Fünf Fragen an: Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag

Fünf Freitagsfragen an Dr. Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag, über Verbindendes, moralische Normen und avantgardistische Politikvorstellungen.

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Dr. Dietmar Bartsch (Bild: 2017 DiG Trialon)

Dr. Dietmar Bartsch ist seit 2015 Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag. Aufgewachsen in Vorpommern, studierte er zunächst Wirtschaftswissenschaften und machte später eine Aspirantur an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau, wo er 1990 zum Dr. oec. promovierte. Er war langjähriger Bundesschatzmeister und Bundesgeschäftsführer der PDS bzw. der LINKEN. Von 1998 bis 2002 und seit 2005 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages.

Rogate-Frage: Herr Dr. Bartsch, was verbinden Sie mit Gott, Glauben und Kirche?

Dietmar Bartsch: Zunächst, ich bin nicht religiös. Das heißt nicht, dass ich Begriffe wie „Gott“ oder „Glauben“ für bedeutungslos hielte. Für viele Menschen haben diese Begriffe eine ziemlich klare Bedeutung, es gibt eine „Grammatik“ des Gebrauchs dieser Begriffe. Deshalb wäre es ignorant zu sagen, dass es bedeutungslose Begriffe wären. Ignoranz aber ist eine enge Verwandte der Intoleranz, und Intoleranz können wir nicht gebrauchen. Die Kirche ist noch einmal etwas anderes, sie ist die Institutionalisierung des Glaubens. Religion ist ohnehin nicht unwichtig, wie es ein naiver Atheismus vielleicht nahelegt. Hegel hat das gut auf den Punkt gebracht: In der Religion gibt sich ein Volk, man könnte auch sagen: eine Gemeinschaft, die Definition dessen, was ihm wichtig ist. Es geht um Verbindendes bei allem, was trennt. Hier sehe ich eine strukturelle Ähnlichkeit zur Staatsbürgerlichkeit und zum Gemeinwohl. Natürlich trennt manches uns, auch wenn wir Bürger desselben Staates sind. Aber als Staatsbürger diskutieren und streiten wir um den Inhalt dessen, was Gemeinwohl ist.

Rogate-Frage: Sie haben gesagt: „Der Kampf der SED gegen die Kirchen war falsch“. Was genau meinen Sie damit und wie reagieren Ihre Parteifreunde darauf?

Dietmar Bartsch: Der Kampf der SED gegen die Kirchen hörte irgendwann auf und machte einem Konzept „Kirche im Sozialismus“ Platz. Was jedoch nicht aufhörte, war ein Misstrauen in gläubige Menschen und auch eine Diskriminierung dieser Menschen. Der Hintergrund ist offensichtlich. Die SED erhob einen unbedingten Wahrheitsanspruch. Da waren religiöse Überzeugungen konkurrierende Überzeugungen. Politik, die sich mit einem unbedingten Wahrheitsanspruch legitimiert, und das machen avantgardistische Politikvorstellungen, ist der eigentliche Fehler. Was sagen nun meine Genossinnen und Genossen zu dieser These? Wir haben uns bei der Umwandlung der SED in die PDS, was wesentlich mehr war als eine Änderung des Parteinamens, deutlich gegen avantgardistische Politikvorstellungen abgegrenzt, weil diese in ihrem Kern demokratiefeindlich sind. Jeder Genosse und jede Genossin, die das akzeptiert, wird auch die These verstehen, dass der Kampf der SED gegen die Kirchen falsch war.

Rogate-Frage: Was schätzen Sie an den Kirchen? Was nicht?

Dietmar Bartsch: Ich beginne mit der zweiten Frage, weil sie etwas einfacher zu beantworten ist. Die Kirchen bilden, weil sie Institutionen sind, auch die Nachteile von Institutionen aus, etwas, was sie auch mit Parteien vergleichbar macht. Es geht eben um Erhalt der Institution auch als Selbstzweck, es geht um Machterhalt und Machtausbau und verbunden damit um einen gewissen Moralismus, mit dem die Kirchen in gesellschaftlichen Diskussionen auftreten. Letzteres möchte ich erläutern. Wenn die Kirchen in Fragen zum Schwangerschaftsabbruch eine andere Position vertreten als ich, ist das für sich erst einmal unproblematisch. Wenn sie jedoch christliche Werte als Begründung anführen, so beeindruckt das vielleicht Christen, nicht ebenso zwingend Nicht-Christen. Dennoch sind die Ermahnungen der Kirche auch an sie adressiert. Da wäre dann schon ein größerer Begründungsaufwand nötig.

Allerdings ist hierbei, und das klingt vielleicht paradox, auch Positives. Indem Vertreter der Kirche in der politischen Öffentlichkeit eine normative Aussage platzieren, sind nicht nur sie selbst einem Begründungszwang ausgesetzt, sondern sie ermöglichen es anderen, sich dazu zu verhalten. Es sind also mögliche Gegenstände einer öffentlichen Diskussion über moralische Normen. Ich muss nicht mit der Kirche übereinstimmen, ich kann den Rückzug auf „christliche Werte“ als nicht ausreichend kritisieren, aber ich muss wertschätzen, dass in der Öffentlichkeit überhaupt über moralische Normen diskutiert wird. Da ist auf die Kirche Verlass.

Rogate-Frage: Warum wäre eine „Gesellschaft ohne Glauben“ problematisch?

Dietmar Bartsch: Ich bin mir nicht ganz sicher, in welchem Grad sie problematisch wäre. Aber im Prinzip wird das aus der vorhergehenden Antwort schon klar. Religionen und mit ihnen die Kirchen tradieren Moralauffassung und damit normative Orientierungen und Argumentationen. Eine Gesellschaft, die auf moralische Vergewisserung nicht zurückgreifen könnte, hätte Probleme.

Rogate-Frage: Worin unterscheidet sich Solidarität von der christlichen Nächstenliebe?

Dietmar Bartsch: Nächstenliebe fragt nicht nach dem eigenen Nutzen, sie fragt danach, was wir anderen Gutes tun können. Darin liegt eine Ähnlichkeit zur Solidarität, die sich auch gegen Egoismus stellt. Allerdings ist Solidarität manchmal konkreter: als Klassensolidarität, als Solidarität von Gefangenen gegen das Gefängnispersonal, aber auch in Gestalt von sozialpolitischen Solidarsystemen. Es handelt sich also um Organisationsformen, Nächstenliebe dagegen ist eine moralische Idee. Ich denke aber, dass ohne die kulturelle Tradierung von Ideen wie der Nächstenliebe solidarische Praktiken geringere Aussicht auf Stabilität hätten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Bartsch, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

  • Bildschirmfoto 2017-07-04 um 22.31.10Montag, 14. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Sachen, die wir getrost belachen“, mit Julia Muth, Pressesprecherin der Stadt Wilhelmshaven. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Wilhelmshaven. Lektorin: Sabine Wistuba.
  • Montag, 21. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Wir spinnen Luftgespinste“, mit Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Oldenburg. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Dienstag, 22. August 2017 | 19:00 Uhr, Vesper. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin.
  • Montag, 28. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Lass uns einfältig werden”, mit Oberbürgermeister Andreas Wagner, Wilhelmshaven. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Wilhelmshaven.
  • Alle Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Fünf Freitagsfragen an Manuela Schwesig, Bundesfamilienministerin, über Gottes Liebe zu den Menschen und den Schutz von Regenbogenfamilien und LGBTI-Flüchtlingen durch die Bundesregierung.

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Manuela Schwesig (Bild: Bundesregierung/Denzel)

Seit Dezember 2013 ist Manuela Schwesig Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zuvor war sie fünf Jahre Ministerin in Mecklenburg-Vorpommern: Von 2008 bis 2011 für Soziales und Gesundheit und von 2011 bis 2013 für Arbeit, Gleichstellung und Soziales. Die studierte Finanzwirtin arbeitete zwischen 2002 und 2008 im Finanzministerium von Mecklenburg-Vorpommern. In der Landeshauptstadt Schwerin, wo Manuela Schwesig mit ihrer Familie lebt, begann auch ihre politische Karriere auf kommunaler Ebene in der Stadtvertretung. 2005 wurde sie Mitglied des SPD-Landesvorstands Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2009 ist Manuela Schwesig stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD.

Rogate-Frage: Frau Ministerin Schwesig, was bedeutet Ihnen Gott, Glaube und Spiritualität?

Manuela Schwesig: Der Glaube an Gott und Christin zu sein ist für mich ein „Ja“ zum Leben. Ich ziehe sehr viel Kraft aus meinem Glauben, genieße das gemeinsame Beten und Singen im Gottesdienst. Dort sammle ich Energie und gehe gestärkt in den Alltag. Für mich passen mein Glaube und mein Engagement in der Politik sehr gut zusammen. Das Thema Gerechtigkeit zieht sich durch die Bibel wie ein roter Faden. Er stärkt meinen Gerechtigkeitswillen. Deshalb möchte ich auch mithelfen, diese Welt ein Stück weit gerechter und lebenswerter zu machen. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Er liebt uns mit all unseren Fehlern und Schwächen, Stärken und Talenten.

Rogate-Frage: Papst Franziskus hat zum Jahr der Barmherzigkeit aufgerufen. Wie kann barmherziges Handeln in der Politik für Menschen erfahrbar zum Tragen kommen?

Manuela Schwesig: Barmherzig zu sein heißt ja konkret, sein Herz angesichts fremder Not zu öffnen. Im letzten Jahr – als viele Flüchtlinge auch in unserem Land Schutz gesucht haben – war diese Barmherzigkeit sichtbar. Ich verstehe es vor allem als Ermutigung für jeden Einzelnen von uns dabei zu helfen, die Lasten der Schwächeren zu tragen und diejenigen zu mahnen, die es besser haben und andere nicht daran teilhaben lassen. Allerdings darf Hilfe für Menschen in Not nicht allein von der Barmherzigkeit Einzelner abhängen. Politik muss für einen gerechten Ausgleich zwischen Starken und Schwachen sorgen.

Rogate-Frage: Sie treten für die volle rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben bei Ehe und die Adoption von Kindern ein. Warum?

Manuela Schwesig: In einer Familie kommt es darauf an, füreinander da zu sein und gemeinsame Werte zu leben. Dazu gehören in erster Linie Liebe, Vertrauen, Respekt und Zeit füreinander. Deswegen ist für mich klar: Wo Kinder geliebt werden, wachsen sie auch gut auf. Und wo Kinder sind, da ist auch Familie. Die sexuelle Orientierung der Eltern spielt dabei keine Rolle. Jede zweite lesbische Frau und jeder dritte schwule Mann kann sich ein Leben mit Nachwuchs vorstellen. Mehr als siebentausend minderjährige Kinder leben in Deutschland bereits heute bei gleichgeschlechtlichen Eltern. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Familie bleiben Regenbogenfamilien aber immer noch außen vor. Gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Elternschaft gehören für viele Leute immer noch nicht zusammen. Deswegen ist es mir wichtig, dass Regenbogenfamilien in der Gesellschaft sichtbar werden. Mit der Öffnung der Ehe für alle ist auch eine – auch symbolische – volle rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften seitens des Staates verbunden.

Rogate-Frage: Wie können Regenbogenfamilien besser unterstützt und geschützt werden?

Manuela Schwesig: Als Bundesfamilienministerin sehe ich es als meine Aufgabe an, dass Regenbogenfamilien Unterstützung bekommen und als normale Familien, die unserer Lebenswirklichkeit entsprechen, anerkannt werden. Auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan hat und Diskriminierung heute seltener stattfindet, bin ich oft einfach fassungslos, mit welchen Vorurteilen Homosexuelle heute noch zu kämpfen haben.

Ich möchte dazu beitragen, ein modernes und weltoffenes Land zu schaffen, in dem Vielfalt als Bereicherung empfunden wird und niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung benachteiligt wird. Unsere Gesellschaft ist vielfältig und die Art und Weise wie wir leben, welche Lebensentwürfe wir haben ebenso. Jeder muss so leben dürfen wie er will. Jede muss lieben können, wen sie will. Jeder muss so sein können wie er ist.

Zur Unterstützung von Regenbogenfamilien fördert mein Haus seit dem 1. Juli 2015 das bundesweite Modellprojekt „Beratungskompetenz zu Regenbogenfamilien – Erfordernisse und Potenziale in professioneller Begleitung“ des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD). Die Mitglieder von Regenbogenfamilien sollen wohnortnah Rat und Hilfe erhalten und sich willkommen fühlen können.

Rogate-Frage: Was tut die Bundesregierung konkret zum Schutz und zur Integration von LSBTI Flüchtlingen?

Manuela Schwesig: Es reicht nicht, dass wir uns nur Gedanken darüber machen, wie wir die Menschen unterbringen die zu uns kommen. Wir müssen auch dafür sorgen, dass sie hier in unserem Land und in unserer Gesellschaft ankommen. Das Bundeskabinett hat in der Meseberger Erklärung beschlossen, dass Bund und Länder jetzt prüfen, inwieweit eine bundesgesetzliche Regelung erforderlich ist, um den Schutz von Flüchtlingen vor sexueller Gewalt in Flüchtlingsunterkünften zu gewährleisten. Hierbei haben wir ausdrücklich auch auf andere Schutzbedürftige Bezug genommen, wozu LSBTI Flüchtlinge zählen.

Für mehr Schutz braucht es personelle und räumliche Maßnahmen, aber auch mehr Information, Sensibilisierung und Fortbildung der Fachkräfte und Ehrenamtlichen. Deshalb haben wir bereits im vergangenen Jahr ein KfW-Programm gestartet für Neu- und Umbauten, die den Schutz von Frauen, Kindern und LSBTI-Flüchtlingen gewährleisten. Es ist vor allem wichtig, dass auch LSBTI Flüchtlinge ihre Rechte in Deutschland kennen und Ansprechpersonen haben. Daher gab es im März ein Treffen von Bund und Ländern zum Austausch über Projekte für LSBTI Flüchtlinge. Mit Mitteln des BMFSFJ wurde ein Leitfaden des LSVD e.V. zum Asylverfahren für lesbische und schwule Flüchtlinge übersetzt.

Rogate: Vielen Dank, Frau Ministerin Schwesig, für das Gespräch.

Weitere Informationen finden Sie hier: Manuela Schwesig und BMFSFJ

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

Fünf Fragen an: Heinz Lederleitner, Bischof electus Alt-katholische Kirche in Österreich

Fünf Freitagsfragen an Dr. Heinz Lederleitner, Bischof electus des Bistums der Altkatholiken Österreichs (AKÖ), über spirituelle Tiefe, das Geheimnis Gottes und die Synodalität seiner Kirche. Morgen, Sonnabend, 13. Februar 2016, 15:00 Uhr, wird Pfarrer Lederleitner in der Evangelischen Stadtkirche A.B. in Wien zum Bischof geweiht.

Dr. Heinz Lederleitner, Bischof electus Altkatholische Kirche Österreichs
Dr. Heinz Lederleitner, Bischof electus Altkatholische Kirche Österreichs

Nach dem Theologiestudium in Wien und Rom war Heinz Lederleitner sowohl als Priester in der Seelsorge als auch in den Bereichen Kommunikation und Marketing tätig. Seit 2009 ist er Mitglied des Synodalrates der Altkatholischen Kirche Österreichs und seit 2013 Mitglied des Altkatholisch – Anglikanisch koordinierenden Rates. Seit Herbst 2014 ist er Pfarrer der Altkatholischen Kirchengemeinde Krems – St. Pölten und Koordinator für den altkatholischen Religionsunterricht in Österreich. Er ist Bruder der Evangelischen Michaelsbruderschaft im Konvent Österreich.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Dr. Lederleitner, morgen werden Sie als Oberhirte der Alt-katholischen Kirche Österreichs (AKÖ) eingeführt. Was macht einen guten Bischof aus?

Heinz Lederleitner: Persönliches Engagement, auf die Menschen zugehen, Themen ansprechen, besonders dann, wenn sie problematisch erscheinen, spirituelle Tiefe und menschliche Weite.

Rogate-Frage: Sie haben lange als Pfarrer in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Warum haben Sie sich für das Theologiestudium und den Dienst in der Kirche entschieden?

Heinz Lederleitner: Das Gefühl für das, was man als im Glauben als das „Geheimnis Gottes“ bezeichnen kann, die Tiefendimension des Lebens, der niemand ausweichen kann, die Überzeugung, dass Gott ein Interesse an uns hat und dass es wichtig ist, darüber zu sprechen.

Rogate-Frage: Wie katholisch oder evangelisch ist die alt-katholische Kirche? In welcher Vielfalt und Frömmigkeit bewegt sich die AKÖ?

Heinz Lederleitner: So vielfältig wie die Menschen, die sich mit unserer Kirche verbunden fühlen. Gemeinsam ist uns eine eucharistische Spiritualität und wir sehen die synodalen – Prozesse, das heißt Laien und Geistliche leiten zusammen die Kirche, als wesentlich. Sehr verkürzt gesagt: In der Synodalität sind wir eher evangelisch und in der Liturgie eher katholisch.

Rogate-Frage: Welche theologischen Fragen haben Sie in letzter Zeit besonders beschäftigt?

Heinz Lederleitner: Immer schon hat mich die Frage nach Gott beschäftigt, die Auseinandersetzung mit dem Schicksal, dem unbegreiflichen Leiden und wie es vielleicht doch aus einer vertrauensvollen, gläubigen Haltung bewältigt werden kann.

Rogate-Frage: Papst Franziskus hat ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Wie kann die Kirche Barmherzigkeit glaubhaft leben?

Heinz Lederleitner: Indem sie sich zurückhält mit Besserwisserei und einem Moralisieren, das den Eindruck erweckt, es werde Wasser gepredigt und Wein getrunken. Papst Franziskus berührt die Menschen, auch mich, er strahlt menschliche Wärme und eine liebevolle Väterlichkeit aus.

Rogate: Vielen Dank, Herr Bischof electus Dr. Lederleitner, für das Gespräch und Ihnen Gottes Segen für Ihr Hirtenamt!

Mehr über die Altkatholische Kirche Österreichs finden Sie hier: altkatholiken.at. Mehr über Dr. Heinz Lederleitner finden Sie hier: heinz-lederleitner.at

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Kapelle der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 16. Februar 16 | 19:00 Uhr, Passionsvesper „Lust – leben wollen“, Abendgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 18. Februar 16 | 19:30 Uhr, Kreuzweg, Gebetsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 23. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper „Liebe – alles was zählt“, Abendgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 25. Februar 16 | 19:30 Uhr, Komplet in der Passionszeit, Nachtgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 1. März 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie „Brot und Liebe“, in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 3. März 16 | 19:30 Uhr, Andacht “Die sieben Worte Jesu am Kreuz”, in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 8. März 16 | 19:00 Uhr, PassionsvesperGroßes Herz. Sieben Wochen ohne Enge” mit Vikarin Tanja Pilger-Janßen, Zwölf-Apostel-Gemeinde
  • Donnerstag, 10. März 16 | 19:30 Uhr, Komplet in der Passionszeit, Nachtgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 15. März 16 | 19:00 Uhr, PassionsvesperGroßes Herz. Sieben Wochen ohne Enge” mit Superintendent Uwe Simon, Kirchenkreis Oberes Havelland
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier. Hier unser Monatsplan Februar.

Fünf Fragen an: Dr. Jürgen Kaiser, Pfarrer der Französischen Kirche zu Berlin

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser, Französische Kirche zu Berlin, über die Freiheit der Kunst nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, Provokationen zum Bekenntnis und was wir Muslimen nicht sagen sollten.

Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser (Bild: Friedrichstadtkirche)

Jürgen Kaiser: 1963 geboren in Saarbrücken, aufgewachsen im saarländischen St. Ingbert. Studium der Ev. Theologie in Erlangen, Heidelberg und Bern. Promotion in Heidelberg mit einer Arbeit über die Deutungen des Sabbats in der Reformationszeit. Von 1996 bis 2003 Pfarrer in Germersheim am Rhein (Ev. Kirche der Pfalz), seit 2003 Pfarrer der Französischen Kirche zu Berlin (Hugenottengemeinde).

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Kaiser, nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris haben Sie in einer Predigt darüber nachgedacht, ob man sich über Religion lustig machen darf. Sie gaben eine positive Antwort. Warum?

Jürgen Kaiser: Die Formulierung, dass man sich über Religion lustig machen darf, habe ich so in der Predigt nicht gewählt und würde es auch so nicht ausdrücken, weil es ja fast wie eine Aufforderung klingt. Es gibt aber gute Gründe dafür, dass Christen auf Spott anders reagieren sollten als mit Abwehr. Zum einen war Christus selbst Hohn und Spott ausgesetzt und hat es erduldet. Dass Christen, wenn sie verhöhnt und bespottet werden, es ebenso erdulden, ist eine Dimension der Nachfolge. Ich meine, dass das auch den Fall einschließt, dass der verhöhnt wird, der uns heilig ist, nämlich Christus selbst. Etwas zu erdulden, heißt aber nicht, gar nicht zu reagieren und zu verstummen. Vielmehr sind Spott und Schmähungen ein Anlass zu fragen, warum einen eine bestimmt Äußerung oder Darstellung verletzt und sich damit bewusst zu machen, warum einem dies oder jenes heilig ist. Wir brauchen Anlässe, unsere Glauben zu verbalisieren, also Provokationen zum Bekenntnis. Außerdem kann man nicht leugnen, dass wir immer auch in der Gefahr stehen, komisch zu werden oder heuchlerisch. Spötter, Satiriker, Karikaturisten decken das auf.

Rogate-Frage: Darf die Kunst alles?

Jürgen Kaiser: Theoretisch ja, faktisch nein. Tatsächlich gibt es Tabuthemen auch für die Kunst. In Deutschland sind es die sensiblen Themen, die mit unserer besonderen Vergangenheit zu tun haben. So verbietet sich etwa jeder künstlerische Ausdruck, der als antisemitisch gedeutet werden könnte. Religiöse Tabus dagegen scheint es kaum mehr zu geben. Mir widerstrebt es, die künstlerische Freiheit einzuschränken. Allerdings müsste öfter mal die Frage gestellt werden, ob denn alles Kunst ist, was vorgibt, Kunst zu sein. Nicht jede Provokation, nicht jede Geschmacklosigkeit darf sich hinter dem Etikett Kunst verstecken.

Rogate-Frage: Brauchen gläubige Menschen den staatlichen Schutz vor vermuteter Gotteslästerung in der Kunst und Kultur? Warum?

Jürgen Kaiser: In Deutschland gibt es noch einen Blasphemieparagraphen. Gotteslästerung ist strafbar, wenn dadurch der öffentliche Friede bedroht wird. Das Pariser Attentat hat auch in der Kirche wieder eine ernsthafte Diskussion über diesen Paragraphen entfacht. Seine Befürworter sehen in ihm ein Symbol dafür, dass unser Staat ein grundsätzlich positives Verhältnis zur Religion hat und ihre Ausübung schützt. Allerdings geben auch die Befürworter zu, dass der Paragraph kaum mehr anwendbar ist. Außerdem wird die Kirche sich genau überlegen, mit Berufung auf diesen Paragraphen rechtlich gegen Äußerungen in Wort oder Bild vorzugehen. Sie könnte sich den Ruf der Humorlosigkeit, Intoleranz und Kleingeistigkeit einhandeln. Ich meine, wem eine Äußerung nicht passt, soll sich selbst kritisch und begründet damit auseinandersetzen, anstatt bei Verwaltungen und Gerichten Verbote zu erwirken. Nicht nur die Kritiker haben das Recht auf freie Meinungsäußerung, sondern auch Gläubige. Sie sollten mehr Gebrauch davon machen.

Rogate-Frage: Hat Gott Humor? Was, vermuten Sie, lässt ihn lachen?

Jürgen Kaiser: „Aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer und der Herr spottet ihrer.“ (Psalm 2,4) Er lacht über die Herren der Welt, über alle, die sich als Gott aufspielen. Humor ist ein Regulativ. Das Übergroße und Unerträgliche wird auf menschliches Maß reduziert und das allzu Kleine erhöht. Das Leben unter totalitären Regimen ist oft nur mit Humor auszuhalten. In der Nazizeit blühte der Witz ebenso wie in der DDR. Menschen, die sich übermäßig aufplustern und mit Angstmachen andere beherrschen, werden durch Witze klein gemacht und verlieren ihren Schrecken. Monotheistische Religionen sind in gewisser Weise auch totalitäre Regime, indem sie Anspruch auf den ganzen Menschen und sein ganzes Leben erheben. Deshalb ist Humor gerade für religiöse Menschen unabdingbar. Die Juden sind Meister des religiösen Witzes, er ist im Grunde Teil der jüdischen Spiritualität. Und natürlich ist Gott ihr Lehrmeister. Schon die Erzählung vom Turmbau zu Babel zeigt Humor, denn offenbar war der Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte, so mickrig, dass Gott runterkommen musste, um ihn zu sehen (1. Mose 11,5). Das Lachen über die, die sich selbst erhöhen, durchzieht die hebräische Bibel, als Beispiele sei an die Erzählung von David und Goliath, die Esthergeschichte, die Satire über die Götzenmacher (Jesaja 44) erinnert.

Das Neue Testament scheint humorloser. Tatsächlich aber ist die Idee Gottes, Mensch zu werden, eine Offenbarung seines Humors: ein Gott, der sich selbst klein, menschlich und sterblich macht. Die Leute fanden das damals allerdings nicht witzig. Sie reagierten todernst. Gott hat es am Ende gewendet und der Humorlosigkeit den Garaus gemacht. Das Osterlachen ist der Beginn des christlichen Glaubens.

Rogate-Frage: Was können wir Christen zur Versöhnung in den Konflikten unserer Tage beitragen?

Jürgen Kaiser: Wir können von den Juden den Humor lernen und das Gelernte an die Muslime weitergeben – ohne zu verraten, dass wir es von den Juden haben, denn da verstehen die keinen Spaß.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Kaiser, für das Gespräch!

Mehr über die Französische Kirche zu Berlin finden Sie hier: franzoesische-kirche.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 27. Januar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 3. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 10. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 17. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Donnerstag, 19. Februar 2015 | 20:30 Uhr, Komplet in der Kapelle der Kirche mit Austeilung des Aschekreuzes zu Beginn der Passionszeit.
  • Unseren Aushang mit den Gottesdienstterminen im Januar finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Susanne Niemeyer, Autorin „Brot und Liebe. Wie man Gott nach Hause holt“

Fünf Freitagsfragen an Susanne Niemeyer, Autorin von „Brot & Liebe. Wie man Gott nach Hause holt“, über Erinnerungen an das Paradies, die Buchstabierung christlichen Glaubens und Gott in allen Dingen.

Susanne NiemeyerSusanne Niemeyer, geboren 1972, war langjährige Redakteurin beim ökumenischen Verein Andere Zeiten. Heute arbeitet sie als freie Autorin für den Kreuz-Verlag, ist Kolumnistin und Bloggerin (freudenwort.de). Als Begleiter für die Adventszeit ist gerade  im Herder-Verlag erschienen: „Jesus klingelt. Neue Weihnachtsgeschichten.“ Susanne Niemeyer lebt in Hamburg, sieht von ihrem Schreibtisch den Himmel und hört die Schiffe tuten.

Rogate-Frage: Frau Niemeyer, der Untertitel Ihres Buches lautet: „Wie man Gott nach Hause holt“. Muss man ihn holen? Ist er nicht schon da, überall?

Susanne Niemeyer: Ja, wahrscheinlich ist das so. Aber oft fühlt es sich nicht so an. Manchmal vergisst man, dass die schönen Sachen ganz nah sind und ständig verfügbar. Die sonnige Straßenseite. Lindenblütenduft. Komplimente, die man bekommt oder macht. Erinnerungen ans Paradies. Ich hole sie in mein Blickfeld. Ich öffne die Tür meiner Aufmerksamkeit und lasse sie hinein.

Rogate-Frage: Es gibt im Norden die schöne Tradition, neuen Nachbarn Salz und Brot zu bringen, um ihnen Segen und Glück zu wünschen. Was bringt Lesenden das Buch „Brot und Liebe“ ins Haus?

Susanne Niemeyer: Die Chance auf ein paar Wunder, die unerkannt am Straßenrand legen. Die Erinnerung, dass man mit Gott ringen kann – und manchmal ringen muss. Die Erkenntnis, man glauben kann, obwohl das Leben voller Widersprüche ist. Und Gott ist nur einer davon. Aber das ist nicht schlimm. Es ist sogar ganz spannend, damit zu leben. Es hält wach.

Rogate-Frage: Sie haben zusammen mit Ihrem Ko-Autor Matthias Lemme über alle Texte zusammen intensiv gedacht & diskutiert. Nach welchen Kriterien haben Sie schließlich entschieden?

Susanne Niemeyer: Wir wollten christlichen Glauben buchstabieren. Dabei haben wir uns zuallererst die Frage gestellt: Was glauben wir selbst? Dann haben wir geschaut: Was sagen die alten Texte, die Bibel, aber auch die Glaubenden, die vor uns gewesen sind? Dabei haben wir viele Glaubens- und Denkverwandte gefunden. Überraschend schöne, interessante, auch mutige Texte, die hundert oder sogar tausend Jahre alt sind und auch heute eine große Relevanz haben. Wir haben unsere Überzeugungen und Erfahrungen neben die alten gestellt und waren oft verblüfft, wie gut sich das ergänzt. Aber wir haben auch radikal weggelassen, was wir selber nicht glauben. Auch wenn es von einem Martin Luther oder einer Theresa von Avila stammt.

Rogate-Frage: Christliche Hausbücher haben ja eine lange Tradition – Sie legen hier eine neue, moderne Fassung vor. Was gehört aus Ihrer Erfahrung heute in ein Hausbuch und was nicht?

Susanne Niemeyer: Genau das gleiche, was auch in ein Haus gehört: Das, was im Alltag wirklich wesentlich ist. Eine Spaghettizange ist ganz hübsch, aber man kann auch ganz gut ohne leben.
Wir hatten erst viel mehr Begriffe, aber weil unser Hausbuch kein sechsbändiges Werk werden sollte, das im Regal verstaubt, haben wir versucht, die ganz großen Themen des christlichen Glaubens zu wählen. „Existenzangst“ fiel beispielsweise raus, wir fanden sie in der Überschrift „Sinn“ wieder. Aber „Liebe“, „Zweifel“, „Lust“, „Tischgebet“, „Weihnachten“, „Gott“ und auch der „Teufel“ sind dabei.

Rogate-Frage: Sie haben – auch in anderen Büchern – ein wunderbares Sprachvermögen und eine großes Geschick gezeigt, berührend und empfindsam vom Glauben und der Liebe zu schreiben. Wie nähren Sie Ihren Glaube, Ihre spirituelle Sehnsucht, Ihre Suche nach Gott? Durch Meditation, durch den Gottesdienst?

Susanne Niemeyer: Ich mag den Gedanken, dass Gott in allen Dingen ist. Daran versuche ich mich immer wieder zu erinnern; angesichts des nervigen Bettlers in der Fußgängerzone, einer Graffitto, der Stille, eines gregorianischen Gesangs, mir selbst, der Spinne, vor der ich mich ekle oder den Mohnblüten am Straßenrand. „Handle, als stünde Gott vor dir.“ Das gibt dem Alltag einen Glanz, selbst den Abgründen. Oft gelingt es nicht. Aber es ist eine hübsche Aufgabe. Sie macht Sinn. Und sie erfüllt.

Rogate: Vielen Dank, Frau Niemeyer, für das Gespräch!

Über das Buch: Susanne Niemeyer, Matthias Lemme, Ariane Camus (Illu.) „Brot & Liebe – Wie man Gott nach Hause holt“, Verlag Kreuz, Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2013, Format: 13,5 x 21,5 cm, 224 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-451-61177-3, €[D] 18,99

Mehr über Susanne Niemeyer finden Sie in ihrem Blog hier: freudenwort.de.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Einladung LichtvesperSonnabend, 25. Oktober 2014 | 18:00 Uhr, Lichtvesper, Zwölf-Apostel-Kirche (mit der Alt-katholischen Gemeinde). Mit Kreiskantor Christoph Hagemann.
  • Dienstag, 28. Oktober 14 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 30. Oktober | 19:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet
  • Dienstag, 4. November 14 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, in der Kapelle der Kirche
  • Donnerstag, 6. November 2014 | 19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (Kapelle)