Bianca Bolle: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

Am 11. März 2021 war die Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Wilhelmshaven, dem ambulanten Pflegedienst der evangelisch-lutherischen Kirche in der Nordseestadt, an die Situation der Gepflegten, des Dienstes und der Mitarbeitenden seit dem Anfang der Pandemie erinnert. Die Liturgie sah einen Klageteil vor. Hier dokumentieren wir den Beitrag von Bianca Bolle:

Im Haus der Diakonie in Wilhelmshaven (Niedersachsen) hat die von Bianca Bolle geleitete Diakoniestation ihren Sitz (Bild: Rogate-Kloster)

Anfang 2020: Corona hat Deutschland erreicht, während in Süddeutschland bereits ein hohes Ausbruchsgeschehen herrscht, ist es im Norden noch relativ ruhig. Der Übertragungsweg ist schnell klar, Tröpfcheninfektion wie auch bei Erkältungskrankheiten. Das Virus verbreitet sich schnell. Das Robert Koch Institut empfiehlt: „Abstand halten und Kontakte meiden“. Die ambulanten Pflegedienste versorgen die Risikogruppen, oft hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen. Abstandhalten in der Pflege? Wie soll das gehen? Gar nicht.

Hygieneregeln sind für uns nichts Neues, die Händedesinfektion vor und nach Patientenkontakt Routine. Ein großes Problem trat auf: die Preise für Desinfektionsmittel explodierten. Es waren Preissteigerungen von 300 Prozent zu beobachten. Auch die Preise für weitere Schutzkleidung stiegen ungebremst. Ein medizinischer Mundnasenschutz, ein 15 Cent Artikel wurde mit 3,50 Euro gehandelt. Eine Packung Handschuhe stiegt von ihrem ursprünglichen Preis von drei Euro auf 15 Euro an. Eingeschritten ist hier niemand, das nennt sich freie Marktwirtschaft, die Nachfrage regelt den Preis.

Bereits bevor die Regierung die Pflicht zum Tragen eines Mundnasenschutzes beschlossen hat, haben wir uns dazu entschlossen, sie zum Schutz unserer Patient:innen und Mitarbeitenden zu tragen. Aber woher nehmen? Der Markt ist leergefegt. Lieferzeiten bis zu zwei Monate. Im privaten Umfeld umgehört, wer kann uns ausreichend Behelfsmasken zur Überbrückung nähen? Kollegen, Familie und sogar neunzigjährige Patienten machen sich an die Arbeit.

Im März 2020 dann ein Lichtblick, die Regierung verspricht alle Krankenhäuser und Pflegeinrichtungen mit Masken zu beliefern, vorrangig die Krankenhäuser und die Pflegeheime. Ja, auch wir haben welche erhalten, Anfang Dezember 2020, mit einem Brief vom Gesundheitsminister, datiert auf den 26. März 2020.

Die Ängste wachsen, viele Patienten stellen aus Angst vor Ansteckung ihre Versorgung ein, die Medien schüren die Ängste und verkünden, das Pflegepersonal sei der Überträger.

Es folgt der erste Lockdown. Die Pflegedienste arbeiten weiter, still und unerkannt, sieben Tage die Woche. Selbst durch Vorerkrankungen gefährdete Kolleg:innen machen weiter. Zusätzliche Belastungen kommen hinzu, die Kindertagesstätten und Schulen schließen. In der ambulanten Pflege arbeiten zum größten Teil Frauen in Teilzeit, mit Kindern. Wohin mit dem Kind, wenn ich arbeiten muss? Das Pflegepersonal wird plötzlich als systemrelevant eingestuft. Eine Notbetreuung der Kinder muss von den Einrichtungen gewährleistet werden.

Beim Anmelden der Notbetreuung in einer Kinderkrippe erhielt eine Mitarbeiterin die Aussage: „Ja, aber nur für systemrelevante Berufe!“ Traurig. Wir sind in den Augen der Bevölkerung nicht systemrelevant. Immer wieder hören wir Aussagen wie: „Wann macht Ihr denn wieder auf? Seid ihr auch im Homeoffice? Ach so, ihr arbeitet auch im Lockdown?“ Ja, die ambulanten Pflegedienste arbeiten immer, an 365 Tagen im Jahr arbeiten … und ja…  wir arbeiten auch an Weihnachten, Silvester und während einer Pandemie!

Dann endlich ein Schreiben der Niedersächsischen Landesregierung, das Hilfe verspricht. Die Ernüchterung ist schnell da. Erste Anweisung: „Die Versorgung der Patienten ist unter allen Umständen aufrecht zu erhalten! Sollten hohe Mitarbeiterausfälle auftreten: Stellen Sie mehr Personal ein! Ist dieses nicht möglich, fragen Sie in anderen Einrichtungen nach, ob diese aushelfen können…“

Von weiteren Vorschlägen möchte ich hier gar nicht sprechen…Wir leben seit Jahren in einem Pflegenotstand, Personal auf dem freien Markt gab es schon vor Corona nicht.

Der Toilettenpapierwahnsinn nimmt seinen Lauf. Haben Sie schon einmal in das verzweifelte Gesicht einer schwer kranken neunzigjährigen Frau, geblickt, die Ihnen verzweifelt und den Tränen nahe berichtet, dass sie den Kampf um Toilettenpapier verloren hat und nichts mehr hat? Also wieder an private Kontakte anknüpfen, bis sich ein Geschäft findet, was uns Toilettenpapier für unsere Patienten reserviert. Abzuholen bitte möglichst kurz vor Geschäftsschließung, im Dunkeln, mit Begleitservice bis zum Auto, damit ja nichts passiert…

Der Sommer kommt. Die Pflegedienste arbeiten weiter. Personal fehlt noch mehr als zuvor, da jetzt jede kleine Erkältung zu einer Krankschreibung von sieben Tagen führt, obwohl diese häufig schon nach zwei Tage vorüber ist. Häufiges Einspringen aus dem „Frei“ ist die Folge. Zumindest gibt es wieder Schutzausrüstungen, die Preise weiter extrem hoch, aber zumindest lieferbar. Schnell wird in der zweiten Welle aus dem Tragen einer Behelfsmaske die Pflicht, einen medizinischen Mundschutz in der Pflege zu tragen, kurze Zeit später die Verpflichtung zur FFP 2 Maske umzusetzen in den Einrichtungen innerhalb von wenigen Tagen.

Mitarbeitende mit Lungenerkrankungen wie zum Beispiel Asthma bekommen durch diese Masken kaum Luft, die ersten Ohren sind wund, offene Stellen hinter den Ohren keine Seltenheit, die FFP 2 Maske muss eng anliegen. Die Mitarbeitende der ambulanten Pflege arbeiten weiter, ungesehen von vielen, klagen nicht und sind für Ihre Patient:innen da.

An Corona erkrankte Patienten müssen versorgt werden, in voller Schutzkleidung, die einem kaum die Luft zum Atmen lässt… So wie man es aus dem Fernsehen kennt. Das Risiko, sich trotzdem zu infizieren, schwebt immer über einem. Coronapatient:innen, die alleine zu Hause leben, die Angehörigen weit entfernt, müssen versorgt werden. Die Mitarbeitenden der ambulanten Pflegedienste sind oft die einzigen Ansprechpartner.

Eine Mitarbeitenden-Teststrategie wird von der Regierung festgelegt, umzusetzen in drei Tagen. Durchführen dürfen sie nur examinierte Pflegekräfte nach einer ärztlichen Schulung – in Testzentren darf es jeder, der eine Schulung erhalten hat. Die Schulung ist über die Krankenkasse abzurechnen, trotzdem verlangt ein Arzt knapp 700 Euro für eine einstündige Schulung. Wieder organisieren, es ist kurz vor Weihnachten 2020, viele Ärzte schon im Urlaub. Das Gesundheitsamt wird eingeschaltet. Dreimal pro Woche müssen alle Mitarbeitende verpflichtend getestet werden, auch wenn Feiertag ist, Tests sind Mangelware… Es ist alles genau zu dokumentieren.

Im Januar 2021 dann geht Niedersachsen den Alleingang: Tägliche Testung der Mitarbeitenden in der ambulanten Pflege an sieben Tagen in der Woche. In keinem anderen Bundesland ist dieses erforderlich. Soziale Kontakte gibt es eh schon lange nicht mehr. Dieses heißt täglich bis zu 15 Mitarbeitende testen: Schutzkleidung anlegen, Schutzkittel, Haube, Handschuhe, Schutzvisir , FFP2 Maske…Test durchführen, 15 Minuten auf das Ergebnis warten und hoffen, dass alles gut ausgeht… Fünfzehnmal hintereinander… wir haben ja auch sonst nichts zu tun.

Aber jetzt wird alles besser, es wird ja geimpft, Nachdem bereits im Dezember angefangen wurde, den Bedarf in Krankenhäusern und Pflegeheimen zu ermitteln, und im Januar die ersten Impfungen starteten, fiel dann Anfang März auf: Ach ja, die ambulante Pflege gibt es ja auch noch… Ja, auch wir gehören zur höchsten Priorität und sind systemrelevant, auch wenn man uns nicht sieht und wahrnimmt… oder wussten Sie, dass wir in Wilhelmshaven 18 verschiedene ambulante Pflegedienste haben?

Bianca Bolle, Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Wilhelmshaven, am 11. März im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ in der Pfarrkirche Sankt Willehad Wilhelmshaven.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Das Diakonische Werk Friesland-Wilhelmshaven e.V., der Förderverein Rogate-Kloster und wir sind Bündnismitglieder. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

Fünf Fragen an: Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland

Fünf Freitagsfragen an Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland, über Einsamkeit auf dem Land, Dörfer mit Zukunft und die Verknüpfung von Digitalisierung und sozialer Frage in der Coronakrise.

Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland (Bild: Diakonie)

Maria Loheide studierte Soziale Arbeit und begann ihre berufliche Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesellschaft für Familienforschung, Sozialpädagogische Pflegekindervermittlung, Erziehungsberatung. Ihre Laufbahn in der Verbandsarbeit der Diakonie begann sie 1989 und war von 2001 bis 2008 Geschäftsführerin im Diakonischen Werk Westfalen. Ihre thematischen Schwerpunkte waren familien-, frauen- und jugendpolitische, beschäftigungspolitische und bildungspolitische Fragestellungen. Nach der Zusammenlegung der Diakonie Rheinland, Westfalen und Lippe übernahm sie ab 2011 die Geschäftsbereichsleitung Familie-Bildung-Erziehung. Im Jahr 2011 wurde Maria Loheide in den Vorstand des Diakonischen Werkes der EKD gewählt.

Nach der Gründung des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung im Jahr 2012 ist sie Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die sozialpolitische Lobbyarbeit gegenüber der Bundespolitik. Sie verantwortet die Arbeit der sozialpolitischen Zentren der Diakonie Deutschland. Maria Loheide nimmt Funktionen in den Netzwerkorganisationen, in denen die Diakonie mitarbeitet, wahr. Sie hat den Vorsitz der Sozialkommission II der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege inne und ist Vizepräsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Sie war von 2011 bis 2019 Vice Chairperson im europäischen diakonischen Verbund Eurodiaconia.

Rogate-Frage: Frau Loheide, die Diakonie Deutschland will sich laut einer Presseinformation „Gemeinsam gegen Einsamkeit auf dem Land“ einsetzen. Wie definieren Sie Einsamkeit außerhalb der Städte?

Maria Loheide: Einsamkeit ist ein ganz individuelles Empfinden. Man kann sich unter Menschen allein und einsam fühlen, aber sich auch im Alleinsein zufrieden fühlen.

Einsamkeit und ihre Auswirkungen auf die Seele und die körperliche Gesundheit unterscheiden sich nicht von Stadt zu Land. Einsamkeit entsteht, wenn man sich nach Begegnung sehnt, aber kein Gegenüber oder einen Ort dafür findet.

In ländlichen Regionen mit ausgedünnter Infrastruktur ist es schwieriger Menschen, mit gemeinsamen Interessen, Nachbarn, Freunde und Familie zu treffen, als in Städten mit kurzen Entfernungen und ausgebautem Verkehrsnetz. 

Wenn dann auf dem Land der Supermarkt, die Kneipe, der Bäcker schließen, es keine Kita, Kirchengemeinde, Schule oder Verein mehr gibt und der Bus nur selten in den Nachbarort fährt – dann fehlen wichtige Gelegenheiten für soziale Begegnungen. Der oftmals damit einhergehende Wegzug junger Menschen und Familien lässt andere einsam zurück.

Hier setzt unser Projekt „Dörfer mit Zukunft“ an: Wir wollen dazu beitragen, dass tragfähige Netze der Nachbarschaft entstehen.

Rogate-Frage: Was verbirgt sich hinter dem Programm „Dörfer mit Zukunft“ und wie kann es Einsamkeit reduzieren?

Maria Loheide: Das Projekt „Dörfer mit Zukunft“ erprobt die digitale und analoge Vernetzung von Nachbarschaften auf dem Land.

Engagierte Mitarbeitende aus Diakonie und Kirche bauen digitale Nachbarschaftsnetzwerke mit Hilfe der Nachbarschaftsplattform nebenan.de auf, die Kontakte, Beteiligung und gegenseitige Unterstützung fördern und erleichtern sollen. Dreh- und Angelpunkt ist das persönliche Kennenlernen, bleibt die persönliche Begegnung und das nachbarschaftliche Engagement.

Alle Dorfbewohner*innen sollen sich in ihren Nachbarschaften digital vernetzen und austauschen können – auch über die Grenzen des eigenen kleinen Ortes hinweg. Auf der Plattform nebenan.de können sich Menschen zu gemeinsamen Aktivitäten verabreden, sich über wichtige Neuigkeiten informieren und um Unterstützung anfragen. Diese Möglichkeit ist ein wichtiger Beitrag für die Teilhabe von Menschen am öffentlichen Leben.

Im Projekt Dörfer mit Zukunft binden wir vor Ort anerkannte Vertrauenspersonen ein. Auch Kommunen, Gemeinden, Vereine und Wirtschaft werden einbezogen.

Nach dem virtuellen Kennenlernen ist es dann auch nicht mehr weit bis zur persönlichen Begegnung. Die Möglichkeit jederzeit digital mit Menschen in Kontakt zu kommen, informiert zu sein und Verabredungen treffen zu können, kann und soll Einsamkeit entgegenwirken.

Rogate-Frage: Sie kooperieren mit der Nachbarschafts-Plattform „nebenan.de“ – warum?

Maria Loheide: Die Diakonie Deutschland kooperiert schon länger mit der Nachbarschaftsplattform nebenan.de beziehngsweise. der nebenan.de-Stiftung. Seit 2017 rufen die nebenan.de-Stiftung und die Diakonie Deutschland gemeinsam dazu auf, im Mai den „Tag der Nachbarn“ zu feiern. Jeder kann mitmachen. Der Aufruf ist gerade wieder gestartet.

Das enorme Potential, das in lebendigen Nachbarschaften steckt, zeigt sich immer wieder auch beim Deutschen Nachbarschaftspreis von nebenan.de, den die Diakonie Deutschland als Partnerin unterstützt. Als Jurymitglied bin ich immer wieder begeistert, wie viele Projekte gerade auf dem Land durch das Engagement der Nachbarn entstehen und es schaffen, alle zu begeistern und mitzunehmen.

Nebenan.de ist für die digitale Vernetzung von Nachbar*innen auf dem Lande ein idealer Partner. Die Plattform ist erprobt und besonders in den Städten schon gut etabliert, die Unterstützung und der Support ermöglichen unseren Projektträgern einen schnellen, guten Einstieg und eigene Qualifizierung und nicht zuletzt ist nebenan.de eine TüV zertifizierte und datensichere Plattform.

Diakonie Deutschland und nebenan.de wollen gemeinsam dafür sorgen, dass Nachbar*innen gerade auch in kontaktarmen Zeiten nicht vereinsamen, miteinander kommunizieren, sich vernetzen, gegenseitig unterstützen und sich für ihre Nachbar*innen und ihr Dorf engagieren.

Rogate-Frage: Die Diakonie hat im vergangenen Jahr erste Erfahrungen mit dem Programm gemacht. Was hat sich bewährt und was wird 2021 anders?

Maria Loheide: Anfang 2020 hat keiner geahnt, dass wir ein besonderes Jahr vor uns haben werden! Für unsere fünf Standorte war es eine große Herausforderung dennoch das Projekt zu starten. Die Unsicherheit zu Beginn der Pandemie war groß: Werden Veranstaltungen mit Hygienemaßnahmen möglich sein? Sollte man besser warten, bis Corona wieder vorbei wäre? Dank großem Engagement, außerordentlicher Flexibilität und Kreativität sind aber an allen Orten tolle Aktionen entstanden: Parkbanktreffen, ein Freiluft-Bücherbasar oder Onlinetreffen mit Vereinen und dem Bürgermeister.

Alle neuen Projektbeteiligten in 2021 haben sich darauf eingestellt, dass Corona uns auch dieses Jahr noch beschäftigen wird. Wir haben im vergangenen Jahr gelernt, dass vorhandene lokale Vertrauenspersonen sehr hilfreich sind und früh eingebunden werden sollten. Außerdem haben wir erfahren, dass Dörfer nicht an ihren Ortsgrenzen enden. Ganz im Gegenteil: Menschen wohnen in dem einen Dorf, arbeiten in dem anderen und fahren zum Vereinssport in das dritte Dorf. Sie interessieren sich sehr dafür, was um ihr eigenes Dorf herum los ist und vernetzen sich. Wenn man in der ganzen Region gleichzeitig mit der Vernetzung beginnt, profitieren davon die Nachbar*innen aller Dörfer.

Rogate-Frage: Warum sollten sich Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen daran beteiligen?

Maria Loheide: Durch eine gute Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung können soziale Problemlagen entschärft, Einsamkeit und Hilflosigkeit vermieden werden. Der erste Schritt zu einer aktiven Nachbarschaft ist dabei immer das „Kennen.Lernen.

Diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden sind Teil von Nachbarschaften. Das Projekt unterstützt ihre sozialraumorientierte Arbeit gerade auf dem Lande. Sie initiieren in dem Projekt digitale Vernetzung und können darüber die Menschen, auch neue Zielgruppen, besser beziehungsweise zusätzlich erreichen. Außerdem erfahren und lernen sie, wie digitale Plattformen ihre Arbeit unterstützen kann. Die Digitalisierung birgt die Chance, Barrieren zu überwinden. Menschen, die zum Beispiel in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, können teilhaben und besser erreicht werden. 

In der Corona-Krise wird deutlich, wie sehr Digitalisierung und soziale Fragen verknüpft sind. Digitale Informations-, Lern- und Kommunikationsprozesse sind für unsere Gesellschaft essentiell wichtig. Auch Menschen, die von Armut betroffen sind, aber oft keine ausreichende digitale Ausstattung haben, müssen digital teilhaben können. Dafür setzt sich die Diakonie Deutschland gemeinsam mit den Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen vor Ort ein.

Rogate: Vielen Dank, Frau Loheide, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

Fünf Fragen an: Christian Vollmann; Mitgründer Nebenan.de

Fünf Fragen an Christian Vollmann, Mitgründer von Nebenan.de, über Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung, die Hilfe zur Initiierung lokaler Gemeinschaft und Dörfer mit Zukunft.

Christian Vollmann (Bild: Hoffotografen)

Christian Vollmann ist in dem kleinen fränkischen Ort Dormitz aufgewachsen. Vor der Gründung von nebenan.de war er bereits Mitgründer der Dating-Portale iLove und eDarling sowie der Video-Plattform MyVideo. Er engagiert sich als Unterstützer von Ashoka, einer Organisation zur Förderung von Sozialunternehmen.

Rogate-Frage: Herr Vollmann, was genau ist nebenan.de?

Christian Vollmann: nebenan.de ist das größte soziale Netzwerk für Nachbar:innen in Deutschland mit 1,6 Millionen aktiven Nutzer:innen. Über die kostenlose, lokale Plattform können sich Nachbar:innen unkompliziert kennenlernen, helfen, zu Aktivitäten verabreden, Dinge teilen und verschenken. Nur verifizierte Nachbar:innen haben Zugang zu nebenan.de.

Mit nebenan.de bringen wir Menschen zusammen, die in der gleichen Nachbarschaft leben und sich trotzdem oft gar nicht kennen. Die Plattform ist ein Werkzeug, um Anonymität abzubauen und die lokale Gemeinschaft zu stärken. Starke und gut vernetzte Nachbarschaften sind gerade in Krisenzeiten wichtig – das hat die Corona-Pandemie eindrucksvoll gezeigt.

Rogate-Frage: Wie kam es zur Gründung und welche Vision verfolgen Sie für Ihr Netzwerk?

Christian Vollmann: Ich bin selbst im fränkischen Dorf Dormitz aufgewachsen. In meiner Wahlheimat Berlin fehlte mir die Dorfgemeinschaft manchmal. Ein Schwätzchen beim Bäcker, spontane Hilfe im Garten? Eine Seltenheit in der anonymen Großstadt. Als ich innerhalb Berlins umgezogen bin, wurde mir klar: Ich kenne keine meiner Nachbar:innen persönlich. Das wollte ich ändern. 2015 gründete ich mit fünf Mitstreiter:innen die Nachbarschaftsplattform nebenan.de.

Unsere Vision: Den gesellschaftlichen Herausforderungen wie zunehmender Anonymität, Einsamkeit, demographischer Wandel und Ressourcenverschwendung entgegenwirken und mehr lokale Gemeinschaft ermöglichen.

Seit 2018 können lokale, gemeinnützige Organisationen, Kommunen und Stadtverwaltungen über ein sogenanntes Organisationsprofil Teil der Nachbarschaft werden. Seit Anfang 2019 steht die Plattform auch lokalen Gewerben offen.

Rogate-Frage: Facebook verkauft die Daten ihrer Nutzer. Womit verdient Nebenan.de Geld?

Christian Vollmann: Wir bei nebenan.de nehmen den Schutz der Nutzerdaten sehr ernst. nebenan.de ist als deutschlandweit einzige Nachbarschaftsplattform TÜV-zertifiziert. Wir geben keine Nutzerdaten an Dritte weiter. Als Sozialunternehmen schließen wir ganz bewusst ein Geschäftsmodell aus, das auf der Vermarktung von Nutzerdaten beruht. Stattdessen setzen wir auf freiwillige Förderbeiträge unserer Nutzer, die Einbindung von lokalem Gewerbe sowie Kooperationen mit Kommunen.

Bei Facebook kommunizieren wir mit Freunden. Bei nebenan.de kommunizieren wir mit Fremden, die zu Freunden werden können. 99 Prozent aller Begegnungen auf nebenan.de wären ohne die Plattform nicht zustande gekommen, weil sich die Leute vorher nicht kannten. Aber es gibt unzählige Beispiele von Menschen, die über die Plattform echte Freundschaften geknüpft haben.

Rogate-Frage: Unter der Überschrift „Gemeinsam gegen Einsamkeit auf dem Land“ kooperiert nebenan.de mit der Diakonie Deutschland. Wie genau soll damit einsamen Menschen geholfen werden?

Christian Vollmann: Es ist ein Irrtum, dass sich auf dem Land schon alle kennen. Oft gibt es viele Zugezogene, denen es schwerfällt, Anschluss zu finden. Wie können wir Dorfbewohner:innen besser vernetzen? Das wollen wir gemeinsam mit der Diakonie Deutschland im Rahmen von „Dörfer mit Zukunft“ herausfinden.

Mit Hilfe von nebenan.de sollen auch in ländlichen Gegenden Nachbarschaftsnetzwerke entstehen, über die sich die Dorfbewohner:innen austauschen und unterstützen können, Informationen der Gemeinde erhalten und ihr ehrenamtliches Engagement ausbauen. Kurz: Ein „digitaler Dorfplatz“ soll entstehen, als Chance für mehr Teilhabe am öffentlichen Leben. Die Hemmschwelle, nach Gesellschaft oder Hilfe zu fragen, ist online geringer als im persönlichen Kontakt. Deshalb sehen wir hier eine große Chance, das Miteinander zu stärken.

Rogate-Frage: Welche Rolle nehmen die Kirchen und ihre Gemeinden in dem Projekt „Dörfer mit Zukunft“ und in Ihrem Netzwerk ein?

Christian Vollmann: Kirchen und Gemeinden sind Teil des Ökosystems einer Nachbarschaft und haben die Möglichkeit innerhalb des Projektes (und darüber hinaus) relevante Informationen über die Plattform zu teilen, Aktionen und Veranstaltungen bekannt zu machen und in den Dialog mit den Nachbar:innen zu gehen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Vollmann, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Jubiläum: Zehn Jahre Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin

Es sollte ein großer ökumenischer Festgottesdienst mit Eucharistie und Ausstellung zum Monat der Diakonie werden, doch auch im Rogate-Kloster musste seit Beginn der Corona-Pandemie vieles ausfallen oder verschoben werden. Nun wird eine Eucharistie am Sonntag, 27. September 2020, an die Gründung der geistlichen Gemeinschaft vor zehn Jahren erinnern.

Bereits vor elf Jahren, am 9. September 2009, gründete sich die Vorgängerorganisation, die „Ökumenische Rogate-Initiative“ als Verein. Zwanzig Personen aus verschiedenen Kirchen und Initiativen taten sich zusammen, um insbesondere in Schöneberg regelmässig Gottesdienste miteinander zu feiern.

Aus der Gruppe heraus wurde am 29. September 2010 das Rogate-Kloster gegründet. Es ist seit Juni 2013 als geistliche Gemeinschaft Teil der Evangelischen Kirche Berlin–Brandenburg–schlesische Oberlausitz und seit dem 1. November 2016 vom Katholischen Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland anerkannt. Seit seiner Gründung ist das Kloster Mitglied im Verbund der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesiche Oberlausitz.

Die Rogate-Mitglieder wirken neben Berlin in verschiedenen Bundesländern wie Hessen, Baden-Württemberg, Sachsen und Niedersachsen (Friesland und Wilhelmshaven). Schwerpunkte des Engagement liegen dabei in innovativen Gottesdienstformaten wie der „Politikerkanzel“ oder Demokratieprojekten wie dem „Wangerlandsofa„.

Die stärkste Aufmerksamkeits des Kloster-Engagement erfahren der jährliche Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin sowie die Gottesdienste für Mensch und Tier. Lange Jahre lag der inhaltliche Schwerpunkt in der Begleitung Trauernder und von Andachten für Menschen, die an keiner Trauerfeier teilnehmen konnten. Die Gemeinschaft hat als Ziel, einen Konvent gemeinsamen Lebens und Arbeitens zu entwickeln. Dafür sucht sie einen Ort.

Termin: Sonntag, 27. September 2020 | 10:00 Uhr, Eucharistie zum St. Michaelisfest und zum Monat der Diakonie. Orgel: Felicitas Eickelberg. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.

Coronakrise und Beten? Zitate zum Sonntag Rogate 2020

„Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich. Brüder sein und dich rufen an. Und willst das Beten von uns han. Gibt, dass nicht bet allein der Mund. Hilf, daß es geh von Herzensgrund.

Geheiligt werd der Name dein. Dein Wort bei uns hilf halten rein, dass wir auch leben heiliglich, nach deinem Namen würdiglich. Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr, dass arm verführet Volk belehr.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 1+2

„Corona heißt für mich: Noch einsamer sein. Alleine zu Hause bin ich. Die Fernsehnachrichten machen mich traurig. Oft stelle ich schon den Fernseher aus, weil ich es nicht mehr ertrage. Ich muss viel weinen. Das Gebet fällt mir nicht leicht. Irgendwann dachte ich mir: Meine Tränen sind mein Gebet. Dann also habe ich viel gebetet. Ich hoffe auf Gott, dass er uns beisteht, mir aber auch allen Kranken in diesen Tagen.“

Anonym, Wilhelmshaven, Mai 2020

„Ich bin mir sicher, dass es für viele Menschen wichtiger gewesen wäre, Kirchen zu öffnen statt Baumärkte. Die Ruhe, der Frieden und Besinnung in dieser Zeit, die wie ein schwankendes Schiff ist, festigt. – Ich bin nicht sehr religiös. Die Ruhe und die Konzentration auf mich selbst und das Wesentliche habe ich weit abseits von dem nervösen panischen Geflirre gefunden. – Mit meinem Hund; draussen vor der Stadt. Der Wald und der Himmel über mir wie eine Kathedrale. 

Barbara Nolte, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Es kommt dein Reich zu dieser Zeit und dort hernach in Ewigkeit. Der heilig Geist uns wohnet bei. Mit seinen Gaben mancherlei. Des Satans Zorn und groß Gewalt, zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 3
Schwester M. Stella (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„In der Zeit, als wir keine Gottesdienste haben konnten, hatten wir Öffnungszeiten für das stille Gebet in unseren Kirchen angeboten.

Man konnte sich  „verankern“. An dem Platz ,wo man gern in der Kirche sitzt, konnte man einen Anker anbringen und ihn gestallten; zum Beispiel mit Symbolen, etwas drauf schreiben, oder nur mit Namen versehen.

Eine Frau sagte: „Es gefällt mir sehr gut, diese Betstunde. Diese Ruhe, eine innere Gelassenheit macht sich breit. Man kann über alles nachdenken, über den grauen Alltag, der plötzlich viel heller wird. Ich spüre bei mir: Die Betstunde macht mich stark. Ich kann sie nur empfehlen! Lieber Gott, segne mich und meine Familie. Liebe Gottesmutter, ich vertraue auf Dich, Danke! Vielen Dank, für alles Gute, dass ich empfangen durfte!“

Schwester M. Stella, Marienschwester in Wilhelmshaven-Fedderwardergroden, Mai 2020

Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich, auf Erden und im Himmelreich. Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid. Wehr und steur allem Fleisch und Blut, dass wider deinen Willen tut.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 4

„Täglich höre ich von Menschen, die sich in dieser Krise große Sorgen machen. Ihr Arbeitsplatz ist bedroht, nahe Angehörige oder auch sie selbst sind krank oder sie leiden unter der Einsamkeit durch die Kontaktbeschränkungen. Im Gebet bitte ich Gott um seinen Beistand für uns alle. Und danke für die vielen gerade auch in der Diakonie, die in dieser Zeit für andere da sind. Gott, bleib Du bei ihnen und gib uns allen Zuversicht.“

Pfarrerin Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Mai 2020
Pfr. Andreas Erdmann (Bild: privat)

„Beten ist für mich wie atmen: Es gehört zu meiner Beziehung mit Gott schlicht dazu. Das war vor der Pandemie nicht anders als jetzt. Es tut mir gut, über das, was geschieht, mit Gott im Gespräch zu bleiben und gestärkt durch seinen Zuspruch an mich und seine Schöpfung diesen Zuspruch anderen zuteilwerden zu lassen. Dabei fühle ich gerade auch durch das gemeinsame Gebet in dieser Zeit eine starke Verbundenheit mit meinen christlichen Geschwistern im Glauben.“

Pfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Berlin, Mai 2020

„Ein brauchbares Zitat fällt mir zwar nicht ein, aber ich kann sagen, dass der Glaube auch in schwierigen Zeiten stärkt. Viel schlimmer als die Einschränkungen empfinde ich den Verlust jeglicher beruflichen Perspektive. Insbesondere erfüllt es mich mit Schrecken, wie viele Jobs in der Gastronomie verloren gehen.“

Michael Oberseider, Bayern, Mai 2020

„Mir geht es gut. Nach anfänglicher Sorge und Angst kann ich Gott danken, für die Kraft und Zuversicht, dass es mir auch weiterhin gut geht und bitte ihn auch für alle, die auf ihn vertrauen, sie zu stärken in dieser schweren Zeit. Meine Gedanken drehten sich um die Menschen, die ich in dieser außerordentlichen Zeit nicht im der Gemeinde treffen konnte. Wie kamen sie zurecht, wie fühlten sie sich, brauchten sie Unterstützung? Mit Anrufen, Grußkarten und später auch Besuchen hielten wir Kontakt im gegenseitigen Austausch. Als deine Kinder bist du immer für uns da. Danke, lieber Gott.“

Heidrun Helbich, Wilhelmshaven-Neuengroden, Mai 2020

„Gib uns heut unser täglich Brot und was man darf zur Leibesnot. Behüt uns, Herr, vor Unfried und Streit, vor Seuchen und vor teurer Zeit, dass wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizes müßig gehn.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 5
Michael Feitel (Bild: privat)

„Mir ist (in dieser Zeit) das folgende Gebet eines anderen Schreibers wichtig geworden: Bleibe bei uns, Herr, in dieser Zeit, in der wir zweifeln, aber nicht verzweifeln wollen, Fragen stellen, ohne Antworten zu haben, Probleme sehen, ohne Lösungen zu kennen. Bleibe bei uns, wenn wir die Dunkelheit fürchten und lass uns den neuen Morgen, das neue Ostern, erwarten.“

Michael Feitel, Berlin, Mai 2020
Dekan Ulf-Martin Schmidt (Bild: privat)

„Angesichts der vielfältigen Dynamiken, die der Umgang mit Corona in unserer Gesellschaft ausgelöst hat (von Entschleunigung bis Aggression), fällt mir das freie Beten von Tag zu Tag schwerer und ich bin froh, dass ich auf verschriftlichte Gebete anderer Menschen und Gemeinschaften zurückgreifen kann. Als Pfarrer werden jeden Tag Gebetsanliegen an mich herangetragen, die ich bei Gott geborgen weiß wenn ich sie im-Namen-nennen vor ihn bringe – mein persönliches Bitten kann ich aber nicht mehr gut in Worte fassen und versuche im Meditieren innere Ruhe zu finden.“

Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin, Mai 2020

„All unser Schuld vergib uns. Herr, dass sie uns nicht betrüben mehr. Wie wir auch unsern Schuldigern ihr Schuld und Fehl vergeben gern. Zu dienen mach uns all bereit, in rechter Lieb und Einigkeit.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 6
Heide Grünefeld (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„Ich glaube, dass Wort „Corona“ ist in meinen Gebeten nicht ein einziges Mal gefallen. Meine eigenen Zwiegespräche mit Gott haben mit Corona eigentlich nichts zu tun. Ich sehe zur Zeit viele andere Menschen, die nicht an Corona, sondern an der Angst davor oder an Folgen der Pandemieregeln leiden. Aber ich bin nicht gut darin, lange Gebete in Ruhe zu sprechen. Ich bin eher diejenige, die sich nach einem Besuch wieder ins Auto setzt, verzweifelt und wütend über die erlebte Traurigkeit oder Perspektivlosigkeit o.ä. ist, und dann nach oben schaut und in sehr ungeduldigem Tonfall sagt: „Du siehst das, oder? Du hast ihn/sie im Blick? Und ich hoffe sehr, Du hast einen Plan und weisst, wozu diese ganzen Schwierigkeiten gut sind, denn ich sehe das nicht, und das geht da schief, hilf ihm/ihr, Du musst da hinsehen, bitte!!!“

Und nach einer Weile, wenn ich mich abgeregt habe, kann ich etwas ruhiger sagen „Ja, gut, ich vertraue Dir und ich versuche weiter mein Bestes.“ Und dann, weil ich es doch nicht lassen kann und lieber auf Nummer sicher gehe, sage ich in wieder energischem Tonfall noch ein weiteres Mal „…aber Du guck dahin! Danke.“

Ob das als Beten durchgeht, weiss ich nicht. Ich hoffe es. Und ich hoffe, Gott guckt dann da hin.“

Heide Grünefeld, Theologin und Sozialarbeiterin, Hooksiel (Wangerland, Friesland), Mai 2020

„Führ uns, Herr, in Versuchung nicht, wenn uns der böse Geist anficht. Zur linken und zur rechten Hand, hilf uns tun starken Widerstand. Im Glauben fest und wohlgerüst und durch des heilgen Geistes Trost.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 7

„In der Corona-Krise sitze ich vor einem Arbeitsberg, der einfach nicht kleiner wird. Durch das Zuhause-Arbeiten im Homeoffice fällt es mir noch schwerer, wirklich Feierabend oder Wochenende zu machen und abzuschalten. Die Ruhe des Gebets würde mir hier sehr guttun. Aber mir diese Ruhe zu geben, fällt mir schwer.“

Anonym, Berlin, Mai 2020
Rechts: Edmund Mangelsdorf (Bild: privat)

„Unser Vater im Himmel weiß, was er uns auf der Erde zumutet und zumuten kann, um unserer Entwicklung willen. So bitte ich nicht um Einzelnes, sondern nur: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!“ und denke dabei auch an Corona. Und wo ich mein persönliches ewiges Leben dann verbringen soll, ob nun hier oder drüben, das überlasse ich Seiner Weisheit.“

Edmund Mangelsdorf, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Von allem Übel uns erlös, es sind die Zeit und Tage bös. Erlös uns vom ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not. Bescher uns auch ein seligs End. Nimm unser Seel in deine Händ.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 8
Pfr. Burkhard Bornemann (Bild: privat)

„Ich weiß, wie privilegiert und geborgen ich diese Krise erleben darf. Aber das war und ist auch Verantwortung. Wie viele Gespräche mit sehr unglücklichen, verstörten, psychisch zutiefst verletzten Menschen habe ich in den letzten Wochen geführt, in der offenen Kirche oder anderen Orten, manchmal auch einfach, wenn ich mit dem Mopsduo unterwegs war. Aber immer fühlte ich mich geführt auf der rechten Straße um seines Namens willen – im Namen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Im Namen von Trost, Zuwendung und Halt.“

Pfarrer Burkhard Bornemann, Evangelische Zwölf-Apostel-Gemeine, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

Amen, das ist: Es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar. Auf das wir ja nicht zweifeln dran, dass wir hiemit gebeten han. Auf dein Wort in dem Namen dein, so sprechen wir das Amen fein.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 9

Hinweis zu dieser Zitatesammlung: Zum Sonntag Rogate 2020 haben wir verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Berufsgruppen um einen Beitrag zu „Coronakrise und das Beten“ angefragt. Die aufgeführten Zitate fanden Eingang in den Gemeindegottesdienst des Rogate-Klosters Sankt Michael zu Berlin am 17. Mai 2020 in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg und werden hier dokumentiert. Ursprünglich war für den fünften Sonntag nach Ostern eine ökumenische Eucharistie gemeinsam mit der Alt-katholischen Gemeinde Berlin geplant. Diese konnte aufgrund der Einschränkungen der Gottesdienste in der Pandemie nicht stattfinden, daher fand ein Gottesdienst ohne Abendmahl statt.

Fünf Fragen an: Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Dar es Salaam/Tansania

Fünf Fragen an Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Deutschsprachige Gemeinde Dar es Salaam, über das Leben in ihrer durch Ausreisen verkleinerten Kirchengemeinde in Tansania, die Veränderungen durch die Corona-Pandemie und die Sehnsucht nach offenen Grenzen.

Pastorin Almut Birkenstock-Koll (Bild: privat)

1954 in Hamburg geboren wuchs Almut Birkenstock-Koll im Ruhrgebiet und Rheinland auf. Sie studierte in Wuppertal und Göttingen. In den USA und Italien folgte das Auslandsvikariat. Sie lebte Kenia und im Iran. Sie engagiert sich in der Friedens- und Versöhnungsarbeit, u.a. in Aktion Sühnezeichen Ost und West), in der Diakonie (Hospizarbeit und Altenseelsorge) sowie in der interreligiösen und interkulturellen Arbeit. Zuletzt war sie in Deutschland in der Flüchtlingsarbeit tätig. Aktuell engagiert sie sich in der sozialdiakonischen Arbeit in Tansania. Sie ist Pastorin der Deutschsprachigen Gemeinde Dar es Salaam in Tansania.

Rogate-Frage: Frau Pastorin Birkenstock-Koll, in welcher Situation befindet sich Ihre Kirchengemeinde aktuell?

Almut Birkenstock-Koll: Unsere Kirchengemeinde hat sich dezimiert wie hier die gesamte Expatcommunity. Zwei Familien sind im Abstand von drei Wochen ausgereist. Dazu gehörte unser Musiker, der fast immer unsere Gottesdienste begleitet hat. Er und seine Familie hat quasi die letzte Chance ergriffen, nach Deutschland zu fliegen, da sie ihren Hund mitnehmen konnten auf dem Flug. Sie hatten Sorge, dass der 13 Jahre alte Hund in Tansania bleiben muss, wenn es am Ende eventuell ganz plötzlich geht. Wir waren in Vorbereitung eines Osterkonzertes über Zoom, das wird nun über Email organisiert. Denn aufgeben will ich die Idee noch nicht. Wir haben Kantate oder Himmelfahrt ins Auge gefasst, wo dieses Konzert abrufbar sein soll für unsere Gemeinde.

Rogate-Frage: Wie hat das Coronavirus Ihre Gottesdienste und die Seelsorge in den letzten Wochen verändert?

Almut Birkenstock-Koll: Wir haben heute gerade in einer kurzen webex Konferenz mit dem Kirchenvorstand der Gemeinde beschlossen, den nächsten Gottesdienst – wir halten zweimal im Monat deutschsprachigen Gottesdienst – nicht analog zu halten. Bislang konnten wir dies noch tun, da hier in Tansania noch Gottesdienste in den Kirchen stattfinden. Wir wollten nicht die ersten sein, die dies nicht mehr anbieten. Es wurde jedoch zunehmend schwieriger, da viele unsere Mitglieder verständlicherweise nicht mehr kommen wollten. Einige Aufrechte gab es noch. Nun aber haben wir von allen Hiergebliebenen das Einverständnis, zu pausieren und stattdessen haben wir eine WhatsApp-Liste aller Gemeindeglieder und Interessierten gegründet. Wir werden versuchen, mit anderen Medien Andachts- und Gottesdienstangebote zu verschicken.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation im Land, welche gesundheitlichen Massnahmen gibt es und wie steht es um das Gesundheitswesen vor Ort?

Almut Birkenstock-Koll: In Tansania hat man ja lange die Pandemie nicht wirklich wahrhaben wollen. Man hat alle Verschwörungstheorien diskutiert oder auch als Krankheit des weißen Mannes beziehungsweise der weißen Frau. Man hat sich gefreut, dass das arme Afrika dieses Mal nicht den „schwarzen Peter“ habe….und so weiter.

Nun sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Die Zahlen der Infektionen steigen, der Toten auch, aber die sind noch einstellig. Die Infektionen lagen gestern bei 147. Der Staat geht eigentlich ganz gut mit der Situation um. Man veröffentlich die aktuellen Zahlen, die man hat – es gibt ja kaum Tests -, man fordert nun in der Stadt zum Tragen eines Mundschutzes auf. Ich nähe Mundschutz(-masken) ohne Ende mit meiner Gruppe von Teenage Mothers und verkaufe sie für wenig Geld, sodass unsere Mädels etwas Geld für sich erwirtschaften können. Das Gesundheitssystem ist äußerst schwach. Es gibt private Krankenhäuser, wo es vielleicht Beatmungsgeräte gibt, aber nur, wer zahlen kann, kann dies auch nutzen. 

Rogate-Frage: Wie geht es Ihnen persönlich mit der Situation, welche Fragen stellen Sie sich und was macht Ihnen Hoffnung?

Almut Birkenstock-Koll: Nun, ich gehöre mit 65 Jahren zur Risikogruppe, mein Mann ist 69. Wir haben uns entschlossen, hier zu bleiben, als es noch Flüge gab. Nun gibt es keine mehr. Ich denke, im Zweifelsfall geht es uns hier besser als in Deutschland, im Krankheitsfall eher nicht oder halt mit Glück doch. Ich hatte letztes Jahr Dengue-Fieber und war im privaten Aga Khan Hospital gut aufgehoben. Das war eine Erfahrung, die auch in der jetzigen Situation Hoffnung machen kann, dass eine Infektionslage bewältigt werden kann.

Ich schwanke jedoch immer wieder mal beziehungsweise sehne mich danach, dass die Grenzen wieder geöffnet werden und es auch wieder internationale Flüge gibt. Unser ältester Sohn ist Diplomat und arbeitet an der Botschaft in Nairobi, wo wir alle früher Jahre gelebt haben. Unsere Enkel sind jetzt auch dort und ich würde sie so gern besuchen. Ich drehe jeden Tag ein kleines Video für die beiden, die fünf und zwei Jahre alt sind. So bleiben wir in Kontakt. Auch zu unseren anderen Kindern in Deutschland und in den USA halten wir intensiven Kontakt.

Ich sehne mich nach unserem geplanten Familientreffen in Frankreich im Juli, aber das scheint wohl nichts zu werden. Das, wozu wir Menschen bestimmt sind: in Beziehung zu treten und Beziehung zu suchen zum Gegenüber, Kontakt über Berührung, der Nähe herstellt zum Nächsten und auch zum Fernen, gerade dies wird nun verwehrt, das schmerzt mich persönlich sehr.

Mir macht Hoffnung, dass die Liebe in unserer Familie uns trägt, dass ich auch in so einer irrealen Situation Gottes Gegenwart als real empfinde und mich nicht scheue, jeden Tag zu beten. Ich denke an viele Menschen, die allein sind und solche Zuwendung wenig oder gar nicht spüren. Ich bete intensiv für Menschen in all den schrecklichen Situationen, die ich kenne. Ich habe Flüchtlingsarbeit gemacht, so denke ich an diese heimatlosen Menschen. Ich habe im Iran gelebt – in der Zeit, in der sich die Beschränkungen schon anbahnten, musste ich mich entscheiden, ob ich den sterbenden Freund im Iran besuche oder meine 99 Jahre alte Tante, für die ich die Vorsorge habe… das war sehr schwer für mich. 

Rogate-Frage: Wenn Sie ein Gebet für uns in der Gemeinde Berlin für den nächsten Gottesdienst schreiben würden, wie würde es lauten?

Almut Birkenstock-Koll: Ach, ich weiß es nicht… Ein Gebet kommt aus dem Herzen… Ich bete in meinen Gottesdiensten oft frei… Vielleicht einen Dank an Gott, dass wir durch diese Situation auch wieder neu lernen können, wie wichtig seine Liebe zu uns ist und wie sehr wir den Mitmenschen brauchen. Ich habe mich dieses Ostern viel ernsthafter und intensiver gefragt, was der Tod Jesu beziehungsweise was Jesus Christus mit seinem Leben für mich eigentlich bedeutet… Und mir ist klar, wie leer und ohne Hoffnung die Welt ohne ihn wäre… Alles, was der Mensch an Gutem vollbringen kann, hat doch seinen Grund in Gottes Liebe, die durch Christus vorgelebt wird.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Birkenstock-Koll, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.

Demokratieprojekt „Wangerlandsofa“ startet am Donnerstag in Hooksiel

Am Donnerstag startet das neue Demokratieprojekt „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ im Walter-Spitta-Haus in Hooksiel. Den Auftakt gestalten Landrat Sven Ambrosy (Landkreis Friesland) und Bürgermeister Björn Mühlena (Gemeinde Wangerland) mit. Beide nehmen Platz auf dem „Roten Sofa“ und lassen sich von Bruder Franziskus (Rogate-Kloster) zur Frage „Wie demokratisch ist Landkreis und Gemeinde?“  befragen. Anschließend sollen weitere Themen gesammelt werden, die die Menschen im Wangerland beschäftigen und in den Folgeveranstaltungen diskutiert werden sollen.

Das ökumenische Rogate-Kloster St. Michael initiierte haben das Wangerlandsofa-Projekt. Es soll der gesellschaftlichen Spaltung begegnen und zivilgesellschaftliches Engagement gefördern. Partner der Initiative sind das Diakonische Werk Friesland-Wilhelmshaven, die Ev.-luth. Kirchengemeinde Pakens-Hooksiel und die Katholische Erwachsenenbildung Wilhelmshaven Friesland Wesermarsch e.V. (KEB). Die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Wangerlandsofa über das Programm „100 Projekte MITEINANDER REDEN“.

Termin: Donnerstag, 24. Oktober 2019 | 19:00 Uhr, Eröffnung „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ mit Landrat Sven Ambrosy und Bürgermeister Björn Mühlena. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.

Infos: wangerlandsofa.de.

Monat der Diakonie: Eucharistie am Sankt-Michaelis-Tag

Herzliche Einladung und willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der kommenden Woche:

2016 Wo ist das Rogate-Kloster?

Erreichbar ist die Zwölf-Apostel-Kirche mit öffentlichen Verkehrsmitteln: über die U-Bahnhöfe: Kurfürstenstraße (U1) Nollendorfplatz (U1, U2, U3, U4). Oder per Bus: Kurfürstenstraße (M85, M48), Nollendorfplatz (M19, 187) und Gedenkstätte Dt. Widerstand (M29). Fahrrad- und PKW-Stellplätze vor dem Gemeindezentrum und in der Genthiner Straße. Adresse: An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Wir danken der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde für die Gastfreundschaft der Rogate-Gottesdienste in Schöneberg.

Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier.

Religionenhaus: Grußwort von Roland Stolte

Grußwort von Roland Stolte, Konzeptdirektor House of One, Berlin, für die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade“ (28. Juni bis 15. September 2019):

Roland Stolte (Bild: House of One)

„Ein Religionenhaus, wie Sie es nun auch planen, versteht sich nicht von selbst. Es hat seine eigene Zeit, seine eigene Entwicklungs- und Planungszeit und seine eigenen Zwischenschritte. Wenn wir beim House of One eines gelernt haben, dann ist es der Wert und die Bedeutung von Zwischenschritten. Sie sind eminent wichtig, um die je anderen Religionen und die Stadtgesellschaft mit auf den Weg zu nehmen, um gemeinsam weiterzudenken und ein Vorgeschmack zu geben, wie ein solches Gebäude später einmal mit Leben gefüllt werden könnte. Ein derartiger Zwischenschritt ist Ihre Ausstellung, wir gratulieren dazu und freuen uns, Ihre Planungen in Zukunft mit Rat und Tat begleiten zu dürfen.“

Information: Der Arbeitskreis Religionenhaus hat sich im Sommer 2018 gegründet. Zu ihm gehören Mitglieder des Rates und der Verwaltung der Stadt Wilhelmshaven sowie Vertreterinnen und Vertretern des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Friesland-Wilhelmshaven, der römisch-katholischen Gemeinde Sankt Willehad, der Kreisdiakonie und des Rogate-Klosters.

Nach dem Vorbild des Berliner Projektes „House of One“ wird diskutiert, ob ein „Religionenhaus“ eine sinnvolle und zukunftsweisende Einrichtung für den Dialog von religiösen und nichtreligiösen Menschen am Jadebusen sein könnte. Der Kreis entwickelt interreligiöse Initiativen für die Stadtgesellschaft der Nordseestadt. Die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade.“ war ein Projekt der AK Religionenhaus Wilhelmshaven.

Einladung zum Vortrag „Frieden und Toleranz im Liberalen Islam“ am 11. August

Einen Vortrag über „Frieden und Toleranz im Liberalen Islam“ wird am Sonntag Rabeya Müller im Küstenmuseum halten. Die Kölner Imanin referiert im Rahmenprogramm der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade.“. Die Veranstaltung beginnt um 15:00 Uhr in der Weserstraße 58.

Rabeya Müller ist Imamin der Muslimischen Gemeinde Rheinland, eine die zum Liberal Islamischen Bund gehört. Sie ist zudem Mitherausgeberin der Schulbuchreihe ‚Saphir‘, sowie der Bücher „Koran für Kinder und Erwachsene“ und  „Islam für Kinder und Erwachsene“. Müller arbeitet als Bildungsreferentin beim Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung. 2017 wurde sie von der der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Wien mit dem Toleranzring ausgezeichnet. Seit 2012 vergibt die Akademie jährlich die Toleranzringe in Anlehnung an Lessings Ringparabel an Vertreter der drei abrahamitischen Religionen zur Förderung von Gerechtigkeit und Toleranz zwischen Christentum, Judentum und Islam.

Anmeldung: Für die Teilnahme an Veranstaltungen des Rahmenprogramms bittet das Museum um Anmeldung: Telefon 04421.40 09 40 oder per Mail kuestenmuseum@wilhelmshavenglaubt.de

Das Rahmenprogramm „Frieden und Toleranz“ findet in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Niedersachsen (EEB) und der Katholischen Erwachsenenbildung Wilhelmshaven Friesland Wesermarsch e.V. (KEB) statt.

Die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt.“ ist ein Projekt der AG „Religionenhaus Wilhelmshaven“ und des Demokratieprojektes „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ des Förderprogramms „MITEINANDER REDEN“. Sie wird gefördert vom Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, Aktion Mensch, der Ja-Wir-Stiftung, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven, der Dr. Buhmann Stiftung und dem Rogate-Kloster Sankt Michael.

Es wird eine Vortrags-Flatrate-Karte für alle 21 Veranstaltungen der Reihe „Frieden und Toleranz“ angeboten. Diese kostet 22,00 Euro (ermäßigt 17,00 Euro). Darin enthalten ist eine Jahreskarte für das Küstenmuseum. Der Einzeleintritt beträgt bei Vortragsveranstaltungen sieben Euro, ermäßigt fünf Euro.

Informationen: wilhelmshavenglaubt.de