Nach Halle: Wilhelmshaven und Friesland solidarisch mit der jüdischen Gemeinschaft. #WirstehenZusammen

Aktionsplakat der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)

Gedenken #WirstehenZusammen, heute Abend, 19:00 Uhr, Synagogenplatz Wilhelmshaven

Nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle zeigen wir in Wilhelmshaven und Friesland Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und protestieren gegen Antisemitismus jeder Form in unserem Land. 

Der Anschlag in Halle ist ein Angriff auf uns alle, auf unser Leben und unsere Demokratie. 
Wir sind solidarisch mit Jüdinnen und Juden in unserem Land und stellen uns an ihre Seite. 

Wir treten ein für Gewaltfreiheit, Demokratie, Freiheit der Religionsausübung und den Schutz der jüdischen Gemeinschaft – sowie anderer durch Hass und Gewalt bedrohter Minderheiten – in Deutschland.

Kommt und zeigt Haltung! 
Donnerstag, 10. Oktober 2019, 19 Uhr
#WirstehenZusammen

Synagogenplatz Wilhelmshaven

Mit Klezmermusik von Martin Stritzel.

Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven & Rogate-Kloster Sankt Michael

Dieser Aufruf zur Solidarität wird unterstützt von:

  • Uwe Reese, Bürgermeister Stadt Wilhelmshaven
  • Armin Schönfelder, Erster Stadtrat Stadt Wilhelmshaven
  • Carsten Feist, elect Oberbürgermeister Stadt Wilhelmshaven
  • Landrat Sven Ambrosy, Landkreis Friesland
  • Marten Gäde, Vorsitzender SPD Kreisverband Wilhelmshaven
  • Arbeitsgemeinschaft Religionenhaus Wilhelmshaven
  • Demokratieprojekt „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“
  • Evangelisch-lutherischer Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven
  • Diakonisches Werk Friesland-Wilhelmshaven
  • Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Bant
  • Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Wilhelmshaven
  • Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Heppens
  • Neuapostolische Kirche Wilhelmshaven 
  • Citykirche an der Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven
  • Pastor Thorsten Harland, Stellvertretender Kreispfarrer des Ev. luth. Kirchenkreises Friesland-Wilhelmshaven
  • Dechant Andreas Bolten, Römisch-katholische Pfarrgemeinde Sankt Willehad
  • Klaus Lücken, Vorsitzender Diakonisches Werk Friesland-Wilhelmshaven
  • Geschäftsführerin Petra Meyer-Machtemes, Diakonisches Werk Friesland-Wilhelmshaven
  • Pastor Frank Moritz (Kirchengemeinde Bant)
  • Pastor Frank Morgenstern (Kirchengemeinde Wilhelmshaven und Citykirche an der Christus- und Garnisonkirche)
  • Pastor Rainer Claus (Kirchengemeinde Heppens)
  • Br. Franziskus, Rogate-Kloster Sankt Michael

Einladung zum Vortrag: „Jüdisches Leben und Gedenkkultur in Wilhelmshaven aus evangelischer Sicht“.

Willkommen zum Vortrag „Jüdisches Leben, die Synagoge und Gedenkkultur in Wilhelmshaven aus evangelischer Sicht“.

Im Rahmen der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade.“ wird am Donnerstag, 11. Juli, Pastor Frank Moritz einen Vortrag zu „Jüdisches Leben, die Synagoge und Gedenkkultur in Wilhelmshaven aus evangelischer Sicht“ halten. Die Veranstaltung beginnt um 19:00 Uhr im Küstenmuseum Wilhelmshaven, Weserstraße 58.

Pastor Frank Moritz (Bild: Banter Kirche)

Der Referent: Pastor Frank Moritz, geboren 1959, ist seit 1988 Pastor in der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bant. Er ist Mitglied im Arbeitskreis “Historisches Gedenken in Wilhelmshaven”.

Anmeldung: Für die Teilnahme an Veranstaltungen des Rahmenprogramms bitten wir um Anmeldung: Telefon 04421.40 09 40 oder per Mail kuestenmuseum@wilhelmshavenglaubt.de

Eintritt: Es wird eine Vortrags-Flatrate-Karte für alle 21 Veranstaltungen der Reihe „Frieden und Toleranz“ angeboten. Diese kostet 22,00 Euro (ermäßigt 17,00 Euro). Darin enthalten ist eine Jahreskarte für das Küstenmuseum. Der Einzeleintritt beträgt bei Vortragsveranstaltungen 7.- Euro / ermäßigt 5 Euro.

Informationen: wilhelmshavenglaubt.de

Das Rahmenprogramm „Frieden und Toleranz“ findet in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Niedersachsen (EEB) und der Katholischen Erwachsenenbildung Wilhelmshaven Friesland Wesermarsch e.V. (KEB) statt.

Die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt.“ ist ein Projekt der AG „Religionenhaus Wilhelmshaven“ und des Demokratieprojektes „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ des Förderprogramms „MITEINANDER REDEN“. Sie wird gefördert vom Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven, der Dr. Buhmann Stiftung und dem Rogate-Kloster Sankt Michael.

Trauer: Rogate-Ehrenmitglied Pfarrer i.R. Gerhard Fischer verstorben.

2017 10 Trauer-Gerhard FischerDas Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin trauert um sein am 9. Oktober 2017 verstorbenes Ehrenmitglied Pfarrer i.R. Gerhard Fischer.

Er war als Geistlicher u.a. an der Paul-Gerhardt-Kirche bzw. der Dorfkirche in Alt-Schöneberg tätig.

Pfarrer Fischer war uns geistlicher Freund, liturgischer Ratgeber und im Gebet verbunden. Wir sind dankbar, dass wir ihn kennenlernen und erleben durften. Seine Frömmigkeit, ökumenische Weite und sein Glaube haben uns tief beeindruckt und unser Kloster mitgeprägt. Dafür sind wir dankbar.

Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Der Herr lasse ihn ruhen in Frieden. Amen.

Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin

Die verbleibenden Ehrenmitglieder des Rogate-Klosters sind Alt-Oberin Ruth Sommermeyer, Pater Klaus Mertes SJ und der Bischof von Saltillo, José Raúl Vera López.

Fünf Fragen an: Bischof Burgert Brand, Ev.-luth. Kirche in Namibia

Fünf Freitagsfragen an Burgert Brand, Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, über die Chancen seiner Kirche vor Ort, Weihnachten bei 40 Grad und das Gedenken an die Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama.

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Bischof Burgert Brand (Bild: privat)

Burgert Brand wurde 1959 im namibischen Swakopmund geboren, ist in Namibia aufgewachsen und hat seine theologische Ausbildung in Südafrika absolviert. Während der Unabhängigkeitswerdung Namibias – 1989 bis 1995 – war er Pastor in Windhoek und einigen Landgemeinden, dann zuständig für den Aufbau einer multikulturellen Gemeinde in Südafrika nach der politischen Wende dort. Anschließend fünf Jahre Schulpastor im südafrikanischen Hermannsburg und seit Beginn 2015 Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia (DELK).

Rogate-Frage: Herr Bischof Brand, wie können wir uns im fernen Europa die Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia und gemeindliches Leben vorstellen?

Burgert Brand: Lebendig. Divers. Kompliziert. Schließlich gibt es drei lutherische Kirchen in Namibia, die jeweils eine andere Geschichte und damit auch eine jeweils andere Identität haben. In dem mehr deutschsprachigen Teil der lutherischen Familie, in der ich meinen Dienst tue, sind Pfarrer meist auch Fahrer. Viele Kilometer sind die Kollegen und Kolleginnen unterwegs zu den verschiedenen Gottesdienstorten. Diese werden nicht durch Gebäude definiert, sondern eher durch Menschen. Gottesdienste finden auf Farmen statt, also dort, wo die Menschen leben und arbeiten. Da kommt Gemeinde dazu, aber eben auch Besucher und Farmer aus der Umgebung, egal wo sie sonst geistlich hingehören. Es wird gesungen, gebetet, gepredigt; besonders wichtig ist jedoch der Gemeinschaftsaspekt. Die Gemeinde bleibt zusammen zum Kaffeetrinken und Abendbrot. In diesem Rahmen finden seelsorgerliche Gespräche statt, wird der Gottesdienst reflektiert, kommt es zu Diskussionen über Farmerei, Politik und Kirche.

Aber abgesehen von den ländlichen Gemeinden, die bei uns die Mehrheit bilden, gibt es auch Kirche in der Stadt. Swakopmund ist eine Schulstadt, dazu der Ort, an dem sich viele alte Menschen zur Ruhe setzen. Das Gemeindeangebot muss also gezielt die Jugendlichen und die Senioren ansprechen – und tut das auch mit viel Phantasie. Windhoek ist Landeshauptstadt. Hier konzentriert sich die Gemeinde sehr darauf, ein buntes Gottesdienstangebot zu gestalten. Durch die Demographie der Stadt bieten sich ihr viele missionarische und kulturelle Möglichkeiten, die sie wiederum in Partnerschaft mit anderen in Angriff nimmt.

Rogate-Frage: Wie kann die evangelische Kirche wirken und sich in Ihrem Land einbringen?

Burgert Brand: Die evangelische Kirche ist bei weitem die größte Kirchfamilie in Namibia. Etwa 68 Prozent der Bevölkerung sind Lutheraner, dazu kommen noch Anglikaner, Methodisten, verschiedene Kirchen der reformierten Familie – und je nach ökumenischer Perspektive kann diese Aufzählung erweitert werden.

Wir Christen – und besonders wir Evangelischen – sind gefragt. Wir feiern Gottesdienste und müssen fragen, wie Lehre und Verkündigung das Bild unseres Landes beeinflussen und prägen. Wir konfirmieren junge Menschen und müssen sie an ihre Verantwortung in Staat und Gesellschaft erinnern.

Wenn ich ganz ehrlich bin, tun wir uns schwer, unseren Glauben in politisches Handeln umzusetzen. Viele Jahre wurde den Reformierten vorgeworfen, sich mit den Machthabern der Apartheid solidarisiert zu haben. Heute muss sich die lutherische Familie fragen, inwiefern es ihr gelingt, eine kritische Distanz zur regierenden Partei zu gewinnen, mit der sie sich im Befreiungskampf solidarisiert hatte.

Dabei gibt es viel zu tun. Mit der Bildung liegt vieles im Argen – und Bildungsfragen sind ein genuin evangelisches Anliegen; es reicht nicht, Kindergärten zu betreiben, wenn die Erzieher nicht entsprechend ausgebildet werden und so weiter.

Die evangelische Kirche müsste sich meiner Ansicht nach öfter, klarer und kritischer zu Wort melden. Solch eine kritisch-solidarische Stimme könnte das Gespräch im Land bereichern und würde auch die Regierenden mit einbeziehen; schließlich gehören ganz viele von ihnen bewusst zur Kirche und nehmen an den Angeboten der Kirche teil.

Rogate-Frage: Wie feiert man bei Ihnen Advent und wie Weihnachten? Wie werden Sie die Tage begehen?

Burgert Brand: Damit es nicht zu kompliziert und bunt wird, beschränke ich mich bei meiner Antwort wieder auf den deutschsprachigen Teil der Familie. Wer noch einen Draht zur Kirche hat, geht am Heiligen Abend in die Kirche. In Windhoek allein gibt es ein Familienangebot am Nachmittag, eine Vesper, die meist im Rundfunk gesendet wird und in der Nacht noch eine Mette. Alle diese Gottesdienste werden gut besucht. Am Weihnachtstag kommen meist nur die Treuen.

Vieles mag sehr “Deutsch” anmuten: Strohsterne, Lametta, bunte Kugeln, in vielen Familien noch richtige Kerzen. Bei der Auswahl des Weihnachstbaums wird es schon viel differenzierter; bei uns im Haus steht in der Regel ein Dornenbusch, andere nutzen die trockenen Blütenstämme der Agaven oder Aloen. Es wird viel gesungen, aber erst in letzter Zeit wandern auch namibische Texte und Kompositionen in den Gottesdienst ein.

Sie können davon ausgehen, dass es am Heiligen Abend und Weihnachtstag heiß ist. Zwischen 35 – 40 Grad sind keine Seltenheit. Gesprächsthema ist und bleibt: Regen. Für Farmersleute und Stadtmenschen ist Regen in gleicher Weise das Weihnachstgeschenk schlechthin. Es kommt auch gezielt in den Kirchengebeten vor.

Und ich? Meine Frau und ich freuen uns darauf, dass wir mit zweien unserer drei Kinder die Festtage verbringen dürfen, dazu ein erstes Mal mit unserem Enkelkind. Weihnachten und Familie gehören bei uns ganz eng zusammen.

Rogate-Frage: Am 9. November 2016 haben Sie die Christus- und Garnisonkirche in Wilhelmshaven (Niedersachsen) besucht, um eine Tafel zu sehen, die an den Krieg gegen die Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert. Wie kam es zu dieser Visite und wie hat das Denkmal auf Sie gewirkt?

Burgert Brand: Chefredakteur Reinhard Mawick von den “Zeitzeichen” hatte mich eingeladen, mit ihm Wilhelmshaven und dort die Kirche zu besuchen. Zusammen mit anderen Journalisten hatte er im Mai Namibia bereist, und da kamen wir auf die große Gedenktafel in der Windhoeker Christuskirche zu sprechen und die Überlegung in Windhoek, sich das Modell der Wilhelmshaven Gemeinde einmal anzusehen.

Zunächst fielen mir bei dem Besuch die ganz anderen äußeren Bedingungen auf: Die namibische Tafel in Wilhemshaven ist eine von vielen; sie ist sehr klein im Verhältnis zu dem, was in Windhoek an der Wand hängt; das Kirchgebäude hat eine militärische Vergangenheit, mit der sich die “Zivilgemeinde” nun zu befassen hat, während in Windhoek in einer “Zivilgemeinde” ein militärisches Denkmal angebracht wurde. Hinzukommt, dass zwischen Kolonial- und Militärgeschichte unterschieden werden muss, wenngleich es bestimmte Parallelen gibt.

Allein diese Differenzen geben mir viel zu denken. Unser Projekt in Windhoek wird nicht so einfach sein, wie wir uns das vorgestellt hatten. Für diesen Schritt zurück bin ich dankbar. Die Kollegen in Wilhemshaven haben sich sehr bemüht, die Hintergründe und Ziele ihrer Aktion darzustellen, den größeren Kontext aufzuweisen und die Notwendigkeit, sich gerade in ihrer Kirche den verschiedenen politischen und geschichtlichen Herausforderungen zu stellen, die durch die vielen Tafeln einfach da sind. Ich bin ihnen sehr dankbar und habe viel gelernt!

Rogate-Frage: Am 10. Juli 2015 wurden die Ereignisse vom deutschen Auswärtigen Amt erstmals als Völkermord bezeichnet. Welche Bedeutung hat die Anerkennung des Genozids für die Menschen in Namibia heute?

Burgert Brand: Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil das Spektrum der Meinungen, Erwartungen und Befürchtungen sehr breit ist. In Deutschland hat man eine politische Entscheidung gefällt, indem man den Begriff “Genozid” auf den Weg der Anerkennung brachte. Dieses Kapitel ist ja noch nicht abgeschlossen. Aber es gibt seriöse Historiker, die sich mit der Anerkennung dieses Begriffs schwertun. Ihre Einwände werden jedoch vielerorts nicht gern gehört. Oft redet man aneinander vorbei, weil die einen historisch und die anderen juristisch argumentieren. In Namibia haben sich Vertreter der Nama und Herero zu Wort gemeldet und fordern die deutsche Regierung auf, den Sonderbeauftragten und derzeitigen deutschen Botschafter abzuberufen; diese seien unglaubwürdig. Warum? Weil Herr Polenz sich nicht auf eine Parallele zwischen Judenpogrom und Hererogenozid einlassen wollte. Diese beiden Dinge seien für ihn nicht gleichwertig. Das hat man als eine Beleidigung verstanden. Die namibische Regierung ist politisch gesehen der einzige Partner, der mit der deutschen Regierung verhandeln kann. Das sehen die Vertreter der Betroffenen ganz anders.

Sie merken schon – es gibt keine einfache Antwort auf ihre einfache Frage.

Rogate: Vielen Dank, Bischof Brand, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

24. Lesbisch-schwules Stadtfest Berlin: Die Predigt aus dem Eröffnungsgottesdienst

Am Freitag, 15. Juli 2016, feierten wir den Eröffnungsgottesdienst des 24. Lesbisch-schwulen Stadtfestes Berlin. Daraus hier die Predigt zu „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Predigttext Matthäus 12, 1-8) von Oberkonsistorialrätin Dr. Christina-Maria Bammel:

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Dr. Christina-Maria Bammel (Bild: EKBO)

Liebe abendliche Festgemeinde, Brüder und Schwestern, der Auftakt eines Stadtfestes. Und was für eins – fröhlich selbstbewusst, unbeschwert, hoffentlich ohne Zwischenfälle, ohne Störer, ohne Gewalt?

Cory James Connell, Tevin Eugene Crosby, Deonka Drayton, Simon Adrian Carrillo Fernandez, Leroy Valentin Fernandez, Mercedez, Peter O, Juan Ramon, Paul, Frank Hernandez, Miguel Honorato, Javier, Jason, Benjamin.

Das sind Namen der Opfer von Orlando. Nicht alle. Bei weitem nicht. Opfer von sinnloser, kranker Gewalt. Opfer mit Namen, Lebensgeschichten, Schulabschlüssen, Berufen, Erfolgen und Misserfolgen. Sie haben geliebt und gelacht, sie fehlen jetzt. Viel zu schnell und viel zu brutal aus dem Leben und Lieben gerissen. Die Welt hat geweint und Orlando steht noch immer in Schock und Trauer. Wenn die Nachrichtensender abgezogen, die Blumenmeere von der Straßenreinigung abgeholt sind, wenn der Täter selbst festgesetzt oder gar getötet ist, bleibt doch die Frage: War es das letzte Mal? Wie wird das nächste Opfer heißen? Die nächsten Opfer? Wird das Land je begreifen? Auf den Demonstrationen in den Tagen danach war auf Schildern zu lesen: “Ich bin eine Zielscheibe.” Oder “Bin ich das nächste Opfer?”

Tausende von Menschen haben sich gezeigt, sind Hand in Hand gegangen, vereint in der Sehnsucht: Um Himmels willen keine weiteren Opferlisten mehr, keine Opferverzeichnisse mehr, in denen man den Namen eines lieben Freundes, einer Angehörigen suchen muss. Und dann diese Gewissheit haben, die alles zerreißt. Nein, bloß solche Listen von Opfern nicht mehr sehen und erleben müssen. Wieviele Opferlisten mussten wir lesen und müssten wir noch niederschreiben, wollten wir all die Namen sammeln, derer, die dem Ausgrenzungswahn und der Feindseligkeit geopfert wurden. Namen, die festgelegten angeblich immer schon so gewesenen Normen geopfert wurden, die ausgesprochen lebensverneinenden Moralvorstellungen und herrschenden Meinungen buchstäblich geopfert wurden. Opfererfahrungen unzähliger Art auch mitten im Leben. Opfer von morbider, irrationaler Scheu in Sachen sexueller Prägung. Etliche von Ihnen könnten davon erzählen, eigene schmerzliche Erfahrungen berichten, Verluste benennen. Opfer von Homophobie, einer Furcht, die unmenschlich macht und sogar in die Bereitschaft führen kann zu töten. Der tödliche Schuss, die angetane mörderische Gewalt – sie ist die grausame Spitze eines Berges von Opferlisten.

Nein, diese Opfer sollen nicht mehr sein, jene im Sinne der victims. Keine victims mehr – nicht in Orlando, nicht in Brüssel, Istanbul oder Nizza! Es gibt schon so viele zu erinnern, ihrer zu gedenken, sie im Gedächtnis zu behalten. Und dafür ist es heute Abend Ort und Zeit: Im Gedächtnis halten, auch das ist ein Teil unseres Feierns. Jeder Gottesdienst ist ein solches Im-Gedächtnis-halten. Wir sind nicht für uns selber da, wir nehmen in das feiernde Erinnern all jene hinein, die bei Gott Namen, Würde haben; sie haben auch in unserem Gedächtnis nach menschenmöglicher Weise Namen und Gedächtnis. Feiern ist auch dieses: im Gedächtnis halten. Auch mit weinenden Augen und Herzen.

Wir halten Gedächtnis auch im Wissen um das andere Opfer, das sacrificium/ sacrifice. Unser Glauben kommt von ganz wesentlich von hier. Dieses Opferwort, sacrificium, es ist ein Beziehungswort. Es erzählt etwas über unsere Beziehung mit dem, der dieses Opfer erhält. Schon zu Zeiten des Tempels in Jerusalem haben Menschen Gott etwas dargeboten, angeboten, um der Beziehung willen. Im englischen offer finden wir noch etwas von diesem Gott-etwas-Darbieten wieder, auch wenn das offer längst ein Kaufe-und-Verkaufe-Wort geworden ist.

Allerdings: Gebet, Erfüllung der Mizwot, Studium der Tora, sie wurden nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem zunehmend zu den eigentlichen, geistige Opfern. Darüber haben sich die Rabbinen intensiv ausgetauscht. Olah, Mincha, Sebach, Chattat, Ascham, all diese Opferarten wurden nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem mehr und mehr abgelöst. Eben durch die geistigen Opfer, die Beziehung mit Gott stiften, diese erhalten, nähren und stärken: Gebet, Erfüllung der Mizwot, Studium der Tora. Wenn es darum geht, mit Gott in Beziehung zu bleiben, dann darf es nicht darum gehen, ob die eine Gabe, das eine Opfer, besser ist als das andere.. Entscheidend ist doch, mit welcher Herzenskraft, mit welcher Haltung diese Gabe, dieses Opfer Gott zu Füßen oder Gott in den Arm gelegt wird. Das hatte auch schon der Prophet Hosea für wichtig gehalten.

Er selbst bekam dieses Wort Gottes in den Mund gelegt: „Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.“ Nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Nicht Opfer oder Liebe. Sondern schlicht sehen: Opfer ohne Lust, Opfer ohne Liebe, sind wertlose Gaben, weil sie keine Beziehung stiften. Ich nehme sie nicht direkt von meinem Herzen.

Was geben Menschen von sich für andere, für den anderen auch Geliebten hinein, um die Beziehung, um die Liebe siegen zu lassen? Manchmal in Form von Opfern, und zwar im besten Sinne: Als Beziehungsvertiefer, als wertvollste Gabe von Herzen kommend zum Herzen des anderen geradewegs gehend. Opfer als Beziehungsvertiefer sind keine wertlosen überholten Gaben. Diese Gaben erhalten das Lebensmittel Liebe.

Als ich vor 20 Jahren in der city of brotherly love studierte, in Philadelphia keine zwei Stunden von New York entfernt, da teilte ich das Haus mit 7 Frauen. Auf der Etage nebenan wohnten Pam und Cathy. Pam aus dem ärmsten Viertel der Stadt stammend, sichtbar schwer fehlernährt, mit abgebrochener Schulbiographie und vielen Verletzungserfahrungen in der Herkunftsfamilie. Und Cathy, ihre große Liebe, erfolgreicher shooting-star der Biowissenschaften aus Canada stammend auf ein Gastsemester an die Pennsylvania University gekommen. Zu Haus in Canada war die große Karriere schon mit Händen zu greifen. Aber Pam, die sich nie im Leben vorstellen konnte, ihre Heimatstadt zu verlassen, Pam hielt Cathy fest. Kanada war keine Option. Und Cathy ließ sich halten. Manche Gaben sind in Form und Gestalt von Entscheidungen auch Beziehungsvertiefer. Partnerschaft und Liebe sind keine Einbahnstraßen, sondern immer Gelegenheit über sich hinaus zu wachsen und zu reifen. Pam wuchs über sich hinaus, indem Cathy ihr die Türen in eine Ausbildung öffnete, ihr die Welt zeigte. Am Morgen des 11. September 2001 befand sich Pam gerade in einem Bewerbungsgespräch in einem der twin tower in New York…

Die Liebe siegt und empfindet sich unter Umständen gar nicht als Opfer zugunsten des Anderen. Die Liebe siegt.

Ckw6gIrXEAAOI6t„Love defeats hate, light defeats darkness!“/ Liebe überwindet den Hass, Licht überwindet die Dunkelheit. So ähnlich war auf leuchtenden Bannern zu lesen – in Orlando. Und dahinter der Regenbogen. Eine Nation versinkt doch nicht ganz in Trauer und Gewalt. Eine Nation versucht, mit vielen anderen Menschen auf der Welt das Leben ins Licht zu heben….

In dieser Reihe stehen auch wir heute Abend, feiernd, in dem wir die Erinnerung binden an die Hoffnung; indem wir das Gedenken an die Opfer zusammen binden mit der unbändigen Lust am Leben und am Lieben; das versuchen Menschen guten Willens an vielen Orten, das versuchen zahlreiche Bewegungen wie auch die LGBT community – und zwar im Namen der Liebe.

Im Namen der Liebe, im Namen der Sorge um den Nächsten, um die Nächste, müssen gegebenenfalls auch Gesetze ausgesetzt werden. Davon spricht Jesus, wenn er im Namen der Menschlichkeit übermäßigen Hunger stillt und ein Sabbatruhegesetz mit der Weite des Herzens lesen kann.

Er liest dieses Gesetz mit den Augen der Barmherzigkeit, mit den Augen der Güte. Güte und Barmherzigkeit sind Schwestern, die zur großen Familie der Liebe gehören.

Die Barmherzigkeit als Weite des Herzens ist die Lieblingshaltung Gottes, die uns umarmt. Niemand soll hungrig vor Liebe, hungrig in Sachen Liebe von Gottes Tisch wieder aufstehen und weg gehen.

Es ist diese Gottes-Haltung des Umarmens, die können auch wir. Dazu sind wir sogar beauftragt. Das meint: Wir sind als Christen nicht in der Welt um zu verurteilen, sondern um die Herzen zu öffnen. Manchmal fordert uns das viel ab, sogar ein Opfer. Aber es bleibt dabei, das ist unsere erste Aufgabe! Dafür haben wir ein Maß:

Gott ist das Maß der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist nicht mit Herablassung zu verwechseln. Barmherzigkeit braucht Neubesinnung und bitte nicht nur nach innen gerichtet. Barmherzigkeit bedeutet, empfindsam bleiben für die erbarmungswürdigen Zeichen dieser Zeit, für die Wundmale dieser Zeit, geschlagen durch Barbarei, wie auch wieder in der vergangenen Nacht.

Wie kommt Barmherzigkeit in mir zum Ziel, vor allem aber zum Wirken? Zunächst mal die Festelltung, ob wir vielleicht zu wenig Barmherzigkeit gelebt haben. Vielleicht haben wir als Christen zu blut- und zu kraftlos von der Barmherzigkeit gesprochen in den vergangenen Jahren. Vielleicht haben wir auch den falschen Gebrauch zugelassen. Eine falsch verstandene Barmherzigkeit – in paternalistischer Weise von oben herab gegenüber Minderheiten etwa. Schluss damit. Wir wissen: Barmherzigkeit ist nicht billig zu haben, sie ist kein Widerspruch zum Recht, zu den Ordnungen, Barmherzigkeit ist: Aufatmen lassen.

Nur indem wir selbst Barmherzigkeit, das barmende Herz, das angesprochene Herz wirken lassen in uns, nur dann können wir uns auch positionieren gegen Hochmut und Verächtlichmachung. Ja, wir setzen unsere ganze und vor allem Gottes Barmherzigkeit dagegen. Wissend: Barmherzigkeit ist eine Haltung, keine Handlung, schon gar keine einmalige. Unbarmherzig ist es dagegen, aus menschlicher Selbstüberschätzung heraus Gottes Liebe verknappen zu wollen. Unbarmherzig und ausgesprochen unredlich ist es, den Zuspruch Gottes an alle Menschen dieser Erde, aus Gottes Mund zurück nehmen zu wollen, ihn eingrenzen zu wollen.

Unbarmherzig ist beispielsweise der viel zu oft gehörte Satz, nicht alle Paare sollen den gleichen Gottesdienst haben, wenn sie ihre Liebe unter Gottes Anspruch und Zuspruch stellen wollen. Wer so argumentiert, der liest die Ordnungen Gottes gerade nicht mit Herzensweite. Herzensweite aber ist in bestem und altem Sinne Liberalität, wie wir sie meinen.

Unredlich und fernab aller Barmherzigkeit ist es, Menschen ganz gleich welcher sexuellen Identität entgegen zu schleudern, Gott liebe ja alle Sünder. Hin und wieder habe ich das in vergangenen Diskussionen gehört und bin es so leid. Aber nicht zu müde, um zurück zu sagen: Eine Identität ist eine Identität, ist keine Sünde.

Etwas ganz anderes aber stellt uns alle an den Abgrund der Sünde: da wo wir nicht mehr auf Gottes Kraft setzen, wo wir aufhören einander zu vertrauen. Da stehen alle am Abgrund der Sünde, wo Liebe verzwängt und verknappt wird. Von diesem Abgrund lasst uns zurücktreten.

„Die Liebe überwältigt den Hass, das Licht die Dunkelheit.“

Kreuz und quer wollen wir das weitersagen und weitersingen, mit geöffneten, mit barmendem Herzen, mit all der Güte und der Kraft zur Barmherzigkeit, die in uns ist. Es wird uns einiges kosten. Aber was ist dieses Opfer schon verglichen damit, was wir gewonnen haben, indem wir lieben können, ganz gleich in welcher Orientierung und Identität.

Allen Menschen Zeit zum Aufatmen geben, sie aufatmen lassen und damit der Seele neue Kraft zufließen lassen – das ist Liebe im Kleid der Barmherzigkeit. Wir brauchen sie, ersehnen sie.

Kommt, sagt Jesus, ich gehe mit euch durch die Felder weil sie reif sind, weil geerntet und genährt werden wird. Und niemand geht mit leeren Händen davon. Niemand bleibt außen vor. Dafür ist es Zeit: Zeit der Barmherzigkeit.

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Das Fürbittengebet des Eröffnungsgottesdienstes finden Sie hier.

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Donnerstag, 21. Juli 2016 | 19:00 Uhr, Komplet mit Entpflichtung von Br. Willehad Kaleb RGSM
  • Sonntag, 7. August 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 11. Sonntag nach Trinitatis
  • Sonntag, 4. September 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie zum Diakonie-Sonntag „Barmherzigkeit: Größer als unser Herz“, am 16. Sonntag nach Trinitatis, mit einer Ausstellungseröffnung
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt: Pfarrerin Andrea Richter.
  • Sonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden

Freitag: Eröffnungsgottesdienst 24. Stadtfest Berlin

Die Glocken der Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin-Schöneberg läuten morgen, Freitag, 15. Juli 2016, das 24. Lesbisch-schwule Stadtfest Berlin ein. Es findet seit 1993 jährlich statt und erstreckt sich über die Motzstraße, Eisenacher Straße, Fuggerstraße und die Kalckreuthstraße. Mit etwa 420.000 Besuchern ist es heute das größte homosexuelle Straßenfest in Europa.

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Stadtfest-Gottesdienst 2015

Das Rogate-Kloster St. Michael lädt bereits zum siebten Mal zu einem ökumenischen Gottesdienst zur Eröffnung des großen Schöneberger Bürgerfestes in die nah gelegene Zwölf-Apostel-Kirche ein. Die liturgische Feier gehört seit 2010 zum offiziellen Rahmenprogramm des Festes. In diesem Jahr wird besonders der Toten des Anschläge von Nizza und Orlando gedacht.

Thema des Gottesdienstes: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“. Der Predigttext steht im Matthäus-Evangelium (Mt 12, 1-8). Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hatte im Vorfeld den Gottesdienst begrüßt: „Der Eröffnungsgottesdienst zum Stadtfest im Rogate-Kloster St. Michael ist ein wichtiges Zeichen. Die Kirchen sind ein unverzichtbarer Teil unserer Zivilgesellschaft, mit Herz und Ohr für alle, die Ausgrenzung und Ablehnung erleben. Praktizierte Nächstenliebe ist und bleibt in unserer Gesellschaft das Fundament für mehr Toleranz und Gleichberechtigung.“

Nach Pfarrer Manfred Moll (2010), Superintendentin Dr. Birgit Klostermeier (2011) und Dekan Ulf-Martin Schmidt (2012), Pfarrerin Andrea Richter (2013), Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein (2014) und Pfarrer Burkhard Bornemann als amtierender Superintendent (2015) predigt in diesem Jahr Oberkonsistorialrätin Dr.  Christina-Maria Bammel von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).

An der Gestaltung des Gottesdienstes sind weiterhin beteiligt: Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin Tempelhof-Schöneberg, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Pfarrer der Alt-Katholischen Gemeinde Berlin, Christoph Hagemann, Kreiskantor Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirche, MdB Volker Beck, Bündnis 90/Die Grünen, Pfarrerin Anna Trapp, Wunderblutkirche Bad Wilsnack, Geschäftsführer Jörg Steinert, Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, und Bruder Franziskus Aaron RGSM, Rogate-Kloster, als verantwortlicher Liturg.

Rogate Kl_Postkarte_Messe Stadtfest 2016_090316 Kopie 2Erreichbar ist die Gottesdienststätte des Rogate-Klosters in der Zwölf-Apostel-Kirche mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die U-Bahnhöfe: Kurfürstenstraße (U1) Nollendorfplatz (U1, U2, U3, U4) und per Bus: Kurfürstenstraße (M85, M48), Nollendorfplatz (M19, 187, 106) und Gedenkstätte Dt. Widerstand (M29). PKW-und Fahrradstellplätzestellplätze vor dem Gemeindezentrum und in der Genthiner Straße. Adresse: An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Das Kloster ist zudem beim Straßenfest am Sonnabend und Sonntag mit einem eigenen Infornationsstand vor der Fuggerstraße 10 vertreten.

Link zur Facebook-Einladung hier.

Fünf Fragen an: Pfrn. Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO

Fünf Freitagsfragen an Marion Gardei, Pfarrerin der EKBO, über vergegenwärtigende Erinnerung als konstitutiver Bestandteil jüdischen und christlichen Glaubens sowie jüngste Schändungen der Gedenkstätte im ehemaligen KZ-Außenlagers Jamlitz-Lieberose.

Bildschirmfoto 2016-05-18 um 18.27.22Marion Gardei ist Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Sie studierte evangelische Theologie in Berlin und Judaistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem mit dem EKD-Projekt „Studium in Israel“. Sie war Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Dahlem. Sie ist Mitherausgeberin der „Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Dialog“.

Rogate-Frage: Frau Pfarrerin Gardei, was ist Erinnerungskultur und warum ist sie Aufgabe der Landeskirche?

Marion Gardei: Erinnerungskultur ist die Art und Weise, wie wir uns an Ereignisse der Vergangenheit öffentlich erinnern. Dabei treffen wir als Einzelne oder als Gemeinschaft Entscheidungen – bewußt oder unbewußt -: Was ist uns wichtig und was nicht? In welcher Form wollen wir erinnern? Manches verschwindet aus dem kollektiven Gedächtnis, manches ist ganz präsent.

Kirchliche Erinnerungskultur ist kein Selbstzweck, sondern will der Schuld und Versäumnisse gedenken und die Verantwortung der Kirche benennen, wo sie geschwiegen oder mitgemacht hat, statt sich dem Unrecht entgegen zu stellen. Das geschieht, damit sich solches nicht wiederholt. Den Opfern, die namenlos gemacht wurden, soll eine Stimme gegeben werden. Erinnert werden soll aber auch an Menschen, die protestiert haben gegen Unrecht und Unmenschlichkeit und dafür mit der Freiheit oder mit dem Leben bezahlen mussten.

Auch säkulare Formen des Gedenkens haben ihren Ursprung in der religiösen Praxis: Die jüdisch-christliche Religion ist eigentlich der „Erfinder“ der Erinnerungskultur. In der Bibel gibt es die Weisung „Gedenke“ in vielen Zusammenhängen. In der Bibel werden auch bestimmte Orte zur Erinnerung markiert, Gedächtnisfeste eingesetzt.

In der EKBO ist in den letzten Jahren eine beachtliche Erinnerungs- und Gedenkkultur gewachsen, die nach zeitgemäßen Formen fragt, auch um junge Menschen einzubeziehen. Sie beruft sich bewusst auf ihre biblischen Wurzeln und ist Teil der Glaubenspraxis und des kirchlichen Handeln: Gedenktage wie zum Beispiel der 9. November werden ins Kirchenjahr integriert und liturgisch begangen, Menschen, die aus ihrem christlichen Glauben heraus Widerstand gegen Diktatur und Unrecht leisteten werden als Glaubenszeugen wahrgenommen.

Rogate-Frage: Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit?

Marion Gardei: Es sind vor allem die beiden großen Diktaturen des vorigen Jahrhunderts, die die kirchliche Erinnerungsarbeit beschäftigen, aber immer bezogen auf die Gegenwart. In einer Zeit, wo es immer weniger Zeitzeugen gibt, gilt es, die Arbeit der kirchlichen Erinnerungsorte in unserer Landeskirche zu stärken und zu koordinieren. Hier wird Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes be-greifbar. Wir entwickeln hier Profile und Lernprogramme für außerschulisches Lernen, aber auch für Erwachsene. Lern- und Erinnerungsorte werden auch durch kirchliches Handeln zu Gedenkorten, an denen auch spirituelle Erfahrungen gemacht werden können. Für die vielen Ehrenamtlichen, die an kirchlichen Gedenkorten arbeiten, biete ich zum Beispiel theologische, pädagogische und historische Aus- und Fortbildungen an.

Mich beschäftigt sehr die Frage, wie wir Jugendlichen zeigen können: „Das was da früher passiert ist, hat auch mit Deinem Leben zu tun“. Ich suche mit anderen zusammen nach neuen Formen der Erinnerungskultur, die Jugendliche nicht als Bildungsobjekte betrachtet, sondern als Gesprächspartner ernst nimmt. Dazu müssen wir bei der Lebenswelt der Jugendlichen heute ansetzen: Wo erleben sie Unterdrückung, Ausgrenzung und Gruppenzwang? Wie schafft man es, auch gegen den Trend zu seinen Überzeugungen zu stehen?

Ein weiterer Teil meiner Arbeit besteht in der Zusammenarbeit mit staatlichen Gedenkstätten, wir entwickeln gemeinsam Vorträge, Bildungsprogramm und Ausstellungen. Auch ökumenische oder interreligiöse Erinnerungsgottesdienste bezogen auf bestimmte Gedenktage, Personen oder Orte gehören zu meinen Aufgaben, hier gilt es liturgische Formen zu entwickeln.

Rogate-Frage: Ist nicht jeder Gottesdienst Erinnerung?

Marion Gardei: Vergegenwärtigende Erinnerung ist konstitutiver Bestandteil jüdischen und christlichen Glaubens. Der Gottesdienst birgt liturgische Elemente des vergegenwärtigenden Erinnerns: Jüdische Menschen feiern das Passahfest, als seien sie persönlich aus Ägypten befreit worden. Christen erfahren beim Abendmahl Jesu Gegenwart, als sei er lebendig unter ihnen. („Das tut zu meinem Gedächtnis“ ) Die Evangelien überliefern die Erinnerung an Jesu Leben, an sein Sterben und seine Auferstehung zu bewahren und damit die Gemeinde daran teil haben kann.

Alle kirchliche Erinnerungskultur hat die Grundlage, dass Gott selbst sich an sein Volk erinnert. Gott erinnert sich zum Beispiel der Not des Volkes in Ägypten: Er hört sein Klagen (2. Mose 3,7 ff), sein Leiden ist ihm nicht gleichgültig, er kennt die Menschen mit Namen, er gibt keines seiner Geschöpfe dem Vergessen preis. „Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet“, sagt Gott dem im Exil zweifelnden und leidenden Volk (Jes 49,16). Dass Gott des Menschen gedenkt, erkennen Christen in besonderer Weise in Jesus Christus.

Der Gottesdienst regt zur „Nachahmung Gottes“ an, Menschen sollen in Empathie ihr Engagement für die Entrechteten wahrnehmen… Jeder Gottesdienst erinnert an die Nächstenliebe als höchstes Gebot.

Rogate-Frage: Sie haben die Schändung des Erinnerungsortes KZ-Außenlager Jamlitz-Lieberose in einer Presse-Information verurteilt. Was ist dort passiert? 

Marion Gardei: Zwei Ausstellungstafeln wurden am 10. Mai zerstört, davor wurde der jüdische Friedhof geschändet. Heute, am 18. Mai 2016, haben erneut Unbekannte einen Anschlag auf den Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers verübt. Der Anschlag ist also der zweite innerhalb einer Woche. Diesmal wurde die Eingangstafel der Freiluftausstellung des Gedenkortes vollständig zerstört. Die Tafel enthielt grundlegende Informationen über den Holocaust und die Geschichte des ehemaligen KZ-Außenlagers. Der erneute Anschlag hat bei der Evangelischen Kirchengemeinde und bei der Landeskirche Entsetzen und tiefe Abscheu hervorgerufen. Ich finde, die Tat zeigt eine neue Stufe des Hasses und der Gewalt. Wir lassen uns aber davon in unserer kirchlichen Erinnerungsarbeit nicht beirren oder einschüchtern.

Rogate-Frage: Erfahren die Täter durch die Proteste gegen ihr Treiben und die Berichterstattungen über Schändungen von Gedenkstätten nicht Anerkennung und Bestätigung?

Marion Gardei: Ja, das ist eine zweischneidige Sache. Im Fall Jamlitz war es sicher so, dass die Täter durch die Berichterstattung „animiert“ wurden, ohne dass diese natürlich Schuld daran hätte. Wir können doch auch nicht verschweigen, was da geschieht. Wir leben offenbar in einer Zeit, in der rechtsextreme und rechtspopulistische Kräfte wieder erstarken. Unsere kirchliche Erinnerungsarbeit zielt darauf, das zu verhindern, Mut zu machen, gegen den Trend zu leben, gegen Antisemitismus und Intoleranz aufzustehen. Die Anschläge zeigen: Wir müssen noch viel mehr tun. Jetzt erst recht.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pfarrerin Gardei, für das Gespräch.

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Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

ISSN 2367-3710, Nationales ISSN-Zentrum für Deutschland, Deutsche Nationalbibliothek.

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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