Zehn Jahre Rogate-Eröffnungsgottesdienste: Grußwort der Gruppe Queer-Christ-Berlin

Queer Christ Berlin gratuliert dem Rogate-Kloster Sankt Michael, gemeinsam erkennen wir die Vielfalt der Schöpfung! Und feiern diese seit der Gründung von Queer Christ Berlin am CSD-Sonntag 2000: „Brunch mit Andacht“ im Sonntagsclub. In Jesus Christus begegnet uns die Liebe Gottes ohne jeden Vorbehalt.

Logo der Gruppe Queer-Christ-Berlin

Wir schätzen die Vielfalt des christlichen Glaubens und der Glaubensformen. Wir sind uns bewußt, dass jeder Mensch ein einmaliger Gedanke des Schöpfers ist.

Jeder Mensch hat seine sehr persönliche Glaubenssicht, die wir so wahrnehmen und wertschätzen!

Seit dem CSD-Sonntag 2000 feiert Queer Christ einmal im Monat Gottesdienst „Brunch mit Andacht“, dieser ist vorerst ausgesetzt. Zur Zeit bieten wir Beratung und Seelsorge.

Was uns Menschen möglicherweise voneinander trennt, ist aber für Gott nicht wichtig. Unsere Gemeinschaft wächst, in dem wir nach Gemeinsamkeiten suchen. Der christliche Glaube stärkt die Liebe in uns, die uns befähigt mit anderen zu teilen und Frieden zu suchen. Das schenkt uns besonders in dunklen Zeiten sichere Hoffnung!

Wir reden nicht >über< etwas, sonder >von< etwas, also vom eigenen Erleben und persönlichen Erfahrungen. Im Licht biblischer Aussagen möchten wir anderen bei der Entdeckung ihre persönlichen Gaben und der Verwirklichung in ihrem Leben unterstützen. Langjährige kirchliche Arbeit und Seelsorge verbunden mit eigenen Erfahrungen helfen uns  andere einfühlsam zu begleiten.

Das Motto „Wenn ich ein Engel wäre, dann …“ trage uns alle durch dieses Jahr bis zum nächsten Stadtfest 2021. Guten Segen auf die Arbeit des Rogate-Kloster Sankt Michael wünscht Queer Christ Berlin!

Patricia Falkenstein, Queer-Christ-Berlin

Zehn Jahre Rogate-Eröffnungsgottesdienste: Grußwort des Bezirks Tempelhof-Schöneberg

„Wenn ich ein Engel wäre, dann…“, so wäre das diesjährige Motto für den Eröffnungsgottesdienst gewesen. Das ist ein sehr schönes Motto, denn es lädt ein, seiner Phantasie und Kreativität freien Lauf zu lassen. Daher spinne ich den Gedanken einfach mal weiter, „… dann wäre alles so wie immer, der gemeinsame Gottesdienst findet, immerhin zum zehnten Mal, als Startschuss für das Lesbisch-Schwule Stadtfest statt, das Stadtfest selbst zieht wieder viele Tausend Menschen zum Feiern in die Stadt und unseren Bezirk und wenige Tage später macht auch der Christopher-Street-Day wieder eindrucksvoll die vielen verschiedenen Facetten queeren Lebens weithin sichtbar. Aber leider bin ich kein Engel und wir alle leben seit Monaten in der Gewissheit, dass in diesem Jahr alles anders ist.

Angelika Schöttler (Foto: Photo Huber)

Aber auch wenn die großen Feierlichkeiten in diesem Jahr ausfallen müssen, so hat die Community auf kreative Weise gezeigt, dass es auch andere Formen der Präsenz gibt. Viele Aktivitäten wurden ins Internet verlegt oder auf kleinere Formate reduziert. Natürlich geht das zu Lasten der Sichtbarkeit, die sehr wichtig ist, denn gerade die Sichtbarkeit queerer Menschen, sei es auf der Straße, in der Werbung, in Filmen und Büchern, hat nachweislich eine akzeptanzerhöhende Wirkung.

Aber vielleicht können wir in dieser Zäsur, sozusagen als kleiner Trost, auch eine Chance sehen. Eine Chance innezuhalten, in sich hineinzuhorchen, Kraft zu sammeln, sich neu zu fokussieren und so den Herausforderungen der Zukunft gemeinschaftlich und gestärkt entgegenzusehen. Für dieses Innehalten sind auch offene Religionsgemeinschaften ein wichtiger Stützpfeiler und ich bin dankbar und froh, dass sich das Rogate-Kloster, aber auch die vielen anderen Gemeinschaften, die sich Vielfalt und Offenheit auf ihre Fahnen geschrieben haben, allen Widerständen zum Trotz Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit weiterhin entschlossen entgegenstellen.

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin

Zehn Jahre Rogate-Eröffnungsgottesdienste: Grußwort der blu Mediengruppe

2020 wäre ein Jahr wie jedes andere gewesen. Ein Jahr voller Feste, Konsum, Reisen und Umweltzerstörung. Aber auch ein Jahr voller wichtiger queerer Veranstaltungen, die für queere Sichtbarkeit einer radikaler werdenden Welt sorgen. Dann kam die Corona-Pandemie und die Welt stand mehr und mehr still. Was der Natur teils durchaus nützte, das Bild des Delfins im klaren Wasser Venedigs ging um die Welt, wird für die Szene aber zur Belastungsprobe. Denn das queere Leben spielt sich in großen Teilen in geschlossenen Räumen ab, die Safe Places der Szene sind auch die Klubs. Und die sind, so sie keinen Außenbereich verfügen, geschlossen. Existenzen und Freiräume sind bedroht. Und auch die großen CSD-Paraden und Pride-Demonstrationen fielen dieses Jahr meist aus: Zu hoch erschien das Risiko Hunderttausender beim Tanz für Gleichberechtigung. Auch das international gemochte und die Berlin so wichtige Lesbisch-schwule Stadtfest in Schöneberg musste pausieren. Und mit ihm auch der Eröffnungsgottesdienst des Rogate-Klosters, es wäre der zehnte Gottesdienst gewesen, ein wichtiges Signal aus der Kirche heraus in die Welt für Toleranz, Nächstenliebe und Gleichberechtigung.

