Angedacht: Gedenktag der Hl. Mathilde von Ringelheim

IMG_0944Mathilde noch Schnee / tut den Früchten weh!“ ist eine alte Bauernregel.

Schnee liegt nun bei uns nicht mehr an diesem 14. März, dem ökumenischen Gedenktag der Mathilde von Ringelheim.

Mathilde war die Tochter des sächsischen Grafen Dietrich, eines Nachfahren von Widukind aus Wildeshausen, und von Reinhild aus dänisch-friesischem Geschlecht.

Mathilde wurde Königin, Wohltäterin und Klostergründerin. Denn Ihr Leben verlief anders als gedacht.

Mathilde musste den frühen Tod ihres Mannes, König Heinrich von Sachsen, verkraften, Probleme der Thronnachfolge regeln, das Misstrauen ihrer Kinder erdulden und den frühen Tod ihres Sohnes Heinrich betrauern. Mathilde, eine Frau, die schwere Schicksalsschläge erlitt.

Nach dem Tod ihres Mannes gab sie sich ganz den Werken der Barmherzigkeit hin und benutzte ihren Witwenbesitz, um geistliche Gemeinschaften einzurichten, ein Kloster zu gründen.

Der Name Mathilde bedeutet im Althochdeutschen: „die im Kampf Mächtige“, berichtet der Heiligenkalender heute.

Mathilde starb heute vor 1050 Jahren in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. Bis heute erinnert man sich an sie.

Sie wurde nicht hart und verbittert, sie suchte und stiftete Gemeinschaft – und fand ein neues Zuhause und Tatkraft und Zuversicht – in ihren Glauben.

Br. Franziskus

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Angedacht: Norman, dein Therapeut.

Angedacht Norman dein Therapeut..jpg

Normans Couch: Twitter.com/deinTherapeut

„Und jetzt beichten alle mal etwas, das längst überfällig ist.“

Norman hat das vor ein paar Tagen getwittert. Und 240 Kommentare finden sich darunter, geschrieben in wenigen Stunden danach.

Twitter ist ein sozialer Kommunikationsdienst. Sie müssen Twitter nicht kennen, aber vielleicht sollten Sie von Norman gehört haben.

Norman ist ein junger deutscher Aupair in den USA. 14.000 Follower, also viele Menschen haben sich zum Mitlesen entschieden. Ich bin einer davon.

Normans Botschaften – Tweets genannt – handeln von Selbstfindung, Angst und Liebe. Und immer wieder geht es ihm um Hilfe für Menschen mit Depressionen.

Einmal hat Norman geschrieben:

„Weil man das manchmal vergisst: Du bist wertvoll.

Es gibt Dinge, die du gut kannst.

Du verdienst es, geliebt zu werden.

Es gibt Menschen, denen du wichtig bist.

Du musst das nicht alleine schaffen.

Es lohnt sich zu kämpfen.

Doch, man würde dich vermissen.“

Danke, Norman, für Zuspruch, deine Empathie und die Menschlichkeit.

Danke an alle, die diesen Montag lebens- und liebenswert und anderen Mut machen.

Text von Br. Franziskus für eine Radioandacht heute.

 

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Fünf Fragen an: Imke Zwoch, BUND Kreisgruppe Wilhelmshaven

Fünf Fragen an Imke Zwoch, BUND Kreisgruppe Wilhelmshaven, über das Plastikfasten, Müll in den Meeren und tödliche Luftballon-Aktionen.

2018 03 Imke Zwoch

Imke Zwoch (Bild: privat)

Imke Zwoch, geboren in Wilhelmshaven, studierte in Gießen Agrarwissenschaften und Umweltsicherung. Sie engagiert sich seit frühester Jugend für den Schutz von Natur und Umwelt in ihrer Heimatstadt, aktuell ehrenamtlich im BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) und in der Gruppe JadeWale.

Rogate-Frage: Frau Zwoch, Sie haben zu einem „Plastikfasten“ aufgerufen. Was steckt dahinter?

Imke Zwoch: Plastikfasten ist eine bundesweite Kampagne des BUND, die wir hier als Kreisgruppe des großen Umweltverbandes mit lokalem Bezug umsetzen. Die Fastenzeit dient traditionell dazu, einige Wochen auf bestimmte Gewohnheiten zu verzichten, um den eigenen Alltag mal umzukrempeln und bewusster zu leben. Viele verzichten in dieser Phase zum Beispiel auf Fleisch, Alkohol oder Süßigkeiten. Unser immenser Plastikkonsum ist ebenfalls ein „Laster“, das wir hinterfragen müssen. Kunststoffe verbrauchen in der Herstellung und in der Entsorgung wertvolle Ressourcen. Insbesondere bei Einweg-Artikeln ist das ökologisch wie ökonomisch ein Wahnsinn.

Rogate-Frage: Wie genau kann Plastik gefastet werden?

Imke Zwoch: Es geht darum, mit offenen Augen und kritischem Blick durch unsere Konsumwelt zu gehen und beim Einkauf und im eigenen Haushalt zu hinterfragen, ob und wozu ein Produkt eine Verpackung benötigt beziehungsweise aus Plastik besteht. Die Herausforderung besteht darin, möglichst konsequent plastikfreie Alternativen zu bevorzugen. Gleichzeitig gilt es, das Thema Plastikfasten hartnäckig zu kommunizieren – im Familien- und Freundeskreis, im Betrieb, in der Schule, in der Tageszeitung und sozialen Medien. Und natürlich beim Einkaufen, mit den Händlern und anderen Kunden.

Es geht nicht darum, von heute auf morgen zu 100 Prozent auf Plastik zu verzichten. Wenn man gute Vorsätze zu hoch ansetzt, ist das Scheitern programmiert. Jeden Tag eine Plastikfalle entdecken, das reicht schon aus. Und festzustellen, dass unsere Uroma im Haushalt mit Naturmaterialien ökologisch betrachtet viel weiter war, als wir es heute sind.

Die Erkenntnis, wie sehr unser Leben in Plastik eingebettet ist, kann erschreckend sein. Aber auch belustigend, wenn man erkennt, wie die Verpackungskünstler uns über den Tisch ziehen wollen. Kaffeekapseln oder „Quetschies“ – diese winzigen Folienverpackungen mit Kinder-Smoothies oder anderem überteuerten Inhalt – sind nur zwei Beispiele solcher absurden Auswüchse angeblich praktischer Verpackungen.

Rogate-Frage: Warum sind Kunststoffe am und im Meer ein besonderes Thema?

Imke Zwoch: Mittlerweile ist weithin bekannt, dass in unseren Ozeanen mehrere riesige Teppiche aus Plastikmüll schwimmen. Jährlich sterben schätzungsweise eine Million Vögel und 100.000 Meeressäuger an den Folgen des Plastikmülls. Viele Tiere verhungern, weil ihr Magen voll ist mit unverdaulichen Plastik. Andere verenden, weil sie sich in Schnüren und Netzen verfangen. Am Ende der Nahrungskette kommt das Mikroplastik über Fische oder Muscheln auf dem Teller zu uns zurück.

Wenn man an der Nordsee wohnt, fällt einem das Problem buchstäblich jeden Tag vor die Füße. Bei jedem Spaziergang wird mir bewusst, welch ein Geschenk es ist, am Weltnaturerbe Wattenmeer zu wohnen – und gleichzeitig stößt man alle paar Meter auf „to-go“-Becher, Plastiktüten, Flaschen, Zigarettenkippen, Reste von Fischernetzen und vieles mehr, das im Wasser schwimmt oder am Strand herumliegt. Das kann man als „Fischkopp“ nicht einfach hinnehmen!

Rogate-Frage: Sie kritisieren Ballon-Aktionen. Was ist hier das Problem?

