Gottesdienst: Willkommen zur Rogate-LGBTIQ*-Segensandacht am 1. Oktober

Rogate-Kloster: Freitag, 1. Oktober 2021 | 19:30 Uhr, Rogate-LGBTIQ*-Segensandacht in Berlin-Schöneberg

Nach 2020 fällt auch 2021 das Lesbisch-schwule Stadtfest Berlin und damit der traditionelle Eröffnungsgottesdienst des Rogate-Klosters in der Zwölf-Apostel-Kirche aus. Auf dem Weg zum nächsten Stadtfest 2022 feiert das Rogate-Kloster Sankt Michael am Freitag, 1. Oktober 2021 | 19:30 Uhr, eine Segensandacht für LGBTIQ*-Menschen und alle, die gern kommen möchten. 

Der Altar der Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg. (Bild: Rogate-Kloster)

Mitwirkende sind Pfarrer_in Anna Trapp, Evangelischer Pfarrsprengel Bad Wilsnack, Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Gemeinde, Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Tempelhof-Schöneberg, und Bruder Franziskus, Rogate-Kloster.

Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin-Schöneberg, An der Apostelkirche 1.

Herzlich willkommen!

Erreichbar ist die Zwölf-Apostel-Kirche mit öffentlichen Verkehrsmitteln: über die U-Bahnhöfe: Kurfürstenstraße (U1) Nollendorfplatz (U1, U2, U3, U4). Oder per Bus: Kurfürstenstraße (M85, M48), Nollendorfplatz (M19, 187) und Gedenkstätte Dt. Widerstand (M29). Fahrrad- und PKW-Stellplätze vor dem Gemeindezentrum und in der Genthiner Straße. Adresse: An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Meinung: Ein Blitzlicht zum CSD in Wilhelmshaven.

Am 4. September wird zum ersten Mal in Wilhelmshaven der Christopher Street Day begangen. Aus diesem Anlass wird am Vorabend, am Freitag, dem 3. September, ein Eröffnungsgottesdienst in der Lutherkirche gefeiert.

Die namengebende Christopher Street befindet sich im Ortsteil Greenwich Village in Manhattan, New York City. Dort begannen am 28. Juni 1969 die homosexuellen Menschen sich gegen die Praxis schikanöser Razzien zu wehren und somit begann gleichzeitig ein weltweiter Kampf gegen die Kriminalisierung und Ausgrenzung homosexueller Menschen.

Viel ist seitdem geschehen. Waren bis 1994 auch in Deutschland noch nach §175 StGB homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt, wird es heute gesellschaftlich akzeptiert, dass homosexuelle Menschen z.B. Erster Bürgermeister von Hamburg oder Oberkirchenrätin in Oldenburg werden.

Ein großer gesellschaftlicher, auch kirchlicher Wandlungsprozess hat in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, homosexuelle Menschen als das zu betrachten, was sie sind, ganz normale Mitmenschen mit Gaben, aber auch Fehlern und Schwächen wie sie nun einmal alle Menschen haben. Aber auch “ganz normale“ Menschen werden immer wieder ausgegrenzt, sobald sie sich in irgendeiner Weise vom Durchschnittsverhalten abheben. So gab es auch schon zur Zeit Jesu sogenannte „Randgruppen“. Jesus ging gezielt auf diese Menschen zu, seien es die damals verhassten Zöllner, Aussätzigen oder Ehebrecherinnnen und zog sich damit den Hass seiner Feinde zu.

Diese Provokationen waren allerdings ein Herzstück seiner Botschaft von der Liebe Gottes, die auch unter den Menschen gelten soll. Es liegt dem Geist des Evangeliums völlig fern, sich vorzustellen, Jesus hätte homosexuelle Menschen verdammt.

Es ist also gesamtgesellschaftlich ein großer Fortschritt in der Toleranz zu verzeichnen, doch die Geschichte und auch die aktuellen Beispiele etwa aus Belarus, Russland, China oder muslimischen „Gottesstaaten“ wie jetzt auch wieder Afghanistan (!) zeigen auf, wie brüchig dieser Fortschritt ist. Tendenzen selbst in EU-Staaten wie Ungarn oder Polen lassen aufhorchen. Freiheit und Toleranz sind Werte, die stets verteidigt werden müssen.

Dass diese Verteidigung auch auf fröhliche und friedlich-bunte Weise geschehen kann, zeigt der Christopher Street Day nun auch in Wilhelmshaven.

Ein Beitrag von Pastor Frank Moritz, Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Bant, Wilhelmshaven

3. September 2021: Gottesdienst zur Eröffnung des CSD Wilhelmshaven

Wilhelmshaven feiert Anfang September seinen ersten Christopher-Street-Day (CSD Wilhelmshaven). Am Vorabend, Freitag, 3. September 2021 | 19:30 Uhr, lädt das Rogate-Kloster Sankt Michael zu einem ökumenischen Eröffnungsgottesdienst in die Lutherkirche im Villenviertel der Nordseestadt.

Die Predigt hält Pastoralreferentin Daniela Surmann von der römisch-katholischen Sankt Willehad-Gemeinde. Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser aus Oldenburg gestaltet den Gottesdienst musikalisch. Der CSD-Schirmherr, Wilhelmshavens Oberbürgermeister Carsten Feist, spricht ein Grußwort. Bruder Franziskus vom Rogate-Kloster leitet die Liturgie. 

Ort: Lutherkirche, Brommystr. 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.

Fünf Fragen an: Onna Buchholt, Kompetenznetzwerk Islam- und Muslimfeindlichkeit

Fünf Freitagsfragen an Onna Buchholt, Projektreferentin bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej), über den Einsatz für Chancengleichheit, vollumfängliche Teilhabe und eine Gesellschaft, in der alle Menschen angstfrei leben können. Ein Interview im Rahmen des Rogate-Demokratieprojekts „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“.

Onna Buchholt (Bild: privat)

Onna Buchholt ist seit 2014 Projektreferentin bei der aej und studierte zuvor Islamwissenschaft, Politik und Geschichte an der Universität Münster. Sie engagiert sich für eine Rassismus-kritische Öffnung der Jugendverbandslandschaft und teilt sich die Projektleitung der aej-Trägerschaft im Kompetenznetzwerk Islam- und Muslimfeindlichkeit mit ihrer Kollegin Franziska Vorländer und lebt in Berlin.

Rogate-Frage: Frau Buchholt, was ist die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland und wer gehört dazu?

Onna Buchholt: Die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland ist die Dachorganisation Evangelischer Kinder- und Jugendarbeit auf Bundesebene. Wir vertreten die Interessen unserer 32 Mitglieder – darunter verschiedene evangelische Jugendwerke und –verbände, die Jugendarbeit der Mitgliedskirchen der EKD sowie die freikirchliche Jugendarbeit – gegenüber Politik, kirchlichen Institutionen und Fachorganisationen. Zu den größeren Mitgliedsorganisationen zählen neben der landeskirchlichen Jugendarbeit der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) und der Verband christlicher Pfandfinder und Pfadfinderinnen (VCP). Insgesamt vertritt die aej die Interessen von etwa 1,35 Millionen jungen Menschen.

Rogate-Frage: Sie befassen sich als evangelischer Verband mit Islam- und Muslimfeindlichkeit. Warum?

Onna Buchholt: Als Evangelische Jugend verstehen wir uns als ein Verband, der sich für gute Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland einsetzt und für Chancengerechtigkeit und ein gutes Miteinander stark macht, dies schließt auch Angehörige anderer Konfessionen und Religionen mit ein.

Aus diesem Selbstverständnis heraus haben wir vor etwa 15 Jahren damit begonnen, im Kontext der damals aufkommenden Diskussion um die „Interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit“ Vereine junger Migrant*innen zu coachen, die aus den unterschiedlichsten Gründen noch über keine stabilen Strukturen als Jugendverband verfügten. Erste Kooperationsprojekte haben wir mit christlich-ökumenischen Partnern wie dem Orthodoxen Jugendbund, der Koptischen Jugend Deutschlands und dem Jugendverband der Evangelischen-Vietnamesischen Tin Lanh Gemeinden in Deutschland e.V.  durchgeführt, danach mit dem Bund der Alevitischen Jugendlichen als erstem nichtchristlichen Verband.

Durch unsere interreligiöse und ökumenische Arbeit bestanden seit den 2000er Jahren auch gute Kontakte zu muslimischen Jugendverbänden. Mit ihnen haben wir ab 2012 erste größere Projekte zusammen durchgeführt. Im Kontext der Rassismus-kritischen Öffnung der Jugendverbandsarbeit haben wir Barrieren struktureller und gesellschaftlicher Art erkannt, die einer Partizipation marginalisierter Jugendverbände entgegenwirken.

Wir möchten erreichen, dass die Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit für alle da sind und keine Ausschlüsse produzieren. Insbesondere muslimische Jugendliche sind aber massiv von antimuslimischen Ressentiments und Rassismus betroffen und sehen sich einem generellen Misstrauensdiskurs ausgesetzt, der ihre vollumfängliche Teilhabe verhindert. Deshalb setzen wir uns in unseren Bezügen gegen Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus ein.

Rogate-Frage: Daraus ist ein Kompetenznetzwerk Islam- und Muslimfeindlichkeit entstanden. Was passiert in diesem Netzwerk und welches Ziel steht dahinter?

Onna Buchholt: Von 2015-2019 waren wir mit unserem Kooperationsprojekt „Junge Muslime als Partner – FÜR Dialog und Kooperation! GEGEN Diskriminierung!“ bereits ein Teil der BMFSFJ-Bundesförderung „Demokratie leben!“ im Förderbereich der Prävention von Islam- und Muslimfeindlichkeit. Im Rahmen dieses Projekts entstand eine enge Zusammenarbeit mit CLAIM, der Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit, mit der wir eine gemeinsame Fachtagung auf die Beine stellten und später auch Mitglied im Netzwerk wurden. Aus dieser Zusammenarbeit ist die gemeinsame Trägerschaft des Kompetenznetzwerks Islam- und Muslimfeindlichkeit entstanden, zu dem auch ZEOK, das Zentrum für europäische und orientalische Kultur, gehört.

Unser Ziel als Kompetenznetzwerk ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen angstfrei leben können – auch Muslim*innen, die in den vergangenen Jahren einer schockierend hohen Anzahl von Angriffen ausgesetzt waren, wie die offiziellen Polizeistatistiken seit 2017 belegen. Empirische Erhebungen zur Verbreitung von Vorurteilen zeigen seit vielen Jahren, dass etwas mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung der Meinung ist, der Islam passe nicht zu ihrer Kultur und den Islam als Bedrohung wahrnimmt. Das ist ein besorgniserregend hoher Anteil und eine Gefährdung unserer Demokratie, weil solche Einstellungen oft mit Forderungen nach einer Einschränkung der Grundrechte von Muslim*innen einhergehen.

Unsere Aufgabe als Kompetenznetzwerk ist, antimuslimischen Rassismus zu benennen und sichtbar zu machen, um breite Anteile der Bevölkerung für bestehende Diskriminierungsformen zu sensibilisieren. Die drei Träger im Kompetenznetzwerk fokussieren dabei unterschiedliche Themenbereiche und Zielgruppen; während CLAIM unter anderem das Monitoring von Vorfällen antimuslimischen Rassismus verbessern will und wissenschaftliche Expertise bereitstellt wirkt ZEOK in den Bereich der Kinder- und Jugendarbeit, indem sie vor allem Fachpersonal aus Kitas und anderen pädagogischen Kontexten weiterqualifizieren.

Als Jugendverband ist unsere Zielgruppe als aej die Jugendverbandslandschaft, in der wir für die Themen Antimuslimischer Rassismus und Islamfeindlichkeit sensibilisieren wollen. Wir bieten in diesem Kontext unterschiedliche Bildungsformate und Workshop-Konzepte an und haben eine mobile Ausstellung erarbeitet, die künftig auf Großveranstaltungen zum Einsatz kommen wird, sofern die Pandemie-Lage es zulässt. Darüber hinaus haben wir eine Bestandsaufnahme der Einstellungen von Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 29 Jahren gemacht, was Islamfeindlichkeit und weitere Syndrome gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit angeht sowie ihre Bezüge zu Religiosität und gesellschaftlichem Engagement. Die Ergebnisse der repräsentativen Studie werden zum Jahresende veröffentlicht.

Rogate-Frage: Wie äußert sich Islam- und Muslimfeindlichkeit in der Kirche und den Gemeinden?

Onna Buchholt: Innerhalb unserer eigenen jugendverbandlichen Strukturen erleben wir Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus selten offen geäußert, sondern eher in Form einer Zurückhaltung und Distanz gegenüber potenziellen muslimischen Partnerorganisationen, die sich auch durch Unsicherheit im Kontakt äußern kann. Ein massives Problem im Kontext des islamfeindlichen Gesamtdiskurses ist das Misstrauen, das muslimischen Akteur*innen entgegengebracht wird. Anders als andere Jugendorganisationen sind Muslim*innen beispielsweise stets aufgefordert, ihre Werte offenzulegen und ihr Bekenntnis zur Demokratie zu bekräftigen. Oder ihr Verhalten und ihre Motive werden in Frage gestellt, weil vermutet wird, dass sie sich nicht wahrheitsgetreu äußern würden. Solche Einstellungen machen aber eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe unmöglich.

Wir wurden auch schon wenige Male von Einzelpersonen angefragt, inwieweit wir durch unsere Projekte zur Bildung einer muslimischen Parallelgesellschaft beitragen wollten oder unser Verweis auf antimuslimischen Rassismus als gesamtgesellschaftliches Problem wurde mit einer vermeintlichen Christ*innenverfolgung zu relativieren versucht, die es in Deutschland nicht gibt. Bei derartigen Äußerungen haben wir es mit sehr problematischen Ausdrücken von Verschwörungsideologie und der Abwehr einer Auseinandersetzung mit diskriminierenden und rassistischen Strukturen in unserer Gesellschaft zu tun. Es sind Vorstellungen, die in der Regel nicht von einer Gleichwertigkeit aller Menschen ausgehen.

Rogate-Frage: Wie nehmen Sie als Netzwerk grundsätzlich die mediale Berichterstattung über den Islam und Muslime wahr?

Onna Buchholt: Die mediale Berichterstattung über den Islam und Muslim*innen halten wir für oftmals problematisch und eine der Ursachen für die weite Verbreitung islamfeindlicher Einstellungen. Wenn in Medienberichten in den vergangenen zwanzig Jahren von Muslim*innen oder dem Islam die Rede war, dann nahezu ausschließlich in einer negativen Rahmung. Die Berichterstattung über Muslim*innen ist überwiegend problemorientiert, wie jüngere Studien zu den überregionalen Presseorganen oder beispielsweise der Besetzung von Talkshows zeigen. Die gelebte Normalität von deutschen Muslim*innen kommt in den Medien oder der Unterhaltungsindustrie praktisch nicht vor, so dass ein starkes Zerrbild von muslimischen Lebensentwürfen entsteht und in der Bevölkerung überwiegend Unkenntnis herrscht. Dazu kommt, dass legitime Kritik an spezifischen Aspekten der Religion oder muslimischen Communities regelmäßig zu Pauschalisierungen über die imaginierte Gesamtheit an Muslim*innen führt und Rassismen reproduziert.

Rogate: Vielen Dank, Frau Buchholt, für das Gespräch.

Weitere Interviews in der Reihe Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.


Mehr Informationen zum Demokratieprojekt „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“ finden Sie hier.


Herzlich willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Andachten und Termine:

  • Dienstag, 17. August 2021 | 19:30 Uhr, ökumenischer SommerBibelAbend. Mit Br. Franziskus (Rogate). Ort: Lutherkirche, Brommystraße 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.
  • Donnerstag, 19. August 2021 | 19:00 Uhr, Abendgebet. Ort: Lutherkirche, Brommystraße 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel. Orgel: Traugott Böhlke (St. Martinskirchengemeinde, Voslapp) Lektor:innen: Heidrun Helbich (Ev.-luth. Thomaskirchengemeinde, Neuengroden) und Florian Wiese (Rogate-Kloster). Kirchdienst: N.N. Ort: Lutherkirche, Brommystraße 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.
  • Donnerstag, 19. August 2021 | 19:45 Uhr, Demokratie-Reihe „Wen wähle ich?“ – Interview zur Bundestagswahl 2021 mit Hans-Henning Adler (DIE LINKE.). Ort: Lutherkirche, Brommystraße 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.
  • Dienstag, 24. August 2021 | 19:30 Uhr, ökumenischer SommerBibelAbend. Mit Pastoralreferentin Daniela Surmann (Sankt Willehad) und Br. Franziskus (Rogate). Ort: Lutherkirche, Brommystraße 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.
  • Donnerstag, 26. August 2021 | 19:30 Uhr, Abendgebet. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Lektorinnen: Heidrun Helbich (Ev.-luth. Thomaskirchengemeinde, Neuengroden) und N.N. Ort: Lutherkirche, Brommystraße 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.
  • Donnerstag, 26. August 2021 | 20:15 Uhr, Demokratie-Reihe „Wen wähle ich?“ – Interview zur Bundestagswahl 2021 mit MdB Siemtje Möller (SPD). Ort: Lutherkirche, Brommystraße 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.

Fünf Fragen an: Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben

Fünf Fragen an Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, über die Definition von Antisemitismus, die 3D-Regel und ein Zeichen der Stärke unserer lebendigen Demokratie.

Dr. Felix Klein (Bild: BMI)

Dr. Felix Klein, geboren 1968 in Darmstadt, besuchte nach seiner Schulzeit in Darmstadt das United World College in Duino bei Triest, wo er 1987 das internationale Abitur „International Baccalaureate“ erwarb. Er studierte Rechtswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Freien Universität Berlin. Im Anschluss daran absolvierte er ein Masterstudium an der London School of Economics, das er mit einem Master of Public International Law (LL.M.) abschloss. Von 1994 bis 1996 absolvierte er die Ausbildung für den höheren Auswärtigen Dienst an der damaligen Aus- und Fortbildungsstätte des Auswärtigen Amtes in Bonn. 2001 promovierte er an der Universität St. Gallen mit einem familienrechtlichen Thema. Er begann seine diplomatische Karriere als Länderreferent für Südamerika, war auf Auslandsstationen in Jaunde/Kamerun und Mailand/Italien sowie von 2007 bis 2018 in mehreren Funktionen in der Berliner Zentrale des Auswärtigen Amtes tätig, zuletzt als Sonderbeauftragter für Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen.

Rogate-Frage: Herr Dr. Klein, wie definieren Sie den Begriff Antisemitismus?

Felix Klein: Antisemitismus – der Begriff legt nahe, dass er bedeutet, gegen Juden zu sein: Judenfeindschaft, Judenhass. Dabei hat Antisemitismus mit realen jüdischen Menschen nichts zu tun, er entsteht unabhängig von ihrem tatsächlichen Verhalten. Überspitzt formuliert, Antisemiten pflegen ihren Antisemitismus auch ohne Juden. Nach der Definition der International Holocaust Remebrance Alliance ist Antisemitismus „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden (…)„. Das ist schon der Kern, auf den es ankommt: Eine, ganz bestimmte Sicht dominiert, anstatt die jeweilige Person in ihrer Unterschiedlichkeit und Individualität wahrzunehmen. Wer sich über jüdische Menschen eine Meinung bildet, die von ihrem Judentum abgeleitet wird anstatt von ihrem konkreten persönlichen Verhalten, handelt antisemitisch.

Juden und Jüdinnen haben außer ihrem Jüdischsein erst einmal nichts gemeinsam – sie sind genauso unterschiedlich wie Angehörige anderer Religionen und Kulturen. Auf dieses Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe kommt es an: Antisemitismus fängt da an, wo aus der Gruppenzugehörigkeit Eigenschaften Einzelner abgeleitet werden und umgekehrt. Wenn Juden als Gruppe Eigenschaften zugeschrieben werden, die über ihr faktisches Jüdischsein hinausgehen, ist das antisemitisch. Das gilt auch für positive Attribute, wenn etwa behauptet wird, Juden seien besonders klug, oder für das jahrhundertealte Klischee der „schönen Jüdin„. Solche philosemitisch genannten Verallgemeinerungen sind letztlich ebenfalls eine Form von Antisemitismus.

Rogate-Frage: Wo liegt aus Ihrer Sicht die Trennung zwischen Antisemitismus und Formen der Kritik an der Politik des Staates Israel?

Felix Klein: Kritik am Regierungshandeln des Staates Israel ist selbstverständlich immer möglich. Die Grenze zum Antisemitismus ist allerdings dann überschritten, wenn Jüdinnen und Juden für das Regierungshandeln mitverantwortlich gemacht werden. Jüngstes Beispiel für diesen Mechanismus waren die an vielen Stellen geäußerten israelfeindlichen Parolen im Rahmen der Proteste gegen die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten vor wenigen Wochen beispielsweise vor jüdischen Einrichtungen in Deutschland. Mit der sogenannten 3D-Regel lässt sich bestimmen, ob es sich bei einer Äußerung lediglich um Kritik an Israels Politik handelt oder die Grenze zum Antisemitismus überschritten wird: Das ist der Fall, wenn Doppelstandards, Delegitimierung oder Dämonisierung Israels im Spiel sind, wie es sie regelmäßig nur gegenüber dem Staat Israel gibt. Der Schnelltest wurde 2004 vom israelischen Politiker und Wissenschaftler Nathan Sharansky entwickelt, um Texte und Äußerungen systematisch daraufhin zu prüfen, ob sie antisemitisch sind. Er hat sich seitdem in der Wissenschaft und vor allem in Politik und Zivilgesellschaft bewährt.

3. Rogate-Frage: Das war ein Angriff auf uns alle“ heißt es oft nach Angriffen auf jüdisches Leben und Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Wie denken Sie über diese Versuche, Solidarität zu zeigen?

Felix Klein: Ich sehe es mit Freude und Dankbarkeit, dass sich in unserem Land nach der Shoah und nach den Verbrechen des Nationalsozialismus wieder vielfältiges, buntes und selbstbewusstes jüdisches Leben entwickelt hat. Dass dies wieder zunehmend selbstverständlich empfunden wird, sehe ich auch als ein Zeichen der Stärke unserer lebendigen Demokratie. Die historische Verantwortung Deutschlands ist und bleibt Teil unserer Staatsräson. Es bleibt eine fortwährende und immer wieder neue Aufgabe, den Antisemitismus zu bekämpfen. Denn Antisemitismus wendet sich langfristig nicht nur gegen jüdische Menschen. Er ist Ausdruck einer zutiefst demokratiefeindlichen Haltung und lehnt die Errungenschaften unserer modernen, freiheitlichen Gesellschaft ab.

Rogate-Frage: Was können Einzelne tun, um jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und Solidarität mit Jüdinnen und Juden zu zeigen?

Felix Klein: Die Haltung und das Engagement jeder und jedes Einzelnen ist im Hinblick auf den Schutz jüdischen Lebens von größter Bedeutung. Es gibt viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Ein wesentlicher Teil des aktiven Schutzes jüdischen Lebens ist die Antisemitismusbekämpfung. Viele Organisationen zeigen engagierten Bürgerinnen und Bürgern eine Bandbreite an Möglichkeiten auf, sich in diesen Kampf einzubringen. 

Der Schutz jüdischen Lebens bedeutet für mich aber auch die positive Stärkung der jüdischen Gemeinschaft im Sinne einer Wahrnehmung und Wertschätzung jüdischer Kultur, Religion und jüdischen Alltags. Jüdinnen und Juden als einen selbstverständlichen Teil unserer vielfältigen Gesellschaft zu begreifen und ihnen mit Offenheit und Interesse zu begegnen, das sollte unser gemeinsames Ziel sein. Von einer solchen Haltung profitieren nicht nur Jüdinnen und Juden und unser gesellschaftlicher Zusammenhalt, sondern auch jede und jeder Einzelne, die bzw. der sich für den Dialog öffnet.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, diesen Dialog zu beginnen oder zu vertiefen. Anknüpfungspunkte bieten zum Beispiel die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die sich seit rund 70 Jahren in der Begegnungs- und Versöhnungsarbeit engagieren und zahlreiche Projekte und Veranstaltungen durchführen. Auch das aktuelle Jubiläumsjahr lädt dazu ein, jüdische Vergangenheit und Gegenwart zu entdecken und einander persönlich zu begegnen.

Rogate-Frage: Was wünschen Sie sich von den Kirchen, den Kirchengemeinden und den Christen in Bezug auf den historischen und aktuellen Antisemitismus in unserem Land?

Felix Klein: Die Kirchen, viele Kirchengemeinden und Christen setzen sich schon lange sehr engagiert für die Bekämpfung von aktuellem und historischem Antisemitismus ein. Nach der Schoah haben sich die evangelische und katholische Kirche deutlich davon distanziert und ihre Schuld bekannt. Die Aufarbeitung des historischen Antisemitismus in der Kirche ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Ein Beispiel ist die heute noch bestehende Benennung einiger Kirchen nach erwiesenen Judenfeinden, unter anderem die Pfarrkirche St. Johann von Capistran in München. Diese Namenspatronate sollten noch stärker problematisiert und Gegenstand einer breiten, offenen Debatte werden. Die Kirchen nehmen ihre Verantwortung auch im Hinblick auf aktuellen Antisemitismus ernst.

Eine sehr gelungene aktuelle Aktion in diesem Zusammenhang ist aus meiner Sicht die Kampagne „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Gemeinsamkeiten beziehungsweise Ähnlichkeiten zwischen Judentum und Christentum aufzeigt. 

Die Verdeutlichung von Gemeinsamkeiten und die Stärkung des christlich-jüdischen Dialogs sollte in diesem Sinne auch künftig weit oben auf der kirchlichen Agenda stehen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Klein, für das Gespräch!

Weitere Interviews in der Reihe Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

Fünf Fragen an: Pastorin Pamela Hansen, Helgoland

Fünf Freitagsfragen an Pamela Hansen, Pastorin auf Helgoland, über die Veränderungen durch die Pandemie, ein ruhigeres Inselleben und die theologische Dimension von Covid-19.

Pastorin Pamela Hansen (Bild: Jens Kohaupt)

Pamela Hansen stammt aus der Nähe von Plön, studierte in Kiel Theologie, war fünf Jahre lang in den USA als Pastorin tätig, bevor sie auf Helgoland ihre Stelle als Inselpastorin antrat, wo sie auch aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist.
 
Rogate-Frage: Frau Pastorin Hansen, wie hat sich das Leben auf Helgoland seit März 2020 durch die Corona-Pandemie verändert?

Pamela Hansen: Es ist viel ruhiger geworden, da während der Lockdown Phasen keine Feriengäste oder Tagestourist*innen nach Helgoland kommen dürfen. Der Vorteil ist, dass wir durch unsere Abgeschiedenheit, Einreisebeschränkungen und intensives Testen bisher sehr wenige Ansteckungen hatten.

Rogate-Frage: Und wie sieht das Leben Ihrer Kirchengemeinde angesichts der Pandemie aus?

Pamela Hansen: Leider sind die Gottesdienstbesucherzahlen bei den Präsenzgottesdiensten eingebrochen. Dafür gibt es ein größeres digitales Angebot, was den Vorteil hat, dass dies auch von denen genutzt werden kann, die sonst ihren Urlaub hier verbringen. Mit vielen Ortsansässigen versuche ich, telefonisch Kontakt zu halten. Open Air Angebote gestalten sich schwierig, da hier das Wetter dafür oft nicht optimal ist.

Rogate-Frage: Wie geht es Ihnen in dieser Situation?

Pamela Hansen: Es geht mir soweit ganz gut. Natürlich belastet auch mich die Pandemie und es ist mitunter anstrengend, all die menschlichen Abgründe auszuhalten, die sich durch die Pandemie auftun, aber zum größten Teil kann ich gelassen damit umgehen.

Es motiviert mich, dass neue Ideen wie der „Segen To Go“ so guten Anklang finden. Ich habe mich darauf verlegt, Tüten mit Segenssprüchen und einer kleinen Überraschung in der Kirche auszulegen bzw. diese Tüten im Strauch vor dem Pfarramt aufzuhängen. Die werden gerne im Vorbeigehen mitgenommen. Und es motiviert mich, dass plötzlich auch ganz viel gegenseitige Hilfsbereitschaft da ist.

Rogate-Frage: Hat das Virus beziehungsweise die weltweite Situation für Sie eine theologische Dimension?

Pamela Hansen: Ein bisschen: Das Gebot „Liebe deinen Nächsten“ ist für mich zu „Schütze deinen Nächsten“ und damit einfach konkreter geworden. Ich halte die Pandemie aber nicht für eine Strafe Gottes. Nichtsdestotrotz bietet sie die Chance, dass wir uns wieder über die wirklichen Werte bewusst werden und aufhören, falsche Götter wie den Konsum anzubeten.

Rogate-Frage: Wie werden Sie das zweite Corona-Ostern in diesem Jahr begehen?

Pamela Hansen: Ich habe mich dabei ertappt, dass ich es gerne so ruhig wie möglich feiern möchte: mit drei kleinen Präsenzgottesdiensten an Gründonnerstag, Karfreitag, und Ostersonntag sowie einer Osterandacht auf Facebook. Predigtvideos zu Gründonnerstag und Ostersonntag werden über unsere Internetseite verfügbar sein.

Privat hoffe ich, dass das Wetter es zulässt, dass mein Mann und ich den Garten ein bisschen genießen und „angrillen“ können. Die Grillkohle steht schon bereit.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Hansen, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

Fünf Fragen an: Frederic Riedel, Kiezworker in Berlin-Schöneberg

Fünf Fragen an Frederic Riedel, Berlin-Schöneberg, über seine Arbeit als Kiezworker, Veränderungsprozesse in einer Großstadtkirchengemeinde und die Coronapandemie als Treiber der Digitalisierung..

Frederic Riedel (Bild: privat)

Frederic Riedel kommt aus Uelzen in Niedersachsen. Zum BWL- und „Wirtschaft und Recht“-Studium zog er zunächst nach Brandenburg, um sich dann in Berlin zu verlieben. Durch das Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ wurde er auf eine Stellenausschreibung der Apostel-Paulus-Gemeinde in Berlin-Schöneberg aufmerksam. Zu seinen Aufgaben gehört die Koordination der Offenen Kirche, der Besuchsdienst und die Öffentlichkeitsarbeit.

Rogate-Frage: Herr Riedel, Sie sind „Kiezworker“ in einer evangelischen Großstadtgemeinde. Welche Aufgabe haben Sie dort?

Frederic Riedel: „Kiezworker“ ist der Begriff für die Gesamtheit aller meiner Aufgaben im Rahmen der Gemeinde und im Kiez – auch ist er meine offizielle Jobbezeichnung.

Meine Aufgaben sind tatsächlich sehr vielfältig und abwechslungsreich, sodass es mir stets schwer fällt meine beziehungsweise die eine Aufgabe hier auf das Wesentliche herunterzubrechen: Wohlmöglich bin ich an all den Maßnahmen beteiligt, die Kirche und Kiez stärker miteinander verzahnen lassen sollen: Von Ehrenamtskoordination über Betreuung und Ausgestaltung der Offenen Kirche, bis hin zu Besuchsdiensten, die aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Gefahr für Risikogruppen momentan leider pausieren müssen. Auch unterstütze ich die Pfarrerin, Küsterin und den Haus- und Kirchwart in vielen Angelegenheiten, sodass ich in gewisser Weise oftmals Bindeglied und helfende Hand in Personalunion bin.

In der Zukunft soll auch für mich wesentlich mehr in Richtung Kultur, Veranstaltungen und Social Media geschehen – aber auch hier sind uns momentan leider noch die Hände gebunden – pandemiebedingt.     

Rogate-Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich kirchlich engagieren und was hat es mit dem Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ zu tun?

Frederic Riedel: Es hat eine Menge damit zu tun, denn offen gestanden bin ich nur dadurch auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam geworden. Frau Pfarrerin Steffen-Elis hat mir von Anfang an zu Verstehen gegeben, dass die Gemeinde sich einem Wandel unterzieht und sicherlich schmeichelte mir die Idee, meinen Beitrag dazu leisten zu können. Schwer vorstellbar, dass ich in einer (Einstiegs-)Position, an einem anderen Ort mehr Einfluss auf die Entwicklungen um mich herum und auch auf meine eigene nehmen könnte. Ich würde mich nicht als strenggläubigen Menschen bezeichnen und für meinen Bereich ist Religion ehrlich gesagt auch gar nicht so maßgeblich. Entscheidend sind für mich vielmehr Wertevorstellungen, ein würdevolles und freundliches Menschenbild. Dazu zählt auch das Bedürfnis, aufgefangen zu werden, wenn man fällt. Auch Ich habe eine kleine persönliche Krise der Arbeitslosigkeit und Frustration nun zugunsten der Hilfe und Unterstützung Anderer hinter mich bringen können. Mein Team hat hier zweifellos, und zwar in ausnehmendem Maß, Anteil daran. Im Übrigen gefällt mir sehr wohl die Idee von Spiritualität, weil ich denke, dass sie jeder Mensch in sich trägt und braucht. Auch hatte ich wohlmöglich immer schon ein kleines Faible für Kunst, Geschichte, Architektur und den weiträumigen Klang von Sakralmusik. All das vereint die Apostel-Paulus-Kirche in recht beeindruckender Art und Weise.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit gehabt und wie haben Sie darauf reagiert?

Frederic Riedel: Das lässt sich nur schwer einschätzen, da ich das Arbeiten hier bisher noch gar nicht unter „normalen Rahmenbedingungen“ erleben durfte!

Aber ja, auch wir mussten absagen und umdenken: Kontaktbeschränkungen und Hygieneauflagen machen vor der Kirche keinen Halt. Wie in vielen Bereichen ist Corona aber auch für uns Treiber der Digitalisierung: Aufgezeichnete Gottesdienste und Veranstaltungen, Livestreams, Zoom-Meetings. Insbesondere seitens Pfarrerin Andrea Kuhla sind hier mittlerweile Online-Formate und Podcasts ins Leben gerufen worden. Kontaktaufrechterhaltung zu älteren Gemeindegliedern erfolgt telefonisch oder postalisch. Das Schönste ist, dass wir die Kirche – unter Wahrung der Abstands- , Hygiene- und Lüftungsregeln – seit dem Beginn der Pandemie und durch die Hilfe eines mittlerweile breiter aufgestellten Teams an ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen nahezu durchgängig offen halten konnten. Mit äußerst positiver Resonanz der Besucher:innen.

Rogate-Frage: Welchen Unterschied nehmen Sie grundsätzlich im kirchlichen Umfeld im Vergleich zu anderen Arbeitgebern war?

Frederic Riedel: Der Umgang miteinander ist familiär, bedächtig und herzlich. Das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft sicherlich kein Selbstläufer.

Wissen Sie, es gibt Arbeitgeber:innen, die ihre Mitarbeiter:innen quasi im Monatstakt auf hippe Team-Building-Seminare beziehungsweise – Maßnahmen schicken, geradezu wissenschaftliche Ansätze dabei verfolgen, und in der Praxis bleibt dann schlussendlich oft Nichts von all dem hängen. Wasser predigen und Wein trinken. Mir ist aufgefallen, dass das hier –  vielleicht aus dem Selbstverständnis, dem äußeren Rahmen und dem eigenen Wertesystem heraus –  auch ganz wunderbar ohne funktionieren kann.

Rogate-Frage: Wenn sie die Kirche in Berlin und überhaupt neu erfinden und gestalten würden, wie sähe sie dann aus?

Frederic Riedel: Das wäre ziemlich anmaßend! (lacht)

Aber sicherlich muss die Kirche – wie jede andere Institution im Laufe der Zeit – in verschiedenen Bereichen umdenken, neue Anreize schaffen, Programminhalte diversifizieren, Barrieren abbauen, auf die Leute zugehen, noch bevor sie sich entfernen. Berlin per se ist eine Stadt mit sehr modernem und dynamischem Zeitgeist und da wirkt die Kirche auf viele schlichtweg etwas aus der Zeit gefallen. Vor allem auf die jüngeren Generationen, die Zukunft. Glaube allein ist kein Kriterium mehr für die Ausrichtung und Gestaltung des Lebens. Dabei gibt es in vielen Gemeinden so viel Potential, einzigartige Räume und Gebäude in Ihrer Nutzung so zu gestalten, dass sich wieder mehr Menschen angesprochen fühlen und ihren persönlichen Zugang finden. Ich finde es etwas kurios wenngleich interessant, dass im Subkultur-Jargon ausgerechnet der wohl berüchtigtste Berliner Techno-Club landläufig gerne als „Tempel“ oder „Church“ bezeichnet wird. Und auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick noch so skurril wirken mag: Vermutlich lechzt jeder Mensch nach einem Raum, einem Ort der Geborgenheit und Zuflucht, der Gemeinschaft, des Gesangs und der Feier und auch der Spiritualität – und offenbar bedeutet Kirche im Kern nach wie vor all das.

Rogate: Vielen Dank, Herr Riedel, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Fünf Fragen an: Dr. Andrea Schrimm-Heins, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg

Fünf Fragen an Dr. Andrea Schrimm-Heins, Leiterin der Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, über die Befreiung aus Rollenstereotypen, die Möglichkeiten der Bildungsarbeit in der Pandemie und Diversität der Lebensformen als kirchliche Herausforderung.

Dr. Andrea Schrimm-Heins (Bild: privat)

Andrea Schrimm-Heins stammt aus Stuttgart und studierte Evangelische Theologie und Latein in Tübingen und Bern sowie Soziologie in Bayreuth. Sie engagiert sich in verschiedenen frauenspezifischen Bezügen, zum Beispiel im Vorstand der Oldenburger „Stiftung Evangelische Frauen helfen Frauen“, im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen- und Gleichstellungsarbeit der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen und in der Frauenkommission der Norddeutschen Mission.

Rogate-Frage: Frau Dr. Schrimm-Heins, was genau verstehen Sie unter Evangelischer Frauenarbeit und wie funktioniert diese in der Oldenburger Kirche?

Andrea Schrimm-Heins: Unter Frauenarbeit verstehe ich die (Bildungs-)Arbeit mit Frauen in unserer Kirche. Frauen gestalten aktiv und ehrenamtlich auf vielfältige Weise Gemeinde, Kirche und Gesellschaft. Wir unterstützen und fördern dieses Engagement. Die Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg richtet sich mit ihren Angeboten an alle Frauen, bietet qualifizierte Fortbildungen an, lädt ein zur aktiven Mitarbeit, ermutigt zur Übernahme von Verantwortung in Kirche und Gesellschaft, ermöglicht Gemeinschaft und pflegt eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung.

Wir ermutigen Frauen, ihre Perspektiven einzubringen und für ihre Anliegen einzutreten. Wir möchten in unserer Arbeit etwas von der befreienden Botschaft des Evangeliums sichtbar werden lassen und den an unseren Angeboten teilnehmenden Frauen Orientierung in Sinn- , Glaubens- und Lebensfragen geben, Frauenbewusstsein stärken und zum Nachdenken anregen. Wir stehen für eine Theologie, die Frauen und Männer aus Rollenstereotypen befreit. Wir wollen den Blick schärfen für Ungerechtigkeit und gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen sowie die Vielfalt von Lebensformen und Kulturen.

Unser Themenspektrum reicht von der Weltgebetstagsarbeit über Tagesseminare zu theologischen oder ethisch relevanten Themen und Einkehrtage oder einwöchige Bildungsurlaube und Pilgertouren bis zu interkulturellen Begegnungen und dem „Fernstudium Theologie geschlechterbewusst“, bei dem wir mit den Evangelischen Frauen in Bremen und der Frauenarbeit der evangelisch-reformierten Kirche kooperieren.

Rogate-Frage: Was hat sich für Ihre Arbeit durch Corona verändert?

Andrea Schrimm-Heins: Unsere Arbeit lebt von der Begegnung und in Zeiten des Lockdowns sind diese vor Ort leider nicht möglich. Einige geplante Veranstaltungen finden daher als Online-Seminare statt. Das ist besser als nichts, aber es fehlt Wesentliches. Die meisten unserer Seminare haben einen spirituellen Rahmen, ermöglichen den persönlichen Austausch in kleinen Gruppen, sind geprägt von einem Wechsel an Methoden, die Kopf, Herz und Hände ansprechen. Viele dieser prägenden Elemente unserer Arbeit sind digital gar nicht erlebbar. Als wir im Sommer nach dem ersten Lockdown wieder mit Veranstaltungen vor Ort starten konnten, erlebten wir einen wahrhaften Andrang auf unsere Einladungen. Die Teilnehmerinnen erzählten dann auch zum Beispiel bei unseren Auszeit-Tagen im August im wunderschön gelegenen Blockhaus Ahlhorn, wie sehr sie die Gemeinschaft und den Austausch mit anderen Frauen vermisst haben und dass sie die Begegnungen dadurch wieder ganz besonders zu schätzen wissen. Was Frauen zur Zeit besonders zu schaffen macht, kommt bei fast allen Treffen zur Sprache, nämlich die Erfahrung, dass sich durch Corona längst überwundene Rollenmuster wieder eingeschlichen haben. Was sich durch Corona verbessert hat, ist natürlich der Umgang mit den sozialen Medien. Selbst Frauen, die bislang keine Erfahrungen mit Video-Chats hatten, haben sich technisch neu ausgestattet und eingearbeitet, um auch an Video-Formaten teilnehmen zu können zum Beispiel an den WGT-Bundeswerkstätten. Die Onlineveranstaltungen der Frauenarbeiten innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) werden auch über ihre landeskirchlichen Grenzen hinaus wahrgenommen. Das empfinde ich natürlich als große Bereicherung.  Positiv habe ich auch erlebt, dass verschiedene überregionale Gremien, bei denen Anfahrtszeit und Tagungsdauer bislang sehr unverhältnismäßig waren, nun online tagen und damit Zeit und Fahrtkosten eingespart werden können ohne an Effizienz einzubüßen.

Rogate-Frage: Die Evangelische Frauenarbeit engagiert sich im interreligiösen Dialog. Warum?

Andrea Schrimm-Heins: In unserer Zuwanderungsgesellschaft gilt es mit kulturellen und religiösen Unterschieden so umgehen zu lernen, dass ein gutes Leben für alle möglich ist. Es braucht Menschen, die Brücken bauen können. Interreligiöser Dialog ermöglicht es einander in gegenseitigem Respekt mit Interesse und Wertschätzung zu begegnen und so miteinander und voneinander zu lernen. Vor dem Hintergrund der je verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen der beteiligten Frauen bietet sich die Möglichkeit, sich mit gesellschaftlichen Fragenstellungen zum Beispiel über Freiheit und Tradition, über Religion und Emanzipation vertieft auseinanderzusetzen und Vorurteile abzubauen sowie Unterschiede zu respektieren.

Rogate-Frage: Sie haben das Projekt „Was glaubst du denn“ mit ins Leben gerufen. Was genau passiert da und wer kann daran teilnehmen?

Andrea Schrimm-Heins: Die Fortbildung zur Kulturmittlerin „Was glaubst du denn?“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bischöflichen Beauftragten für den interreligiösen Dialog im Offizialatsbezirk Oldenburg, der Frauenseelsorge und Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) im Offizialatsbezirk Oldenburg und der Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg. Sie orientiert sich am Modellprojekt „Kulturmittlerinnen“ der kfd auf Bundesebene, bei dem es jedoch nur um den christlich-islamischen Dialog ging. Wir haben unser Projekt auf alle drei abrahamitischen Religionen und auf das Yezidentum ausgeweitet, da in unserer Region auch viele yezidische Mitmenschen leben.

Die Grundidee war, dass aus jeder Religion beziehungsweise Konfession mindestens eine Frau im Planungsteam mitwirkt. Eingeladen waren Teilnehmerinnen aus den verschiedenen Religionen. Bei den Veranstaltungen ging es um die Grundlagen und kulturellen Hintergründe der jeweiligen Religionen und ganz besonders um den Austausch über den eigenen Glauben. Leider konnten wir nur das Startwochenende und einen Studientag vor Ort stattfinden lassen. Die nachfolgenden Termine mussten wegen der Pandemie durch Online-Veranstaltungen ersetzt werden. Das wurde als sehr schade erlebt, weil durch die direkten Begegnungen Interesse und Lust geweckt worden war auf weitere persönliche Gespräche und gemeinsames Erleben. Dennoch waren auch die Zoom-Treffen lebendig und fruchtbar. Die Fortbildungsteilnehmerinnen wurden dazu ermutigt, in religionsübergreifenden Kleingruppen interkulturelle Projekte zu planen und durchzuführen. Dafür gibt es schon vielfältige Pläne, die aber in der gegenwärtigen Situation noch nicht in die Tat umgesetzt werden konnten. Wir sind schon gespannt auf die Erfahrungen bei der Umsetzung, von denen wir bei einem Auswertungstag hören werden.

Rogate-Frage: Wie wird sich die Evangelische Frauenarbeit in Hinblick auf Diversität, Kirchenaustrittszahlen und dem resultierenden Sparzwängen und einer sich stärker spaltenden Gesellschaft entwickeln?

Andrea Schrimm-Heins: Die Diversität der Lebensformen und Lebensbedingungen erweist sich als immer größere Herausforderung bei der Ausgestaltung unserer Arbeit, da die traditionelle kirchliche Sozialisation und Bindung von Frauen nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Hauptmotivation zur Teilnahme an Veranstaltungen ist der Wunsch nach ganzheitlicher Bildung, Anregung, Austausch, Vernetzung, Unterstützung, Orientierung, Vergewisserung, gegenseitiger Stärkung und Gemeinschaft. Den veränderten Lebensbedingungen und Lebenslagen von Frauen muss durch vielfältige und neue Veranstaltungsformate und eine Ausweitung projektorientierter Angebote Rechnung getragen werden, wobei die Verknüpfung von Bildung und Freizeit sowie erfahrungsbezogene und auch erlebnispädagogische Elemente in Zukunft in der Frauenbildung eine noch größere Rolle spielen werden.

Die aus dem Rückgang der Kirchensteuern resultierenden Sparzwänge gefährden alle übergemeindlichen Arbeitsbereiche – also auch die Frauenarbeit – und stellen sie auf den Prüfstand. In vielen Landeskirchen erfuhr die Arbeit mit Frauen schon starke Kürzungen. Auch auf EKD-Ebene drohen dem Evangelischen Zentrum Frauen und Männer – zu dem unser Dachverband EFiD (Evangelische Frauen in Deutschland) gehört – Kürzungen, die langfristig zur Handlungsunfähigkeit führen würden. Aber Kirche braucht Räume für Geschlechterdialoge und geschlechtsspezifische Angebote. Ich hoffe, den Kirchenleitenden der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg ist bewusst, dass engagierte Frauen zum Fundament unserer Kirche gehören und Frauenarbeit unverzichtbar bleibt, um aktive Frauen zu unterstützen und auch neue für Kirche zu interessieren.  Evangelische Frauenarbeit muss sich in Zukunft weiter vernetzen, um ihre Stimme und Positionen in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen.

Rogate: Vielen Dank, Frau Dr. Schrimm-Heins, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Martin Niemöller: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist…“

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Martin Niemöller (1892 – 1984), evangelischer Pastor, ehemaliger Kirchenpräsident von Hessen-Nassau, 1937 – 1945 KZ-Häftling in Dachau.

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Kirchenbänke 2017 in der Christus-und Garnisonkirche Wilhelmshaven (Bild: Rogate-Kloster)

Fünf Fragen an: Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, EKBO

Fünf Freitagsfragen an Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über einen Digitalisierungsschub in der Kirche, Innovationen ohne Beschlussvorlagenketten und neue Wege der Seelsorge in der Pandemie.

Landespnlinepfarrer Andreas Erdmann (Bild: privat)

Andreas Erdmann ist in Berlin geboren, hat seinen Zivildienst in einem evangelischen Kindergarten in Bergfelde geleistet und ist anschließend wieder in Berlin zunächst in die Lehre gegangen und hat danach studiert. Er hat abgeschlossene Berufsausbildungen in den Berufen Fachinformatiker/Systemintegration und Fachinformatiker/Anwendungsentwicklung sowie zunächst Theologie und dann Religions- und Gemeindepädagogik studiert und schließlich sein Vikariat in Glienicke/Nordbahn gestaltet. Die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen liegt ihm besonders am Herzen.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Erdmann, was macht ein „Landesonlinepfarrer“?

Andreas Erdmann: Als Landesonlinepfarrer unterstütze ich Gemeinden und Kirchenkreise bei der Digitalisierung von Gottesdiensten, Andachten, Jugendtreffs, Kirchentouren und anderen Angeboten, berate bei der Digitalisierung der Verwaltung und koordiniere Projekte. Das Ziel dabei ist es, die Präsenz der Landeskirche im Netz zu erhöhen und damit digitale Gemeinschaft zu ermöglichen. Außerdem arbeite ich sehr eng mit den anderen Bereichen des Medienhauses der EKBO zusammen wie der Öffentlichkeitsarbeit, dem Rundfunk und auch dem Homepage-Team, aber auch zum Beispiel der Pressearbeit und dem Wichernverlag, hier vor allem mit der Wochenzeitung „Die Kirche“. Außerdem habe ich natürlich auch eigene Projekte, wie die Gestaltung einer virtuellen Online-Kirche im Gameplay-Format.

Rogate-Frage: Wie ist es zur Einrichtung einer solchen Stelle gekommen und was soll damit erreicht werden?

Andreas Erdmann: Es gab in den vergangenen Jahren bereits ähnliche Stellen, mit denen bereits ein bisschen ausprobiert worden ist, was angenommen wird und was nicht und wo überhaupt der Bedarf liegt. Dass ich jetzt bereits schon seit März auf dieser Stelle mit 100 Prozent (Vollzeitstelle) arbeite, liegt aber sicherlich auch an der außergewöhnlichen Situation dieser Tage, die insgesamt zu einem Digitalisierungsschub in der Kirche beigetragen hat und die Notwendigkeit eines Landesonlinepfarrers als Ansprechpartner für die Menschen vor Ort deutlich hervorhob.

Rogate-Frage: Wie digital ist die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und wohin soll die Reise gehen?

Andreas Erdmann: Wer ist schon „die Landeskirche“? Die Verwaltung hat hier noch viel Luft nach oben. Andere sind bereits schon länger auf der Reise. Ich denke da vor allem an viele Gemeinden und Kirchenkreise, aber auch Einzelpersonen, die bereits lange vor der Pandemie insbesondere in den Sozialen Medien sehr aktiv waren und es immer noch sind. Das wurde bei der ersten Online-Konferenz der EKBO am 2. Mai deutlich. Von solchen Treffen wird es zukünftig mehr geben: Das nächste Treffen findet am 2. Juni und fortan monatlich statt. Hier geht die Reise also vor allem hin: zu mehr Vernetzung und einem besseren Austausch untereinander. Außerdem setze ich mich dafür ein, dass die einzelnen Aktiven auch entsprechende Wertschätzung und Unterstützung erfahren, indem zum Beispiel auch Stellenanteile für die Arbeit im Digitalen Raum bei der Besetzung von neuen Stellen gleich mitbedacht werden und Schulungen etwa für den Umgang mit Trollen und Hate-Speech angeboten werden.

Rogate-Frage: Was ist anders in der digitalen Verkündigung und was sollte man dort nicht tun?

Andreas Erdmann: Das Evangelium ist dasselbe, ob analog oder digital, aber die Teilhabenden sind mitunter andere und das sollte sich in der Ansprache und Auslegung entsprechend bemerkbar machen. Wenn ich einen Gottesdienst ins Netz stelle und mich über die überregionale Beteiligung freue, dann darf ich mich inhaltlich nicht auf lokale Besonderheiten und Gepflogenheiten konzentrieren. Zudem sind mir diejenigen gar nicht bekannt, die ich tatsächlich erreiche. Im Gottesdienst vor Ort sehe ich, wer da in den Bankreihen sitzt und kann meinen Gottesdienst, wenn ich so flexibel bin, entsprechend anpassen. Im Internet kann es sein, dass zum Beispiel ein Großteil Neugieriger mit Erstbegegnungscharakter zuschauen. Deshalb sollte man noch dringender auch auf niedrigschwellige Zugänge achten, insbesondere was die Liturgie betrifft.

Rogate-Frage: Was hat sich durch die Corona-Pandemie in der digitalen Kirche verändert und gibt es für Sie positive Beispiele?

Andreas Erdmann: Es haben sich seither deutlich mehr Menschen auf den Weg gemacht, sich in den Digitalen Medien auszuprobieren. Leider haben einige auch schon kundgetan, dass von ihnen ganz klar erwartet wird, dies einzustellen, wenn die analogen Veranstaltungen wieder stattfinden können oder dass sie die digitalen Angebote irgendwie zusätzlich in ihrer Freizeit stemmen müssten. Schön wäre es hier, wenn die guten Erfahrungen genutzt werden würden, um insgesamt in Zukunft beide Arbeitsbereiche mit im Blick zu haben. Ebenfalls aufgefallen ist mir ein Abbau von Bürokratie in den ersten Wochen der Pandemie. Viele Innovationen wurden ohne lange Beschlussvorlagenketten neu ausprobiert und rasch umgesetzt. Gute Beispiele sind hier Telefongottesdienste, ein Autogottesdienst und natürlich viele Veranstaltungen, die gar nicht Gottesdienste betreffen, wie vor allem auch solidarisch-fürsorgliche Projekte von zum Beispiel „Jungen Gemeinden“, die sich digital vernetzt absprechen, um für ältere einzukaufen. Ebenfalls erwähnen möchte ich auch die stärkeren Angebote von Chat- und E-Mail-Seelsorge sowie Seelsorgegespräche, die in den Sozialen Medien stattgefunden haben. Diese unkomplizierte Art, Kirche voranzubringen, würde ich mir auch für die Zukunft wünschen.

Rogate-Frage: Wenn die Digitalisierung gerade einen so großen Aufschwung erlebt, gibt es dann andere Felder, die an Beachtung verlieren?

Andreas Erdmann: Solche Themenfelder gibt es sicherlich, wobei diese freilich nicht an Relevanz verlieren, sondern gegenwärtig schlicht weniger stark im Fokus bleiben. Ich nehme wahr, dass vor der Pandemie deutlich häufiger auch in den Medien Krisen wie der Klimawandel oder die Migrationspolitik thematisiert worden sind. Die Menschen, die in großer Not in Flüchtlingslagern unter miserablen Bedingungen überdauern, ist nicht weniger geworden und der Klimaschutz nicht minder wichtig. Die EKBO bringt sich in diesen Fragen deshalb nach wie vor ein, wie viele andere Aktive ebenfalls. Es fehlt hier allerdings häufig an der Unterstützung durch die Diskussion in der Öffentlichkeit. Denn die Pandemie nimmt, selbst wenn gar nichts wirklich Neues zu berichten ist, in der „Tagesschau“ und anderen Nachrichtensendungen den deutlich größten Teil ein und veranlasst sogar zu Sondersendungen. Das gilt für andere Medien in der Regel ebenso. Die Ursache für dieses „Weniger an Beachtung“ ist also weniger der Digitalisierung anzulasten als vielmehr der Informationspolitik in den öffentlichen Medien.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Erdmann, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier:

  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Gottesdienst zum Sonntag Rogate. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Donnerstag, 18. Juni 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Hohenkirchen/Friesland.
  • Fällt wegen der Corona-Pandemie aus: Freitag, 17. Juli 2020 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin 2020.
  • Donnerstag, 27. August 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Donnerstag, 24. September 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Sonntag, 27. September 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum St. Michaelisfest und zum Monat der Diakonie. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin u.a.. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.