Michael Rädel (Bild: blu Mediengruppe)

Eine geistliche Gemeinschaft, die die Verschiedenheit der sexuellen Identitäten feiert und für sie eintritt. Denn auch Schwule, Lesben, Trans* und alle Arten Queers suchen nach dem Sinn im Leben und dem Anfang allen Lebens. Das war und ist umstritten, auch innerhalb der Community. Gehört aber zum Leben in Vielfalt und kann ein wichtiger Grund sein, den Nächsten und die Natur, Gottes Schöpfung, zu achten.
Ein wichtiger queerer Beitrag!

Ich freue mich über die Vielfalt im Leben und im Glauben, ich freue mich auf den Eröffnungsgottesdienst.

Michael Rädel, Herausgeber und Chefredakteur der blu Mediengruppe männer.media

Willkommen im Rogate-Kloster!

Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten und Veranstaltungen einladen können.

Die nächsten geplanten Termine sind:

Zehn Jahre Rogate-Eröffnungsgottesdienste: Grußwort vom LSVD Berlin-Brandenburg

Es freut uns, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt auch im Rahmen von Kirche Wertschätzung erfährt. Sich einer Gemeinde zugehörig fühlen zu können, in der Respekt und Nächstenliebe nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt wird, gibt Menschen Kraft und Zuversicht.

Das Rogate-Kloster baut dort Brücken, wo Menschen ihren Platz im Glauben suchen. Zum 10-jährigen Jubiläum des alljährlichen ökumenischen Festgottesdienstes im Pride-Monat gratulieren wir ganz herzlich, danken Ihnen für Ihr Engagement und freuen uns auf noch viele weitere Gottesdienste im Zeichen der Vielfalt und Gemeinschaft.

Bleiben Sie gesund und freuen Sie sich auf das lesbisch-schwule Stadtfest im Jahr 2021, das dann hoffentlich wieder stattfinden kann.

Jörg Steinert, Geschäftsführer Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V.

Zehn Jahre Rogate-Eröffnungsgottesdienste: Grußwort von MdB Renate Künast

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Zehn Jahre Rogate-Eröffnungsgottesdienste: Grußwort des Lesbisch-schwulen Stadtfestes Berlin

Am 17. Juli 2020 wäre der zehnte Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Lesbisch-schwulen Stadtfest gefeiert worden. Aufgrund der uns alle betreffenden Corona-Krise musste das Lesbisch-schwule Stadtfest jedoch abgesagt werden.

Anfangs war es für das Rogate-Kloster nicht einfach, diesen Gottesdienst stattfinden zu lassen. Manche kirchlichen Amtsträger haben anfangs versucht, den ökumenischen Gottesdienst zu verhindern. Zeitweise gab es sogar die Auflage, keinen Regenbogen zeigen zu dürfen. 

Zwischenzeitlich wurden sogar Drohungen gegen den alljährlichen Gottesdienst ausgesprochen. Fundamentalisten drohten den Liturgen des Rogate-Klosters mit Gewalt und sogar Mord, falls der Gottesdienst nicht abgesagt würde. Eine Zeitlang fanden die Gottesdienste deshalb sogar unter Polizeischutz statt.

Die Mitglieder des Rogate-Klosters haben sich nicht einschüchtern lassen und weiterhin zum alljährlichen ökumenischen Festgottesdienst im Pride-Monat geladen. Und dabei soll es auch bleiben. Intersexuelle, Baptisten, Lesben, Lutheraner, Schwule, römische und Alt-Katholiken, Bisexuelle, Reformierte, Queere, Ordensleute, Trans*, Mitglieder aus fremdsprachigen Gemeinden, Bisexuelle und viele andere mehr beteiligten sich und feierten die Vielfalt und den Stolz sichtbar in Liturgie, Musik, Gebeten und Gesang.

Wie dem Lesbisch-schwulen Stadtfest geht es dem Rogate-Kloster um Sichtbarkeit und Akzeptanz der Schöpfung und um die Stärkung gegen Homo- und Transphobie.

Der Regenbogenfonds der schwulen Wirte e.V. ist sehr dankbar für den ständigen Einsatz des Rogate-Klosters für „Gleiche Rechte für Ungleiche! Weltweit!“ – dem Motto des Lesbisch-schwulen Stadtfestes.

Wir wünschen dem Rogate-Kloster für die Zukunft weiterhin alles Gute und inspirierende Begegnungen auf dem Lesbisch-schwulen Stadtfest. Wir freuen uns auf den Gottesdienst zum 28. Lesbisch-schwulen Stadtfest am 17. und 18. Juli 2021.

Grußwort des Regenbogenfonds der schwulen Wirte e.V., Berlin

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Fünf Fragen an: Beate Besser, Landeskirchenmusikdirektorin in Oldenburg

Fünf Freitagsfragen an Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, über Lieder in und nach der Pandemie, neu zu lernende Dinge und Gesang auf Abstand.

Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser (Bild: ELKiO/Dirk-Michael Grötzsch)

Beate Besser, 56, wuchs in Merseburg auf. Der Ausbildung als Finanzkauffrau folgte das Studium der evangelischen Kirchenmusik in Halle/Saale (A-Prüfung 1988). Nachdem sie zunächst an einem Predigerseminar der Evangelischen Kirche der Union (EKU) als Dozentin und Kantorin tätig war, folgte der Wechsel als Kantorin nach Schönebeck/Elbe und die Berufung als Propsteikantorin der Propstei Stendal-Magdeburg. Über zwölf Jahre war Beate Besser Dozentin für Hymnologie, Liturgisches Singen und Gregorianik in Halle und später noch in Bremen. Seit Dezember 2012 ist sie Landeskirchenmusikdirektorin der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Ihr Interesse an liturgischen und hymnologischen Themen spiegelt sich in zahlreichen Mitgliedschaften entsprechender Gremien und Vereine. Gleichzeitig engagiert sie sich für neue Musik, Pop, Jazz, Cross-over. Beate Besser ist begeisterte Joggern.

Rogate-Frage: Frau Landeskirchenmusikdirektorin Besser, wie hat die Corona-Pandemie Ihr eigenes Leben verändert und was vermissen Sie?

Beate Besser: Wie so viele Menschen arbeite auch ich seit zwei Monaten im sogenannten Homeoffice. Einer meiner Lieblingssprüche dabei ist der geworden: „Ich lerne jetzt lauter Dinge, die ich nie lernen wollte“, die aber jetzt nützlich sind, vor allem im digitalen Bereich. Ich habe ein wunderbares berufliches wie soziales Netz, das auch jetzt durch Telefonate und Mails hält. Dafür bin ich dankbar. Aber ich vermisse doch die persönlichen Kontakte, das Lächeln (das man unter der Maske beiderseits nicht sieht) und auch die Umarmungen. Und klar, ich vermisse schmerzlich die Chorproben und die ganz normalen Gottesdienste!

Rogate-Frage: Nach und nach werden in diesen Tagen wieder analoge Gottesdienste gefeiert. Welche Einschränkungen wird es für das Singen und die Musik in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg geben?

Beate Besser: Derzeit – es geht auf Pfingsten – kann in den Gottesdiensten (in Kirchen) noch nicht gesungen und geblasen werden. Nur Einzelne können mit Abstand singen, so auch ich an der Orgel. Daher praktiziere ich im Moment das Für-Singen, so wie es eben auch die Für-Bitte gibt, wo jemand stellvertretend agiert. Ich hoffe darauf, dass mit mehr Erkenntnissen über die mögliche oder doch weniger mögliche Ansteckungsgefahr beim Singen mehr Lockerungen möglich werden für das Singen in den großen Kirchenräumen. Im Freien kann mit Abstand wieder gesungen und musiziert werden.

Rogate-Frage: Gibt es Lieder im Evangelischen Gesangbuch, die für Sie in der aktuellen Situation besonders passen?

Beate Besser: Tatsächlich haben wir in der Gemeinde, in der ich den kantoralen Dienst versehe (Oldenburg-Ohmstede) in den digitalen und Live-Gottesdiensten eher das kirchenjahreszeitliche Liedrepertoire genutzt. Als mögliche thematische Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG) kommen mir diese nahe: „Von guten Mächten“ (EG-Nr. 65, mit der Abel-Melodie!), „Bewahre uns Gott“ (EG-Nr. 171), „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG-Nr. 369, 5!) oder auch „Hilf, Herr, meines Lebens“ (EG-Nr. 419). Ich merke, dass mit eher neuere Lieder nahe sind. Daher schaue ich auch in das Gesangbuch „freiTöne„: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (25), „Nada te turbe“ (44), „Stimme, die Stein zerbricht“ (45) oder auch „Klüger“ (93).

Rogate-Frage: Epidemien und die Pest haben in früheren Zeiten sicher bereits erheblichen Einfluss auf die Gottesdienste gehabt. Sind aus diesen Zeiten geistliche Lieddichtungen bekannt und mögliche Einflüsse auf die Kirchenmusik?

Beate Besser: In den Anfechtungszeiten früherer Jahrhunderte mögen Lieder gesungen worden sein, die wir vielleicht gar nicht mehr kennen. Aber auch die Trostlieder etwa eines Paul Gerhardt haben sicher eine Rolle gespielt. Darüber hinaus sehe ich diese Lieder des Evangelischen Gesangbuchs als möglich an: „Aus tiefer Not“ (EG-Nr. 299), „Auf meinen lieben Gott“ (345), „Jesu, meine Freude“ (396), „Ach wie flüchtig“ (528) oder auch „Ich bin ein Gast auf Erden“ (529) – allesamt Lieder, die auch auf die Endlichkeit des menschlichen Lebens schauen.

Ein Lied aber ist dezidiert für solche Situationen geschaffen: „Mitten wir im Leben sind“ (518). Das Lied geht auf eine lateinische Antiphon mit diesem Text aus dem 11. Jahrhundert zurück. Der Gedanke, dass der Tod ständig und mitten im Leben präsent ist, mag fremd und ungemütlich klingen, aber es zeigt sich immer wieder, dass das Thema durchaus aktuell ist. Durch die Erweiterung der Antiphon um die Strophen von Luther und das jeweils abschließende „Heilig“ wird das Lied jedoch schwer zu singen und auch theologisch stark auf die reformatorische Theologie ausgerichtet. Beides war ursprünglich nicht intendiert.

Zu Pestzeiten wurden auch immer wieder entsprechende Motetten und Kantaten komponiert.

Rogate-Frage: Wenn die Menschheit das Corona-Virus in den Griff bekommt und keine Gefahr mehr zu befürchten ist, was würden Sie dann gerne mit anderen zusammen – zum Beispiel im Gottesdienst – singen?

Beate Besser: Ziemlich sicher weiß ich, dass ich nach dem Ende der Pandemie (wie wird dieses wohl definiert?) nicht einfach ein strahlendes Danklied singen möchte. Diese Lieder will ich nicht dafür instrumentalisieren, zumal dem Dank ja auch eine ambivalente Zeit vorausgegangen sein wird, über die es weiter nachzudenken gilt. Daher kämen eher diese Lieder aus dem EG in Frage: „Der Himmel, der ist“ (153), „Kommt mit Gaben und Lobgesang“ (229 – wenn wieder Abendmahl gefeiert werden kann!). „Lobe den Herren“ (316) und „Nun danket alle Gott“ (321) sind es also eher nicht;  vielleicht „Vertraut den neuen Wegen“ (395) oder „Es wird sein in den letzten Tagen“ (426). Und wieder merke ich, dass ich zu neueren Liedern greife, so dass wieder die freiTöne in den Blick kommen mit „Atme in uns“ (7), „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“ (71), „Mit dir, Maria, singen wir“ (94, mit starker politischer Dimension) und „Vorbei sind die Tränen“ (191).

Rogate: Vielen Dank, Frau Besser, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier:

Coronakrise und Beten? Zitate zum Sonntag Rogate 2020

„Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich. Brüder sein und dich rufen an. Und willst das Beten von uns han. Gibt, dass nicht bet allein der Mund. Hilf, daß es geh von Herzensgrund.

Geheiligt werd der Name dein. Dein Wort bei uns hilf halten rein, dass wir auch leben heiliglich, nach deinem Namen würdiglich. Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr, dass arm verführet Volk belehr.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 1+2

„Corona heißt für mich: Noch einsamer sein. Alleine zu Hause bin ich. Die Fernsehnachrichten machen mich traurig. Oft stelle ich schon den Fernseher aus, weil ich es nicht mehr ertrage. Ich muss viel weinen. Das Gebet fällt mir nicht leicht. Irgendwann dachte ich mir: Meine Tränen sind mein Gebet. Dann also habe ich viel gebetet. Ich hoffe auf Gott, dass er uns beisteht, mir aber auch allen Kranken in diesen Tagen.“

Anonym, Wilhelmshaven, Mai 2020

„Ich bin mir sicher, dass es für viele Menschen wichtiger gewesen wäre, Kirchen zu öffnen statt Baumärkte. Die Ruhe, der Frieden und Besinnung in dieser Zeit, die wie ein schwankendes Schiff ist, festigt. – Ich bin nicht sehr religiös. Die Ruhe und die Konzentration auf mich selbst und das Wesentliche habe ich weit abseits von dem nervösen panischen Geflirre gefunden. – Mit meinem Hund; draussen vor der Stadt. Der Wald und der Himmel über mir wie eine Kathedrale. 

Barbara Nolte, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Es kommt dein Reich zu dieser Zeit und dort hernach in Ewigkeit. Der heilig Geist uns wohnet bei. Mit seinen Gaben mancherlei. Des Satans Zorn und groß Gewalt, zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 3
Schwester M. Stella (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„In der Zeit, als wir keine Gottesdienste haben konnten, hatten wir Öffnungszeiten für das stille Gebet in unseren Kirchen angeboten.

Man konnte sich  „verankern“. An dem Platz ,wo man gern in der Kirche sitzt, konnte man einen Anker anbringen und ihn gestallten; zum Beispiel mit Symbolen, etwas drauf schreiben, oder nur mit Namen versehen.

Eine Frau sagte: „Es gefällt mir sehr gut, diese Betstunde. Diese Ruhe, eine innere Gelassenheit macht sich breit. Man kann über alles nachdenken, über den grauen Alltag, der plötzlich viel heller wird. Ich spüre bei mir: Die Betstunde macht mich stark. Ich kann sie nur empfehlen! Lieber Gott, segne mich und meine Familie. Liebe Gottesmutter, ich vertraue auf Dich, Danke! Vielen Dank, für alles Gute, dass ich empfangen durfte!“

Schwester M. Stella, Marienschwester in Wilhelmshaven-Fedderwardergroden, Mai 2020

Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich, auf Erden und im Himmelreich. Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid. Wehr und steur allem Fleisch und Blut, dass wider deinen Willen tut.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 4

„Täglich höre ich von Menschen, die sich in dieser Krise große Sorgen machen. Ihr Arbeitsplatz ist bedroht, nahe Angehörige oder auch sie selbst sind krank oder sie leiden unter der Einsamkeit durch die Kontaktbeschränkungen. Im Gebet bitte ich Gott um seinen Beistand für uns alle. Und danke für die vielen gerade auch in der Diakonie, die in dieser Zeit für andere da sind. Gott, bleib Du bei ihnen und gib uns allen Zuversicht.“

Pfarrerin Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Mai 2020
Pfr. Andreas Erdmann (Bild: privat)

„Beten ist für mich wie atmen: Es gehört zu meiner Beziehung mit Gott schlicht dazu. Das war vor der Pandemie nicht anders als jetzt. Es tut mir gut, über das, was geschieht, mit Gott im Gespräch zu bleiben und gestärkt durch seinen Zuspruch an mich und seine Schöpfung diesen Zuspruch anderen zuteilwerden zu lassen. Dabei fühle ich gerade auch durch das gemeinsame Gebet in dieser Zeit eine starke Verbundenheit mit meinen christlichen Geschwistern im Glauben.“

Pfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Berlin, Mai 2020

„Ein brauchbares Zitat fällt mir zwar nicht ein, aber ich kann sagen, dass der Glaube auch in schwierigen Zeiten stärkt. Viel schlimmer als die Einschränkungen empfinde ich den Verlust jeglicher beruflichen Perspektive. Insbesondere erfüllt es mich mit Schrecken, wie viele Jobs in der Gastronomie verloren gehen.“

Michael Oberseider, Bayern, Mai 2020

„Mir geht es gut. Nach anfänglicher Sorge und Angst kann ich Gott danken, für die Kraft und Zuversicht, dass es mir auch weiterhin gut geht und bitte ihn auch für alle, die auf ihn vertrauen, sie zu stärken in dieser schweren Zeit. Meine Gedanken drehten sich um die Menschen, die ich in dieser außerordentlichen Zeit nicht im der Gemeinde treffen konnte. Wie kamen sie zurecht, wie fühlten sie sich, brauchten sie Unterstützung? Mit Anrufen, Grußkarten und später auch Besuchen hielten wir Kontakt im gegenseitigen Austausch. Als deine Kinder bist du immer für uns da. Danke, lieber Gott.“

Heidrun Helbich, Wilhelmshaven-Neuengroden, Mai 2020

„Gib uns heut unser täglich Brot und was man darf zur Leibesnot. Behüt uns, Herr, vor Unfried und Streit, vor Seuchen und vor teurer Zeit, dass wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizes müßig gehn.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 5
Michael Feitel (Bild: privat)

„Mir ist (in dieser Zeit) das folgende Gebet eines anderen Schreibers wichtig geworden: Bleibe bei uns, Herr, in dieser Zeit, in der wir zweifeln, aber nicht verzweifeln wollen, Fragen stellen, ohne Antworten zu haben, Probleme sehen, ohne Lösungen zu kennen. Bleibe bei uns, wenn wir die Dunkelheit fürchten und lass uns den neuen Morgen, das neue Ostern, erwarten.“

Michael Feitel, Berlin, Mai 2020
Dekan Ulf-Martin Schmidt (Bild: privat)

„Angesichts der vielfältigen Dynamiken, die der Umgang mit Corona in unserer Gesellschaft ausgelöst hat (von Entschleunigung bis Aggression), fällt mir das freie Beten von Tag zu Tag schwerer und ich bin froh, dass ich auf verschriftlichte Gebete anderer Menschen und Gemeinschaften zurückgreifen kann. Als Pfarrer werden jeden Tag Gebetsanliegen an mich herangetragen, die ich bei Gott geborgen weiß wenn ich sie im-Namen-nennen vor ihn bringe – mein persönliches Bitten kann ich aber nicht mehr gut in Worte fassen und versuche im Meditieren innere Ruhe zu finden.“

Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin, Mai 2020

„All unser Schuld vergib uns. Herr, dass sie uns nicht betrüben mehr. Wie wir auch unsern Schuldigern ihr Schuld und Fehl vergeben gern. Zu dienen mach uns all bereit, in rechter Lieb und Einigkeit.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 6
Heide Grünefeld (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„Ich glaube, dass Wort „Corona“ ist in meinen Gebeten nicht ein einziges Mal gefallen. Meine eigenen Zwiegespräche mit Gott haben mit Corona eigentlich nichts zu tun. Ich sehe zur Zeit viele andere Menschen, die nicht an Corona, sondern an der Angst davor oder an Folgen der Pandemieregeln leiden. Aber ich bin nicht gut darin, lange Gebete in Ruhe zu sprechen. Ich bin eher diejenige, die sich nach einem Besuch wieder ins Auto setzt, verzweifelt und wütend über die erlebte Traurigkeit oder Perspektivlosigkeit o.ä. ist, und dann nach oben schaut und in sehr ungeduldigem Tonfall sagt: „Du siehst das, oder? Du hast ihn/sie im Blick? Und ich hoffe sehr, Du hast einen Plan und weisst, wozu diese ganzen Schwierigkeiten gut sind, denn ich sehe das nicht, und das geht da schief, hilf ihm/ihr, Du musst da hinsehen, bitte!!!“

Und nach einer Weile, wenn ich mich abgeregt habe, kann ich etwas ruhiger sagen „Ja, gut, ich vertraue Dir und ich versuche weiter mein Bestes.“ Und dann, weil ich es doch nicht lassen kann und lieber auf Nummer sicher gehe, sage ich in wieder energischem Tonfall noch ein weiteres Mal „…aber Du guck dahin! Danke.“

Ob das als Beten durchgeht, weiss ich nicht. Ich hoffe es. Und ich hoffe, Gott guckt dann da hin.“

Heide Grünefeld, Theologin und Sozialarbeiterin, Hooksiel (Wangerland, Friesland), Mai 2020

„Führ uns, Herr, in Versuchung nicht, wenn uns der böse Geist anficht. Zur linken und zur rechten Hand, hilf uns tun starken Widerstand. Im Glauben fest und wohlgerüst und durch des heilgen Geistes Trost.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 7

„In der Corona-Krise sitze ich vor einem Arbeitsberg, der einfach nicht kleiner wird. Durch das Zuhause-Arbeiten im Homeoffice fällt es mir noch schwerer, wirklich Feierabend oder Wochenende zu machen und abzuschalten. Die Ruhe des Gebets würde mir hier sehr guttun. Aber mir diese Ruhe zu geben, fällt mir schwer.“

Anonym, Berlin, Mai 2020
Rechts: Edmund Mangelsdorf (Bild: privat)

„Unser Vater im Himmel weiß, was er uns auf der Erde zumutet und zumuten kann, um unserer Entwicklung willen. So bitte ich nicht um Einzelnes, sondern nur: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!“ und denke dabei auch an Corona. Und wo ich mein persönliches ewiges Leben dann verbringen soll, ob nun hier oder drüben, das überlasse ich Seiner Weisheit.“

Edmund Mangelsdorf, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Von allem Übel uns erlös, es sind die Zeit und Tage bös. Erlös uns vom ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not. Bescher uns auch ein seligs End. Nimm unser Seel in deine Händ.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 8
Pfr. Burkhard Bornemann (Bild: privat)

„Ich weiß, wie privilegiert und geborgen ich diese Krise erleben darf. Aber das war und ist auch Verantwortung. Wie viele Gespräche mit sehr unglücklichen, verstörten, psychisch zutiefst verletzten Menschen habe ich in den letzten Wochen geführt, in der offenen Kirche oder anderen Orten, manchmal auch einfach, wenn ich mit dem Mopsduo unterwegs war. Aber immer fühlte ich mich geführt auf der rechten Straße um seines Namens willen – im Namen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Im Namen von Trost, Zuwendung und Halt.“

Pfarrer Burkhard Bornemann, Evangelische Zwölf-Apostel-Gemeine, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

Amen, das ist: Es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar. Auf das wir ja nicht zweifeln dran, dass wir hiemit gebeten han. Auf dein Wort in dem Namen dein, so sprechen wir das Amen fein.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 9

Hinweis zu dieser Zitatesammlung: Zum Sonntag Rogate 2020 haben wir verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Berufsgruppen um einen Beitrag zu „Coronakrise und das Beten“ angefragt. Die aufgeführten Zitate fanden Eingang in den Gemeindegottesdienst des Rogate-Klosters Sankt Michael zu Berlin am 17. Mai 2020 in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg und werden hier dokumentiert. Ursprünglich war für den fünften Sonntag nach Ostern eine ökumenische Eucharistie gemeinsam mit der Alt-katholischen Gemeinde Berlin geplant. Diese konnte aufgrund der Einschränkungen der Gottesdienste in der Pandemie nicht stattfinden, daher fand ein Gottesdienst ohne Abendmahl statt.

Fünf Fragen an: Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, EKBO

Fünf Freitagsfragen an Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über einen Digitalisierungsschub in der Kirche, Innovationen ohne Beschlussvorlagenketten und neue Wege der Seelsorge in der Pandemie.

Landespnlinepfarrer Andreas Erdmann (Bild: privat)

Andreas Erdmann ist in Berlin geboren, hat seinen Zivildienst in einem evangelischen Kindergarten in Bergfelde geleistet und ist anschließend wieder in Berlin zunächst in die Lehre gegangen und hat danach studiert. Er hat abgeschlossene Berufsausbildungen in den Berufen Fachinformatiker/Systemintegration und Fachinformatiker/Anwendungsentwicklung sowie zunächst Theologie und dann Religions- und Gemeindepädagogik studiert und schließlich sein Vikariat in Glienicke/Nordbahn gestaltet. Die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen liegt ihm besonders am Herzen.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Erdmann, was macht ein „Landesonlinepfarrer“?

Andreas Erdmann: Als Landesonlinepfarrer unterstütze ich Gemeinden und Kirchenkreise bei der Digitalisierung von Gottesdiensten, Andachten, Jugendtreffs, Kirchentouren und anderen Angeboten, berate bei der Digitalisierung der Verwaltung und koordiniere Projekte. Das Ziel dabei ist es, die Präsenz der Landeskirche im Netz zu erhöhen und damit digitale Gemeinschaft zu ermöglichen. Außerdem arbeite ich sehr eng mit den anderen Bereichen des Medienhauses der EKBO zusammen wie der Öffentlichkeitsarbeit, dem Rundfunk und auch dem Homepage-Team, aber auch zum Beispiel der Pressearbeit und dem Wichernverlag, hier vor allem mit der Wochenzeitung „Die Kirche“. Außerdem habe ich natürlich auch eigene Projekte, wie die Gestaltung einer virtuellen Online-Kirche im Gameplay-Format.

Rogate-Frage: Wie ist es zur Einrichtung einer solchen Stelle gekommen und was soll damit erreicht werden?

Andreas Erdmann: Es gab in den vergangenen Jahren bereits ähnliche Stellen, mit denen bereits ein bisschen ausprobiert worden ist, was angenommen wird und was nicht und wo überhaupt der Bedarf liegt. Dass ich jetzt bereits schon seit März auf dieser Stelle mit 100 Prozent (Vollzeitstelle) arbeite, liegt aber sicherlich auch an der außergewöhnlichen Situation dieser Tage, die insgesamt zu einem Digitalisierungsschub in der Kirche beigetragen hat und die Notwendigkeit eines Landesonlinepfarrers als Ansprechpartner für die Menschen vor Ort deutlich hervorhob.

Rogate-Frage: Wie digital ist die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und wohin soll die Reise gehen?

Andreas Erdmann: Wer ist schon „die Landeskirche“? Die Verwaltung hat hier noch viel Luft nach oben. Andere sind bereits schon länger auf der Reise. Ich denke da vor allem an viele Gemeinden und Kirchenkreise, aber auch Einzelpersonen, die bereits lange vor der Pandemie insbesondere in den Sozialen Medien sehr aktiv waren und es immer noch sind. Das wurde bei der ersten Online-Konferenz der EKBO am 2. Mai deutlich. Von solchen Treffen wird es zukünftig mehr geben: Das nächste Treffen findet am 2. Juni und fortan monatlich statt. Hier geht die Reise also vor allem hin: zu mehr Vernetzung und einem besseren Austausch untereinander. Außerdem setze ich mich dafür ein, dass die einzelnen Aktiven auch entsprechende Wertschätzung und Unterstützung erfahren, indem zum Beispiel auch Stellenanteile für die Arbeit im Digitalen Raum bei der Besetzung von neuen Stellen gleich mitbedacht werden und Schulungen etwa für den Umgang mit Trollen und Hate-Speech angeboten werden.

