Fünf Fragen an: Pfarrer Stephan Gras, Pfarrei St. Albertus Magnus Barcelona

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Stephan Gras, Deutschsprachige katholische Pfarrei Sankt Albertus Magnus, über die aktuelle Situation in Barcelona, Ärzte, die kaum noch schlafen können, und über die praktizierte geistliche Kommunion in der Coronakrise.

Pfr. Stephan Grass (Bild: Benjamin Dahlhoff)

Seit September 2018 ist Stephan Gras Pfarrer von Sankt Albertus Magnus in Barcelona. Geboren 1967, aufgewachsen in Bad Soden am Taunus. Studium in Frankfurt am Main und in München. Weihe zum Diakon 1992 in Braunfels an der Lahn. Priesterweihe 1993 im Limburger Dom. Kaplan in drei Frankfurter Gemeinden: Schwanheim, Goldstein und Bornheim. Nach seiner Kaplanszeit arbeitete Gras 1999 mehrere Monate in Argentinien in der Urwaldprovinz Misiones in einer Pfarrei direkt an der Grenze zu Brasilien. “Eine meiner Leidenschaften sind rege Kontakte nach Lateinamerika, wo ich auch unterschiedliche Länder bereist habe”, sagt Gras. 2000 bis 2018 war Stephan Gras Pfarrer der spanischsprachigen Gemeinde für den Westteil des Bistums Limburg mit Sitz in Wiesbaden. Darüber hinaus war er über 11 Jahre Priesterlicher Leiter des Pastoralen Raums Oestrich-Winkel im Rheingau mit vier Pfarreien. 2012 bis 2018 war Stephan Gras stellvertretender Stadtdekan von Wiesbaden.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Gras, seit wann und wie hat die Corona-Pandemie Ihr Leben verändert und wie gehen Sie damit um?

Stephan Gras: Gerade Spanien und insbesondere die beiden größten Städte Madrid und Barcelona sind hart von der Corona-Pandemie betroffen. Seit 13. März gilt eine strikte Ausgangssperre. Nur Einkäufe in Lebensmittelgeschäften, Apotheken und Tabakwarenläden sind möglich, und auch die nur unter Auflagen. Es gibt viele Polizeikontrollen, da man das eigene Stadtviertel praktisch nicht verlassen darf. Um zur Arbeit zu gelangen, werden Passierscheine benötigt.

Vieles am Leben hier in Barcelona hat sich massiv verändert. Das Leben der Stadt pulsiert nicht mehr. Die Straßen sind fast leer.

Für mich als Pfarrer ist es schon sehr ungewohnt, praktisch keine täglichen Begegnungen im Umfeld der Gemeinde zu haben. Anfangs waren noch unsere beiden Freiwilligen mit vor Ort, die hier nach dem Abitur einen „Anderen Dienst im Ausland“ geleistet haben; aber die mussten dann nach Deutschland zurück.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation an Ihrem Wohnort und wie ist das Gesundheitssystem in Ihrer Region aufgestellt?

Stephan Gras: Ich wohne drei Blocks von der Sagrada Familia entfernt. Normalerweise ist dieses Viertel von Touristen geprägt und sehr lebendig. Aber schon seit Wochen sind die zahlreichen Bars, Restaurants und alle Geschäfte, die nicht der sogenannten Grundversorgung dienen, geschlossen.

Gerade hier in Spanien findet das Leben auf der Strasse, in den zahlreichen Parks und in den Bars statt. Auch viele Senioren und Nachbarn treffen sich hier. Manche von den älteren Mitbürgern, die nur eine geringe Rente haben, bringen sich dann auch ihr belegtes Brot von zu Hause mit und bestellen sich nur den Kaffee; das ist hier in traditionellen Bars üblich. All das findet derzeit nicht statt.

Insbesondere im Blick auf die gesamte Tourismus- und Gastronomiebranche werden hier harte Zeiten bevorstehen. Es ist eine offene Frage, wie viele das wirtschaftlich überstehen. Die Ausgaben für die Miete faktisch nicht genutzter Gewerbeflächen laufen ja weiter.

Das Gesundheitssystem hier in Barcelona ist an der Grenze der Belastbarkeit, sogar teilweise schon darüber. Es gibt Krankenhäuser in der Stadt, die zusätzliche Gebäude, etwa leerstehende Hotels, mitnutzen, um Patienten versorgen zu können.

