Fünf Fragen an: Frederic Riedel, Kiezworker in Berlin-Schöneberg

Fünf Fragen an Frederic Riedel, Berlin-Schöneberg, über seine Arbeit als Kiezworker, Veränderungsprozesse in einer Großstadtkirchengemeinde und die Coronapandemie als Treiber der Digitalisierung..

Frederic Riedel (Bild: privat)

Frederic Riedel kommt aus Uelzen in Niedersachsen. Zum BWL- und „Wirtschaft und Recht“-Studium zog er zunächst nach Brandenburg, um sich dann in Berlin zu verlieben. Durch das Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ wurde er auf eine Stellenausschreibung der Apostel-Paulus-Gemeinde in Berlin-Schöneberg aufmerksam. Zu seinen Aufgaben gehört die Koordination der Offenen Kirche, der Besuchsdienst und die Öffentlichkeitsarbeit.

Rogate-Frage: Herr Riedel, Sie sind „Kiezworker“ in einer evangelischen Großstadtgemeinde. Welche Aufgabe haben Sie dort?

Frederic Riedel: „Kiezworker“ ist der Begriff für die Gesamtheit aller meiner Aufgaben im Rahmen der Gemeinde und im Kiez – auch ist er meine offizielle Jobbezeichnung.

Meine Aufgaben sind tatsächlich sehr vielfältig und abwechslungsreich, sodass es mir stets schwer fällt meine beziehungsweise die eine Aufgabe hier auf das Wesentliche herunterzubrechen: Wohlmöglich bin ich an all den Maßnahmen beteiligt, die Kirche und Kiez stärker miteinander verzahnen lassen sollen: Von Ehrenamtskoordination über Betreuung und Ausgestaltung der Offenen Kirche, bis hin zu Besuchsdiensten, die aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Gefahr für Risikogruppen momentan leider pausieren müssen. Auch unterstütze ich die Pfarrerin, Küsterin und den Haus- und Kirchwart in vielen Angelegenheiten, sodass ich in gewisser Weise oftmals Bindeglied und helfende Hand in Personalunion bin.

In der Zukunft soll auch für mich wesentlich mehr in Richtung Kultur, Veranstaltungen und Social Media geschehen – aber auch hier sind uns momentan leider noch die Hände gebunden – pandemiebedingt.     

Rogate-Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich kirchlich engagieren und was hat es mit dem Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ zu tun?

Frederic Riedel: Es hat eine Menge damit zu tun, denn offen gestanden bin ich nur dadurch auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam geworden. Frau Pfarrerin Steffen-Elis hat mir von Anfang an zu Verstehen gegeben, dass die Gemeinde sich einem Wandel unterzieht und sicherlich schmeichelte mir die Idee, meinen Beitrag dazu leisten zu können. Schwer vorstellbar, dass ich in einer (Einstiegs-)Position, an einem anderen Ort mehr Einfluss auf die Entwicklungen um mich herum und auch auf meine eigene nehmen könnte. Ich würde mich nicht als strenggläubigen Menschen bezeichnen und für meinen Bereich ist Religion ehrlich gesagt auch gar nicht so maßgeblich. Entscheidend sind für mich vielmehr Wertevorstellungen, ein würdevolles und freundliches Menschenbild. Dazu zählt auch das Bedürfnis, aufgefangen zu werden, wenn man fällt. Auch Ich habe eine kleine persönliche Krise der Arbeitslosigkeit und Frustration nun zugunsten der Hilfe und Unterstützung Anderer hinter mich bringen können. Mein Team hat hier zweifellos, und zwar in ausnehmendem Maß, Anteil daran. Im Übrigen gefällt mir sehr wohl die Idee von Spiritualität, weil ich denke, dass sie jeder Mensch in sich trägt und braucht. Auch hatte ich wohlmöglich immer schon ein kleines Faible für Kunst, Geschichte, Architektur und den weiträumigen Klang von Sakralmusik. All das vereint die Apostel-Paulus-Kirche in recht beeindruckender Art und Weise.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit gehabt und wie haben Sie darauf reagiert?

Frederic Riedel: Das lässt sich nur schwer einschätzen, da ich das Arbeiten hier bisher noch gar nicht unter „normalen Rahmenbedingungen“ erleben durfte!

Aber ja, auch wir mussten absagen und umdenken: Kontaktbeschränkungen und Hygieneauflagen machen vor der Kirche keinen Halt. Wie in vielen Bereichen ist Corona aber auch für uns Treiber der Digitalisierung: Aufgezeichnete Gottesdienste und Veranstaltungen, Livestreams, Zoom-Meetings. Insbesondere seitens Pfarrerin Andrea Kuhla sind hier mittlerweile Online-Formate und Podcasts ins Leben gerufen worden. Kontaktaufrechterhaltung zu älteren Gemeindegliedern erfolgt telefonisch oder postalisch. Das Schönste ist, dass wir die Kirche – unter Wahrung der Abstands- , Hygiene- und Lüftungsregeln – seit dem Beginn der Pandemie und durch die Hilfe eines mittlerweile breiter aufgestellten Teams an ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen nahezu durchgängig offen halten konnten. Mit äußerst positiver Resonanz der Besucher:innen.

Rogate-Frage: Welchen Unterschied nehmen Sie grundsätzlich im kirchlichen Umfeld im Vergleich zu anderen Arbeitgebern war?

Frederic Riedel: Der Umgang miteinander ist familiär, bedächtig und herzlich. Das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft sicherlich kein Selbstläufer.

Wissen Sie, es gibt Arbeitgeber:innen, die ihre Mitarbeiter:innen quasi im Monatstakt auf hippe Team-Building-Seminare beziehungsweise – Maßnahmen schicken, geradezu wissenschaftliche Ansätze dabei verfolgen, und in der Praxis bleibt dann schlussendlich oft Nichts von all dem hängen. Wasser predigen und Wein trinken. Mir ist aufgefallen, dass das hier –  vielleicht aus dem Selbstverständnis, dem äußeren Rahmen und dem eigenen Wertesystem heraus –  auch ganz wunderbar ohne funktionieren kann.

Rogate-Frage: Wenn sie die Kirche in Berlin und überhaupt neu erfinden und gestalten würden, wie sähe sie dann aus?

Frederic Riedel: Das wäre ziemlich anmaßend! (lacht)

Aber sicherlich muss die Kirche – wie jede andere Institution im Laufe der Zeit – in verschiedenen Bereichen umdenken, neue Anreize schaffen, Programminhalte diversifizieren, Barrieren abbauen, auf die Leute zugehen, noch bevor sie sich entfernen. Berlin per se ist eine Stadt mit sehr modernem und dynamischem Zeitgeist und da wirkt die Kirche auf viele schlichtweg etwas aus der Zeit gefallen. Vor allem auf die jüngeren Generationen, die Zukunft. Glaube allein ist kein Kriterium mehr für die Ausrichtung und Gestaltung des Lebens. Dabei gibt es in vielen Gemeinden so viel Potential, einzigartige Räume und Gebäude in Ihrer Nutzung so zu gestalten, dass sich wieder mehr Menschen angesprochen fühlen und ihren persönlichen Zugang finden. Ich finde es etwas kurios wenngleich interessant, dass im Subkultur-Jargon ausgerechnet der wohl berüchtigtste Berliner Techno-Club landläufig gerne als „Tempel“ oder „Church“ bezeichnet wird. Und auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick noch so skurril wirken mag: Vermutlich lechzt jeder Mensch nach einem Raum, einem Ort der Geborgenheit und Zuflucht, der Gemeinschaft, des Gesangs und der Feier und auch der Spiritualität – und offenbar bedeutet Kirche im Kern nach wie vor all das.

Rogate: Vielen Dank, Herr Riedel, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Tag des Ehrenamtes: Verleihung der Berliner Ehrennadel an Br. Franziskus

Zum morgigen Tag des Ehrenamtes (5. Dezember), ist von der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales bekannt gegeben worden, dass Bruder Franziskus vom Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin mit der „Berliner Ehrennadel für besonderes soziales Engagement“ ausgezeichnet wird. 

Bundestagsabgeordneter Dr. Jan-Marco Luczak, Tempelhof-Schöneberg, hatte sich neben weiteren Persönlichkeiten aus Kirche, Wissenschaft und Politik für den Vorschlag zur Verleihung der Berliner Ehrennadel an Bruder Franziskus eingesetzt.

MdB Jan-Marco Luczak (Bild: Yves Sucksdorff)

„Ich gratuliere Bruder Franziskus sehr herzlich zur Verleihung der Berliner Ehrennadel. Die Auszeichnung ist hochverdient, Bruder Franziskus setzt sich seit vielen Jahren unermüdlich für notleidende Menschen, für Toleranz und Offenheit sowie interkulturelle Verständigung in unserer Stadt ein. 

In der Nachbarschaft in Schöneberg ist er tief verwurzelt und hat sich von Beginn an ganz besonders auch für die LGBTIQ-Community engagiert. Der von ihm ins Leben gerufene ökumenische Gottesdienst zum schwul-lesbischen Stadtfest ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Festprogramms geworden, der weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt ist und international Anerkennung findet. Auch zu den vielen fremdsprachigen Gemeinden in unserer Stadt pflegt Bruder Franziskus ein enges Verhältnis. Ihnen stand er insbesondere nach Katastrophen und Anschlägen seelsorgerisch zur Seite. 

Ich bin dankbar, dass es Menschen wie Bruder Franziskus in meinem Wahlkreis gibt. Mit seiner Arbeit und seinem Einsatz trägt er dazu bei, dass unserer Welt jeden Tag ein bisschen besser wird. Damit ist er ein leuchtendes Beispiel für ehrenamtliches Engagement, ohne das unsere Gesellschaft so viel ärmer wäre. Die Verleihung der Berliner Ehrennadel an Bruder Franziskus habe ich gern unterstützt, sie ist ein besonders schönes Zeichen des Dankes und der Wertschätzung.“

Dr. Jan-Marco Luczak, Bundestagsabgeordneter, Tempelhof-Schöneberg

Fünf Fragen an: Sigrun Neuwerth, Präses der Synode der EKBO

Fünf Freitagsfragen an Sigrun Neuwerth, Präses der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über Wege zum Ziel in der Sitzungsleitung, die Frage um die kirchenrechtliche Gleichstellung homosexueller Paare und das Interesse am Zusammenwirken von ehrenamtlichen und beruflichen Kräften. Ein Beitrag zur heute beginnenden Frühjahrstagung der Landessynode in Berlin.

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Präses Sigrun Neuwerth (Foto Thorsten Wittge, EKBO)

Sigrun Neuwerth ist Referatsleiterin im Bundeslandwirtschaftsministerium. Sie wurde in Unna in Westfalen geboren, studierte Agrarwissenschaften in München und arbeitete als Wirtschaftsjournalistin unter anderem in Brüssel und Hamburg. 1998 wechselte sie als Pressesprecherin in das Bundeslandwirtschaftsministerium. 2002 übernahm Sigrun Neuwerth dort andere Aufgaben. Von 2004 bis 20014 war sie Präses des Kirchenkreises Pankow, später des neu entstandenen Berliner Kirchenkreises Berlin-Nordost. Auf der konstituierenden Tagung der Vierten Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz 2015 wurde sie zur neuen Präses gewählt.

Rogate-Frage: Frau Präses Neuwerth, was genau ist Ihre Aufgabe in der Synode?

Sigrun Neuwerth: Der Synodenvorsitz bedeutet Sitzungsleitung. Die Synode richtet sich nach den Ordnungen unserer Kirche und ihrer eigenen Geschäftsordnung, hier muss eine gute und faire Debatte möglich sein. Dafür muss der Vorsitz sorgen und auf das Ziel, nämlich den Beschluss hinleiten.

Rogate-Frage: Wie haben Sie zum Glauben und zum Engagement in der evangelischen Kirche gefunden?

Sigrun Neuwerth: Ich bin als Säugling getauft und von Kindesbeinen an christlich erzogen und evangelisch sozialisiert. Besondere Faszination habe ich im Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht entwickelt, nicht weil der so toll war, sondern weil ich mit den Texten und Liedern „ins Gespräch“ kam.

Rogate-Frage: In der heute beginnenden Tagung der Landessynode soll es auch um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften bei Traugottesdiensten gehen. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen und wie beurteilen Sie die Diskussion um diese Frage innerhalb der Kirche?

Sigrun Neuwerth: Die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften in Traugottesdiensten kam vor einem Jahr durch einen gemeinsamen Antrag mehrerer Kirchenkreise und der kirchlichen Jugend auf die Tagesordnung. Die Synode hat sich dafür ausgesprochen, jetzt eine Entscheidung zu treffen. Die Zeit seither wurde intensiv genutzt für theologische Arbeit und offene Gespräche in allen drei Sprengeln. Beides, die theologische Auseinandersetzung wie auch die Gespräche vor Ort, bedeuten einen großen Gewinn. Jeder konnte hier alles sagen und sich theologisch fortbilden oder weiterentwickeln.

Rogate-Frage: Manche fordern ein Schuldbekenntnis der evangelischen gegenüber Kirche gegenüber Lesben, Schwulen und Transmenschen. Wie sinnvoll wäre ein solcher Schritt und welche Folgen hätte er?

Sigrun Neuwerth: Die Frage müsste auch zunächst diskutiert werden. Pauschale Schuldbekenntnisse sind nicht grundsätzlich heilsam oder die wirklich versöhnungswirksame Form. Die Frage ist, wie die Verletzungen der Vergangenheit heute zu behandeln und künftig zu vermeiden sind. Genauer kann ich das jetzt nicht sagen.

Rogate-Frage: Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus in Ihrem ehrenamtlichen Engagement für die Kirche?

Sigrun Neuwerth: In der Kirche beschäftigt mich die Frage, wie wir in unserer Zeit die christliche Deutung von Ereignissen und Botschaft vom Leben wach und erkennbar halten. In diesem Zusammenhang interessiert mich besonders die ehrenamtliche Arbeit und das Zusammenwirken von ehrenamtlichen und beruflichen Kräften.

Rogate: Vielen Dank, Frau Präses Neuwerth, für das Gespräch.

Weitere Informationen zur Synodentagung finden Sie hier:

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 12. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Nächstenliebe“
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDonnerstag, 14. April 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE, mit Prozessionsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Dienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.
  • Sonntag Rogate, 1. Mai 16 | 10:00 Uhr, Eucharistie, Predigt: Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Theologische Fakultät an der Humboldt-Universität
  • Dienstag, 3. Mai 16|19:00 Uhr, VESPER am Tag der Apostel Philippus und Jakobus das Abendgebet, in der Kirche