Fünf Fragen an: Lutz Müller, Pater der Societas Jesu

Fünf Freitagsfragen an Pater Lutz Müller, Societas Jesu, über seinen Weg in den Orden, den Märtyrer Frans van der Lugt und eine bunte Willkommenswohngemeinschaft in Essen.

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Pater Lutz Müller (Bild: Ulrich Püschmann)

Lutz Müller SJ stammt aus der Neustadt/Weinstraße in der Rheinpfalz, wurde Jesuit und Priester, studierte in München, Frankfurt und Chicago. Er engagiert sich für Menschen in Notlagen (psychisch, physisch, spirituell).

Rogate-Frage: Pater Müller, warum sind Sie Priester, Ordensmann und Jesuit geworden?

Lutz Müller: Mein geistlicher Weg führte über das Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an der Weinstraße. Bei den Herz-Jesu-Priestern sah ich, wie ein überzeugendes Engagement für die Menschen aussah, grundgelegt durch eine Ausrichtung auf Gott, einer Arbeit in der Kirche und einem überzeugenden Lebensstil. Diese Männer hatten eine enorme Ausstrahlung! Ebenso lernte ich die KSJ (Katholische Studierende Jugend im BDKJ/Bund der katholischen Jugend) kennen, was eine einzigartige Erfahrung war, weil meine Kirche und mein Freundeskreis sich deckten. Wir feierten nicht nur viele Partys und machten tolle Ausflüge, sondern wir bereiteten auch Jugendgottesdienste vor, mit denen ich mich identifizieren konnte; und wir hatten viele Gruppenstunden, die richtig Spaß machten. Zusätzlich waren diese Gruppenstunden informativ, lernten wir doch viel über die Beziehungen zwischen reichen und armen Ländern. Die Themen Entwicklungshilfe und kirchliche Initiativen, Welthandel und Gerechtigkeit, Kirchenbilder und Glaubenswelten spielten eine große Rolle. Ich unterschätzte die Prägekraft dieser Aktivitäten völlig.

Als ich nämlich einige Zeit später eine Lehre zum Bankkaufmann in einer großen Geschäftsbank begann, wurde mir der Unterschied in den Wertewelten sofort klar. Ansagen wie „Das persönliche Konto ist das Persönlichste des Menschen!“, oder „Wir wollen das Beste unserer Kunden, nämlich ihr Geld!“ zeigten mir, dass ich in die Welt geraten war, die für die Ausbeutung der Armen in der Dritten Welt mitverantwortlich war. Auf einmal hieß es Umsatzsteigerung statt Solidarität und Profitorientierung anstelle von Nächstenliebe. Mir wurde klar: Ich hatte die Seiten gewechselt! Plötzlich arbeitete ich bei denen, die die Monokulturen in der Landwirtschaft förderten, Atomkraftwerke finanzierten und mit denjenigen politischen Eliten zusammenwirkten, die Demokratie aushebelten und die Rechte von Ureinwohnern, Slumbewohnern und Armen unterdrückten.

Ich geriet so in eine persönliche Krise. Zunächst musste ich mir klarmachen, dass eine abgebrochene Banklehre weder eine Antwort darstellte, noch irgendjemandem nützen würde. Also machte ich mit der Ausbildung weiter, besann mich aber auf meine Erfahrungen im Herz-Jesu-Kloster und begann, die Ordenslandschaft in Deutschland zu untersuchen. Ich war auf der Suche nach einer Lebensform, die meinen Glauben und die Fragen nach Gerechtigkeit miteinander vereinbaren konnte. Bei meinen Sondierungen unter den Männerorden stieß ich bald auf die Jesuiten. Ich war überzeugt, dass sie eine Perspektive für mein Leben darstellten. Nach dem Ende der Banklehre trat ich dort ein.

Ich wurde also zuallererst Ordensmann. Bei den Jesuiten sah ich meine Anliegen für Glaube und Gerechtigkeit, Spiritualität und Engagement, als Kirche um der Menschen willen, gut aufgehoben.

Der Jesuitenorden heißt Societas Jesu (daher das Ordenskürzel SJ), was auf Deutsch bedeutet: Gesellschaft Jesu. Die Männer in diesem Orden wissen sich zu Gefährten Jesu berufen. Als solche Männer sind sie zum Dienst an Anderen ausgesandt. Die Priesterweihe ist ein Ausdruck dieser Berufung. Sie ist eine Form des Dienstes in der Kirche. Ein solcher Gefährte Jesu zu sein, macht mich glücklich.

Rogate-Frage: Wie kommt es, dass sich Ihr Orden weltweit mit großem Engagement für Geflüchtete einsetzt?

Lutz Müller: Unser Ordensgeneral P. Pedro Arrupe SJ gründete 1980 den Jesuit Refugee Service (JRS), den Jesuitenflüchtlingsdienst. Dieser sollte auf die Zeichen der Zeit antworten, das heißt akut auf die Nöte der vietnamesischen Boat People eingehen. Unser Ordensgründer, Ignatius von Loyola (1491-1556), ließ sich auch zu seinen Lebzeiten von den Anforderungen seiner Zeit leiten. Er hatte nicht geplant, die Katholische Reform in Europa zu unterstützen, denn ihm hatte eher ein Wanderpredigerleben seiner Ordensbrüder vorgeschwebt. Aber die Kirche in Europa stöhnte unter den Folgen der Reformation, und sie litt unter ihren eigenen Defiziten. Ignatius erkannte, dass gut ausgebildete Priester hier helfen könnten. Also änderte er sein Konzept. Entsprechend formulierten die Jesuiten im 20. Jahrhundert, dass Jesuiten eher dorthin gehen sollten, wo andere nicht hingehen konnten oder wollten. Diese Haltung führte zur Gründung des JRS und zum Engagement für Geflüchtete. Diese Parteinahme geschieht auf verschiedenen Ebenen:

  1. Durch direkten Kontakt mit Flüchtlingen in den Lagern an der Front,
  2. die Sorge um menschliche Entwicklung, Ausbildung und Förderung in den Lagern (Erstaufnahme, Transit, Abschiebehaft),
  3. anwaltliche Vertretung und juristische Hilfen in Drittländern.

Das spiegelt das Grundanliegen des JRS wider: Serve, Accompany, Advocate.

Rogate-Frage: Sie haben eine Willkommenskommunität in Essen gegründet. Was steckt hinter dieser Idee? Warum haben Sie das Haus nach Pater Frans van der Lugt benannt?

Lutz Müller: Pater Frans van der Lugt SJ war ein Mitbruder aus den Niederlanden, am 10. April 1938 geboren in Den Haag. Er trat 1959 in den Orden ein, absolvierte von 1964-1966 seine Arabischstudien in Beirut/Libanon, wurde 1971 zum Priester geweiht und lebte von 1966 – 2014 in Damaskus und Homs, Syrien. Er war in Amsterdam aufgewachsen und ausgebildeter Psychotherapeut. In Homs arbeitete er unter anderem mit Menschen mit Behinderungen, obdachlosen Jugendlichen und Kindern mit seelischen Schwierigkeiten. Dort gründete der Jesuit in den 1980er Jahren das Zentrum Al-Ard (Die Erde), in der junge Menschen mit seelischen Problemen und Menschen mit Behinderungen in der Landwirtschaft arbeiten konnten. Damit eröffnete er in einer Umgebung, in der Menschen mit Behinderungen teilweise versteckt wurden, vielen von ihnen und ihren Familien neue Lebensperspektiven. Zur Gemeinschaft gehörte ein spirituelles Zentrum als Ort des interreligiösen Dialogs.

So half er Menschen, miteinander als Christen und Muslime unterwegs zu sein. Mit seiner Wanderbewegung „Al Maseer“ (Der Weg) organisierte „Abuna Frans“ (Unser Vater Frans = Pater Frans) regelmäßig mehrtägige Wanderungen, in der er Menschen unterschiedlicher Herkunft und politischer Ansichten, verschiedenen Glaubens und sozialen Status zusammenbrachte. Er war davon überzeugt, dass die Menschlichkeit und das gemeinsame Erleben der Natur alle mehr verbinden und letztlich stärker sind als alles, was wir Menschen uns an Trennendem ausdenken. „Am Ende jeder Wanderung stellen wir fest, dass es keinen Menschen gibt, der nicht geliebt ist“, sagte er.

Nach Beginn des Kriegs in Syrien blieb Frans van der Lugt in Homs, auch nachdem die UNO alle europäischen Staatsangehörigen aus der umkämpften Stadt evakuiert hatte, und die katholische Gemeinde statt früher 10.000 nur noch rund 60 Angehörige umfasste. Nach der Zerstörung von Al-Ard lebte er in der Altstadt und versuchte, Lebensmittel für die hungernden Einwohner der belagerten Stadt zu organisieren. „Die Menschen in Syrien haben mit mir ihre Schätze und ihre Freude geteilt, jetzt teile ich auch ihre Leiden und ihre Trauer“, sagte Frans van der Lugt über seine Entscheidung, in Homs zu bleiben. Am 7. April 2014 wurde er von maskierten Männern aus seiner Unterkunft in der Ordenszentrale gezerrt und auf der Straße mit gezielten Schüssen getötet.

Als Mann des Friedens und der Verständigung, der bis zuletzt nicht Partei für eine politische Seite einnahm, war er in Syrien sehr bekannt und bei vielen Menschen sehr beliebt. Sein Tod wurde von vielen Syrern, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, in und außerhalb Syriens sehr betrauert.

Seine Idee, über das gemeinsame Wandern in der Natur Liebe und Frieden untereinander zu fördern, lebt durch seine Freunde aus Homs jetzt auch in Deutschland und Europa weiter: Jährlich laden sie alle Interessierten zum „FransWandern“ ein.

Dieser Mann mit all seinen Facetten scheint uns ein gelungenes Vorbild zu sein für Verständigung, Kommunikation und Versöhnung. Ein von ihm überliefertes Motto lautet: „Ich sehe keine Christen und Muslime, ich sehe nur Menschen!“ Ein solches Leitmotiv eignet sich sehr für das Abuna-Frans-Haus!

Nun bauen wir in Essen auch einen solchen Ort auf. Unter einem Dach leben Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Religionen, Konfessionen, Nationalitäten und Sozialisationen zusammen. Die Form ist die einer Wohngemeinschaft, einer WG. Das heißt wir haben keine Angestellten, sondern alle Arbeiten im und rund ums Haus werden von allen Bewohnern getragen.

Rogate-Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben und welche Herausforderungen begegnen Ihnen?

Lutz Müller: Wir wollen die Vielfalt in Religion, Lebensstil, Herkunft und Kommunikation leben und nicht einfach nur den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen. Wir empfinden dies selbst als ehrgeizig, die Verschiedenheiten auszuhalten, zu tolerieren, wertzuschätzen und einzubringen. Unterschiede dürfen sein und werden nicht schnell aufgelöst. Das ist manchmal anstrengend. Es kostet Kraft, immer wieder Alltägliches zu erklären, kulturelle Barrieren wahrzunehmen und auszuloten. Während wir beiden Jesuiten natürlich Leitung praktizieren, bieten wir den Geflüchteten die Beziehung zu uns an, um sich besser zu integrieren. Wir begleiten Lernprozesse in Sprache, Kultur, Ausbildung, Festtraditionen und Alltag. Dazu kommen die in WGs üblichen Differenzen mit Blick auf Sauberkeit, Pünktlichkeit, Hygienestandards, Ordnungsvorstellungen. Wir leben in einer Wohngemeinschaft in Deutschland!

Wesentlich verkompliziert wird dies dadurch, dass wir mit traumatisierten Menschen zusammenleben. Fast alle haben Schlafschwierigkeiten, weil die Erinnerungen an Krieg, Flucht und Vertreibung sich nicht nur ins Bewusstsein eingebrannt haben, sondern auch noch über die sozialen Medien, die Smartphones und Tablets immer wieder aufgefrischt werden.

Und so ist das Zusammenleben mit fünf Herkunftskulturen eine Herausforderung! Mit uns leben zwei Guineer, zwei Kongolesen, zwei Syrer, ein Libanese, ein Iraner, zusammen also acht Männer. Die Altersspanne deckt ein Spektrum von 19 bis 68 Jahren ab. Die noch nicht erworbene Sprachkompetenz bildet natürlich eine Hürde. Vieles Interessante kann dadurch gar nicht besprochen werden, wie zum Beispiel religiöse Grundfragen. Sodann kommen die Unsicherheiten im Status dazu. Die Wartezeiten auf die Anhörung durch das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) sind sehr lang. Wenn es zu einer Ablehnung oder anderen Komplikationen kommt, stellen wir einen Rechtsbeistand zur Verfügung. Die Situation der Herkunftsfamilien in den Heimatländern beunruhigt die Bewohner zusätzlich. Kriegerische Ereignisse, Bürgerkriegszustände, Krankheiten bei zerstörter Infrastruktur vor Ort binden viel Aufmerksamkeit und ziehen sie von hier ab. Wenn dann auch noch eine fremde Kultur wahrgenommen, eine fremde Sprache gelernt und die Idee einer WG mit Fremden, auch noch unter der Leitung zweier katholischer Priester verstanden werden soll, dann überfordert das leicht unsere Mitbewohner.

Unsere Idee ist es, Gemeinschaft zu fördern. Das ist nicht immer das Ideal unserer Gäste. Von den Gemeinschaftsunterkünften kennen sie viele Situationen von Konkurrenz und Neid. Wenn wir dann über Kommunikation, Gemeinschaft, Vertrauen und gemeinsames Lernen reden, begegnen sie uns mit viel Skepsis! Beispielsweise ist vielen kaum einsichtig, dass wir miteinander essen könnten, was bedingt, dass wir füreinander kochen. Jeder ist hier ein Überlebenskünstler, sonst wäre er nicht hier. Ein Miteinander einzuführen, ohne familiäre Bindungen, ohne vorgegebene Loyalität, einfach so, ist ein eigenes Thema. Zu all diesem gehören auch die beruflichen Situationen: Ein Mitbewohner macht eine Lehre zum Bäcker, ein anderer eine Ausbildung zur Servicekraft im Restaurant; einer macht gerade seinen Führerschein, ein anderer ein Praktikum in einem Malergeschäft, gefördert vom Jobcenter. Unsere Leute kommen in Deutschland an, selbst wenn es mühsam ist.

Rogate: Vielen Dank, Pater Müller, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Fünf Fragen an: Gundula Gause, Co-Moderatorin des „heute journal“

Fünf Freitagsfragen an Gundula Gause, Co-Moderatorin ZDF-„heute journal“, über ihren Weg in den Journalismus, den professionellen Umgang mit bewegenden Nachrichten und Hoffnung für eine gerechte Zukunft.

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Gundula Gause (Bild: ZDF/Klaus Weddig)

Gundula Gause, M.A., 1965 in Berlin geboren, studierte Politikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte und Publizistik in Paris und Mainz. Seit 1989 ist sie als Redakteurin und Moderatorin beim ZDF tätig. Ihre Stationen dort: 1989 – 1993 in der heute-Redaktion in Kombination mit Nachrichtenmoderation, 1992 – 1994 Moderation des gesellschaftspolitischen Magazins „Nachbarn“, 1992 – 1998 des ZDF-morgenmagazins, seit 1993 Co-Moderatorin im ZDF-heute-journal. Neben der Moderation von Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen engagiert sie sich ehrenamtlich, z.B. als Schirmherrin für das katholische Hilfswerk „missio“, jahrelang im Kuratorium der ekhn-Stiftung oder für Menschen mit Sehbinderungen als Schirmherrin der „Woche des Sehens“ und die Stiftung Lesen. Seit Dezember 2015 hat sie die Schirmherrschaft für den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar übernommen. Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Gauck. Gundula Gause ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Rogate-Frage: Frau Gause, was hat Sie in den Journalismus und in das heute journal getrieben?

Gundula Gause: Schon in meiner Jugend faszinierte mich der Journalismus. Ich interessierte mich „schon immer“ für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Zeitgeschehen in nah und fern. Heute sprechen viele junge Leute ja davon, „irgendwas mit Medien“ machen zu wollen, – „imm“ wie wir verkürzt gerne sagen. In den 80er Jahren, als ich in das Berufsleben startete, waren die Bedingungen natürlich völlig andere. Zugleich lassen sich aber Parallelen zu heute ziehen, denn damals wie heute gab es massive Veränderungen im Medien- und Kommunikationsumfeld. Heute ist es die Digitalisierung – vor 30 Jahren kamen die privaten Sender auf. Das Privatradio „Rheinland-Pfälzischer Rundfunk“, kurz RPR inserierte in unserer Lokalzeitung – ich bewarb mich und hatte die einzige Festanstellung meines Lebens. Als Redaktionsassistentin konnte ich als junge Frau gut Einblick in die Arbeit des Senders und seiner Redaktionen erhalten. „Learning by doing“ führte zu redaktionellen Erfahrungen und auch ersten Schritten in der Moderation. Dann ging es recht schnell über die Flure der „Anstalt für Kabelkommunikation“ in Ludwigshafen zu SAT.1, wo ich als Programm-Moderatorin 1988/89 dann auch Fernseherfahrung sammeln konnte.

Zugleich hatte ich an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität ein Studium der Politikwissenschaft, mittleren und neuen Geschichte sowie der Publizistik aufgenommen – und war dann 1997 doch recht froh, neben meiner Arbeit beim ZDF einen guten alten Magister Artium geschafft zu haben. Denn über „Mund zu Mund-Propaganda“ von Radiokollegen hatte ich einen Kontakt zum ZDF, das Ende der 80er Jahre Nachrichtenmoderatoren suchte, weil das Programm über Mittags- und später das Morgenmagazin über den ganzen Tag ausgeweitet wurde. Wie viele Leser kenne ich ja auch noch die Zeiten, als ARD und ZDF und die Dritten Programme erst nachmittags anfingen zu senden – tempi passati… Somit sei Ihre Frage nach dem Berufseinstieg in Kürze beantwortet mit den drei „L“: Lust auf den Job, Leidenschaft für die redaktionelle Tätigkeit – und letztendlich auch Leistungsbereitschaft, doppelt und dreifach zu arbeiten.

Rogate-Frage: Welche journalistische Ethik leitet Sie?

Gundula Gause: Mit vielen Journalisten und Kollegen in verschiedenen Redaktionen fühle ich mich dem Pressekodex verpflichtet, der Kriterien auflistet, die für eine ehrliche und sorgfältige Berichterstattung gelten: Achtung der Menschenwürde, Einhaltung von Persönlichkeitsrechten, das Prüfen aller Informationen sowie absolute Objektivität in der Bewertung der Fakten. Diese Wertehaltung haben wir alle verinnerlicht und setzen sie unabhängig und bewusst um, – in jedem Satz, bei jedem Bild.

Rogate-Frage: Wann fallen Ihnen in der Sendung Meldungen schwer und wie gehen Sie damit um?

Gundula Gause: Leider haben Nachrichten bekanntermaßen überwiegend negative Ereignisse zum Inhalt. Wir müssen über Kriege, Konflikte, Krisen berichten – von Unglücken, Anschlägen und immer wieder auch von terroristischen Attacken. Wann immer sinnlose Gewalt unschuldige Menschen zu Opfern macht, sind wir alle im Team betroffen und zugleich wahren wir alle journalistische Distanz zu den jeweiligen Themen. Der berühmte Satz des von uns allen verehrten Hanns Joachim FriderichsMache Dich nie gemein mit einer Sache.“ hilft auch. Mir persönlich gehen Meldungen über Opfer von sexueller Gewalt besonders nahe. Bei diesen Nachrichten – sowie bei allen Nachrichten über Gewalt – muss man sich auch persönlich zusammenreißen und sich um einen professionellen Umgang bemühen.

Rogate-Frage: Was bedeutet Ihnen Gott, Glaube und der Gottesdienstbesuch?

Gundula Gause: Mir persönlich ist mein Glaube wichtig. Religion hat für mich identitätsstiftenden Charakter, – prägt den Menschen in seinem Umfeld. Man kann sich ja nicht allein stellen – und denken. Wir sind Teil einer Gesellschaft, in der Regeln das Miteinander leichter machen. Eine von vielen Regeln kann da auch die Religion sein. Als Protestantin bin ich mit einem Katholiken verheiratet – mit der Familie besuche ich den katholischen Gottesdienst. Seit Jahren engagiere ich mich für das katholische Hilfswerk „missio“ – und zugleich war ich im vergangenen Jahr als Botschafterin für das Reformationsjubiläum aktiv. Dieses ehrenamtliches Tun erfüllt mich – ebenso wie jeder Gottesdienstbesuch, der „weiß Gott“ zu selten ist – mit Zuversicht und guter Hoffnung. Da wir alle in der Familie recht viel arbeiten – und mit Leidenschaft auch familiäre Verpflichtungen übernehmen, sind auch die Wochenenden häufig derart belegt, dass wir es leider nur alle paar Wochen in den Gottesdienst „schaffen“. So leben wir unseren Glauben privat – jeder für sich. Diese Freiheit, die das Christentum lässt, ist wunderbar – und lässt sich von Theologen gewiss mit „Gottes Größe“ auch begründen. Darf ich als Laie mir erlauben, dies so zu behaupten?

Rogate-Frage: Dürfen Sie! Welche Nachrichten würden Sie gern am Ende dieses Jahres verlesen? 

Gundula Gause: Erleben würde ich gerne folgendes, was mehr als nur eine gute Nachricht wäre: „Afrika ist gleichberechtigter Handelspartner von EU, China, USA und Russland. Die Wirtschaft auf dem Kontinent kommt in Schwung, Entwicklungsländer werden zum Konjunkturmotor, Arbeitsplätze entstehen. Millionen Menschen entkommen Hunger und Armut, haben eine Perspektive in ihrer Heimat.“ Dafür setzt sich missio übrigens seit über 100 Jahren ein. – Eine andere wichtige Nachricht wäre die von einem Ende des Krieges in Syrien, der in diesen Tagen vor sieben Jahren begann.

Rogate: Vielen Dank, Frau Gause, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Presseschau: „Warum kam Bischof Yohanna nicht nach Deutschland?“ auf Katholisch.de

Donnerstag, 21. September 2017 |katholisch.de

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Screenshoot Katholisch.de

„Uwe Simon, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Oberes Havelland, berichtete bereits Anfang des Monats von einem Vorfall mit einer Gruppe aus Simbabwe. Diese habe zu einem Treffen mit dem Kirchenkreis nach Deutschland reisen wollen, sei jedoch in Südafrika an der Weiterreise in die Bundesrepublik gehindert worden. „Trotz ausgestellter Visa, einer im Original vorliegenden Einladung, einer Verpflichtungserklärung, Hin- und Rückflugtickets, einer Krankenversicherung und einer Kostenübernahmeerklärung verhinderte ein Bundespolizist, der auf dem Flughafen Johannesburg als Einreise- und Visaberater tätig ist, die Weiterreise nach Deutschland und machte die Visa in den Reisedokumenten nach unserer Auffassung rechtswidrig ungültig“, so Simon in einem Interview mit dem Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin.“

Den Artikel von Steffen Zimmermann auf katholisch.de finden Sie hier.

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Willkommen zu unserem nächsten Gottesdienst:

Gebet: Fürbitte aus dem Gottesdienst zur Eröffnung des 25. Stadtfestes Berlin 2017

Großer Gott, wir danken Dir, dass wir geladen sind zum Fest des Lebens. Du hast uns gemacht, gestaltet wunderbar und rufst uns bei unserem Namen. Wir sagen Dank für alles Gute und das Gelingende in unserem Leben.

Gemeindevers: Nun lasst uns gehen und treten / mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben / bis hierher Kraft gegeben. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 58, 1)

20046763_1772848566065337_5335927618255808222_nJesus Christus, unsere Wege kennen Höhen und Tiefen. Du weißt um unsere Schwächen und Stärken. Sei uns gnädig, Du Freund des Lebens.

Wir bitten für alle, die verheiratet oder verpartnert sind – und für die, die nun endlich heiraten dürfen, für die Frauen- und Männerpaare. Segne sie.

Gemeindevers: Wir gehen dahin und wandern / von einem Jahr zum Andern, wir leben und gedeihen / vom Alten bis zum Neuen (Evangelisches Gesangbuch Nr. 58, 2)

Heiliger Geist, Du Tröster. Wir bitten Dich für alle, sich wegen ihrer Homosexualität verstecken müssen: ….in Russland, Uganda, im Iran, Sudan, Somalia, Mauretanien, Nigeria, Libyen, Ägypten – und Tschetschenien.

Du weißt wo geweint und gelitten wird. Erbarme Dich! Schenke Mut und Trost. Werde Anwalt des Lebens – für die Gefolterten.

Gemeindevers: durch so viel Angst und Plagen, / durch Zittern und durch Zagen, durch Krieg und große Schrecken, / die alle Welt bedecken. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 58, 3)

Dreieiniger Gott, wir danken Dir für gute Eltern, die ihre Kinder gut durch das Coming Out bringen und sie vorbehaltlos lieben. Wir danken für unsere Freunde, die mit uns durch Leben gehen und uns vertraut und nahe sind.

Gemeindevers: Denn wie von treuen Müttern / in schweren Ungewittern die Kindlein hier auf Erden / mit Fleiß bewahret werden, (Evangelisches Gesangbuch Nr. 58, 4)

20106769_1777153038968223_7203493836030336510_nGroßer Gott, Du schenkst uns Freiheit. Wir bitten für alle, die in Unfreiheit und in Ausgrenzung leben, weil ihre Identität oder ihr Glaube nicht akzeptiert wird und sie Ausgrenzung, Gewalt und Hass erfahren.

Gemeindevers: also auch und nicht minder / lässt Gott uns, seine Kinder, wenn Not und Trübsal blitzen, / in seinem Schoße sitzen. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 58, 5)

Jesus Christus, schenke unserer Stadt ein sicheres Stadtfest. Schenke Du fröhliche Begegnungen, gesegnete Freundlichkeit und viel gemeinsames Lachen an diesem Wochenende. Lass es zum Fest des Lebens werden. Ein Fest für alle.

Gemeindevers: Ach Hüter unsres Lebens, / fürwahr, es ist vergebens mit unserm Tun und Machen, / wo nicht dein Augen wachen. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 58, 6)

Heiliger Geist, wir danken Dir für das Engagement vieler für eine gerechte, solidarische und lebenswerte Welt. Segne Du die Arbeit der Einrichtungen und Gruppen, die sich für Menschen im Coming Out, für Jugendliche und für Ausgegrenzte einsetzen. Und segne unser Stadtfest an diesem Wochenende, dass es für viele zum Aufbruch in gelingendes Leben und eine bessere Welt werde. Amen.

Gemeindevers: Gelobet sei deine Treue, / die alle Morgen neue; Lob sei den starken Händen, / die alles Herzleid wenden. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 58, 7)

Stadtfest: Feiern gegen Gewalt. Tanzen gegen Hass.

IMG_9259„Gleiche Rechte für Ungleiche?“ So lautete vergangenes Wochenende das Motto des großen Straßenfestes in der Hauptstadt: Das Motzstraßenfest. Offizieller Titel: Lesbisch-schwules Stadtfest Berlin. Mit über 350.000 Besuchern aus der ganzen Welt ist es unangefochten das größte Event seiner Art. Ein ganzer Kiez feiert Vielfalt, bunt und ausgelassen.

Der Ursprung des Festes vor 25 Jahren ist ernst: Gewalttätige Übergriffe in den Straßen auf homosexuelle Frauen und Männer. Die Anwohner wollten das nicht mehr hinnehmen und luden ein: Information gegen Unwissenheit, Feiern gegen Gewalt, Tanzen gegen Hass. Eine ungewöhnliche Reaktion, doch Fröhlichkeit, Wissen und Gemeinschaft machen stark gegen Ausgrenzung.

DSC08983Die Kirche feiert mit: Wir, das Rogate-Kloster, richten seit bald zehn Jahren den Eröffnungsgottesdienst aus. Wie vergangenen Freitag: Eine volle Kirche, Pastorin und Priester, Ordensfrauen und Bischof, Lektoren und ein Kiezorchester gestalteten einen Festgottesdienst. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sprach ein Grußwort und sagte von der Kanzel: „Erst, wenn wir alle die gleichen Rechte haben, sind wir alle frei.“

Mich erinnert es an folgende Liedverse („Wenn das Rote Meer grüne Wellen hat“): „Wenn unsre Tränen rückwärts fließen, dann bleiben wir hier, dann bleiben wir hier, weil sich das Land gewandelt hat. Wenn es dreizehn schlägt und die Zeit zerbricht, dann bleiben wir hier…“

Br. Franziskus

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Montag, 24. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Alexander von Fintel, Bündnis 90/Die Grünen. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Dr. Holger Onken, Die Linken. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Der Mond ist aufgegangen”. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 6. August 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Udo Striess-Grubert, Freie Wähler. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 6. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Wie ist die Welt so stille”, mit Prof. Dr. Jörg Schneider, Jade Hochschule. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 14. August 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Andreas Tönjes, Die Partei. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.

Fünf Fragen an: Dr. Eva Högl, stellv. Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion

Fünf Fragen an Dr. Eva Högl, MdB und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, über eine Strafanzeige gegen einen Weihbischof, ihren Einsatz gegen menschenverachtende Äußerungen und die Erwartungen an die Kirchen.

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MdB Dr. Eva Högl (Bild: SPD-Fraktion)

Dr. Eva Högl wurde 1969 in Osnabrück geboren, studierte Rechtswissenschaften in Osnabrück und im niederländischen Leiden. Sie ist evangelisch, verheiratet und lebt im Wedding in Berlin-Mitte. Seit 2009 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages und vertritt den Wahlkreis Berlin-Mitte als direkt gewählte Abgeordnete der SPD. Die Themen Frieden, soziale Gerechtigkeit und sozialer Zusammenhalt haben sie vor genau 30 Jahren zur SPD gebracht.

Rogate-Frage: Warum haben Sie einen Strafantrag gegen den Salzburger Weihbischof Laun gestellt.

Eva Högl: Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat am 24. März 2017 auf der Internetseite „kath.net“ einen als „Hirtenbrief“ bezeichneten Text veröffentlicht, der hetzerische und menschenrechtsverletzende Passagen und Vergleiche enthält. Bischof Laun bezeichnet darin Homosexuelle als „gestörte Männer und Frauen“ mit „anatomischer Missbildung“ und unterstellt ihnen, die Rechte des Artikels 6 Grundgesetz sowie die demokratische Grundordnung in „autoritärer“ Weise angreifen zu wollen. Zudem rückt er Homosexualität in die Nähe von Pädophilie. Darüber hinaus beschreibt Bischof Laun Homosexualität und Genderstudien, in ihren Handlungsweisen und Zielen, als auf einer Stufe mit dem Nationalsozialismus und seiner Rassen- und Vernichtungsideologie stehend. Er hängt damit homosexuellen Menschen Begriffe an, die sowohl für Christen*innen als auch für Nicht-Christen*innen als Hassbegriffe verständlich sind.

Solch homophobe und menschenverachtende Äußerungen müssen bestraft werden. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit meinen Kollegen Karl-Heinz Brunner und Johannes Kahrs sowie dem stellvertretenden Landesvorsitzenden von SPDqueer in Berlin, Christopher Jäschke, Strafantrag gegen den Bischof und die Betreiber der Internetseite bei der Staatsanwaltschaft in Berlin gestellt.

Rogate-Frage: Ist ein Strafverfahren das richtige Instrument, um inhaltliche Auseinandersetzungen mit Kirchenleuten zu führen?

Eva Högl: Wenn jemand in einer Art und Weise gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen hetzt, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören und zum Hass gegen diese Gruppe aufstachelt, dann ist das keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr, sondern strafbar. Wo Recht verletzt wird, müssen wir auch mit den Mitteln des Rechtsstaates reagieren.

Rogate-Frage: Auch an der Seite kath.net üben Sie Kritik und haben ebenfalls einen Strafantrag gestellt. Warum?

Eva Högl: Wir haben bei der Berliner Staatsanwaltschaft auch Strafantrag gegen die Betreiber*innen der Internetseite „kath.net“ mit Sitz in Linz und deren verantwortlichen Redakteur Roland Noé gestellt. Die Internetseite ist für deutsche Nutzer*innen ohne Einschränkung zugänglich und verbreitet nach unserer Auffassung Schriften, die zum Hass und zu Gewalt gegen Menschen aufstachelt. Wir Antragsteller*innen waren auch der Meinung, dass die Seite den Nationalsozialismus verharmlost und homosexuelle Menschen verächtlich macht sowie in der Öffentlichkeit herabwürdigt. Aus diesen Gründen haben wir bei der Staatsanwaltschaft beantragt, diese Sachverhalte zu prüfen.

Rogate-Frage: Sie kritisieren die Positionen des römisch-katholischen Bischofs. Welche Erwartungen haben Sie an die Kirche in Bezug auf LGBTIQ?

Eva Högl: Die Evangelische Kirche in Deutschland begrüßt die Ehe für alle. Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat in der Vergangenheit die Gleichwertigkeit homosexueller Beziehungen verteidigt. Auf dem vergangenen Kirchentag in Berlin wurden homo- und heterosexuelle Paare öffentlich getraut. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz bietet zudem Trauungen für homosexuelle Paare an. Drei weitere Landeskirchen in Deutschland haben ähnliche Angebote und ich sehe die evangelische Kirche auf einem guten Weg.

Ich respektiere, dass die katholische Kirche eine andere Auffassung hat und die Ehe ein Sakrament ist. Jede Familienform verdient Anerkennung, Zuspruch und rechtliche Absicherung. Das sind sehr christliche Werte. Wir als Staat und Gesetzgeber stellen uns dieser Realität: Es gibt vielfältige Formen des Zusammenlebens. Und das sollten alle Kirchen akzeptieren.

Rogate-Frage: Nach und nach sind evangelische Landeskirchen dabei, die völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen umzusetzen. Wann werden der deutsche Staat und der Bundestag soweit sein?

Eva Högl: Der Deutsche Bundestag hat am 30. Juni 2017 mit dem Beschluss zur Ehe für alle den Weg zur vollständigen Gleichstellung Homosexueller freigemacht. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) wird künftig stehen: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen“. Damit ist es Homosexuellen ab Inkrafttreten des Gesetzes möglich, eine Ehe auf den Standesämtern zu schließen – genau wie heterosexuelle Paare. Damit erlangen schwule oder lesbische Ehepaare auch das volle Adoptionsrecht, was bedeutet: Sie können gemeinsam Kinder adoptieren.

Die SPD hat sich lange für die Abstimmung eingesetzt, die der Koalitionspartner aber nicht wollte. Vier Jahre lang haben wir in der SPD-Bundestagsfraktion tagtäglich mit unserem Koalitionspartner geredet, argumentiert, diskutiert und harte Überzeugungsarbeit geleistet. Denn auf diese wichtige gesellschaftliche Entscheidung haben viele Menschen lange gewartet. 82 Prozent der Deutschen befürworten die Ehe für alle. Für mich war es eine nicht zu rechtfertigende Diskriminierung, hier nach dem Geschlecht zu unterscheiden.

Ich freue mich sehr, dass der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit für die Ehe für alle gestimmt hat. Die Diskriminierung homosexueller Paare wird endlich aufgehoben. Das ist ein Grund zum Feiern!

Rogate: Vielen Dank, Frau Dr. Högl, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aktualisierung: Die Ermittlungsverfahren gegen Andreas Laun und Roland Noé sind im Mai 2017 durch die Staatsanwaltschaft Berlin eingestellt worden.

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Freitag, 14. Juli 2017 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum 25. Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin. Predigt: Bischof Dr. Matthias Ring (Katholisches Bistum RogateKl_Aushang A4_Stadtfest2017_111116der Alt-Katholiken in Deutschland). Predigttext: 1. Petrus 4, 7-10. Weitere Mitwirkende: Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit), Die Schwestern des Hospizdienstes Tauwerk, Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-Katholische Gemeinde Berlin), Pastorin Dagmar Wegener (Baptistische Gemeinde Schöneberg), Geschäftsführer Jörg Steinert (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, LSVD) und Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert (SPD).  Ort: RogateKl_DINlang_Wilhelmshaven_RZ140617_Front KopieZwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Malte Mevissen. Kirchdienst: Christopher Chandler (Zwölf-Apostel-Gemeinde). Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin-Schöneberg.
  • Montag, 17. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Achim Postert, AfD. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 24. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Alexander von Fintel, Bündnis 90/Die Grünen. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Dr. Holger Onken, Die Linken. Ort: Christus- und Garnisonkirche; Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Der Mond ist aufgegangen”. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.

Fünf Fragen an: Prälat Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerks

Fünf Freitagsfragen an Prälat Georg Austen, Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, über eine fröhliche Provokation, eine weihnachtsmannfreie Zone und das Beispiel des Heiligen Bonifatius.

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Prälat Georg Austen (Bild: Bonifatiuswerk)

Georg Austen, 1958 geboren, ist Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken und Sekretär des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe. Als Sekretär des XX. Weltjugendtages war er maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung des Glaubensfests beteiligt. Papst Benedikt XVI. ernannte ihn 2008 zum päpstlichen Ehrenkaplan. Austen ist zudem Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, im Konsultoren-Kollegium des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung sowie Berater in der Unterkommission für Missionsfragen der Deutschen Bischofskonferenz.

Rogate-Frage: Herr Prälat Austen, was haben Sie gegen den Weihnachtsmann?

Georg Austen: Ich habe nichts gegen den Weihnachtsmann, ich mag ihn als gemütlichen Typen in der Weihnachtszeit. Aber für mich gibt es nur ein Original und das ist der Heilige Nikolaus.

Den Weihnachtsmann sehe ich eher als eine Märchen- und Werbefigur. Der Heilige Nikolaus steht als Glaubenszeuge für unsere wertvollen christlichen Werte wie Nächstenliebe, solidarisches Handeln und Uneigennützigkeit und ist für mich ein wichtiges Vorbild, das sicherlich nicht nur den Kindern für die heutige Zeit viel zu sagen hat.

Rogate-Frage: Darum die Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“?

Georg Austen: Mit der Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“ möchten wir als Bonifatiuswerk die wertvollen Traditionen des Nikolausfestes wieder in den Mittelpunkt der Menschen rücken. Zugleich möchten wir einer Verwechslung mit der populären Werbefigur des Weihnachtsmannes entgegen wirken. Unsere Aktion sollte man aber sicherlich mit einem Augenzwinkern betrachten. Unsere Botschaft ist eine fröhliche Provokation. Ich glaube, dass die Menschen wieder werte- und traditionsbewusster werden. Viele suchen nach einem tieferen Sinn und Orientierung im Leben, wobei uns der Heilige Nikolaus den Weg weisen kann.

Rogate-Frage: Welche adventliche Botschaft verbinden Sie mit dem Nikolaus?

Georg Austen: Inzwischen lese ich immer häufiger auf Weihnachtsmärkten oder Karten die Worte ‚Happy Holiday‘ statt ‚gesegnete oder frohe Weihnachten‘. Unsere wertvolle christliche Botschaft verblasst so häufig zu einer sinnentleerten Floskel, wodurch wir unsere eigenen christlichen Wurzeln kappen. Bewusst setzen wir mit unserer Nikolausaktion einen Kontrapunkt gegen diesen amerikanischen Trend, der immer mehr zu uns nach Europa herüberschwappt. Es gilt, die Menschen wieder dafür zu sensibilisieren, dass die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest seine eigene Zeit hat. Wir wollen, dass die Freude und das Schöne, das Sinnliche und das Besinnliche unserer Traditionen lebendig bleiben und unser Weihnachtsfest als das Fest der Menschwerdung den Menschen von heute etwas zu sagen hat.

Rogate-Frage: Welche Aufgaben hat das Bonifatiuswerk heute und wo sind Sie aktiv?

Georg Austen: Als Hilfswerk für den Glauben und der Solidarität nehmen wir uns ein Beispiel am Heiligen Bonifatius und handeln in seinem Sinne. Wir unterstützen Katholiken überall dort, wo sie in der Diaspora leben. Gerade die Katholiken in einer extremen Minderheitensituation brauchen die Solidarität ihrer Mitchristen, um eine lebendige Glaubensgemeinschaft zu erleben. Ebenso möchten wir die Menschen wieder auf den Geschmack des Evangeliums bringen. Mit unseren vier Hilfsarten der Bau-, der Verkehrs-, der Glaubens- und der Kinder- und Jugendhilfe unterstützen wir Katholiken in den Regionen Nord- und Ostdeutschlands, in Nordeuropa und im Baltikum. Im Bonifatiuswerk spüren wir deutlich, dass wir uns auf neue Formen von Diaspora einstellen müssen. Alleine in Ostdeutschland gehören mehr als 75 Prozent der Bevölkerung keiner christlichen Konfession mehr an. Auch in katholischen Regionen wächst die Zahl derer, die sich von Glaube und Kirche entfernen. Diese Entwicklung ist für uns jedoch kein Grund zur Resignation, sondern ein Auftrag missionarisch und solidarisch zu wirken.

Rogate-Frage: Wie ökumenisch ist Arbeit Ihres Werkes ausgerichtet und welche Rolle wird angesichts der Säkularisierung Europas die Zusammenarbeit der Kirchen in der Zukunft spielen?

Georg Austen: In den Projekten, die wir unterstützen, ist auch der Blick auf eine ökumenische Verbundenheit selbstverständlich geworden. Gerade in Nordeuropa erfahren wir eine praktische und gelebte Ökumene, die sich in den einzelnen Regionen unterschiedlich gestaltet. Das Zeugnis für Jesus Christus in einer modernen, säkularisierten Gesellschaft verlangt nach der tiefen Verbundenheit der christlichen Kirchen. Das können auch wir in Deutschland deutlich spüren. Es reicht ein Blick nach Wittenberg. 2017 begehen wir das Reformationsgedenken mit dem Auftrag, gemeinsam nach Versöhnung zu suchen und ein gemeinsames christliches Zeugnis zu geben. Heute leben in Wittenberg die Christen insgesamt in der Diaspora. Gerade einmal 17 Prozent der Einwohner gehören einer christlichen Kirche an, eine typisches Bild für Ostdeutschland, wo mehr als 75 Prozent der Bevölkerung weder christlich getauft sind, noch sich zu einer anderen Religion bekennen. Eine Gesellschaft, die vergessen hat, dass sie Gott vergessen hat, fragt nicht danach, ob jemand einer Konfession angehört. Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit nur wenig weiß vom Evangelium, fragt, wenn überhaupt: Wird der Glaube authentisch gelebt und welchen „Mehrwert“ gibt mir der Glaube für mein Leben? Für die Kirchen heißt das, noch intensiver zusammenzuarbeiten, um im Respekt vor der eigenen Glaubensgeschichte gemeinsam Zeugnis zu geben für das Evangelium. Als Bonifatiuswerk sehen wir unseren Auftrag aber darin, unsere Glaubensbrüder zu unterstützen bei der Suche einer Beheimatung in unserer Kirche.

Rogate: Vielen Dank, Prälat Austen, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg: