Fünf Fragen an: Pfarrer Joachim Lenz, Bündnis United4Rescue

Fünf Fragen an Pfarrer Joachim Lenz, Sprecher des Bündnisses United4Rescue, über die Untätigkeit maltesischer Behörden in der Osternacht, die Indienststellung der „Seawatch 4“ und die Hoffnung auf die Vermittlung durch die europäische Kommission.

Pfarrer Joachim Lenz (Bild: Stadtmission Berlin)

Joachim Lenz ist 58 Jahre alt und war Dorfpfarrer an der Mosel, Kirchentagspastor und Direktor der Berliner Stadtmission. Ab Sommer soll er als evangelischer Propst in Jerusalem leben und arbeiten. Lenz engagiert sich als ehrenamtlicher Pressesprecher im Verein „Gemeinsam retten e.V.“, der das Bündnis United4Rescue organisiert.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Lenz, Sie haben in der Osternacht mit Sorge auf Ereignisse im Mittelmehr geblickt. Was ist dort passiert?

Joachim Lenz: Vier Boote mit insgesamt über 250 flüchtenden Menschen versuchten, Europa zu erreichen. In der Osternacht baten sie telefonisch um Hilfe, weil ihren Booten die Luft ausging. Die zuständigen Behörden in Malta wurden informiert, reagierten aber in keiner Weise. Ein Aufklärungsflugzeug des europäischen Grenzschutzes Frontex überflog das Seegebiet und machte die Boote aus, leitete aber keine erkennbaren Rettungsaktionen in die Wege.

Rogate-Frage: Welche Folgen ergeben sich für Sie daraus?

Joachim Lenz: Als Bündnis United4Rescue haben wir die Informationen, die über die Seenotrettungsorganisationen Alarm_Phone und Sea-Watch bei uns ankamen, an die Öffentlichkeit weitergeleitet. Es gibt ja klare Regelungen für die Seenotrettung: Es muss geholfen werden! Das ist im Völkerrecht, im internationalen Seerecht und in der UN-Menschenrechtskonvention eindeutig geregelt und natürlich auch für Malta, Italien und die gesamte Europäische Union verbindlich. Leider wird schon seit langem immer wieder nicht nach den gesetztlichen Vorgaben gehandelt. Wir meinen, dass die Öffentlichkeit das wissen muss, und wir hoffen, dass Politikerinnen und Politiker in unserem Land diese Informationen nutzen, um die Verantwortlichen zum Handeln zu bringen.

Rogate-Frage: Welche Aufgaben hat das Bündnis United4Rescue und was verbindet es mit der Seawatch-Organisation?

Joachim Lenz: Sea-Watch ist eine Hilfsorganisation, die mit anderen zivilen Seenotrettern wie Sea Eye oder Lifeline Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahrt. Seenotrettung ist eine staatliche Aufgabe, die bis vor gut einem Jahr auch vom europäischen Grenzschutz wahrgenommen wurde; im Rahmen des EU-Projektes „Sophia“ wurden zigtausende Flüchtlinge gerettet. Die zivilen Seenotretter haben das unterstützt. Trotzdem sind seit 2015 weit mehr als 20.000 Menschen an unserer europäischen Grenze ertrunken. Seit langem ist es nun leider so, dass der EU-Grenzschutz es zu vermeiden versucht, auch nur in die Nähe von Flüchtlingsbooten zu kommen. Nur noch die zivilen Seenotretter kommen denen zu Hilfe, die bei ihrer Flucht auf dem Meer unterzugehen drohen. Das Bündnis United4Rescue unterstützt diese Seenotrettung. Wir haben dazu Geld gesammelt und ein ehemaliges Forschungsschiff ersteigert, das als zusätzliches Rettungsschiff unter dem Namen „Sea-Watch 4“ möglichst bald auf Mission gehen soll. Außerdem unterstützen wir Seenotrettungsorganisationen und werben dafür, die zivile Seenotrettung nicht länger zu kriminalisieren. Wir fordern faire Asylverfahren – kurz, wir wollen schlicht, dass geltendes Recht wieder umgesetzt wird. Und den Kommunen, die Gerettete aufnehmen wollen, sollen das als sogenannte Sichere Häfen auch dürfen: Das muss der Bundesinnenminister aber erst rechtlich ermöglichen.

Rogate-Frage: Was entgegnen Sie denen, die behaupten, dass durch die Seenotrettung Anreize für die Flucht von Migranten über das Meer geschaffen werden?

Joachim Lenz: Die hohe Zahl der Toten zeigt, dass Seenotrettung leider nicht sicher funktioniert. Das wissen doch auch die, die sich in unsichere Boote setzen! Es gibt mehrere unabhängige Studien, die den angeblichen „Pull-Effekt“ der Seenotrettung widerlegen. Wer es über lange Fussmärsche an die afrikanische Nordküste geschafft hat und dort in einem KZ-ähnlichen Flüchtlingslager mitten im Bürgerkrieg lebt, versucht Europa zu erreichen – unabhängig davon, ob zivile Rettungsschiffe unterwegs sind. Außerdem: Selbst wenn das Arguemnt stimmen würde (was ich bestreite!), hätten die Menschen dennoch jedes Anrecht auf Rettung! Wer bei uns angetrunken mit seinem Auto Menschen totfährt und sich dabei selbst verletzt, wird doch gerettet und im Krankenhaus versorgt. Menschenrechte wie das Recht auf Leben sind nicht abhängig von irgendwelchen moralischen, politischen oder pädagogischen Überlegungen. Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat und wird die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit und die Seenotrettung im Mittelmeer haben?

Joachim Lenz: Unser Bündnisschiff, die Sea Watch 4, sollte jetzt eigentlich schon auf See sein. Sie liegt aber im spanischen Burriana, dort konnten die letzten erforderlichen Umbauten nicht fertiggestellt werden, weil Spanien Fabriken und auch Häfen geschlossen hatte. Wir hoffen sehr, dass das Schiff bald losfahren und helfen kann. Wenn Menschen aus Flüchtlingsbooten aufgenommen werden, müssen dann natürlich alle auch bei uns erforderlichen Schutzmaßnahmen eingehalten werden: Das ist aufwändig und erschwert die Hilfe. Noch schlimmer ist aber, dass die Staaten mit sicheren Häfen (vor allem Italien und Malta) die Pandemie zum Anlass genommen haben, die Aufnahme Geretteter erst einmal kategorisch abzulehnen. Dabei kann natürlich auch eine noch so schwierige Situation nicht die Menschenrechte außer Kraft setzen. Wer ehrlich ist, weiß und sagt das auch. Wir setzen darauf, dass die europäische Kommission hier vermittelt und hilft.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Lenz, für das Gespräch!

Mehr Infos zum Bündnis United4Rescue finden Sie hier. Das Rogate-Kloster wie auch der Förderverein Rogate-Kloster e.V. sind mit fast 400 anderen Organisationen Mitglied im Bündnis.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa einladen können. Die nächsten geplanten Termine finden Sie hier.

Pressespiegel: „Wangerland-Sofa in Hooksiel – Verlust der Heimat ist schwere Last“

Nordwest-Zeitung vom 22. Februar 2020

„Bischof Adomeit nahm am Donnerstagabend im Walter-Spitta-Haus Hooksiel auf dem „Wangerlandsofa“ Platz. Im Rahmen des Demokratie-Projekts „Miteinander reden“ hatte Bruder Franziskus vom Rogate-Kloster Berlin das Thema „Flucht“ in den Mittelpunkt gestellt. „Was heißt das, zu flüchten, übers Meer zu fahren?“ – diese Frage beantworteten Sahar und Mohammed…“

Den Artikel „Wangerland-Sofa In Hooksiel – Verlust der Heimat ist schwere Last“ von Melanie Hanz finden Sie hier.


Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen!

  • Sonnabend, 14. März 2020| 18:00 Uhr, Mitwirkung (Predigt Br. Franziskus) in der Vorabendabendmesse. Ort: Sankt Bonifatius-Kirche Varel, Bürgermeister-Heidenreich-Str. 4, Varel.
  • Sonntag, 15. März 2020| 9:30 Uhr, Mitwirkung (Predigt Br. Franziskus) in der Heiligen Messe. Ort: Sankt Bonifatius-Kirche Varel, Bürgermeister-Heidenreich-Str. 4, Varel.
  • Sonntag, 15. März 2020| 11:00 Uhr, Mitwirkung (Predigt Br. Franziskus) in der Heiligen Messe. Ort: Heilig-Kreuz-Kirche, Jaderberg.
  • Donnerstag, 19. März 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Donnerstag, 23. April 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum Sonntag Rogate. Mit Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.

Wangerlandsofa mit Bischof Adomeit: „Warum die Kirchen Seenotrettung wollen“

Der Oldenburger Bischof Thomas Adomeit wird am Donnerstag, 20. Februar 2020, Gast auf dem „Wangerlandsofa“ sein. Die dritte Veranstaltung der Reihe im Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel, fragt „Warum sich die Kirchen in der Seenotrettung engagieren“. Adomeit wird zudem über Fluchtursachen und „United 4 Rescue“ referieren. Über 300 Organisationen, Kirchen und Initiativen haben sich dem Bündnis angeschlossen und vor kurzem ein Schiff für die Rettung Geflüchteter im Mittelmeer erworben. Aus der Region haben sich der Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, die Kreisdiakonie und die Stiftung Diakonie am Meer angeschlossen.

Fachbereichsleiterin Migration Vanessa Wolf, Diakonie Friesland-Wilhelmshaven, wird die Ausführungen des Bischofs ergänzen. Der von Bruder Franziskus moderierte Abend beginnt um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Das Rogate-Kloster St. Michael, das Diakonische Werk Friesland-Wilhelmshaven, die Ev.-luth. Kirchengemeinde Pakens-Hooksiel und die Katholische Erwachsenenbildung Wilhelmshaven-Friesland Wesermarsch e.V. (KEB) kooperieren seit Herbst 2019 im Demokratie-Projekt „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“.

Informationen: wangerlandsofa.de

Seenotrettung: Rogate-Kloster schließt sich Bündnis „United4Rescue“ an

Das Rogate-Kloster ist dem Bündnis „United4Rescue“ beigetreten. Damit stellt sich die ökumenische Gemeinschaft hinter das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiierte Projekt zur Rettung von Menschen in Seenot im Mittelmeer. „Wir unterstützen United4Rescue, weil für uns geistliches Leben mit tätiger Nächstenliebe, dem Einsatz für Gerechtigkeit, Menschenwürde und dem Recht auf Leben einhergeht“, so Br. Franziskus.

Über 300 Organisationen, Landeskirchen, Hochschulen und Kirchengemeinden sind dem im Dezember 2019 gegründeten Bündnis beigetreten. Der Förderverein des Rogate-Klosters gehört seit Ende vergangenen Jahres dazu. Ziel der Engagierten ist es, ein eigenes Schiff zur Rettung von Menschen in Seenot im Mittelmeer einzusetzen. Weitere Informationen: united4rescue

Interreligiöse Ausstellung zum Monat der Diakonie: „Glaube, Liebe, Hoffnung“ im Rogate-Kloster

Zum Monat der Diakonie 2019 sind in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin-Schöneberg Bilder und Exponate eines interreligiösen Ausstellungsprojektes zu sehen. Über 180 Fotomotive und Texttafeln dokumentieren die religiöse Vielfalt einer Stadt am Beispiel von Wilhelmshaven sowie das Verbindende der verschiedenen Religionsgemeinschaften und deren Gemeinden im Alltag. Ziel ist die Verständigung zwischen den Angehörigen verschiedener Weltanschauungen sowie das Motto des Diakonie-Monats „Haltung zeigen. Zusammenhalt fördern“.

Der Fotograf Arne Schulz hatte für das Ausstellungsprojekt im Sommer an der Nordsee verschiedene Orte religiöser Praxis aufgesucht und seine Eindrücke mit beeindruckenden Bildern festgehalten. Beispielsweise ist das Leben von Schwestern des Schönstattordens, einer buddhistischen Meditation oder vietnamesische Migranten im Gebet zu sehen. Texte beschreiben zudem Alltag, Ritus, Orte, Kleidung, Klang und Leben der verschiedenen Glaubenswelten.

Ausstellung im Rogate-Kloster (Bild: Marcel Talartsik)

Ausstellungsort ist das Rogate-Kloster in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg. Öffnungszeiten sind sonnabends, 11:00 bis 15:00 Uhr, sowie vor und nach den Gottesdiensten. Bis zum 13. Oktober ist die Ende September mit einem Gottesdienst eröffnete Schau zu sehen. Der Eintritt ist frei. Kirchengemeinde und Rogate-Kloster haben für die Ausstellung eine Kooperation verabredet.

Zudem wird als Teil des Projektes „(M)eine Sicht auf Wilhelmshaven“ gezeigt. Das integrative Bilderprojekt von Migranten und länger dort lebenden Menschen geht der Frage nach, wie verschieden Menschen auf ihre zum Teil neue Heimat sehen und leben. Als Schirmherr wurde der in Wilhelmshaven geborene Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, gewonnen.

Die Ausstellung „Glaube, Liebe Hoffnung – praxis pietatis“ ist ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft „Religionenhaus Wilhelmshaven“ und des Demokratieinitiative „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ des Förderprogramms „MITEINANDER REDEN“ und aus der im Küstenmuseum Wilhelmshaven bis zum 15. September gezeigten Sonderschau „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade“ hervorgegangen. Die Schau wird gefördert vom Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, Aktion Mensch, dem Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der Volksbank Wilhelmshaven eG, der Ja-Wir-Stiftung, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven, der Dr. Buhmann Stiftung und dem Rogate-Kloster Sankt Michael.

Erreichbar ist die Zwölf-Apostel-Kirche mit öffentlichen Verkehrsmitteln: über die U-Bahnhöfe: Kurfürstenstraße (U1) Nollendorfplatz (U1, U2, U3, U4). Oder per Bus: Kurfürstenstraße (M85, M48), Nollendorfplatz (M19, 187) und Gedenkstätte Dt. Widerstand (M29). Fahrrad- und PKW-Stellplätze vor dem Gemeindezentrum und in der Genthiner Straße. Adresse: An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Foto-Ausstellung „Glaube, Liebe, Hoffnung. (M)eine Sicht auf Wilhelmshaven.“ ab dem 1. Advent

RogateKl_Postkarte A6 hoch_Wanderausstellung_151118-2Viele Menschen, die als Geflüchtete nach Wilhelmshaven kamen, haben in der Jadestadt ein neues Zuhause gefunden. Nordseestadt und Küstenregion sind ihnen zur Heimat geworden, in der sie sich eine neue Lebenswelt aufgebaut haben und diese gestalten. Doch mit welchem Blick sehen die Neubürger ihre neue Umgebung und wie nehmen sie die Stadt am Meer wahr? Gibt es Unterschiede zu Wilhelmshavenern, die vor Ort schon lange leben?

Die Flüchtlingsarbeit des Kirchenkreises Friesland-Wilhelmshaven entwickelte aus dieser Idee ein Fotoprojekt. Mit Unterstützung der Nordwest-Zeitung, der Diakonie Friesland-Wilhelmshaven, der Agentur Nolte Kommunikation und des Rogate-Klosters Sankt Michael konnte das Fotoprojekt „Glaube, Liebe, Hoffnung. (M)eine Sicht auf Wilhelmshaven“ realisiert werden. Als Schirmherr wurde der in Wilhelmshaven geborene Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, gewonnen.

Zehn geflüchtete und zehn in Wilhelmshaven geborene oder schon länger lebende Menschen wurden gebeten, ihre Sicht auf die Stadt festzuhalten. Mit Einmalkameras machten sie sich auf den Weg und schauten, welche Orte sie in dieser Ausstellung teilen wollen. Die Bilder sollen zeigen, was den Menschen wichtig ist – wie sie ihre Stadt sehen und was sie mögen. Die Aufnahmen zeigen u.a. Momentaufnahmen aus den Stadtteilen, vom Strand und Alltagsleben.

Die Ausstellung wird in der Friedenskirche erstmalig gezeigt und im Gemeindegottesdienst zum 1. Advent, am 2. Dezember, 10 Uhr, durch Pastor Kai Wessels eröffnet. Weitere Öffnungszeiten sind ab dem 3. Dezember von Montags bis Freitags von 9:00 bis 12:00 und von 14:00 bis 16:00 Uhr.

Mitte Dezember endet die Ausstellung in Fedderwardergroden. In Wilhelmshaven-Neuengroden ist sie dann in der Thomaskirche ab dem 5. Januar zu sehen.

 

Fünf Fragen an: Lutz Müller, Pater der Societas Jesu

Fünf Freitagsfragen an Pater Lutz Müller, Societas Jesu, über seinen Weg in den Orden, den Märtyrer Frans van der Lugt und eine bunte Willkommenswohngemeinschaft in Essen.

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Pater Lutz Müller (Bild: Ulrich Püschmann)

Lutz Müller SJ stammt aus der Neustadt/Weinstraße in der Rheinpfalz, wurde Jesuit und Priester, studierte in München, Frankfurt und Chicago. Er engagiert sich für Menschen in Notlagen (psychisch, physisch, spirituell).

Rogate-Frage: Pater Müller, warum sind Sie Priester, Ordensmann und Jesuit geworden?

Lutz Müller: Mein geistlicher Weg führte über das Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an der Weinstraße. Bei den Herz-Jesu-Priestern sah ich, wie ein überzeugendes Engagement für die Menschen aussah, grundgelegt durch eine Ausrichtung auf Gott, einer Arbeit in der Kirche und einem überzeugenden Lebensstil. Diese Männer hatten eine enorme Ausstrahlung! Ebenso lernte ich die KSJ (Katholische Studierende Jugend im BDKJ/Bund der katholischen Jugend) kennen, was eine einzigartige Erfahrung war, weil meine Kirche und mein Freundeskreis sich deckten. Wir feierten nicht nur viele Partys und machten tolle Ausflüge, sondern wir bereiteten auch Jugendgottesdienste vor, mit denen ich mich identifizieren konnte; und wir hatten viele Gruppenstunden, die richtig Spaß machten. Zusätzlich waren diese Gruppenstunden informativ, lernten wir doch viel über die Beziehungen zwischen reichen und armen Ländern. Die Themen Entwicklungshilfe und kirchliche Initiativen, Welthandel und Gerechtigkeit, Kirchenbilder und Glaubenswelten spielten eine große Rolle. Ich unterschätzte die Prägekraft dieser Aktivitäten völlig.

Als ich nämlich einige Zeit später eine Lehre zum Bankkaufmann in einer großen Geschäftsbank begann, wurde mir der Unterschied in den Wertewelten sofort klar. Ansagen wie „Das persönliche Konto ist das Persönlichste des Menschen!“, oder „Wir wollen das Beste unserer Kunden, nämlich ihr Geld!“ zeigten mir, dass ich in die Welt geraten war, die für die Ausbeutung der Armen in der Dritten Welt mitverantwortlich war. Auf einmal hieß es Umsatzsteigerung statt Solidarität und Profitorientierung anstelle von Nächstenliebe. Mir wurde klar: Ich hatte die Seiten gewechselt! Plötzlich arbeitete ich bei denen, die die Monokulturen in der Landwirtschaft förderten, Atomkraftwerke finanzierten und mit denjenigen politischen Eliten zusammenwirkten, die Demokratie aushebelten und die Rechte von Ureinwohnern, Slumbewohnern und Armen unterdrückten.

Ich geriet so in eine persönliche Krise. Zunächst musste ich mir klarmachen, dass eine abgebrochene Banklehre weder eine Antwort darstellte, noch irgendjemandem nützen würde. Also machte ich mit der Ausbildung weiter, besann mich aber auf meine Erfahrungen im Herz-Jesu-Kloster und begann, die Ordenslandschaft in Deutschland zu untersuchen. Ich war auf der Suche nach einer Lebensform, die meinen Glauben und die Fragen nach Gerechtigkeit miteinander vereinbaren konnte. Bei meinen Sondierungen unter den Männerorden stieß ich bald auf die Jesuiten. Ich war überzeugt, dass sie eine Perspektive für mein Leben darstellten. Nach dem Ende der Banklehre trat ich dort ein.

Ich wurde also zuallererst Ordensmann. Bei den Jesuiten sah ich meine Anliegen für Glaube und Gerechtigkeit, Spiritualität und Engagement, als Kirche um der Menschen willen, gut aufgehoben.

Der Jesuitenorden heißt Societas Jesu (daher das Ordenskürzel SJ), was auf Deutsch bedeutet: Gesellschaft Jesu. Die Männer in diesem Orden wissen sich zu Gefährten Jesu berufen. Als solche Männer sind sie zum Dienst an Anderen ausgesandt. Die Priesterweihe ist ein Ausdruck dieser Berufung. Sie ist eine Form des Dienstes in der Kirche. Ein solcher Gefährte Jesu zu sein, macht mich glücklich.

Rogate-Frage: Wie kommt es, dass sich Ihr Orden weltweit mit großem Engagement für Geflüchtete einsetzt?

Lutz Müller: Unser Ordensgeneral P. Pedro Arrupe SJ gründete 1980 den Jesuit Refugee Service (JRS), den Jesuitenflüchtlingsdienst. Dieser sollte auf die Zeichen der Zeit antworten, das heißt akut auf die Nöte der vietnamesischen Boat People eingehen. Unser Ordensgründer, Ignatius von Loyola (1491-1556), ließ sich auch zu seinen Lebzeiten von den Anforderungen seiner Zeit leiten. Er hatte nicht geplant, die Katholische Reform in Europa zu unterstützen, denn ihm hatte eher ein Wanderpredigerleben seiner Ordensbrüder vorgeschwebt. Aber die Kirche in Europa stöhnte unter den Folgen der Reformation, und sie litt unter ihren eigenen Defiziten. Ignatius erkannte, dass gut ausgebildete Priester hier helfen könnten. Also änderte er sein Konzept. Entsprechend formulierten die Jesuiten im 20. Jahrhundert, dass Jesuiten eher dorthin gehen sollten, wo andere nicht hingehen konnten oder wollten. Diese Haltung führte zur Gründung des JRS und zum Engagement für Geflüchtete. Diese Parteinahme geschieht auf verschiedenen Ebenen:

  1. Durch direkten Kontakt mit Flüchtlingen in den Lagern an der Front,
  2. die Sorge um menschliche Entwicklung, Ausbildung und Förderung in den Lagern (Erstaufnahme, Transit, Abschiebehaft),
  3. anwaltliche Vertretung und juristische Hilfen in Drittländern.

Das spiegelt das Grundanliegen des JRS wider: Serve, Accompany, Advocate.

Rogate-Frage: Sie haben eine Willkommenskommunität in Essen gegründet. Was steckt hinter dieser Idee? Warum haben Sie das Haus nach Pater Frans van der Lugt benannt?

Lutz Müller: Pater Frans van der Lugt SJ war ein Mitbruder aus den Niederlanden, am 10. April 1938 geboren in Den Haag. Er trat 1959 in den Orden ein, absolvierte von 1964-1966 seine Arabischstudien in Beirut/Libanon, wurde 1971 zum Priester geweiht und lebte von 1966 – 2014 in Damaskus und Homs, Syrien. Er war in Amsterdam aufgewachsen und ausgebildeter Psychotherapeut. In Homs arbeitete er unter anderem mit Menschen mit Behinderungen, obdachlosen Jugendlichen und Kindern mit seelischen Schwierigkeiten. Dort gründete der Jesuit in den 1980er Jahren das Zentrum Al-Ard (Die Erde), in der junge Menschen mit seelischen Problemen und Menschen mit Behinderungen in der Landwirtschaft arbeiten konnten. Damit eröffnete er in einer Umgebung, in der Menschen mit Behinderungen teilweise versteckt wurden, vielen von ihnen und ihren Familien neue Lebensperspektiven. Zur Gemeinschaft gehörte ein spirituelles Zentrum als Ort des interreligiösen Dialogs.

So half er Menschen, miteinander als Christen und Muslime unterwegs zu sein. Mit seiner Wanderbewegung „Al Maseer“ (Der Weg) organisierte „Abuna Frans“ (Unser Vater Frans = Pater Frans) regelmäßig mehrtägige Wanderungen, in der er Menschen unterschiedlicher Herkunft und politischer Ansichten, verschiedenen Glaubens und sozialen Status zusammenbrachte. Er war davon überzeugt, dass die Menschlichkeit und das gemeinsame Erleben der Natur alle mehr verbinden und letztlich stärker sind als alles, was wir Menschen uns an Trennendem ausdenken. „Am Ende jeder Wanderung stellen wir fest, dass es keinen Menschen gibt, der nicht geliebt ist“, sagte er.

Nach Beginn des Kriegs in Syrien blieb Frans van der Lugt in Homs, auch nachdem die UNO alle europäischen Staatsangehörigen aus der umkämpften Stadt evakuiert hatte, und die katholische Gemeinde statt früher 10.000 nur noch rund 60 Angehörige umfasste. Nach der Zerstörung von Al-Ard lebte er in der Altstadt und versuchte, Lebensmittel für die hungernden Einwohner der belagerten Stadt zu organisieren. „Die Menschen in Syrien haben mit mir ihre Schätze und ihre Freude geteilt, jetzt teile ich auch ihre Leiden und ihre Trauer“, sagte Frans van der Lugt über seine Entscheidung, in Homs zu bleiben. Am 7. April 2014 wurde er von maskierten Männern aus seiner Unterkunft in der Ordenszentrale gezerrt und auf der Straße mit gezielten Schüssen getötet.

Als Mann des Friedens und der Verständigung, der bis zuletzt nicht Partei für eine politische Seite einnahm, war er in Syrien sehr bekannt und bei vielen Menschen sehr beliebt. Sein Tod wurde von vielen Syrern, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, in und außerhalb Syriens sehr betrauert.

Seine Idee, über das gemeinsame Wandern in der Natur Liebe und Frieden untereinander zu fördern, lebt durch seine Freunde aus Homs jetzt auch in Deutschland und Europa weiter: Jährlich laden sie alle Interessierten zum „FransWandern“ ein.

Dieser Mann mit all seinen Facetten scheint uns ein gelungenes Vorbild zu sein für Verständigung, Kommunikation und Versöhnung. Ein von ihm überliefertes Motto lautet: „Ich sehe keine Christen und Muslime, ich sehe nur Menschen!“ Ein solches Leitmotiv eignet sich sehr für das Abuna-Frans-Haus!

Nun bauen wir in Essen auch einen solchen Ort auf. Unter einem Dach leben Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Religionen, Konfessionen, Nationalitäten und Sozialisationen zusammen. Die Form ist die einer Wohngemeinschaft, einer WG. Das heißt wir haben keine Angestellten, sondern alle Arbeiten im und rund ums Haus werden von allen Bewohnern getragen.

Rogate-Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben und welche Herausforderungen begegnen Ihnen?

Lutz Müller: Wir wollen die Vielfalt in Religion, Lebensstil, Herkunft und Kommunikation leben und nicht einfach nur den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen. Wir empfinden dies selbst als ehrgeizig, die Verschiedenheiten auszuhalten, zu tolerieren, wertzuschätzen und einzubringen. Unterschiede dürfen sein und werden nicht schnell aufgelöst. Das ist manchmal anstrengend. Es kostet Kraft, immer wieder Alltägliches zu erklären, kulturelle Barrieren wahrzunehmen und auszuloten. Während wir beiden Jesuiten natürlich Leitung praktizieren, bieten wir den Geflüchteten die Beziehung zu uns an, um sich besser zu integrieren. Wir begleiten Lernprozesse in Sprache, Kultur, Ausbildung, Festtraditionen und Alltag. Dazu kommen die in WGs üblichen Differenzen mit Blick auf Sauberkeit, Pünktlichkeit, Hygienestandards, Ordnungsvorstellungen. Wir leben in einer Wohngemeinschaft in Deutschland!

Wesentlich verkompliziert wird dies dadurch, dass wir mit traumatisierten Menschen zusammenleben. Fast alle haben Schlafschwierigkeiten, weil die Erinnerungen an Krieg, Flucht und Vertreibung sich nicht nur ins Bewusstsein eingebrannt haben, sondern auch noch über die sozialen Medien, die Smartphones und Tablets immer wieder aufgefrischt werden.

Und so ist das Zusammenleben mit fünf Herkunftskulturen eine Herausforderung! Mit uns leben zwei Guineer, zwei Kongolesen, zwei Syrer, ein Libanese, ein Iraner, zusammen also acht Männer. Die Altersspanne deckt ein Spektrum von 19 bis 68 Jahren ab. Die noch nicht erworbene Sprachkompetenz bildet natürlich eine Hürde. Vieles Interessante kann dadurch gar nicht besprochen werden, wie zum Beispiel religiöse Grundfragen. Sodann kommen die Unsicherheiten im Status dazu. Die Wartezeiten auf die Anhörung durch das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) sind sehr lang. Wenn es zu einer Ablehnung oder anderen Komplikationen kommt, stellen wir einen Rechtsbeistand zur Verfügung. Die Situation der Herkunftsfamilien in den Heimatländern beunruhigt die Bewohner zusätzlich. Kriegerische Ereignisse, Bürgerkriegszustände, Krankheiten bei zerstörter Infrastruktur vor Ort binden viel Aufmerksamkeit und ziehen sie von hier ab. Wenn dann auch noch eine fremde Kultur wahrgenommen, eine fremde Sprache gelernt und die Idee einer WG mit Fremden, auch noch unter der Leitung zweier katholischer Priester verstanden werden soll, dann überfordert das leicht unsere Mitbewohner.

Unsere Idee ist es, Gemeinschaft zu fördern. Das ist nicht immer das Ideal unserer Gäste. Von den Gemeinschaftsunterkünften kennen sie viele Situationen von Konkurrenz und Neid. Wenn wir dann über Kommunikation, Gemeinschaft, Vertrauen und gemeinsames Lernen reden, begegnen sie uns mit viel Skepsis! Beispielsweise ist vielen kaum einsichtig, dass wir miteinander essen könnten, was bedingt, dass wir füreinander kochen. Jeder ist hier ein Überlebenskünstler, sonst wäre er nicht hier. Ein Miteinander einzuführen, ohne familiäre Bindungen, ohne vorgegebene Loyalität, einfach so, ist ein eigenes Thema. Zu all diesem gehören auch die beruflichen Situationen: Ein Mitbewohner macht eine Lehre zum Bäcker, ein anderer eine Ausbildung zur Servicekraft im Restaurant; einer macht gerade seinen Führerschein, ein anderer ein Praktikum in einem Malergeschäft, gefördert vom Jobcenter. Unsere Leute kommen in Deutschland an, selbst wenn es mühsam ist.

Rogate: Vielen Dank, Pater Müller, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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RogateKl_Postkarte A6_Eucharistie Miserikordias Domini 150418_110118_2 KopieWillkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

Presseschau: „Warum kam Bischof Yohanna nicht nach Deutschland?“ auf Katholisch.de

Donnerstag, 21. September 2017 |katholisch.de

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Screenshoot Katholisch.de

„Uwe Simon, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Oberes Havelland, berichtete bereits Anfang des Monats von einem Vorfall mit einer Gruppe aus Simbabwe. Diese habe zu einem Treffen mit dem Kirchenkreis nach Deutschland reisen wollen, sei jedoch in Südafrika an der Weiterreise in die Bundesrepublik gehindert worden. „Trotz ausgestellter Visa, einer im Original vorliegenden Einladung, einer Verpflichtungserklärung, Hin- und Rückflugtickets, einer Krankenversicherung und einer Kostenübernahmeerklärung verhinderte ein Bundespolizist, der auf dem Flughafen Johannesburg als Einreise- und Visaberater tätig ist, die Weiterreise nach Deutschland und machte die Visa in den Reisedokumenten nach unserer Auffassung rechtswidrig ungültig“, so Simon in einem Interview mit dem Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin.“

Den Artikel von Steffen Zimmermann auf katholisch.de finden Sie hier.

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Willkommen zu unserem nächsten Gottesdienst:

Fünf Fragen an: Wolfgang Seibert, Jüdische Gemeinde Pinneberg

Fünf Freitagsfragen an Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg, über die Motive, Fremden Schutz zu gewähren, die Zusammenarbeit mit den Kirchen und das Gemeindeleben in Schleswig-Holstein.

Wolfgang Seibert stammt aus Frankfurt am Main, wo er auch studierte. Er engagiert sich für Flüchtlinge, interreligiösen Dialog und gegen Rechts. Als erste und bislang einzige jüdische Gemeinde in Deutschland hat seine Gemeinde in den vergangenen Jahren bereits mehreren Schutzbedürftigen ungeachtet ihrer Religion in ihren Räumen Asyl geboten. Im Mai erhielt er den Menschenrechtspreis 2017 der Stiftung PRO ASYL.

Rogate-Frage: Herr Gemeindevorsitzender Seiber, Ihre Gemeinde hat in den vergangenen Jahren bereits mehreren Schutzbedürftigen, ungeachtet ihrer Religion, in ihren Räumen Asyl geboten. Wie kam es dazu?
Wolfgang Seibert: Wir wurden vor einigen Jahren gefragt, ob wir bereit seien Flüchtlinge in das Synagogenasyl zu nehmen. Wir haben das circa fünf Minuten im Vorstand disikutiert und Ja gesagt. Als gläubige Juden war die Leitlinie aus dem 2. Buch Mose 22,20: „Du sollst den Fremdling nicht bedrücken“  und aus dem 3. Buch Mose 19,34 „Du sollst den Fremden lieben wie Dich selbst“.
Rogate-Frage: Gibt es Unterschiede zwischen dem Synagogen- und Kirchenasyl?
Wolfgang Seibert: Es gibt wohl keine Unterschiede zwischen Synagogen- und Kirchenasyl. Wir haben uns auch bei kirchlichen Organisationen darüber informiert wie so etwas gemacht werden muss. In der Zeit des Synagogenasyls gabe es auch eine enge Zusammenarbeit mit den beiden christlichen Kirchen und auch der muslimischen Gemeinde. Diese Zusammenarbeit hat uns gestärkt.
Rogate-Frage: Wie läuft ein Synagogenasyl ab und was passiert da?
Wolfgang Seibert: Es gibt eine Menge behördlicher Dinge zu tun: Mitteilung an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Mitteilung an die zuständige Ausländerbehörde uund so weiter. Das ist wichtig, da der Flüchtling auch während der Zeit des Asyls in unserer Gemeinde eine „ladungsfähige Anschrift“ haben muss, wenn er die nicht hat, gilt er als „untergetaucht“ und das verändert Fristen und verlängert sie. Es muss die Verpflegung organisiert werden, ein Besuchsdienst muss organisiert werden, damit sich Leute um den Flüchtling kümmern, während er bei uns ist.
Rogate-Frage: Wie reagiert Ihre Gemeinde darauf?
Wolfgang Seibert: Die Gemeinde hat sehr positiv reagiert. Der schon erwähnte Besuchsdienst stand innerhalb weniger Stunden. Menschen gingen in die Gemeinde, redeten mit den Flüchtlingen, spielten Gesellschaftspiele mit ihnen, brachten Lebensmittel und sehr viele Süssigkeiten.
Rogate-Frage: Wie sieht jüdisches Leben in Schleswig-Holstein und in Pinneberg aus?
Wolfgang Seibert: Nach 1945 gab es in Schleswig-Holstein nur zwei Jüdische Gemeinden, in Kiel und Lübeck. Nach 1989 wurden dann, wegen der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, neue Gemeinde gegründet. Mittlerweile gibt es neun Jüdische Gemeinden bei uns. Die Gemeinden veranstalten natürlich Gottesdienste am Schabbat und den jüdischen Feiertagen. Wir machen Religionsunterricht, veranstalten Deutschkurse, machen Seniorenbetreuung, besuchen Kranke und machen Sterbebegleitung. Also nicht anders als auch bei den christlichen Kirchen.
Rogate: Vielen Dank, Herr Seibert, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten und Terminen:

Fünf Fragen an: Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, über eine zupackende Zivilgesellschaft für geflüchtete Menschen, die Wahrung der Menschenwürde in der Krise und die Wechselwirkungen mit populistischer Politik.

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Michael Chalupka (Bild: Luiza Puiu)

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz/Österreich geboren und studierte evangelische Theologie in Wien und Zürich. Weitere Ausbildungen folgten in den Bereichen Erwachsenenbildung und NPO-Management. Nach einem zweijährigen Italienaufenthalt als Studienleiter am “Centro Ecumenico d’Agape” in Prali (Torino) arbeitete er von 1989 bis 1994 als evangelischer Pfarrer. Seit 1994 ist Michael Chalupka als Direktor der Diakonie Österreich tätig. Er ist Mitinitiator der Armutskonferenz (1995). Seit 2000 ist Michael Chalupka außerdem Präsident des „Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit“ (ÖKSA) und seit 2006 auch Vorsitzender des Evangelischen Schulwerkes A.B. Wien.

Rogate-Frage: Herr Direktor Chalupka, wie geht es den geflüchteten Menschen heute in Österreich?

Michael Chalupka: Die Situation für die Geflüchteten hat sich, nach dem großen Flüchtlingszustrom 2015 mit über 88.000 Asylanträgen, weitestgehend normalisiert.
Das Positive, das wir aus 2015 mitnehmen können, war eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität, die jedoch weniger von der Regierung ausgegangen ist, sondern von der Zivilgesellschaft, die nach dem Motto: „Da muss man doch helfen!“ einfach zugepackt hat und unglaubliche Initiativen auf die Beine gestellt hat. Das hat sogar uns als professionelle Hilfsorganisation, die schon viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, manchmal überrascht. Bis heute sind sehr viele ehrenamtliche MitarbeiterInnen und nach wie vor viele private Initiativen – mehr als jemals zuvor in der jüngeren Geschichte Österreichs – in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Rogate-Frage:  Wie sind in Österreich die Kirchen, Caritas und Diakonie auf die Situation mit den Herausforderungen umgegangen und was hat sich dadurch verändert?

Michael Chalupka: Es war natürlich auch für die angestammten Hilfsorganisationen eine große Herausforderung. Caritas und Diakonie haben versucht äußerst flexibel auf die Situation zu reagieren. Dennoch hat sich alleine in der Diakonie der MitarbeiterInnenstand in der Flüchtlingsarbeit sowohl bei den hauptamtlichen, als auch bei den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass auch viele Leitungsstrukturen im laufenden Betrieb permanent nachgebaut werden mussten.
Dennoch war es uns wichtig, nicht einfach unsere Qualitätsstandards zu begraben und die Menschenwürde, der uns anvertrauten Menschen auch in einer Zeit großen Andranges im Vordergrund stehen zu lassen. Viele MitarbeiterInnen im Flüchtlingsbereich sind in diesem Jahr an das Limit ihrer Belastbarkeit gestoßen. Vor allem aber auch deshalb, weil Politik und Verwaltung kein gutes Krisenmanagement geleistet haben und viele sehr schwierige Situationen vermeidbar gewesen wären.
Leider wurde die konstruktive Kritik sämtlicher Hilfsorganisationen am staatlichen Aufnahmesystem kaum aufgegriffen, sodass wir befürchten müssen, beim nächsten Zuzug einer größeren Zahl von Flüchtlingen wieder exakt vor den gleichen strukturellen Problemen zu stehen wie im Jahr 2015.

Rogate-Frage: Auch Österreich erlebt das Aufleben des rechten Populismus, das Erstarken der Identitären und eine schwierige Bundespräsidentenwahl… Was ist los in Ihrem Land?

Michael Chalupka: Es gibt in Österreich nach wie vor eine schweigende Mehrheit von Menschen, die das Gemeinsame vor das Trennende, die Nächstenliebe vor den Hass, das Positive vor das Negative stellt. Letztendlich wurde das auch im sehr deutlichen Ausgang der Bundespräsidentenwahl sichtbar.
Dieser Umstand ist aber für die Politik scheinbar schwer verständlich. Eine schweigende Mehrheit ist auch für sie weniger hörbar, als die sehr negativen, lauten, xenophoben bis rassistischen Töne, die auch gerne durch Boulevardmedien aufgegriffen und reproduziert werden.
Dadurch entsteht eine Wechselwirkung mit populistischer Politik, die ihrerseits glaubt durch symbolpolitische Verschärfungen der Gesetzeslage und Kürzungen von Leistungen einen politischen Vorteil erringen zu können. Oft wird dabei übersehen, dass es, sobald man auf diesen Zug aufspringt, keine Bremse mehr gibt. Es ist wie ein Karussell, das sich immer weiter dreht: Die Hetzer verlangen immer mehr und sozialpolitisch immer Abstruseres. Eine Politik, die in dieses Karussell einsteigt, verliert unweigerlich die Orientierung im eigenen Wertegerüst. Irgendwann gibt es im Asylrecht gar nichts mehr zu verschärfen, das noch menschenrechtlich kompatibel wäre. Doch die nächste Verschärfung muss her, man glaubt es dem Wählerwillen schuldig zu sein.
Ja, es gibt einen starken Zulauf zu rechtspopulistischer Politik, die einfachste Antworten auf komplexeste Fragen gibt.
Die wahre Frage ist jedoch, ob der Zulauf zu dieser Politik größer oder kleiner wäre, wenn christlich soziale und sozial demokratische PolitikerInnen sich mit der ganzen Kraft der Grundprinzipien ihrer Gesinnungsgemeinschaften entgegenstemmen würden.

Rogate-Frage: Wie können Christen und wie die Kirchen darauf reagieren?

Michael Chalupka: Viele Christinnen und Christen sind heute stark in ehrenamtlichen Projekten engagiert und engagieren sich auch für ihre Mitmenschen.
Wichtig ist, dass sie sich aber auch zu Wort melden und spürbar werden lassen, dass Nächstenliebe stärker ist als Hass, Neid und Missgunst.
Die evangelischen Kirchen in Österreich stehen seit vielen Jahren sehr deutlich auf der Seite der Flüchtlinge und es gibt kaum ein Jahr, in dem die Generalsynode keine Resolution mit einem klaren Bekenntnis zum Flüchtlingsschutz beschließt.
Die Flüchtlingsarbeit ist den Kirchen ein besonderes Anliegen in Österreich. Evangelische Kirche A und H.B. sind gemeinsam mit der Diakonie Österreich Trägerorganisationen des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Dieser ist inzwischen die größte Rechtsberatungsorganisation für Flüchtlinge in Österreich. Angesichts der wenigen Evangelischen in Österreich ist das eine bemerkenswerte und für das Selbstverständnis der Kirchen wichtige Entwicklung.

Rogate-Frage: Was können wir in Deutschland von Österreich lernen, um die spürbare gesellschaftliche Spaltung und eine Gefährdung der Demokratie zu verhindern?

Michael Chalupka: Österreich hat seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen des Rechtspopulismus zu tun. Es zeigt sich deutlich, dass die Strategie, der vormals großen Parteien, immer mehr Anliegen der FPÖ in die eigene Programmatik zu übernehmen in den Diskurs der Rechtspopulisten eingezahlt hat. Die Erwartungen, dass sich durch eine schärfere Rhetorik und Abschottungspolitik WählerInnen für die Parteien der Mitte halten ließen haben sich nicht erfüllt. Wir ÖsterreicherInnen blicken umgekehrt immer etwas neidisch nach Deutschland, weil wir glauben dort mehr Sachpolitik und doch eine Spur weniger Populismus und Symbolpolitik zu erkennen. Trotz aller Probleme – von Pegida bis hin zu brennenden Flüchtlingsheimen – existiert doch auch in Deutschland eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung, wie jüngst eine Studie der EKD zur Haltung in der Flüchtlingsfrage gezeigt hat. Selbstverständlich ist die politische Lage in beiden Ländern sehr angespannt und ist es ein Auftrag an uns Christinnen und Christen, sehr wachsam zu sein und der Demagogisierung und Radikalisierung täglich entgegenzutreten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Direktor Chalupka, für das Gespräch.

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