Imke Zwoch: Luftballons gehören zu den häufigsten Funden bei Müllsammelaktionen an der Küste oder auf den Inseln. Und in den Mägen von Meerestieren. Angeblich umweltfreundliche Ballons aus Naturkautschuk brauchen lange, um sich zu zersetzen, und enthalten zudem Weichmacher und andere Zusatzstoffe. Meist hängt das Plastikband noch dran. Wenn man Luftballon-Aktionen kritisiert, wird man oft als Bösewicht hingestellt, weil man angeblich Kindern den Spaß nimmt. Wir engagieren uns aber gerade deshalb, damit auch zukünftige Generationen noch Spaß an der Natur haben – das wiegt mehr als der Spaß für ein paar Minuten mit bunten Luftballons am Himmel. Deswegen muss man solche Kritik aushalten. Oftmals ist der Aufdruck einer Fast-Food-Kette oder einer Tourismusorganisation auf den Ballonresten noch zu erkennen. Dann heißt es: Ab die Post, mit Begleitschreiben – Annahme verweigert, zurück an Absender, mit freundlichem Gruß, Ihr Weltnaturerbe Wattenmeer.

Rogate-Frage: Sind die Meere noch zu retten oder ist bereits jetzt zu viel Micro- und Großplastik vorhanden?

Imke Zwoch: Wer nicht kämpft, hat schon verloren! Zunächst gilt es, dass Bewusstsein der Menschen so zu verändern, dass die Zufuhr von Plastik in unsere Weltmeere gestoppt wird. Unsere Plastikfasten-Kampagne ist einer von vielen kleinen Bausteinen weltweit, um dieses Ziel zu erreichen: Global denken, lokal handeln. Überall gibt es Menschen, die sich an ihrem Heimatort dafür einsetzen. In den letzten Wochen machte der Ort Penzance an der Küste von Cornwall von sich reden. Strömungsbedingt landet dort sehr viel Müll am eigentlich malerischen Strand. Eine einzige Frau, Rachel Yates, ergriff irgendwann die Initiative und hat nun die ganze Stadt hinter sich im Kampf gegen den Plastikmüll.

Der Niederländer Boyan Slat gründete 2013, da war er gerade 18 Jahre alt, seine Firma „The Ocean CleanUp“ und sammelte über Crowdfunding eine zweistellige Millionensumme an Spenden, um seine Idee zu verwirklichen. Mit riesigen Filteranlagen will er binnen fünf Jahren den pazifischen Müllteppich um die Hälfte reduzieren. Ich meine, warum soll das nicht klappen? Jemand hatte mal die Vision, dass Menschen zum Mond fliegen. Er wurde verlacht und heute fliegen Menschen zum Mond und weiter. Wobei ich es wichtiger finde, den eigenen Planeten zu erhalten, bevor man nach neuen sucht.

Das macht Hoffnung und gibt uns Mut und Energie, immer weiter zu machen. Wir werden die jungen Menschen nicht im Stich lassen, die dafür kämpfen, eine lebendige Meereswelt zu erhalten, die auch dann noch existiert, wenn wir selbst längst wieder Teil des großartigen Stoffkreislaufes unser Erde geworden sind.

Rogate: Vielen Dank, Frau Zwoch, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

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Fünf Freitagsfragen: Welche Themen sollen in der Interview-Reihe künftig vorkommen?

Bildschirmfoto 2017-07-11 um 13.30.01Seit drei Jahren stellen wir auf der Seite des Rogate-Klosters regelmäßig „Fünf Freitagsfragen“ zu sehr verschiedenen Themen vor.

Geantwortet haben mittlerweile 175 Wissenschafterinnen, Politiker, Superintendeninnen, Bischöfe, Schauspieler, Ordensleute – und viele andere mehr.

Ob Daniel BröckerhoffManuela Schwesig, Stephan Ackermann, Sabine Hark, Wolfgang Huber, Heinrich Bedford-Strohm oder Gregor Gysi: Sie alle gaben Antwort und Einblicke in ihre Ansätze für grundsätzliche Lösungen aktueller Fragestellungen.

Die Reihe hat mittlerweile von der Deutschen Nationalbibliothek eine eigene „International Standard Serial Number“ (ISSN 2367-3710)

Wir wollen nun von Ihnen, den Leserinnen und Lesern der Freitagsfragen, wissen, welche Themen Sie interessieren und weitergeführt werden sollen:

Vielen Dank für Ihre Antworten!

 

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Jahreswechsel: Allen ein segensreihes, fröhliches und friedliches Jahr 2018!

2018 Jahrelosung Rogate

Gottes Segen wünschen wir allen mit der Jahreslosung 2018, damit das neue Jahr friedlich, gnadenreich und gut wird!

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Offenbarung 21,6

Herzliche Grüße vom Rogate-Kloster

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Fünf Fragen an: Erika Fischer, Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis

Fünf Fragen an Erika Fischer, Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis, über Geistliche Begleitung, Gottessuche und Gestaltung einer persönlichen Spiritualität im Alltag.

2017 Erika Fischer (Foto privat)

Erika Fischer (Bild: privat)

Erika Fischer: Geboren 1954 in der Schweiz, seit 1973 in Norddeutschland lebend. Ausbildung zur Heilerzieherin und langjährige Tätigkeit in der Arche-Bewegung. Zwei erwachsene Kinder. Zugehörig zur Evangelischen Schwesternschaft Ordo Pacis. 2006 – 2008 Ausbildung in Geistlicher Begleitung/Exerzitienbegleitung. Seit 2008 Tätigkeitsschwerpunkt in der Aus- und Fortbildung von Geistlich Begleitenden sowie in der Weitergabe von Kontemplativen Exerzitien.

Rogate-Frage: Was ist Geistliche Begleitung?

Erika Fischer: Geistliche Begleitung beschreibt ein spezifisches Angebot im Raum der Seelsorge. Das Wort „geistlich“ macht den Inhalt deutlich, um den es geht: Gottessuche und Gestaltung einer persönlichen Spiritualität im Alltag. Geistliche Begleitung ist demzufolge angelegt auf einen längeren Zeitraum und auf regelmäßige Gespräche.

Anlass für die Suche nach einem Geistlichr Begleitung können zum Beispiel sein: ein Lebensumbruch, eine wichtige zu treffende Entscheidung, die Sehnsucht nach Stille und Meditation im Alltag, der Wunsch, mit einem anderen Menschen über Glauben und Zweifel zu sprechen, eine allgemeine Suche nach Sinn…

Der Geistliche Begleiter oder die Geistliche Begleiterin ist dabei jemand, der zuhört, der einen eigenen geistlichen Weg geht und sich Zeit nimmt, mit der begleiteten Person zusammen zu schauen: auf den Alltag, den Lebensweg, auf das, was ist, was sein könnte und was Glaube an Gott bei all dem bedeutet.

Geistliche Begleitung geschieht im Bewusstsein der Gegenwart Gottes. Sie weiß kompetente Gesprächsführung zu verbinden mit den Schätzen der christlichen Tradition wie Heilige Schrift, geistliche Texte, Rituale wie Gebet, Segen und Beichte.

Geistlich Begleitende sind teils Hauptamtliche in ihren Gemeinden, teils Ehrenamtliche mit ganz verschiedenen beruflichen Hintergründen. Ihre Befähigung zu diesem Dienst erwerben sie durch ihren eigenen geistlichen Weg und durch eine entsprechende Weiterbildung.

Geistliche Begleitung geschieht in Nachbarschaft zu anderen Zweigen der Seelsorge und zur Supervision, ohne an ihre Stelle zu treten. Einen psychotherapeutischen Prozess kann sie nicht ersetzen, aber mitunter – in guter gegenseitiger Absprache – ergänzen.

Folgende Rahmenbedingungen für Geistliche Begleitung sind üblich:
Regelmäßige Treffen über einen längeren Zeitraum, ein halbes Jahr, ein ganzes oder länger. Alle vier bis sechs Wochen ein Gespräch in geschützter und gastlicher Atmosphäre, Verschwiegenheit und gegenseitiges Vertrauen sind Grundvoraussetzungen. Geistliche Begleitung ist in der Regel unentgeltlich. Manchmal wird um eine Spende für eine dem Begleiter wichtige Organisation gebeten.

Rogate-Frage: Welchen religiösen Ursprung hat diese Form der Begleitung?

Erika Fischer: Auf eine kurze Formel gebracht kann man sagen: Der Name ist neu, die Sache selber hat eine lange Tradition. Wann und wo immer Menschen sich in geistliches oder spirituelles Leben einüben wollen, suchen sie dafür ein Gegenüber, einen Anleiter, eine Lehrerin, jemanden, der oder die geistliches Leben aus eigener Erfahrung kennt und fähig ist, es zu vermitteln. Dies gilt auch für spirituelle Wege in anderen Religionen.

Im Bereich des Christentums findet sich die älteste systematische Praxis Geistlicher Begleitung bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern, etwa Ende drittes bis sechstes Jahrhundert. Wer neu in die strenge und asketische Lebensweise in der Wüste einstieg, merkte meistens sehr schnell, dass es nicht möglich war, solch ein Leben zu führen ohne regelmäßiges Gespräch mit einem erfahrenen Menschen. Es entwickelte sich eine präzise Methode der Begleitung und eine Form „kollegialer Intervision“, beides natürlich ohne die heutzutage dafür üblichen Begriffe. Ein reicher Erfahrungsschatz aus dieser Zeit ist vor allem in kurzen Geschichten und Sprüchen überliefert. Die Stärke dieser Worte und Geschichten bis heute hin liegt in der Tatsache, dass sie ein tiefes und differenziertes Wissen über das Wesen und das Herz des Menschen enthalten. Gleichzeitig ist bei ihnen – implizit oder explizit – immer sehr klar, dass Selbstfindung sich nicht in einem beziehungslosen Raum abspielt, sondern „im Angesicht Gottes“ stattfindet.

Die Weiterentwicklung dieser Anfänge von geistlicher Begleitung geschahen dann zum Beispiel im frühen Mönchtum, in der iro-schottischen und franziskanischen Tradition oder im Kontext mittelalterlicher Mystik, um einige Orte in der Westkirche zu nennen. In der Ostkirche waren es neben den Klöstern durch alle Jahrhunderte hindurch Starzen (Einzahl: Starez), geistlich erfahrene Männer oder Frauen, die oft als Einsiedler lebten und ihre geistliche Erfahrung mit Suchenden teilten.

In der beginnenden Neuzeit steht der Name des Basken und späteren Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, für eine wegweisende Erneuerung Geistlicher Begleitung. Er befreite sie von strukturellen Verkrustungen und entfaltete sie neu als ein Instrument, das dem einzelnen Menschen Hilfe sein soll, Gottes Willen für das eigene Leben zu suchen und zu leben. Ignatius hat zwar später Theologie studiert und wurde zum Priester geweiht, aber die geistlichen Übungen und die darin vorgesehene Form geistlicher Begleitung hat er als Laie für Laien entwickelt, was ihm mehrere Verfahren der Inquisition eingetragen hat – dass später die Jesuiten selber zu einer Speerspitze der Gegenreformation wurden, zählt zu den tragischen Verwicklungen, wie das Lebenswerk eines Menschen sich manchmal in sein Gegenteil verkehren kann.
Die Sprache der „Geistlichen Übungen“ ist zeitkritisch zu sehen und bedarf unbedingt einer eigenen Hinführung und Übertragung. Ihre Hinweise sowohl für den geistlichen Weg als auch für die geistliche Begleitung sind dagegen zeitlos. Es ist ein großes Verdienst der Jesuiten, dass sie die überlieferten Exerzitien in der Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil, also ab den 1960iger Jahren, konsequent für unsere heutige Zeit erschlossen haben und damit – zunächst auf katholischer Seite – die moderne Bewegung von Exerzitien und Geistlicher Begleitung begründet haben.
Anschlussfähig für evangelische Christen wurde die ignatianische Spiritualität durch zwei Grundansätze, die sich bei Ignatius sehr deutlich finden. Der erste: Ignatius war dezidiert der Überzeugung, dass jeder Christ selber die Bibel lesen und daraus Gewinn für sein Leben ziehen kann. Seine Exerzitien sind in weiten Teilen nichts anderes als was wir heute „biblische Betrachtungen“ nennen würden. Der zweite Grundansatz hängt eng mit diesem ersten zusammen: ein ernstzunehmendes geistliches Leben ist nach Ignatius nicht an die Lebensform des Klosters gebunden sondern für jeden Christen möglich. Auch damit stand er quer zu seiner Zeit.

Und heute: Im Rahmen der ökumenischen Bewegung seit den 1970iger Jahren haben evangelische Christinnen und Christen die Schätze bei den römisch-katholischen Geschwistern und das gemeinsame vorreformatorische Erbe neu entdeckt. Die römischen Geschwister haben ihre Erfahrungen großzügig geteilt. Geistliche Begleitung, so wie wir sie heute kennen, ist in der evangelischen Kirche also noch eine junge Bewegung. Als ich 2005 nach einer Langzeitfortbildung für Geistliche Begleitung suchte, gab es im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine einzige, das war bei der Communität Christusbruderschaft in Selbitz, in der Hannoverschen Landeskirche war gerade ein erster Kurs in Planung. Inzwischen gibt es in der EKD mehr als zehn Orte, an denen Kurse für Geistliche Begleitung angeboten werden, die meisten Landeskirchen sind als verantwortliche Träger oder durch Kooperationen involviert.

Rogate-Frage: Wo finde ich einen Geistlichen Begleiter?

Erika Fischer: Geistliche Begleitung ist von Anfang an und bis heute hin nie ganz in den Strukturen der verfassten Kirche aufgegangen. Das schafft ein notwendiges Stück Unabhängigkeit. Gleichzeitig bedeutet das den Verzicht auf ein „flächendeckendes Netz“, wie etwa die Ortsgemeinden es anbieten können. Man muss also immer ein bisschen suchen.
In der katholischen Kirche sind es meist die Exerzitienreferate der Diözesen, die Geistliche Begleiter ausbilden und vermitteln, auf evangelischer Seite sucht man am besten im Bereich der eigenen Landeskirche: die Arbeitsgemeinschaften oder Netzwerke in den Landeskirchen bilden Geistliche Begleiter aus und vermitteln sie. Auch die Klöster, Geistlichen Gemeinschaften oder Häuser der Stille in beiden großen Konfessionen können oft weiterhelfen. Auch was im Internet unter den entsprechenden Stichworten zu finden ist, ist im Wesentlichen brauchbar.

Rogate-Frage: Welche Voraussetzungen sollte eine Person mitbringen, die geistlich begleitet?

Erika Fischer: In einem von Martin Buber aufgezeichneten Midrasch drückt Gott sein Wohlgefallen Abraham gegenüber aus, indem er sagt: „Du hast mein Handwerk ergriffen.“ Geistliche Begleiterinnen und Begleiter sind Menschen, die das Handwerk Gottes ergriffen haben. Dabei ist das wichtigste Werkzeug in der Geistlichen Begleitung die Person des Begleiters/der Begleiterin selbst. Durch die Art, wie eine Geistliche Begleiterin den Suchenden begegnet, kann etwas von der Beziehungswilligkeit Gottes durchscheinen. Durch die Art, wie ein Begleiter andere aufnimmt, kann etwas davon deutlich werden, wie Gott die Brüchigkeit menschlichen Lebens nicht aufhebt, wohl aber sie zu verwandeln vermag. Das alles lässt sich nur bedingt in Kursen lernen und vermitteln. Über spirituelle Erfahrung lässt sich kein Zertifikat ausstellen. Wohl aber kann man christliche Übungswege kennen lernen und Kompetenz in Gesprächsführung sowie Wissen um biografische und spirituelle Prozesse erwerben. Erfahrungsräume dafür eröffnen entsprechen qualifizierte Weiterbildungen.

Die Arbeitsgemeinschaft Geistliche Begleitung in der Evangelischen Kirche in Deutschland listet folgende idealtypischen Voraussetzungen für Geistlich Begleitende auf:
– eigene längere Erfahrung auf dem geistlichen Weg,
– langjährig vollzogene und reflektierte geistliche Übung,
– Erfahrungswissen im Blick auf verschiedene Weisen der „Zwiesprache mit Gott“ und der Dynamiken geistlichen Lebens,
– selbst erfahrene geistliche Begleitung,
– Erfahrungswissen hinsichtlich des Widerfahrnisses geistlicher Krisen, der Anfechtung, die gerade der Raum der Selbstmitteilung Gottes ist (Martin Luther),
– professionelle Grundhaltungen für ein förderliches Gespräch,
– Wissen um Grenzen geistlicher Begleitung und Kenntnis anderer, Beratungs-/Begleitungs-/Therapieformen, auf die gegebenenfalls zu verweisen ist,
– absolute Verschwiegenheit und
– eigene Praxisbegleitung.

Aber auch mit all diesen Voraussetzungen bleibt: Geistlicher Begleiter/Geistliche Begleiterin ist kein Titel. Begleiter/Begleiterin werde ich dadurch, dass andere sich an mich wenden. So ist und bleibt Geistliche Begleitung ein Ineinander von sorgfältig zu erlernendem Handwerk auf der einen und unverfügbarem Charisma und Begegnungsgeschehen auf der anderen Seite.

Rogate-Frage: Wie sind sie zu dieser Form der Begleitung gekommen?

Erika Fischer: Meine eigene Geschichte mit geistlicher Erfahrung und geistlicher Begleitung beginnt 1970 in Taizé. Ich lernte dort eine ungemein befreiende und weite Spiritualität kennen. Die Stille berührte mich ganz tief und hat mich nicht wieder losgelassen. Wieder zu Hause fing ich für mich allein an, in der Stille zu beten – ich war 16, hatte keine Ahnung von Meditation und die Familie denkt, ich bin verrückt. Ich hatte so etwas wie ein mystisches Erlebnis: ganz eingehüllt in Licht. Auch wenn die Erfahrung allmählich verblasste, die unstillbare Sehnsucht, Gott in der Stille zu begegnen, durchzieht seither mein Leben.
Einige Monate später fuhr ich wieder nach Taizé und hatte dort mit einem der Brüder erstmals die Möglichkeit, über das zu sprechen, was mir widerfahren war. Das war eine erste und sehr hilfreiche Erfahrung von Geistlicher Begleitung. Ich erfuhr Ermutigung und Bestätigung, gleichzeitig auch wichtige Korrekturen: nicht um die besonderen, herausragenden Erfahrungen geht es, sondern um treues „Dranbleiben“. Als ich wenige Jahre später nach Hamburg umsiedelte, waren es wieder die Taizé-Kontakte, durch die ich auf eine kleine geistliche Gemeinschaft von Frauen aufmerksam wurde, der ich seit über 40 Jahren angehöre: die Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis. Die Geistliche Begleitung gehört von Anfang an zum Repertoire dieser Schwesternschaft. Ich wuchs also immer mehr hinein in eine selbstverantwortete Gestaltung eines geistlichen Lebens, ins Begleitet-werden. Ein wichtiger Schwerpunkt war in dieser Zeit die eigene geistliche Biografiearbeit: alles was war, durfte nach und nach ins heilende und befreiende Licht Gottes kommen.
Etwa 20 Jahre später lernte ich mit dem Weg der Kontemplativen Exerzitien von Franz Jalics zum ersten Mal eine systematische Methodik kontemplativen Betens kennen. Das eröffnete mir noch einmal ganz neue Möglichkeiten, an meine frühen Stille-Erfahrungen anzuknüpfen. In den zehntägigen Exerzitienkursen in Haus Gries lernte ich viel am Modell derer, die mich begleiteten.
Um andere begleiten zu können, ist es notwendig, die Erfahrung nicht nur zu erleben, sondern sie auch zu reflektieren und zu verstehen. Deshalb entschied ich mich, von 2006 – 2008 an einem zweijährigen Exerzitienleiterseminar teilzunehmen. 2007 wurde ich ins Leitungsteam der in der Nordkirche neu beginnenden Langzeitfortbildung für Geistliche Begleitung berufen. Seitdem darf ich in vielfältiger Weise Menschen auf ihren geistlichen Wegen begleiten und geistliche Begleiterinnen und Begleiter ausbilden.

Ein letztes noch: Christliche Spiritualität, richtig verstanden, ist keine weltabgewandte Innerlichkeit. Sie ist auch nicht die „Wellnessoase“, die gestresste Zeitgenossen so dringend meinen zu benötigen. Nur ein guter Baum kann gute Früchte tragen, und so ist es in unseren aktionsbetonten Kirchen eine notwendige Innenseite, sich um den ganzen Baum und sein gutes Ergehen zu kümmern. Aber der Baum unseres Lebens wird sich erst dann als guter Baum erweisen, wenn er Früchte trägt, d.h. wenn er sich nicht selbst genügt. Geistliche Begleitung hat immer beides im Blick.

Rogate: Vielen Dank, Frau Fischer, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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