Seenotrettung: Rogate-Kloster schließt sich Bündnis „United4Rescue“ an

Das Rogate-Kloster ist dem Bündnis „United4Rescue“ beigetreten. Damit stellt sich die ökumenische Gemeinschaft hinter das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiierte Projekt zur Rettung von Menschen in Seenot im Mittelmeer. „Wir unterstützen United4Rescue, weil für uns geistliches Leben mit tätiger Nächstenliebe, dem Einsatz für Gerechtigkeit, Menschenwürde und dem Recht auf Leben einhergeht“, so Br. Franziskus.

Über 300 Organisationen, Landeskirchen, Hochschulen und Kirchengemeinden sind dem im Dezember 2019 gegründeten Bündnis beigetreten. Der Förderverein des Rogate-Klosters gehört seit Ende vergangenen Jahres dazu. Ziel der Engagierten ist es, ein eigenes Schiff zur Rettung von Menschen in Seenot im Mittelmeer einzusetzen. Weitere Informationen: united4rescue

Bischof Dr. Dröge: „Antisemitismus ist Gotteslästerung“

Grußwort von Bischof Dr. Markus Dröge, dass er heute Abend auf der Kundgebung „Berlin trägt Kippa“ halten wird. Er wird hier als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie als Vertreter des Rates der EKD sprechen.

Berlin trägt KippaIch trage gerne die Kippa. Und nicht erst heute. Seit über 30 Jahren ziehe ich immer wieder dieses Zeichen der Demut vor Gott an, wenn ich eingeladen werde in eine Synagoge, oder zum Trauern und Gedenken auf einen jüdischen Friedhof. Für mich ist die Kippa ein Zeichen der Verbundenheit im Glauben an den einen Gott, vor dem wir als Juden und Christen gemeinsam demütig stehen.

Wir haben hier in Berlin eine wunderbare Gemeinschaft mit unseren jüdi­schen Geschwistern. Wir laden uns gegenseitig ein, zum Ge­denken und zum Feiern. Das gemeinsame theologische Forschen hat hier eine lange Tradition. Und wir freuen uns, dass das jüdische Leben in Berlin wieder neu aufgeblüht ist und dass viele junge Menschen aus Israel gerne hier in Berlin leben. Sie sind und sie bleiben alle herzlich willkom­men, hier in Berlin, in der Stadt der Freiheit – willkom­men, hier zu leben und sich wohl zu fühlen!

Umso erschreckender ist es, dass in unserer Stadt am helllichten Tag auf offener Straße ein junger Mann, nur weil er eine Kippa trug, angegriffen und be­schimpft wurde. Wir sind dadurch alarmiert. Wir müssen noch viel sensibler werden gegenüber jeder Form der Judenfeindschaft. Wir müssen noch viel deutlicher versteckten Antisemitismus thema­tisieren!

Ich bringe Ihnen heute die Grüße des Rates der EKD. Auf unserer Sitzung am vergangenen Freitag in Hannover haben wir die jüngsten antisemitischen Vorfälle und Übergriffe in Deutschland scharf verurteilt. Der Rat der EKD ruft mit folgenden Worten dazu auf, gemeinsam gegen Antisemitismus in Deutschland einzutreten:

„Fast täglich gibt es Berichte über Anfeindungen und Übergriffe gegen Juden in Deutsch­land. Das erfüllt uns mit großer Sorge und Scham. Wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland Gewalt und Beschimpfungen ausgesetzt sind und sich nicht mehr sicher fühlen, können wir das unter keinen Umständen hinnehmen. Nie wieder darf sich Antisemitismus in Deutsch­land ausbreiten oder gar salonfähig werden. Als Christinnen und Christen stehen wir unein­geschränkt an der Seite unserer jüdischen Ge­schwister. Aus theologischer Überzeugung sowie aus historischer Verantwortung für jahrhun­dertelanges kirchliches Versagen, sagt die Evangelische Kirche in Deutschland klar und unmissverständlich: Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus. Antisemitismus ist Gotteslästerung.“

Fünf Fragen an: Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, über eine zupackende Zivilgesellschaft für geflüchtete Menschen, die Wahrung der Menschenwürde in der Krise und die Wechselwirkungen mit populistischer Politik.

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Michael Chalupka (Bild: Luiza Puiu)

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz/Österreich geboren und studierte evangelische Theologie in Wien und Zürich. Weitere Ausbildungen folgten in den Bereichen Erwachsenenbildung und NPO-Management. Nach einem zweijährigen Italienaufenthalt als Studienleiter am “Centro Ecumenico d’Agape” in Prali (Torino) arbeitete er von 1989 bis 1994 als evangelischer Pfarrer. Seit 1994 ist Michael Chalupka als Direktor der Diakonie Österreich tätig. Er ist Mitinitiator der Armutskonferenz (1995). Seit 2000 ist Michael Chalupka außerdem Präsident des „Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit“ (ÖKSA) und seit 2006 auch Vorsitzender des Evangelischen Schulwerkes A.B. Wien.

Rogate-Frage: Herr Direktor Chalupka, wie geht es den geflüchteten Menschen heute in Österreich?

Michael Chalupka: Die Situation für die Geflüchteten hat sich, nach dem großen Flüchtlingszustrom 2015 mit über 88.000 Asylanträgen, weitestgehend normalisiert.
Das Positive, das wir aus 2015 mitnehmen können, war eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität, die jedoch weniger von der Regierung ausgegangen ist, sondern von der Zivilgesellschaft, die nach dem Motto: „Da muss man doch helfen!“ einfach zugepackt hat und unglaubliche Initiativen auf die Beine gestellt hat. Das hat sogar uns als professionelle Hilfsorganisation, die schon viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, manchmal überrascht. Bis heute sind sehr viele ehrenamtliche MitarbeiterInnen und nach wie vor viele private Initiativen – mehr als jemals zuvor in der jüngeren Geschichte Österreichs – in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Rogate-Frage:  Wie sind in Österreich die Kirchen, Caritas und Diakonie auf die Situation mit den Herausforderungen umgegangen und was hat sich dadurch verändert?

Michael Chalupka: Es war natürlich auch für die angestammten Hilfsorganisationen eine große Herausforderung. Caritas und Diakonie haben versucht äußerst flexibel auf die Situation zu reagieren. Dennoch hat sich alleine in der Diakonie der MitarbeiterInnenstand in der Flüchtlingsarbeit sowohl bei den hauptamtlichen, als auch bei den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass auch viele Leitungsstrukturen im laufenden Betrieb permanent nachgebaut werden mussten.
Dennoch war es uns wichtig, nicht einfach unsere Qualitätsstandards zu begraben und die Menschenwürde, der uns anvertrauten Menschen auch in einer Zeit großen Andranges im Vordergrund stehen zu lassen. Viele MitarbeiterInnen im Flüchtlingsbereich sind in diesem Jahr an das Limit ihrer Belastbarkeit gestoßen. Vor allem aber auch deshalb, weil Politik und Verwaltung kein gutes Krisenmanagement geleistet haben und viele sehr schwierige Situationen vermeidbar gewesen wären.
Leider wurde die konstruktive Kritik sämtlicher Hilfsorganisationen am staatlichen Aufnahmesystem kaum aufgegriffen, sodass wir befürchten müssen, beim nächsten Zuzug einer größeren Zahl von Flüchtlingen wieder exakt vor den gleichen strukturellen Problemen zu stehen wie im Jahr 2015.

Rogate-Frage: Auch Österreich erlebt das Aufleben des rechten Populismus, das Erstarken der Identitären und eine schwierige Bundespräsidentenwahl… Was ist los in Ihrem Land?

Michael Chalupka: Es gibt in Österreich nach wie vor eine schweigende Mehrheit von Menschen, die das Gemeinsame vor das Trennende, die Nächstenliebe vor den Hass, das Positive vor das Negative stellt. Letztendlich wurde das auch im sehr deutlichen Ausgang der Bundespräsidentenwahl sichtbar.
Dieser Umstand ist aber für die Politik scheinbar schwer verständlich. Eine schweigende Mehrheit ist auch für sie weniger hörbar, als die sehr negativen, lauten, xenophoben bis rassistischen Töne, die auch gerne durch Boulevardmedien aufgegriffen und reproduziert werden.
Dadurch entsteht eine Wechselwirkung mit populistischer Politik, die ihrerseits glaubt durch symbolpolitische Verschärfungen der Gesetzeslage und Kürzungen von Leistungen einen politischen Vorteil erringen zu können. Oft wird dabei übersehen, dass es, sobald man auf diesen Zug aufspringt, keine Bremse mehr gibt. Es ist wie ein Karussell, das sich immer weiter dreht: Die Hetzer verlangen immer mehr und sozialpolitisch immer Abstruseres. Eine Politik, die in dieses Karussell einsteigt, verliert unweigerlich die Orientierung im eigenen Wertegerüst. Irgendwann gibt es im Asylrecht gar nichts mehr zu verschärfen, das noch menschenrechtlich kompatibel wäre. Doch die nächste Verschärfung muss her, man glaubt es dem Wählerwillen schuldig zu sein.
Ja, es gibt einen starken Zulauf zu rechtspopulistischer Politik, die einfachste Antworten auf komplexeste Fragen gibt.
Die wahre Frage ist jedoch, ob der Zulauf zu dieser Politik größer oder kleiner wäre, wenn christlich soziale und sozial demokratische PolitikerInnen sich mit der ganzen Kraft der Grundprinzipien ihrer Gesinnungsgemeinschaften entgegenstemmen würden.

Rogate-Frage: Wie können Christen und wie die Kirchen darauf reagieren?

Michael Chalupka: Viele Christinnen und Christen sind heute stark in ehrenamtlichen Projekten engagiert und engagieren sich auch für ihre Mitmenschen.
Wichtig ist, dass sie sich aber auch zu Wort melden und spürbar werden lassen, dass Nächstenliebe stärker ist als Hass, Neid und Missgunst.
Die evangelischen Kirchen in Österreich stehen seit vielen Jahren sehr deutlich auf der Seite der Flüchtlinge und es gibt kaum ein Jahr, in dem die Generalsynode keine Resolution mit einem klaren Bekenntnis zum Flüchtlingsschutz beschließt.
Die Flüchtlingsarbeit ist den Kirchen ein besonderes Anliegen in Österreich. Evangelische Kirche A und H.B. sind gemeinsam mit der Diakonie Österreich Trägerorganisationen des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Dieser ist inzwischen die größte Rechtsberatungsorganisation für Flüchtlinge in Österreich. Angesichts der wenigen Evangelischen in Österreich ist das eine bemerkenswerte und für das Selbstverständnis der Kirchen wichtige Entwicklung.

Rogate-Frage: Was können wir in Deutschland von Österreich lernen, um die spürbare gesellschaftliche Spaltung und eine Gefährdung der Demokratie zu verhindern?

Michael Chalupka: Österreich hat seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen des Rechtspopulismus zu tun. Es zeigt sich deutlich, dass die Strategie, der vormals großen Parteien, immer mehr Anliegen der FPÖ in die eigene Programmatik zu übernehmen in den Diskurs der Rechtspopulisten eingezahlt hat. Die Erwartungen, dass sich durch eine schärfere Rhetorik und Abschottungspolitik WählerInnen für die Parteien der Mitte halten ließen haben sich nicht erfüllt. Wir ÖsterreicherInnen blicken umgekehrt immer etwas neidisch nach Deutschland, weil wir glauben dort mehr Sachpolitik und doch eine Spur weniger Populismus und Symbolpolitik zu erkennen. Trotz aller Probleme – von Pegida bis hin zu brennenden Flüchtlingsheimen – existiert doch auch in Deutschland eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung, wie jüngst eine Studie der EKD zur Haltung in der Flüchtlingsfrage gezeigt hat. Selbstverständlich ist die politische Lage in beiden Ländern sehr angespannt und ist es ein Auftrag an uns Christinnen und Christen, sehr wachsam zu sein und der Demagogisierung und Radikalisierung täglich entgegenzutreten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Direktor Chalupka, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Fünf Fragen an: Präses Manfred Rekowski, Evangelische Kirche im Rheinland

Fünf Fragen an Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, über die Ablehnung der Judenmission, die Ehe als „weltlich Stand“ und die Zukunft Europas.

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Präses Manfred Rekowski (Bild: EKiR)

Dass er einmal höchster Repräsentant der zweitgrößten EKD-Gliedkirche werden würde, war dem 1958 in Polen geborenen Wahl-Wuppertaler nicht in die Wiege gelegt: „Wahrscheinlicher war damals, dass ich Landwirt in den Weiten Masurens werde“, sagt Manfred Rekowski. Aber als der Junge fünf Jahre alt war, verließ seine Familie ihren Bauernhof und siedelte in die Bundesrepublik über. Rekowsky studierte in Bethel, Marburg, Bochum und Wuppertal Evangelische Theologie. 1982 begann er das Vikariat und trat 1986 seine erste Pfarrstelle in der Gemeinde Wichlinghausen an. 1993 wurde er zum Superintendenten des Kirchenkreises Barmen, 2005 zum Superintendenten des Kirchenkreises Wuppertal gewählt. Die Landessynode berief ihn 2011 als Oberkirchenrat in die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland und wählte ihn im Januar 2013 zum Präses.

Rogate-Frage: Herr Präses, was steckt hinter der sogenannten Judenmission und warum sind Sie dagegen?

Manfred Rekowski: Es gibt unserer Erkenntnis nach zwei Wege zu Gott, den christlichen und den jüdischen. Ich möchte aus dem Beschluss der jüngsten EKD-Synode zitieren: „Christen sind nicht berufen, Israel den Weg zu Gott und seinem Heil zu weisen. Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.“ Die rheinische Kirche vertritt diese Position bereits seit 1980. Im Blick auf die Judenmission und daraus abgeleitete Zwangskonversionen gibt es zudem eine lange und furchtbare christliche Schuldgeschichte, das theologische Nein zur Judenmission verbindet sich mit unserer Verantwortung nach der Shoa.

Rogate-Frage: Ihre Landeskirche hat Trauungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare ermöglicht. Warum?

Manfred Rekowski: Nach evangelischem Verständnis ist die Ehe ein „weltlich Stand“, so Martin Luther. Sie – und entsprechend die Lebenspartnerschaft – wird vor dem Standesamt geschlossen, und nicht vor dem Altar. Die evangelische Trauung ist daher „ein Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung, in dem die eheliche Gemeinschaft unter Gottes Wort und Segen gestellt wird. Dabei bekennen die Eheleute, dass sie einander aus Gottes Hand annehmen, und versprechen, ihr Leben lang in Treue beieinander zu bleiben und sich gegenseitig immer wieder zu vergeben.“ So sagt es die Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland, dessen Artikel seit dem Frühjahr 2016 auch auf Eingetragene Lebenspartnerschaften Anwendung. Mit dieser Gleichstellung reagieren wir auf Veränderungen im Zivilrecht für Eingetragene Lebenspartnerschaften. Mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft hat der Gesetzgeber im Jahr 2001 eine Regelung für gleichgeschlechtliche Partnerinnen und Partner geschaffen, die gleiche Rechtsfolgen wie eine Ehe mit sich bringt, derzeit ausgenommen noch das Adoptionsrecht. Maßgeblich für diese Entwicklung ist der Gleichheitsgrundsatz gewesen sowie die Einsicht, dass der besondere Schutz der Ehe keine Benachteiligung anderer Lebensformen erfordert.

Rogate-Frage: Welche Erfahrungen haben Sie in den Diskussionen um die Gleichstellung von Lesben und Schwulen gemacht und wie soll es nun weitergehen?

Manfred Rekowski: Wie gesagt: Das kirchenleitende Gremium, die Landessynode, hat den Beschluss, gleichgeschlechtliche Paare in eingetragener Lebenspartnerschaft bei der Trauung gleichzustellen, mit überzeugender Mehrheit gefasst. Dem voraus ging die Möglichkeit einer sogenannten Gottesdienstlichen Begleitung für gleichgeschlechtlich Liebende, die die rheinische Synode schon im Jahr 2000 eröffnet hat – noch bevor der Gesetzgeber Eingetragene Lebenspartnerschaften möglich machte. Nach dem heute gültigen Beschluss können Pfarrerinnen und Pfarrer die Trauung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerinnen und -partnern aus Gewissensgründen ablehnen. Haben Presbyterien vor 16 Jahren die Durchführung Gottesdienstlicher Begleitungen von Lebenspartnern abgelehnt, können sie diesen Beschluss aufrechterhalten. In beiden Fällen ist die Gemeindeleitung aber verpflichtet, mit Hilfe der Superintendentin oder des Superintendenten dafür zu sorgen, dass die Trauung des Paares in einer anderen Kirchengemeinde stattfindet. Mit diesen Regelungen trägt die Synode dem unterschiedlichen Bibelverständnis zum Thema Homosexualität Rechnung.

Rogate-Frage: Seit einiger Zeit erleben wir in der Bundesrepublik eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und zunehmenden Populismus, die sich auch in Wahlerfolgen der AfD spiegeln. Was ist die Aufgabe der Kirche in dieser Zeit und wie reagieren die Landeskirchen darauf?

Manfred Rekowski: Um es mit den Worten des einstigen Bundespräsidenten Johannes Rau aus der rheinischen Kirche zu sagen: „Versöhnen statt spalten!“ Und ein kompromissloses Einstehen für gelebte Nächstenliebe sowie für Errungenschaften und Werte wie Demokratie und Menschenrechte. Dabei ist mir der Einsatz für Menschen, die um ihr Leben fürchten und Schutz in Deutschland suchen, besonders wichtig. Wer die Menschenwürde von Flüchtlingen missachtet oder Menschen anderer Religionen nicht die Religionsfreiheit zubilligt, wie das einige Vertreter der AfD tun, der spielt mit dem Feuer und gefährdet den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Dem werden wir massiv entgegentreten.

Rogate-Frage: Die politischen Entwicklungen beispielsweise in Polen, Ungarn und in der Türkei sind beunruhigend. Der Brexit, nationalistische Tendenzen in vielen Ländern … Was wird aus Europa und wie sollten wir Christen uns in dieser Situation verhalten?

Manfred Rekowski: Europa ist die Reaktion auf zwei Weltkriege, ein Friedensprojekt, eine Wertegemeinschaft. Die Kirchen in den Ländern Europas haben längst Netzwerke gebildet, die abseits der politischen Bündnisse, mit oder ohne Brexit halten. Die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) als ökumenische Organisation der orthodoxen, anglikanischen, alt-katholischen und evangelischen Kirchen beispielsweise wurde zu Zeiten des Kalten Krieges gegründet. Eine kleine Schar kirchenleitender Menschen machte sich damals dafür stark, die Kirchen in den verschiedenen europäischen Ländern mit ihren unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen miteinander ins Gespräch zu bringen. Ihr Ziel war es, den Kirchen Europas zu helfen, eine Vermittlerrolle für Frieden und Verständigung zu übernehmen. Dieses Ziel verfolgen die Kirchen bis heute. Sie tun auf ihrem Terrain viel dafür, das Friedensprojekt Europa zu stärken.

Rogate: Vielen Dank, Präses Rekowski, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

Presseschau: „Widerstand gegen den Zeitgeist“

Montag, 10. Oktober 2016 | epd

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Fünf Fragen an Landesbischof Meyns

„Braunschweig/Berlin (epd). Der braunschweigische Landesbischof Christoph Meyns hat die Bedeutung von Klöstern und Kommunitäten auch innerhalb der evangelischen Kirche unterstrichen. „Wir brauchen Orte des Rückzugs, der Stille, der Besinnung und der Kontemplation“, sagte Meyns in einem Interview mit dem evangelischen Rogate-Kloster St. Michael in Berlin. Das Kloster hat das Gespräch in der Rubrik „Fünf Freitagsfragen“ auf seiner Internetseite veröffentlicht. Bischof Meyns ist seit Juni Beauftragter für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).“

Die epd-Meldung finden Sie hier.

Die Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Landesbischof Christoph Meyns: „Wichtig ist die gelebte Ökumene vor Ort“

Grußwort von Landesbischof Dr. Christoph Meyns, Braunschweig, zur Anerkennung des Rogate-Klosters durch das Katholische Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland:

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Landesbischof Dr. Meyns (Bild: Landeskirche Braunschweig)

Liebe Schwestern und Brüder!

„Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ (Eph. 4,5)

Dieser Zuspruch gilt der Christenheit seit ihrer Entstehung vor 2.000 Jahren. In Jesus Christus sind wir untrennbar miteinander verbunden. Zugleich erwächst daraus der Anspruch, das kirchliche Leben so zu gestalten, dass Unterschiede in Sprache, Kultur, dogmatischen Überzeugungen, ethischen Praktiken oder politischen Positionierungen nicht zur Quelle von Abwertung oder Ausgrenzung missbraucht werden. Die Gleichzeitigkeit von Einheit und Vielfalt zu leben, stellt eine der Herausforderungen dar, an denen sich die Kirche seit ihrer Gründung abarbeitet. Im Laufe der Geschichte hat es immer beides gegeben: Dynamiken des Auseinanderdriftens, der Selbstabschließung und der Spaltung auf der einen Seite, Schritte der Versöhnung und Wege des gemeinsamen Lebens auf der anderen Seite.

Die Arbeit an der Einheit der Kirche geschieht mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit auf der Ebene kirchenleitenden Handelns, etwa in Form theologischer Grundsatzpapiere oder der Feier internationaler ökumenischer Gottesdienste. Ebenso wichtig ist jedoch die gelebte Ökumene vor Ort, das tägliche Leben in ökumenischer Gemeinschaft.

Dabei gilt es, viele kleine Schritte zu gehen, die jeder für sich unscheinbar sind, in ihrer Summe jedoch langfristig weiterführen. Die Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen dem Rogate-Kloster St. Michael und dem Bistum der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland ist einer dieser Schritte auf dem Weg zur Vertiefung der Gemeinschaft zwischen Christinnen und Christen unterschiedlicher konfessioneller Traditionen in Deutschland. Darüber freue ich mich.

Ob und wie sich auswirkt, was wir tun, liegt nicht in unserer Hand. Ich wünsche deshalb dem ökumenischen Kloster St. Michael und seinen ökumenischen Partnern von Herzen Gottes Segen und Geleit.

„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ (Kol. 3,16)

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Beauftragter der EKD für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten

Willkommen zur Unterzeichnung der VereinbarungAllerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, Evangelische Kirche Berlin – Brandenburg – schlesische Oberlausitz (EKBO), Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Tempelhof-Schöneberg, Rogate Kl_Aushang_Eucharistie Allerheiligen_090316 Kopie.jpgPfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert, Tempelhof-Schöneberg, und Bundestagsabgeordnerter Volker Beck, Köln. Chor: „Mixed Martinis – Gospel & more“, Tegel. Orgel: Manuel Rösler.

Fünf Fragen an: Dr. Christoph Meyns, EKD-Beauftragter zu den evangelischen Kommunitäten

Fünf Freitagsfragen an Dr. Christoph Meyns, Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten, über Orte geschwisterlicher Gemeinschaft, Schulen der Achtsamkeit und die Versuchung der Selbstabschließung.

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Landesbischof Christoph Meyns (Bild: LK BS)

Dr. Christoph Meyns stammt gebürtig aus Bad Segeberg. In Kiel und Tübingen studierte er Evangelische Theologie. Als Stipendiat der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche verbrachte er zwei Jahre bei der Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea. Nach dem Vikariat im Predigerseminar Breklum und in Husum war er Gemeindepastor in Bargum/Breklum-Nord, Krummesse und Oldenswort. Er ließ sich zum Geistlichen Begleiter bei der damaligen Communität Christusbruderschaft in Wülfinghausen ausbilden. Verschiedene Aufgaben im Kirchenamt in Kiel für die Evaluation des Reformprozesses der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche sowie als Organisations- und Personalentwickler im Kirchenkreis Dithmarschen folgten. 2013 promovierte er zum Doktor der Theologie im Fach Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Seit Juni 2014 ist er Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig und seit Juni 2016 Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten.

Rogate-Frage: Was verbinden Sie mit evangelischen Kommunitäten und Klöstern?

Christoph Meyns: Für mich stehen evangelische Kommunitäten und Klöster für eine Form des kirchlichen Lebens, in der Gottesdienst, Gebet und geschwisterliche Gemeinschaft in besonderer Intensität gepflegt werden. In einer Zeit, die von verwirrend vielen Möglichkeiten, Zerstreuung und Oberflächlichkeit gekennzeichnet ist, stehen sie ein für die Konzentration auf das Wesentliche, die Wertschätzung der Stille und das Eintauchen in die Fundamente unserer Existenz.

Rogate-Frage: Nicht selten müssen sich Angehörige evangelischer Klöster und Kommunitäten den Vorwurf anhören, ihre Lebensform sei „nicht evangelisch“. Was sagen Sie dazu?

Christoph Meyns: Die Reformation kritisierte die klösterliche Lebensform als Mittel der Werkgerechtigkeit und aufgrund der Lasten, die sich daraus für die Gesellschaft ergaben. Sie fokussierte die Aufmerksamkeit auf Familie und Beruf als gleichberechtigten Ort christlicher Existenz. Im Ergebnis führte diese „Entthronung“ mönchischer Lebensweisen zu ihrer Abschaffung. Damit wurde meines Erachtens das Kind mit dem Bade ausgeschüttet

Auch evangelische Christinnen und Christen können in der Begegnung mit dem Wort Gottes für sich Konsequenzen für die eigene Lebensführung ziehen, die sie in Anknüpfung an die Traditionen des Mönchtums in ein kommunitäres oder klösterliches Leben hinein führen.

Wichtig ist mir, dass nicht das eine gegen das andere ausgespielt wird. Beide Lebensformen haben ihre je eigenen geistlichen Vorzüge, Herausforderungen, Gefährdungen und Fehlformen.

Rogate-Frage: Welche Bedeutung haben Klöster und Geistliche Gemeinschaften in der EKD?

Christoph Meyns: Wir brauchen Orte des Rückzugs, der Stille, der Besinnung und der Kontemplation. Unsere Welt ist so laut, dass wir die leise Stimme Christi und die des eigenen Gewissens oft überhören. Kommunitäten und Klöster sind in besonderer Weise Schulen der Achtsamkeit, des Gebetes und der Liturgie. Sie leisten damit Widerstand gegen einen Zeitgeist, der mit Kopflastigkeit, Machbarkeitswahn, Leistungsdruck, Selbstüberforderung, Misstrauen und der Flucht vor Erfahrungen der Begrenztheit und Kontingenz des Lebens bis tief hinein ins kirchliche Leben Verunsicherung auslöst.

Rogate-Frage: Wie kann die Kirche ihre Klöster und deren geistliches Leben schützen und fördern?

Christoph Meyns: Ich bin noch zu wenig in meine neue Aufgabe eingearbeitet, um beurteilen zu können, was genau Klöster und Kommunitäten von der verfassten Kirche brauchen. Ein erster Schritt scheint mir darin zu liegen, ihnen Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu schenken und sie neben Ortsgemeinden, funktionalen Diensten, Kreisen, Initiativen, Vereinen, Verbänden und diakonischen Einrichtungen als wichtigen Teil des kirchlichen Lebens zu würdigen.

Wichtig scheint mir für unsere Kirche insgesamt zu sein, der Versuchung zu Selbstabschließung und Selbstgenügsamkeit entgegen zu wirken und an guten Beziehungen zwischen den verschiedenen Orten und Ebenen des kirchlichen Lebens zu arbeiten.

Rogate-Frage: Welchen Rat geben sie den Gemeinschaften auf den Weg für das Leben in, mit und für die Kirche?

Christoph Meyns: Da halte ich es mit Paulus: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Philipper 4,4

Rogate: Vielen Dank, Herr Landesbischof Dr. Meyns, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Aushang_Eucharistie 22 Sonntag n Trinitatis_160616 Kopie.jpgSonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden. Orgel: Manuel Rösler
  • Donnerstag, 20. Oktober 2016 | 19:30 Uhr, Mitgliederversammlung des Fördervereins.
  • Allerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Ökumenisches Eucharistie  mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, EKBO, Bezirksbürgermeisterin  Angelika Schöttler, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Pfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde. Chor: „Mixed Martinis – Gospel & more“, Tegel. Orgel: Manuel Rösler
  • Sonntag, 3. Advent, 11. Dezember 2016 | 17:00 Uhr, Sternenkinder-Gottesdienst für verwaiste Eltern und ihre Angehörigen zum Worldwide Candle Lighting Day, mit Pastor Engelbert Petsch, Aktion “Die Flamme der Hoffnung”, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pfarrerin Simone Mantei, Studienzentrum der EKD für Genderfragen

Fünf Freitagsfragen an Simone Mantei, Studienzentrum der EKD für
Genderfragen in Kirche und Theologie, über soziale Kategorien, verordnete Geschlechterordnungen und den Schatz vielfältiger Gottesbilder.

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Dr. Simone Mantei (Bild: EKD)

Pfarrerin Dr. Simone Mantei, geboren 1972 in Hannover, studierte von 1991 bis 1998 evangelische Theologie in Marburg, Uppsala (Schweden) und Hamburg. Im Anschluss an ihr Examen promovierte sie im Fach kirchliche Zeitgeschichte. Nach ihren Vikariat war sie drei Jahre Pfarrerin im hessischen Bad Schwalbach. 2009 bis 2014 lehrte und forschte sie im Fachgebiet Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät Mainz und veröffentlichte zu pastoraltheologischen Fragen. Seit knapp drei Jahren ist sie Studienleiterin im Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover. Simone Mantei ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Rogate-Frage: Frau Dr. Mantei, was sind Genderfragen?

Simone Mantei: Geschlecht ist nicht nur eine biologische Kategorie, sondern auch eine soziale. Das heißt, was zu verschiedenen Zeiten oder in verschiedenen Kulturen als männlich angesehen wird oder als weiblich, unterscheidet sich. Genderfragen hinterfragen zum Beispiel, was wir heute als ‚typisch männlich oder weiblich‘ betrachten – welche Farben, Haarlängen oder Berufe werden welchem Geschlecht zugeschrieben? Warum war Reiten im Kontext von Jagd und Militär bis ins letzte Jahrhundert eine männlich konnotierte Tätigkeit und gilt heute als typischer Frauensport? Und warum vergeschlechtlichen wir diese Tätigkeit überhaupt?

Rogate-Frage: Warum beschäftigt sich die evangelische Kirche damit?

Simone Mantei: Weil die Kirche Geschlechterrollen über lange Zeit als Gottgegeben, unveränderlich und sakrosankt verstanden hat. Die Rede von sogenannten ‚Schöpfungsordnungen‘ hat jede Hinterfragung unmöglich gemacht. Heute sucht die Kirche auf der Grundlage des Evangeliums nach gerechten Verhältnissen – auch zwischen den Geschlechtern.

Rogate-Frage: Welche Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit können Kirchengemeinden und Einrichtungen nutzen?

Simone Mantei: Das Studienzentrum betreibt zunächst Grundlagenforschung. Hier wurde zum Beispiel der „Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der evangelischen Kirche in Deutschland“ erstellt. Er beschreibt wie viele Männer und Frauen in Kirchenvorständen, im Ehrenamt oder im Pfarrdienst aktiv sind und dient damit zum Beispiel Synoden als Grundlage für weitere Befassungen.

Als Beitrag zum Reformationsjubiläum gibt es Frauenmahle, in denen anregende Gespräche gesucht werden über die Zukunft von Kirche und Theologie.

Zudem steht derzeit die Studie „Verhasste Vielfalt“ vor dem Abschluss. Dabei geht es um die Auswirkungen von Hassmails im kirchlichen Raum. Von den Ergebnissen erhoffen wir uns, dass deutlich wird, welche Ängste und Aggressionen mit Genderfragen und anderen kirchlichen Themenfeldern verbunden sind.

Rogate-Frage: Welche Aufgaben und Entwicklungen im Bereich der Genderfragen kommen in der Zukunft auf die Kirche zu?

Simone Mantei: Beispielsweise der interreligiöse Dialog zu theologischen Geschlechter- und Familienbildern; die Vermittlung von geschlechterbewusstem biblisch-theologischen Grundlagenwissen oder auch Arbeits- und Lebensmodelle der Zukunft. Aber auch Fragen nach religiöser oder sexueller Identität (Trans-und Intersexualität) müssen aus theologischer Perspektive reflektiert werden. Und nicht zuletzt wird die Kirche sich mit der Frage nach der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Kirche und Gesellschaft auseinandersetzen müssen.

Rogate-Frage: Und was sollte sich im Gottesdienst und in der Theologie ändern?

Simone Mantei: Es hat sich schon viel geändert. Die Gemeinden sitzen nicht mehr nach Geschlechtern getrennt in der Kirche. Wir haben den Schatz vielfältiger – auch weiblicher – Gottesbilder wieder entdeckt. Es gibt sogar ein Gesangbuch und eine Bibel in gerechter Sprache. Selbst die neue Lutherübersetzung hat ein Bewusstsein für Sprache – genauso wie viele Geistliche und Ehrenamtliche.

Wünschen würde ich mir, dass Genderfragen in Kirche und Theologie noch ein wenig unideologischer verhandelt würden und selbstverständlicher, beispielsweise in theologischen Seminaren oder Bibelkreisen, aufgegriffen würden – wie ich es im Studium in Schweden erlebt habe.

Als evangelische Pfarrerin wünsche ich mir auch katholische Kolleginnen, Priesterinnen, die Ihrer Berufung folgen und nicht wegen ihres Geschlechts vom Dienst am Wort Gottes abgehalten werden.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pfarrerin Dr. Mantei, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Postkarte_Mensch+Tier2016_080316 Kopie 2 Sonnabend, 1. Oktober 2016 | 16:00 Uhr, Mitgliederversammlung des Trägervereins
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 11:00 Uhr, Rogate-Zukunftsworkshop, Moderation Pfarrerin Andrea Richter
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt: Pfarrerin Andrea Richter
  • Donnerstag, 6. Oktober 2016 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Sonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden
  • Allerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Gottesdienst mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Bezirksbürgermeisterin  Angelika Schöttler, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, EKBO, Pfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde
  • Sonntag, 3. Advent, 11. Dezember 2016 | 17:00 Uhr, Sternenkinder-Gottesdienst für verwaiste Eltern und ihre Angehörigen zum Worldwide Candle Lighting Day, mit Pastor Engelbert Petsch, Aktion “Die Flamme der Hoffnung”, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirche

Fünf Fragen an: Dr. Horst Gorski, Vizepräsident der EKD und Leiter des VELKD-Amtes

Fünf Freitagsfragen an Dr. Horst Gorski, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Leiter des Amtes der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), über Beheimatungen in den konfessionellen Kulturen, „Kirche für andere“ und Luthers Marienfrömmigkeit.

2016 Vizepräsident Dr. Horst Gorski Bild EKD

Dr. Horst Gorski (Bild: EKD)

Horst Gorski studierte Evangelische Theologie und wurde in diesem Fach promoviert. Nach einer Tätigkeit als Gemeindepfarrer wurde er Propst im Hamburger Kirchenkreis Altona und seit 2009 im fusionierten Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein. Seit 2004 war er zudem Vorsitzender des Theologischen Beirats der Nordelbischen Kirche und später der Theologischen Kammer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Im Mai 2015 wurde Gorski zum Leiter des Amtes der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und Vizepräsident im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Am 1. September 2015 trat er die Nachfolge von Friedrich Hauschildt, der beide Ämter innehatte, an. Gorski ist Mitbegründer des Konvents schwuler Pastoren und lesbischer Pastorinnen in Nordelbien. Er wohnt in Hamburg.

Rogate-Frage: Herr Vizepräsident Dr. Gorski, orientiert sich der Christ der Zukunft an seiner Konfession oder sucht er das Verbindende zu den Mitchristen aus anderen Kirchen?

Horst Gorski: Früher fragte man: „Welches Gesangbuch hast du?“, wenn man wissen wollte, welche Konfession beispielsweise der Freund oder die Freundin hat. Das deutet darauf hin, dass auch früher nicht so sehr theologische Lehren im abstrakten Sinne konfessionell interessant waren, sondern die erlebbaren und kulturellen Unterschiede: Welche Lieder man singt, welche Rolle die Kirchenmusik spielt, ob in der Kirche ein Altar mit Kerzen steht, ob man Tanz und Kartenspiel für erlaubt hielt und ob man Karneval feierte. Beheimatungen in den konfessionellen Kulturen werden auch künftig noch eine Rolle spielen. Für das evangelische junge Paar, das sein Kind zur Taufe anmeldet, ist die Erwartung klar, dass es auch eine Pastorin sein kann, die ihr Kind tauft.

Es ist aber gut, dass in den Unterschieden heute nichts Trennendes mehr gesehen wird. Wenn zwei Menschen unterschiedlicher Konfession heute heiraten wollen, ist das – zum Glück und Gott sei Dank – kein Problem mehr! Und an der Basis funktioniert die Ökumene oft gelassener als auf Ebene der Kirchenleitungen und Bischöfe.

Rogate-Frage:  Welchen Auftrag hat die evangelische Kirche in unserer Gesellschaft? In welcher Verantwortung sieht sie sich?

Horst Gorski: Sie hat die Aufgabe, Zeugnis vom Evangelium Jesu Christi in der sich wandelnden Gesellschaft in Wort und Tat abzulegen.

Das mag erst einmal banal klingen, heißt für mich aber: Wir haben mit dem Evangelium einen „Markenkern“, der im Mittelpunkt stehen muss. Werteagenturen und sozial engagierte Menschen – das ist schön, aber das gibt es auch sonst in der Gesellschaft. Kirche ist etwas eigenes.

Aber dann hat die Kirche natürlich die Aufgabe, dieses Evangelium von der bedingungslosen Annahme jedes Menschen durch Gott weiterzusagen und konkret durchzubuchstabieren. Was bedeutet diese bedingungslose Annahme in einer Leistungsgesellschaft? Was bedeutet Gnade in einer oftmals gnadenlosen Welt? Was bedeutet die Würde, die Gott jedem Menschen schenkt, für Flüchtlinge, Folteropfer oder Obdachlose? Die Kirche hat darauf keine einfachen Antworten wie in einem Rezeptbuch. Aber schon dadurch, dass sie diese Fragen wachhält, wo man sie am liebsten totschweigen möchte, kann sie „Kirche für andere“ sein.

Rogate-Frage: Die bundesrepublikanische Gesellschaft ist im Wandel. Die Wahlergebnisse deuten auf eine größere Zerrissenheit des Landes hin. Die Diskussionen zu Migration, Asyl oder zu Bürgerrechten wie der Öffnung der Ehe deuten auf wenig Kompromissbereitschaft hin. Wie kann die evangelische Kirche hier helfen und Gräben, Hass und Gewalt überwinden?

Horst Gorski: Einerseits haben wir die Aufgabe, klar Grenzen des Anstands und der Menschlichkeit zu benennen. Mit menschenverachtender Gewalt kann es keine Kompromisse geben.
Andererseits müssen wir den Dialog suchen. Und da haben wir noch viel vor uns. Zu wenig haben wir bisher die Erkenntnis an uns herangelassen, dass rechtspopulistische Positionen bis hinein in unsere Kerngemeinden vertreten werden. Dabei sind längst nicht alle, die solche Äußerungen von sich geben, im engeren Sinne rechts. Oft sind es Ängste, menschliche Überforderung oder Unwissenheit, die sich auf diese Weise äußern. Dagegen hilft nicht Verurteilung, sondern Dialog.

Rogate-Frage: Wie kann die Kirche und der von ihr vermittelte christliche Glaube öffentlich bleiben? Warum ist Religion keine Privatsache?

Horst Gorski: Diese Frage klingt mir zu defensiv, aber sie markiert eine verbreitete Stimmung. Wenn wir im internationalen Vergleich schauen, welche Rolle die Kirchen anderswo spielen, dann merkt man, dass – auch heute noch! – in kaum einem anderen Land der Welt die Kirchen so prominent im gesellschaftlichen Diskurs vorkommen, so intensive Kontakte in die Politik haben wie in Deutschland. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass dies kurz vorm Wegbrechen wäre. Aber sicher: Damit dies auch auf Dauer so bleibt, müssen wir etwas tun. Am besten das, was ich als Aufgabe der Kirche beschrieben habe, also das Evangelium in Wort und Tag weitertragen und seine Relevanz für die Menschen unserer Zeit deutlich machen. Wir sollten uns nicht anbiedern und auch nicht versuchen, die besseren Politiker oder überhaupt die Besserwisser zu sein. Wolfgang Schäuble hat ja Recht, wenn er schreibt, Religion dürfe politisch sein, aber erst einmal müsse sie Religion sein. Wenn wir tun, was unsere Aufgabe ist, werden wir auch in Zukunft Gehör finden.

Rogate-Frage: Sie haben über die Marienfrömmigkeit Martin Luthers promoviert. Was hat Sie bei in Ihrer Forschung dazu überrascht und welcher Aspekt dieser besonderen Spiritualität könnte protestantische Frömmigkeit bereichern?

Horst Gorski: Das ist inzwischen 30 Jahre her! Überrascht hat mich damals, wie selbstverständlich es für Luther war, Maria zu verehren und zu den Marienfesten zu predigen. Die Abwendung von der Marienverehrung ist erst später im Luthertum vollzogen worden. Eine Wiederbelebung im Luthertum sehe ich allerdings nicht und hat es auch bei mir persönlich nicht gegeben.

Vor 30 Jahren herrschte noch die nachkonziliare Stimmung. Man glaubte, wenn man die theologischen Differenzen fachwissenschaftlich beseitigen könne, würden die Kirchen sich nach und nach einander annähern. Mein Doktorvater, der katholische (!) Dogmatiker Otto Hermann Pesch war von diesem Modell der sogenannten Konsens-Ökumene zutiefst überzeugt. Und ich glaubte damals, in diesem Sinne einen Beitrag zur Ökumene zu leisten.

Leider sind diese Hoffnungen Vergangenheit. Theologisch könnte man sich heute auf fast allen Gebieten soweit einigen, dass es zumindest nichts wirklich Kirchentrennendes mehr geben müsste. Trotzdem bewegen sich die Kirchen nicht aufeinander zu.

Aber das muss ja nicht immer so bleiben! Meine Hoffnung ist, dass all die Forschungsergebnisse aus der nachkonziliaren Zeit eines Tages gebraucht werden und doch noch Früchte der Einheit tragen!

Rogate: Vielen Dank, Herr Vizepräsident Dr. Gorski, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Aushang_Eucharistie Diakonie-Sonntag_160616 KopieSonntag, 4. September 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie zum Diakonie-Sonntag „Barmherzigkeit: Größer als unser Herz“, am 16. Sonntag nach Trinitatis, mit einer Ausstellungseröffnung
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt von Pfarrerin Andrea Richter
  • Sonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden
  • Allerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Gottesdienst mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Bezirksbürgermeisterin  Angelika Schöttler, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, EKBO, Pfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde
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Fünf Fragen an: Prof. Jacob Joussen, Rat der Ev. Kirche in Deutschland

Fünf Freitagsfragen an Prof. Dr. Jacob Joussen, Mitglied im Rat der EKD, über das Engagement in der Kirche, Hoffnungen an das Reformationsjubiläum und die Zukunft des Protestantismus.

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Jacob Joussen (Bild: Norbert Neetz/epd)

Prof. Dr. Jacob Joussen, geboren 1971 in Duisburg, studierte zunächst Latein und katholische Theologie, bevor er in die evangelische Kirche konvertierte und Rechtswissenschaft in Münster studierte. Nach Promotion und Habilitation hatte er verschiedene Lehrstühle inne und lehrt jetzt an der Ruhr-Universität in Bochum, sein Schwerpunkt ist das Arbeitsrecht, besonders auch das kirchliche Arbeitsrecht. Er lebt mit seinem Lebenspartner in Düsseldorf, ist dort in der Lutherkirche zuhause und stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums. Seit 2015 ist er Mitglied im Rat der EKD.

Rogate-Frage: Herr Prof. Joussen, was hat Sie zu einer Kandidatur für den Rat der EKD bewogen? 

Jacob Joussen: Zunächst einmal ganz einfach: die Anfrage des Nominierungsausschusses. Bischof Hein rief mich im September 2015 an und hat gefragt, ob ich zu einer Kandidatur bereit sei. Ich habe dann zu Hause mit meinem Partner darüber gesprochen, eine Nacht über die Kandidatur geschlafen – und zugesagt. Ich bin in meiner Gemeinde stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums und kann mich dort seit Jahren für meine Kirche einbringen. Und mit der Kandidatur sah ich eine Möglichkeit, mich auch auf dieser Ebene, der EKD, einbringen und meine Talente zur Verfügung stellen zu können. Das wollte ich sehr gerne. Die Vorstellung, mich auf diese Weise für meinen Glauben engagieren zu können – das fand ich ungemein reizvoll.

Rogate-Frage: Welche Erfahrungen machen Sie als Ratsmitglied? Ist die Kirche für Sie aus dieser Position heraus bewegend und beweglich?

Jacob Joussen: Noch bin ich ja in einer Lern- und Kennenlernphase, die Ratswahl liegt erst acht Monate zurück – doch erste Erfahrungen habe ich natürlich schon sammeln können. Die Ratsarbeit ist sehr beeindruckend – und beanspruchend. Beeindruckend ist sie, weil man mit den Herausforderungen, die sich für die Kirche stellen, in sehr direkter Weise in Berührung kommt. Man spricht in dem Gremium darüber, wie etwa auf die sinkenden Mitgliederzahlen zu reagieren ist, wie man angemessen an die Reformation vor 500 Jahren zurückdenken kann oder wie man als Glaubensgemeinschaft auf Akte sinnlosen Terrors reagieren kann. Beanspruchend ist sie, weil die Arbeit im Rat zum Teil sehr zeitintensiv ist – und sie ist auch nicht mit den Ratssitzungen erledigt. Viele Themen begleiten mich weit darüber hinaus im Alltag und im Denken. Insofern bewegt mich Kirche ganz unmittelbar. Dabei ist es gut zu sehen, dass der jetzige Rat eine sehr gute Arbeits- und freundschaftliche Umgehensweise entwickelt hat. Zusammen mit den Menschen, die im Kirchenamt der EKD tätig sind und die Ratsarbeit begleiten und vorbereiten, erlebe ich den Rat als sehr vielfältig und sehr gut aufgestellt. Insofern sind meine Erfahrungen bislang ausschließlich positiv – es macht einfach Freude, dort mitwirken zu dürfen!

Rogate-Frage: Welche Schwerpunkte erwarten Sie in den kommenden Jahren im Rat und wie wollen Sie sich einbringen?

Jacob Joussen: Naheliegenderweise ist DER erste große Schwerpunkt der kommenden Jahre das Reformationsjubiläum. Hierauf konzentriert sich zunächst auch die Arbeit des Rats in ganz besonderer Weise, und hier werde ich mich nach meinen Möglichkeiten auch einbringen, besonders auch im Hinblick darauf, wie wir dieses Jubiläum auch ökumenisch feiern können. Dies ist mir persönlich auch ein besonderes Anliegen. Danach – und das wird zeitlich den ganz überwiegenden Teil dieser Ratsperiode ausmachen – wird es aus meiner Sicht darum gehen, nicht in eine „Post-Festum-Lethargie“ zu verfallen, sondern den Schwung des Jubiläums aufzugreifen und umzusetzen. Hier sehe ich eine ganz besondere Herausforderung für alle, die in unserer Kirche Verantwortung tragen, und zwar ganz besonders auch auf der Ebene der Gemeinden. Meinen Schwerpunkt, auch und gerade in der Ratsarbeit, sehe ich darin, diese Perspektive nicht aus dem Blick zu verlieren: Wie können wir Menschen in Düsseldorf, Bochum, Sellin oder Tingen dafür begeistern, evangelischer Christ und evangelische Christin zu sein? Darum muss es gehen. Hier bringe ich mich mit meiner langjährigen und nach wie vor sehr viel Raum bei mir beanspruchenden Arbeit in meiner Heimatgemeinde ein. Schließlich wird es in einem weiteren Schwerpunkt darum gehen, damit umgehen zu lernen, dass wir bei einer kleiner werdenden Mitgliederzahl gleichwohl noch unsere diakonischen Aufgaben wahrnehmen zu können. Wie kann das gelingen, wenn doch immer weniger christliche Menschen in unseren diakonischen Einrichtungen arbeiten? Das sind gewichtige theologische, aber auch schwierige juristische Fragen. Meine Aufgabe sehe ich darin, gerade hier meinen Sachverstand einzubringen, wie ich überhaupt meine Ausbildung und juristischen Kenntnisse dem Rat zur Verfügung stellen möchte.

Rogate-Frage: In den letzten Jahren hat sich die evangelische Kirche für LGBTIQ geöffnet. In manchen Landeskirchen sind nun Traugottesdienste für Lesben und Schwule möglich. Doch die meisten Landeskirchen und auch die EKD sind noch nicht so weit und zögern. Bis wann wird es eine Akzeptanz und völlige Gleichbehandlung und – Berechtigung in allen Landeskirchen geben?

Jacob Joussen: Auch als Ratsmitglied verfügt man natürlich nicht über seherische Fähigkeiten… Aber über eine Hoffnung, die stark ist und die auch auf einer guten Grundlage beruht. Die von Ihnen angesprochene Öffnung begrüße ich ohne Einschränkungen, und ich bin sehr froh, dass immer mehr Landeskirchen sich an diesem Punkt öffnen. Sicher ist dies biographisch bedingt, die Segnung meiner Partnerschaft in Düsseldorfs ältester Kirche – übrigens in einem sehr kleinen Rahmen – stellt für mich einen ganz besonderen Höhepunkt in meinem Leben dar. Doch begrüße ich das nicht nur aus diesem Grund heraus, sondern auch deshalb, weil ich diesen Schritt für theologisch richtig halte und auch für biblisch begründet. Gerade dies aber sehen nach wie vor viele Menschen anders – auch im Rat meinte ja mancher Beobachter zu Beginn, eine gewisse Spannung zwischen verschiedenen Mitgliedern sehen zu können. Es hat sich aber gezeigt, dass gerade Michael Diener und ich sehr gut und vertrauensvoll in tiefem Respekt voreinander zusammenarbeiten können, was mich außerordentlich freut. Und so hoffe ich unverändert sehr darauf, dass bis zum Ende dieser Ratsperiode noch weitere Landeskirchen erkennen, dass es keinen Grund gibt, homosexuelle Menschen zurückzuweisen. Der Zuspruch Gottes gilt ihnen und ihrer Liebe in gleicher Weise – davon bin ich fest überzeugt.

Rogate-Frage: Wie sieht für Sie die Kirche der Zukunft aus? Wie wird die Ökumene die evangelische Kirche verändern?

Jacob Joussen: In Deutschland sehe ich die Kirche der Zukunft als eine Kirche in vielfältiger Form, die nicht mehr der Vorstellung entspricht, dass sich alle am Sonntag versammeln – davon ist sie ja ohnehin schon lange weit entfernt. Das wird aber durch die Vielfältigkeit anderer religiöser Lebensweisen noch deutlicher sichtbar. Das führt dazu, dass die Kirchen sich auf neue Rollen und neue Formen einstellen müssen, möglicherweise auch in ihrem Verhältnis zum Staat und im öffentlichen Diskurs, sie wird sich auch auf ein „weniger“ einstellen müssen – gerade in meiner Gemeinde in Düsseldorf gehen wir diesen Weg und trennen uns derzeit von einer unserer Predigtstätten, die uns doch so am Herzen liegt. Dass darin auch eine Chance liegen kann, ist häufig gesagt worden – das macht es aber nicht weniger richtig. Gerade hier vertraue ich indes darauf, dass der Geist Gottes uns nicht verlässt. Er wird diese, er wird seine Kirche auch durch diese Zeiten führen. Mit welchen Ergebnissen und auf welche Weise? Seien wir doch neugierig! Sicher aber auch, da bin ich ganz sicher, ökumenisch. Ich habe etwa große Sympathien dafür, gemeinsam Bauten und Räume zu nutzen – was spricht denn dagegen? In Düsseldorf tun wir das schon jetzt. Das halte ich für einen möglichen Baustein, mit den neuen Gegebenheiten zurecht zu kommen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Joussen, für das Gespräch.

Weitere Informationen finden Sie hier: Jacob Joussen (EKD) und hier (RUB).

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg: