Fünf Fragen an: Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, EKBO

Fünf Freitagsfragen an Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über einen Digitalisierungsschub in der Kirche, Innovationen ohne Beschlussvorlagenketten und neue Wege der Seelsorge in der Pandemie.

Landespnlinepfarrer Andreas Erdmann (Bild: privat)

Andreas Erdmann ist in Berlin geboren, hat seinen Zivildienst in einem evangelischen Kindergarten in Bergfelde geleistet und ist anschließend wieder in Berlin zunächst in die Lehre gegangen und hat danach studiert. Er hat abgeschlossene Berufsausbildungen in den Berufen Fachinformatiker/Systemintegration und Fachinformatiker/Anwendungsentwicklung sowie zunächst Theologie und dann Religions- und Gemeindepädagogik studiert und schließlich sein Vikariat in Glienicke/Nordbahn gestaltet. Die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen liegt ihm besonders am Herzen.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Erdmann, was macht ein „Landesonlinepfarrer“?

Andreas Erdmann: Als Landesonlinepfarrer unterstütze ich Gemeinden und Kirchenkreise bei der Digitalisierung von Gottesdiensten, Andachten, Jugendtreffs, Kirchentouren und anderen Angeboten, berate bei der Digitalisierung der Verwaltung und koordiniere Projekte. Das Ziel dabei ist es, die Präsenz der Landeskirche im Netz zu erhöhen und damit digitale Gemeinschaft zu ermöglichen. Außerdem arbeite ich sehr eng mit den anderen Bereichen des Medienhauses der EKBO zusammen wie der Öffentlichkeitsarbeit, dem Rundfunk und auch dem Homepage-Team, aber auch zum Beispiel der Pressearbeit und dem Wichernverlag, hier vor allem mit der Wochenzeitung „Die Kirche“. Außerdem habe ich natürlich auch eigene Projekte, wie die Gestaltung einer virtuellen Online-Kirche im Gameplay-Format.

Rogate-Frage: Wie ist es zur Einrichtung einer solchen Stelle gekommen und was soll damit erreicht werden?

Andreas Erdmann: Es gab in den vergangenen Jahren bereits ähnliche Stellen, mit denen bereits ein bisschen ausprobiert worden ist, was angenommen wird und was nicht und wo überhaupt der Bedarf liegt. Dass ich jetzt bereits schon seit März auf dieser Stelle mit 100 Prozent (Vollzeitstelle) arbeite, liegt aber sicherlich auch an der außergewöhnlichen Situation dieser Tage, die insgesamt zu einem Digitalisierungsschub in der Kirche beigetragen hat und die Notwendigkeit eines Landesonlinepfarrers als Ansprechpartner für die Menschen vor Ort deutlich hervorhob.

Rogate-Frage: Wie digital ist die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und wohin soll die Reise gehen?

Andreas Erdmann: Wer ist schon „die Landeskirche“? Die Verwaltung hat hier noch viel Luft nach oben. Andere sind bereits schon länger auf der Reise. Ich denke da vor allem an viele Gemeinden und Kirchenkreise, aber auch Einzelpersonen, die bereits lange vor der Pandemie insbesondere in den Sozialen Medien sehr aktiv waren und es immer noch sind. Das wurde bei der ersten Online-Konferenz der EKBO am 2. Mai deutlich. Von solchen Treffen wird es zukünftig mehr geben: Das nächste Treffen findet am 2. Juni und fortan monatlich statt. Hier geht die Reise also vor allem hin: zu mehr Vernetzung und einem besseren Austausch untereinander. Außerdem setze ich mich dafür ein, dass die einzelnen Aktiven auch entsprechende Wertschätzung und Unterstützung erfahren, indem zum Beispiel auch Stellenanteile für die Arbeit im Digitalen Raum bei der Besetzung von neuen Stellen gleich mitbedacht werden und Schulungen etwa für den Umgang mit Trollen und Hate-Speech angeboten werden.

Rogate-Frage: Was ist anders in der digitalen Verkündigung und was sollte man dort nicht tun?

Andreas Erdmann: Das Evangelium ist dasselbe, ob analog oder digital, aber die Teilhabenden sind mitunter andere und das sollte sich in der Ansprache und Auslegung entsprechend bemerkbar machen. Wenn ich einen Gottesdienst ins Netz stelle und mich über die überregionale Beteiligung freue, dann darf ich mich inhaltlich nicht auf lokale Besonderheiten und Gepflogenheiten konzentrieren. Zudem sind mir diejenigen gar nicht bekannt, die ich tatsächlich erreiche. Im Gottesdienst vor Ort sehe ich, wer da in den Bankreihen sitzt und kann meinen Gottesdienst, wenn ich so flexibel bin, entsprechend anpassen. Im Internet kann es sein, dass zum Beispiel ein Großteil Neugieriger mit Erstbegegnungscharakter zuschauen. Deshalb sollte man noch dringender auch auf niedrigschwellige Zugänge achten, insbesondere was die Liturgie betrifft.

Rogate-Frage: Was hat sich durch die Corona-Pandemie in der digitalen Kirche verändert und gibt es für Sie positive Beispiele?

Andreas Erdmann: Es haben sich seither deutlich mehr Menschen auf den Weg gemacht, sich in den Digitalen Medien auszuprobieren. Leider haben einige auch schon kundgetan, dass von ihnen ganz klar erwartet wird, dies einzustellen, wenn die analogen Veranstaltungen wieder stattfinden können oder dass sie die digitalen Angebote irgendwie zusätzlich in ihrer Freizeit stemmen müssten. Schön wäre es hier, wenn die guten Erfahrungen genutzt werden würden, um insgesamt in Zukunft beide Arbeitsbereiche mit im Blick zu haben. Ebenfalls aufgefallen ist mir ein Abbau von Bürokratie in den ersten Wochen der Pandemie. Viele Innovationen wurden ohne lange Beschlussvorlagenketten neu ausprobiert und rasch umgesetzt. Gute Beispiele sind hier Telefongottesdienste, ein Autogottesdienst und natürlich viele Veranstaltungen, die gar nicht Gottesdienste betreffen, wie vor allem auch solidarisch-fürsorgliche Projekte von zum Beispiel „Jungen Gemeinden“, die sich digital vernetzt absprechen, um für ältere einzukaufen. Ebenfalls erwähnen möchte ich auch die stärkeren Angebote von Chat- und E-Mail-Seelsorge sowie Seelsorgegespräche, die in den Sozialen Medien stattgefunden haben. Diese unkomplizierte Art, Kirche voranzubringen, würde ich mir auch für die Zukunft wünschen.

Rogate-Frage: Wenn die Digitalisierung gerade einen so großen Aufschwung erlebt, gibt es dann andere Felder, die an Beachtung verlieren?

Andreas Erdmann: Solche Themenfelder gibt es sicherlich, wobei diese freilich nicht an Relevanz verlieren, sondern gegenwärtig schlicht weniger stark im Fokus bleiben. Ich nehme wahr, dass vor der Pandemie deutlich häufiger auch in den Medien Krisen wie der Klimawandel oder die Migrationspolitik thematisiert worden sind. Die Menschen, die in großer Not in Flüchtlingslagern unter miserablen Bedingungen überdauern, ist nicht weniger geworden und der Klimaschutz nicht minder wichtig. Die EKBO bringt sich in diesen Fragen deshalb nach wie vor ein, wie viele andere Aktive ebenfalls. Es fehlt hier allerdings häufig an der Unterstützung durch die Diskussion in der Öffentlichkeit. Denn die Pandemie nimmt, selbst wenn gar nichts wirklich Neues zu berichten ist, in der „Tagesschau“ und anderen Nachrichtensendungen den deutlich größten Teil ein und veranlasst sogar zu Sondersendungen. Das gilt für andere Medien in der Regel ebenso. Die Ursache für dieses „Weniger an Beachtung“ ist also weniger der Digitalisierung anzulasten als vielmehr der Informationspolitik in den öffentlichen Medien.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Erdmann, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier:

  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Gottesdienst zum Sonntag Rogate. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Donnerstag, 18. Juni 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Hohenkirchen/Friesland.
  • Fällt wegen der Corona-Pandemie aus: Freitag, 17. Juli 2020 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin 2020.
  • Donnerstag, 27. August 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Donnerstag, 24. September 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Sonntag, 27. September 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum St. Michaelisfest und zum Monat der Diakonie. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin u.a.. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.

Fünf Fragen an: Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Dar es Salaam/Tansania

Fünf Fragen an Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Deutschsprachige Gemeinde Dar es Salaam, über das Leben in ihrer durch Ausreisen verkleinerten Kirchengemeinde in Tansania, die Veränderungen durch die Corona-Pandemie und die Sehnsucht nach offenen Grenzen.

Pastorin Almut Birkenstock-Koll (Bild: privat)

1954 in Hamburg geboren wuchs Almut Birkenstock-Koll im Ruhrgebiet und Rheinland auf. Sie studierte in Wuppertal und Göttingen. In den USA und Italien folgte das Auslandsvikariat. Sie lebte Kenia und im Iran. Sie engagiert sich in der Friedens- und Versöhnungsarbeit, u.a. in Aktion Sühnezeichen Ost und West), in der Diakonie (Hospizarbeit und Altenseelsorge) sowie in der interreligiösen und interkulturellen Arbeit. Zuletzt war sie in Deutschland in der Flüchtlingsarbeit tätig. Aktuell engagiert sie sich in der sozialdiakonischen Arbeit in Tansania. Sie ist Pastorin der Deutschsprachigen Gemeinde Dar es Salaam in Tansania.

Rogate-Frage: Frau Pastorin Birkenstock-Koll, in welcher Situation befindet sich Ihre Kirchengemeinde aktuell?

Almut Birkenstock-Koll: Unsere Kirchengemeinde hat sich dezimiert wie hier die gesamte Expatcommunity. Zwei Familien sind im Abstand von drei Wochen ausgereist. Dazu gehörte unser Musiker, der fast immer unsere Gottesdienste begleitet hat. Er und seine Familie hat quasi die letzte Chance ergriffen, nach Deutschland zu fliegen, da sie ihren Hund mitnehmen konnten auf dem Flug. Sie hatten Sorge, dass der 13 Jahre alte Hund in Tansania bleiben muss, wenn es am Ende eventuell ganz plötzlich geht. Wir waren in Vorbereitung eines Osterkonzertes über Zoom, das wird nun über Email organisiert. Denn aufgeben will ich die Idee noch nicht. Wir haben Kantate oder Himmelfahrt ins Auge gefasst, wo dieses Konzert abrufbar sein soll für unsere Gemeinde.

Rogate-Frage: Wie hat das Coronavirus Ihre Gottesdienste und die Seelsorge in den letzten Wochen verändert?

Almut Birkenstock-Koll: Wir haben heute gerade in einer kurzen webex Konferenz mit dem Kirchenvorstand der Gemeinde beschlossen, den nächsten Gottesdienst – wir halten zweimal im Monat deutschsprachigen Gottesdienst – nicht analog zu halten. Bislang konnten wir dies noch tun, da hier in Tansania noch Gottesdienste in den Kirchen stattfinden. Wir wollten nicht die ersten sein, die dies nicht mehr anbieten. Es wurde jedoch zunehmend schwieriger, da viele unsere Mitglieder verständlicherweise nicht mehr kommen wollten. Einige Aufrechte gab es noch. Nun aber haben wir von allen Hiergebliebenen das Einverständnis, zu pausieren und stattdessen haben wir eine WhatsApp-Liste aller Gemeindeglieder und Interessierten gegründet. Wir werden versuchen, mit anderen Medien Andachts- und Gottesdienstangebote zu verschicken.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation im Land, welche gesundheitlichen Massnahmen gibt es und wie steht es um das Gesundheitswesen vor Ort?

Almut Birkenstock-Koll: In Tansania hat man ja lange die Pandemie nicht wirklich wahrhaben wollen. Man hat alle Verschwörungstheorien diskutiert oder auch als Krankheit des weißen Mannes beziehungsweise der weißen Frau. Man hat sich gefreut, dass das arme Afrika dieses Mal nicht den „schwarzen Peter“ habe….und so weiter.

Nun sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Die Zahlen der Infektionen steigen, der Toten auch, aber die sind noch einstellig. Die Infektionen lagen gestern bei 147. Der Staat geht eigentlich ganz gut mit der Situation um. Man veröffentlich die aktuellen Zahlen, die man hat – es gibt ja kaum Tests -, man fordert nun in der Stadt zum Tragen eines Mundschutzes auf. Ich nähe Mundschutz(-masken) ohne Ende mit meiner Gruppe von Teenage Mothers und verkaufe sie für wenig Geld, sodass unsere Mädels etwas Geld für sich erwirtschaften können. Das Gesundheitssystem ist äußerst schwach. Es gibt private Krankenhäuser, wo es vielleicht Beatmungsgeräte gibt, aber nur, wer zahlen kann, kann dies auch nutzen. 

Rogate-Frage: Wie geht es Ihnen persönlich mit der Situation, welche Fragen stellen Sie sich und was macht Ihnen Hoffnung?

Almut Birkenstock-Koll: Nun, ich gehöre mit 65 Jahren zur Risikogruppe, mein Mann ist 69. Wir haben uns entschlossen, hier zu bleiben, als es noch Flüge gab. Nun gibt es keine mehr. Ich denke, im Zweifelsfall geht es uns hier besser als in Deutschland, im Krankheitsfall eher nicht oder halt mit Glück doch. Ich hatte letztes Jahr Dengue-Fieber und war im privaten Aga Khan Hospital gut aufgehoben. Das war eine Erfahrung, die auch in der jetzigen Situation Hoffnung machen kann, dass eine Infektionslage bewältigt werden kann.

Ich schwanke jedoch immer wieder mal beziehungsweise sehne mich danach, dass die Grenzen wieder geöffnet werden und es auch wieder internationale Flüge gibt. Unser ältester Sohn ist Diplomat und arbeitet an der Botschaft in Nairobi, wo wir alle früher Jahre gelebt haben. Unsere Enkel sind jetzt auch dort und ich würde sie so gern besuchen. Ich drehe jeden Tag ein kleines Video für die beiden, die fünf und zwei Jahre alt sind. So bleiben wir in Kontakt. Auch zu unseren anderen Kindern in Deutschland und in den USA halten wir intensiven Kontakt.

Ich sehne mich nach unserem geplanten Familientreffen in Frankreich im Juli, aber das scheint wohl nichts zu werden. Das, wozu wir Menschen bestimmt sind: in Beziehung zu treten und Beziehung zu suchen zum Gegenüber, Kontakt über Berührung, der Nähe herstellt zum Nächsten und auch zum Fernen, gerade dies wird nun verwehrt, das schmerzt mich persönlich sehr.

Mir macht Hoffnung, dass die Liebe in unserer Familie uns trägt, dass ich auch in so einer irrealen Situation Gottes Gegenwart als real empfinde und mich nicht scheue, jeden Tag zu beten. Ich denke an viele Menschen, die allein sind und solche Zuwendung wenig oder gar nicht spüren. Ich bete intensiv für Menschen in all den schrecklichen Situationen, die ich kenne. Ich habe Flüchtlingsarbeit gemacht, so denke ich an diese heimatlosen Menschen. Ich habe im Iran gelebt – in der Zeit, in der sich die Beschränkungen schon anbahnten, musste ich mich entscheiden, ob ich den sterbenden Freund im Iran besuche oder meine 99 Jahre alte Tante, für die ich die Vorsorge habe… das war sehr schwer für mich. 

Rogate-Frage: Wenn Sie ein Gebet für uns in der Gemeinde Berlin für den nächsten Gottesdienst schreiben würden, wie würde es lauten?

Almut Birkenstock-Koll: Ach, ich weiß es nicht… Ein Gebet kommt aus dem Herzen… Ich bete in meinen Gottesdiensten oft frei… Vielleicht einen Dank an Gott, dass wir durch diese Situation auch wieder neu lernen können, wie wichtig seine Liebe zu uns ist und wie sehr wir den Mitmenschen brauchen. Ich habe mich dieses Ostern viel ernsthafter und intensiver gefragt, was der Tod Jesu beziehungsweise was Jesus Christus mit seinem Leben für mich eigentlich bedeutet… Und mir ist klar, wie leer und ohne Hoffnung die Welt ohne ihn wäre… Alles, was der Mensch an Gutem vollbringen kann, hat doch seinen Grund in Gottes Liebe, die durch Christus vorgelebt wird.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Birkenstock-Koll, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pfarrer Joachim Lenz, Bündnis United4Rescue

Fünf Fragen an Pfarrer Joachim Lenz, Sprecher des Bündnisses United4Rescue, über die Untätigkeit maltesischer Behörden in der Osternacht, die Indienststellung der „Seawatch 4“ und die Hoffnung auf die Vermittlung durch die europäische Kommission.

Pfarrer Joachim Lenz (Bild: Stadtmission Berlin)

Joachim Lenz ist 58 Jahre alt und war Dorfpfarrer an der Mosel, Kirchentagspastor und Direktor der Berliner Stadtmission. Ab Sommer soll er als evangelischer Propst in Jerusalem leben und arbeiten. Lenz engagiert sich als ehrenamtlicher Pressesprecher im Verein „Gemeinsam retten e.V.“, der das Bündnis United4Rescue organisiert.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Lenz, Sie haben in der Osternacht mit Sorge auf Ereignisse im Mittelmehr geblickt. Was ist dort passiert?

Joachim Lenz: Vier Boote mit insgesamt über 250 flüchtenden Menschen versuchten, Europa zu erreichen. In der Osternacht baten sie telefonisch um Hilfe, weil ihren Booten die Luft ausging. Die zuständigen Behörden in Malta wurden informiert, reagierten aber in keiner Weise. Ein Aufklärungsflugzeug des europäischen Grenzschutzes Frontex überflog das Seegebiet und machte die Boote aus, leitete aber keine erkennbaren Rettungsaktionen in die Wege.

Rogate-Frage: Welche Folgen ergeben sich für Sie daraus?

Joachim Lenz: Als Bündnis United4Rescue haben wir die Informationen, die über die Seenotrettungsorganisationen Alarm_Phone und Sea-Watch bei uns ankamen, an die Öffentlichkeit weitergeleitet. Es gibt ja klare Regelungen für die Seenotrettung: Es muss geholfen werden! Das ist im Völkerrecht, im internationalen Seerecht und in der UN-Menschenrechtskonvention eindeutig geregelt und natürlich auch für Malta, Italien und die gesamte Europäische Union verbindlich. Leider wird schon seit langem immer wieder nicht nach den gesetztlichen Vorgaben gehandelt. Wir meinen, dass die Öffentlichkeit das wissen muss, und wir hoffen, dass Politikerinnen und Politiker in unserem Land diese Informationen nutzen, um die Verantwortlichen zum Handeln zu bringen.

Rogate-Frage: Welche Aufgaben hat das Bündnis United4Rescue und was verbindet es mit der Seawatch-Organisation?

Joachim Lenz: Sea-Watch ist eine Hilfsorganisation, die mit anderen zivilen Seenotrettern wie Sea Eye oder Lifeline Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahrt. Seenotrettung ist eine staatliche Aufgabe, die bis vor gut einem Jahr auch vom europäischen Grenzschutz wahrgenommen wurde; im Rahmen des EU-Projektes „Sophia“ wurden zigtausende Flüchtlinge gerettet. Die zivilen Seenotretter haben das unterstützt. Trotzdem sind seit 2015 weit mehr als 20.000 Menschen an unserer europäischen Grenze ertrunken. Seit langem ist es nun leider so, dass der EU-Grenzschutz es zu vermeiden versucht, auch nur in die Nähe von Flüchtlingsbooten zu kommen. Nur noch die zivilen Seenotretter kommen denen zu Hilfe, die bei ihrer Flucht auf dem Meer unterzugehen drohen. Das Bündnis United4Rescue unterstützt diese Seenotrettung. Wir haben dazu Geld gesammelt und ein ehemaliges Forschungsschiff ersteigert, das als zusätzliches Rettungsschiff unter dem Namen „Sea-Watch 4“ möglichst bald auf Mission gehen soll. Außerdem unterstützen wir Seenotrettungsorganisationen und werben dafür, die zivile Seenotrettung nicht länger zu kriminalisieren. Wir fordern faire Asylverfahren – kurz, wir wollen schlicht, dass geltendes Recht wieder umgesetzt wird. Und den Kommunen, die Gerettete aufnehmen wollen, sollen das als sogenannte Sichere Häfen auch dürfen: Das muss der Bundesinnenminister aber erst rechtlich ermöglichen.

Rogate-Frage: Was entgegnen Sie denen, die behaupten, dass durch die Seenotrettung Anreize für die Flucht von Migranten über das Meer geschaffen werden?

Joachim Lenz: Die hohe Zahl der Toten zeigt, dass Seenotrettung leider nicht sicher funktioniert. Das wissen doch auch die, die sich in unsichere Boote setzen! Es gibt mehrere unabhängige Studien, die den angeblichen „Pull-Effekt“ der Seenotrettung widerlegen. Wer es über lange Fussmärsche an die afrikanische Nordküste geschafft hat und dort in einem KZ-ähnlichen Flüchtlingslager mitten im Bürgerkrieg lebt, versucht Europa zu erreichen – unabhängig davon, ob zivile Rettungsschiffe unterwegs sind. Außerdem: Selbst wenn das Arguemnt stimmen würde (was ich bestreite!), hätten die Menschen dennoch jedes Anrecht auf Rettung! Wer bei uns angetrunken mit seinem Auto Menschen totfährt und sich dabei selbst verletzt, wird doch gerettet und im Krankenhaus versorgt. Menschenrechte wie das Recht auf Leben sind nicht abhängig von irgendwelchen moralischen, politischen oder pädagogischen Überlegungen. Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat und wird die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit und die Seenotrettung im Mittelmeer haben?

Joachim Lenz: Unser Bündnisschiff, die Sea Watch 4, sollte jetzt eigentlich schon auf See sein. Sie liegt aber im spanischen Burriana, dort konnten die letzten erforderlichen Umbauten nicht fertiggestellt werden, weil Spanien Fabriken und auch Häfen geschlossen hatte. Wir hoffen sehr, dass das Schiff bald losfahren und helfen kann. Wenn Menschen aus Flüchtlingsbooten aufgenommen werden, müssen dann natürlich alle auch bei uns erforderlichen Schutzmaßnahmen eingehalten werden: Das ist aufwändig und erschwert die Hilfe. Noch schlimmer ist aber, dass die Staaten mit sicheren Häfen (vor allem Italien und Malta) die Pandemie zum Anlass genommen haben, die Aufnahme Geretteter erst einmal kategorisch abzulehnen. Dabei kann natürlich auch eine noch so schwierige Situation nicht die Menschenrechte außer Kraft setzen. Wer ehrlich ist, weiß und sagt das auch. Wir setzen darauf, dass die europäische Kommission hier vermittelt und hilft.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Lenz, für das Gespräch!

Mehr Infos zum Bündnis United4Rescue finden Sie hier. Das Rogate-Kloster wie auch der Förderverein Rogate-Kloster e.V. sind mit fast 400 anderen Organisationen Mitglied im Bündnis.

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa einladen können. Die nächsten geplanten Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pfarrer Burkhard Bornemann, Berlin-Schöneberg

Fünf Fragen an Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde zu Berlin-Schöneberg, über Seelsorge in der Coronakrise, den Auftrag als Pfarrer und warum er am Karsamstag um 22 Uhr in der Kirche alleine die Osterkerze entzünden wird.

Burkhard Bornemann ist seit 25 Jahren evangelischer Pfarrer in Berlin, kam vor knapp sieben Jahren aus dem nördlichen Stadtrand mitten in die Mitte der City an die Schöneberger Zwölf- Apostel-Gemeinde zwischen Siegessäule und Kleistpark.

Pfarrer Burkhard Bornemann (Bild: privat)

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Bornemann, heute (Karsamstag) gehen Sie am späten Abend alleine in die Zwölf-Apostel-Kirche. Warum?

Burkhard Bornemann: Um 22 Uhr entzünde ich in unserer Kirche die Osterkerze. Das wird in verschiedenen Kirchen im Umkreis geschehen. Unsere Gemeindeglieder und Freund*innen stellen Kerzen in die Fenster und damit verbinden wir uns alle und vertrauen: Die Hoffnung gewinnt! Das Leben ist stärker als der Tod! Ein Zeichen, das wir gerade jetzt brauchen.

Rogate-Frage: Wie hat sich Ihre Arbeit als Seelsorger durch Corona verändert und was bewegt Ihre Gemeindeglieder?

Burkhard Bornemann: Alles hat sich für mich verändert. Und doch ist mein Auftrag gleichgeblieben. Menschen ermutigen, trösten, begleiten. Angst gemeinsam aushalten und sich nicht überwinden lassen. Am Telefon, mit Briefen, Emails, durch Textbotschaften und kleine Videos. Und manchmal im gebotenen Abstand mit Mundschutz gegenüber. Die Menschen hier sind irritiert und verstört, haben ihren gewohnten Alltag verloren. Sie haben Angst vor dem Virus, vor der Krankheit, viele hier gehören zu Risikogruppen. „Wenn es mich erwischt, dann schaff ich es nicht.“ Andere haben Angst um ihren Job, sind unter fadenscheinigen Gründen entlassen worden, rechnen sich aus, dass sie ihren kleinen Laden nicht mehr lange halten können. Die Ängste sind vielfältig, und manche langweiligen sich richtig alleine in ihrer Wohnung. Fragen sich, wie sie den Tag über etwas Sinnvolles machen können.

Rogate-Frage: Welche Aktivitäten sind derzeit noch in der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde und auf Ihren Kirchhöfen möglich?

Wir haben am Palmsonntag begonnen, unsere Kirche von 15 bis 17 Uhr offen zu halten, zum Gebet und zur stillen Einkehr. Das wird sehr angenommen. Es kommen manchmal über 20 Menschen in den zwei Stunden, wir müssen immer nur achten, dass nie mehr als fünf bis sechs Menschen zur selben Zeit in der Kirche sind. Am Mittwoch haben wir begonnen, Tüten mit Lebensmitteln zu verteilen. Wir bekommen von der Berliner Tafel und Händlern der Umgebung so viel gespendet, dass wir Taschen mit Lebensmitteln auch an unseren Kirchenzaun hängen. Am Karfreitag hat unser Kirchenmusiker bei offenen Fenstern Orgel gespielt und morgen am Ostersonntag spielt ein Musiker Trompete vom Kirchturm – Auferstehungschoräle. Im Internet geben wir Impulse und Hinweise, auch vernetzt mit anderen Gemeinden. 

Auf unseren Kirchhöfen finden weiterhin Beisetzungen statt. Alles im Freien und nicht mehr als zehn Teilnehmende. Da braucht es im Vorfeld und begleitend Seelsorge, denn manche Angehörige fragen sich, wo bleibt jetzt die Würde, ist es nicht nur ein Verscharren. Nein, ist es nicht. Die Menschen vom Friedhof, die Bestatter*innen und ich machen sich viele Gedanken, damit alles so persönlich und liebevoll wie möglich gestaltet wird. Ein Segen, dass gerade das Wetter so gut mitspielt. In dieser Woche wurde eine Beisetzung, die ich begleitete, gefilmt, damit die Menschen, die nicht dabei sein konnten, in dieser Form nahe sein konnten. Da wurde uns viel Dankbarkeit gezeigt dafür. 

Rogate-Frage: Was gibt Ihnen als Christ Hoffnung in dieser Krise?

Burkhard Bornemann: Gott ist uns gerade in schweren Zeiten nahe. Wir sind zu Gemeinschaft, Nächstenliebe und Fürsorge gerufen, gerade jetzt- dazu braucht es viel Fantasie. Wir alle brauchen Geduld. Ich frage mich jeden Tag, was Gott von mir erwartet, was mir gezeigt wird, was ich lernen kann. Persönlich nehme ich diese Zeit als Prüfung wahr und ernst. Da will ich mich auch fordern lassen. Um anderen Zuwendung und Verständnis zu schenken. 

Rogate-Frage: Würden Sie uns ein Ostergebet schenken?

Burkhard Bornemann: Gott, du Freund des Lebens, du hast deinen Sohn in die Welt gesandt, damit wir für das Leben eintreten, die Lebendigkeit und Vielfältigkeit schützen. Durch Jesu Leben, Tod und Auferstehung wissen wir, dass trotz allen Leids, das wir jetzt gerade erleben und um das wir weltweit erleben, dass nichts uns trennen kann von deiner bedingungslosen und unverbrüchlichen Liebe. Auch im Erleben der Corona-Pandemie, in unserer Angst um uns selber und andere, in unserer Hilflosigkeit, oft verstört und voller Fragen, vertrauen wir im Blick auf den auferstandenen Christus, dass das Leben siegt, die Hoffnung trägt. Du machst unsere Welt neu, durch die wir unsicher schreiten. Gehe du uns voran und lass uns dein Osterlicht leuchten. Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Rogate: Amen! Vielen Dank, Herr Pfarrer Bornemann, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: zwoelf-apostel-berlin.de

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Gesegnete Ostern! Bleiben Sie gesund und behütet!

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten und Veranstaltungen einladen können. Die nächsten geplanten Termine sind:

  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum Sonntag Rogate. Predigt: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin. Liturgie: Bruder Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Martin Küster.
  • Donnerstag, 18. Juni 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Hohenkirchen/Friesland.
  • Freitag, 17. Juli 2020 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest 2020. Mit Pfarrer Burkhard Bornemann (Zwölf-Apostel-Gemeinde) u.a.. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Donnerstag, 27. August 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.

Fünf Fragen an: Oberkirchenrat Detlef Mucks-Büker, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg

Fünf Freitagsfragen an Oberkirchenrat Detlef Mucks-Büker, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, über Veränderungen in der Kirche durch die Coronakrise, die Aufforderung zum Hausabendmahl in der Pandemie und einen Auferstehungshymnus auf der Gartenterrasse.

Oberkirchenrat Detlef Mucks-Büker (Bild: Pressestelle ELKiO)

Detlev Mucks-Büker ist 61 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in einem Arbeiterhaushalt in Gelsenkirchen. Er studierte Evangelische Theologie in Münster, Tübingen und (West-)Berlin. Nach dem Vikariat in Dortmund war er Pfarrer in Bergkamen und Gladbeck, von 1999 bis 2011 Superintendent in Gladbeck-Bottrop-Dorsten. Seit 2011 ist er theologischer Oberkirchenrat in Oldenburg, zuständig für die Bereiche Bildung und Diakonie. 2011 Master Diakoniemanagement in Bethel. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder sowie leidender Fan vom FC Schalke 04. Sein Hobbie (das immer zu kurz kommt): Schottischer Dudelsack.

Rogate-Frage: Herr Oberkirchenrat Mucks-Büker, was hat sich für Sie als Theologe in leitender Funktion einer Kirche verändert?

Detlef Mucks-Büker: Interessant war die Erfahrung, wie sehr es in solchen herausfordernden Zeiten ein Bedürfnis nach klarer und eindeutiger Orientierung auch von einer evangelischen Kirchenleitung gibt: Kirchengemeinden wollen wissen, woran sie sind, und ob die Entscheidungen, die sie vor Ort zu treffen haben, wie zum Beispiel über die Schließung oder Öffnung ihrer Kirche, Rückhalt haben oder auf sicherem Boden stehen. So intensiv habe ich das bisher noch nie erfahren. Eine gelingende und klare Kommunikation schafft eine gute Grundlage für Vertrauen, und mit Vertrauen ist man in der Lage, Krisen zu bewältigen.

Rogate-Frage: Wie gehen die Kirchengemeinden und Dienste und Werke in Ihrem Verantwortungsbereich damit um?

Detlef Mucks-Büker: Es ist überraschend und faszinierend zugleich, wie verhältnismäßig schnell sich die meisten Arbeitsbereiche auf neue Kommunikationsformen vor allem auf dem digitalen Weg einstellen. Wo es vor Corona schon digitale Bildungs- oder Gottesdienstangebote wie, zum Beispiel Webinare und Online-Andachten gab, hatten sie bisher meistens Experimentierstatus. Jetzt sind sie unverzichtbarer Bestandteil und werden auch künftig zu den Standards kirchlicher Bildungsangebote gehören. Erstmals wird für eine breite Schicht unserer Mitarbeitenden sichtbar, wie viele Menschen sich über digitale und soziale Medien erreichen lassen. Es ist diese Erfahrung, die all bisherige Skepsis und Distanz aufhebt.

Rogate-Frage: Die Kirchenmitglieder wurden aufgefordert, am Gründonnerstag Hausabendmahlsfeiern auch ohne Pastorin oder Pastor zu halten. Kirchenrechtlich und theologisch ist damit Neuland betreten worden, oder?

Detlef Mucks-Büker: Das Hausabendmahl als solches ist bisher und vor allem in der Seelsorge an solchen Kirchenmitgliedern ausgerichtet gewesen, die nicht in der Lage sind, an den Abendmahlsfeiern in den Gottesdiensten der Gemeinde teilzunehmen. Das betrifft in der Regel ältere, gebrechliche oder kranke Menschen, zuweilen auch Sterbende mit ihren Familien. Auch hier sind es die Pfarrerinnen und Pfarrer, die das Abendmahl leiten, weil sie aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Ordination durch die Kirche zur Sakramentsverwaltung berufen und beauftragt sind. Grundsätzlich gilt aber auch hinsichtlich des Umgangs mit den Sakramenten das reformatorische Prinzip des allgemeinen Priestertums aller Getauften. Das heißt, dass vom Grundsatz her jede getaufte Christin und jeder getaufte Christ aus besonderem Anlass das Sakrament der Taufe und des Abendmahls spenden darf. Solch ein Anlass können Zeiten wie die der aktuellen rigorosen Kontakteinschränkungen und Versammlungsverbote darstellen. Nicht von ungefähr umfasst Luthers Kleiner Katechismus auch die Einsetzungsworte des Abendmahls, verbunden mit dem Gedanken, dass diese theologische Mindestausstattung in jedem christlichen Hausstand vorhanden sei. Es ist gut, dass in unserer Zeit Texte wie die der Abendmahlsliturgie auch in unseren Gesangbüchern zu finden sind. Theologisch spricht nichts dagegen, dass im familiären Kontext eine Abendmahlsfeier gehalten werden darf, wenn es absolut keine andere Möglichkeit gibt.

Rogate-Frage: Was wird sich darüber hinaus verändern? Was können wir daraus lernen?

Detlef Mucks-Büker: Es bleibt abzuwarten, was und ob sich was verändern wird nach Corona. Vielleicht haben wir gemerkt, dass so manche Gremiensitzung oder Dienstbesprechung mit den Mitteln der modernen Technik wie Videokonferenzen auch einiges an Fahrtzeiten vermeidet. Zeit, die sich dann gut für anderes verwenden lässt. Vor allem erhoffe ich mir, dass wir für die nächste Zeit nicht mehr so schnell einer Arbeits- und Terminverdichtung verfallen, wie sie vor der Krise zum stressigen Alltag gehörte. Vielleicht lernen wir, wirklich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und sorgsamer mit unseren Ressourcen umzugehen als zuvor. In einer kleiner werdenden Kirche wird man nicht mehr alles so weitermachen können wie bisher. Das wussten wir eigentlich auch schon vorher.

Rogate-Frage: Wie werden Sie Ostern feiern und die einzelnen besonderen Tage von Gründonnerstag bis Ostermontag begehen?

Detlef Mucks-Büker: Anders als in den ganzen Jahren zuvor, werden wir nur zu Dritt in unserer Familie zusammen sein. Aufgrund der Einschränkungen können weder unsere beiden Söhne uns wie sonst besuchen, noch können wir uns alle gemeinsam auf den Weg zu unseren beiden Müttern machen. Über Fernsehgottesdienste und Gottesdienste im Internet werden wir unserem Bedürfnis nach Andacht und Gebet nachkommen. Am Karfreitag hören meine Frau und ich uns die Johannespassion von Bach an. Wie immer wird es am Karfreitag Fisch bei uns zu Essen geben. Und ich werde wie in jedem Jahr nach sieben Wochen ohne Alkohol wieder ein Glas Wein trinken. Unsere Tochter, die bei uns sein kann, wird am Ostersonntagmorgen mit der Blockflöte „Christ ist erstanden“ auf der Gartenterrasse spielen. Da wir in diesem Jahr keinen Besuch unserer noch kleineren Nichten und Neffen haben, wird es leider keine Ostereiersuche geben.

Rogate: Vielen Dank, Herr Oberkirchenrat Mucks-Büker, für das Gespräch!

Mehr über die Evangelische-Lutherische Kirche in Oldenburg finden Sie hier: kirche-oldenburg.de

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

Bleiben Sie gesund und behütet!

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten und Veranstaltungen einladen können. Die nächsten geplanten Termine sind:

  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum Sonntag Rogate. Predigt: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin. Liturgie: Bruder Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Martin Küster.
  • Donnerstag, 18. Juni 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Hohenkirchen/Friesland.
  • Abgesagt: Freitag, 17. Juli 2020 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest 2020. Mit Pfarrer Burkhard Bornemann (Zwölf-Apostel-Gemeinde) u.a.. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Donnerstag, 27. August 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.

Einladung zum Vortrag „Frieden und Toleranz in der Evangelisch-reformierten Kirche“ am 15. August

Über „Frieden und Toleranz in der Evangelisch-reformierten Kirche“ wird am Donnerstag Dr. Martin Heimbucher im Küstenmuseum Wilhelmshaven prechen. Der Kirchenpräsident referiert im Rahmenprogramm der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade.“ Die Veranstaltung beginnt um 19:00 Uhr in der Weserstraße 58.

Die Ev.-ref. Kirche ist eine der 20 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zu ihr gehören 145 Gemeinden mit etwa 171.000 Gemeindegliedern. Die Gemeinden, die sich über das ganze Bundesgebiet verteilen, sind in neun Synodalverbände gegliedert; vornehmlich in Ostfriesland, dem Emsland, in der Grafschaft Bentheim sowie im östlichen Niedersachen und in Bayern.

Dr. Martin Heimbucher (Bild: (Foto: Jens Schulze)

Dr. Martin Heimbucher ist leitender Theologe der Evangelisch-reformierten Kirche und zugleich Leiter des Landeskirchenamtes in Leer. Er sagt: „Toleranz allein genügt nicht!

Der gebürtige Regensburger ist in Kassel aufgewachsen. Er studierte in Göttingen und Mainz und absolvierte sein Vikariat in der Lippischen Kirche. Dort wurde er auch ordiniert und war bis 1999 als Gemeindepastor tätig. Vor seiner Wahl zum Kirchenpräsidenten war Martin Heimbucher von 2007 bis 2013 Theologischer Referent der Union Evangelischer Kirchen (UEK) im Kirchenamt der EKD in Hannover. In der Evangelisch-reformierten Kirche war er sieben Jahre lang Pastor der Gemeinde Eddigehausen (bei Göttingen). Er trat sein Amt als Kirchenpräsident am 1. November 2013 an.

Das Rahmenprogramm „Frieden und Toleranz“ findet in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Niedersachsen (EEB) und der Katholischen Erwachsenenbildung Wilhelmshaven Friesland Wesermarsch e.V. (KEB) statt.

Die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt.“ ist ein Projekt der AG „Religionenhaus Wilhelmshaven“ und des Demokratieprojektes „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ des Förderprogramms „MITEINANDER REDEN“. Sie wird gefördert vom Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, Aktion Mensch, der Ja-Wir-Stiftung, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven, der Dr. Buhmann Stiftung und dem Rogate-Kloster Sankt Michael.

Es wird eine Vortrags-Flatrate-Karte für alle 21 Veranstaltungen der Reihe „Frieden und Toleranz“ angeboten. Diese kostet 22,00 Euro (ermäßigt 17,00 Euro). Darin enthalten ist eine Jahreskarte für das Küstenmuseum. Der Einzeleintritt beträgt bei Vortragsveranstaltungen sieben Euro, ermäßigt fünf Euro. Für die Teilnahme an Veranstaltungen des Rahmenprogramms bittet das Museum um Anmeldung unter Telefon 04421.40 09 40 oder per Mail kuestenmuseum@wilhelmshavenglaubt.de

Informationen: wilhelmshavenglaubt.de

Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: Propst Christian Stäblein zum neuen Bischof der EKBO gewählt

Amtsübergabe am 16. November 2019 in Berlin

Berlin, 5. April 2019 – Die Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) hat auf Ihrer Frühjahrstagung am 5. April 2019 den Propst der EKBO, Dr. Christian Stäblein, zum neuen Bischof der Landeskirche gewählt. Er folgt damit Bischof Dr. Markus Dröge nach, der im November nach Ablauf seiner zehnjährigen Amtszeit in den Ruhestand gehen wird. Christian Stäblein wurde im zweiten Wahlgang mit der nötigen Zweidrittelmehrheit gewählt. Er erhielt 76 der abgegebenen 113 Stimmen. Die Amtsübergabe wird im Rahmen eines Festgottesdienstes am 16. November 2019 in der St.-Marienkirche in Berlin Mitte stattfinden, der im rbb-Fernsehen übertragen wird.

Bild: Propst Stäblein (Mitte) besuchte am 2. Oktober 2015 einen Gedenkgottesdienst des Rogate-Klosters in der Zwölf-Apostel-Kirche

Bischof Dröge gratulierte dem designierten Nachfolger: „Ich sende meine herzlichen Glückwünsche an Propst Christian Stäblein zur Wahl als Bischof der EKBO. Möge Gottes Segen den neuen Bischof in diesem wunderbaren und herausfordernden Amt begleiten, das auszufüllen in unserer, lebendigen, bunten und vielfältigen Kirche viel Freude macht, wie ich in den vergangenen zehn Jahren voller Dankbarkeit erfahren durfte.“

Auch die Präses der Synode, Sigrun Neuwerth, freut sich über die Wahl und dankte den anderen Kandidaten: „Ich freue mich über die Wahl von Propst Christian Stäblein zum neuen Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und gratuliere von Herzen. Die Synode hatte die Wahl zwischen drei gleichermaßen hervorragend geeigneten, höchst respektablen Persönlichkeiten, denen ich für ihre Bereitschaft zur Kandidatur sehr herzlich danke. Die Synode hat nun entschieden, und wir freuen uns auf eine vertrauensvolle und fruchtbare gemeinsame Arbeit mit dem zukünftigen Bischof ab Mitte November. Möge Gottes Segen uns dabei begleiten!“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, gratulierte ebenfalls: „Zur Wahl zum Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gratuliere ich Christian Stäblein von Herzen. Ich habe Christian Stäblein als einen profunden Theologen und zugewandten Seelsorger kennengelernt, der umfangreiche Erfahrung auf den unterschiedlichen Ebenen kirchlichen Leitungshandelns mitbringt. Er wird das alles im neuen Amt segensreich einbringen.“

Dr. Christian Stäblein wurde 1967 in Bad Pyrmont geboren und wuchs in Hannover auf. Er studierte Evangelische Theologie sowie im Nebenfach Judaistik und Philosophie in Göttingen, Berlin und Jerusalem. Am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Göttingen arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent und wurde 2002 mit einer Arbeit über „Das jüdische Gegenüber in der evangelischen Predigtlehre nach 1945“ promoviert. Nach dem Vikariat in Grasdorf und der Ordination war er Gemeindepfarrer, zunächst in Lengede, später in der St. Martin-Kirche in Nienburg/Weser, ab 2008 dann Konventual-Studiendirektor des Predigerseminars der Hannoverschen Landeskirche im Kloster Loccum. Seit August 2015 ist er Propst des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). In dieser Funktion obliegt ihm die theologische Leitung im Konsistorium, er ist zuständig für theologische Grundsatzfragen und leitet die Abteilung 2 „Theologie und Kirchliches Leben“. Als Propst wirkt er in einer Vielzahl von Gremien in der EKBO mit und nimmt eine rege Predigt- und Vortragstätigkeit in Gemeinden und Konventen wahr. Der 51-jährige ist Mitherausgeber der Predigtstudien. Christian Stäblein ist verheiratet und hat vier Kinder.

Der Bischof vertritt die Landeskirche in der Ökumene und in der Öffentlichkeit. Zu seinen Aufgaben zählt, Theologinnen und Theologen zu ordinieren und landeskirchliche Einrichtungen und Werke zu visitieren. Er ist zugleich Vorsitzender der Kirchenleitung.

Hinweis zum Text: Übernahme der Pressemeldung der Pressestelle der EKBO.