Rogate-Frage: Was ist anders in der digitalen Verkündigung und was sollte man dort nicht tun?

Andreas Erdmann: Das Evangelium ist dasselbe, ob analog oder digital, aber die Teilhabenden sind mitunter andere und das sollte sich in der Ansprache und Auslegung entsprechend bemerkbar machen. Wenn ich einen Gottesdienst ins Netz stelle und mich über die überregionale Beteiligung freue, dann darf ich mich inhaltlich nicht auf lokale Besonderheiten und Gepflogenheiten konzentrieren. Zudem sind mir diejenigen gar nicht bekannt, die ich tatsächlich erreiche. Im Gottesdienst vor Ort sehe ich, wer da in den Bankreihen sitzt und kann meinen Gottesdienst, wenn ich so flexibel bin, entsprechend anpassen. Im Internet kann es sein, dass zum Beispiel ein Großteil Neugieriger mit Erstbegegnungscharakter zuschauen. Deshalb sollte man noch dringender auch auf niedrigschwellige Zugänge achten, insbesondere was die Liturgie betrifft.

Rogate-Frage: Was hat sich durch die Corona-Pandemie in der digitalen Kirche verändert und gibt es für Sie positive Beispiele?

Andreas Erdmann: Es haben sich seither deutlich mehr Menschen auf den Weg gemacht, sich in den Digitalen Medien auszuprobieren. Leider haben einige auch schon kundgetan, dass von ihnen ganz klar erwartet wird, dies einzustellen, wenn die analogen Veranstaltungen wieder stattfinden können oder dass sie die digitalen Angebote irgendwie zusätzlich in ihrer Freizeit stemmen müssten. Schön wäre es hier, wenn die guten Erfahrungen genutzt werden würden, um insgesamt in Zukunft beide Arbeitsbereiche mit im Blick zu haben. Ebenfalls aufgefallen ist mir ein Abbau von Bürokratie in den ersten Wochen der Pandemie. Viele Innovationen wurden ohne lange Beschlussvorlagenketten neu ausprobiert und rasch umgesetzt. Gute Beispiele sind hier Telefongottesdienste, ein Autogottesdienst und natürlich viele Veranstaltungen, die gar nicht Gottesdienste betreffen, wie vor allem auch solidarisch-fürsorgliche Projekte von zum Beispiel „Jungen Gemeinden“, die sich digital vernetzt absprechen, um für ältere einzukaufen. Ebenfalls erwähnen möchte ich auch die stärkeren Angebote von Chat- und E-Mail-Seelsorge sowie Seelsorgegespräche, die in den Sozialen Medien stattgefunden haben. Diese unkomplizierte Art, Kirche voranzubringen, würde ich mir auch für die Zukunft wünschen.

Rogate-Frage: Wenn die Digitalisierung gerade einen so großen Aufschwung erlebt, gibt es dann andere Felder, die an Beachtung verlieren?

Andreas Erdmann: Solche Themenfelder gibt es sicherlich, wobei diese freilich nicht an Relevanz verlieren, sondern gegenwärtig schlicht weniger stark im Fokus bleiben. Ich nehme wahr, dass vor der Pandemie deutlich häufiger auch in den Medien Krisen wie der Klimawandel oder die Migrationspolitik thematisiert worden sind. Die Menschen, die in großer Not in Flüchtlingslagern unter miserablen Bedingungen überdauern, ist nicht weniger geworden und der Klimaschutz nicht minder wichtig. Die EKBO bringt sich in diesen Fragen deshalb nach wie vor ein, wie viele andere Aktive ebenfalls. Es fehlt hier allerdings häufig an der Unterstützung durch die Diskussion in der Öffentlichkeit. Denn die Pandemie nimmt, selbst wenn gar nichts wirklich Neues zu berichten ist, in der „Tagesschau“ und anderen Nachrichtensendungen den deutlich größten Teil ein und veranlasst sogar zu Sondersendungen. Das gilt für andere Medien in der Regel ebenso. Die Ursache für dieses „Weniger an Beachtung“ ist also weniger der Digitalisierung anzulasten als vielmehr der Informationspolitik in den öffentlichen Medien.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Erdmann, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier:

  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Gottesdienst zum Sonntag Rogate. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Donnerstag, 18. Juni 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Hohenkirchen/Friesland.
  • Fällt wegen der Corona-Pandemie aus: Freitag, 17. Juli 2020 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin 2020.
  • Donnerstag, 27. August 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Donnerstag, 24. September 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Sonntag, 27. September 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum St. Michaelisfest und zum Monat der Diakonie. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin u.a.. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.

Fünf Fragen an: Pfarrer Lothar Vierhock, St. Elisabeth-Gemeinde Moskau

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Lothar Vierhock, St. Elisabeth-Gemeinde Moskau, über die Vorteile digitaler Kirche, orthodoxe Ostern in der Coronakrise und die Erreichbarkeit der Herzen der Gemeindeglieder.

Pfarrer Lothar Vierhock (Bild: privat)

Lothar Vierhock, 1956 geboren in Gera (Thüringen). Beruf: Facharbeiter für Bergbautechnologie, Bausoldat bei der NVA, Studium der Theologie/Philosophie am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt. Priesterweihe 1984 in Dresden; Wirkungsstätten in Zwickau/Sachsen, Erfurt, Dresden, Leipzig und Hongkong. Jetzt Pfarrer der Deutschsprachigen Katholischen St. Elisabeth-Gemeinde in Moskau und Religionslehrer an der Deutschen Schule Moskau. Engagiert beim Malteser-Hilfsdienst Moskau.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Vierhock, wie sieht kirchliches Leben in Ihrer Gemeinde aktuell aus?

Lothar Vierhock: Seit reichlich vier Wochen können auch wir in Moskau aufgrund der Corona-Pandemie keine öffentlichen Gottesdienste und Veranstaltungen abhalten. Das Verständnis für diese Maßnahme ist sehr groß. Nunmehr feiern wir unsere Gottesdienste über das Internet, also online. Der „Vorteil“: Auch unsere Gemeindemitglieder, die derzeit nicht in Moskau sind, können an der Heiligen Messe und am anschließenden Gemeindeplausch teilnehmen, ebenfalls unsere Kranken, vor allem unsere älteren Menschen, die nicht mehr zum Gottesdienst kommen können. Natürlich leiden viele darunter, nur „geistlich“ kommunizieren zu können.

Jeweils Mittwochs „treffen“ wir uns online zu Begegnung und Austausch. Täglich um 19.00 Uhr beten wir das Gebet des Herrn und bitten darin für die an Corona Erkrankten und Infizierten, für ihre Angehörigen und für alle Helferinnen und Helfer. Wir bitten, dass Gott diese Geisel bald von uns nehmen möge. Natürlich bleiben die privaten Kontakte – auf Distanz gehalten – weiterhin erhalten.

Rogate-Frage: Die Russisch-orthodoxe Kirche feierte vor wenigen Tagen das Osterfest. Wie anders wurden die Feiertage in Moskau begangen und welche Einschränkungen gibt es aktuell?

Lothar Vierhock: Wie wir, so konnten auch unsere orthodoxen Geschwister ihr Osterfest am vergangenen Sonntag nicht öffentlich miteinander feiern. Aus der Christ-Erlöser-Kirche, der Hauptkirche der Orthodoxie in Russland, wurde der feierliche Gottesdienst im Fernsehen übertragen. Viele Gläubigen haben diese Feier mitverfolgen können. Am Morgen des orthodoxen Ostersonntags habe ich viele Grüße erhalten: „Christus ist auferstanden!“ – „Christus ist wahrhaft auferstanden!“

Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu vermeiden gilt: Kontakt zum Nächsten nur mit 1,5 Metern Abstand. Man kann sich von seiner Wohnung aus im Umkreis von 100 Metern frei bewegen, um Wichtiges zu erledigen: Einkauf, Bank, Arzt und Apotheke. Weitere Wege, die durchaus bedeutsam sind, müssen beantragt werden. Das funktioniert meines Wissens unbürokratisch.

Rogate-Frage: Was beschäftigt Sie persönlich im Moment besonders und wie hat sich Ihr Leben verändert?

Lothar Vierhock: Mich beschäftigt sehr, wie wir als Gemeinde weiterhin gut vernetzt bleiben. Niemand soll sich am Virus infizieren und erkranken. Da ich auch als Religionslehrer an der Deutschen Schule in Moskau tätig bin, unterrichte ich online meine Schülerschaft. Ich bin ein durchaus sozialer Mensch. Mir fehlt der direkte Kontakt zu meinen Mitmenschen. Mir fehlt die gemeinsame Feier der Gottesdienste. Die Sorgen von Gemeindemitgliedern bewegen mich ebenso.

Rogate-Frage: Welche Hoffnung trägt Sie durch diese Zeit und was können Sie Ihrer Gemeinde mitgeben?

Lothar Vierhock: Mich trägt in dieser Zeit vor allem mein Glaube. Manchmal wird er auch durch verschiedene Umstände kritisch hinterfragt. Da ermutigt mich das Beispiel vieler Mitmenschen und Freunde, die mich durch ihr Vorbild widerum ermutigen. Das verbindende Gebet trägt in dieser Zeit. Ich schreibe einmal in der Woche einen Newsletter an die Gemeinde. Darin versuche ich, im Glauben zu ermutigen, neue Chancen und Möglichkeiten zu sehen und sie zu realisieren. Was ich nicht kann, was ich aber sehr gut vorbereite, ist, durch den Gottesdienst die Herzen der Gemeindemitglieder mit Freude und Hoffnung in Jesus Christus zu erfüllen.

Rogate-Frage: Würden Sie uns ein Gebet schenken?

Lothar Vierhock: Allmächtiger Gott, dir ist nichts verborgen. Du kennst uns und unsere Sorgen und Nöte. Du hast dich uns als der „Gott mit uns“ geoffenbart, vor allem in Jesus Christus, deinem Sohn. Er war besonders für die Menschen da, die seiner Hilfe bedurften. In seiner Auferweckung hast du uns Zeugnis gegeben, dass du ein Gott des Lebens bist. In der Sendung des Heiligen Geistes, schenkst du uns Hoffnung und Stärke. Dafür danken wir dir aus ganzem Herzen.

Herr, unser Gott, unser guter Wille reicht nicht aus und unsere Hände für eine wirksame Hilfe greifen mitunter zu kurz. Stärke unsere Hoffnung in dieser Krise. Beende in Kürze die Pandemie. Sei allen Kranken und Leidenden, besonders den am Corona-Virus Erkrankten, nahe. Hilf dort, wo Menschen nicht mehr weiterwissen. Unterstütze alle Bemühungen um Frieden und um mehr Gerechtigkeit in unserer Welt. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus im Heiligen Geist.

Rogate: Amen. Vielen Dank, Herr Pfarrer Vierhock, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin oder Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.