Fünf Fragen an: Fray Raul Vera Lopez, Bischof der Diözese von Saltillo und Dominikaner

Fünf Freitagsfragen an Fray Raul Vera Lopez O.P., Bischof von Saltillo, über die politische Situation in Mexiko, die Wirkung von Papst Franziskus auf seine Arbeit und warum die Kirche schon ihres Auftrages wegen gegen Diskriminierungen vorgehen muss. Bischof Raul Vera ist seit 2011 Ehrenmitglied des Rogate-Klosters.

Fray Raul Vera Lopez (Bild: Diócesis de Saltillo)

Der „Spiegel“ fasst den Lebenslauf des Bischofs so zusammen: „José Raúl Vera López wurde 1945 im mexikanischen Bundesstaat Guanajuato geboren. Er studierte Chemie an der Universidad Nacional Autónoma in Mexiko-Stadt und Theologie im italienischen Bologna. Er trat dem Dominikanerorden bei und wurde 1975 von Papst Paul VI. zum Priester geweiht. Lange Jahre stand Vera dem „roten Bischof“ Samuel Ruíz als Koadjutor zur Seite. Ruíz leitete die Diözese von San Cristóbal de las Casas und vertrat mit Leidenschaft die Sache der indigenen Bevölkerung. 1999 wurde Vera von Papst Johannes Paul II. als Bischof nach Saltillo im Bundesstaat Coahuila entsandt. Dort gründete er das Menschenrechtszentrum „Fray Juan de Larios“, unterstützt Minenarbeiter, Migranten und Ureinwohner.

Rogate-Frage: Herr Bischof Raúl Vera, in den vergangen Monaten haben uns die Nachrichten aus Mexiko erschrocken. Viele Menschen kommen ums Leben durch Bandenkriege und Drogenkriminalität. Dazu wurden 43 Studierende ermordet und verscharrt. Was ist los in Ihrem Land? Warum funktionieren Polizei und Justiz nicht? Was muss passieren, um das brutale Töten zu beenden?

Raul Vera Lopez: Mexiko wurde einer politischen Struktur beraubt, die im Dienste der Menschen steht. … Mexiko wird nur für eine kleine Gruppe von Personen auf nationaler und internationaler Ebene regiert. … Eine solche Regierung kehrt der Nation und dem Volk den Rücken zu, so dass jeder machen kann, was ihm beliebt.

Auf diese Weise hat sich in Mexiko eine Wirtschaft der Kriminalität entwickelt. Experten zufolge stammen 40 Prozent von Mexikos Bruttoinlandsprodukt aus Geld, das durch die Hände des organisierten Verbrechens geht. … Die Rechtsprechung ist praktisch zum Stillstand gekommen. … Es ist bekannt, dass Verbrechen ungestraft bleiben. … Ein solcher Staat macht es leicht, dass die Beamten mit der organisierten Kriminalität verbündet sind…  Aber all das sehen wir seit sich die politische Macht auf allen Ebenen der Regierung hin zum großen Geld wendet, zu den großen multinationalen Unternehmen, denen von ganz oben die Berechtigung gegeben wird, das Land zu plündern und zu berauben. Die politische Klasse besteht aus eigeninteressierten Krämern, denen das Volk egal ist. Aus diesem Grund werden die Menschen aufgegeben. Und daher auch das Chaos und das chaotische Schauspiel, das wir der internationalen Gemeinschaft geben.

Rogate-Frage: Sie werden auch „Bischof Courage“ wegen Ihres Einsatzes für Menschenrechte genannt. Sie sagten einmal: „“Es ist eine der großen Stärken des Evangeliums, auf das Böse mit Güte zu antworten und auf Ungerechtigkeit mit Gerechtigkeit.“ Wie gelingt es Ihnen, Güte und Einsatz, Engagement und Glaubenszeugnis öffentlich wahrnehmbar zu verbinden?

Raul Vera Lopez: Das ist nicht schwer. Seit ich am Anfang meine liturgische Ausbildung empfing, wurde mir gesagt, dass ich mich in der Eucharistie Christus voll hingebe. … Ich empfand einen Widerspruch, seit es mir zukam, die Messe in einer Umgebung größter Armut zu feiern. Ich muss sagen, dass ich „Predigtmönch“ (Dominikaner) wurde, der an die Umwandlung der Gesellschaft denkt, die von ihrer Struktur her so ungerecht und ungleich ist. … Der Herr wirkt – durch uns und durch die anderen Religionen, in denen die Erlösung Christi nicht abwesend ist; all das führt mich dazu, mich ohne jede Schizophrenie oder bipolare Störung zu bewegen, mich in der Arbeit für Gerechtigkeit und Wahrheit zu engagieren, denn es ist die Wiederherstellung der Geschichte und der Erde, für die Jesus gekommen ist.

Rogate-Frage: Sie setzen sich für Wanderarbeiter, Migranten und unterdrückte Menschen in Ihrem Land ein. Sie kämpfen gegen Korruption, Drogenhandel und Homophobie. Rom hat sie dabei früher nicht unbedingt unterstützt. Ist Ihre Arbeit unter Papst Franziskus leichter geworden? Wie unterstützt Sie die Weltkirche?

Raul Vera Lopez: Papst Franziskus ist eine sehr konsequente Person mit Blick auf das Evangelium und darauf, wie der Heilige Geist die Kirche in diesem Moment in der Geschichte der Menschheit leitet … Mit Papst Franziskus ist es viel einfacher, die pastorale und prophetische Kirche frei zu machen von der Bindung an bestimmte Interessen, frei von der Suche nach weltlicher Macht und frei von jenen Allianzen, die dem Evangelium wirklich schaden und ihm im Weg stehen. … Der Papst hat uns gebeten, Hirten zu sein mit dem Geruch ihrer Schafe – in unmittelbarer Nähe zu den Armen, herauszugehen an die Grenzen und die Peripherie der Existenz, jenen zu dienen, die wir aufgegeben haben; und wir können ein ungerechtes System nicht weiter aufrechterhalten, das sich durch das globale Wirtschaftsmodell und die Politiker, die diesem Modell dienen, heute in der Welt festgesetzt hat.

Rogate-Frage: Unter anderem haben Sie einer christlichen Gruppe von Homosexuellen geholfen. Wie ist die Lage von Lesben und Schwulen aus Ihrer Sicht in Mexiko. Welche Rolle hat die Kirche bei der Lösung des Problems?

Raul Vera Lopez: Die Kirche muss ihre Augen für die Ist-Situation öffnen und sich mehr auf die wissenschaftliche Wahrheit einlassen… Wir müssen unsere Augen öffnen, diesen Menschen mit Wertschätzung begegnen und sie in die Kirche einbeziehen, sie in die Gesellschaft aufnehmen und einbinden und jede Form von Diskriminierung oder Schaden oder Benachteiligungen für diese Personen vermeiden. … Wenn die Kirche dies nicht offen tut und diesen Menschen keinen Platz gibt, werden wir unserer Aufgabe nicht gerecht… Die Kirche muss die nötigen Schritte für die Reflexion und den Dialog gehen. … Die Kirche muss sich öffnen. Wir können unsere pastorale Arbeit nicht auf der Grundlage von Tabus machen. Das steht im Gegensatz zum Evangelium. Das ist absurd.

Rogate-Frage: Welche Vorhaben und Pläne beschäftigen Sie derzeit besonders? Was liegt für Sie konkret in der Zukunft an?

Raul Vera Lopez: Nun, der für mich dringlichste Plan ist es, einen ganzheitlichen und umfassenden Weg in Mexiko zu finden, um das Land wieder neu aufzubauen, es neu zu gründen. … Was ist es, das dafür notwendig ist: Es sind die Menschen, die diesen Weg mit der Beteiligung der ganzen Gesellschaft umsetzen müssen. Es geht darum zu helfen, das Land in einer umfassenden Vision der Wiederherstellung von Justiz und Recht auf friedlichem Wege zu retten; durch eine Entwicklung auf der Grundlage des Dialogs mit der Basis … , also dem Volk, den Berufsgruppen, Ärzten, Lehrern, Fachleuten, um die Verfassung neu zu gestalten und ihr eine neue Vision zu geben. Das ist, was ich vorschlage, um von dort einen neuen Kongress ins Leben zu rufen, der diesem Land eine neue politische Form gibt, damit es eine politische Führung bekommt, die die Justiz und das Recht wahrhaftig respektiert und ihr in der ganzen Nation zur Geltung verhilft. Es geht darum einen Weg zu öffnen, damit wir nicht zu jener politischen Klasse zurückkehren, die aktuell besteht und die sich – wie ich schon sagte – in regelrechte (Menschen-)Händler verwandelt haben, die mit dem Fleisch der Menschen handeln.

Rogate: Vielen Dank, Fray Raul Vera Lopez, für das Gespräch!

Weitere Informationen: Den spanischen Originaltext und die deutsche Fassung des Interviews finden Sie hier. Einen „Spiegel„-Artikel über Bischof Lopez finden Sie hier. Mehr über die Biografie von Fray Raul Vera Lopez in spanischer Sprache hier.

Vielen Dank für die Übersetzungsunterstützung an Leticia Fernandez-Palacios-Gimenez, Teresa Salazar und Markus Beckmann.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Fünf Fragen an: Schwester Ruth Sommermeyer, Diakonisse und Altoberin im Kloster Lehnin

Fünf Freitagsfragen an Schwester Ruth Sommermeyer, Diakonisse und Altoberin der Diakonissengemeinschaft im Kloster Lehnin, über das Befolgen der Evangelischen Räte, den Ruf in den Dienst und Wunder in der DDR.

Altoberin Schwester Ruth Sommermeyer (Bild: Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin)

Schwester Ruth wurde 1931 geboren und ist in einem Pfarrhaus in Mitteldeutschland aufgewachsen. Vom 10. Lebensjahr an besuchte sie die Martin-Luther-Oberschule in Zeitz. „Nach dem zweiten Weltkrieg gehörten wir zu dem Teil Deutschlands, der sich DDR nannte.“ Die schwere Erkrankung ihrer Mutter war für sie Grund, die Schule vor dem Abitur zu verlassen. „Ich hätte als Akademiker-Kind und als Christin wenig Möglichkeit gehabt in der DDR das Abitur abzulegen.“ Schwester Ruth lebt seit bald 40 Jahre im Kloster Lehnin in Brandenburg, sie wird dort wegen ihres Engagements für eine würdevolle Begleitung von schwerkranken Menschen als die „große alte Dame der Hospizarbeit“ bezeichnet. Heute ist sie 83 Jahre alt. Schwester Ruth ist neben Pater Klaus Mertes SJ, Pfarrer i.R. Gerhard Fischer und der Bischof von Saltillo, José Raúl Vera López Ehrenmitglied des Rogate-Klosters.

Rogate-Frage: Liebe Schwester Ruth Sommermeyer, ab wann wollten Sie Diakonisse zu werden? Wie spürten Sie Ihre Berufung?

Schwester Ruth: In meinem 18. Lebensjahr bin ich zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gekommen. Ich wollte Missionarin werden und entschied mich zunächst für das Fachstudium Krankenpflege im Diakonissenmutterhaus Halle. Sehr bald spürte ich, dass Gott etwas anderes mit mir vorhatte. Das Wort aus dem Matthäus-Evangelium: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen“ (Matt 6,33) rief mich in die Diakonie, die eine totale Hingabe forderte, um frei zu sein für die Menschen, die uns brauchten. Die „Evangelischen Räte“ zu bejahen ist mir sehr schwer gefallen. Ich hatte andere Pläne für mein Leben. Doch nach einem inneren Kampf stellte ich die eigenen Wünsche zurück und gehorchte dem Ruf.

Rogate-Frage: Wann sind Sie dann in das Mutterhaus eingetreten und wie war Ihre erste Zeit als junge Schwester?

Schwester Ruth: Mit 19 Jahren bin ich in das Mutterhaus eingetreten. Die Zeit als junge Schwester mit 20 anderen jungen Menschen, welche die gleiche Berufung hatten, war eine sehr glückliche Zeit. Wir erhielten eine sehr gute diakonische und theologische Ausbildung mit verschiedenen Praktika bis zur Einsegnung. Die Grundlagen zu bekommen, den kranken Menschen, Kinder und Jugendliche in dem zu begleiten, was sie für Leib, Seele und Geist bedurften, hat mir sehr zugesagt.

Rogate-Frage: Gibt es eine besondere Spiritualität der Diakonissen? Wenn ja, wie würden Sie diese beschreiben?

Schwester Ruth: Die Spiritualität der Diakonissen wurde in der Probezeit und im Noviziat eingeübt. Morgens 5:30 Uhr kamen wir mit der Probemeisterin zu Bibellese, Stille und Gebet zusammen. Um 6:00 Uhr begann der Dienst auf den Stationen. Um 8:00 Uhr fanden sich alle Schwestern zur Morgenandacht in der Kirche ein. Natürlich wurden alle Mahlzeiten mit einem Tischgebet begonnen. Unsere Schülerinnen erzählten zu Hause: „Im Mutterhaus ist immerzu Gottesdienst“, weil sie das Tischgebet nicht mehr kannten. Die Abende wurden genutzt, dass uns die Oberin gute Literatur nahe brachte. Es wurde viel gesungen. Wir lernten die großen Komponisten, zum Beispiel Heinrich Schütz, Hermann Schein und Samuel Scheidt kennen. Damit die Nacht nicht zu kurz wurde, war das Abendgebet so früh, dass wir um 22:00 Uhr im Bett sein konnten.

Rogate-Frage: In der DDR haben Sie als Diakonisse große Herausforderungen gemeistert, unter anderem sorgten Sie mit Ihren Mitschwestern für den Aufbau des Krankenhauses in Kloster Lehnin. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Schwester Ruth: Materiell gesehen war unsere größte und schönste Erfahrung die, dass wir ein großes neues Wohnhaus für die Schwestern bauen durften. Und das in tiefster DDR-Zeit von 1974 bis 1976. Wie Gott die Genehmigung für den Bau zuließ, kommt einem Wunder gleich und war die Erhörung unserer Gebete, vor allem des Gebetes einer alten Diakonisse, die nicht aufhörte, treu und demütig darum zu bitten, auch dann nicht, als wir jüngeren es schon aufgegeben hatten.

Rogate-Frage: Welche Erfahrung war in Ihrem bisherigen Leben als Diakonisse war die bislang schönste?

Schwester Ruth: Meine persönlich schönste Erfahrung als Diakonisse war es, von Gott angerührt zu werden bei der Berufung, in dem Jahr nach meines Vaters Tod, als ich in einer Retrait tiefen Trost empfangen durfte und als ich gerufen wurde, die Hospizarbeit aufzubauen.

Rogate: Vielen Dank, Schwester Ruth! Mehr über das Kloster Lehnin in Brandenburg finden Sie hier. Vor Ort hat die Landeskirche die Spiritualitätsarbeit mit Pfarrerin Andrea Richter angesiedelt. Die Angebote finden Sie hier. Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de _________________________________________________ Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Andachten auf dem Neuen Zwölf-Apostel-KirchhofDen Monatsplan Dezember finden Sie hier. Den Monatsplan Januar finden Sie hier.
  • Zum letzten Mal: Sonnabend, 13. Dezember 2014 | 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuer-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg.
  • Dienstag, 16. Dezember 2014 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Donnerstag, 18. Dezember 2014 | 19:30 Uhr, Adventsandacht, Zwölf-Apostel-Kirche. Einladung LichtvesperOrgel: Malte Mevissen.
  • Dienstag, 23. Dezember 2014 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Sonnabend, 27. Dezember 2014 | 18:00 Uhr, Lichtvesper, Kapelle Zwölf-Apostel-Kirche (mit der Alt-katholischen Gemeinde)

Zwischen dem 27. Dezember und dem 13. Januar 2015 halten wir eine gottesdienstliche Winterpause.