Das medizinische Personal ist ausgepowert, so deutlich muss man es sagen. Ich kenne Ärzte, die kaum noch schlafen können.

Auch die Situation in den Seniorenheimen ist nicht besser. Ich stehe in Kontakt mit Bewohnern, die seit Wochen ihre Zimmer nicht mehr verlassen dürfen, weil das Virus bereits im Haus ist. Auch Besuche sind ebenso wie in Krankenhäusern nicht möglich. Ich kann das Pflegepersonal und die Ärzteschaft nur bewundern. Der abendliche Applaus von den Balkonen und Fenstern der Stadt ist hochverdient.

Rogate-Frage: Wie findet in dieser Zeit noch Gemeindeleben statt und was beschäftigt aktuell die Mitglieder Ihrer Gemeinde?

Stephan Gras: Das Leben in unserer deutschsprachigen katholischen Gemeinde findet derzeit vor allem in den einzelnen Häusern und Wohnungen statt. Kontakte sind praktisch nur virtuell oder telefonisch möglich. Es ist hier in Spanien im Gegensatz zu einigen deutschen Bundesländern nicht erlaubt, Spaziergänge im Kreis derer, die sich eine Wohnung teilen, zu unternehmen. Faktisch bedeutet dies, dass Familien, die in einer Stadtwohnung ohne Garten leben, schon seit Wochen kreativ sein müssen, damit die häusliche Beschulung der Kinder, das Homeoffice der Eltern und alles weitere funktionieren.

Für die Seelsorge in der Gemeinde bedeutet dies vor allem Kontakt über Telefon und digitale Medien. Die Liturgie der Osternacht haben wir virtuell stattfinden lassen: Menschen aus der Gemeinde haben Videoclips der Lesungen, Fürbitten et cetera erstellt, und wir haben daraus einen Film gemacht. Auf diese Weise kamen zum Beispiel Lektoren, Ministranten und Firmlinge zu Wort, obwohl wir uns ja persönlich nicht begegnen dürfen. Dieser Film wurde in der Osternacht mehr als 90 Mal abgerufen.

Die Mitglieder der Gemeinde beschäftigt die Frage, was nach dem Lockdown sein wird. Wann wird eine Rückkehr zur Normalität möglich sein? Wie wird sich diese sogenannte Normalität gestalten? Viele befürchten eine Pleitewelle rund um die Tourismusbranche und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Auch gibt es zum Beispiel viele Großeltern, denen die Begegnung mit ihren Enkelkindern fehlt. Besonders an Ostern war das für viele schmerzlich spürbar.

Die Erstkommunion mussten wir von Pfingsten in den September verlegen. Normalerweise bietet unsere Gemeinde auch Sommerfreizeiten für Kinder und Jugendliche an. Wir haben ein eigenes Haus mit 60 Betten etwa 100 Kilometer von der Stadt entfernt im Landesinneren. Ob und wie das in diesem Sommer genutzt werden kann, ist völlig offen.

Und dann steht natürlich der massive Wunsch der Menschen in der Gemeinde im Raum, sich endlich wieder zu begegnen: zum Gottesdienst mit anschließendem Café im Pfarrsaal und bei den verschiedenen Aktivitäten.

Rogate-Frage: Was wollen Sie nach der Pandemie machen? Haben Sie Pläne?

Stephan Gras: Erst einmal einen Dankgottesdienst feiern. Alles Weitere findet sich.

Rogate-Frage: Gibt es Lieder, Texte oder Bibelstellen, die Ihnen in dieser Zeit besonders wichtig geworden sind?

Stephan Gras: Es gibt hier in Spanien sozusagen eine Hymne um durchzuhalten: „Resistiré„. Das ist ein Lied aus den Achtzigern und heißt in etwa: „Ich halte durch“

Mir persönlich wichtig geworden, ist der Gedanke der sogenannten „geistlichen Kommunion“; also der innigen Gemeinschaft mit Christus ohne an der Eucharistie teilnehmen zu können. Faktisch ist das hier ja für die Mitglieder unserer Gemeinde derzeit nicht möglich.

Darüber hinaus ist für mich entscheidend, die Hoffnung nicht zu verlieren und ein Stück Humor zu bewahren. Meinen Primizspruch habe ich vor mehr als 26 Jahren dem ersten Petrusbrief (1. Petrus 3,15) entnommen: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Den habe ich neu schätzen gelernt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Gras, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pfarrer Oliver Fischer, Ev.-luth. Kirche Cambridge

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Pfarrer Oliver Fischer (Bild: privat)

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Oliver Fischer, Evangelische-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland, über Unsicherheiten angesichts des anstehenden Brexits, die Auswirkungen auf die eigene Kirchengemeinde und die Suche nach Frieden in einem gespaltenen Land.

Oliver Fischer lebt in Cambridge, Vereinigtes Königreich. Er stammt aus Berlin, studierte Evangelische Theologie in Berlin, Rom und Heidelberg und engagiert sich dafür, dass fremde Menschen einander begegnen und wahr nehmen – damit lebendige Brücken entstehen können, über Grenzen hinweg, die längst nicht immer nur territoriale sind.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Fischer, seit wann sind Sie in Großbritannien und worin unterscheidet sich das Pfarrerleben dort im Vergleich zu dem in Deutschland?

Oliver Fischer: Seit sechseinhalb Jahren lebt unsere Familie im schönen Cambridge, der traditionsreichen Universitätsstadt, die sehr international geprägt ist. Hier teilen meine Frau und ich uns den Dienst im Pfarramt der „Evangelisch-Lutherischen Kirche deutscher Sprache in Ostengland.“ Auf dem Gebiet von East Anglia, Bedfordshire und Essex betreuen wir eine Gemeinde deutschsprachiger Christinnen und Christen. Die Arbeit ist geprägt von intensiver persönlicher Kontaktpflege und Betreuung in den kleinen Gruppen, die sich an den verschiedenen Orten des Pfarrbereichs treffen. Zum Pfarrdienst gehört hier neben der Übernahme aller Aufgaben, die im Büro und dem Haus einer Gemeinde anfallen, auch viel Autofahren dazu.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen des nahenden Brexit nehmen Sie in Ihrer eigenen Gemeinde wahr?

Oliver Fischer: Die Unsicherheit im Blick auf die Zukunft wird spürbar stärker. Viele der berufstätigen Gemeindemitglieder haben im letzten Jahr die Einbürgerung in Großbritannien beantragt, aus Sorge vor den Folgen eines Austritts aus der Europäischen Union. Es gab auch schon einige, die aufgrund der steigenden Unsicherheit zurück nach Deutschland gezogen sind oder das immer stärker in Erwägung ziehen, weil sie entweder ganz persönlich Befürchtungen haben oder weil ihre Arbeitsverträge in international ausgerichteten Bereichen voraussichtlich nicht verlängert werden. Das ist zum Beispiel ein Riesenproblem für die internationalen Programme, in denen die Universität beteiligt ist.

Bei vielen älteren Gemeindemitgliedern, die oft schon seit Jahrzehnten im Lande leben, überwiegt eine eher abwartende Haltung: „Die werden mich schon nicht raus werfen“, hört man immer wieder.

Es gab seit dem Referendum leider auch vermehrt die Erfahrung fremdenfeindlicher Begegnungen. Auch wenn das im Fall von Deutschen bislang zwar meistens bei verbalen Äußerungen blieb, weckt das bei manchen Älteren ungute Erinnerungen an die Jahre nach dem Krieg, in denen eine feindselige Stimmung gegen Deutsche sehr verbreitet war.

Aber es gibt auch sehr deutliche und starke Gegenstimmen gegen diese Tendenzen. So haben wir als deutsche Gemeinde kurz nach dem Referendum gleich mehrere Solidaritätsbriefe von anderen Kirchen erhalten. Und ich höre sehr oft die Aussage: „Gottseidank, dass Ihr da seid! Es tut mir so leid, was in unserem Land geschieht.“

Rogate-Frage: Was hat sich nach Ihren Beobachtungen gesellschaftlich durch den Brexit in Ostengland verändert?

Oliver Fischer: Der Brexit hat ja vor allem gezeigt, dass eine tiefe Spaltung durch das gesamte Land geht, nicht selten mitten durch Familien hindurch. Das anfangs große Erschrecken darüber, zum Beispiel in der Anglikanischen Kirche, hat bislang allerdings noch nicht zu wahrnehmbaren Ansätzen geführt, wie sie überwunden werden können. Nach den kontroversen Abstimmungen dieser Woche im Parlament hat „Churches Together in Britain and Ireland“ (CTBI), eine Art ökumenischer Dachorganisation für das Vereinigte Königreich und Irland, alle Kirchen dazu aufgerufen, für dieses Land und vor allem seine Politiker zu beten, vor allem um Einheit. Auch das zeigt, wie zugespitzt der Streit ist, und die öffentliche Stimmung ist zunehmend gereizt.
Wie schon im Vorfeld des Referendums selbst liegt das absolute Übergewicht der Argumentationen bei finanziellen Fragen oder besser: den Fragen nach größerem finanziellen Gewinn. Andere, wie zum Beispiel die Rolle Europas für den Frieden oder manche sozialen Fragen, traten dagegen – jedenfalls in der öffentlichen Berichterstattung – stark zurück. Das geht Hand in Hand mit der Tendenz, alle Gesellschaftsbereiche marktförmig geschmeidig zu machen und möglichst gewinnbringend beziehungsweise verlustvermeidend umzubauen. Auch wenn Ostengland landesweit zu den eher besser gestellten Regionen zählt, ist diese Entwicklung auch hier zum Beispiel in Krankenhäusern und Schulen schon an vielen Stellen zu spüren. Das reiche Cambridge etwa wurde letztens sogar als „the most unequal city“, die Stadt mit der größten (sozialen) Ungleichheit identifiziert, in der für wenige der Reichtum stark wächst, aber immer mehr unter die Armutsgrenze fallen. So hat sich die Zahl derer vervielfältigt, die tägliche Mahlzeiten oder ihre Heizkosten nicht bezahlen können und darum auf gemeinnützige Initiativen wie die ehrenamtlich organisierte „foodbank“ angewiesen sind.Auch Notunterkünfte für Obdachlose sind durchgehend ausgelastet.

Rogate-Frage: Wie bereiten sich die Menschen in Ihrer Gemeinde auf die Auswirkungen vor? Und wie Ihre Kirchengemeinde?

Oliver Fischer: Manche erwägen tatsächlich einen Umzug nach Deutschland. Nicht wenige beantragen einen britischen Pass. Die meisten werden wohl eine permanente Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Hier hat die Regierung ein neues, schnelleres Verfahren zugänglich gemacht, das allerdings bislang nur (!) über ein Android Smartphone funktioniert! Für uns als Kirchengemeinde kann das bedeuten, dass wir zum Beispiel älteren Mitgliedern, die kein Smartphone besitzen, hier weiter helfen. Und natürlich ein Forum für Betroffene bieten, die sich hier unkompliziert austauschen können.

Als Kirchengemeinde selbst sind wir eine Organisation nach britischem Recht und rechnen daher erstmal nicht mit Veränderungen. Was die aus Deutschland entsendeten Pfarrpersonen angeht, werden natürlich neue Regeln zu berücksichtigen sein.

Rogate-Frage: Wie gehen Sie in den von Ihnen gehaltenen Gottesdiensten, Predigten und Gebeten mit der Lage um?

Oliver Fischer: Ich versuche wahrzunehmen, was die Menschen tatsächlich bewegt und darauf einzugehen. Ich versuche sicher nicht, Ängste zu schüren, aber ich denke, wir brauchen uns auch nicht zu scheuen anzusprechen, was Menschen verunsichert. Schon das Mit-teilen führt ja manchmal zum Mittragen.

Als Kirche können wir keine falschen Sicherheiten propagieren, die ja doch niemanden überzeugen oder gar trösten. Aber wir haben die wichtige Aufgabe, auch in verunsichernden Zeiten sozusagen den festen Boden zu finden, auf dem wir stehen können. Das ist nicht einfach ein Fleckchen Erde, gut abgeschirmt vom Rest der Welt, auf dem scheinbar alles bleibt, wie es immer war. Und wir können nicht aufhören danach zu suchen, was dem Frieden und der Gerechtigkeit dient.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Fischer, für das Gespräch!

Mehr über die Evangelische-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland finden Sie hier: german-church.org/cambridge

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Fünf Fragen an: Prof. Dr. Sabine Hark, Technische Universität Berlin

Fünf Fragen an Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der Technischen Universität Berlin, über das Verbot der Gender Studies in Ungarn, die Bedeutung von Freiheit in der Forschung und einer wichtige Wissensquelle für die gesellschaftliche Entwicklung.

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Prof. Dr. Sabine Hark (Bild: privat)

Die Berliner Soziologin Sabine Hark ist eine der profiliertesten Geschlechterforscherinnen in Deutschland, die sich selbst als „notorische (In-)Fragesteller_in“ beschreibt. Sie schrieb früh über „Grenzen lesbischer Identitäten“; sie beschäftigt sich u.a. mit europaweit stärker werdenden homophoben und antifeministischen Bewegungen. Seit 2009 leitet Hark das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. In Mainz und Frankfurt am Main studierte sie Politikwissenschaft und Soziologie. 1995 wurde sie an der Freien Universität Berlin promoviert.

Rogate-Frage: Frau Professorin Hark, was wissen Sie über das Verbot der Genderstudies in Ungarn?

Sabine Hark: Bereits im August dieses Jahres hatte die ungarische Regierung angekündigt, die Gender Studies aus der Liste der genehmigten Studiengänge an ungarischen Universitäten streichen zu wollen. Es gäbe zu wenig Studierende – was nicht stimmt, die Programme sind ausgelastet –, vor allem aber stellten die Gender Studies einen „Angriff auf den gesunden Menschenverstand“ dar, der nur Männer und Frauen kenne und dies sei alles, was es hier zu wissen gäbe, so der Stabschef der ungarischen Regierung, Gergely Gulyas. Aufgrund des starken internationalen Protestes, der dies als Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre wertete, vertagte die Regierung die Entscheidung, um sie jetzt gewissermaßen still und heimlich einfach umzusetzen. Gender Studies wird in Ungarn an zwei Universitäten in akkreditierten Master-Studiengängen gelehrt, an der staatlichen Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest und der privaten, aber staatlich anerkannten Central European University (CEU) ebenfalls in Budapest. Diese dürfen jetzt keine neuen Studierenden mehr aufnehmen, wobei das Progamm an CEU immer noch eine US-amerikanische Akkreditierung hat.

Rogate-Frage: Was wissen Sie über die Situation und Lage Ihrer Kolleginnen und Kollegen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Studierenden vor Ort?

Sabine Hark: Unmittelbar betroffen sind erst einmal die Kolleginnen und Kollegen, die in diesen Programmen unterrichten. Ob ihre Anstellungen an diesen Studiengängen hängen, weiß ich nicht. Das wird aber sicher in einigen Fällen so sein. Und natürlich verstärkt eine solche Entscheidung den Rechtfertigungsdruck, unter dem die Gender Studies ohnehin seit einigen Jahren europaweit stehen. Die Studierenden, die jetzt eingeschrieben sind, können ihr Studium noch zu Ende führen, es werden aber keine neuen aufgenommen. Die ungarischen Kolleginnen und Kollegen informieren und mobilisieren derzeit weltweit den Protest gegen diese Entscheidung. Auch ein internationaler Streik der Gender Studies ist im Gespräch.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat ein nationales Verbot für die Genderstudies international?

Sabine Hark: Im besten Fall rüttelt das Verbot die internationale Staatengemeinschaft noch stärker auf und erkennt, dass der Angriff auf die Gender Studies strategisch gesehen sowohl ein Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre ist als auch Teil des weltweiten Kampfes gegen Selbstbestimmung, sexuelle Freiheit und reproduktive Rechte. Es ist ein Pfeiler des nationalautoritären Angriffs auf die Demokratie. Das erleben wir ja weltweit in vielen Staaten, dass Angriffe auf die Pressefreiheit und die Wissenschaftsfreiheit Teil der neoreaktionären Landnahme der Demokratie sind. Das europäische Parlament hat ja bereits ein Verfahren gegen Ungarn eingeleitet, in dem es darum geht, ob Ungarn gegen die Werte und Prinzipien der Europäischen Union verstößt. Die Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit sind hier explizit genannt. Auch die Gender Studies organisieren sich international derzeit noch einmal stärker, um solchen Anfeindungen entgegen treten zu können. Wir dürfen die Situation nicht unterschätzen. Hier sind Kräfte am Werk, die größer sind als die ungarische Regierung.

Rogate-Frage: Was geht der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Entwicklung verloren, wenn dieser Wissenschaftsbereich fehlen würde?

Sabine Hark: Die Gender Studies beschäftigen sich ja mit vielen Fragen und Thematiken, nicht nur dem Verhältnis der Geschlechter und Fragen individueller geschlechtlicher Identität, sondern auch mit Fragen der Organisation von Familie und Verwandtschaft, mit Erwerbsarbeit und Entlohnung, mit Gewalt, Krieg und Terror, mit der gerechten Organisation von Gesellschaft etwa im Bereich Bildung, Erziehung, Pflege und Sorge für andere, mit Technikentwicklung, Kunst, Literatur und vielem anderen. Wenn all dies nicht mehr aus der Perspektive der Geschlechterordnung betrachtet werden kann, verlieren Gesellschaften eine wichtige Wissensquelle, die sie für ihre Entwicklung und die Gestaltung eines guten, von Zwang und Gewalt freien Lebens für alle dringend brauchen.

Rogate-Frage: Welche Entwicklungen befürchten Sie für andere Länder und wie nehmen Sie die politische Diskussion in der Bundesrepublik wahr?

Sabine Hark: In der Bundesrepublik sind die Gender Studies ja schon seit bald fünfzehn Jahren Unterstellungen ihrer Unwissenschaftlichkeit und dem Vorwurf, dass sie Ideologie produzierten und keine wissenschaftlichen Ergebnisse, ausgesetzt. Das reicht leider teilweise bis weit in die bürgerliche Mitte hinein. Immer wieder finden sich auch in seriösen Zeitungen und Magazinen wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ oder auch der „Süddeutschen Zeitung“ und dem „Spiegel“ Artikel, die argumentieren, dass Geld für die Gender Studies eine Verschwendung von Steuergeldern sei und in der Byzantinistik oder der Meteorologie besser eingesetzt wären. Selbst Stimmen im Feminismus, allen voran Alice Schwarzer, behaupten immer wieder, wir würden eine wirklichkeitsfremde Ideologie propagieren, die mit der Lebensrealität der Menschen nichts zu tun hätte. Und seit die AfD in den Parlamenten sitzt, nutzen sie intensiv das Mittel kleiner und großer parlamentarischer Anfragen, um ihrem Ziel der Abschaffung von Geschlechterforschungs-Studiengängen näher zu kommen. All dies ist, wie gesagt, Teil des nationalautoritären Angriffs auf die Demokratie. Das müssen wir erkennen und die Gender Studies als Teil einer offenen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft verteidigen.

Rogate: Vielen Dank, Frau Professorin Hark, für das Gespräch!

Mehr über das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung finden Sie hier: zifg.tu-berlin.de

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Zehn Reden für die Stadt: Am Montag spricht Europa-Ministerin Birgit Honé

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Ministerin Birgit Honé (Bild: MB Niedersachsen)

Am Montag, 13. August, wird die vorletzte „Rede für die Stadt“ von der Niedersächsischen Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, Birgit Honé, gehalten. Die Veranstaltung beginnt um 19:oo Uhr in der Citykirche Wilhelmshaven.

„Wilhelmshaven hat Stärken und Schwächen, wie alle Städte und Regionen in Niedersachsen, Deutschland und Europa. Entscheidend ist, dass wir die Städte und Regionen in unserem Bemühen, sie zu fördern, nicht über einen Kamm scheren, sondern individuelle Lösungen entwickeln.“, so Ministerin Honé.

In ihrem Beitrag wird die Ministerin insbesondere darauf eingehen, wie die Landesregierung den Strukturwandel in Wilhelmshaven und der Region unterstützt und was Europa damit zu tun hat.

„Wandel ist niemals abgeschlossen. Es ist gut in Bewegung zu bleiben, denn Veränderungen hat es immer gegeben und das gilt auch für die Zukunft. Wichtig ist, dass wir die Chancen nutzen und uns gemeinsam aufstellen: Miteinander füreinander“, ermutigt die Ministerin.

RogateKl_Aushang A4_Reden Stadt 9_060618Der halbstündige Vortrag der Landesministerin wird von einer Andacht umrahmt, die Rogate-Bruder Franziskus Aaron leitet. Florian Bargen spielt die Orgel.

Der Eintritt ist frei. Am Ausgang wird eine Kollekte für die Stiftung „Diakonie am Meer“ erbeten, die innovative soziale und kirchliche Projekte in Friesland-Wilhelmshaven ermöglicht.

Veranstaltet wird die Sommerreihe „Zehn Reden für die Stadt“ vom Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, der Christus- und Garnisonkirche und vom Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin.

Abschluss der Reihe: Am Dienstag, 21. August, wird Diakonie-Präsident Ulrich Lilie die Reihe mit der zehnten und damit letzten Rede beschließen. Oberkirchenrat Thomas Adomeit, Vertreter im Bischofsamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche Oldenburg, leitet die Litugie. Die Vareler Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller wird Lektorin sein. Stadtkantor Markus Nitt begleitet die Andacht musikalisch. Anschließend lädt das Diakonische Werk zu einem WohnzimmerXXL-Konzert mit Majanko in das Soziale Kaufhaus, Banter Weg 12a, Wilhelmshaven-Bant, ein. Der Eintritt ist hier ebenfalls frei.

Fünf Fragen an: Präses Manfred Rekowski, Evangelische Kirche im Rheinland

Fünf Fragen an Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, über die Ablehnung der Judenmission, die Ehe als „weltlich Stand“ und die Zukunft Europas.

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Präses Manfred Rekowski (Bild: EKiR)

Dass er einmal höchster Repräsentant der zweitgrößten EKD-Gliedkirche werden würde, war dem 1958 in Polen geborenen Wahl-Wuppertaler nicht in die Wiege gelegt: „Wahrscheinlicher war damals, dass ich Landwirt in den Weiten Masurens werde“, sagt Manfred Rekowski. Aber als der Junge fünf Jahre alt war, verließ seine Familie ihren Bauernhof und siedelte in die Bundesrepublik über. Rekowsky studierte in Bethel, Marburg, Bochum und Wuppertal Evangelische Theologie. 1982 begann er das Vikariat und trat 1986 seine erste Pfarrstelle in der Gemeinde Wichlinghausen an. 1993 wurde er zum Superintendenten des Kirchenkreises Barmen, 2005 zum Superintendenten des Kirchenkreises Wuppertal gewählt. Die Landessynode berief ihn 2011 als Oberkirchenrat in die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland und wählte ihn im Januar 2013 zum Präses.

Rogate-Frage: Herr Präses, was steckt hinter der sogenannten Judenmission und warum sind Sie dagegen?

Manfred Rekowski: Es gibt unserer Erkenntnis nach zwei Wege zu Gott, den christlichen und den jüdischen. Ich möchte aus dem Beschluss der jüngsten EKD-Synode zitieren: „Christen sind nicht berufen, Israel den Weg zu Gott und seinem Heil zu weisen. Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.“ Die rheinische Kirche vertritt diese Position bereits seit 1980. Im Blick auf die Judenmission und daraus abgeleitete Zwangskonversionen gibt es zudem eine lange und furchtbare christliche Schuldgeschichte, das theologische Nein zur Judenmission verbindet sich mit unserer Verantwortung nach der Shoa.

Rogate-Frage: Ihre Landeskirche hat Trauungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare ermöglicht. Warum?

Manfred Rekowski: Nach evangelischem Verständnis ist die Ehe ein „weltlich Stand“, so Martin Luther. Sie – und entsprechend die Lebenspartnerschaft – wird vor dem Standesamt geschlossen, und nicht vor dem Altar. Die evangelische Trauung ist daher „ein Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung, in dem die eheliche Gemeinschaft unter Gottes Wort und Segen gestellt wird. Dabei bekennen die Eheleute, dass sie einander aus Gottes Hand annehmen, und versprechen, ihr Leben lang in Treue beieinander zu bleiben und sich gegenseitig immer wieder zu vergeben.“ So sagt es die Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland, dessen Artikel seit dem Frühjahr 2016 auch auf Eingetragene Lebenspartnerschaften Anwendung. Mit dieser Gleichstellung reagieren wir auf Veränderungen im Zivilrecht für Eingetragene Lebenspartnerschaften. Mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft hat der Gesetzgeber im Jahr 2001 eine Regelung für gleichgeschlechtliche Partnerinnen und Partner geschaffen, die gleiche Rechtsfolgen wie eine Ehe mit sich bringt, derzeit ausgenommen noch das Adoptionsrecht. Maßgeblich für diese Entwicklung ist der Gleichheitsgrundsatz gewesen sowie die Einsicht, dass der besondere Schutz der Ehe keine Benachteiligung anderer Lebensformen erfordert.

Rogate-Frage: Welche Erfahrungen haben Sie in den Diskussionen um die Gleichstellung von Lesben und Schwulen gemacht und wie soll es nun weitergehen?

Manfred Rekowski: Wie gesagt: Das kirchenleitende Gremium, die Landessynode, hat den Beschluss, gleichgeschlechtliche Paare in eingetragener Lebenspartnerschaft bei der Trauung gleichzustellen, mit überzeugender Mehrheit gefasst. Dem voraus ging die Möglichkeit einer sogenannten Gottesdienstlichen Begleitung für gleichgeschlechtlich Liebende, die die rheinische Synode schon im Jahr 2000 eröffnet hat – noch bevor der Gesetzgeber Eingetragene Lebenspartnerschaften möglich machte. Nach dem heute gültigen Beschluss können Pfarrerinnen und Pfarrer die Trauung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerinnen und -partnern aus Gewissensgründen ablehnen. Haben Presbyterien vor 16 Jahren die Durchführung Gottesdienstlicher Begleitungen von Lebenspartnern abgelehnt, können sie diesen Beschluss aufrechterhalten. In beiden Fällen ist die Gemeindeleitung aber verpflichtet, mit Hilfe der Superintendentin oder des Superintendenten dafür zu sorgen, dass die Trauung des Paares in einer anderen Kirchengemeinde stattfindet. Mit diesen Regelungen trägt die Synode dem unterschiedlichen Bibelverständnis zum Thema Homosexualität Rechnung.

Rogate-Frage: Seit einiger Zeit erleben wir in der Bundesrepublik eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und zunehmenden Populismus, die sich auch in Wahlerfolgen der AfD spiegeln. Was ist die Aufgabe der Kirche in dieser Zeit und wie reagieren die Landeskirchen darauf?

Manfred Rekowski: Um es mit den Worten des einstigen Bundespräsidenten Johannes Rau aus der rheinischen Kirche zu sagen: „Versöhnen statt spalten!“ Und ein kompromissloses Einstehen für gelebte Nächstenliebe sowie für Errungenschaften und Werte wie Demokratie und Menschenrechte. Dabei ist mir der Einsatz für Menschen, die um ihr Leben fürchten und Schutz in Deutschland suchen, besonders wichtig. Wer die Menschenwürde von Flüchtlingen missachtet oder Menschen anderer Religionen nicht die Religionsfreiheit zubilligt, wie das einige Vertreter der AfD tun, der spielt mit dem Feuer und gefährdet den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Dem werden wir massiv entgegentreten.

Rogate-Frage: Die politischen Entwicklungen beispielsweise in Polen, Ungarn und in der Türkei sind beunruhigend. Der Brexit, nationalistische Tendenzen in vielen Ländern … Was wird aus Europa und wie sollten wir Christen uns in dieser Situation verhalten?

Manfred Rekowski: Europa ist die Reaktion auf zwei Weltkriege, ein Friedensprojekt, eine Wertegemeinschaft. Die Kirchen in den Ländern Europas haben längst Netzwerke gebildet, die abseits der politischen Bündnisse, mit oder ohne Brexit halten. Die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) als ökumenische Organisation der orthodoxen, anglikanischen, alt-katholischen und evangelischen Kirchen beispielsweise wurde zu Zeiten des Kalten Krieges gegründet. Eine kleine Schar kirchenleitender Menschen machte sich damals dafür stark, die Kirchen in den verschiedenen europäischen Ländern mit ihren unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen miteinander ins Gespräch zu bringen. Ihr Ziel war es, den Kirchen Europas zu helfen, eine Vermittlerrolle für Frieden und Verständigung zu übernehmen. Dieses Ziel verfolgen die Kirchen bis heute. Sie tun auf ihrem Terrain viel dafür, das Friedensprojekt Europa zu stärken.

Rogate: Vielen Dank, Präses Rekowski, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg: