Fünf Fragen an: Sieghard Wilm, Pastor in Hamburg-St. Pauli

Fünf Freitagsfragen an Pastor Sieghard Wilm über Nothilfe für Flüchtlinge aus Afrika, Kirche im sozialen Brennpunkt und die Sehnsucht nach Stille mitten auf St. Pauli in Hamburg.

Pastor Sieghard WilmSieghard Wilm ist seit 2002 Pastor in Hamburg-St. Pauli. 1965 in Bad Segeberg geboren, studierte er in Heidelberg, Accra/Ghana und Hamburg Ev. Theologie und Ethnologie. Er ist Landessynodaler der Nordkirche und wurde 2014 für sein Engagement in der Flüchtlingsarbeit mit dem „Helmut-Frenz-Preis für Mitmenschlichkeit“ ausgezeichnet.

Rogate-Frage: Herr Pastor Wilm, Ihre St. Pauli-Kirchengemeinde und Sie wurden bundesweit durch die humanitäre Nothilfe für afrikanische Flüchtlinge bekannt. Wie ist es zu dieser Maßnahme gekommen?

Sieghard Wilm: Es war die unmittelbare Not der Menschen, die vor unserer Kirchentür standen: Nässe und Kälte ausgesetzt, hustend und hungrig, müde und schutzlos.

Es ist eigentlich so einfach und naheliegend, die Kirche für die Flüchtlinge zu öffnen. Ich bin meinem Herzen gefolgt – aber natürlich habe ich mich mit dem Kirchengemeinderat abgestimmt.

Rogate-Frage: Über Wochen hinweg haben Sie mit den Flüchtlingen gelebt und Sie unterstützt. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Sieghard Wilm: Ein halbes Jahr war unsere Kirche 24 Stunden am Tag geöffnet – im Oktober bekamen wir dann endlich die Genehmigung für die Container des Winternotprogramms. Diese Maßnahme endete am 2. Juni, ein Jahr nachdem wir die Nothilfe begonnen hatten. Ich habe gelernt, dass es gut ist, eine Sache anzufangen von der ich überzeugt bin – auch wenn ich nicht überblicken kann, ob alles gut gehen wird. In diesem Moment des Kontrollverlusts steckt die schönste Gotteserfahrung. Wir haben improvisiert im freien Fall und immer wieder erfahren, dass wir getragen werden.

Rogate-Frage: Hat sich für die Kirchengemeinde etwas verändert? Was ist heute anders in der St. Pauli-Gemeinde?

Sieghard Wilm: Die Hilfe ist noch nicht beendet, aber mittlerweile strukturiert und verstetigt. Wir sind noch am Sortieren, was das für uns hier vor Ort bedeutet. Als Kirche im sozialen Brennpunkt wird Flucht und Migration für uns weiterhin ein wichtiges Thema sein.

Wir haben viele Ehrenamtliche gewonnen und sind deutlich mehr geworden in den Gottesdiensten.

Rogate-Frage: Sie legen großen Wert darauf, dass es kein Kirchenasyl war. Worin liegt der Unterschied?

Sieghard Wilm: Kirchenasyl ist eine Möglichkeit, um einem Menschen zu helfen, dessen rechtliche Lage schon geklärt ist. Hier gilt es dann, Zeit zu gewinnen, um Rechtsmittel einlegen zu können. Die Flüchtlinge, die zu uns kamen, sind keine Asylantragssteller. Ihre grundsätzliche Schutzbedürftigkeit ist schon von der italienischen Republik festgestellt worden.

Rogate-Frage: Hat sich Ihre eigene Spiritualität durch die Nothilfe verändert? Wenn ja, wie?

Sieghard Wilm: Wir haben ja ein sehr lautes Jahr erlebt – da entsteht schon eine tiefe Sehnsucht nach Stille. Aktion und Kontemplation muss immer wieder eine Balance finden. Wir bitten: Gott segne unser Tun und unser Lassen. Gerade den Engagierten rate ich, nicht heißzulaufen im Einsatz für andere und dann auszubrennen. Das Lassen will genauso gesegnet werden.

Und noch etwas: Wir sind immer so schön strukturiert und durchorganisiert. Etwas mehr Gottvertrauen, dass sich der heilige Geist auch im Chaos zurechtfindet würde uns alle von Zwanghaftigkeit erlösen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pastor Wilm!

Mehr über die St. Pauli-Kirchengemeinde hier: stpaulikirche.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de. Dabei auch ein Gespräch mit Pastorin Fanny Dethloff, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche, über humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen, Asyl in der Kirche und die Bibel als Buch der Migranten.

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Sonnabend, 9. August 2014, 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuen-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Orgel: Malte Mevissen
  • Dienstag, 12. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 14. August 14 |19:30 Uhr, Konventsamt
  • Dienstag, 19. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Unseren August-Plan finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Fanny Dethloff, Vorsitzende Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche

Fünf Freitagsfragen an Pastorin Fanny Dethloff über humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen, Asyl in der Kirche und die Bibel als Buch der Migranten.

Pastorin Fanny DethloffFanny Dethloff ist seit 2002 Flüchtlingsbeauftragte der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche (heute Nordkirche). Sie lebt in Hamburg. Zu den Themen ihrer Veröffentlichungen gehören Sterbe-, Trauerbegleitung und Hospizarbeit, Glaubensfragen und Erwachsenentaufe. Drei Jahre war sie als Gefängnisseelsorgerin in der Abschiebungshaft in Hamburg tätig und seit 2004 ist sie Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche.

Rogate-Frage: Frau Pastorin Dethloff, Sie sind Vorsitzende der „Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche“. Wie haben Sie die Frage nach dem Kirchenasyl von Flüchtlingen in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wahrgenommen?

Fanny Dethloff: Sie müssen schon entschuldigen, aber wir haben zur Zeit 108 Kirchenasyle in Deutschland. Allein in Bayern sind es 46, darunter viele katholische Gemeinden. Wenn es um humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen geht, die in anderen EU-Staaten einen Aufenthalt haben, ist dies ein Eintreten gegen die sogenannte Dublin-Verordnung, diese besagt, dass Menschen immer wieder dorthin zurückgeschoben werden, wo sie Europa betreten haben. Da in solchen Fällen niemand sich staatlicherseits zuständig fühlt oder aber vielen Menschen sofort mit Inhaftierungen und Rückschiebungen Angst eingejagt wird, so dass immer mehr Menschen suizidal sind, ist hier der Schutzraum Kirche besonders angefragt. Allen Gemeinden wünsche ich eine besondere Wachheit und Aufmerksamkeit, denn hier ist sowohl das christliche Zeugnis gefragt – wie auch das Zeuge-sein für die Menschenrechte mitten unter uns.

Rogate-Frage: Die Gedächtnis-Kirchengemeinde, der Gemeindekirchenrat und die Pfarrer haben das Anliegen der Flüchtlinge ernst genommen und versucht, einen guten Weg zu finden. Ist es ihnen gelungen oder was hätte von Seiten der Kirche besser gemacht werden können?

Fanny Dethloff: Ich lehne es ab, besserwisserisch aus einer anderen Stadt oder kirchlichen Position Schwestern und Brüder wertend Kommentare zu geben. Demut ist die höchste Form des Muts und die Ohnmacht ist Ort der Spiritualität in der täglichen Flüchtlingsarbeit, denn nur zu oft kommt man rechtlich an die Grenze und kräftemäßig auch. Ich rate jeder Gemeinde sich ernsthaft die Fragen zu stellen, wie sie mit den unter die Räder gekommenen Geschwistern, mit den Botschaftern der Armut, die wir mitverantworten, mit ankommenden Asylsuchenden, mit verzweifelten abgelehnten Flüchtlingen, mit weiterwandernden aus anderen EU-Ländern umgehen wollen.

Rogate-Frage: Sie haben bereits eben Zahlen genannt: Derzeit gibt es bundesweit 108 Kirchenasyle mit mindestens 193 Personen. Könnten Sie die Daten für uns einordnen? Sind es zu hohe oder zu niedrige Zahlen für ein christliches Engagement in unserem Land?

Fanny Dethloff: Nach langen Zeiten, in denen weniger Menschen auf der Flucht waren oder hier ankamen, steigen die Zahlen – nicht nur die Asylbewerberzahlen, sondern auch die der Kirchenasyle. Immer mehr Christinnen und Christen haben verstanden, dass christliche Gastfreundschaft, solidarisches Willkommen, mitmenschliche Aufnahme Werte sind, die uns die Bibel vorgibt. Es ist gelebtes Beten, wenn wir in den Asylbewerberunterkünften tätig werden. Immer mehr Menschen bekommen deshalb auch mit, wenn Menschen plötzlich zurück nach Bulgarien, Italien, Ungarn oder Malta sollen, und verstehen es nicht. Immer mehr werden Zeugen bei Ablehnungen und verstehen nicht, wieso z.B. eine Taufe nicht asylrelevant sein soll, wenn die Bedrohung im Herkunftsland gegeben ist oder warum eine Minderheit aus einem anderen EU-Land trotz dort vorherrschender Katastrophe (wie in Serbien) einfach abgeschoben werden.

Rogate-Frage: Welche Beziehung gibt es zwischen Spiritualität und Flüchtlingsarbeit?

Fanny Dethloff: Das Buch der Bibel ist ein Buch der Migranten, der Wandernden und der Flüchtlinge, mehr als das der Angekommenen. „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen….“ Ich kann Jesus lange in meinem eigenen Leben suchen und versuchen, ihn in der Abgeschiedenheit und Stille zu entdecken. In der Begegnung aber ereignet sich Gott. Das ist die Zusage.


Rogate-Frage: Es braucht sicher nicht immer das Kirchenasyl. Wie können sich Kirchengemeinden und christliche Gemeinschaften für Flüchtlinge und ihre Anliegen einsetzen?

Fanny Dethloff: Es gibt eine Kommunität, in der die 97- und die 93- jährige Schwester ganz konkret immer wieder an unsere Arbeit denken, für uns am Flughafen, wo es eine menschenrechtliche Abschiebebeobachtung gibt, oder für das konkrete Kirchenasyl beten. Das ist eine Kraft, die uns beflügelt. Wachsein und von diesem Arbeitsfeld wissen, an die denken, die sich dem Leid, den Sorgen, dem alltäglichen Rassismus und den oft ungerecht wirkenden Gesetzen aussetzen, das wäre schon eine Menge.
Und dann gibt es da besondere Gottesdienste, wie das Requiem, das Gedenken an die im Mittelmeer an den EU-Außengrenzen Verstorbenen, das alle europäischen Kirchen aufgegriffen haben. Es tut not, die Scham, die Schuld, die Verquickung, in die Verantwortung für die ungerechten Zustände, offen zu bekennen. Es braucht die Spiritualität, das Gebet – um dann wieder ins Handeln zu kommen. Es braucht den Halt, um die Haltung wiederzufinden.

Rogate: Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr über die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche finden Sie hier: kirchenasyl.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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