 2010, gründeten die Engagierten das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael.

Grußwort von Senator Dr. Klaus Lederer zum Eröffnungsgottesdienst des 27. Stadtfestes Berlin

Grußwort zum Eröffnungsgottesdienst des 27. Lesbisch-schwulen Stadtfests am Freitag, 19. Juli 2019, 19.30 Uhr, Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin

Dr. Klaus Lederer (Foto: DiG/Trialon)

Wenn wir an diesem Wochenende das lesbisch-schwule Stadtfest feiern, wird hier in Schöneberg wieder die ganze Vielfalt der queeren Community unserer wunderbaren Metropole Berlin, dieser Hochburg des von der Hetero-Norm Abweichenden, zusammenkommen.

So mannigfaltig wie die sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten innerhalb der queeren Community sind auch die von uns gehegten und gelebten religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen und Zugehörigkeiten.

In der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und inter* Community wissen wir darum, dass diese Vielfalt eine Stärke ist, dass sie unser Zusammenleben bereichert und spannend macht. Für die religiöse und weltanschauliche Vielfalt Berlins gilt das genauso.

Deshalb müssen wir, wenn wir gegen gesellschaftliche Spaltungen, Diskriminierung und Intoleranz ankämpfen wollen, den interreligiösen, religionsübergreifenden Dialog stärken, aber natürlich auch den intra-religiösen Dialog und Austausch über die Diversität innerhalb der jeweiligen Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften.

Der heutige Gottesdienst, der inzwischen selbst schon eine kleine Tradition ist, ist ein tolles Zeichen für mehr

Sichtbarkeit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der christlichen Ökumene und ein wichtiger Beitrag zur Selbstverständigung einer Kirche über ihre Werte und Normen in der heutigen Zeit.

Aus all diesen Gründen und weil ich weiß, mit wie viel Herzblut und Hingabe das Rogate-Kloster diesen Gottesdienst jedes Mal aufs Neue gestaltet, freue ich mich sehr, heute wieder bei Ihnen und euch sein zu dürfen und im Namen des Regierenden Bürgermeisters und des Senats von Berlin die besten Grüße zu überbringen.

Wir alle wissen, dass viele Religionsgemeinschaften sich auch heute noch extrem schwer tun mit der Akzeptanz von Homo-, Bi-, Trans- oder Intersexualität.

Und wenngleich ich als für Religions- und Weltanschauungsfragen zuständiges Senatsmitglied die staatliche Neutralität in Bezug auf die Konfessionen zu wahren habe, will ich mir zumindest die eine Anmerkung erlauben, dass ich es durchaus bemerkenswert finde, dass die EKBO gleichgeschlechtlichen Paare in Berlin und Brandenburg seit Juli 2016 die kirchliche Trauung ermöglicht – und damit dem deutschen Bundestag ein gutes Stück voraus war. Auch die Präsenz mit eigenem Stand auf dem Motzstraßenfest unterstreicht, dass diese Hinwendung zur queeren Community ernst gemeint ist.

Das nötigt mir Respekt ab – und ich gebe zu, dass es mich durchaus freuen würde, wenn dieses Klima der Akzeptanz auch bei anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften inzwischen so eine Selbstverständlichkeit geworden wäre.

Apropos Selbstverständlichkeit: Auch wenn ich mich als schwuler Mann hier bei Ihnen und Euch unter Freundinnen und Freunden weiß, so besorgt mich doch das gesamtgesellschaftliche Klima der letzten Jahre, wenn hier und in nicht wenigen unserer Nachbarländer Gegnerinnen und (mehrheitlich männliche) Gegner der Gleichstellung großen Zuspruch erfahren, wenn völlig abstruse Attacken auf die Gender Studies und auf alles Nicht-Heteronormative medial eine erschreckend hohe Aufmerksamkeit erhalten.

Wenn man mir dann allenthalben erzählt, man müsse doch deren „Ängste“ vor zu rascher Modernisierung der Lebensweisen ernstnehmen, dann will ich zumindest, dass meine Angst davor, mich als schwuler Mann in diesem Land (wieder) vor Übergriffen und homophoben Hassverbrechen fürchten zu müssen, genauso ernst genommen wird wie deren Angst vor gleichen Rechten (die im Übrigen niemandem etwas wegnehmen außer einem symbolischen Privileg).

Hier gilt es, uns als queere Community nicht auseinanderdividieren zu lassen, denn auch ein halbes Jahrhundert nach Stonewall ist die Akzeptanz unserer gleichen Rechte leider keine Selbstverständlichkeit.

Noch immer werden HIV-positive Menschen stigmatisiert, noch immer leiden Transmenschen an einem hoffnungslos überkommenen, entmündigenden Transsexuellengesetz – der vorliegende Gesetzentwxurf der Bundesregierung bedeutet statt Selbstbestimmung für die Betroffenen nach wie vor eine einzige Schikane –, und noch immer sind lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und inter* Menschen in vielen Ländern staatlicher Repression und Verfolgung bis hin zur Todesstrafe – Brunei hat die Todesstrafe für gleichgeschlechtlichen Sex sogar 2019 extra eingeführt.

Für alle, die aus unterschiedlichsten Regionen vor solcher Verfolgung fliehen und bei uns Zuflucht suchen, müssen unsere Städte sichere Häfen sein. Berlin hat seine Bereitschaft dazu erklärt und wird sich gegenüber dem Bund weiter dafür einsetzen. Ich freue mich, die Kirchen in dieser humanitären Frage klar an unserer Seite zu wissen!

Uns allen wünsche ich jetzt noch einen schönen Gottesdienst, ein buntes und friedliches Stadtfest in Schöneberg und nächste Woche einen kämpferischen und lauten Christopher Street Day. Happy Pride!

Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa