Was glaubt Wilhelmshaven? Mitmach- und Fotoaktion am Pfingstsonntag im Küstenmuseum

Woran glauben Menschen in Wilhelmshaven? Was gibt ihnen Hoffnung, Trost oder Mut?

Für ein interreligiöses Ausstellungsprojekt im Küstenmuseum sucht das Projekt-Team der Arbeitsgemeinschaft Religionenhaus Auskunftswillige, Interessantes oder auch ganz Alltägliches.

Wir sammeln Geschichten und freuen uns über Menschen, die Lust haben, uns davon zu erzählen.

Für die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt.“ sollen im Foyer des Küstenmuseums Fotos gemacht und die Geschichte aufgeschrieben werden. Anschließend wird vom Ausstellungsteam ausgewertet, was davon in der Schau zum Stadtjubiläum gezeigt werden könnte. Bilder und Kurzgeschichten der Aktion werden unter dem Hashtag #Wilhelmshavenglaubt in den sozialen Medien zu finden sein. 

#Wilhelmshavenglaubt (Bild: Arne Schulz)

Termin der Sammelaktion: Pfingstsonntag, 9. Juni 2019, 14:00 bis 16:30 Uhr.Ort: Küstenmuseum, Weserstr. 58, 26382 Wilhelmshaven-Südstadt

Weitere Infomationen: wilhelmshavenglaubt.de

Die Ausstellungseröffnung ist am 28. Juni, 16 Uhr. Der Eintritt zur Eröffnung ist frei.

Fünf Fragen an: Gundula Gause, Co-Moderatorin des „heute journal“

Fünf Freitagsfragen an Gundula Gause, Co-Moderatorin ZDF-„heute journal“, über ihren Weg in den Journalismus, den professionellen Umgang mit bewegenden Nachrichten und Hoffnung für eine gerechte Zukunft.

2018 Gundula Gause ZDF Klaus Weddig

Gundula Gause (Bild: ZDF/Klaus Weddig)

Gundula Gause, M.A., 1965 in Berlin geboren, studierte Politikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte und Publizistik in Paris und Mainz. Seit 1989 ist sie als Redakteurin und Moderatorin beim ZDF tätig. Ihre Stationen dort: 1989 – 1993 in der heute-Redaktion in Kombination mit Nachrichtenmoderation, 1992 – 1994 Moderation des gesellschaftspolitischen Magazins „Nachbarn“, 1992 – 1998 des ZDF-morgenmagazins, seit 1993 Co-Moderatorin im ZDF-heute-journal. Neben der Moderation von Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen engagiert sie sich ehrenamtlich, z.B. als Schirmherrin für das katholische Hilfswerk „missio“, jahrelang im Kuratorium der ekhn-Stiftung oder für Menschen mit Sehbinderungen als Schirmherrin der „Woche des Sehens“ und die Stiftung Lesen. Seit Dezember 2015 hat sie die Schirmherrschaft für den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar übernommen. Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Gauck. Gundula Gause ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Rogate-Frage: Frau Gause, was hat Sie in den Journalismus und in das heute journal getrieben?

Gundula Gause: Schon in meiner Jugend faszinierte mich der Journalismus. Ich interessierte mich „schon immer“ für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Zeitgeschehen in nah und fern. Heute sprechen viele junge Leute ja davon, „irgendwas mit Medien“ machen zu wollen, – „imm“ wie wir verkürzt gerne sagen. In den 80er Jahren, als ich in das Berufsleben startete, waren die Bedingungen natürlich völlig andere. Zugleich lassen sich aber Parallelen zu heute ziehen, denn damals wie heute gab es massive Veränderungen im Medien- und Kommunikationsumfeld. Heute ist es die Digitalisierung – vor 30 Jahren kamen die privaten Sender auf. Das Privatradio „Rheinland-Pfälzischer Rundfunk“, kurz RPR inserierte in unserer Lokalzeitung – ich bewarb mich und hatte die einzige Festanstellung meines Lebens. Als Redaktionsassistentin konnte ich als junge Frau gut Einblick in die Arbeit des Senders und seiner Redaktionen erhalten. „Learning by doing“ führte zu redaktionellen Erfahrungen und auch ersten Schritten in der Moderation. Dann ging es recht schnell über die Flure der „Anstalt für Kabelkommunikation“ in Ludwigshafen zu SAT.1, wo ich als Programm-Moderatorin 1988/89 dann auch Fernseherfahrung sammeln konnte.

Zugleich hatte ich an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität ein Studium der Politikwissenschaft, mittleren und neuen Geschichte sowie der Publizistik aufgenommen – und war dann 1997 doch recht froh, neben meiner Arbeit beim ZDF einen guten alten Magister Artium geschafft zu haben. Denn über „Mund zu Mund-Propaganda“ von Radiokollegen hatte ich einen Kontakt zum ZDF, das Ende der 80er Jahre Nachrichtenmoderatoren suchte, weil das Programm über Mittags- und später das Morgenmagazin über den ganzen Tag ausgeweitet wurde. Wie viele Leser kenne ich ja auch noch die Zeiten, als ARD und ZDF und die Dritten Programme erst nachmittags anfingen zu senden – tempi passati… Somit sei Ihre Frage nach dem Berufseinstieg in Kürze beantwortet mit den drei „L“: Lust auf den Job, Leidenschaft für die redaktionelle Tätigkeit – und letztendlich auch Leistungsbereitschaft, doppelt und dreifach zu arbeiten.

Rogate-Frage: Welche journalistische Ethik leitet Sie?

Gundula Gause: Mit vielen Journalisten und Kollegen in verschiedenen Redaktionen fühle ich mich dem Pressekodex verpflichtet, der Kriterien auflistet, die für eine ehrliche und sorgfältige Berichterstattung gelten: Achtung der Menschenwürde, Einhaltung von Persönlichkeitsrechten, das Prüfen aller Informationen sowie absolute Objektivität in der Bewertung der Fakten. Diese Wertehaltung haben wir alle verinnerlicht und setzen sie unabhängig und bewusst um, – in jedem Satz, bei jedem Bild.

Rogate-Frage: Wann fallen Ihnen in der Sendung Meldungen schwer und wie gehen Sie damit um?

Gundula Gause: Leider haben Nachrichten bekanntermaßen überwiegend negative Ereignisse zum Inhalt. Wir müssen über Kriege, Konflikte, Krisen berichten – von Unglücken, Anschlägen und immer wieder auch von terroristischen Attacken. Wann immer sinnlose Gewalt unschuldige Menschen zu Opfern macht, sind wir alle im Team betroffen und zugleich wahren wir alle journalistische Distanz zu den jeweiligen Themen. Der berühmte Satz des von uns allen verehrten Hanns Joachim FriderichsMache Dich nie gemein mit einer Sache.“ hilft auch. Mir persönlich gehen Meldungen über Opfer von sexueller Gewalt besonders nahe. Bei diesen Nachrichten – sowie bei allen Nachrichten über Gewalt – muss man sich auch persönlich zusammenreißen und sich um einen professionellen Umgang bemühen.

Rogate-Frage: Was bedeutet Ihnen Gott, Glaube und der Gottesdienstbesuch?

Gundula Gause: Mir persönlich ist mein Glaube wichtig. Religion hat für mich identitätsstiftenden Charakter, – prägt den Menschen in seinem Umfeld. Man kann sich ja nicht allein stellen – und denken. Wir sind Teil einer Gesellschaft, in der Regeln das Miteinander leichter machen. Eine von vielen Regeln kann da auch die Religion sein. Als Protestantin bin ich mit einem Katholiken verheiratet – mit der Familie besuche ich den katholischen Gottesdienst. Seit Jahren engagiere ich mich für das katholische Hilfswerk „missio“ – und zugleich war ich im vergangenen Jahr als Botschafterin für das Reformationsjubiläum aktiv. Dieses ehrenamtliches Tun erfüllt mich – ebenso wie jeder Gottesdienstbesuch, der „weiß Gott“ zu selten ist – mit Zuversicht und guter Hoffnung. Da wir alle in der Familie recht viel arbeiten – und mit Leidenschaft auch familiäre Verpflichtungen übernehmen, sind auch die Wochenenden häufig derart belegt, dass wir es leider nur alle paar Wochen in den Gottesdienst „schaffen“. So leben wir unseren Glauben privat – jeder für sich. Diese Freiheit, die das Christentum lässt, ist wunderbar – und lässt sich von Theologen gewiss mit „Gottes Größe“ auch begründen. Darf ich als Laie mir erlauben, dies so zu behaupten?

Rogate-Frage: Dürfen Sie! Welche Nachrichten würden Sie gern am Ende dieses Jahres verlesen? 

Gundula Gause: Erleben würde ich gerne folgendes, was mehr als nur eine gute Nachricht wäre: „Afrika ist gleichberechtigter Handelspartner von EU, China, USA und Russland. Die Wirtschaft auf dem Kontinent kommt in Schwung, Entwicklungsländer werden zum Konjunkturmotor, Arbeitsplätze entstehen. Millionen Menschen entkommen Hunger und Armut, haben eine Perspektive in ihrer Heimat.“ Dafür setzt sich missio übrigens seit über 100 Jahren ein. – Eine andere wichtige Nachricht wäre die von einem Ende des Krieges in Syrien, der in diesen Tagen vor sieben Jahren begann.

Rogate: Vielen Dank, Frau Gause, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

RogateKl_Postkarte A6_Eucharistie Miserikordias Domini 150418_110118_2 KopieWillkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

Fünf Fragen an: Erika Fischer, Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis

Fünf Fragen an Erika Fischer, Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis, über Geistliche Begleitung, Gottessuche und Gestaltung einer persönlichen Spiritualität im Alltag.

2017 Erika Fischer (Foto privat)

Erika Fischer (Bild: privat)

Erika Fischer: Geboren 1954 in der Schweiz, seit 1973 in Norddeutschland lebend. Ausbildung zur Heilerzieherin und langjährige Tätigkeit in der Arche-Bewegung. Zwei erwachsene Kinder. Zugehörig zur Evangelischen Schwesternschaft Ordo Pacis. 2006 – 2008 Ausbildung in Geistlicher Begleitung/Exerzitienbegleitung. Seit 2008 Tätigkeitsschwerpunkt in der Aus- und Fortbildung von Geistlich Begleitenden sowie in der Weitergabe von Kontemplativen Exerzitien.

Rogate-Frage: Was ist Geistliche Begleitung?

Erika Fischer: Geistliche Begleitung beschreibt ein spezifisches Angebot im Raum der Seelsorge. Das Wort „geistlich“ macht den Inhalt deutlich, um den es geht: Gottessuche und Gestaltung einer persönlichen Spiritualität im Alltag. Geistliche Begleitung ist demzufolge angelegt auf einen längeren Zeitraum und auf regelmäßige Gespräche.

Anlass für die Suche nach einem Geistlichr Begleitung können zum Beispiel sein: ein Lebensumbruch, eine wichtige zu treffende Entscheidung, die Sehnsucht nach Stille und Meditation im Alltag, der Wunsch, mit einem anderen Menschen über Glauben und Zweifel zu sprechen, eine allgemeine Suche nach Sinn…

Der Geistliche Begleiter oder die Geistliche Begleiterin ist dabei jemand, der zuhört, der einen eigenen geistlichen Weg geht und sich Zeit nimmt, mit der begleiteten Person zusammen zu schauen: auf den Alltag, den Lebensweg, auf das, was ist, was sein könnte und was Glaube an Gott bei all dem bedeutet.

Geistliche Begleitung geschieht im Bewusstsein der Gegenwart Gottes. Sie weiß kompetente Gesprächsführung zu verbinden mit den Schätzen der christlichen Tradition wie Heilige Schrift, geistliche Texte, Rituale wie Gebet, Segen und Beichte.

Geistlich Begleitende sind teils Hauptamtliche in ihren Gemeinden, teils Ehrenamtliche mit ganz verschiedenen beruflichen Hintergründen. Ihre Befähigung zu diesem Dienst erwerben sie durch ihren eigenen geistlichen Weg und durch eine entsprechende Weiterbildung.

