Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: Propst Christian Stäblein zum neuen Bischof der EKBO gewählt

Amtsübergabe am 16. November 2019 in Berlin

Berlin, 5. April 2019 – Die Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) hat auf Ihrer Frühjahrstagung am 5. April 2019 den Propst der EKBO, Dr. Christian Stäblein, zum neuen Bischof der Landeskirche gewählt. Er folgt damit Bischof Dr. Markus Dröge nach, der im November nach Ablauf seiner zehnjährigen Amtszeit in den Ruhestand gehen wird. Christian Stäblein wurde im zweiten Wahlgang mit der nötigen Zweidrittelmehrheit gewählt. Er erhielt 76 der abgegebenen 113 Stimmen. Die Amtsübergabe wird im Rahmen eines Festgottesdienstes am 16. November 2019 in der St.-Marienkirche in Berlin Mitte stattfinden, der im rbb-Fernsehen übertragen wird.

Bild: Propst Stäblein (Mitte) besuchte am 2. Oktober 2015 einen Gedenkgottesdienst des Rogate-Klosters in der Zwölf-Apostel-Kirche

Bischof Dröge gratulierte dem designierten Nachfolger: „Ich sende meine herzlichen Glückwünsche an Propst Christian Stäblein zur Wahl als Bischof der EKBO. Möge Gottes Segen den neuen Bischof in diesem wunderbaren und herausfordernden Amt begleiten, das auszufüllen in unserer, lebendigen, bunten und vielfältigen Kirche viel Freude macht, wie ich in den vergangenen zehn Jahren voller Dankbarkeit erfahren durfte.“

Auch die Präses der Synode, Sigrun Neuwerth, freut sich über die Wahl und dankte den anderen Kandidaten: „Ich freue mich über die Wahl von Propst Christian Stäblein zum neuen Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und gratuliere von Herzen. Die Synode hatte die Wahl zwischen drei gleichermaßen hervorragend geeigneten, höchst respektablen Persönlichkeiten, denen ich für ihre Bereitschaft zur Kandidatur sehr herzlich danke. Die Synode hat nun entschieden, und wir freuen uns auf eine vertrauensvolle und fruchtbare gemeinsame Arbeit mit dem zukünftigen Bischof ab Mitte November. Möge Gottes Segen uns dabei begleiten!“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, gratulierte ebenfalls: „Zur Wahl zum Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gratuliere ich Christian Stäblein von Herzen. Ich habe Christian Stäblein als einen profunden Theologen und zugewandten Seelsorger kennengelernt, der umfangreiche Erfahrung auf den unterschiedlichen Ebenen kirchlichen Leitungshandelns mitbringt. Er wird das alles im neuen Amt segensreich einbringen.“

Dr. Christian Stäblein wurde 1967 in Bad Pyrmont geboren und wuchs in Hannover auf. Er studierte Evangelische Theologie sowie im Nebenfach Judaistik und Philosophie in Göttingen, Berlin und Jerusalem. Am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Göttingen arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent und wurde 2002 mit einer Arbeit über „Das jüdische Gegenüber in der evangelischen Predigtlehre nach 1945“ promoviert. Nach dem Vikariat in Grasdorf und der Ordination war er Gemeindepfarrer, zunächst in Lengede, später in der St. Martin-Kirche in Nienburg/Weser, ab 2008 dann Konventual-Studiendirektor des Predigerseminars der Hannoverschen Landeskirche im Kloster Loccum. Seit August 2015 ist er Propst des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). In dieser Funktion obliegt ihm die theologische Leitung im Konsistorium, er ist zuständig für theologische Grundsatzfragen und leitet die Abteilung 2 „Theologie und Kirchliches Leben“. Als Propst wirkt er in einer Vielzahl von Gremien in der EKBO mit und nimmt eine rege Predigt- und Vortragstätigkeit in Gemeinden und Konventen wahr. Der 51-jährige ist Mitherausgeber der Predigtstudien. Christian Stäblein ist verheiratet und hat vier Kinder.

Der Bischof vertritt die Landeskirche in der Ökumene und in der Öffentlichkeit. Zu seinen Aufgaben zählt, Theologinnen und Theologen zu ordinieren und landeskirchliche Einrichtungen und Werke zu visitieren. Er ist zugleich Vorsitzender der Kirchenleitung.

Hinweis zum Text: Übernahme der Pressemeldung der Pressestelle der EKBO.

Bischof Dr. Dröge: „Antisemitismus ist Gotteslästerung“

Grußwort von Bischof Dr. Markus Dröge, dass er heute Abend auf der Kundgebung „Berlin trägt Kippa“ halten wird. Er wird hier als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie als Vertreter des Rates der EKD sprechen.

Berlin trägt KippaIch trage gerne die Kippa. Und nicht erst heute. Seit über 30 Jahren ziehe ich immer wieder dieses Zeichen der Demut vor Gott an, wenn ich eingeladen werde in eine Synagoge, oder zum Trauern und Gedenken auf einen jüdischen Friedhof. Für mich ist die Kippa ein Zeichen der Verbundenheit im Glauben an den einen Gott, vor dem wir als Juden und Christen gemeinsam demütig stehen.

Wir haben hier in Berlin eine wunderbare Gemeinschaft mit unseren jüdi­schen Geschwistern. Wir laden uns gegenseitig ein, zum Ge­denken und zum Feiern. Das gemeinsame theologische Forschen hat hier eine lange Tradition. Und wir freuen uns, dass das jüdische Leben in Berlin wieder neu aufgeblüht ist und dass viele junge Menschen aus Israel gerne hier in Berlin leben. Sie sind und sie bleiben alle herzlich willkom­men, hier in Berlin, in der Stadt der Freiheit – willkom­men, hier zu leben und sich wohl zu fühlen!

Umso erschreckender ist es, dass in unserer Stadt am helllichten Tag auf offener Straße ein junger Mann, nur weil er eine Kippa trug, angegriffen und be­schimpft wurde. Wir sind dadurch alarmiert. Wir müssen noch viel sensibler werden gegenüber jeder Form der Judenfeindschaft. Wir müssen noch viel deutlicher versteckten Antisemitismus thema­tisieren!

Ich bringe Ihnen heute die Grüße des Rates der EKD. Auf unserer Sitzung am vergangenen Freitag in Hannover haben wir die jüngsten antisemitischen Vorfälle und Übergriffe in Deutschland scharf verurteilt. Der Rat der EKD ruft mit folgenden Worten dazu auf, gemeinsam gegen Antisemitismus in Deutschland einzutreten:

„Fast täglich gibt es Berichte über Anfeindungen und Übergriffe gegen Juden in Deutsch­land. Das erfüllt uns mit großer Sorge und Scham. Wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland Gewalt und Beschimpfungen ausgesetzt sind und sich nicht mehr sicher fühlen, können wir das unter keinen Umständen hinnehmen. Nie wieder darf sich Antisemitismus in Deutsch­land ausbreiten oder gar salonfähig werden. Als Christinnen und Christen stehen wir unein­geschränkt an der Seite unserer jüdischen Ge­schwister. Aus theologischer Überzeugung sowie aus historischer Verantwortung für jahrhun­dertelanges kirchliches Versagen, sagt die Evangelische Kirche in Deutschland klar und unmissverständlich: Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus. Antisemitismus ist Gotteslästerung.“

Fünf Fragen an: Dr. Andreas Goetze, Landespfarrer für den interreligiösen Dialog

Fünf Freitagsfragen an Dr. Andreas Goetze, Landespfarrer für den interreligiösen Dialog in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über das Gespür für die religiösen Wurzeln anderer, wenig Kenntnis von dem Anderen und eigene fröhliche Glaubensgewissheit.

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Landespfarrer Andreas Goetze (Bild: privat)

Andreas Goetze, geboren 1964, studierte Evangelische Theologie, die Nebenfächer Judaistik und Philosophie. Er absolvierte islamwissenschaftliche Studien und Studien zum orientalischen Christentum in Jerusalem und Beirut. Er veröffentlichte zu den Themenbereichen interreligiöser Dialog, Nah-Ost-Konflikt und Spiritualität, unter anderem zur frühen Islamgeschichte unter dem Titel: „Religion fällt nicht vom Himmel“, in dem er die historisch-kritischen Perspektive mit der spirituellen Dimension des Glaubens im interreligiösen Dialog verbindet.

Rogate-Frage: Die EKBO hat 2012 eine Stelle für den interreligiösen Dialog eingerichtet. Warum ist das Thema wichtig?

Andreas Goetze: Wir leben heute in einer pluralen Welt. Es ist gar nicht mehr die Frage, ob Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägungen zusammenleben wollen. Sie leben neben- und miteinander. Berlin ist in Europa die Stadt mit den meisten Religionsgemeinschaften. Die Gestaltung des Zusammenlebens ist eine eminent große Herausforderung. Dazu braucht es interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen. Ich halte sie für zentralen Schlüsselqualifikationen in einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft. Durch die Medien, aber auch in der Arbeitswelt begegnen mir andere, die anders glauben und aus einer anderen Kultur kommen. In einer pluralen Gesellschaft, wird die Verständigung erschwert, wenn ich kein Gespür für die religiösen Wurzeln anderer Menschen aufbringe.

Rogate-Frage: Was macht diese Dialoge bedeutsam?

Andreas Goetze: Mein Interesse am interreligiösen Dialog ist geprägt vom jüdisch-christlichen Dialog, der für mich als Christ grundlegend bleibt. Hier habe ich viel gelernt von den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens und was es bedeutet, wenn sich eine Religion absolut setzt und die andere total abwertet. Der christliche Absolutheitsanspruch hat viel Leid hervorgebracht und ich empfinde es als ein Wunder, dass nach all den Erfahrungen dennoch heute ein jüdisch-christliches Gespräch möglich geworden ist. Wenn wir nicht dazu kommen, uns gegenüber allen Religionen wertschätzend und respektvoll zu äußern, haben wir aus der Geschichte nichts gelernt.

Dialog ist für mich von daher nicht „Gespräch über“, sondern ein Dialog ist immer „Begegnung mit“. Ich habe so wenig Kenntnis von dem Anderen. Um das zu ändern, kann ich nicht nur über ihn lesen, sondern ich muss ihn auch treffen. Sonst entstehen imaginäre Mauern in Köpfen und reale Mauern zwischen Menschen. Beispielsweise gibt es insbesondere in den Gegenden Deutschlands die meisten Vorurteile und stereotypen Vorstellungen gegenüber „dem Anderen“ beziehungsweise medial vermittelte Ängste vor „dem Fremden“, wo gar keine oder nur sehr wenige leben.

Rogate-Frage: Wie kann der Dialog bei uns gefördert werden?

Andreas Goetze: Dialog heißt, den anderen erst einmal kennen zu lernen. Ein Beispiel: Ein Pfarrer hatte eine muslimische Gemeinde zu einem Gesprächsabend eingeladen. Und zahlreiche Muslime kamen. Im Laufe des Abends fragte der Pfarrer, was sie sich zukünftig wünschten. Darauf erwiderte einer der muslimischen Gäste: „Dass wir uns das nächste Mal nicht an unserem höchsten Feiertag treffen“. Ich wäre auch sehr verwundert, wenn mich Muslime zu einer Dialogveranstaltung an Weihnachten einladen würden. Also, die Kenntnisse voneinander sind sehr gering. Ich kann eben nur Missverstehen ausräumen, wenn ich Kernüberzeugungen von Randthemen trennen kann. Dazu gehört zum Beispiel, dass ich kleine extremistische Gruppierungen nicht für die eigentlichen Vertreter der jeweiligen Religionsgemeinschaft halte.

Rogate-Frage: Worin liegen die Gefährdungen?

Andreas Goetze: Gefährdet wird jedes Gespräch durch mangelnden Respekt und fehlende Selbstkritik. Hilfreich ist dagegen die eigene fröhliche Glaubensgewissheit, gepaart mit einer Prise Humor. Einfache, dualistische Weltbilder („wir – und die Anderen“) helfen uns nicht weiter. Alle Religionsgemeinschaften und auch die Weltanschauungen (auch die anti- oder a-religiösen) unterliegen solchen fundamentalistischen Gefährdungen. Der Riss geht also quer durch alle Religionen und Weltanschauungen. Man sollte sich hüten, die westliche Welt einfach der islamischen Welt gegenüber zu stellen. Es gilt, sich mit den Aufgeschlossenen zusammen zu tun, die getragen sind von gegenseitiger Achtung und Anerkennung. Da müssten wir noch mutiger gemeinsam nach außen treten.

Rogate-Frage: Was sind Ihre spirituellen Grundlagen für den Austausch?

Andreas Goetze: Ein Dialog macht nur Sinn, wenn wir als Christinnen und Christen unsere eigenen Glaubensgrundlagen kennen und selbst unseres Glaubens gewiss sind. Nur dann können wir im Gespräch nicht nur Höflichkeiten austauschen, sondern um die Fragen ringen, die uns wirklich bewegen. Der Dialog fordert mich heraus, nach der Ausstrahlung meines eigenen Glaubens zu fragen, nach seiner spirituellen Kraft und seinen theologischen Grundlagen. Und: Dialog hat mit Begegnung zu tun. Beziehungen haben mit Vertrauen zu tun. Vertrauen wächst langsam in der Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Ich beklage einen Mangel an Einfühlungsvermögen. Ich erlebe zu viele Menschen, die schon ganz genau zu wissen meinen, was der oder die andere denkt, glaubt. Ich spüre dabei Ängste und Unsicherheiten. Es ist ehrlich, sie zu benennen. Doch darf man nicht dabei stehen bleiben. Sonst verfestigen sich nur Vorurteile und Feindbilder, die mit den reellen Menschen nichts zu tun haben.

Wir sind Pilger unterwegs hin zu Gott, der immer größer ist, als ich ihn zu denken und zu glauben vermag. Wenn ich mir dessen bewusst bin, werde ich bescheidener, demütiger in meinen Äußerungen. Ich verschweige nicht, was mein Leben trägt. Aber ich behaupte nicht einfach abschließende Wahrheiten, sondern erzähle von und lebe aus meinem Glauben. Von daher suche ich die Begegnungen. Ich sammele im Dialog Erfahrungen. In diesem alten Wort steckt auch das Wort fahren: Wenn wir im Dialog sind, bleiben wir auf dem Weg.

Rogate: Vielen Dank, Herr Landespfarrer Dr. Goetze, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Presseschau: „Ein Stück Himmel auf Erden“

2016 08 13 Evangelischde
Ausschnitt von evangelisch.de

Sonnabend, 13. August 2016 | evangelisch.de

„Mönche in langen Kutten und Nonnen in dunkler Tracht, ein Leben in Abgeschiedenheit und in stiller Einkehr: Begriffe, die eng verknüpft sind mit der Vorstellung von einem Kloster. Doch weder das Kloster Kirchberg in Baden-Württemberg noch das Berliner Rogate-Kloster sind so ein klassisches Kloster. Als geistliche Gemeinschaften sind dennoch beide anerkannt. Und auch sonst haben das Land- und das Stadtkloster vieles miteinander gemein…“

Den Artikel von Luisa Heß finden Sie hier.

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Rogate Kl_Aushang_Eucharistie Diakonie-Sonntag_160616 KopieDienstag, 23. August 2016 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Sonntag, 4. September 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie zum Diakonie-Sonntag „Barmherzigkeit: Größer als unser Herz“, am 16. Sonntag nach Trinitatis, mit einer Ausstellungseröffnung
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt Pfarrerin Andrea Richter.
  • Sonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden
  • Allerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Gottesdienst mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Bezirksbürgermeisterin  Angelika Schöttler, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, EKBO, Pfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde.
  • Sonntag, 3. Advent, 11. Dezember 2016 | 17:00 Uhr, Sternenkinder-Gottesdienst für verwaiste Eltern und ihre Angehörigen zum Worldwide Candle Lighting Day, mit Pastor Engelbert Petsch, Aktion “Die Flamme der Hoffnung”, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirche.

Fünf Fragen an: Studienleiterin llsabe Alpermann, Amt für kirchliche Dienste

Fünf Freitagsfragen an Pfarrerin Ilsabe Alpermann, Studienleiterin im Amt für kirchliche Dienste in der EKBO, über die Ordnung der Lesungen im evangelischen Gottesdienst, kleine und große Veränderungen in der Liturgie und die Kunst des Vorlesens der biblischen Texte.

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Dr. Ilsabe Alpermann (Bild: AKD)

Biografie: Dr. Ilsabe Alpermann, geb. 1959, Studium der evangelischen Theologie am Sprachenkonvikt, der Theologischen Hochschule in Ostberlin. Assistentin bei Prof. Jürgen Henkys und Dissertation zu einem hymnologischen Thema. Mitglied des Liturgischen Ausschusses der Evangelische Kirche der Union (EKU)/Union Evangelischer Kirchen (UEK), Herausgeberin der Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Seit 2007 Studienleiterin für Gottesdienst, Prädikanten– und Lektorenausbildung im Amt für kirchliche Dienste Berlin.

Rogate-Frage: Nach welcher Ordnung sind die Lesungen im evangelischen Gottesdienst gegliedert? Welche Systematik steht dahinter?

Ilsabe Alpermann: Der traditionell wichtigste Text ist das Evangelium. Die ausgewählten Evangelientexte stehen in engem Zusammenhang mit den hohen Festen des Kirchenjahres. Zu Ostern und Weihnachten werden die entsprechenden Festerzählungen gelesen. Passend dazu wurden dann die Texte im Oster- und Weihnachtsfestkreis ausgewählt. Die Evangelien und Episteln unserer Leseordnung basieren noch auf den sogenannten altkirchlichen Lesereihen, die jedoch unabhängig voneinander entstanden sind. Die Texte aus den neutestamentlichen Briefen hatten ursprünglich keinen direkten Bezug zu den Evangelien. Sie sind darum später auch immer wieder einmal verändert worden, um eine Verbindung zwischen den Texten herzustellen. Die Texte des Alten Testaments sind erst im 19. Jahrhundert in die Leseordnung eingefügt worden. Noch Luther konnte von vielen Gottesdiensten in der Woche und mindestens einem Frühgottesdienst am Sonntag ausgehen. Hier gab es also reichlich Gelegenheit, biblische Texte außerhalb des sonntäglichen Hauptgottesdienstes zu lesen und zu hören.

Rogate-Frage: Vor nicht langer Zeit wurden mindestens vier, fünf biblische Texte im Gottesdienst verlesen: Der Psalm, ein Text aus dem 1. Testament, eine Epistel, das Evangelium und manchmal auch ein weiterer Predigttext. In der heutigen Praxis der Sonntagsgottesdienste kommen oft nur noch ein, zwei Texte vor. Ist die Reduktion der Texte sinnvoll?

Ilsabe Alpermann: Liturgie und Gottesdienst sind nie statisch, sondern ständig kleinen oder größeren Veränderungen unterworfen. Gerade beim Psalm lässt sich das gut zeigen: er gehört als sogenannter Eingangspsalm (Introitus) in den Anfang des Gottesdienstes lutherischer Prägung, wurde aber als Psalm des Liturgen mit nur wenigen Versen gebetet. Mit der Einführung des Evangelischen Gesangbuchs ab 1993 stand den Gemeinden eine große Zahl an Psalmen zur Verfügung, die übrigens als häuslicher Betpsalter gedacht waren. Sie wurden jedoch sogleich als Psalmgebet des Wochenpsalms in den Beginn des Gottesdienstes übernommen. Viele Psalmen erscheinen hier in voller Länge. So ergibt sich hier also quasi eine alttestamentliche Lesung, die es so früher nie gegeben hat. Die Lesung aus dem Alten Testament hat es hingegen schwer in unseren Gottesdiensten. Als Reihe war sie Ende des 19. Jahrhunderts auch zunächst zum Predigen und nicht als Lesung gedacht. In der heutigen Agende ist für jeden Sonn- und Feiertag eine alttestamentliche Lesung vorgesehen. Es gibt aber nur wenige Gemeinden, die regelmäßig neben den beiden neutestamentlichen Lesungen eine dritte Lesung zu Gehör bringen.

Nach meiner Erfahrung ist das Hauptproblem der Lesungen schlicht das Lesen selber. Lesen ist eine Kunst, die nicht nur ausgeübt sondern vor allem auch eingeübt werden will. Daran mangelt es vielerorts. Und das ist schade! Wo ausgezeichnet gelesen wird, werden auch drei Lesungen gern gehört.

Manchmal allerdings gibt es auch praktische Gründe für eine Reduktion der Lesungen. Wenn in ländlichen Gemeinden mehrere Gottesdienste nacheinander in einem relativ engen Zeittakt in verschiedenen Orten von einer Pfarrerin geleitet werden, spielt dann eben doch auch die Länge des Gottesdienstes verständlicherweise eine Rolle.

Rogate-Frage: Es kommt nun zu einer Neuordnung der Perikopen. Wie ist es dazu gekommen, wer hat wie eine Neuauswahl getroffen und was soll damit erreicht werden?

Ilsabe Alpermann: Die Perikopenordnung, also die Ordnung der Lese- und Predigttexte, hat eine lange Geschichte und war immer wieder kleinen oder größeren Veränderungen unterworfen. Zu den Evangelien und Episteln traten die Texte aus dem Alten Testament hinzu und jeweils eine weitere Reihe aus Evangelien und Episteln, die als Predigttexte dienten. So der Stand am Ende des 19. Jahrhunderts. 1958 wurde dann auf dieser Basis eine Ordnung eingeführt, die aus sechs Reihen besteht. Für jeden Sonntag gibt es also Evangelium und Epistel und einen Text aus dem Alten Testament und dazu drei weitere Texte aus dem Neuen Testament. Zu diesem sogenannten Proprium des Sonntags gehören dann auch der Wochenpsalm, der Wochenspruch und das Wochenlied. In einer bestimmten Reihenfolge wechseln sich nun die Predigttexte ab, so dass erst nach sechs Jahren ein Text wieder neu ausgelegt und gepredigt wird. Die Lesetexte bleiben stabil und wiederholen sich jährlich. Das führt dazu, dass im ersten Predigtjahr nur Evangelien und im zweiten durchgängig die Episteln gepredigt werden – wie gerade im aktuellen Kirchenjahr. In den Predigtjahren drei bis sechs wechseln sich dann Texte aus Altem Testament, Episteln und Evangelien ab. Gemeinden, die keine regelmäßige Lesung aus dem Alten Testament haben, vernehmen dann in den ersten beiden Predigtjahren kaum alttestamentliche Texte außerhalb der Psalmen.

Ein Hauptanliegen der Revision ist die Stärkung des Alten Testaments (AT). Wir haben im Vorschlag nun nicht mehr einen, sondern zwei Texte für jedes Proprium. Nun ist fast durchgängig eine Ausgewogenheit von 2:2:2 zwischen Texten aus AT, Evangelien und Episteln erreicht. Damit wird es möglich, die Predigttexte zu mischen. Es sollen zukünftig nicht mehr Reihen von Evangelien und Episteln (Jahr I und II) gepredigt werden. Vielmehr werden die Reihen gemischt, so dass sich eine regelmäßige Abwechslung zwischen Texten aus AT, Epistel und Evangelium für das Predigen ergibt.

Wichtige Texte, die bisher gar nicht Bestandteil der Perikopen waren, sind nun dabei. So beispielsweise der Besuch der drei Männer bei Abraham (1.Mose 18,1-2.9-15) als alttestamentliche Lesung am 4. Advent und die Verleugnung des Petrus (Lk 22, 54-62) als Predigttext am Sonntag Judika. Bei der Auswahl war der Gedanke des „Textraums“ leitend, in dem für die Gemeinde hörbar alle Texte möglichst zusammenklingen.

Die Arbeit ist von einer gemischten Kommission geleistet worden, die durch die EKD, die UEK und die VELKD berufen wurde. Im vergangenen Kirchenjahr hat eine Erprobung stattgefunden, die nun gerade ausgewertet wird. Danach wird der Entwurf überarbeitet.

Rogate-Frage: Inwiefern gibt es eine Abstimmung der Sonntagstexte in der Ökumene?

Ilsabe Alpermann: Ein wichtiger Einschnitt in der Entwicklung der Leseordnung war das Zweite Vatikanische Konzil, das sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt hat. Als Neuerung wurden in der römisch-katholischen Kirche drei Lesejahre nach Matthäus, Markus und Lukas eingeführt. Das Johannesevangelium kommt in jedem Jahr in den Festzeiten zu Gehör. Mit dieser Ordnung hat sich die römisch-katholische Kirche von den altkirchlichen Traditionen getrennt. Allerdings ist diese Leseordnung in der Folgezeit auch von protestantischen Kirchen weltweit übernommen worden und daher heute von hohem ökumenischem Rang. Es stand ernsthaft in der Diskussion, ob mit der Überarbeitung der Perikopenordnung auch ein Systemwechsel verbunden werden soll. Aber letztlich wurde auf einer vorbereitenden Tagung 2010 mehrheitlich entschieden, das bisherige System beizubehalten und eine moderate Revision anzustreben. Im Prozess der Erarbeitung und bei der ganz konkreten Suche nach Texten lag es nahe, die römisch-katholische Ordnung und auch das Perikopenmodell der Konferenz der landeskirchlichen Arbeitskreise Christen und Juden (2009) immer wieder zu befragen. Die Kirchen der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa, die unsere Leseordnung nutzen, waren eng in den Bearbeitungsprozess eingebunden.

Rogate-Frage: Welche liturgischen Einrahmungen bei gottesdienstlichen, biblischen Lesungen halten Sie für sinnvoll?

Ilsabe Alpermann: Die Liturgie ist wie ein kunstvolles Gewebe, in das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder einmal neue Fäden eingefügt werden und verschlissene alte entfernt. Das gelingt umso überzeugender, je deutlicher der praktische und theologische Sinn einzelner Stücke vor Augen steht. Der evangelische Gottesdienst hat zwei Grundgestalten, die lutherische Messform und den reformierten Predigtgottesdienst. Der unierte Gottesdienst, den es seit dem 19. Jahrhundert gibt, basiert ebenfalls auf der Messform. Die Frage der Rahmungen für einzelne liturgische Stücke stellt sich nur in der Grundform I. Dies wird besonders deutlich am Gloria Patri, das den Psalm beschließt. Die reformierte Tradition kennt es ebenso wenig wie andere Rahmenverse, während in der lutherischen Tradition Psalmgebete und Psalmlieder mit dem Gloria Patri (Ehre sei dem Vater) schließen. Die in unseren Gottesdiensten bekannte musikalische Gestalt ist hingegen durchaus auch einmal durch eine andere Form ersetzbar.

Fest eingebürgert sind in unierten Gottesdiensten die Rahmenverse zum Evangelium „Ehr‘ sei dir, o Herre und Lob sei dir, o Christe“. Das Evangelische Gottesdienstbuch (2000) hat hier eine Veränderung vorgenommen, die sprachlich moderner und musikalisch knapper ist: „Ehre sei dir, Herr und Lob sei dir, Christus“. Ich erlebe immer wieder Gottesdienste, in denen diese veränderten Versikel zwar im Gebrauch, aber von der Gemeinde nicht wirklich verinnerlicht sind. Gemeinden, die die ältere Fassung beibehalten haben, singen diese Stücke hingegen mit großer Sicherheit und Selbstverständlichkeit. Dieses Beispiel zeigt, wie empfindlich die Liturgie beziehungsweise die Gemeinden gegenüber zu raschen Veränderungen sind.

Die Agende schlägt fakultativ auch einen Abschluss für die anderen beiden Lesungen vor: die Gemeinde antwortet auf „Worte der Heiligen Schrift“ mit „Gott sei Lob und Dank“. Übrigens ist das Halleluja nach der Epistel nicht der Abschluss der Epistel als der es in den Gottesdiensten erscheint. Vielmehr ist es dem Evangelium vorgeschaltet und hat damit eigentlich die Funktion der Begrüßung des lebendigen Christus, der aus dem Evangelium spricht. Das ist auch der Grund, warum es in der Passionszeit entfällt, in der des Leidens Jesu gedacht wird. Im Gottesdienst ist die Zusammengehörigkeit von Halleluja und Evangelium nicht erlebbar, weil sich zwischen Epistel und Evangelium das Wochenlied angesiedelt hat, das in der Regel einen deutlichen Bezug zum Evangelium hat.

Die Versikel (Verslein) tragen dazu bei, die dialogische Gestalt des Gottesdienstes wahrnehmbar zu machen. Sie brauchen allerdings eine feste Verankerung in der Gemeinde.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pfarrerin Dr. Alpermann, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

TV-Tipp: „Berliner Klöster – Diesseits von Eden“, rbb, 28. Mai, 18:30 Uhr

Am Sonnabend, 28. Mai 2016, sendet der Rundfunk Berlin-Brandenburg um 18:32 Uhr in seinem Fernseh-Programm:

„Die rbb Reporter – Berliner Klöster – Diesseits von Eden
Ein Film von Dagmar Bednarek und Antje Tiemeyer

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Teile des Films zeigte der rbb bereits zu Ostern

In der Hauptstadt gibt es neben den traditionellen, katholischen Ordensgemeinschaften der Franziskaner und Dominikaner auch evangelische und sogar ökumenische Klöster, in denen Familien, Singles, Studenten und zölibatäre Patres und Schwestern zusammen wohnen. Die rbb Reporter der Abendschau stellen verschiedene Klostergemeinschaften vor, wie das Stadtkloster Segen im Prenzlauer Berg sowie das Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin in Schöneberg.
Das Wort „Kloster“ kommt von „claustrum“ – einem verschlossenen Raum. Diese Art Kloster gibt es in Berlin nur vereinzelt. Die Steyler Anbetungsschwestern gehören dazu. Die Ordensgemeinschaft lebt gänzlich abgeschieden von der Welt in ihrem Kloster in Westend.

Weitere Informationen hier.

Fünf Fragen an: Pfrn. Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO

Fünf Freitagsfragen an Marion Gardei, Pfarrerin der EKBO, über vergegenwärtigende Erinnerung als konstitutiver Bestandteil jüdischen und christlichen Glaubens sowie jüngste Schändungen der Gedenkstätte im ehemaligen KZ-Außenlagers Jamlitz-Lieberose.

Bildschirmfoto 2016-05-18 um 18.27.22Marion Gardei ist Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Sie studierte evangelische Theologie in Berlin und Judaistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem mit dem EKD-Projekt „Studium in Israel“. Sie war Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Dahlem. Sie ist Mitherausgeberin der „Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Dialog“.

Rogate-Frage: Frau Pfarrerin Gardei, was ist Erinnerungskultur und warum ist sie Aufgabe der Landeskirche?

Marion Gardei: Erinnerungskultur ist die Art und Weise, wie wir uns an Ereignisse der Vergangenheit öffentlich erinnern. Dabei treffen wir als Einzelne oder als Gemeinschaft Entscheidungen – bewußt oder unbewußt -: Was ist uns wichtig und was nicht? In welcher Form wollen wir erinnern? Manches verschwindet aus dem kollektiven Gedächtnis, manches ist ganz präsent.

Kirchliche Erinnerungskultur ist kein Selbstzweck, sondern will der Schuld und Versäumnisse gedenken und die Verantwortung der Kirche benennen, wo sie geschwiegen oder mitgemacht hat, statt sich dem Unrecht entgegen zu stellen. Das geschieht, damit sich solches nicht wiederholt. Den Opfern, die namenlos gemacht wurden, soll eine Stimme gegeben werden. Erinnert werden soll aber auch an Menschen, die protestiert haben gegen Unrecht und Unmenschlichkeit und dafür mit der Freiheit oder mit dem Leben bezahlen mussten.

Auch säkulare Formen des Gedenkens haben ihren Ursprung in der religiösen Praxis: Die jüdisch-christliche Religion ist eigentlich der „Erfinder“ der Erinnerungskultur. In der Bibel gibt es die Weisung „Gedenke“ in vielen Zusammenhängen. In der Bibel werden auch bestimmte Orte zur Erinnerung markiert, Gedächtnisfeste eingesetzt.

In der EKBO ist in den letzten Jahren eine beachtliche Erinnerungs- und Gedenkkultur gewachsen, die nach zeitgemäßen Formen fragt, auch um junge Menschen einzubeziehen. Sie beruft sich bewusst auf ihre biblischen Wurzeln und ist Teil der Glaubenspraxis und des kirchlichen Handeln: Gedenktage wie zum Beispiel der 9. November werden ins Kirchenjahr integriert und liturgisch begangen, Menschen, die aus ihrem christlichen Glauben heraus Widerstand gegen Diktatur und Unrecht leisteten werden als Glaubenszeugen wahrgenommen.

Rogate-Frage: Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit?

Marion Gardei: Es sind vor allem die beiden großen Diktaturen des vorigen Jahrhunderts, die die kirchliche Erinnerungsarbeit beschäftigen, aber immer bezogen auf die Gegenwart. In einer Zeit, wo es immer weniger Zeitzeugen gibt, gilt es, die Arbeit der kirchlichen Erinnerungsorte in unserer Landeskirche zu stärken und zu koordinieren. Hier wird Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes be-greifbar. Wir entwickeln hier Profile und Lernprogramme für außerschulisches Lernen, aber auch für Erwachsene. Lern- und Erinnerungsorte werden auch durch kirchliches Handeln zu Gedenkorten, an denen auch spirituelle Erfahrungen gemacht werden können. Für die vielen Ehrenamtlichen, die an kirchlichen Gedenkorten arbeiten, biete ich zum Beispiel theologische, pädagogische und historische Aus- und Fortbildungen an.

Mich beschäftigt sehr die Frage, wie wir Jugendlichen zeigen können: „Das was da früher passiert ist, hat auch mit Deinem Leben zu tun“. Ich suche mit anderen zusammen nach neuen Formen der Erinnerungskultur, die Jugendliche nicht als Bildungsobjekte betrachtet, sondern als Gesprächspartner ernst nimmt. Dazu müssen wir bei der Lebenswelt der Jugendlichen heute ansetzen: Wo erleben sie Unterdrückung, Ausgrenzung und Gruppenzwang? Wie schafft man es, auch gegen den Trend zu seinen Überzeugungen zu stehen?

Ein weiterer Teil meiner Arbeit besteht in der Zusammenarbeit mit staatlichen Gedenkstätten, wir entwickeln gemeinsam Vorträge, Bildungsprogramm und Ausstellungen. Auch ökumenische oder interreligiöse Erinnerungsgottesdienste bezogen auf bestimmte Gedenktage, Personen oder Orte gehören zu meinen Aufgaben, hier gilt es liturgische Formen zu entwickeln.

Rogate-Frage: Ist nicht jeder Gottesdienst Erinnerung?

Marion Gardei: Vergegenwärtigende Erinnerung ist konstitutiver Bestandteil jüdischen und christlichen Glaubens. Der Gottesdienst birgt liturgische Elemente des vergegenwärtigenden Erinnerns: Jüdische Menschen feiern das Passahfest, als seien sie persönlich aus Ägypten befreit worden. Christen erfahren beim Abendmahl Jesu Gegenwart, als sei er lebendig unter ihnen. („Das tut zu meinem Gedächtnis“ ) Die Evangelien überliefern die Erinnerung an Jesu Leben, an sein Sterben und seine Auferstehung zu bewahren und damit die Gemeinde daran teil haben kann.

Alle kirchliche Erinnerungskultur hat die Grundlage, dass Gott selbst sich an sein Volk erinnert. Gott erinnert sich zum Beispiel der Not des Volkes in Ägypten: Er hört sein Klagen (2. Mose 3,7 ff), sein Leiden ist ihm nicht gleichgültig, er kennt die Menschen mit Namen, er gibt keines seiner Geschöpfe dem Vergessen preis. „Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet“, sagt Gott dem im Exil zweifelnden und leidenden Volk (Jes 49,16). Dass Gott des Menschen gedenkt, erkennen Christen in besonderer Weise in Jesus Christus.

Der Gottesdienst regt zur „Nachahmung Gottes“ an, Menschen sollen in Empathie ihr Engagement für die Entrechteten wahrnehmen… Jeder Gottesdienst erinnert an die Nächstenliebe als höchstes Gebot.

Rogate-Frage: Sie haben die Schändung des Erinnerungsortes KZ-Außenlager Jamlitz-Lieberose in einer Presse-Information verurteilt. Was ist dort passiert? 

Marion Gardei: Zwei Ausstellungstafeln wurden am 10. Mai zerstört, davor wurde der jüdische Friedhof geschändet. Heute, am 18. Mai 2016, haben erneut Unbekannte einen Anschlag auf den Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers verübt. Der Anschlag ist also der zweite innerhalb einer Woche. Diesmal wurde die Eingangstafel der Freiluftausstellung des Gedenkortes vollständig zerstört. Die Tafel enthielt grundlegende Informationen über den Holocaust und die Geschichte des ehemaligen KZ-Außenlagers. Der erneute Anschlag hat bei der Evangelischen Kirchengemeinde und bei der Landeskirche Entsetzen und tiefe Abscheu hervorgerufen. Ich finde, die Tat zeigt eine neue Stufe des Hasses und der Gewalt. Wir lassen uns aber davon in unserer kirchlichen Erinnerungsarbeit nicht beirren oder einschüchtern.

Rogate-Frage: Erfahren die Täter durch die Proteste gegen ihr Treiben und die Berichterstattungen über Schändungen von Gedenkstätten nicht Anerkennung und Bestätigung?

Marion Gardei: Ja, das ist eine zweischneidige Sache. Im Fall Jamlitz war es sicher so, dass die Täter durch die Berichterstattung „animiert“ wurden, ohne dass diese natürlich Schuld daran hätte. Wir können doch auch nicht verschweigen, was da geschieht. Wir leben offenbar in einer Zeit, in der rechtsextreme und rechtspopulistische Kräfte wieder erstarken. Unsere kirchliche Erinnerungsarbeit zielt darauf, das zu verhindern, Mut zu machen, gegen den Trend zu leben, gegen Antisemitismus und Intoleranz aufzustehen. Die Anschläge zeigen: Wir müssen noch viel mehr tun. Jetzt erst recht.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pfarrerin Gardei, für das Gespräch.

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ISSN 2367-3710, Nationales ISSN-Zentrum für Deutschland, Deutsche Nationalbibliothek.

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