Einladung zum Vortrag „Frieden und Toleranz im Liberalen Judentum“ am 8. August

Im Rahmen der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade.“ wird am Donnerstag, 8. August 2019, Irith Michelsohn einen Vortrag zu Frieden und Toleranz im Liberalen Judentum“ halten. Die Veranstaltung beginnt um 19:00 Uhr im Küstenmuseum Wilhelmshaven, Weserstraße 58.

Die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland wird seit 30 Jahren von der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion geprägt, so dass das deutsche Judentum, welches bis zur Machtergreifung Hitlers existierte, sich komplett gewandelt hat. Die Jüdischen Gemeinden stehen vor vielfältigen und zum Teil kaum noch leistbaren Aufgaben. Außerdem sind die Gemeinden, ihre Amtsträger und Mitglieder einem immer mehr erstarkenden Antisemitismus ausgesetzt.

Referentin Irith Michelsohn ist seit 16 Jahren Generalsekretärin der Union progressiver Juden in Deutschland. Sie ist zudem Geschäftsführerin des Landesverbandes progressiver jüdischer Gemeinden in Nordrhein-Westfalen sowie seit zwanzig Jahren ehrenamtliche Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld. Zudem hat sie sich für humalitäre Hilfe in Russland engagiert und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Zum Gelingen der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt.“ hat sie durch die Bereitstellung wertvoller Exponate, wie eine Torarolle von 1716, beigetragen. Diese und weitere Leihgaben sind im Küstenmuseum noch bis zum 15. September zu sehen.

Generalsekretärin Irith Michelsohn (Bild: privat)

Anmeldung: Für die Teilnahme an Veranstaltungen des Rahmenprogramms bittet das Museum um Anmeldung: Telefon 04421.40 09 40 oder per Mail kuestenmuseum@wilhelmshavenglaubt.de

Eintritt: Es wird eine Vortrags-Flatrate-Karte für alle 21 Veranstaltungen der Reihe „Frieden und Toleranz“ angeboten. Diese kostet 22,00 Euro (ermäßigt 17,00 Euro). Darin enthalten ist eine Jahreskarte für das Küstenmuseum. Der Einzeleintritt beträgt bei Vortragsveranstaltungen sieben Euro, ermäßigt fünf Euro. Informationen: wilhelmshavenglaubt.de

Das Rahmenprogramm „Frieden und Toleranz“ findet in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Niedersachsen (EEB) und der Katholischen Erwachsenenbildung Wilhelmshaven Friesland Wesermarsch e.V. (KEB) statt.

Die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt.“ ist ein Projekt der AG „Religionenhaus Wilhelmshaven“ und des Demokratieprojektes „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ des Förderprogramms „MITEINANDER REDEN“. Sie wird gefördert vom Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, Aktion Mensch, der Ja-Wir-Stiftung, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven, der Dr. Buhmann Stiftung und dem Rogate-Kloster Sankt Michael.

Rogate-Abend am Mittwoch: Rede für die Stadt von André Lachmund über „Klimaschutz als Chance für Wilhelmshaven!“

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André Lachmund (Bild: privat)

Am zweiten Abend der Sommerreihe „Rede für die Stadt“ spricht am Mittwoch, 27. Juni, André Lachmund über „Klimaschutz als Chance für Wilhelmshaven!“. Beginn in der Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven, Am Kirchplatz 1, ist um 19:00 Uhr.

Lachmund studierte Studium der Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung in Marburg und „Technologie- und Ressourcenmanagement“ an der Hochschule Köln. Bis 2017 war er in Karlsruhe Projektkoordinator für Öko-fair-soziale Beschaffung in Kirche und Diakonie bei der Evangelischen Landeskirche Baden. Seit Mai 2017 ist er Klimaschutzmanager der Stadt Wilhelmshaven.

Veranstalter der „Zehn Reden für die Stadt“ zum Stadtjubiläum Wilhelmshavens sind der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, die Citykirche Wilhelmshaven (Christus- und Garnisonkirche) und das Rogate-Kloster Sankt Michael. Die Redenreihe soll inhaltlich den Blick richten auf Perspektiven und Entwicklungen bis zum Jahr 2050, Diskussionen anregen und Mut machen für das Engagement in der Region. Die Anprache ist Teil einer Andacht. Die Orgel spielt Stadtkantor Markus Nitt. Die Liturgie leitet Bruder Franziskus.

Der Eintritt ist frei. Am Ausgang wird eine Kollekte für die Stiftung „Diakonie am Meer“ gesammelt, die zukunftsweisende soziale Projekte in Friesland-Wilhelmshaven initiert und durchführt.

Die noch folgenden Reden für die Stadt und die Region Friesland-Wilhelmshaven:

–       Mittwoch, 4. Juli, Landtagsabgeordneter Stefan Wenzel, Minister a.D., Landkreis Göttingen. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt.
–       Mittwoch, 11. Juli, Martin Günthner, Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen der Freien Hansestadt Bremen. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt.
–       Mittwoch, 18. Juli, Pastorin i.R. Ursula Plote, Wilhelmshaven. Orgel: Nico Szameitat.
–       Mittwoch, 25. Juli, Landrat Sven Ambrosy, Landkreis Friesland. Orgel: Florian Bargen.
–       Mittwoch, 1. August, Ratsherr Florian Wiese, Stadt Wilhelmshaven. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt.
–       Mittwoch, 8. August, Ratsherr Martin Ehlers, Stadt Wilhelmshaven. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt.
–       Montag, 13. August, Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, Birgit Honé, Hannover. Orgel: Florian Bargen.  
–       Dienstag, 21. August, Diakonie-Präsident Ulrich Lilie, Berlin. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Anschließend WohnzimmerXXL-Konzert mit Majanko, Soziales Kaufhaus, Banter Weg 12a, Wilhelmshaven-Bant.

Fünf Fragen an: Prof. Alexander Deeg, Universität Leipzig

Fünf Freitagsfragen an Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie in Leipzig, über gute Gottesdienste, überzeugende Feierformen und die Wertschätzung der Eucharistie.

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Prof. Dr. Alexander Deeg (Bild: privat)

Alexander Deeg, Prof. Dr., wurde 1972 im Nordosten Oberfrankens geboren – und wuchs nahe an der deutsch-deutschen Grenze auf. Nach dem Abitur 1991 in Hof studierte er Theologie und Judaistik in Erlangen und Jerusalem. Sein Vikariat verbrachte er in Reichenschwand im Nürnberger Land und wurde 2001 zum Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern ordiniert. Von 2000 bis 2009 arbeitete er als Assistent am Lehrstuhl für Praktische Theologie bei Martin Nicol in Erlangen und entwickelte mit ihm vor allem die „Dramaturgische Homiletik“ weiter. 2009 übernahm er die Leitung des neugegründeten „Zentrums für evangelische Predigtkultur“ der EKD in Wittenberg. Seit 2011 ist er Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Er beschäftigt sich vor allem mit Predigtlehre, Grundfragen zum evangelischen Gottesdienst, christlich-jüdischem Dialog und biblischer Hermeneutik.

Rogate- Frage: Herr Professor Doktor Deeg, was macht einen guten Gottesdienst aus?

Alexander Deeg: Wenn ich es ganz kurz sage: Leidenschaft und Bescheidenheit. Ein Gottesdienst ist einerseits ein ganz selbstverständliches Tun, andererseits ein großes Wagnis: Menschen erwarten, dass – wie Martin Luther sagte –, „Gott selbst mit uns spricht durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm durch Gebet und Lobgesang“. Sie erwarten, mitten in ihrem Alltag, in ihren Freuden und Sorgen einzutreten in einen Wort-Wechsel mit dem lebendigen Gott, erwarten und erhoffen, von ihm berührt, bewegt und verändert zu werden. Ein guter Gottesdienst ist durch diese leidenschaftliche Erwartung gekennzeichnet – und durch die Bescheidenheit derer, die ihn feiern: Wir können noch so qualitätvoll Liturgie gestalten, noch so gute Musik und anregende Redeteile gestalten – machen können wir die Gott-menschliche Begegnung nicht. Sie bleibt das, wofür die Gemeinde und vor allem die aktiv Gestaltenden die Bühne frei machen müssen. Wenn es gut geht, erfahren Menschen dann, wie ihr Leben im Gottesdienst und durch den Gottesdienst heilsam unterbrochen wird.

Rogate- Frage: Und wie ist Ihr Eindruck von der gegenwärtigen Praxis in Deutschland?

Alexander Deeg: Es gibt sehr viele schöne Gottesdienste, die sich landauf landab erleben lassen. Oftmals übrigens gerade in kleinen oder ganz durchschnittlichen Gemeinden, in denen zu spüren ist, dass mit Ernst und Freude, mit Selbstverständlichkeit und Erwartung Gottesdienst gefeiert wird. Es ist schön, so viel Liebe zum Gottesdienst und Freude an ihm zu erleben.

Manchmal freilich begegnet mir auch etwas, was ich die „Wut des Gestaltens“ nenne und gerade bei Pfarrerinnen und Pfarrern, Liturginnen und Liturgen erlebe, die besonders engagiert sind. Sie wollen viel und nehmen den Gottesdienst in die Hand, gestalten die Liturgie um, erfinden neue Worte, suchen nach neuen Ritualen et cetera. Dabei freilich kommt die schlichte Erwartung, die auf dem Gottesdienst liegt, manchmal zu kurz. Am Ende bin ich als Mitfeiernder gepackt von der Gestaltung des Liturgen – oder abgestoßen von ihr. Aber in jedem Fall weit weg von dem Geschehen, das das Geheimnis des Gottesdienstes ausmacht. Das Vertrauen in die geprägten Formen erweist sich oft als stärker als der Eigenkreativwahn gestaltender Liturgen/Liturginnen.

In den vergangenen Jahren haben viele evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer allerdings die gottesdienstliche Eigensprache von Symbol und Ritual neu gelernt. Das ist wohltuend zu bemerken. Evangelische Gottesdienste sind heute – so mein Eindruck – weniger wortlastig als noch vor Jahren. Der Leib hat Bedeutung. Es gibt nicht nur etwas zu hören, sondern auch zu sehen und zu schmecken. Und es wird neu entdeckt, dass die Gemeinde nicht der Adressat von Botschaften ist, sondern das Subjekt der gemeinsamen Feier.

Rogate- Frage: Sind verbindliche Liturgien sinnvoll oder sollte jede Gemeinde zur Vielfalt der Rituale beitragen?

Alexander Deeg: Eine strenge Verbindlichkeit ist im evangelischen Bereich schon lange Illusion – und gab es wohl noch nie. Schon für Luther selbst war wichtig, dass seine eigenen Gottesdienstformulare zunächst für die Wittenberger Gemeinde gelten sollten. Andernorts könne durchaus anders gefeiert werden, so der Reformator. Damit stehen die Zeichen schon seit der Reformation auf liturgische Vielfalt. Diese freilich hat ihre Probleme. Die Wiedererkennbarkeit droht verloren zu gehen, wie auch der Anschluss an die Tradition der Kirche und an die Ökumene. Von daher lebt evangelischer Gottesdienst in der Spannung zwischen überzeugenden Vorgaben für die Gestaltung von Feiern und freien Adaptionen vor Ort. Schön ist es, wenn Gemeinden dann nicht nur selbst etwas Neues entwickeln, sondern dieses auch an andere weitergeben, so dass sich überzeugende Feierformen verbreiten.

Das Gesagte gilt in besonderer Weise für die Sonntagsgottesdienste in traditionskontinuierlicher Gestalt. Daneben hat sich in den vergangenen Jahren ein erfreulich buntes Programm weiterer Gottesdienste entwickelt, die zu Experimentierfeldern liturgischer Innovation werden.

Rogate- Frage: Wie sieht der Gottesdienst der Zukunft aus? Wohin entwickelt sich die liturgische Praxis?

Alexander Deeg: Es wird auch weiterhin eine Vielfalt gefeierter Gottesdienste geben. Dabei hoffe ich, dass der Gottesdienst am Sonntag in seiner an der Tradition orientierten Gestalt durch lustvolle Feier zwischen Leidenschaft und Bescheidenheit, durch engagierte Predigten und kirchenmusikalische Gestaltung ein überzeugendes Angebot für viele bleiben wird (oder sogar noch mehr Freunde gewinnen kann). Wir werden diesen Gottesdienst künftig, davon bin ich überzeugt, in vielen verschiedenen Klanggestalten und Klangfarben feiern, woran es gegenwärtig zu arbeiten gilt.

Daneben wird es ein buntes weiteres gottesdienstliches Leben geben, wobei hier schon jetzt regionale Kooperationen begegnen, die zukünftig noch verstärkt werden können. Nicht jede Gemeinde muss jeden Gottesdiensttyp feiern. In manchen Kirchen ist schon aus Raumgründen ein bestimmter Gottesdienst besonders geeignet, in anderen eher nicht.

Schön wäre es, wenn wir zunehmend Gottesdienste auch an anderen Orten und mit Menschen feiern würden, die eher nicht in die Kirchen kommen: mit Obdachlosen, mit Flüchtlingen…

Rogate- Frage: Was kann die evangelische Kirche aus der Ökumene lernen? 

Alexander Deeg: Unendlich viel! Sie hat das – Gott sei Dank – schon in den vergangenen rund 100 Jahren getan. Die Liturgischen Bewegungen in den evangelischen und in der katholischen Kirche haben die Chance eines gemeinsamen Nachdenkens über Liturgie entdeckt. Es gibt einen Strom des Miteinanders, der seither nicht abgerissen ist. So haben Evangelische die Eucharistie neu wertschätzen gelernt – und Katholiken vielleicht die Bedeutung des Wortes neu entdeckt.

Gegenwärtig gewinnt der liturgische Dialog mit der Anglikanischen Kirche neue Bedeutung. So spielen Evensongs eine zunehmende Rolle im deutschsprachigen Bereich. Sicherlich wird der Dialog mit den orthodoxen Kirchen nicht nur angesichts der zahlreichen Flüchtlinge und neuen Bundesbürger aus orthodoxen Kontexten eine neue Rolle spielen müssen und können. Gestärkt werden müsste aber auch der Dialog mit den sogenannten „Freikirchen“. Liturgisch und vor allem auch liturgiewissenschaftlich steckt er erst in den Kinderschuhen.

Nicht unerwähnt will ich aber auch lassen, dass wir in den vergangenen Jahren auch mit Jüdinnen und Juden in einen intensiven liturgischen Kontakt getreten sind. Und nicht zuletzt gilt es, sich auch im interreligiösen Kontext über die Bedeutung von Ritualen und Gottesdiensten in unserer Gesellschaft zu verständigen.

Bei alledem können alle Beteiligten nur gewinnen – zur Ehre Gottes und zum Dienst an den Menschen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Dr. Deeg, für das Gespräch!

Mehr über Alexander Deeg finden Sie hier: Deeg.

Zum Thema Gottesdienst siehe auch:

  • Landesbischof Gerhard Ulrich, Nordkirche und Leitender Bischof der VELKD, über die Definition eines lutherischen Gottesdienstes, situationsgemäße Liturgie und die Relevanz der Tradition.
  • Pastorin Anita Christians-Albrecht, Plattdeutschbeauftragte der Landeskirche Hannovers, über ‘Gott up Platt – Wat sall dat?’, ‘Gott sien Lüüd’ und “Gott deep mitföhlen deit”.
  • Kirchenrat Klaus Rieth, Evangelische Landeskirche in Württemberg, über die Reaktion der Gemeinden im Ländle auf den Zustrom geflüchteter Menschen und eine bundesweit gefragte mehrsprachige Gottesdienst-Hilfe.
  • Prof. Traugott Roser, Universität Münster, über das Segnen im Lebenslauf, eine neue kirchliche Sensibilität für das Thema “Lebensformen” und warum das Nichtsegnen Fluch ist.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.
  • Sonntag Rogate, 1. Mai 16 | 10:00 Uhr, Eucharistie, Predigt: Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Theologische Fakultät an der Humboldt-Universität
  • Dienstag, 3. Mai 16|19:00 Uhr, VESPER am Tag der Apostel Philippus und Jakobus das Abendgebet, in der Kirche
  • Donnerstag, 5. Mai 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE an Christi Himmelfahrt

Tagung in Loccum: „Wenn dein Herz wandert oder leidet … – Christsein leben in Beruf und Alltag“

Wir weisen auf die Tagung „Christsein leben in Beruf und Alltag – Impulse aus der Spiritualität des Franz von Sales“ der Evangelischen Akademie Loccum hin.

Termin: 27. bis 29. November 2015.

| Zum Thema | Programm | Organisatorisches | Anmeldung | Anreise | Tagungsstätte |

Tagung in Loccum: “Wenn dein Herz wandert oder leidet … – Christsein leben in Beruf und Alltag”

“Wenn dein Herz wandert oder leidet …“

Wer sich auf den Weg macht, in Beruf und Alltag einen spirituellen Weg zu gehen, begegnet Inhalten, Methoden und Stichworten mit langer und gelebter Tradition. Wer den Pfad christlicher Spiritualität einschlägt, macht Erfahrungen z.B. mit der „Schriftbetrachtung“, mit „Leibarbeit“, „geistlicher Freundschaft“ oder der „Achtsamkeit“. Die alltägliche Lebensgestaltung mit Gottes Begleitung, ist ein (lebens-)langer Weg, der auch mit Durststrecken gepflastert sein kann. Außerhalb geschützter Räume, wie Einkehrtagen oder Exerzitien, kann es eine Herausforderung sein, auf der Suche nach sich selbst und nach Gott auf dem Übungspfad zu bleiben.

Franz von Sales (1567 bis 1622) hat in seiner „Anleitung zum frommen Leben“ (Philothea) für seine Zeitgenossen beschrieben, wie Menschen ihr Christsein leben können: „Die Frömmigkeit passt zu jedem Stand und Beruf, aber sie muss der Kraft, der Beschäftigung und den Pflichten eines jeden angepasst sein.“

Können seine Gedanken heutigen Menschen helfen, im Alltag, am Arbeitsplatz ein spirituelles Leben zu führen?

Im Rahmen der Tagung im Kloster Loccum werden in Vorträgen und Impulsen Methoden und Inhalte salesianischer Spiritualität in ihrem historischen Entstehungsfeld erläutert und in Beziehung zu heutigen Erfahrungen und Kontexten gesetzt.

Es wird danach gefragt, ob und wie diese Traditionen die erfahrungsbezogene Einübung eines „frommen“/spirituellen Lebens unterstützen.

Wie offen sind die „alten“ Themen und Motive für Interpretationen heutiger Menschen? Eröffnen sie Wege zu einer erneuerten und zeitgemäßen Spiritualität etwa auch im Blick auf die Verbindung von spirituellem Leben und Handeln in der Welt?

Pfeil nach rechts Das Programm als pdf >

Fünf Fragen an: Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, Zukunftswissenschaftler

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski (Bild: privat)

Fünf Freitagsfragen an Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, Zukunftswissenschaftler, über die kommende Rolle der Spiritualität, die Angst der Bundesbürger vor dem Islam und die Kirche als Spaßverderber.

Prof. Opaschowski promovierte 1968 an der Universität Köln zum Dr. phil. Von 1975 bis 2006 hatte er eine Professur für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg inne. Bis 2010 war er zudem Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen. Seit 2011 ist der Zukunftsforscher insbesondere als Berater für Wirtschaft und Politik tätig.

Rogate-Frage: Herr Prof. Opaschowski, welche Rollen werden in der Zukunft Religion und Spiritualität in Deutschland haben?

Horst W. Opaschowski: Um sich nicht in der künftigen Non-Stopp- und Multi-Optionsgesellschaft zu verlieren, brauchen die Menschen Leitplanken und Orientierungspunkte. So gesehen stehen wir erst am Anfang einer neuen Sinn- und Wertedebatte, in der Religion und Spiritualität eine zentrale Bedeutung zukommt. Die Schlüsselfrage lautet aber weniger: Welche Kirche bietet mir mehr Religion? Sondern: Was hat mehr Sinn? Aus Gottesgläubigen können Sinnsucher im Nahmilieu von Familie und Freundeskreis werden. Religiosität bleibt als positives Lebensgefühl dem Alltag erhalten – in veränderter Form: Als Spiritualität und Lebensphilosophie und konkret als soziale Geborgenheit durch Familien-, Gemein- und Bürgersinn.

Rogate-Frage: Welche Bedeutung bleibt den Kirchen und christlichen Konfessionen?

Horst W. Opaschowski: Auf die Frage, was den Menschen „im Leben heilig“ ist, wird zuerst die Familie und zuletzt die Kirche genannt. Die Kirche hat unter der Massenflucht aus den Institutionen zu leiden – wie die Parteien, Gewerkschaften und Verbände auch. Größe und Anonymität dieser Organisationen wirken sich nachteilig auf Motivation und Interesse, Aktivität und Engagement aus, während kleine Gruppierungen in Familie und Nachbarschaft sowie Kleinstvereinen nicht über mangelnde Teilnahme und Intensität zu klagen brauchen.

Rogate-Frage: Innerkirchlich wird viel über Weichenstellungen für künftige Entwicklungen nachgedacht. Was würden Sie den Kirchen raten?

Horst W. Opaschowski: Die Menschen im 21. Jahrhundert wollen nicht mehr vereinnahmt oder einverleibt werden und sich auch nicht lebenslang binden müssen. Der spontane Charakter muss erhalten bleiben. Und: Engagement braucht Anerkennung – vom Ansehensgewinn bis zur Auszeichnung. Pflicht und Spaß müssen keine Gegensätze sein. Vor allem Jugendliche wollen etwas tun, was Sinn und Ernstcharakter hat und Spaß macht. Nicht selten tritt hingegen die Kirche als Spaßverderber auf.

Rogate-Frage: Wird der Islam Deutschland verändern? Wenn ja, wie?

Horst W. Opaschowski: Nicht die Kluft zwischen Arm und Reich oder die Interessen-Gegensätze zwischen Jung und Alt machen den Menschen Angst. Am meisten fürchten die Bundesbürger „sehr starke Konflikte“ zwischen Christen und Muslimen in naher Zukunft – mit wachsender Tendenz. Die Angst ist groß, dass sich ein Klima der Intoleranz ausbreitet, in dem Andersgläubige als Ungläubige gebrandmarkt werden. Die Sorge der Bundesbürger wächst, dass es durch den Islam zur Überfremdung von Kultur und Religion im eigenen Land kommt.

Rogate-Frage: Wir hörten in diesem Jahr viel über „Pegida“, über Übergriffe auf religiöse Minderheiten und Flüchtlinge. Wird in der Zukunft die Gesellschaft mehr in Extreme auseinander fallen oder glauben Sie mehr an einen gesellschaftlichen Konsens?

Horst W. Opaschowski: Die Zukunft gehört einem Zeitalter der Extreme – vom Extremsport über extreme Wetterverhältnisse bis zu extremistischen politischen Bewegungen. Extreme wie weltweite Krisen gehören auch zur neuen Normalität. In satten Wohlstandszeiten drifteten die Menschen auseinander. In Zukunft werden sie wieder zusammenrücken müssen. Eine Zusammenhaltsgesellschaft zeichnet sich in Konturen für die nächsten zwanzig Jahre ab.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Opaschowski, für das Gespräch!

Weitere Informationen über Prof. Horst W. Opaschowski finden Sie hier: opaschowski.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Sonntag, 10. Mai 15 | 10:00 Uhr, Eucharistie am Sonntag Rogate, Thema des Gottesdienstes “Spiritualität in der Pflege“, Predigt: Pastorin Dr. Astrid Giebel, Diakonie Deutschland. Anschließend Eröffnung der Fotoausstellung „Gepflegt in der Gegenwart“ des Paritätischen Berlin.

    Sonntag, 10. Mai 15 | 10:00 Uhr, Eucharistie am Sonntag Rogate, Thema des Gottesdienstes “Spiritualität in der Pflege“, Predigt: Pastorin Dr. Astrid Giebel, Diakonie Deutschland. Anschließend Eröffnung der Fotoausstellung „Gepflegt in der Gegenwart“ des Paritätischen Berlin in den Seitenschiffen der Kirche. Sie läuft bis zum 2. Juni 2015. Öffnungszeiten: Offene Kirche, Sonnabends, 11:00 bis 15.00 Uhr und vor und nach den Gottesdiensten.

  • Dienstag, 12. Mai 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, danach Bibelgespräch
  • Himmelfahrt, Donnerstag, 14. Mai 15 | 20:30 Uhr, EUCHARISTIE AN HIMMELFAHRT, Abendmahlsgottesdienst, Zwölf-Apostel-Kirche. Organist: Manuel Rösler.
  • Dienstag, 19. Mai 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche,
  • Donnerstag, 21. Mai 15 | 18:30 Uhr, Mitgliederversammlung des Fördervereins
  • Unseren Mai-Plan finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Schwester Kerstin-Marie OP, Berufungspastoral der Orden

Fünf Freitagsfragen an Sr. Kerstin-Marie Berretz OP, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Berufungspastoral der Orden, über die eigene Berufung, die Geschichte vom „Tag des offenen Klosters 2014“ und eine ökumenische Perspektive. Ein Beitrag zum Jahr der Orden.

Sr.Kerstin-MarieSr. Kerstin-Marie Berretz OP stammt aus Nordrhein-Westfalen, wo sie nach Stationen in Rheinland-Pfalz und der Schweiz wieder in einem Konvent der Arenberger Dominikanerinnen in Oberhausen lebt. Sie studierte in Bochum und München katholische Theologie und machte im Bistum Trier die Ausbildung zur Pastoralreferentin. Von dort aus trat sie 2008 in die Gemeinschaft der Arenberger Dominikanerinnen ein, deren Mutterhaus in Koblenz ist.

Sr. Kerstin-Marie brennt für die alles rund um das Thema „Berufung“ und hat eine Ausbildung in Berufungscoaching WaVe® gemacht. Außerdem arbeitet sie beim Bistum Essen in der Diözesanstelle für Berufungspastoral und ist im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Berufungspastoral der Orden, einer AG der Deutschen Ordensobernkonferenz.

Rogate-Frage: Schwester Kerstin-Marie, im Mai 2014 haben Sie am bundesweiten „Tag der offenen Klöster“ mitgewirkt. Wie kam es zu dem Projekt und wie ist es auch zahlenmäßig gelaufen?

Sr. Kerstin-Marie: Die Initiative zu diesem Projekt ging von der Jahreskonferenz der Arbeitsgemeinschaft Berufungspastoral der Orden (AGBO) im Jahr 2012 aus. Einige Schwestern und Brüder hatten bereits gute Erfahrungen mit lokalen Tagen der offenen Klöster gemacht und brachten die Idee zu einem bundesweiten Tag der offenen Klöster ein. Schlussendlich beteiligten sich am 10. Mai letzten Jahres 354 Klöster, die Mitglieder der Deutschen Ordensobernkonferenz sind. Daneben öffneten auch andere Klöster und Gemeinschaften ihre Türen, die jedoch nicht von uns erfasst wurden.

Rogate-Frage: Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten, wie es an den verschiedenen Orten gelaufen ist? Haben sich die Erwartungen erfüllt?

Sr. Kerstin-Marie: Bis auf ein oder zwei Stimmen waren die Rückmeldungen durchweg positiv. Für alle Beteiligten war es ein besonderer Tag, egal, ob an einem Ort drei oder 300 Gäste waren. Es war wohl überall eine besondere Energie und Stimmung spürbar, so dass sich die Erwartungen erfüllt haben.

Rogate-Frage: Wie viele geistlich betriebene Klöster gibt es derzeit in Deutschland beziehungsweise wie viele Orden werden von der Ordensoberen-Konferenz vertreten? Von welchen Zahlen gehen Sie bei Ordensangehörigen, auch geschätzt, aus?

Sr. Kerstin-Marie: Zur Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) gehören 430 Obere, die ungefähr 22.800 Ordensfrauen und -männer vertreten. Diese leben in ca. 2000 Niederlassungen jeglicher Art. Genauere Informationen findet man unter orden.de.

Rogate-Frage: Warum sind Sie selbst Ordensschwester geworden? Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihrer Berufung?

Sr. Kerstin-Marie: Ich bin Ordensfrau geworden, weil es für mich die beste Antwort auf den liebenden Ruf Gottes ist, den ich immer deutlicher verspürt habe. Als Schwester kann ich immer mehr die werden, die ich eigentlich bin. Ich glaube, dass das Leben als Dominikanerin genau meine Berufung ist und für mich Leben in Fülle bedeutet. Natürlich gehören auch Durststrecken dazu und Zeiten, in denen nicht alles rosig ist. Aber kein Leben ist ja immer nur schön und da ich merke, dass meine Grundstimmung gut ist, bin ich davon überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Da ich immer im Habit gehe und so als Schwester erkennbar bin, gibt es immer wieder interessante Begegnungen. Besonders hier im Ruhrgebiet, wo ich lebe und arbeite, nehmen die Menschen kein Blatt vor den Mund. Aber es gibt auch ein stilles Lächeln in der S-Bahn. Ich weiß, dass ich anders wahrgenommen werde, als wenn ich „in zivil“ unterwegs wäre, aber für mich ist der Satz aus dem 1. Petrusbrief wichtig: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (1 Petr 3,15)

Rogate-Frage: Die Initiatoren des „Tags des offenen Klosters“ haben eher römisch-katholische Einrichtungen im Blick gehabt. Die ökumenischen und evangelischen Klöster waren nicht mitgedacht oder eingeladen. Wie sieht die Zukunft aus? Wird es weitere offene Tage bundesweit geben? Werden diese auch ökumenisch begangen?

Sr. Kerstin-Marie: Als eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Ordensobernkonferenz haben wir bei den Vorbereitungen in erster Linie die Mitgliedsgemeinschaften im Blick gehabt. Im November 2013 hat dann die Generalsekretärin die evangelische „Parallelorganisation“ eingeladen, sich anzuschließen. Die evangelischen Schwestern und Brüder sahen den Zeitplan jedoch als zu eng an, um sich noch zu beteiligen und haben sich deswegen für dieses Mal dagegen entschieden. Von daher können wir von unserer Seite aus nicht sagen, dass die ökumenischen und evangelischen Klöster nicht mitgedacht oder mit eingeladen waren.

Es wird in der Zukunft sicher wieder einen bundesweiten Tag der offenen Klöster geben, allerdings steht derzeit noch nicht ganz genau fest, wann es der Fall sein wird. Aus den Erfahrungen wird es dann sicher auch eine frühere Kontaktaufnahme mit den evangelischen Schwestern und Brüdern geben. Ob es dann einen gemeinsamen bundesweiten Tag der offenen Klöster liegt, wird sich dann zeigen.

Rogate: Vielen Dank, Schwester Kerstin-Marie, für das Gespräch!

Weitere Informationen finden Sie hier: orden.de.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 3. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 10. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 17. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Donnerstag, 19. Februar 2015 | 20:30 Uhr, Komplet in der Kapelle der Kirche mit Austeilung des Aschekreuzes zu Beginn der Passionszeit.
  • Unseren Februar-Plan finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender Institut für Jugendkulturforschung Wien

Fünf Freitagsfragen an Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, über die Dummheit der Jugend, ihren Rückzug aus formellen Netzwerken und die Anbetung eines neuen Gottes.

Bernhard HeinzlmaierBernhard Heinzlmaier ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und Hamburg. Hauptberuflich leitet er die tfactory-Trendagentur in Hamburg. Er studierte Geschichte, Germanistik, Psychologie, Philosophie. 1988 bis 2000 war er Geschäftsführer des Österreichischen Instituts für Jugendforschung, 1990 bis 1992 Studienleiter für Markt- und Meinungsforschung bei Consent Wien. 1992 bis 1995 Geschäftsführer der Werbeagentur CNC. Seine Arbeitschwerpunkte: Jugendpolitik, Freizeitforschung, jugendkulturelle Trends, Zielgruppenkommunikation, Lifestyleforschung

Rogate-Frage: Herr Heinzlmaier, Sie veröffentlichten das Buch „Performer, Styler, Egoisten: Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben“. Ihr Jugendbild klingt sehr traditionell, im Sinne der von Generation zu Generation vererbten Klagelieder über den angeblich faulen, dummen oder desinteressierten Nachwuchs. Haben nicht immer die Alten über die Jungen und ihre „Schlechtigkeit“ gejammert?

Bernhard Heinzlmaier: Ja, so wird häufig von Leuten argumentiert, die das Buch nicht gelesen haben. Liest man es, so weiss man nach wenigen Seiten, dass es hier nicht um Jugendschelte, sondern um Kapitalismuskritik geht. Aufgezeigt werden die verderblichen Auswirkungen eines globalen Neoliberalismus und seiner manipulativen Diskurse auf das Bewußtsein der Jugend. Der Ungeist der Thatcher-Ideologie der 1980er Jahre ist heute Allgemeingut geworden. „There is no such thing as society“ lautet heute der Grundtenor der öffentlichen Diskurse. Anstelle des traditionellen Gemeinschaftsdenkens ist das egozentrische Individuum auf der Suche nach dem eigenen Vorteil getreten. Wir sehen aus vielen Studien, dass das Engagement der Jugend in formellen Netzwerken zurück geht. Und wenn es stattfindet, dann nicht im Geiste der Gemeinschaft, sondern im eigenen Interesse. Anstelle des selbstlosen Helfens ist die Aquisition von sozialen Kapital getreten, Beziehungskapital, dass man später in ökonomisches Kapital, d.h. in gute Jobs und hohes Einkommen verwandeln kann. Der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel spricht vom vorherrschen einer „atomistischen Sozialontologie“, einer auf egozentrische Vereinzelung und persönliches Interesse ausgerichtete Kollektivität, innerhalb derer das Handel zwar kollektiv erscheint, sein Sinn aber individuell ist. In der Praxis ist das zum Beispiel der „blaulichtgeile“ Feuerwehr- oder Rettungsmann, der hilft, weil er dadurch soziale Anerkennung, einen besseren Job und ein höheres Einkommen bekommt und der im Einsatz gleichzeitig noch sein Bedürfnis nach dem emotionalen „Kick“ befriedigen kann.

Rogate-Frage: In Deutschland streben immer mehr Schüler das Abitur an. Die Hochschulquote ist so hoch wie nie. Wie kommen Sie darauf, dass unsere Jugend „verblödet“ sei?

Bernhard Heinzlmaier: Das ist natürlich richtig, aber das sagt nicht darüber aus, ob diese Menschen „gebildet“ sind oder nicht. Sie sind gut ausgebildetes Humankapital. Bildung bedeutet in erster Linie die Befähigung eines Menschen, eigenständig und autonom zu Urteilen und Entscheiden zu lernen. Es bedeutet Unabhängigkeit und die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, Kritikfähigkeit oder, wie Adorno meint, die Fähigkeit und Stärke zum „Nein-Sagen“. Heute wird ein Heer von Ja-Sagern, vor allem an den Fachhochschulen und Privatuniversitäten, ausgebildet, zum Mitmachen im Neoliberalismus gedrillt. Die Absolventenquoten solcher so genannter Hochschulen, auf denen ja nichts anderes als die Akademisierung des niederen Geistes stattfindet, sagt nichts über den Bildungsstand der Bevölkerung aus. Vielmehr sagt sie etwas über den Stand der Unbildung aus, denn vor allen die so genannten „praxisorientierten“ Hochschulgänge sind ja nichts anderes als neoliberale Blödmaschinen. Jeder einzelne, der diesen Blödmaschinen entgeht, ist ein Gewinn für die Demokratie und ein Gewinner, was sein persönliches Lebensglück anbetrifft. Wenn die Eltern glückliche Kinder haben wollen, dann halten sie sie ab von den akademischen Blödmaschinen.

Rogate-Frage: Als Ursache nennen Sie ein Bildungssystem, in dem nur nach ökonomischen Aspekten unterrichtet werde. Woran machen Sie das fest?

Bernhard Heinzlmaier: Das Stichwort lautet Humankapital. In den akademischen Blödmaschinen geht es nicht um die Interessen und Bedürfnisse der jungen Menschen, sondern um die Interessen und Bedürfnisse des Kapitals und seiner Produktion. Menschen werden behandelt wie Produktionsmittel, wie Werkzeugmaschinen, indem sie zweckmäßig gemacht werden für die reibungslose Produktion. Reibungslosigkeit ist generell wichtig. Die herrschenden Eliten wollen reibungslose funktionierende Menschen. Nur der Mitmacher ist ökonomische bestens verwertbar. Anpassungsfähigkeit ist heute eine wichtige Produltivkraft für die neoliberale (Schein-)Demokratie. Der Mensch wird auf Zweckmäßigkeit und Nutzenmaximierung getrimmt. Wir nennen die heute lebenden Menschen die Mini-Max-Generation. Mit möglichst wenig Input zum maximalen Output, betriebswirtschaftliches Denken also, das ist es, was sie beherrscht. Der Minimax-Mensch ist Betriebswirt, niemals Volkswirt. Er opfert den maximalen Nutzen für alle dem maximierten Individualnutzen. Die Ökonomisierung der Bildung ist also in Wirklichkeit die Verbetriebswirschaftlichung der Bildung, die Vermarktgesellschaftung der Bildung. Bildung als „Boot-Camp“ für den Tageskampf auf kompetitiven Märkten. Das ist das geheime, das informelle Bildungsziel der postmodernen Bildungseinrichtungen. Bildung als Anbetung des neuen Gottes, des Marktes. Gott ist tot, es lebe der Markt. Oder wie Heidegger es formuliert, das Wahre ist das „Unverborgene“, das Präsente, der Markt, die Warenwelt. Die Präsenzkultur tritt an die Stelle der Sinnkultur. Wir leben im Hier und Jetzt. Unser Sinn ist die Sinnlosigkeit. Ein Drittel der Deutschen sind heute „existenziell indifferent“, d.h. sie sehen keinen Sinn im Leben, haben aber kein Problem damit. Wie auch, wenn sie das gesamte Leben in der rasenden Gegenwärtigkeit des kapitalistischen Marktes abspielt.

Rogate-Frage: Sie kritisieren die Orientierung der Jugend auf materielle Werte. Leben die älteren Generationen ihnen nicht genau das vor? Und geht es der Jugend nicht vielleicht auch schlicht um eine  Zukunftsperspektive und Sicherheit?

Bernhard Heinzlmaier: Ja natürlich. Die Jugend ist nichts anderes, als die radikalisierte Fortsetzung der Nachkriegs- und Nach-Nachkriegsgeneration. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihr Leben in der Gegenwärtigkeit des Marktes verbringen, d.h. der Sinn des Lebens ist abwesend, er wird radikal verdrängt durch die Aneinanderreihung von kurzen, augenblicklichen Glücksmomenten. Das Leben ist kein Kontinuum mehr, ist nicht mehr aus einem Stück, nicht mehr aufgespannt zwischen auf die Vergangenheit bezogene Reflexion und auf die Zukunft gerichtete Erwartung. Das Leben selbst hat seine Ganzheitlichkeit verloren, indem es zu einem Stückwerk von einzelnen Glücksmomenten, einen beziehungslose Aneinanderreihung von kurz aufblitzenden Miniaturabenteuern geworden ist. Das Subjekt hat sich längst aufgelöst in vereinzelte Konsummomente. Mit dem „Lebensabschnittpartner“ wird die Auflösung des Subjekts und damit des Sozialen überhaupt auf den Begriff gebracht. An die Stelle des Versuches der verbindlichen Partnerschaft tritt der Sebstbedienungsladen eines Schwarms von potentiell verkonsumierbaren Einzelindividuuen, die man sich aus dem Matching-Katalog von Online-Partnerschaftsunternehmen aussucht und sequenziell aneinanderreiht. Das Problem ist hier nicht, dass man die Möglichkeit des Scheiterns einer Beziehung in Betracht zieht, sondern dass man von vornherein die Möglichkeit des Gelingens einer Lebenspartnerschaft ausschließt. Die materialistische Marktlogik, das Supermarktdenken, hat damit auch die persönliche Beziehungswelt der Menschen erreicht und ins Neoliberale transformiert.

Rogate-Frage: Wie sähe aus Ihrer Sicht eine gute Bildung aus, die junge Menschen und ihre Potentiale fördert und fordert?

Bernhard Heinzlmaier: Ich bin in der Zwischenzeit zu einem Verfechter des „Deschoolings“ geworden, ganz im Sinne des „Befreiungstheologen“ Ivan Illich. Die Eltern sollten jede Möglichkeit zum alternativen Lernen für ihre Kinder ergreifen. Wann immer man sich den Institutionen entziehen kann, sollte man es tun. Es geht um Leben und Lernen jenseits von Institutionen, die im Interesse der politischen Macht und des neoliberalen Systems stehen. Es ist schön, wenn Potentiale gefördert werden, aber der Mensch verfügt in der Regel über ein mehr oder weniger großes Portfolio an Potentialitäten. Viele von diesen kennt er nicht einmal oder er ist sich bei manchen seiner Fähigkeiten und Interessen gar nicht darüber bewußt, dass sich mit ihnen auch, oder gerade mit ihnen, ein sinnerfülltes Leben kreieren und gestalten läßt. Der junge Mensch muss wieder die Macht über seine eigenen Potentiale gewinnen, die Macht darüber, diese zu erkennen und dann auszuwählen, welche von ihnen er weiterentwickeln will und welche nicht, welche vielleicht jetzt und welche eventuell später. Die Zukunft des Individuums liegt jenseits der geistigen und materiellen Macht der Institutionen. Der einzige Weg zur Autonomie liegt heute in der täglichen Infragestellung von ALLEM, von den täglichen Weltnachrichten, den Versprechungen der Politik, den persuasiven Botschaften der kommerziellen Kommunikation etc. Die Wahrscheinlichkeit, dass man gezielt angelogen wird, man nennt die postmoderne Lüge heute „Kommunikationsstrategie“ und „Public Relations“, ist größer, als dass man die Wahrheit erfährt. Und innerhalb der Bildungsinstitutionen ist die Wahrscheinlichkeit größer, das man „verbildet“ oder der „Unbildung“ unterworfen wird, als dass man zur Bildung kommt. Deswegen: So gut es geht die Hände weg.

Rogate: Vielen Dank, Herr Heinzlmaier, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

Mehr über das Instituts für Jugendkulturforschung finden Sie hier: jugendkultur.at/institut/

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 30. Sept. 14 |19:00 Uhr, KONVENTSAMT ZU ST. MICHAELIS. Orgel: Malte Mevissen.
  • Donnerstag, 2. Oktober, 19:30 Uhr, Komplet
  • 1975214_857746527575550_8870122910474125824_nFreitag, 3. Oktober 2014| 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Hier der Flyer 2014. Predigt: Thomas Schimmel. Mit dem Kummelby Kirchenchor aus Sollentuna-Stockholm. Orgel: Uwe Schamburek.
  • Sonnabend, 11. Oktober 2014| 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuer-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Mit Gedenken an die Toten des 1. Weltkrieges. Mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Tempelhof-Schöneberg.