Fünf Fragen an: Susanne Niemeyer, Autorin „Brot und Liebe. Wie man Gott nach Hause holt“

Fünf Freitagsfragen an Susanne Niemeyer, Autorin von „Brot & Liebe. Wie man Gott nach Hause holt“, über Erinnerungen an das Paradies, die Buchstabierung christlichen Glaubens und Gott in allen Dingen.

Susanne NiemeyerSusanne Niemeyer, geboren 1972, war langjährige Redakteurin beim ökumenischen Verein Andere Zeiten. Heute arbeitet sie als freie Autorin für den Kreuz-Verlag, ist Kolumnistin und Bloggerin (freudenwort.de). Als Begleiter für die Adventszeit ist gerade  im Herder-Verlag erschienen: „Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten.“ Susanne Niemeyer lebt in Hamburg, sieht von ihrem Schreibtisch den Himmel und hört die Schiffe tuten.

Rogate-Frage: Frau Niemeyer, der Untertitel Ihres Buches lautet: „Wie man Gott nach Hause holt“. Muss man ihn holen? Ist er nicht schon da, überall?

Susanne Niemeyer: Ja, wahrscheinlich ist das so. Aber oft fühlt es sich nicht so an. Manchmal vergisst man, dass die schönen Sachen ganz nah sind und ständig verfügbar. Die sonnige Straßenseite. Lindenblütenduft. Komplimente, die man bekommt oder macht. Erinnerungen ans Paradies. Ich hole sie in mein Blickfeld. Ich öffne die Tür meiner Aufmerksamkeit und lasse sie hinein.

Rogate-Frage: Es gibt im Norden die schöne Tradition, neuen Nachbarn Salz und Brot zu bringen, um ihnen Segen und Glück zu wünschen. Was bringt Lesenden das Buch „Brot und Liebe“ ins Haus?

Susanne Niemeyer: Die Chance auf ein paar Wunder, die unerkannt am Straßenrand legen. Die Erinnerung, dass man mit Gott ringen kann – und manchmal ringen muss. Die Erkenntnis, man glauben kann, obwohl das Leben voller Widersprüche ist. Und Gott ist nur einer davon. Aber das ist nicht schlimm. Es ist sogar ganz spannend, damit zu leben. Es hält wach.

Rogate-Frage: Sie haben zusammen mit Ihrem Ko-Autor Matthias Lemme über alle Texte zusammen intensiv gedacht & diskutiert. Nach welchen Kriterien haben Sie schließlich entschieden?

Susanne Niemeyer: Wir wollten christlichen Glauben buchstabieren. Dabei haben wir uns zuallererst die Frage gestellt: Was glauben wir selbst? Dann haben wir geschaut: Was sagen die alten Texte, die Bibel, aber auch die Glaubenden, die vor uns gewesen sind? Dabei haben wir viele Glaubens- und Denkverwandte gefunden. Überraschend schöne, interessante, auch mutige Texte, die hundert oder sogar tausend Jahre alt sind und auch heute eine große Relevanz haben. Wir haben unsere Überzeugungen und Erfahrungen neben die alten gestellt und waren oft verblüfft, wie gut sich das ergänzt. Aber wir haben auch radikal weggelassen, was wir selber nicht glauben. Auch wenn es von einem Martin Luther oder einer Theresa von Avila stammt.

Rogate-Frage: Christliche Hausbücher haben ja eine lange Tradition – Sie legen hier eine neue, moderne Fassung vor. Was gehört aus Ihrer Erfahrung heute in ein Hausbuch und was nicht?

Susanne Niemeyer: Genau das gleiche, was auch in ein Haus gehört: Das, was im Alltag wirklich wesentlich ist. Eine Spaghettizange ist ganz hübsch, aber man kann auch ganz gut ohne leben.
Wir hatten erst viel mehr Begriffe, aber weil unser Hausbuch kein sechsbändiges Werk werden sollte, das im Regal verstaubt, haben wir versucht, die ganz großen Themen des christlichen Glaubens zu wählen. „Existenzangst“ fiel beispielsweise raus, wir fanden sie in der Überschrift „Sinn“ wieder. Aber „Liebe“, „Zweifel“, „Lust“, „Tischgebet“, „Weihnachten“, „Gott“ und auch der „Teufel“ sind dabei.

Rogate-Frage: Sie haben – auch in anderen Büchern – ein wunderbares Sprachvermögen und eine großes Geschick gezeigt, berührend und empfindsam vom Glauben und der Liebe zu schreiben. Wie nähren Sie Ihren Glaube, Ihre spirituelle Sehnsucht, Ihre Suche nach Gott? Durch Meditation, durch den Gottesdienst?

Susanne Niemeyer: Ich mag den Gedanken, dass Gott in allen Dingen ist. Daran versuche ich mich immer wieder zu erinnern; angesichts des nervigen Bettlers in der Fußgängerzone, einer Graffitto, der Stille, eines gregorianischen Gesangs, mir selbst, der Spinne, vor der ich mich ekle oder den Mohnblüten am Straßenrand. „Handle, als stünde Gott vor dir.“ Das gibt dem Alltag einen Glanz, selbst den Abgründen. Oft gelingt es nicht. Aber es ist eine hübsche Aufgabe. Sie macht Sinn. Und sie erfüllt.

Rogate: Vielen Dank, Frau Niemeyer, für das Gespräch!

Über das Buch: Susanne Niemeyer, Matthias Lemme, Ariane Camus (Illu.) „Brot & Liebe – Wie man Gott nach Hause holt“, Verlag Kreuz, Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2013, Format: 13,5 x 21,5 cm, 224 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-451-61177-3, €[D] 18,99

Mehr über Susanne Niemeyer finden Sie in ihrem Blog hier: freudenwort.de.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Einladung LichtvesperSonnabend, 25. Oktober 2014 | 18:00 Uhr, Lichtvesper, Zwölf-Apostel-Kirche (mit der Alt-katholischen Gemeinde). Mit Kreiskantor Christoph Hagemann.
  • Dienstag, 28. Oktober 14 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 30. Oktober | 19:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet
  • Dienstag, 4. November 14 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, in der Kapelle der Kirche
  • Donnerstag, 6. November 2014 | 19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (Kapelle)

 

Fünf Fragen an: Ursula Plote, Autorin „Für den Augenblick – Gottesdienste mit Demenzkranken und ihren Angehörigen“

Ursula PloteFünf Freitagsfragen zum Welt-Alzheimertag, am 21. September 2014, an Pastorin Ursula Plote, Autorin „Für den Augenblick – Gottesdienste mit Demenzkranken und ihren Angehörigen“, über den unbefangenen Umgang mit Dementen, ihre Frömmigkeit und die Wichtigkeit von Bekanntem.

Ursula Plote stammt aus Wilhelmshaven in Niedersachsen, war Lehrerin und Pastorin. Sie ist pensioniert und engagiert sich für ein Mehrgenerationenhaus.

Rogate-Frage: Frau Pastorin Plote, wie sind Sie auf das Thema Demenz gekommen und wie haben Sie gelernt, damit umzugehen?

Ursula Plote: Im Mehrgenerationenhaus Wilhelmshaven, gleichzeitig Gemeindehaus unserer Kirchengemeinde, betreuen wir demenzerkrankte Menschen in Gruppen in unserem Haus und auch allein zu Hause. So habe ich viele Begegnungen mit Demenzkranken und ihren Betreuerinnen gehabt und viel darüber nachgedacht, gelesen und mich weitergebildet.

Rogate-Frage: Inwiefern taucht das Thema Demenz und die an ihr erkranke Menschen in einer Kirchengemeinde auf? Wie sollten Pfarrerinnen und Pfarrer reagieren, wenn ihren Demenzerkrankte begegnen?

Ursula Plote: Demenzkranke treffen wir Pastoren und Pastorinnen bei Besuchen zu Hause, im Heim oder im Krankenhaus, in Gottesdiensten und bei Gemeindeveranstaltungen. Es ist wichtig, ihnen unbefangen, freundlich, aber auch angemessen-kundig zu begegnen.

Rogate-Frage: Sie haben intensive Erfahrungen in der Gottesdienstarbeit mit Demenzkranken gesammelt und in einem Buch als Arbeitshilfe zusammengefasst. Was macht einen „Demenzgottesdienst“ aus? Welche Elemente gehören hinein und welche nehmen Sie aus der Feier hinaus?

Ursula Plote: Ein „Demenzgottesdienst“ ist kurz, anschaulich und spricht möglichst viele Sinne an. Wichtig sind viele Lieder (bekannte Choräle, einfache Liedverse, Vorsicht bei sogenannten neuen Liedern), bekannte Grundtexte (zum Beispiel Psalm 23, Vaterunser, Geschichten aus den Evangelien oder aus dem 1. und 2. Buch Mose – oft als freie Erzählung); liturgische Texte nur sparsam (Ehr sei dem Vater) verwenden. Wir verzichten auf Sündenbekenntnis, Beichte ooder ähnliches und auch auf eine allzu enge Orientierung am Kirchenjahr.

Rogate-Frage: Welche Rolle spielt das Abendmahl? Welche Rituale sind aus Ihrer Erfahrung hilfreich? Und wie reagieren Erkrankte darauf und auf den Kirchenraum?

Ursula Plote: Sinnliche Erfahrungen und Zugänge sind hilfreich. Das reicht vom Mit-Klatschen bei Liedern, über kleine Geschenke und Bilder oder auch eine Salbung.

Ich selber bin nicht darauf gekommen, Abendmahl mit Demenzkranken (und ihren Angehörigen oder Betreuern und Betreuerinnen) zu feiern. Darum baten die Mitarbeiterinnen in der Passionszeit. Wir feiern seitdem im Sitzkreis im Altarraum mit einer sehr einfachen Ordnung. Brot und Wein/Saft werden von Pastorin und Lektorin gereicht, je nach den Möglichkeiten der einzelnen Teilnehmer/innen in die Hand oder in den Mund. Die Betreuerinnen oder Angehörigen helfen, empfangen aber auch selber, wenn sie es wünschen. Wir fragen nicht nach Kirchenzugehörigkeit.

Die Leiterin der Demenzbetreuung plädiert für Wein, weil das „früher immer so war“ und weil das Schmecken Erinnerungen wecken könnte. Ich bin in diesem Punkt unentschieden.

Rogate-Frage: Hat sich Ihre eigene persönliche Frömmigkeit und die in der Kirchengemeinde gelebte Spiritualität durch diese besondere Gottesdienstarbeit verändert? Wenn ja, wie?

Ursula Plote: Die Erfahrungen im Umgang mit den Demenzkranken haben mich geistlich sehr berührt und wirken sich auf meine Predigt- und Gottesdienstgestaltung aus. In der Kirchengemeinde sind die Gottesdienste für die Demenzkranken anerkannt. Sie finden an Wochentagen statt. Auswirkungen auf den sonntäglichen Gottesdienst sind nicht zu beobachten.

Gottesdienste mit Demenzkranken und ihren AngehörigenRogate: Vielen Dank, Frau Plote, für das Gespräch!

Mehr über das Buch: Ursula Plote, Ivonne Tholen „Für den Augenblick – Gottesdienste mit Demenzkranken und ihren Angehörigen“, 1. Auflage 2011, 143 Seiten mit 9 Abb. und digitalem Zusatzmaterial kartoniert, ISBN 978-3-525-58021-9, Vandenhoeck & Ruprecht, 19.99 Euro.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Gottesdeinst für Mensch und TierDienstag, 23. Sept. 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 25. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 30. Sept. 14 |19:00 Uhr, KONVENTSAMT ZU ST. MICHAELIS. Orgel: Malte Mevissen.
  • Freitag, 3. Oktober 2014, 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt: Thomas Schimmel. Hier der Flyer 2014. Mit  dem Kummelby Kirchenchor aus Sollentuna-Stockholm. Orgel: Uwe Schamburek.