Scheckübergabe: Sammlung bei den „Zehn Reden für die Stadt“ für die „Diakonie am Meer“

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Jannes Wiesner (li.) und Florian Wiese sammelten für „Diakonie am Meer“ (Bild: Diakonie/Axel Biewer)

Symbolischer Scheck für Stiftung „Diakonie am Meer“ übergeben

Für innovative und zukunftsweisende Projekte der Stiftung Diakonie am Meer in Friesland und Wilhelmshaven wurden bei der im Sommer stattfindenden Vortragsreihe „Zehn Reden für die Stadt“ jeweils Kollekten gesammelt. Bruder Franziskus Aaron vom Rogate-Kloster St. Michael, Initiator der Reihe, übergab zum Michaelisfest Stiftungsvorstand Klaus Lücken symbolisch einen Scheck über die Gesamtsumme in Höhe von 1.229,81 Euro. Der Betrag war bereits kurz nach Abschluss der Reihe überwiesen worden.
Unter anderem hatten Europaministerin Birgit Honé, Bremens Arbeitssenator Martin Günthner und der Landtagsabgeordnete Stefan Wenzel ihre Visionen zur Zukunft Wilhelmshavens und der Region vorgetragen.
Veranstalter der Sommerreihe „Zehn Reden für die Stadt“ zum Stadtjubiläums Wilhelmshavens waren der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, die Citykirche Wilhelmshaven (Christus- und Garnisonkirche) und das Rogate-Kloster Sankt Michael. Das Kloster plant zusammen mit dem Kirchenkreis für 2019 eine weitere Sommerreihe an einem anderen Ort.

Weitere Informationen: diakonie-am-meer.de

Rückblick: Diakonie-Präsident Ulrich Lilie hielt eine „Rede für die Stadt“

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Screenshoot Diakonie-Homepage

Heute vor einer Woche war Diakonie-Präsident Ulrich Lilie auf Einladung des Rogate-Klosters zu einem „UNERHÖRT! Forum“ in Wilhelmshaven, der zweiten Rogate-Wirkungsstätte.

„Wie geht es Ihren Alten? Wie geht es ihren Kindern, wie geht es Ihren Fremden in Ihrer Stadt?“, fragte Ulrich Lilie dann abends in der gut besuchten Christus- und Garnisonkirche. Der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, die Citykirche Wilhelmshaven und das Rogate-Kloster Sankt Michael haben Bürger der Stadt und des Landkreises sowie Prominente dazu eingeladen „Zehn Reden für die Stadt“ Wilhelmshaven und die Region zu halten. Präsident Lilie beschließt als zehnter Redner die Sommerreihe mit „Weltstadt Wilhelmshaven – eine Caring Community mit Zukunft“. In seiner Rede entwirft Lilie das Bild eines Gemeinwesens, in dem das aufmerksame Zuhören und Zusammenarbeiten die Basis eines Miteinanders wird, in dem alle Menschen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – eine Heimat finden können: „Das Wir einer Gesellschaft entwickelt sich von unten, subsidiär. Darum gilt: Die Kommune ist der Ernstfall der Demokratie.“

Einen Rückblick und Bilder dazu hier.

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten:

Rede für die Stadt: Am Dienstag spricht Diakonie-Präsident Ulrich Lilie

DIA__Kampagne_offen-A4 KopieDie Diakonie Deutschland veranstaltet am Dienstag, 21. August, ein ganztägiges „UNERHÖRT Forum“ in Wilhelmshaven. Darin soll es um die Themenfelder Armut, Integration, Pflege, Verschuldung, Straffälligenhilfe und Migration gehen.

An drei Stationen wird Diakonie-Präsident Ulrich Lilie in der Jadestadt „Unerhörten“ begegnen: im Haus der Diakonie wird er mit von der Diakonie betreuten bzw. begleiteten Menschen und Mitarbeitenden sprechen.

In der Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven​ wird Lilie um 19:00 Uhr eine halbstündige „Rede für die Stadt“ halten. Der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, die Christus- und Garnisonkirche und das Rogate-Kloster Sankt Michael laden dazu ein. Der Theologe beschließt als zehnter Redner die Sommerreihe zum Wilhelmshavener Stadtjubiläum.

RogateKl_Aushang A4_Zehn Reden alle Termine_190618_2 KopieOberkirchenrat Thomas Adomeit, Vertreter im Bischofsamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche Oldenburg, leitet die Liturgie der Andacht, die die Stadtrede einrahmt. Lektoren werden die Vareler Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller​, der Oldenburger Diakonie-Vorstand Thomas Feld sowie Rogate-Bruder Franziskus Aaron sein. Stadtkantor Markus Nitt begleitet den Gottesdienst musikalisch.

Anschließend lädt das Diakonische Werk zu einem WohnzimmerXXL-Konzert mit Majanko​ in das Soziale Kaufhaus, Banter Weg 12a, Wilhelmshaven-Bant, ein. Beginn ist um 20:15 Uhr. Der Eintritt ist hier ebenfalls frei.

Fünf Fragen an: Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, über eine zupackende Zivilgesellschaft für geflüchtete Menschen, die Wahrung der Menschenwürde in der Krise und die Wechselwirkungen mit populistischer Politik.

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Michael Chalupka (Bild: Luiza Puiu)

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz/Österreich geboren und studierte evangelische Theologie in Wien und Zürich. Weitere Ausbildungen folgten in den Bereichen Erwachsenenbildung und NPO-Management. Nach einem zweijährigen Italienaufenthalt als Studienleiter am “Centro Ecumenico d’Agape” in Prali (Torino) arbeitete er von 1989 bis 1994 als evangelischer Pfarrer. Seit 1994 ist Michael Chalupka als Direktor der Diakonie Österreich tätig. Er ist Mitinitiator der Armutskonferenz (1995). Seit 2000 ist Michael Chalupka außerdem Präsident des „Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit“ (ÖKSA) und seit 2006 auch Vorsitzender des Evangelischen Schulwerkes A.B. Wien.

Rogate-Frage: Herr Direktor Chalupka, wie geht es den geflüchteten Menschen heute in Österreich?

Michael Chalupka: Die Situation für die Geflüchteten hat sich, nach dem großen Flüchtlingszustrom 2015 mit über 88.000 Asylanträgen, weitestgehend normalisiert.
Das Positive, das wir aus 2015 mitnehmen können, war eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität, die jedoch weniger von der Regierung ausgegangen ist, sondern von der Zivilgesellschaft, die nach dem Motto: „Da muss man doch helfen!“ einfach zugepackt hat und unglaubliche Initiativen auf die Beine gestellt hat. Das hat sogar uns als professionelle Hilfsorganisation, die schon viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, manchmal überrascht. Bis heute sind sehr viele ehrenamtliche MitarbeiterInnen und nach wie vor viele private Initiativen – mehr als jemals zuvor in der jüngeren Geschichte Österreichs – in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Rogate-Frage:  Wie sind in Österreich die Kirchen, Caritas und Diakonie auf die Situation mit den Herausforderungen umgegangen und was hat sich dadurch verändert?

Michael Chalupka: Es war natürlich auch für die angestammten Hilfsorganisationen eine große Herausforderung. Caritas und Diakonie haben versucht äußerst flexibel auf die Situation zu reagieren. Dennoch hat sich alleine in der Diakonie der MitarbeiterInnenstand in der Flüchtlingsarbeit sowohl bei den hauptamtlichen, als auch bei den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass auch viele Leitungsstrukturen im laufenden Betrieb permanent nachgebaut werden mussten.
Dennoch war es uns wichtig, nicht einfach unsere Qualitätsstandards zu begraben und die Menschenwürde, der uns anvertrauten Menschen auch in einer Zeit großen Andranges im Vordergrund stehen zu lassen. Viele MitarbeiterInnen im Flüchtlingsbereich sind in diesem Jahr an das Limit ihrer Belastbarkeit gestoßen. Vor allem aber auch deshalb, weil Politik und Verwaltung kein gutes Krisenmanagement geleistet haben und viele sehr schwierige Situationen vermeidbar gewesen wären.
Leider wurde die konstruktive Kritik sämtlicher Hilfsorganisationen am staatlichen Aufnahmesystem kaum aufgegriffen, sodass wir befürchten müssen, beim nächsten Zuzug einer größeren Zahl von Flüchtlingen wieder exakt vor den gleichen strukturellen Problemen zu stehen wie im Jahr 2015.

Rogate-Frage: Auch Österreich erlebt das Aufleben des rechten Populismus, das Erstarken der Identitären und eine schwierige Bundespräsidentenwahl… Was ist los in Ihrem Land?

Michael Chalupka: Es gibt in Österreich nach wie vor eine schweigende Mehrheit von Menschen, die das Gemeinsame vor das Trennende, die Nächstenliebe vor den Hass, das Positive vor das Negative stellt. Letztendlich wurde das auch im sehr deutlichen Ausgang der Bundespräsidentenwahl sichtbar.
Dieser Umstand ist aber für die Politik scheinbar schwer verständlich. Eine schweigende Mehrheit ist auch für sie weniger hörbar, als die sehr negativen, lauten, xenophoben bis rassistischen Töne, die auch gerne durch Boulevardmedien aufgegriffen und reproduziert werden.
Dadurch entsteht eine Wechselwirkung mit populistischer Politik, die ihrerseits glaubt durch symbolpolitische Verschärfungen der Gesetzeslage und Kürzungen von Leistungen einen politischen Vorteil erringen zu können. Oft wird dabei übersehen, dass es, sobald man auf diesen Zug aufspringt, keine Bremse mehr gibt. Es ist wie ein Karussell, das sich immer weiter dreht: Die Hetzer verlangen immer mehr und sozialpolitisch immer Abstruseres. Eine Politik, die in dieses Karussell einsteigt, verliert unweigerlich die Orientierung im eigenen Wertegerüst. Irgendwann gibt es im Asylrecht gar nichts mehr zu verschärfen, das noch menschenrechtlich kompatibel wäre. Doch die nächste Verschärfung muss her, man glaubt es dem Wählerwillen schuldig zu sein.
Ja, es gibt einen starken Zulauf zu rechtspopulistischer Politik, die einfachste Antworten auf komplexeste Fragen gibt.
Die wahre Frage ist jedoch, ob der Zulauf zu dieser Politik größer oder kleiner wäre, wenn christlich soziale und sozial demokratische PolitikerInnen sich mit der ganzen Kraft der Grundprinzipien ihrer Gesinnungsgemeinschaften entgegenstemmen würden.

Rogate-Frage: Wie können Christen und wie die Kirchen darauf reagieren?

Michael Chalupka: Viele Christinnen und Christen sind heute stark in ehrenamtlichen Projekten engagiert und engagieren sich auch für ihre Mitmenschen.
Wichtig ist, dass sie sich aber auch zu Wort melden und spürbar werden lassen, dass Nächstenliebe stärker ist als Hass, Neid und Missgunst.
Die evangelischen Kirchen in Österreich stehen seit vielen Jahren sehr deutlich auf der Seite der Flüchtlinge und es gibt kaum ein Jahr, in dem die Generalsynode keine Resolution mit einem klaren Bekenntnis zum Flüchtlingsschutz beschließt.
Die Flüchtlingsarbeit ist den Kirchen ein besonderes Anliegen in Österreich. Evangelische Kirche A und H.B. sind gemeinsam mit der Diakonie Österreich Trägerorganisationen des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Dieser ist inzwischen die größte Rechtsberatungsorganisation für Flüchtlinge in Österreich. Angesichts der wenigen Evangelischen in Österreich ist das eine bemerkenswerte und für das Selbstverständnis der Kirchen wichtige Entwicklung.

Rogate-Frage: Was können wir in Deutschland von Österreich lernen, um die spürbare gesellschaftliche Spaltung und eine Gefährdung der Demokratie zu verhindern?

Michael Chalupka: Österreich hat seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen des Rechtspopulismus zu tun. Es zeigt sich deutlich, dass die Strategie, der vormals großen Parteien, immer mehr Anliegen der FPÖ in die eigene Programmatik zu übernehmen in den Diskurs der Rechtspopulisten eingezahlt hat. Die Erwartungen, dass sich durch eine schärfere Rhetorik und Abschottungspolitik WählerInnen für die Parteien der Mitte halten ließen haben sich nicht erfüllt. Wir ÖsterreicherInnen blicken umgekehrt immer etwas neidisch nach Deutschland, weil wir glauben dort mehr Sachpolitik und doch eine Spur weniger Populismus und Symbolpolitik zu erkennen. Trotz aller Probleme – von Pegida bis hin zu brennenden Flüchtlingsheimen – existiert doch auch in Deutschland eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung, wie jüngst eine Studie der EKD zur Haltung in der Flüchtlingsfrage gezeigt hat. Selbstverständlich ist die politische Lage in beiden Ländern sehr angespannt und ist es ein Auftrag an uns Christinnen und Christen, sehr wachsam zu sein und der Demagogisierung und Radikalisierung täglich entgegenzutreten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Direktor Chalupka, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Fünf Fragen an: Dr. Friedemann Green, Vorsteher Stiftung Das Rauhe Haus

Fünf Freitagsfragen an Dr. Friedemann Green, Vorsteher der Stiftung Das Rauhe Haus in Hamburg, über die Verbindung von Johann Hinrich Wichern mit dem Adventskranz, eine kleine christliche Predigt ohne Worte und das Ziel einer vollständigen Teilhabegerechtigkeit.

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Dr. Friedemann Green (Bild: Rauhes Haus)

Dr. Friedemann Green ist 1954 in Eckernförde geboren und aufgewachsen. Nach Schulbesuch, Zivildienst und sozialem Freiwilligendienst in England und den USA studierte er von 1978 bis 1985 Evangelische Theologie in Berlin und Hamburg. Nach seinem Vikariat in Hamburg-Lurup wurde er zunächst Gemeindepastor in der Hauptkirche St. Michaelis. Von 1988 bis 1992 arbeitete er als Pastor und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Kirche und Stadt der Universität Hamburg und promovierte zum Thema „Kirche und Stadtentwicklung“. 1992 wurde er Pastor in Sörup, Kirchenkreis Angeln, 1999 Propst des Kirchenkreises Eiderstedt. Seit Januar 2009 ist Pastor Dr. Friedemann Green Vorsteher des Rauhen Hauses.

Rogate-Frage: Herr Pastor Dr. Green, was verbindet das Rauhe Haus mit dem Adventskranz?

Friedemann Green: Der Adventskranz steht im Mittelpunkt mehrerer Rituale, die wir jährlich um den 1. Advent im Rauhen Haus herum feiern: Zum Beispiel übergibt eine Klasse unserer Wichern-Schule jedes Jahr am Nachmittag des 1. Advent einen großen Adventskranz – in diesem Jahr mit der möglichen Höchstzahl von 28 Kerzen ! – im Hamburger Rathaus. Während der gesamten Adventszeit steht er im Foyer des Rathauses im Aufgang zum Büro des Bürgermeisters und erinnert die Besucher daran: der Adventskranz kommt aus Hamburg. Anschließend feiern wir den Adventsgottesdienst in Deutschlands einziger schwimmender Kirche, der Flussschifferkirche in der Speicherstadt des Hamburger Hafens. Außerdem werden im ursprünglichen, reetgedeckten Alten Haus, in der Schulkapelle und an anderen Orten auf dem Stiftungsgelände um den Adventskranz herum Andachten gefeiert, in denen der Kranz immer auch an die Ursprungssituation des Rauhen Hauses Wohnort für Kinder aus armen Familien erinnert.

Rogate-Frage: Welche Bedeutung hat der Adventskranz für Sie als Pastor und Christ?

Friedemann Green: Der Adventskranz ist ein wunderbares Symbol für die biblische Adventsbotschaft: Während die Tage immer kürzer und dunkler werden, erscheint insbesondere der originale Wichern`sche Adventskranz sozusagen antizyklisch jeden Tag und mit jeder Kerze ein bisschen heller. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein helles Licht“. Die prophetische Ankündigung der Ankunft Gottes durchbricht die Dunkelheiten dieser Welt und kündigt Heil an mitten in Erfahrungen des Unheils hinein. Die biblische Heilsweissagung wird von denen am stärksten herbeigesehnt und wohl auch am aufmerksamsten gehört, die Lasten zu tragen haben und die – symbolisch gesprochen – von Dunkelheit umgeben und bedroht sind: die Hirten im Stall, das Flüchtlingspaar Maria und Joseph und andere. So gesehen ist der Adventskranz – auch wenn er in der Bibel gar nicht vorkommt – eine kleine christliche Predigt ohne Worte.

Rogate-Frage: Für manche Zeitgenossen beginnt irgendwann im November die „Weihnachtszeit“. Das Bachsche Weihnachtsoratorium erklingt an vielen Stellen vor dem 1. Advent, also viele Wochen vor Weihnachten. Manche Kirchengemeinde veranstaltet am Totensonntag einen Weihnachtsmarkt. Verschwindet der Advent aus unseren Traditionen? Welche Unterschiede zwischen Advent und Weihnachten machen Sie als Pastor?

Friedemann Green: Der vor einigen Jahren kreierte Slogan aus der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit „Advent ist im Dezember“ hat den Nagel auf den Kopf getroffen. In der Tat droht die Adventszeit mit ihrer eigenen inhaltlichen Bedeutung unter die Räder der allgemeinen und schon im Spätherbst einsetzenden Weihnachtsaufregung zu geraten. Geduld und Warten-können zählt nicht gerade zu den stärksten Tugenden unseres öffentlichen Lebens, sondern man möchte möglichst schnell zum großen Höhepunkt des Weihnachtsfestes gelangen. Dabei wird jedoch leicht übersehen, dass der Hinweg zum großen Fest und dessen Vorbereitung genauso zum Fest selbst dazu gehört wie – im Nachhinein – auch die Erinnerung daran. Es ist wie mit den Ferien oder dem Urlaub, die ihre schöne Wirkung auch bereits in der Vorfreude und vor dem ersten Ferientag entfalten. Aber gegen diesen Kaltstart in den Weihnachtsmodus ab spätestens Ende November ist nur schwer gegenan zu reden, ohne in die Ecke der Spaßbremse gedrängt zu werden. Es muss wohl jeder selbst die Erfahrung machen, dass ein zu lang ausgedehnter festlicher Höhepunkt ganz automatisch verflacht und sich selbst entwertet und dass auf der anderen Seite auch eine bewusst gestaltete Vorbereitungszeit ihren wichtigen Platz im gesamten Spannungsbogen hat. Die vielen kirchlichen Angebote, soweit sie nicht auch selbst auch zu früh in den Weihnachtsmodus schalten, sondern eigene thematische Akzente setzen, können dafür eine willkommene Hilfe sein.

Rogate-Frage: Johann Hinrich Wichern hat nicht nur den Adventskranz erfunden. Was können wir heute von ihm lernen? Welches Erbe gilt es zu bewahren?

Friedemann Green: Johann Hinrich Wichern war in vielen seiner gesellschaftlichen Einsichten ein Kind seiner Zeit und für unser heutiges Lebens- und Glaubensverständnis nur bedingt wegweisend. Besonders in pädagogischen Fragen war er jedoch seiner Zeit weit voraus und es gibt Facetten seines Denkens und Wirkens, die bis heute wegweisend sind: dazu gehört zum Beispiel die hohe Sensibilität für die individuelle Entwicklung jedes einzelnen Kindes. Ihm war daran gelegen, dass jedes Kind Lebensbedingungen vorfindet, in denen es an Leib und Seele gut gedeihen und sich als selbstbewusstes Mitglied der Gesellschaft entfalten kann. Mit großem Interesse lesen insbesondere Sozialpädagogen heute wieder über Wicherns Überzeugungen, dass auch die seelische und religiöse Entwicklung der Kinder unbedingt zu beachten und aktiv zu fördern ist. Heute sprechen wir in der Sozialpädagogik von Ressourcenorientierung und von Religions- und Kultursensibilität als Leitbegriffe einer Pädagogik, die vielfach belastete Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung stärken will. Was für Wichern selbstverständlich war, nämlich dass die Gewissheit, ein geliebtes Geschöpf Gottes zu sein, der kindlichen Entwicklung sehr förderlich ist, dass entdeckt nach Jahrzehnten weitgehender religiöser Sprachlosigkeit die Sozialpädagogik jetzt wieder neu.

Rogate-Frage: Der Berliner Aktivist Raúl Krauthausen kämpft gegen das vor kurzem vom Bundestag beschlossene Bundesteilhabegesetz (BTHG). Sie auch?

Friedemann Green: Das BTHG wird vom Rauhen Haus jetzt, wo es beschlossen ist, nicht offen bekämpft. In der Entwicklungsphase haben unsere Fachleute jedoch an verschiedenen Stellen, zusammen mit Fachverbänden und teilweise durchaus mit Erfolg versucht, Einfluss zu nehmen mit dem Ziel, möglichst viel Teilhabegerechtigkeit für die Menschen mit Beeinträchtigungen zu erreichen. In seiner jetzt vorliegenden Fassung ist das Gesetz gewiss ein großer Schritt in die richtige Richtung, wobei die Ausführungsbestimmungen vieler Details auf Länderebene noch nicht komplett vorliegen. Diesen Prozess werden wir aufmerksam verfolgen und uns daran beteiligen. Neben den gesetzlichen Rahmenbedingungen bleibt immer noch das große und längst nicht abgeschlossene Projekt einer weiteren und möglichst vollständigen Teilhabegerechtigkeit und eines entsprechenden barrierefreien gesellschaftlichen Miteinanders aller Menschen, unabhängig vom Grad der Beeinträchtigung Einzelner.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Green, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Berlin-Schöneberg:

  • Sonnabend, 17. Dezember 2016 | 12:00 Uhr, Mittagsgebet. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg

Kloster Lehnin, Brandenburg:

Monat der Diakonie: Fotoausstellung zur Situation von geflüchteten Kindern

Im Rahmen eines Fotoprojektes an der Alice Salomon Hochschule Berlin bekamen Flüchtlingskinder die Möglichkeit, ihren Alltag in der Flüchtlingsunterkunft in der Maxie-Wander-Straße fotografisch festzuhalten.

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Foto-Ausstellung zum Monat der Diakonie 2016  in der Zwölf-Apostel-Kirche

Die Kooperation zwischen dem Fotoseminar und der Flüchtlingsunterkunft begann vor einem Jahr und wurde von den Lehrbeauftragten und Fotokünstlern Karsten Hein und Jörg Möller geleitet. Studierende stellten Kindern im Alter fünf bis zwölf Jahren, die in der Flüchtlingsunterkunft wohnten, Kameras zur Verfügung und erklärten ihnen den Umgang mit der Technik. Die Kinder begannen daraufhin selbständig, ihr Leben in Bildern festzuhalten: Die Räumlichkeiten, die Umgebung, ihre Familien, sich gegenseitig.

Die Ausstellung zeigt die Perspektive der Kinder auf ihre Umwelt und ihren Alltag in der Unterkunft und verleiht den Geflüchteten ein Gesicht. 2014 wurden in Deutschland 173.072 Asylanträge gestellt. Im Durchschnitt dauert die Bearbeitung eines Asylantrags in Deutschland über sieben Monate. In Berlin leben derzeit etwa 15.000 Menschen in Sammelunterkünften. Einige der Kinder wurden noch während des Projektes abgeschoben.

Termin: Ausstellungseröffnung „ZuFlucht – Geflüchtete Kinder fotografieren ihren Alltag in der Flüchtlingsunterkunft“ am Sonntag, 4. September 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie zum Diakonie-Sonntag „Barmherzigkeit: Größer als unser Herz“, am 15. Sonntag nach Trinitatis.

2016 Wo ist das Rogate-Kloster?Die Foto-Ausstellung wird bis Ende September in der Zwölf-Apostel-Kirche vor und nach den Gottesdiensten sowie an den September-Sonnabenden während der „Offenen Kirche“ zwischen 11:00  und 15 Uhr zu sehen sein. Gefördert wird die Ausstellung vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt von Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde und Rogate-Kloster Sankt Michael.

Erreichbar ist die Zwölf-Apostel-Kirche mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die U-Bahnhöfe: Kurfürstenstraße (U1) Nollendorfplatz (U1, U2, U3, U4). Oder per Bus: Kurfürstenstraße (M85, M48), Nollendorfplatz (M19, 187) und Gedenkstätte Dt. Widerstand (M29). Fahrrad- und PKW-Stellplätze vor dem Gemeindezentrum und in der Genthiner Straße. Adresse: An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Fünf Fragen an: Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe

Fünf Karfreitagsfragen an Holger Wicht, Deutsche Aids-Hilfe, über den Sinn von HIV-Tests, eine zu erwartende fast normale Lebenserwartung für positive Menschen und welche Hoffnung er mit dem Jahr 2020 verbindet.

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Holger Wicht (Bild: privat)

Holger Wicht, geboren 1971 in Hannover, lebt seit 1992 in Berlin. Er ist Journalist und Moderator und war unter anderem Chefredakteur von Berlins queerem Stadtmagazin „Siegessäule“. Heute ist er Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher bei der Deutschen AIDS-Hilfe, dem Dachverband von 120 Organisationen und Einrichtungen in Deutschland.

Rogate-Frage: Herr Wicht, wie viele Menschen sind derzeit in Deutschland mit HIV infiziert, an Aids erkrankt und bereits gestorben?

In Deutschland leben zurzeit etwa 83.000 Menschen mit HIV. Die Neuinfektionszahlen liegen in Deutschland seit Jahren konstant bei 3.200. Das ist im europäischen Vergleich sehr wenig – ein Erfolg der Präventionsarbeit in Deutschland. Insgesamt sind seit den 80er Jahren ungefähr 28.000 Menschen an den Folgen der Infektion gestorben. Heute lässt sich eine Aidserkrankung zum Glück in aller Regel vermeiden, wenn jemand rechtzeitig von der HIV-Infektion erfährt und mit einer Therapie beginnt. Das Virus kann dann kaum noch Schaden im Körper anrichten. Kaum zu glauben, aber wahr: Wer sich heute infiziert, hat eine fast normale Lebenserwartung!

Rogate-Frage: Wie arbeitet die Aids-Hilfe? Hauptsächlich durch Lobbyarbeit und Beratung?

Unsere Arbeit ist sehr vielfältig. Zum einen machen wir Prävention für die am stärksten von HIV betroffenen Gruppen: schwule Männer, Drogenkonsumenten, Menschen in Haft, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter und Menschen aus Ländern, in denen HIV besonders häufig vorkommt. Dafür bekommen wir Geld vom Staat. Ein Beispiel ist unsere Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU für schwule Männer, die zum Beispiel auf CSDs im Einsatz ist. Es ist in der Prävention nämlich immer sehr wichtig, auch persönlich ins Gespräch zu kommen. Zum anderen setzen wir uns politisch für die Rechte der genannten Gruppen ein und vertreten die Interessen von Menschen mit HIV. Außerdem bieten wir Beratung an, fördern Selbsthilfeaktivitäten und vieles mehr. Nicht zuletzt informieren wir umfassend zu allen Themen rund um HIV, Geschlechtskrankheiten und Hepatitis. Bald starten wir aidshilfe.de im neuen Look.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation von Menschen mit dem Virus in Deutschland? 

Die Situation von Menschen mit HIV hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm verbessert. Mit HIV kann man heute nicht nur alt werden, sondern auch ein erfülltes Leben führen – mit Sexualität, Beziehung, Familie und Job, ganz wie man möchte. Die Therapien machen’s möglich, denn sie verhindern die Vermehrung von HIV im Körper und auch die Weitergabe des Virus. Leider erleben Menschen mit HIV aber immer noch Diskriminierung, zum Beispiel am Arbeitsplatz oder in Krankenhäusern und Arztpraxen. Grund sind oft völlig veraltete Vorstellungen vom Leben mit HIV und irrationale Ängste vor einer Übertragung. Deswegen machen wir immer wieder deutlich: Von Menschen mit HIV geht keine Gefahr aus! Im Alltagsleben sowieso nicht, und beim Sex kann man sich schützen.

Rogate-Frage: Wie erleben Sie die Positionen der Kirchen in Deutschland und anderswo?

Das ist sehr unterschiedlich. Viele kirchliche Organisationen sind wichtige Partner für uns, sie leisten großartige und wertvolle Arbeit, etwa in der Flüchtlingshilfe und in der Drogenhilfe. Das franziskanische Haus Maria Frieden war das erste Aids-Hospiz in Deutschland – und leistet bis heute unverzichtbare Arbeit. Die ebenfalls franziskanischen Nonnen vom Hospizdienst Tauwerk sind in Berlin Teil der Community und haben für ihre offenherzige und unermüdliche Arbeit am Sterbebett von Menschen mit Aids letztes Jahr den Soul of Stonewall Award des Berliner CSD gewonnen! Wenn aber die Kirche oder manche ihrer Vertreterinnen und Vertreter homosexuelle Menschen nach wie vor herabwürdigen oder den Gebrauch von Kondomen untersagen, dann ist das respektlos und höchst schädlich – auch für die HIV-Prävention.

Rogate-Frage: Sie haben die Hoffnung, dass es ab 2020 nicht mehr zu Aids-Erkrankungen kommt. Wie soll das gehen?

Unser Verband will alles dafür tun, dass niemand mehr an Aids erkranken muss. Man muss sich vorstellen: Mehr als 1000 Menschen bekommen jedes Jahr in Deutschland Aids, obwohl es sich vermeiden ließe! Die allermeisten wissen bis dahin nicht, dass sie HIV-positiv sind. Sie haben sich nicht testen lassen – aus Angst vor dem Ergebnis oder vor Diskriminierung. Das wollen wir verändern. Wir möchten Menschen den Zugang zum HIV-Test und zur Therapie ermöglichen, sie dazu motivieren, um ihnen eine Aids-Erkrankung zu ersparen. Dafür müssen wir die Test-Hindernisse abbauen: indem wir vermitteln, dass man mit HIV heute gut leben kann, wenn man rechtzeitig davon erfährt. Und indem wir Diskriminierung abbauen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Wicht, für das Gespräch.

Weitere Informationen hier: aidshilfe.de, magazin.hiv und „AIDS ist auch nicht mehr, was es mal war“ – Unsere „Wussten Sie eigentlich?“- eine Kampagne erzählt Lebensgeschichten.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Rogate Kl_Aushang_Kreuzweg_090316-2 KopieHeute, Karfreitag, 25. März 16 | 15:00 Uhr, Kreuzweg, Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof)
  • Ostermontag, 28. März 16 | 11:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie, mit der Alt-Katholischen Gemeinde Berlin, Zwölf-Apostel-Kirche, U Nollendorfplatz
  • Dienstag, 29. März 16 | 19:00 Uhr, Vesper, Zwölf-Apostel-Kirche