Fünf Fragen an: Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag

Fünf Freitagsfragen an Dr. Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag, über Verbindendes, moralische Normen und avantgardistische Politikvorstellungen.

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Dr. Dietmar Bartsch (Bild: 2017 DiG Trialon)

Dr. Dietmar Bartsch ist seit 2015 Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag. Aufgewachsen in Vorpommern, studierte er zunächst Wirtschaftswissenschaften und machte später eine Aspirantur an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau, wo er 1990 zum Dr. oec. promovierte. Er war langjähriger Bundesschatzmeister und Bundesgeschäftsführer der PDS bzw. der LINKEN. Von 1998 bis 2002 und seit 2005 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages.

Rogate-Frage: Herr Dr. Bartsch, was verbinden Sie mit Gott, Glauben und Kirche?

Dietmar Bartsch: Zunächst, ich bin nicht religiös. Das heißt nicht, dass ich Begriffe wie „Gott“ oder „Glauben“ für bedeutungslos hielte. Für viele Menschen haben diese Begriffe eine ziemlich klare Bedeutung, es gibt eine „Grammatik“ des Gebrauchs dieser Begriffe. Deshalb wäre es ignorant zu sagen, dass es bedeutungslose Begriffe wären. Ignoranz aber ist eine enge Verwandte der Intoleranz, und Intoleranz können wir nicht gebrauchen. Die Kirche ist noch einmal etwas anderes, sie ist die Institutionalisierung des Glaubens. Religion ist ohnehin nicht unwichtig, wie es ein naiver Atheismus vielleicht nahelegt. Hegel hat das gut auf den Punkt gebracht: In der Religion gibt sich ein Volk, man könnte auch sagen: eine Gemeinschaft, die Definition dessen, was ihm wichtig ist. Es geht um Verbindendes bei allem, was trennt. Hier sehe ich eine strukturelle Ähnlichkeit zur Staatsbürgerlichkeit und zum Gemeinwohl. Natürlich trennt manches uns, auch wenn wir Bürger desselben Staates sind. Aber als Staatsbürger diskutieren und streiten wir um den Inhalt dessen, was Gemeinwohl ist.

Rogate-Frage: Sie haben gesagt: „Der Kampf der SED gegen die Kirchen war falsch“. Was genau meinen Sie damit und wie reagieren Ihre Parteifreunde darauf?

Dietmar Bartsch: Der Kampf der SED gegen die Kirchen hörte irgendwann auf und machte einem Konzept „Kirche im Sozialismus“ Platz. Was jedoch nicht aufhörte, war ein Misstrauen in gläubige Menschen und auch eine Diskriminierung dieser Menschen. Der Hintergrund ist offensichtlich. Die SED erhob einen unbedingten Wahrheitsanspruch. Da waren religiöse Überzeugungen konkurrierende Überzeugungen. Politik, die sich mit einem unbedingten Wahrheitsanspruch legitimiert, und das machen avantgardistische Politikvorstellungen, ist der eigentliche Fehler. Was sagen nun meine Genossinnen und Genossen zu dieser These? Wir haben uns bei der Umwandlung der SED in die PDS, was wesentlich mehr war als eine Änderung des Parteinamens, deutlich gegen avantgardistische Politikvorstellungen abgegrenzt, weil diese in ihrem Kern demokratiefeindlich sind. Jeder Genosse und jede Genossin, die das akzeptiert, wird auch die These verstehen, dass der Kampf der SED gegen die Kirchen falsch war.

Rogate-Frage: Was schätzen Sie an den Kirchen? Was nicht?

Dietmar Bartsch: Ich beginne mit der zweiten Frage, weil sie etwas einfacher zu beantworten ist. Die Kirchen bilden, weil sie Institutionen sind, auch die Nachteile von Institutionen aus, etwas, was sie auch mit Parteien vergleichbar macht. Es geht eben um Erhalt der Institution auch als Selbstzweck, es geht um Machterhalt und Machtausbau und verbunden damit um einen gewissen Moralismus, mit dem die Kirchen in gesellschaftlichen Diskussionen auftreten. Letzteres möchte ich erläutern. Wenn die Kirchen in Fragen zum Schwangerschaftsabbruch eine andere Position vertreten als ich, ist das für sich erst einmal unproblematisch. Wenn sie jedoch christliche Werte als Begründung anführen, so beeindruckt das vielleicht Christen, nicht ebenso zwingend Nicht-Christen. Dennoch sind die Ermahnungen der Kirche auch an sie adressiert. Da wäre dann schon ein größerer Begründungsaufwand nötig.

Allerdings ist hierbei, und das klingt vielleicht paradox, auch Positives. Indem Vertreter der Kirche in der politischen Öffentlichkeit eine normative Aussage platzieren, sind nicht nur sie selbst einem Begründungszwang ausgesetzt, sondern sie ermöglichen es anderen, sich dazu zu verhalten. Es sind also mögliche Gegenstände einer öffentlichen Diskussion über moralische Normen. Ich muss nicht mit der Kirche übereinstimmen, ich kann den Rückzug auf „christliche Werte“ als nicht ausreichend kritisieren, aber ich muss wertschätzen, dass in der Öffentlichkeit überhaupt über moralische Normen diskutiert wird. Da ist auf die Kirche Verlass.

Rogate-Frage: Warum wäre eine „Gesellschaft ohne Glauben“ problematisch?

Dietmar Bartsch: Ich bin mir nicht ganz sicher, in welchem Grad sie problematisch wäre. Aber im Prinzip wird das aus der vorhergehenden Antwort schon klar. Religionen und mit ihnen die Kirchen tradieren Moralauffassung und damit normative Orientierungen und Argumentationen. Eine Gesellschaft, die auf moralische Vergewisserung nicht zurückgreifen könnte, hätte Probleme.

Rogate-Frage: Worin unterscheidet sich Solidarität von der christlichen Nächstenliebe?

Dietmar Bartsch: Nächstenliebe fragt nicht nach dem eigenen Nutzen, sie fragt danach, was wir anderen Gutes tun können. Darin liegt eine Ähnlichkeit zur Solidarität, die sich auch gegen Egoismus stellt. Allerdings ist Solidarität manchmal konkreter: als Klassensolidarität, als Solidarität von Gefangenen gegen das Gefängnispersonal, aber auch in Gestalt von sozialpolitischen Solidarsystemen. Es handelt sich also um Organisationsformen, Nächstenliebe dagegen ist eine moralische Idee. Ich denke aber, dass ohne die kulturelle Tradierung von Ideen wie der Nächstenliebe solidarische Praktiken geringere Aussicht auf Stabilität hätten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Bartsch, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

  • Bildschirmfoto 2017-07-04 um 22.31.10Montag, 14. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Sachen, die wir getrost belachen“, mit Julia Muth, Pressesprecherin der Stadt Wilhelmshaven. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Wilhelmshaven. Lektorin: Sabine Wistuba.
  • Montag, 21. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Wir spinnen Luftgespinste“, mit Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Oldenburg. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Dienstag, 22. August 2017 | 19:00 Uhr, Vesper. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin.
  • Montag, 28. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Lass uns einfältig werden”, mit Oberbürgermeister Andreas Wagner, Wilhelmshaven. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Wilhelmshaven.
  • Alle Termine finden Sie hier.

Stadtfest: Feiern gegen Gewalt. Tanzen gegen Hass.

IMG_9259„Gleiche Rechte für Ungleiche?“ So lautete vergangenes Wochenende das Motto des großen Straßenfestes in der Hauptstadt: Das Motzstraßenfest. Offizieller Titel: Lesbisch-schwules Stadtfest Berlin. Mit über 350.000 Besuchern aus der ganzen Welt ist es unangefochten das größte Event seiner Art. Ein ganzer Kiez feiert Vielfalt, bunt und ausgelassen.

Der Ursprung des Festes vor 25 Jahren ist ernst: Gewalttätige Übergriffe in den Straßen auf homosexuelle Frauen und Männer. Die Anwohner wollten das nicht mehr hinnehmen und luden ein: Information gegen Unwissenheit, Feiern gegen Gewalt, Tanzen gegen Hass. Eine ungewöhnliche Reaktion, doch Fröhlichkeit, Wissen und Gemeinschaft machen stark gegen Ausgrenzung.

DSC08983Die Kirche feiert mit: Wir, das Rogate-Kloster, richten seit bald zehn Jahren den Eröffnungsgottesdienst aus. Wie vergangenen Freitag: Eine volle Kirche, Pastorin und Priester, Ordensfrauen und Bischof, Lektoren und ein Kiezorchester gestalteten einen Festgottesdienst. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sprach ein Grußwort und sagte von der Kanzel: „Erst, wenn wir alle die gleichen Rechte haben, sind wir alle frei.“

Mich erinnert es an folgende Liedverse („Wenn das Rote Meer grüne Wellen hat“): „Wenn unsre Tränen rückwärts fließen, dann bleiben wir hier, dann bleiben wir hier, weil sich das Land gewandelt hat. Wenn es dreizehn schlägt und die Zeit zerbricht, dann bleiben wir hier…“

Br. Franziskus

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Montag, 24. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Alexander von Fintel, Bündnis 90/Die Grünen. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Dr. Holger Onken, Die Linken. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Der Mond ist aufgegangen”. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 6. August 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Udo Striess-Grubert, Freie Wähler. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 6. August 2017 | 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Wie ist die Welt so stille”, mit Prof. Dr. Jörg Schneider, Jade Hochschule. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 14. August 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Andreas Tönjes, Die Partei. Ort: Christus- und Garnisonkirche, Gemeindehaus, Wilhelmshaven.

Stadtfest Berlin: Eröffnungsgottesdienst am Freitag in Schöneberg

RogateKl_Aushang A4_Stadtfest2017_111116Glocken werden am Freitag das 25. Lesbisch-schwule Stadtfest 2017 in Berlin einläuten. Ein ökumenischer Gottesdienst in Berlin-Schöneberg ist am Wochenende (15. bis 16. Juli 2017) die Auftaktveranstaltung des Großevents im Zeichen des Regenbogens, dem Symbol der weltweiten LGBTIQ-Bewegung. Das Rogate-Kloster lädt in die evangelische Zwölf-Apostel-Kirche zu einer Eucharistiefeier am Abend. Beteiligte aus Politik wie Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks, aus der Ökumene und der Aids-Arbeit wirken mit.

Das Lesbisch-Schwule Stadtfest (auch Motzstraßenfest genannt) ist ein jährlich stattfindendes Straßenfest um den Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg. Veranstaltet wird es vom Berliner Regenbogenfonds. Es findet seit 1993 jährlich im Sommer statt und erstreckt sich über die Motzstraße, Eisenacher Straße, Fuggerstraße und die Kalckreuthstraße. Mit 350.000 Besuchern ist es heute das größte Pride-Straßenfest in Europa.

Willkommen am Freitag, 14. Juli 2017 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum 25. Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin. Predigt: Bischof Dr. Matthias Ring (Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland). Predigttext: 1. Petrus 4, 7-10. Weitere Mitwirkende: Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit), Die Schwestern des Hospizdienstes Tauwerk, Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-Katholische Gemeinde Berlin), Pastorin Dagmar Wegener (Baptistische Gemeinde Schöneberg), Geschäftsführer Jörg Steinert (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, LSVD) und Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert (SPD).  Ort: Zwölf-Apostel-Kirche. Musik: Kiezorchester Schöneberg, Leitung: Johanna Arabella Hagemann. Orgel: Malte Mevissen. Kirchdienst: Christopher Chandler (Zwölf-Apostel-Gemeinde) und Melanie Hochwald (Rogate-Kloster). Ministranten: Andrea Fleischer, Uta Willers-Urban und Markus Beckmann (alle Rogate-Kloster) sowie Joachim Debes (Alt-katholische Gemeinde Sachsen). Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.

Fünf Fragen an: Dr. Eva Högl, stellv. Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion

Fünf Fragen an Dr. Eva Högl, MdB und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, über eine Strafanzeige gegen einen Weihbischof, ihren Einsatz gegen menschenverachtende Äußerungen und die Erwartungen an die Kirchen.

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MdB Dr. Eva Högl (Bild: SPD-Fraktion)

Dr. Eva Högl wurde 1969 in Osnabrück geboren, studierte Rechtswissenschaften in Osnabrück und im niederländischen Leiden. Sie ist evangelisch, verheiratet und lebt im Wedding in Berlin-Mitte. Seit 2009 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages und vertritt den Wahlkreis Berlin-Mitte als direkt gewählte Abgeordnete der SPD. Die Themen Frieden, soziale Gerechtigkeit und sozialer Zusammenhalt haben sie vor genau 30 Jahren zur SPD gebracht.

Rogate-Frage: Warum haben Sie einen Strafantrag gegen den Salzburger Weihbischof Laun gestellt.

Eva Högl: Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat am 24. März 2017 auf der Internetseite „kath.net“ einen als „Hirtenbrief“ bezeichneten Text veröffentlicht, der hetzerische und menschenrechtsverletzende Passagen und Vergleiche enthält. Bischof Laun bezeichnet darin Homosexuelle als „gestörte Männer und Frauen“ mit „anatomischer Missbildung“ und unterstellt ihnen, die Rechte des Artikels 6 Grundgesetz sowie die demokratische Grundordnung in „autoritärer“ Weise angreifen zu wollen. Zudem rückt er Homosexualität in die Nähe von Pädophilie. Darüber hinaus beschreibt Bischof Laun Homosexualität und Genderstudien, in ihren Handlungsweisen und Zielen, als auf einer Stufe mit dem Nationalsozialismus und seiner Rassen- und Vernichtungsideologie stehend. Er hängt damit homosexuellen Menschen Begriffe an, die sowohl für Christen*innen als auch für Nicht-Christen*innen als Hassbegriffe verständlich sind.

Solch homophobe und menschenverachtende Äußerungen müssen bestraft werden. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit meinen Kollegen Karl-Heinz Brunner und Johannes Kahrs sowie dem stellvertretenden Landesvorsitzenden von SPDqueer in Berlin, Christopher Jäschke, Strafantrag gegen den Bischof und die Betreiber der Internetseite bei der Staatsanwaltschaft in Berlin gestellt.

Rogate-Frage: Ist ein Strafverfahren das richtige Instrument, um inhaltliche Auseinandersetzungen mit Kirchenleuten zu führen?

Eva Högl: Wenn jemand in einer Art und Weise gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen hetzt, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören und zum Hass gegen diese Gruppe aufstachelt, dann ist das keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr, sondern strafbar. Wo Recht verletzt wird, müssen wir auch mit den Mitteln des Rechtsstaates reagieren.

Rogate-Frage: Auch an der Seite kath.net üben Sie Kritik und haben ebenfalls einen Strafantrag gestellt. Warum?

Eva Högl: Wir haben bei der Berliner Staatsanwaltschaft auch Strafantrag gegen die Betreiber*innen der Internetseite „kath.net“ mit Sitz in Linz und deren verantwortlichen Redakteur Roland Noé gestellt. Die Internetseite ist für deutsche Nutzer*innen ohne Einschränkung zugänglich und verbreitet nach unserer Auffassung Schriften, die zum Hass und zu Gewalt gegen Menschen aufstachelt. Wir Antragsteller*innen waren auch der Meinung, dass die Seite den Nationalsozialismus verharmlost und homosexuelle Menschen verächtlich macht sowie in der Öffentlichkeit herabwürdigt. Aus diesen Gründen haben wir bei der Staatsanwaltschaft beantragt, diese Sachverhalte zu prüfen.

Rogate-Frage: Sie kritisieren die Positionen des römisch-katholischen Bischofs. Welche Erwartungen haben Sie an die Kirche in Bezug auf LGBTIQ?

Eva Högl: Die Evangelische Kirche in Deutschland begrüßt die Ehe für alle. Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat in der Vergangenheit die Gleichwertigkeit homosexueller Beziehungen verteidigt. Auf dem vergangenen Kirchentag in Berlin wurden homo- und heterosexuelle Paare öffentlich getraut. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz bietet zudem Trauungen für homosexuelle Paare an. Drei weitere Landeskirchen in Deutschland haben ähnliche Angebote und ich sehe die evangelische Kirche auf einem guten Weg.

Ich respektiere, dass die katholische Kirche eine andere Auffassung hat und die Ehe ein Sakrament ist. Jede Familienform verdient Anerkennung, Zuspruch und rechtliche Absicherung. Das sind sehr christliche Werte. Wir als Staat und Gesetzgeber stellen uns dieser Realität: Es gibt vielfältige Formen des Zusammenlebens. Und das sollten alle Kirchen akzeptieren.

Rogate-Frage: Nach und nach sind evangelische Landeskirchen dabei, die völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen umzusetzen. Wann werden der deutsche Staat und der Bundestag soweit sein?

Eva Högl: Der Deutsche Bundestag hat am 30. Juni 2017 mit dem Beschluss zur Ehe für alle den Weg zur vollständigen Gleichstellung Homosexueller freigemacht. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) wird künftig stehen: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen“. Damit ist es Homosexuellen ab Inkrafttreten des Gesetzes möglich, eine Ehe auf den Standesämtern zu schließen – genau wie heterosexuelle Paare. Damit erlangen schwule oder lesbische Ehepaare auch das volle Adoptionsrecht, was bedeutet: Sie können gemeinsam Kinder adoptieren.

Die SPD hat sich lange für die Abstimmung eingesetzt, die der Koalitionspartner aber nicht wollte. Vier Jahre lang haben wir in der SPD-Bundestagsfraktion tagtäglich mit unserem Koalitionspartner geredet, argumentiert, diskutiert und harte Überzeugungsarbeit geleistet. Denn auf diese wichtige gesellschaftliche Entscheidung haben viele Menschen lange gewartet. 82 Prozent der Deutschen befürworten die Ehe für alle. Für mich war es eine nicht zu rechtfertigende Diskriminierung, hier nach dem Geschlecht zu unterscheiden.

Ich freue mich sehr, dass der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit für die Ehe für alle gestimmt hat. Die Diskriminierung homosexueller Paare wird endlich aufgehoben. Das ist ein Grund zum Feiern!

Rogate: Vielen Dank, Frau Dr. Högl, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aktualisierung: Die Ermittlungsverfahren gegen Andreas Laun und Roland Noé sind im Mai 2017 durch die Staatsanwaltschaft Berlin eingestellt worden.

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Freitag, 14. Juli 2017 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum 25. Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin. Predigt: Bischof Dr. Matthias Ring (Katholisches Bistum RogateKl_Aushang A4_Stadtfest2017_111116der Alt-Katholiken in Deutschland). Predigttext: 1. Petrus 4, 7-10. Weitere Mitwirkende: Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit), Die Schwestern des Hospizdienstes Tauwerk, Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-Katholische Gemeinde Berlin), Pastorin Dagmar Wegener (Baptistische Gemeinde Schöneberg), Geschäftsführer Jörg Steinert (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, LSVD) und Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert (SPD).  Ort: RogateKl_DINlang_Wilhelmshaven_RZ140617_Front KopieZwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Malte Mevissen. Kirchdienst: Christopher Chandler (Zwölf-Apostel-Gemeinde). Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin-Schöneberg.
  • Montag, 17. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Achim Postert, AfD. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 24. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Alexander von Fintel, Bündnis 90/Die Grünen. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Dr. Holger Onken, Die Linken. Ort: Christus- und Garnisonkirche; Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Der Mond ist aufgegangen”. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.

Fünf Fragen an: Wolfgang Seibert, Jüdische Gemeinde Pinneberg

Fünf Freitagsfragen an Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg, über die Motive, Fremden Schutz zu gewähren, die Zusammenarbeit mit den Kirchen und das Gemeindeleben in Schleswig-Holstein.

Wolfgang Seibert stammt aus Frankfurt am Main, wo er auch studierte. Er engagiert sich für Flüchtlinge, interreligiösen Dialog und gegen Rechts. Als erste und bislang einzige jüdische Gemeinde in Deutschland hat seine Gemeinde in den vergangenen Jahren bereits mehreren Schutzbedürftigen ungeachtet ihrer Religion in ihren Räumen Asyl geboten. Im Mai erhielt er den Menschenrechtspreis 2017 der Stiftung PRO ASYL.

Rogate-Frage: Herr Gemeindevorsitzender Seiber, Ihre Gemeinde hat in den vergangenen Jahren bereits mehreren Schutzbedürftigen, ungeachtet ihrer Religion, in ihren Räumen Asyl geboten. Wie kam es dazu?
Wolfgang Seibert: Wir wurden vor einigen Jahren gefragt, ob wir bereit seien Flüchtlinge in das Synagogenasyl zu nehmen. Wir haben das circa fünf Minuten im Vorstand disikutiert und Ja gesagt. Als gläubige Juden war die Leitlinie aus dem 2. Buch Mose 22,20: „Du sollst den Fremdling nicht bedrücken“  und aus dem 3. Buch Mose 19,34 „Du sollst den Fremden lieben wie Dich selbst“.
Rogate-Frage: Gibt es Unterschiede zwischen dem Synagogen- und Kirchenasyl?
Wolfgang Seibert: Es gibt wohl keine Unterschiede zwischen Synagogen- und Kirchenasyl. Wir haben uns auch bei kirchlichen Organisationen darüber informiert wie so etwas gemacht werden muss. In der Zeit des Synagogenasyls gabe es auch eine enge Zusammenarbeit mit den beiden christlichen Kirchen und auch der muslimischen Gemeinde. Diese Zusammenarbeit hat uns gestärkt.
Rogate-Frage: Wie läuft ein Synagogenasyl ab und was passiert da?
Wolfgang Seibert: Es gibt eine Menge behördlicher Dinge zu tun: Mitteilung an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Mitteilung an die zuständige Ausländerbehörde uund so weiter. Das ist wichtig, da der Flüchtling auch während der Zeit des Asyls in unserer Gemeinde eine „ladungsfähige Anschrift“ haben muss, wenn er die nicht hat, gilt er als „untergetaucht“ und das verändert Fristen und verlängert sie. Es muss die Verpflegung organisiert werden, ein Besuchsdienst muss organisiert werden, damit sich Leute um den Flüchtling kümmern, während er bei uns ist.
Rogate-Frage: Wie reagiert Ihre Gemeinde darauf?
Wolfgang Seibert: Die Gemeinde hat sehr positiv reagiert. Der schon erwähnte Besuchsdienst stand innerhalb weniger Stunden. Menschen gingen in die Gemeinde, redeten mit den Flüchtlingen, spielten Gesellschaftspiele mit ihnen, brachten Lebensmittel und sehr viele Süssigkeiten.
Rogate-Frage: Wie sieht jüdisches Leben in Schleswig-Holstein und in Pinneberg aus?
Wolfgang Seibert: Nach 1945 gab es in Schleswig-Holstein nur zwei Jüdische Gemeinden, in Kiel und Lübeck. Nach 1989 wurden dann, wegen der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, neue Gemeinde gegründet. Mittlerweile gibt es neun Jüdische Gemeinden bei uns. Die Gemeinden veranstalten natürlich Gottesdienste am Schabbat und den jüdischen Feiertagen. Wir machen Religionsunterricht, veranstalten Deutschkurse, machen Seniorenbetreuung, besuchen Kranke und machen Sterbebegleitung. Also nicht anders als auch bei den christlichen Kirchen.
Rogate: Vielen Dank, Herr Seibert, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten und Terminen:

Willkommen zum Kirchentag: Das Rogate-Kloster lädt ein

Herzlich willkommen zu unseren Angeboten:

  • Himmelfahrt, Donnerstag, 25. Mai 2017 | 11:00 – 13:00 Uhr, Workshop „Am Anfang war die Sehnsucht. DEKT36_Plakat_Variante_02_A3Erfahrungen bei der Suche nach einer Geistlichen Gemeinschaft“, Ort: Deutscher Evangelischer Kirchentag, Halle 5.2b, Raum Kassel 1, Workshopraum, Messe Berlin, Charlottenburg (594 | E1) .
  • Himmelfahrt, Donnerstag, 25. Mai 2017 | 22:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet. Orgel: Kreiskantor Christoph Hagemann. Ort: Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.
  • Freitag, 26. Mai 2017 | 14:00 Uhr – 15:00 Uhr, Veranstaltung „Miteinander leben in der Großstadt Berlin: liturgische und praktische Beispiele für verbindliches Einstehen und Engagement füreinander“. Ort: Deutscher Evangelischer Kirchentag, Zelt der Begegnung und Zelt der Spiritualität, Messegelände.
  • Freitag, 26. Mai 2017 | 19:00 Uhr, Feierabendmahl. Predigt: Pfarrer Nico Szameitat (Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg). Mitwirkende: Diakon Franz K. Schön (Diakonisches Werk Coburg), Pastor Frank Morgenstern (Christus- und Garnison-Kirche Wilhelmshaven), Pfarrer Burkhard Bornemann (Zwölf-Apostel-Gemeinde). Orgel: Kreiskantor Christoph Hagemann. Ort: Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.
  • RogateKl_Aushang A4_Eucharistie 270517_111116Freitag, 26. Mai 2017 | 22:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet. Orgel: Manuel Rösler. Ort: Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.
  • Sonnabend, 27. Mai 2017 | 22:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet. Orgel: Kreiskantor Christoph Hagemann. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.
  • Sonntag, 28. Mai 2017 | 12:00 Uhr, Eucharistie, Kleiner Saal der Zwölf-Apostel-Gemeinde. An der Apostel-Kirche 3. Predigt: Pfarrerin Andrea Richter, Beauftragte für Spiritualität in der EKBO.

Fünf Fragen an: Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, über eine zupackende Zivilgesellschaft für geflüchtete Menschen, die Wahrung der Menschenwürde in der Krise und die Wechselwirkungen mit populistischer Politik.

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Michael Chalupka (Bild: Luiza Puiu)

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz/Österreich geboren und studierte evangelische Theologie in Wien und Zürich. Weitere Ausbildungen folgten in den Bereichen Erwachsenenbildung und NPO-Management. Nach einem zweijährigen Italienaufenthalt als Studienleiter am “Centro Ecumenico d’Agape” in Prali (Torino) arbeitete er von 1989 bis 1994 als evangelischer Pfarrer. Seit 1994 ist Michael Chalupka als Direktor der Diakonie Österreich tätig. Er ist Mitinitiator der Armutskonferenz (1995). Seit 2000 ist Michael Chalupka außerdem Präsident des „Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit“ (ÖKSA) und seit 2006 auch Vorsitzender des Evangelischen Schulwerkes A.B. Wien.

Rogate-Frage: Herr Direktor Chalupka, wie geht es den geflüchteten Menschen heute in Österreich?

Michael Chalupka: Die Situation für die Geflüchteten hat sich, nach dem großen Flüchtlingszustrom 2015 mit über 88.000 Asylanträgen, weitestgehend normalisiert.
Das Positive, das wir aus 2015 mitnehmen können, war eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität, die jedoch weniger von der Regierung ausgegangen ist, sondern von der Zivilgesellschaft, die nach dem Motto: „Da muss man doch helfen!“ einfach zugepackt hat und unglaubliche Initiativen auf die Beine gestellt hat. Das hat sogar uns als professionelle Hilfsorganisation, die schon viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, manchmal überrascht. Bis heute sind sehr viele ehrenamtliche MitarbeiterInnen und nach wie vor viele private Initiativen – mehr als jemals zuvor in der jüngeren Geschichte Österreichs – in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Rogate-Frage:  Wie sind in Österreich die Kirchen, Caritas und Diakonie auf die Situation mit den Herausforderungen umgegangen und was hat sich dadurch verändert?

Michael Chalupka: Es war natürlich auch für die angestammten Hilfsorganisationen eine große Herausforderung. Caritas und Diakonie haben versucht äußerst flexibel auf die Situation zu reagieren. Dennoch hat sich alleine in der Diakonie der MitarbeiterInnenstand in der Flüchtlingsarbeit sowohl bei den hauptamtlichen, als auch bei den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass auch viele Leitungsstrukturen im laufenden Betrieb permanent nachgebaut werden mussten.
Dennoch war es uns wichtig, nicht einfach unsere Qualitätsstandards zu begraben und die Menschenwürde, der uns anvertrauten Menschen auch in einer Zeit großen Andranges im Vordergrund stehen zu lassen. Viele MitarbeiterInnen im Flüchtlingsbereich sind in diesem Jahr an das Limit ihrer Belastbarkeit gestoßen. Vor allem aber auch deshalb, weil Politik und Verwaltung kein gutes Krisenmanagement geleistet haben und viele sehr schwierige Situationen vermeidbar gewesen wären.
Leider wurde die konstruktive Kritik sämtlicher Hilfsorganisationen am staatlichen Aufnahmesystem kaum aufgegriffen, sodass wir befürchten müssen, beim nächsten Zuzug einer größeren Zahl von Flüchtlingen wieder exakt vor den gleichen strukturellen Problemen zu stehen wie im Jahr 2015.

Rogate-Frage: Auch Österreich erlebt das Aufleben des rechten Populismus, das Erstarken der Identitären und eine schwierige Bundespräsidentenwahl… Was ist los in Ihrem Land?

Michael Chalupka: Es gibt in Österreich nach wie vor eine schweigende Mehrheit von Menschen, die das Gemeinsame vor das Trennende, die Nächstenliebe vor den Hass, das Positive vor das Negative stellt. Letztendlich wurde das auch im sehr deutlichen Ausgang der Bundespräsidentenwahl sichtbar.
Dieser Umstand ist aber für die Politik scheinbar schwer verständlich. Eine schweigende Mehrheit ist auch für sie weniger hörbar, als die sehr negativen, lauten, xenophoben bis rassistischen Töne, die auch gerne durch Boulevardmedien aufgegriffen und reproduziert werden.
Dadurch entsteht eine Wechselwirkung mit populistischer Politik, die ihrerseits glaubt durch symbolpolitische Verschärfungen der Gesetzeslage und Kürzungen von Leistungen einen politischen Vorteil erringen zu können. Oft wird dabei übersehen, dass es, sobald man auf diesen Zug aufspringt, keine Bremse mehr gibt. Es ist wie ein Karussell, das sich immer weiter dreht: Die Hetzer verlangen immer mehr und sozialpolitisch immer Abstruseres. Eine Politik, die in dieses Karussell einsteigt, verliert unweigerlich die Orientierung im eigenen Wertegerüst. Irgendwann gibt es im Asylrecht gar nichts mehr zu verschärfen, das noch menschenrechtlich kompatibel wäre. Doch die nächste Verschärfung muss her, man glaubt es dem Wählerwillen schuldig zu sein.
Ja, es gibt einen starken Zulauf zu rechtspopulistischer Politik, die einfachste Antworten auf komplexeste Fragen gibt.
Die wahre Frage ist jedoch, ob der Zulauf zu dieser Politik größer oder kleiner wäre, wenn christlich soziale und sozial demokratische PolitikerInnen sich mit der ganzen Kraft der Grundprinzipien ihrer Gesinnungsgemeinschaften entgegenstemmen würden.

Rogate-Frage: Wie können Christen und wie die Kirchen darauf reagieren?

Michael Chalupka: Viele Christinnen und Christen sind heute stark in ehrenamtlichen Projekten engagiert und engagieren sich auch für ihre Mitmenschen.
Wichtig ist, dass sie sich aber auch zu Wort melden und spürbar werden lassen, dass Nächstenliebe stärker ist als Hass, Neid und Missgunst.
Die evangelischen Kirchen in Österreich stehen seit vielen Jahren sehr deutlich auf der Seite der Flüchtlinge und es gibt kaum ein Jahr, in dem die Generalsynode keine Resolution mit einem klaren Bekenntnis zum Flüchtlingsschutz beschließt.
Die Flüchtlingsarbeit ist den Kirchen ein besonderes Anliegen in Österreich. Evangelische Kirche A und H.B. sind gemeinsam mit der Diakonie Österreich Trägerorganisationen des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Dieser ist inzwischen die größte Rechtsberatungsorganisation für Flüchtlinge in Österreich. Angesichts der wenigen Evangelischen in Österreich ist das eine bemerkenswerte und für das Selbstverständnis der Kirchen wichtige Entwicklung.

Rogate-Frage: Was können wir in Deutschland von Österreich lernen, um die spürbare gesellschaftliche Spaltung und eine Gefährdung der Demokratie zu verhindern?

Michael Chalupka: Österreich hat seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen des Rechtspopulismus zu tun. Es zeigt sich deutlich, dass die Strategie, der vormals großen Parteien, immer mehr Anliegen der FPÖ in die eigene Programmatik zu übernehmen in den Diskurs der Rechtspopulisten eingezahlt hat. Die Erwartungen, dass sich durch eine schärfere Rhetorik und Abschottungspolitik WählerInnen für die Parteien der Mitte halten ließen haben sich nicht erfüllt. Wir ÖsterreicherInnen blicken umgekehrt immer etwas neidisch nach Deutschland, weil wir glauben dort mehr Sachpolitik und doch eine Spur weniger Populismus und Symbolpolitik zu erkennen. Trotz aller Probleme – von Pegida bis hin zu brennenden Flüchtlingsheimen – existiert doch auch in Deutschland eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung, wie jüngst eine Studie der EKD zur Haltung in der Flüchtlingsfrage gezeigt hat. Selbstverständlich ist die politische Lage in beiden Ländern sehr angespannt und ist es ein Auftrag an uns Christinnen und Christen, sehr wachsam zu sein und der Demagogisierung und Radikalisierung täglich entgegenzutreten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Direktor Chalupka, für das Gespräch.

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