Geistliche Begleitung geschieht in Nachbarschaft zu anderen Zweigen der Seelsorge und zur Supervision, ohne an ihre Stelle zu treten. Einen psychotherapeutischen Prozess kann sie nicht ersetzen, aber mitunter – in guter gegenseitiger Absprache – ergänzen.

Folgende Rahmenbedingungen für Geistliche Begleitung sind üblich:
Regelmäßige Treffen über einen längeren Zeitraum, ein halbes Jahr, ein ganzes oder länger. Alle vier bis sechs Wochen ein Gespräch in geschützter und gastlicher Atmosphäre, Verschwiegenheit und gegenseitiges Vertrauen sind Grundvoraussetzungen. Geistliche Begleitung ist in der Regel unentgeltlich. Manchmal wird um eine Spende für eine dem Begleiter wichtige Organisation gebeten.

Rogate-Frage: Welchen religiösen Ursprung hat diese Form der Begleitung?

Erika Fischer: Auf eine kurze Formel gebracht kann man sagen: Der Name ist neu, die Sache selber hat eine lange Tradition. Wann und wo immer Menschen sich in geistliches oder spirituelles Leben einüben wollen, suchen sie dafür ein Gegenüber, einen Anleiter, eine Lehrerin, jemanden, der oder die geistliches Leben aus eigener Erfahrung kennt und fähig ist, es zu vermitteln. Dies gilt auch für spirituelle Wege in anderen Religionen.

Im Bereich des Christentums findet sich die älteste systematische Praxis Geistlicher Begleitung bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern, etwa Ende drittes bis sechstes Jahrhundert. Wer neu in die strenge und asketische Lebensweise in der Wüste einstieg, merkte meistens sehr schnell, dass es nicht möglich war, solch ein Leben zu führen ohne regelmäßiges Gespräch mit einem erfahrenen Menschen. Es entwickelte sich eine präzise Methode der Begleitung und eine Form „kollegialer Intervision“, beides natürlich ohne die heutzutage dafür üblichen Begriffe. Ein reicher Erfahrungsschatz aus dieser Zeit ist vor allem in kurzen Geschichten und Sprüchen überliefert. Die Stärke dieser Worte und Geschichten bis heute hin liegt in der Tatsache, dass sie ein tiefes und differenziertes Wissen über das Wesen und das Herz des Menschen enthalten. Gleichzeitig ist bei ihnen – implizit oder explizit – immer sehr klar, dass Selbstfindung sich nicht in einem beziehungslosen Raum abspielt, sondern „im Angesicht Gottes“ stattfindet.

Die Weiterentwicklung dieser Anfänge von geistlicher Begleitung geschahen dann zum Beispiel im frühen Mönchtum, in der iro-schottischen und franziskanischen Tradition oder im Kontext mittelalterlicher Mystik, um einige Orte in der Westkirche zu nennen. In der Ostkirche waren es neben den Klöstern durch alle Jahrhunderte hindurch Starzen (Einzahl: Starez), geistlich erfahrene Männer oder Frauen, die oft als Einsiedler lebten und ihre geistliche Erfahrung mit Suchenden teilten.

In der beginnenden Neuzeit steht der Name des Basken und späteren Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, für eine wegweisende Erneuerung Geistlicher Begleitung. Er befreite sie von strukturellen Verkrustungen und entfaltete sie neu als ein Instrument, das dem einzelnen Menschen Hilfe sein soll, Gottes Willen für das eigene Leben zu suchen und zu leben. Ignatius hat zwar später Theologie studiert und wurde zum Priester geweiht, aber die geistlichen Übungen und die darin vorgesehene Form geistlicher Begleitung hat er als Laie für Laien entwickelt, was ihm mehrere Verfahren der Inquisition eingetragen hat – dass später die Jesuiten selber zu einer Speerspitze der Gegenreformation wurden, zählt zu den tragischen Verwicklungen, wie das Lebenswerk eines Menschen sich manchmal in sein Gegenteil verkehren kann.
Die Sprache der „Geistlichen Übungen“ ist zeitkritisch zu sehen und bedarf unbedingt einer eigenen Hinführung und Übertragung. Ihre Hinweise sowohl für den geistlichen Weg als auch für die geistliche Begleitung sind dagegen zeitlos. Es ist ein großes Verdienst der Jesuiten, dass sie die überlieferten Exerzitien in der Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil, also ab den 1960iger Jahren, konsequent für unsere heutige Zeit erschlossen haben und damit – zunächst auf katholischer Seite – die moderne Bewegung von Exerzitien und Geistlicher Begleitung begründet haben.
Anschlussfähig für evangelische Christen wurde die ignatianische Spiritualität durch zwei Grundansätze, die sich bei Ignatius sehr deutlich finden. Der erste: Ignatius war dezidiert der Überzeugung, dass jeder Christ selber die Bibel lesen und daraus Gewinn für sein Leben ziehen kann. Seine Exerzitien sind in weiten Teilen nichts anderes als was wir heute „biblische Betrachtungen“ nennen würden. Der zweite Grundansatz hängt eng mit diesem ersten zusammen: ein ernstzunehmendes geistliches Leben ist nach Ignatius nicht an die Lebensform des Klosters gebunden sondern für jeden Christen möglich. Auch damit stand er quer zu seiner Zeit.

Und heute: Im Rahmen der ökumenischen Bewegung seit den 1970iger Jahren haben evangelische Christinnen und Christen die Schätze bei den römisch-katholischen Geschwistern und das gemeinsame vorreformatorische Erbe neu entdeckt. Die römischen Geschwister haben ihre Erfahrungen großzügig geteilt. Geistliche Begleitung, so wie wir sie heute kennen, ist in der evangelischen Kirche also noch eine junge Bewegung. Als ich 2005 nach einer Langzeitfortbildung für Geistliche Begleitung suchte, gab es im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine einzige, das war bei der Communität Christusbruderschaft in Selbitz, in der Hannoverschen Landeskirche war gerade ein erster Kurs in Planung. Inzwischen gibt es in der EKD mehr als zehn Orte, an denen Kurse für Geistliche Begleitung angeboten werden, die meisten Landeskirchen sind als verantwortliche Träger oder durch Kooperationen involviert.

Rogate-Frage: Wo finde ich einen Geistlichen Begleiter?

Erika Fischer: Geistliche Begleitung ist von Anfang an und bis heute hin nie ganz in den Strukturen der verfassten Kirche aufgegangen. Das schafft ein notwendiges Stück Unabhängigkeit. Gleichzeitig bedeutet das den Verzicht auf ein „flächendeckendes Netz“, wie etwa die Ortsgemeinden es anbieten können. Man muss also immer ein bisschen suchen.
In der katholischen Kirche sind es meist die Exerzitienreferate der Diözesen, die Geistliche Begleiter ausbilden und vermitteln, auf evangelischer Seite sucht man am besten im Bereich der eigenen Landeskirche: die Arbeitsgemeinschaften oder Netzwerke in den Landeskirchen bilden Geistliche Begleiter aus und vermitteln sie. Auch die Klöster, Geistlichen Gemeinschaften oder Häuser der Stille in beiden großen Konfessionen können oft weiterhelfen. Auch was im Internet unter den entsprechenden Stichworten zu finden ist, ist im Wesentlichen brauchbar.

Rogate-Frage: Welche Voraussetzungen sollte eine Person mitbringen, die geistlich begleitet?

Erika Fischer: In einem von Martin Buber aufgezeichneten Midrasch drückt Gott sein Wohlgefallen Abraham gegenüber aus, indem er sagt: „Du hast mein Handwerk ergriffen.“ Geistliche Begleiterinnen und Begleiter sind Menschen, die das Handwerk Gottes ergriffen haben. Dabei ist das wichtigste Werkzeug in der Geistlichen Begleitung die Person des Begleiters/der Begleiterin selbst. Durch die Art, wie eine Geistliche Begleiterin den Suchenden begegnet, kann etwas von der Beziehungswilligkeit Gottes durchscheinen. Durch die Art, wie ein Begleiter andere aufnimmt, kann etwas davon deutlich werden, wie Gott die Brüchigkeit menschlichen Lebens nicht aufhebt, wohl aber sie zu verwandeln vermag. Das alles lässt sich nur bedingt in Kursen lernen und vermitteln. Über spirituelle Erfahrung lässt sich kein Zertifikat ausstellen. Wohl aber kann man christliche Übungswege kennen lernen und Kompetenz in Gesprächsführung sowie Wissen um biografische und spirituelle Prozesse erwerben. Erfahrungsräume dafür eröffnen entsprechen qualifizierte Weiterbildungen.

Die Arbeitsgemeinschaft Geistliche Begleitung in der Evangelischen Kirche in Deutschland listet folgende idealtypischen Voraussetzungen für Geistlich Begleitende auf:
– eigene längere Erfahrung auf dem geistlichen Weg,
– langjährig vollzogene und reflektierte geistliche Übung,
– Erfahrungswissen im Blick auf verschiedene Weisen der „Zwiesprache mit Gott“ und der Dynamiken geistlichen Lebens,
– selbst erfahrene geistliche Begleitung,
– Erfahrungswissen hinsichtlich des Widerfahrnisses geistlicher Krisen, der Anfechtung, die gerade der Raum der Selbstmitteilung Gottes ist (Martin Luther),
– professionelle Grundhaltungen für ein förderliches Gespräch,
– Wissen um Grenzen geistlicher Begleitung und Kenntnis anderer, Beratungs-/Begleitungs-/Therapieformen, auf die gegebenenfalls zu verweisen ist,
– absolute Verschwiegenheit und
– eigene Praxisbegleitung.

Aber auch mit all diesen Voraussetzungen bleibt: Geistlicher Begleiter/Geistliche Begleiterin ist kein Titel. Begleiter/Begleiterin werde ich dadurch, dass andere sich an mich wenden. So ist und bleibt Geistliche Begleitung ein Ineinander von sorgfältig zu erlernendem Handwerk auf der einen und unverfügbarem Charisma und Begegnungsgeschehen auf der anderen Seite.

Rogate-Frage: Wie sind sie zu dieser Form der Begleitung gekommen?

Erika Fischer: Meine eigene Geschichte mit geistlicher Erfahrung und geistlicher Begleitung beginnt 1970 in Taizé. Ich lernte dort eine ungemein befreiende und weite Spiritualität kennen. Die Stille berührte mich ganz tief und hat mich nicht wieder losgelassen. Wieder zu Hause fing ich für mich allein an, in der Stille zu beten – ich war 16, hatte keine Ahnung von Meditation und die Familie denkt, ich bin verrückt. Ich hatte so etwas wie ein mystisches Erlebnis: ganz eingehüllt in Licht. Auch wenn die Erfahrung allmählich verblasste, die unstillbare Sehnsucht, Gott in der Stille zu begegnen, durchzieht seither mein Leben.
Einige Monate später fuhr ich wieder nach Taizé und hatte dort mit einem der Brüder erstmals die Möglichkeit, über das zu sprechen, was mir widerfahren war. Das war eine erste und sehr hilfreiche Erfahrung von Geistlicher Begleitung. Ich erfuhr Ermutigung und Bestätigung, gleichzeitig auch wichtige Korrekturen: nicht um die besonderen, herausragenden Erfahrungen geht es, sondern um treues „Dranbleiben“. Als ich wenige Jahre später nach Hamburg umsiedelte, waren es wieder die Taizé-Kontakte, durch die ich auf eine kleine geistliche Gemeinschaft von Frauen aufmerksam wurde, der ich seit über 40 Jahren angehöre: die Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis. Die Geistliche Begleitung gehört von Anfang an zum Repertoire dieser Schwesternschaft. Ich wuchs also immer mehr hinein in eine selbstverantwortete Gestaltung eines geistlichen Lebens, ins Begleitet-werden. Ein wichtiger Schwerpunkt war in dieser Zeit die eigene geistliche Biografiearbeit: alles was war, durfte nach und nach ins heilende und befreiende Licht Gottes kommen.
Etwa 20 Jahre später lernte ich mit dem Weg der Kontemplativen Exerzitien von Franz Jalics zum ersten Mal eine systematische Methodik kontemplativen Betens kennen. Das eröffnete mir noch einmal ganz neue Möglichkeiten, an meine frühen Stille-Erfahrungen anzuknüpfen. In den zehntägigen Exerzitienkursen in Haus Gries lernte ich viel am Modell derer, die mich begleiteten.
Um andere begleiten zu können, ist es notwendig, die Erfahrung nicht nur zu erleben, sondern sie auch zu reflektieren und zu verstehen. Deshalb entschied ich mich, von 2006 – 2008 an einem zweijährigen Exerzitienleiterseminar teilzunehmen. 2007 wurde ich ins Leitungsteam der in der Nordkirche neu beginnenden Langzeitfortbildung für Geistliche Begleitung berufen. Seitdem darf ich in vielfältiger Weise Menschen auf ihren geistlichen Wegen begleiten und geistliche Begleiterinnen und Begleiter ausbilden.

Ein letztes noch: Christliche Spiritualität, richtig verstanden, ist keine weltabgewandte Innerlichkeit. Sie ist auch nicht die „Wellnessoase“, die gestresste Zeitgenossen so dringend meinen zu benötigen. Nur ein guter Baum kann gute Früchte tragen, und so ist es in unseren aktionsbetonten Kirchen eine notwendige Innenseite, sich um den ganzen Baum und sein gutes Ergehen zu kümmern. Aber der Baum unseres Lebens wird sich erst dann als guter Baum erweisen, wenn er Früchte trägt, d.h. wenn er sich nicht selbst genügt. Geistliche Begleitung hat immer beides im Blick.

Rogate: Vielen Dank, Frau Fischer, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

 

Fünf Fragen an: Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag

Fünf Freitagsfragen an Dr. Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag, über Verbindendes, moralische Normen und avantgardistische Politikvorstellungen.

Porträtfoto DietmarBartsch_2017-01

Dr. Dietmar Bartsch (Bild: 2017 DiG Trialon)

Dr. Dietmar Bartsch ist seit 2015 Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag. Aufgewachsen in Vorpommern, studierte er zunächst Wirtschaftswissenschaften und machte später eine Aspirantur an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau, wo er 1990 zum Dr. oec. promovierte. Er war langjähriger Bundesschatzmeister und Bundesgeschäftsführer der PDS bzw. der LINKEN. Von 1998 bis 2002 und seit 2005 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages.

Rogate-Frage: Herr Dr. Bartsch, was verbinden Sie mit Gott, Glauben und Kirche?

Dietmar Bartsch: Zunächst, ich bin nicht religiös. Das heißt nicht, dass ich Begriffe wie „Gott“ oder „Glauben“ für bedeutungslos hielte. Für viele Menschen haben diese Begriffe eine ziemlich klare Bedeutung, es gibt eine „Grammatik“ des Gebrauchs dieser Begriffe. Deshalb wäre es ignorant zu sagen, dass es bedeutungslose Begriffe wären. Ignoranz aber ist eine enge Verwandte der Intoleranz, und Intoleranz können wir nicht gebrauchen. Die Kirche ist noch einmal etwas anderes, sie ist die Institutionalisierung des Glaubens. Religion ist ohnehin nicht unwichtig, wie es ein naiver Atheismus vielleicht nahelegt. Hegel hat das gut auf den Punkt gebracht: In der Religion gibt sich ein Volk, man könnte auch sagen: eine Gemeinschaft, die Definition dessen, was ihm wichtig ist. Es geht um Verbindendes bei allem, was trennt. Hier sehe ich eine strukturelle Ähnlichkeit zur Staatsbürgerlichkeit und zum Gemeinwohl. Natürlich trennt manches uns, auch wenn wir Bürger desselben Staates sind. Aber als Staatsbürger diskutieren und streiten wir um den Inhalt dessen, was Gemeinwohl ist.

Rogate-Frage: Sie haben gesagt: „Der Kampf der SED gegen die Kirchen war falsch“. Was genau meinen Sie damit und wie reagieren Ihre Parteifreunde darauf?

Dietmar Bartsch: Der Kampf der SED gegen die Kirchen hörte irgendwann auf und machte einem Konzept „Kirche im Sozialismus“ Platz. Was jedoch nicht aufhörte, war ein Misstrauen in gläubige Menschen und auch eine Diskriminierung dieser Menschen. Der Hintergrund ist offensichtlich. Die SED erhob einen unbedingten Wahrheitsanspruch. Da waren religiöse Überzeugungen konkurrierende Überzeugungen. Politik, die sich mit einem unbedingten Wahrheitsanspruch legitimiert, und das machen avantgardistische Politikvorstellungen, ist der eigentliche Fehler. Was sagen nun meine Genossinnen und Genossen zu dieser These? Wir haben uns bei der Umwandlung der SED in die PDS, was wesentlich mehr war als eine Änderung des Parteinamens, deutlich gegen avantgardistische Politikvorstellungen abgegrenzt, weil diese in ihrem Kern demokratiefeindlich sind. Jeder Genosse und jede Genossin, die das akzeptiert, wird auch die These verstehen, dass der Kampf der SED gegen die Kirchen falsch war.

Rogate-Frage: Was schätzen Sie an den Kirchen? Was nicht?

Dietmar Bartsch: Ich beginne mit der zweiten Frage, weil sie etwas einfacher zu beantworten ist. Die Kirchen bilden, weil sie Institutionen sind, auch die Nachteile von Institutionen aus, etwas, was sie auch mit Parteien vergleichbar macht. Es geht eben um Erhalt der Institution auch als Selbstzweck, es geht um Machterhalt und Machtausbau und verbunden damit um einen gewissen Moralismus, mit dem die Kirchen in gesellschaftlichen Diskussionen auftreten. Letzteres möchte ich erläutern. Wenn die Kirchen in Fragen zum Schwangerschaftsabbruch eine andere Position vertreten als ich, ist das für sich erst einmal unproblematisch. Wenn sie jedoch christliche Werte als Begründung anführen, so beeindruckt das vielleicht Christen, nicht ebenso zwingend Nicht-Christen. Dennoch sind die Ermahnungen der Kirche auch an sie adressiert. Da wäre dann schon ein größerer Begründungsaufwand nötig.

Allerdings ist hierbei, und das klingt vielleicht paradox, auch Positives. Indem Vertreter der Kirche in der politischen Öffentlichkeit eine normative Aussage platzieren, sind nicht nur sie selbst einem Begründungszwang ausgesetzt, sondern sie ermöglichen es anderen, sich dazu zu verhalten. Es sind also mögliche Gegenstände einer öffentlichen Diskussion über moralische Normen. Ich muss nicht mit der Kirche übereinstimmen, ich kann den Rückzug auf „christliche Werte“ als nicht ausreichend kritisieren, aber ich muss wertschätzen, dass in der Öffentlichkeit überhaupt über moralische Normen diskutiert wird. Da ist auf die Kirche Verlass.

Rogate-Frage: Warum wäre eine „Gesellschaft ohne Glauben“ problematisch?

Dietmar Bartsch: Ich bin mir nicht ganz sicher, in welchem Grad sie problematisch wäre. Aber im Prinzip wird das aus der vorhergehenden Antwort schon klar. Religionen und mit ihnen die Kirchen tradieren Moralauffassung und damit normative Orientierungen und Argumentationen. Eine Gesellschaft, die auf moralische Vergewisserung nicht zurückgreifen könnte, hätte Probleme.

Rogate-Frage: Worin unterscheidet sich Solidarität von der christlichen Nächstenliebe?

Dietmar Bartsch: Nächstenliebe fragt nicht nach dem eigenen Nutzen, sie fragt danach, was wir anderen Gutes tun können. Darin liegt eine Ähnlichkeit zur Solidarität, die sich auch gegen Egoismus stellt. Allerdings ist Solidarität manchmal konkreter: als Klassensolidarität, als Solidarität von Gefangenen gegen das Gefängnispersonal, aber auch in Gestalt von sozialpolitischen Solidarsystemen. Es handelt sich also um Organisationsformen, Nächstenliebe dagegen ist eine moralische Idee. Ich denke aber, dass ohne die kulturelle Tradierung von Ideen wie der Nächstenliebe solidarische Praktiken geringere Aussicht auf Stabilität hätten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Bartsch, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

  • Bildschirmfoto 2017-07-04 um 22.31.10Montag, 14. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Sachen, die wir getrost belachen“, mit Julia Muth, Pressesprecherin der Stadt Wilhelmshaven. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Wilhelmshaven. Lektorin: Sabine Wistuba.
  • Montag, 21. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Wir spinnen Luftgespinste“, mit Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Oldenburg. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Dienstag, 22. August 2017 | 19:00 Uhr, Vesper. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin.
  • Montag, 28. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Lass uns einfältig werden”, mit Oberbürgermeister Andreas Wagner, Wilhelmshaven. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Wilhelmshaven.
  • Alle Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, über eine zupackende Zivilgesellschaft für geflüchtete Menschen, die Wahrung der Menschenwürde in der Krise und die Wechselwirkungen mit populistischer Politik.

2017-michael-chalupka-bild-luiza-puiu

Michael Chalupka (Bild: Luiza Puiu)

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz/Österreich geboren und studierte evangelische Theologie in Wien und Zürich. Weitere Ausbildungen folgten in den Bereichen Erwachsenenbildung und NPO-Management. Nach einem zweijährigen Italienaufenthalt als Studienleiter am “Centro Ecumenico d’Agape” in Prali (Torino) arbeitete er von 1989 bis 1994 als evangelischer Pfarrer. Seit 1994 ist Michael Chalupka als Direktor der Diakonie Österreich tätig. Er ist Mitinitiator der Armutskonferenz (1995). Seit 2000 ist Michael Chalupka außerdem Präsident des „Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit“ (ÖKSA) und seit 2006 auch Vorsitzender des Evangelischen Schulwerkes A.B. Wien.

Rogate-Frage: Herr Direktor Chalupka, wie geht es den geflüchteten Menschen heute in Österreich?

Michael Chalupka: Die Situation für die Geflüchteten hat sich, nach dem großen Flüchtlingszustrom 2015 mit über 88.000 Asylanträgen, weitestgehend normalisiert.
Das Positive, das wir aus 2015 mitnehmen können, war eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität, die jedoch weniger von der Regierung ausgegangen ist, sondern von der Zivilgesellschaft, die nach dem Motto: „Da muss man doch helfen!“ einfach zugepackt hat und unglaubliche Initiativen auf die Beine gestellt hat. Das hat sogar uns als professionelle Hilfsorganisation, die schon viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, manchmal überrascht. Bis heute sind sehr viele ehrenamtliche MitarbeiterInnen und nach wie vor viele private Initiativen – mehr als jemals zuvor in der jüngeren Geschichte Österreichs – in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Rogate-Frage:  Wie sind in Österreich die Kirchen, Caritas und Diakonie auf die Situation mit den Herausforderungen umgegangen und was hat sich dadurch verändert?

Michael Chalupka: Es war natürlich auch für die angestammten Hilfsorganisationen eine große Herausforderung. Caritas und Diakonie haben versucht äußerst flexibel auf die Situation zu reagieren. Dennoch hat sich alleine in der Diakonie der MitarbeiterInnenstand in der Flüchtlingsarbeit sowohl bei den hauptamtlichen, als auch bei den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass auch viele Leitungsstrukturen im laufenden Betrieb permanent nachgebaut werden mussten.
Dennoch war es uns wichtig, nicht einfach unsere Qualitätsstandards zu begraben und die Menschenwürde, der uns anvertrauten Menschen auch in einer Zeit großen Andranges im Vordergrund stehen zu lassen. Viele MitarbeiterInnen im Flüchtlingsbereich sind in diesem Jahr an das Limit ihrer Belastbarkeit gestoßen. Vor allem aber auch deshalb, weil Politik und Verwaltung kein gutes Krisenmanagement geleistet haben und viele sehr schwierige Situationen vermeidbar gewesen wären.
Leider wurde die konstruktive Kritik sämtlicher Hilfsorganisationen am staatlichen Aufnahmesystem kaum aufgegriffen, sodass wir befürchten müssen, beim nächsten Zuzug einer größeren Zahl von Flüchtlingen wieder exakt vor den gleichen strukturellen Problemen zu stehen wie im Jahr 2015.

Rogate-Frage: Auch Österreich erlebt das Aufleben des rechten Populismus, das Erstarken der Identitären und eine schwierige Bundespräsidentenwahl… Was ist los in Ihrem Land?

Michael Chalupka: Es gibt in Österreich nach wie vor eine schweigende Mehrheit von Menschen, die das Gemeinsame vor das Trennende, die Nächstenliebe vor den Hass, das Positive vor das Negative stellt. Letztendlich wurde das auch im sehr deutlichen Ausgang der Bundespräsidentenwahl sichtbar.
Dieser Umstand ist aber für die Politik scheinbar schwer verständlich. Eine schweigende Mehrheit ist auch für sie weniger hörbar, als die sehr negativen, lauten, xenophoben bis rassistischen Töne, die auch gerne durch Boulevardmedien aufgegriffen und reproduziert werden.
Dadurch entsteht eine Wechselwirkung mit populistischer Politik, die ihrerseits glaubt durch symbolpolitische Verschärfungen der Gesetzeslage und Kürzungen von Leistungen einen politischen Vorteil erringen zu können. Oft wird dabei übersehen, dass es, sobald man auf diesen Zug aufspringt, keine Bremse mehr gibt. Es ist wie ein Karussell, das sich immer weiter dreht: Die Hetzer verlangen immer mehr und sozialpolitisch immer Abstruseres. Eine Politik, die in dieses Karussell einsteigt, verliert unweigerlich die Orientierung im eigenen Wertegerüst. Irgendwann gibt es im Asylrecht gar nichts mehr zu verschärfen, das noch menschenrechtlich kompatibel wäre. Doch die nächste Verschärfung muss her, man glaubt es dem Wählerwillen schuldig zu sein.
Ja, es gibt einen starken Zulauf zu rechtspopulistischer Politik, die einfachste Antworten auf komplexeste Fragen gibt.
Die wahre Frage ist jedoch, ob der Zulauf zu dieser Politik größer oder kleiner wäre, wenn christlich soziale und sozial demokratische PolitikerInnen sich mit der ganzen Kraft der Grundprinzipien ihrer Gesinnungsgemeinschaften entgegenstemmen würden.

Rogate-Frage: Wie können Christen und wie die Kirchen darauf reagieren?

Michael Chalupka: Viele Christinnen und Christen sind heute stark in ehrenamtlichen Projekten engagiert und engagieren sich auch für ihre Mitmenschen.
Wichtig ist, dass sie sich aber auch zu Wort melden und spürbar werden lassen, dass Nächstenliebe stärker ist als Hass, Neid und Missgunst.
Die evangelischen Kirchen in Österreich stehen seit vielen Jahren sehr deutlich auf der Seite der Flüchtlinge und es gibt kaum ein Jahr, in dem die Generalsynode keine Resolution mit einem klaren Bekenntnis zum Flüchtlingsschutz beschließt.
Die Flüchtlingsarbeit ist den Kirchen ein besonderes Anliegen in Österreich. Evangelische Kirche A und H.B. sind gemeinsam mit der Diakonie Österreich Trägerorganisationen des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Dieser ist inzwischen die größte Rechtsberatungsorganisation für Flüchtlinge in Österreich. Angesichts der wenigen Evangelischen in Österreich ist das eine bemerkenswerte und für das Selbstverständnis der Kirchen wichtige Entwicklung.

Rogate-Frage: Was können wir in Deutschland von Österreich lernen, um die spürbare gesellschaftliche Spaltung und eine Gefährdung der Demokratie zu verhindern?

Michael Chalupka: Österreich hat seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen des Rechtspopulismus zu tun. Es zeigt sich deutlich, dass die Strategie, der vormals großen Parteien, immer mehr Anliegen der FPÖ in die eigene Programmatik zu übernehmen in den Diskurs der Rechtspopulisten eingezahlt hat. Die Erwartungen, dass sich durch eine schärfere Rhetorik und Abschottungspolitik WählerInnen für die Parteien der Mitte halten ließen haben sich nicht erfüllt. Wir ÖsterreicherInnen blicken umgekehrt immer etwas neidisch nach Deutschland, weil wir glauben dort mehr Sachpolitik und doch eine Spur weniger Populismus und Symbolpolitik zu erkennen. Trotz aller Probleme – von Pegida bis hin zu brennenden Flüchtlingsheimen – existiert doch auch in Deutschland eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung, wie jüngst eine Studie der EKD zur Haltung in der Flüchtlingsfrage gezeigt hat. Selbstverständlich ist die politische Lage in beiden Ländern sehr angespannt und ist es ein Auftrag an uns Christinnen und Christen, sehr wachsam zu sein und der Demagogisierung und Radikalisierung täglich entgegenzutreten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Direktor Chalupka, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Fünf Fragen an: Daniel Bröckerhoff, Journalist und „heuteplus“-Moderator

Bildschirmfoto 2016-05-17 um 07.49.22

Daniel A. Bröckerhoff (Foto: danielbroeckerhoff.de)

Fünf Freitagsfragen an Daniel Bröckerhoff, ZDF-Moderator, über die Berufung zum Journalismus, eine Nachrichtensendung als Lebenstraum und die Distanz zu organisierter Religion.

Daniel Bröckerhoff ist gebürtiger Duisburger und Wahl-Hamburger, pendelt aber seit einem Jahr regelmäßig nach Mainz, um dort die neue Nachrichtensendung heuteplus zu moderieren. Der Vater von zwei Töchtern ist bekennender Sambista und hat sich jahrelang in der Naturschutzjugend engagiert.

Rogate-Frage: Herr Bröckerhoff, was hat Sie in den Journalismus getrieben? Eine Berufung?

Daniel Bröckerhoff: Journalismus ist sicher eine Art Berufung für mich. Ich war immer sehr neugierig, wollte verstehen, was die Welt im Innersten zusammen hält, war für Physik aber zu rechenfaul. Und ich wollte Menschen immer erklären, was ich herausgefunden habe. Außerdem stehe ich seit meiner frühen Kindheit gern auf Bühnen, wäre ich nicht Journalist geworden, hätte es mich zu einer Musikerkarriere gezogen. Als Moderator kann ich jetzt beides gut miteinander vereinen.

Rogate-Frage: Sie moderieren „heuteplus“. Was ist für Sie das Besondere an diesem Format?

Daniel Bröckerhoff: heuteplus ist die erste Nachrichtensendung, die sich an ein jüngeres oder jung gebliebenes Publikum richtet und vor allem im Internet stattfindet. Wir senden zwar auch im „großen“ ZDF,  aber unsere Internetpräsenz hat eigentlich Vorrang. Das heisst, dass wir unsere Beiträge immer zuerst in die sozialen Medien hochladen und uns dort an den Diskussionen beteiligen. Wir senden auch zuerst im Internet, jeden Abend um 23:00 Uhr auf heute.de und auf Facebook, die TV-Sendung ist quasi der letzte Arbeitsschritt. Auch wenn wir dort immer noch das größere Publikum erreichen.

Für mich ist diese Sendung ein Stück weit wahr gewordener Lebenstraum. Denn sie nimmt das Internet wirklich ernst, aber sich selber nicht immer so sehr. Wir können Dinge machen, die andere Nachrichtensendungen nicht machen würden, wir dürfen flappsiger und unterhaltsamer, aber auch kantiger sein und Haltung zeigen. Als Moderator bin ich nicht der klassische Nachrichtenmann, sondern zeige auch ein Stück meiner Persönlichkeit. Das ist natürlich auch anspruchsvoller und anstrengender als „nur“ die News zu verkünden, aber es macht mir unheimlich großen Spaß.

Rogate-Frage: Der Bayerische Rundfunk hat in einer Studie zum Thema „Vertrauen in die Medien“ festgestellt, 65 Prozent der Befragten der Ansicht sind, dass Journalisten nicht immer das sagen dürfen, was sie wirklich denken. Wie frei sind Sie in Ihrer Arbeit? Wo halten Sie Ihre Meinung hinter dem Berg, wo nicht?

Daniel Bröckerhoff: Wir sind so frei, wie man es in einem Land mit Pressefreiheit nur sein kann. Tabuthemen gibt es für uns nicht und wir zeigen auch mal sehr klar unsere Haltung zu bestimmten Themen. Das kommt nicht immer gut an, uns wird deswegen auch Progaganda und Manipulation vorgeworfen. Von daher finde ich die Ergebnisse auch ein Stück weit erstaunlich.

Aber auf der anderen Seite finde ich es so ehrlich und demokratischer, weil wir immer auch zum Dialog einladen. Den wirklich objektiven Journalismus kann es ja gar nicht geben, weil er immer von Menschen gemacht wird.

Ich halte mich allerdings mit einer zu starken Bewertung von Themen zurück. Dafür ist die Welt zu komplex und zu vielschichtig, als dass ich mit simple Urteile fällen möchte.

Rogate-Frage: Klaus Kleber stockte in seinen Moderationen angesichts des aktuellen Flüchtlingselends manchmal die Stimme. Wann gehen Ihnen Meldungen so nah, dass Sie Mühe in der Präsentationen von Live-Sendungen haben? Wo und wann möchten Sie öffentlich schreien, Wut zeigen oder weinen?

Daniel Bröckerhoff: Es ist immer schwierig, das Elend anzumoderieren. Bislang konnte ich immer die professionelle Distanz wahren, aber viele Themen berühren mich so sehr, dass ich es manchmal schwer zu etragen finde darüber nüchtern zu berichten. Sei es das Thema „sexueller Missbrauch“, Armut, Umweltverschmutzung und die generelle Ungerechtigkeit auf der Welt, von der wir in Deutschland auch noch profitieren. Wir versuchen in unserer Sendung immer wieder auf diese Themen hinzuweisen und auch Lösungen zu zeigen, wohlwissen, dass das immer nur ein Tröpfchen sein kann.

Rogate-Frage: Gott, Glaube, Spiritualität und Kirche, wie nah oder fern sind Ihnen diese Themen? Und was ist Ihnen heilig?

Daniel Bröckerhoff: Es sind ehrlich gesagt schwierige Themen für mich, weil ich in einer Familie groß geworden bin, die nach schlechten Erfahrungen sehr bewusst mit der katholischen Kirche gebrochen hatte und mich konfessionslos erzogen hat. Im Laufe meines Lebens habe ich mich immer wieder versucht, mich mit Kirche und organisierter Religion anzufreunden, aber es blieb mir fremd. Gerade die sehr in sich gekehrte, ja fast bedrückende Atmosphäre in der westlichen christlichen Kirche hat mich immer mit einem Kloß im Hals aus den Feiern gehen lassen. Erst in den letzten Jahren bin ich durch meine Lebensgefährtin wieder an Gottesdienste heran geführt worden. Vor allem die internationalen Gospel-Gottesdienste in der Hamburger Hl. Dreieinigkeitskirche Borgfelde gefallen mir sehr. Denn sie sind lebendiger, bunter und lauter als die, die ich bislang kennen gelernt habe. Ich nenne sie aber lieber „Lebensfeiern“, denn an eine göttliche Entität zu glauben fällt meinem Ratio schwer. Sie gänzlich zu verleugnen hielte ich dagegen für anmaßend. Ich weiss, dass ich nichts weiss. Ich würde mich daher im besten Sinne als Agnostiker bezeichnen, der jeden etwas beneidet, der sich in seinem Glauben so sicher ist, dass er ein Bekenntnis ablegen kann.

Rogate: Vielen Dank, Herr Bröckerhoff, für das Gespräch!

Weitere Informationen finden über und von Daniel Bröckerhoff finden Sie hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg: