Fünf Fragen an: Hendrik Theemann, FDP-Kandidat im Bundestagswahlkreis 26

Fünf Freitagsfragen an Hendrik Theemann, FDP-Kandidat im Wahlkreis 26 für die Bundestagswahl 2021, über seine Unzufriedenheit mit der Großen Koalition, Digitalisierung und Kanzler a.D. Helmut Schmidt. Ein Interview im Rahmen des Rogate-Demokratieprojekts „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“.

Hendrik Theemann (Bild: privat)

Hendrik Theemann (52) stammt aus Quickborn bei Hamburg. Nach dem Abitur und der anschließenden Offiziersausbildung bei der Marine studierte er Elektrotechnik und absolvierte eine Schiffstechnik-Ausbildung.

Rogate-Frage: Herr Theemann, was hat Sie motiviert, sich politisch zu engagieren und für den Deutschen Bundestag zu kandidieren?

Hendrik Theemann: Die Unzufriedenheit mit der großen Koalition führte dazu, dass ich vor circa zwölf Jahren in die FDP eingetreten bin. Im Laufe der Zeit habe ich mich zunehmend engagiert und bin bei Wahlen angetreten. Für den Bundestag kandidiere ich, da die derzeitige Bundesregierung bei den großen Themen unserer Zeit wie zum Beispiel Demographie, Digitalisierung oder Decarbonisierung kaum liefert. Als politischer Seiteneinsteiger und Dipl.-Ing. kann ich bei vielen zentralen Themen den kommenden Bundestag fachlich aufwerten und zum Beispiel die digitale Transformation aktiv unterstützen.

Rogate-Frage: Warum haben Sie sich für die FDP als ihre Partei entschieden?

Hendrik Theemann: Bei der FDP steht der Mensch im Mittelpunkt, sie setzt auf Eigenverantwortung und steht den staatlichen Akteuren sehr kritisch gegenüber. Bei Kernaufgaben des Staates, wie zum Beispiel die Gewährleistung der Sicherheit, steht die FDP für einen starken Staat.
Die FDP transportiert eine Aufbruchstimmung, setzt auf die Kraft der sozialen Marktwirtschaft, erkennt die Chancen und Risiken zum Beispiel der Globalisierung.

Rogate-Frage: Wie wollen Sie morgen leben?

Hendrik Theemann: Das Potential, welches die Digitalisierung besitzt, müssen wir für unsere Region heben. Auf diese Weise können wir die Lebensqualität der Menschen gerade in unserer Region verbessern. Darunter darf der Charakter der Region nicht leiden.
Ich möchte auch in einem Land leben, in dem meine Kinder einerseits die Möglichkeit haben, sich zu entfalten, andererseits dürfen sie nicht überfordert werden durch hohe Abgaben oder Auflagen.

Rogate-Frage: Welche politischen Vorbilder haben Sie und wie bilden Sie sich Ihre Meinung?

Hendrik Theemann: Helmut Schmidt, da er das Wohl des Landes über Parteiinteressen gestellt hat. Die politische Meinungsbildung erfolgt über verschiedenste Kanäle, beginnend im Gespräch im Bekanntenkreis bis hin zu den Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten.

Rogate-Frage: Was bedeuten Ihnen Religion, Glaube, Spiritualität und die Kirche?

Hendrik Theemann: Ich bin zwar kein religiöser Mensch, meine Werte sind aber stark durch unseren abendländischen Wertevorrat geprägt. Glaube und Spiritualität sprechen mich kaum an, ich bin eher nüchterner Analytiker, der versucht auch komplexe Zusammenhänge zu verstehen und Thesen kritisch hinterfragt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Theemann, für das Gespräch!

Weitere Interviews in der Reihe Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.


Der noch folgende Termin der Reihe „Wen wählen? Fünf Interviews zur Bundestagswahl 2021“:

  • Donnerstag, 26. August 2021 | 19:30 Uhr, Abendgebet. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Lektorinnen: Heidrun Helbich (Ev.-luth. Thomaskirchengemeinde, Neuengroden) und N.N. Ort: Lutherkirche.
  • Donnerstag, 26. August 2021 | 20:15 Uhr, Demokratie-Reihe „Wen wähle ich?“ – Interview zur Bundestagswahl 2021 mit MdB Siemtje Möller (SPD). Ort: Lutherkirche.

Mehr Informationen zum Demokratieprojekt „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“ finden Sie hier.

Rogate-Demokratieprojekt „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“ startet

Mit „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“ startet das Rogate-Kloster Sankt Michael kommende Woche ein neues Projekt für die Region Friesland. Inhaltlich soll der Blick in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten stärker auf die Zukunft und mögliche Lösungsansätze für die vielfältigen Problemlagen der Gegenwart gerichtet werden.

Wie mit der Klimakatastrophe umgehen? Wie das Leben an der Nordseeküste, trotz steigendem Meeresspiegel, gestalten? Wie konstruktiv dem demographischen Wandel begegnen und über die Schulzeit hinaus junge Menschen in der Region halten?

„Zu den FrieslandVisionen gehören Fragen nach der Teilhabe unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, Dörfer mit Zukunft, nach Beteiligungsformaten und nach der Transformation in eine nachhaltige und mit der Ökologie kompatible Ökonomie in der Region“ so Projektleiter und Initiant Br. Franziskus. Weitere Themen werden Mobilität auf dem Land, Digitalisierung, Erhalt und Umbau der Infrastruktur, sanfter Tourismus, Minderheitenpartizipation, Diversität, Zukunft der Demokrate und Integration sein.

Höhepunkt der FrieslandVisionen sind „Zehn Reden für das Leben an der Küste“, die in den beiden kommenden Jahren an verschiedenen Orten abwechselnd zwischen Wangerooge und Bockhorn, Zetel, Jever und auch in Wilhelmshaven gehalten werden.

Die „FrieslandVisionen“ werden bis Ende 2023 durch das Förder- und Qualifizierungsprogramm „MITEINANDER REDEN – Gespräche gestalten – Gemeinsam handeln“ für Akteur:innen in ländlichen Räumen durch die Bundeszentrale für politische Bildung mit 10.000 Euro finanzell gefördert. Weitere Drittmittel sollen eingeworben werden.

Das Rogate-Kloster engagiert sich seit über zehn Jahren in unterschiedlichen demokratiefördernden Vorhaben in Berlin, Friesland und Wilhelmshaven.

Im Nordkreis Frieslands wurde von Rogate zuletzt das „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ gemeinsam mit der Volkshochschule, Diakonie und Kirchengemeinden veranstaltet, musste aber durch die Coronapandemie im März 2020 vorzeitig enden. 2019 verantwortete das ökumenische Kloster in Wilhelmshaven die Reihe „Politikerkanzel: Was mich treibt.“ in der Banter Kirche und 2018 die „Zehn Reden für die Stadt und das Land“ in der Christus- und Garnisonkirche.

Das 2010 gegründete Rogate–Kloster St. Michael ist seit Juni 2013 als geistliche Gemeinschaft Teil der Evangelischen Kirche Berlin–Brandenburg–schlesische Oberlausitz und seit dem 1. November 2016 vom Katholischen Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland anerkannt. Es ist Mitglied im Verbund der Diakonie.

Fünf Fragen an: Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland

Fünf Freitagsfragen an Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland, über Einsamkeit auf dem Land, Dörfer mit Zukunft und die Verknüpfung von Digitalisierung und sozialer Frage in der Coronakrise.

Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland (Bild: Diakonie)

Maria Loheide studierte Soziale Arbeit und begann ihre berufliche Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesellschaft für Familienforschung, Sozialpädagogische Pflegekindervermittlung, Erziehungsberatung. Ihre Laufbahn in der Verbandsarbeit der Diakonie begann sie 1989 und war von 2001 bis 2008 Geschäftsführerin im Diakonischen Werk Westfalen. Ihre thematischen Schwerpunkte waren familien-, frauen- und jugendpolitische, beschäftigungspolitische und bildungspolitische Fragestellungen. Nach der Zusammenlegung der Diakonie Rheinland, Westfalen und Lippe übernahm sie ab 2011 die Geschäftsbereichsleitung Familie-Bildung-Erziehung. Im Jahr 2011 wurde Maria Loheide in den Vorstand des Diakonischen Werkes der EKD gewählt.

Nach der Gründung des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung im Jahr 2012 ist sie Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die sozialpolitische Lobbyarbeit gegenüber der Bundespolitik. Sie verantwortet die Arbeit der sozialpolitischen Zentren der Diakonie Deutschland. Maria Loheide nimmt Funktionen in den Netzwerkorganisationen, in denen die Diakonie mitarbeitet, wahr. Sie hat den Vorsitz der Sozialkommission II der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege inne und ist Vizepräsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Sie war von 2011 bis 2019 Vice Chairperson im europäischen diakonischen Verbund Eurodiaconia.

Rogate-Frage: Frau Loheide, die Diakonie Deutschland will sich laut einer Presseinformation „Gemeinsam gegen Einsamkeit auf dem Land“ einsetzen. Wie definieren Sie Einsamkeit außerhalb der Städte?

Maria Loheide: Einsamkeit ist ein ganz individuelles Empfinden. Man kann sich unter Menschen allein und einsam fühlen, aber sich auch im Alleinsein zufrieden fühlen.

Einsamkeit und ihre Auswirkungen auf die Seele und die körperliche Gesundheit unterscheiden sich nicht von Stadt zu Land. Einsamkeit entsteht, wenn man sich nach Begegnung sehnt, aber kein Gegenüber oder einen Ort dafür findet.

In ländlichen Regionen mit ausgedünnter Infrastruktur ist es schwieriger Menschen, mit gemeinsamen Interessen, Nachbarn, Freunde und Familie zu treffen, als in Städten mit kurzen Entfernungen und ausgebautem Verkehrsnetz. 

Wenn dann auf dem Land der Supermarkt, die Kneipe, der Bäcker schließen, es keine Kita, Kirchengemeinde, Schule oder Verein mehr gibt und der Bus nur selten in den Nachbarort fährt – dann fehlen wichtige Gelegenheiten für soziale Begegnungen. Der oftmals damit einhergehende Wegzug junger Menschen und Familien lässt andere einsam zurück.

Hier setzt unser Projekt „Dörfer mit Zukunft“ an: Wir wollen dazu beitragen, dass tragfähige Netze der Nachbarschaft entstehen.

Rogate-Frage: Was verbirgt sich hinter dem Programm „Dörfer mit Zukunft“ und wie kann es Einsamkeit reduzieren?

Maria Loheide: Das Projekt „Dörfer mit Zukunft“ erprobt die digitale und analoge Vernetzung von Nachbarschaften auf dem Land.

Engagierte Mitarbeitende aus Diakonie und Kirche bauen digitale Nachbarschaftsnetzwerke mit Hilfe der Nachbarschaftsplattform nebenan.de auf, die Kontakte, Beteiligung und gegenseitige Unterstützung fördern und erleichtern sollen. Dreh- und Angelpunkt ist das persönliche Kennenlernen, bleibt die persönliche Begegnung und das nachbarschaftliche Engagement.

Alle Dorfbewohner*innen sollen sich in ihren Nachbarschaften digital vernetzen und austauschen können – auch über die Grenzen des eigenen kleinen Ortes hinweg. Auf der Plattform nebenan.de können sich Menschen zu gemeinsamen Aktivitäten verabreden, sich über wichtige Neuigkeiten informieren und um Unterstützung anfragen. Diese Möglichkeit ist ein wichtiger Beitrag für die Teilhabe von Menschen am öffentlichen Leben.

Im Projekt Dörfer mit Zukunft binden wir vor Ort anerkannte Vertrauenspersonen ein. Auch Kommunen, Gemeinden, Vereine und Wirtschaft werden einbezogen.

Nach dem virtuellen Kennenlernen ist es dann auch nicht mehr weit bis zur persönlichen Begegnung. Die Möglichkeit jederzeit digital mit Menschen in Kontakt zu kommen, informiert zu sein und Verabredungen treffen zu können, kann und soll Einsamkeit entgegenwirken.

Rogate-Frage: Sie kooperieren mit der Nachbarschafts-Plattform „nebenan.de“ – warum?

Maria Loheide: Die Diakonie Deutschland kooperiert schon länger mit der Nachbarschaftsplattform nebenan.de beziehngsweise. der nebenan.de-Stiftung. Seit 2017 rufen die nebenan.de-Stiftung und die Diakonie Deutschland gemeinsam dazu auf, im Mai den „Tag der Nachbarn“ zu feiern. Jeder kann mitmachen. Der Aufruf ist gerade wieder gestartet.

Das enorme Potential, das in lebendigen Nachbarschaften steckt, zeigt sich immer wieder auch beim Deutschen Nachbarschaftspreis von nebenan.de, den die Diakonie Deutschland als Partnerin unterstützt. Als Jurymitglied bin ich immer wieder begeistert, wie viele Projekte gerade auf dem Land durch das Engagement der Nachbarn entstehen und es schaffen, alle zu begeistern und mitzunehmen.

Nebenan.de ist für die digitale Vernetzung von Nachbar*innen auf dem Lande ein idealer Partner. Die Plattform ist erprobt und besonders in den Städten schon gut etabliert, die Unterstützung und der Support ermöglichen unseren Projektträgern einen schnellen, guten Einstieg und eigene Qualifizierung und nicht zuletzt ist nebenan.de eine TüV zertifizierte und datensichere Plattform.

Diakonie Deutschland und nebenan.de wollen gemeinsam dafür sorgen, dass Nachbar*innen gerade auch in kontaktarmen Zeiten nicht vereinsamen, miteinander kommunizieren, sich vernetzen, gegenseitig unterstützen und sich für ihre Nachbar*innen und ihr Dorf engagieren.

Rogate-Frage: Die Diakonie hat im vergangenen Jahr erste Erfahrungen mit dem Programm gemacht. Was hat sich bewährt und was wird 2021 anders?

Maria Loheide: Anfang 2020 hat keiner geahnt, dass wir ein besonderes Jahr vor uns haben werden! Für unsere fünf Standorte war es eine große Herausforderung dennoch das Projekt zu starten. Die Unsicherheit zu Beginn der Pandemie war groß: Werden Veranstaltungen mit Hygienemaßnahmen möglich sein? Sollte man besser warten, bis Corona wieder vorbei wäre? Dank großem Engagement, außerordentlicher Flexibilität und Kreativität sind aber an allen Orten tolle Aktionen entstanden: Parkbanktreffen, ein Freiluft-Bücherbasar oder Onlinetreffen mit Vereinen und dem Bürgermeister.

Alle neuen Projektbeteiligten in 2021 haben sich darauf eingestellt, dass Corona uns auch dieses Jahr noch beschäftigen wird. Wir haben im vergangenen Jahr gelernt, dass vorhandene lokale Vertrauenspersonen sehr hilfreich sind und früh eingebunden werden sollten. Außerdem haben wir erfahren, dass Dörfer nicht an ihren Ortsgrenzen enden. Ganz im Gegenteil: Menschen wohnen in dem einen Dorf, arbeiten in dem anderen und fahren zum Vereinssport in das dritte Dorf. Sie interessieren sich sehr dafür, was um ihr eigenes Dorf herum los ist und vernetzen sich. Wenn man in der ganzen Region gleichzeitig mit der Vernetzung beginnt, profitieren davon die Nachbar*innen aller Dörfer.

Rogate-Frage: Warum sollten sich Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen daran beteiligen?

Maria Loheide: Durch eine gute Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung können soziale Problemlagen entschärft, Einsamkeit und Hilflosigkeit vermieden werden. Der erste Schritt zu einer aktiven Nachbarschaft ist dabei immer das „Kennen.Lernen.

Diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden sind Teil von Nachbarschaften. Das Projekt unterstützt ihre sozialraumorientierte Arbeit gerade auf dem Lande. Sie initiieren in dem Projekt digitale Vernetzung und können darüber die Menschen, auch neue Zielgruppen, besser beziehungsweise zusätzlich erreichen. Außerdem erfahren und lernen sie, wie digitale Plattformen ihre Arbeit unterstützen kann. Die Digitalisierung birgt die Chance, Barrieren zu überwinden. Menschen, die zum Beispiel in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, können teilhaben und besser erreicht werden. 

In der Corona-Krise wird deutlich, wie sehr Digitalisierung und soziale Fragen verknüpft sind. Digitale Informations-, Lern- und Kommunikationsprozesse sind für unsere Gesellschaft essentiell wichtig. Auch Menschen, die von Armut betroffen sind, aber oft keine ausreichende digitale Ausstattung haben, müssen digital teilhaben können. Dafür setzt sich die Diakonie Deutschland gemeinsam mit den Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen vor Ort ein.

Rogate: Vielen Dank, Frau Loheide, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

Fünf Fragen an: Frederic Riedel, Kiezworker in Berlin-Schöneberg

Fünf Fragen an Frederic Riedel, Berlin-Schöneberg, über seine Arbeit als Kiezworker, Veränderungsprozesse in einer Großstadtkirchengemeinde und die Coronapandemie als Treiber der Digitalisierung..

Frederic Riedel (Bild: privat)

Frederic Riedel kommt aus Uelzen in Niedersachsen. Zum BWL- und „Wirtschaft und Recht“-Studium zog er zunächst nach Brandenburg, um sich dann in Berlin zu verlieben. Durch das Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ wurde er auf eine Stellenausschreibung der Apostel-Paulus-Gemeinde in Berlin-Schöneberg aufmerksam. Zu seinen Aufgaben gehört die Koordination der Offenen Kirche, der Besuchsdienst und die Öffentlichkeitsarbeit.

Rogate-Frage: Herr Riedel, Sie sind „Kiezworker“ in einer evangelischen Großstadtgemeinde. Welche Aufgabe haben Sie dort?

Frederic Riedel: „Kiezworker“ ist der Begriff für die Gesamtheit aller meiner Aufgaben im Rahmen der Gemeinde und im Kiez – auch ist er meine offizielle Jobbezeichnung.

Meine Aufgaben sind tatsächlich sehr vielfältig und abwechslungsreich, sodass es mir stets schwer fällt meine beziehungsweise die eine Aufgabe hier auf das Wesentliche herunterzubrechen: Wohlmöglich bin ich an all den Maßnahmen beteiligt, die Kirche und Kiez stärker miteinander verzahnen lassen sollen: Von Ehrenamtskoordination über Betreuung und Ausgestaltung der Offenen Kirche, bis hin zu Besuchsdiensten, die aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Gefahr für Risikogruppen momentan leider pausieren müssen. Auch unterstütze ich die Pfarrerin, Küsterin und den Haus- und Kirchwart in vielen Angelegenheiten, sodass ich in gewisser Weise oftmals Bindeglied und helfende Hand in Personalunion bin.

In der Zukunft soll auch für mich wesentlich mehr in Richtung Kultur, Veranstaltungen und Social Media geschehen – aber auch hier sind uns momentan leider noch die Hände gebunden – pandemiebedingt.     

Rogate-Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich kirchlich engagieren und was hat es mit dem Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ zu tun?

Frederic Riedel: Es hat eine Menge damit zu tun, denn offen gestanden bin ich nur dadurch auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam geworden. Frau Pfarrerin Steffen-Elis hat mir von Anfang an zu Verstehen gegeben, dass die Gemeinde sich einem Wandel unterzieht und sicherlich schmeichelte mir die Idee, meinen Beitrag dazu leisten zu können. Schwer vorstellbar, dass ich in einer (Einstiegs-)Position, an einem anderen Ort mehr Einfluss auf die Entwicklungen um mich herum und auch auf meine eigene nehmen könnte. Ich würde mich nicht als strenggläubigen Menschen bezeichnen und für meinen Bereich ist Religion ehrlich gesagt auch gar nicht so maßgeblich. Entscheidend sind für mich vielmehr Wertevorstellungen, ein würdevolles und freundliches Menschenbild. Dazu zählt auch das Bedürfnis, aufgefangen zu werden, wenn man fällt. Auch Ich habe eine kleine persönliche Krise der Arbeitslosigkeit und Frustration nun zugunsten der Hilfe und Unterstützung Anderer hinter mich bringen können. Mein Team hat hier zweifellos, und zwar in ausnehmendem Maß, Anteil daran. Im Übrigen gefällt mir sehr wohl die Idee von Spiritualität, weil ich denke, dass sie jeder Mensch in sich trägt und braucht. Auch hatte ich wohlmöglich immer schon ein kleines Faible für Kunst, Geschichte, Architektur und den weiträumigen Klang von Sakralmusik. All das vereint die Apostel-Paulus-Kirche in recht beeindruckender Art und Weise.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit gehabt und wie haben Sie darauf reagiert?

Frederic Riedel: Das lässt sich nur schwer einschätzen, da ich das Arbeiten hier bisher noch gar nicht unter „normalen Rahmenbedingungen“ erleben durfte!

Aber ja, auch wir mussten absagen und umdenken: Kontaktbeschränkungen und Hygieneauflagen machen vor der Kirche keinen Halt. Wie in vielen Bereichen ist Corona aber auch für uns Treiber der Digitalisierung: Aufgezeichnete Gottesdienste und Veranstaltungen, Livestreams, Zoom-Meetings. Insbesondere seitens Pfarrerin Andrea Kuhla sind hier mittlerweile Online-Formate und Podcasts ins Leben gerufen worden. Kontaktaufrechterhaltung zu älteren Gemeindegliedern erfolgt telefonisch oder postalisch. Das Schönste ist, dass wir die Kirche – unter Wahrung der Abstands- , Hygiene- und Lüftungsregeln – seit dem Beginn der Pandemie und durch die Hilfe eines mittlerweile breiter aufgestellten Teams an ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen nahezu durchgängig offen halten konnten. Mit äußerst positiver Resonanz der Besucher:innen.

Rogate-Frage: Welchen Unterschied nehmen Sie grundsätzlich im kirchlichen Umfeld im Vergleich zu anderen Arbeitgebern war?

Frederic Riedel: Der Umgang miteinander ist familiär, bedächtig und herzlich. Das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft sicherlich kein Selbstläufer.

Wissen Sie, es gibt Arbeitgeber:innen, die ihre Mitarbeiter:innen quasi im Monatstakt auf hippe Team-Building-Seminare beziehungsweise – Maßnahmen schicken, geradezu wissenschaftliche Ansätze dabei verfolgen, und in der Praxis bleibt dann schlussendlich oft Nichts von all dem hängen. Wasser predigen und Wein trinken. Mir ist aufgefallen, dass das hier –  vielleicht aus dem Selbstverständnis, dem äußeren Rahmen und dem eigenen Wertesystem heraus –  auch ganz wunderbar ohne funktionieren kann.

Rogate-Frage: Wenn sie die Kirche in Berlin und überhaupt neu erfinden und gestalten würden, wie sähe sie dann aus?

Frederic Riedel: Das wäre ziemlich anmaßend! (lacht)

Aber sicherlich muss die Kirche – wie jede andere Institution im Laufe der Zeit – in verschiedenen Bereichen umdenken, neue Anreize schaffen, Programminhalte diversifizieren, Barrieren abbauen, auf die Leute zugehen, noch bevor sie sich entfernen. Berlin per se ist eine Stadt mit sehr modernem und dynamischem Zeitgeist und da wirkt die Kirche auf viele schlichtweg etwas aus der Zeit gefallen. Vor allem auf die jüngeren Generationen, die Zukunft. Glaube allein ist kein Kriterium mehr für die Ausrichtung und Gestaltung des Lebens. Dabei gibt es in vielen Gemeinden so viel Potential, einzigartige Räume und Gebäude in Ihrer Nutzung so zu gestalten, dass sich wieder mehr Menschen angesprochen fühlen und ihren persönlichen Zugang finden. Ich finde es etwas kurios wenngleich interessant, dass im Subkultur-Jargon ausgerechnet der wohl berüchtigtste Berliner Techno-Club landläufig gerne als „Tempel“ oder „Church“ bezeichnet wird. Und auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick noch so skurril wirken mag: Vermutlich lechzt jeder Mensch nach einem Raum, einem Ort der Geborgenheit und Zuflucht, der Gemeinschaft, des Gesangs und der Feier und auch der Spiritualität – und offenbar bedeutet Kirche im Kern nach wie vor all das.

Rogate: Vielen Dank, Herr Riedel, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Fünf Fragen an: Christian Vollmann; Mitgründer Nebenan.de

Fünf Fragen an Christian Vollmann, Mitgründer von Nebenan.de, über Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung, die Hilfe zur Initiierung lokaler Gemeinschaft und Dörfer mit Zukunft.

Christian Vollmann (Bild: Hoffotografen)

Christian Vollmann ist in dem kleinen fränkischen Ort Dormitz aufgewachsen. Vor der Gründung von nebenan.de war er bereits Mitgründer der Dating-Portale iLove und eDarling sowie der Video-Plattform MyVideo. Er engagiert sich als Unterstützer von Ashoka, einer Organisation zur Förderung von Sozialunternehmen.

Rogate-Frage: Herr Vollmann, was genau ist nebenan.de?

Christian Vollmann: nebenan.de ist das größte soziale Netzwerk für Nachbar:innen in Deutschland mit 1,6 Millionen aktiven Nutzer:innen. Über die kostenlose, lokale Plattform können sich Nachbar:innen unkompliziert kennenlernen, helfen, zu Aktivitäten verabreden, Dinge teilen und verschenken. Nur verifizierte Nachbar:innen haben Zugang zu nebenan.de.

Mit nebenan.de bringen wir Menschen zusammen, die in der gleichen Nachbarschaft leben und sich trotzdem oft gar nicht kennen. Die Plattform ist ein Werkzeug, um Anonymität abzubauen und die lokale Gemeinschaft zu stärken. Starke und gut vernetzte Nachbarschaften sind gerade in Krisenzeiten wichtig – das hat die Corona-Pandemie eindrucksvoll gezeigt.

Rogate-Frage: Wie kam es zur Gründung und welche Vision verfolgen Sie für Ihr Netzwerk?

Christian Vollmann: Ich bin selbst im fränkischen Dorf Dormitz aufgewachsen. In meiner Wahlheimat Berlin fehlte mir die Dorfgemeinschaft manchmal. Ein Schwätzchen beim Bäcker, spontane Hilfe im Garten? Eine Seltenheit in der anonymen Großstadt. Als ich innerhalb Berlins umgezogen bin, wurde mir klar: Ich kenne keine meiner Nachbar:innen persönlich. Das wollte ich ändern. 2015 gründete ich mit fünf Mitstreiter:innen die Nachbarschaftsplattform nebenan.de.

Unsere Vision: Den gesellschaftlichen Herausforderungen wie zunehmender Anonymität, Einsamkeit, demographischer Wandel und Ressourcenverschwendung entgegenwirken und mehr lokale Gemeinschaft ermöglichen.

Seit 2018 können lokale, gemeinnützige Organisationen, Kommunen und Stadtverwaltungen über ein sogenanntes Organisationsprofil Teil der Nachbarschaft werden. Seit Anfang 2019 steht die Plattform auch lokalen Gewerben offen.

Rogate-Frage: Facebook verkauft die Daten ihrer Nutzer. Womit verdient Nebenan.de Geld?

Christian Vollmann: Wir bei nebenan.de nehmen den Schutz der Nutzerdaten sehr ernst. nebenan.de ist als deutschlandweit einzige Nachbarschaftsplattform TÜV-zertifiziert. Wir geben keine Nutzerdaten an Dritte weiter. Als Sozialunternehmen schließen wir ganz bewusst ein Geschäftsmodell aus, das auf der Vermarktung von Nutzerdaten beruht. Stattdessen setzen wir auf freiwillige Förderbeiträge unserer Nutzer, die Einbindung von lokalem Gewerbe sowie Kooperationen mit Kommunen.

Bei Facebook kommunizieren wir mit Freunden. Bei nebenan.de kommunizieren wir mit Fremden, die zu Freunden werden können. 99 Prozent aller Begegnungen auf nebenan.de wären ohne die Plattform nicht zustande gekommen, weil sich die Leute vorher nicht kannten. Aber es gibt unzählige Beispiele von Menschen, die über die Plattform echte Freundschaften geknüpft haben.

Rogate-Frage: Unter der Überschrift „Gemeinsam gegen Einsamkeit auf dem Land“ kooperiert nebenan.de mit der Diakonie Deutschland. Wie genau soll damit einsamen Menschen geholfen werden?

Christian Vollmann: Es ist ein Irrtum, dass sich auf dem Land schon alle kennen. Oft gibt es viele Zugezogene, denen es schwerfällt, Anschluss zu finden. Wie können wir Dorfbewohner:innen besser vernetzen? Das wollen wir gemeinsam mit der Diakonie Deutschland im Rahmen von „Dörfer mit Zukunft“ herausfinden.

Mit Hilfe von nebenan.de sollen auch in ländlichen Gegenden Nachbarschaftsnetzwerke entstehen, über die sich die Dorfbewohner:innen austauschen und unterstützen können, Informationen der Gemeinde erhalten und ihr ehrenamtliches Engagement ausbauen. Kurz: Ein „digitaler Dorfplatz“ soll entstehen, als Chance für mehr Teilhabe am öffentlichen Leben. Die Hemmschwelle, nach Gesellschaft oder Hilfe zu fragen, ist online geringer als im persönlichen Kontakt. Deshalb sehen wir hier eine große Chance, das Miteinander zu stärken.

Rogate-Frage: Welche Rolle nehmen die Kirchen und ihre Gemeinden in dem Projekt „Dörfer mit Zukunft“ und in Ihrem Netzwerk ein?

Christian Vollmann: Kirchen und Gemeinden sind Teil des Ökosystems einer Nachbarschaft und haben die Möglichkeit innerhalb des Projektes (und darüber hinaus) relevante Informationen über die Plattform zu teilen, Aktionen und Veranstaltungen bekannt zu machen und in den Dialog mit den Nachbar:innen zu gehen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Vollmann, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind: