Fünf Fragen an: Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben

Fünf Fragen an Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, über die Definition von Antisemitismus, die 3D-Regel und ein Zeichen der Stärke unserer lebendigen Demokratie.

Dr. Felix Klein (Bild: BMI)

Dr. Felix Klein, geboren 1968 in Darmstadt, besuchte nach seiner Schulzeit in Darmstadt das United World College in Duino bei Triest, wo er 1987 das internationale Abitur „International Baccalaureate“ erwarb. Er studierte Rechtswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Freien Universität Berlin. Im Anschluss daran absolvierte er ein Masterstudium an der London School of Economics, das er mit einem Master of Public International Law (LL.M.) abschloss. Von 1994 bis 1996 absolvierte er die Ausbildung für den höheren Auswärtigen Dienst an der damaligen Aus- und Fortbildungsstätte des Auswärtigen Amtes in Bonn. 2001 promovierte er an der Universität St. Gallen mit einem familienrechtlichen Thema. Er begann seine diplomatische Karriere als Länderreferent für Südamerika, war auf Auslandsstationen in Jaunde/Kamerun und Mailand/Italien sowie von 2007 bis 2018 in mehreren Funktionen in der Berliner Zentrale des Auswärtigen Amtes tätig, zuletzt als Sonderbeauftragter für Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen.

Rogate-Frage: Herr Dr. Klein, wie definieren Sie den Begriff Antisemitismus?

Felix Klein: Antisemitismus – der Begriff legt nahe, dass er bedeutet, gegen Juden zu sein: Judenfeindschaft, Judenhass. Dabei hat Antisemitismus mit realen jüdischen Menschen nichts zu tun, er entsteht unabhängig von ihrem tatsächlichen Verhalten. Überspitzt formuliert, Antisemiten pflegen ihren Antisemitismus auch ohne Juden. Nach der Definition der International Holocaust Remebrance Alliance ist Antisemitismus „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden (…)„. Das ist schon der Kern, auf den es ankommt: Eine, ganz bestimmte Sicht dominiert, anstatt die jeweilige Person in ihrer Unterschiedlichkeit und Individualität wahrzunehmen. Wer sich über jüdische Menschen eine Meinung bildet, die von ihrem Judentum abgeleitet wird anstatt von ihrem konkreten persönlichen Verhalten, handelt antisemitisch.

Juden und Jüdinnen haben außer ihrem Jüdischsein erst einmal nichts gemeinsam – sie sind genauso unterschiedlich wie Angehörige anderer Religionen und Kulturen. Auf dieses Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe kommt es an: Antisemitismus fängt da an, wo aus der Gruppenzugehörigkeit Eigenschaften Einzelner abgeleitet werden und umgekehrt. Wenn Juden als Gruppe Eigenschaften zugeschrieben werden, die über ihr faktisches Jüdischsein hinausgehen, ist das antisemitisch. Das gilt auch für positive Attribute, wenn etwa behauptet wird, Juden seien besonders klug, oder für das jahrhundertealte Klischee der „schönen Jüdin„. Solche philosemitisch genannten Verallgemeinerungen sind letztlich ebenfalls eine Form von Antisemitismus.

Rogate-Frage: Wo liegt aus Ihrer Sicht die Trennung zwischen Antisemitismus und Formen der Kritik an der Politik des Staates Israel?

Felix Klein: Kritik am Regierungshandeln des Staates Israel ist selbstverständlich immer möglich. Die Grenze zum Antisemitismus ist allerdings dann überschritten, wenn Jüdinnen und Juden für das Regierungshandeln mitverantwortlich gemacht werden. Jüngstes Beispiel für diesen Mechanismus waren die an vielen Stellen geäußerten israelfeindlichen Parolen im Rahmen der Proteste gegen die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten vor wenigen Wochen beispielsweise vor jüdischen Einrichtungen in Deutschland. Mit der sogenannten 3D-Regel lässt sich bestimmen, ob es sich bei einer Äußerung lediglich um Kritik an Israels Politik handelt oder die Grenze zum Antisemitismus überschritten wird: Das ist der Fall, wenn Doppelstandards, Delegitimierung oder Dämonisierung Israels im Spiel sind, wie es sie regelmäßig nur gegenüber dem Staat Israel gibt. Der Schnelltest wurde 2004 vom israelischen Politiker und Wissenschaftler Nathan Sharansky entwickelt, um Texte und Äußerungen systematisch daraufhin zu prüfen, ob sie antisemitisch sind. Er hat sich seitdem in der Wissenschaft und vor allem in Politik und Zivilgesellschaft bewährt.

3. Rogate-Frage: Das war ein Angriff auf uns alle“ heißt es oft nach Angriffen auf jüdisches Leben und Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Wie denken Sie über diese Versuche, Solidarität zu zeigen?

Felix Klein: Ich sehe es mit Freude und Dankbarkeit, dass sich in unserem Land nach der Shoah und nach den Verbrechen des Nationalsozialismus wieder vielfältiges, buntes und selbstbewusstes jüdisches Leben entwickelt hat. Dass dies wieder zunehmend selbstverständlich empfunden wird, sehe ich auch als ein Zeichen der Stärke unserer lebendigen Demokratie. Die historische Verantwortung Deutschlands ist und bleibt Teil unserer Staatsräson. Es bleibt eine fortwährende und immer wieder neue Aufgabe, den Antisemitismus zu bekämpfen. Denn Antisemitismus wendet sich langfristig nicht nur gegen jüdische Menschen. Er ist Ausdruck einer zutiefst demokratiefeindlichen Haltung und lehnt die Errungenschaften unserer modernen, freiheitlichen Gesellschaft ab.

Rogate-Frage: Was können Einzelne tun, um jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und Solidarität mit Jüdinnen und Juden zu zeigen?

Felix Klein: Die Haltung und das Engagement jeder und jedes Einzelnen ist im Hinblick auf den Schutz jüdischen Lebens von größter Bedeutung. Es gibt viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Ein wesentlicher Teil des aktiven Schutzes jüdischen Lebens ist die Antisemitismusbekämpfung. Viele Organisationen zeigen engagierten Bürgerinnen und Bürgern eine Bandbreite an Möglichkeiten auf, sich in diesen Kampf einzubringen. 

Der Schutz jüdischen Lebens bedeutet für mich aber auch die positive Stärkung der jüdischen Gemeinschaft im Sinne einer Wahrnehmung und Wertschätzung jüdischer Kultur, Religion und jüdischen Alltags. Jüdinnen und Juden als einen selbstverständlichen Teil unserer vielfältigen Gesellschaft zu begreifen und ihnen mit Offenheit und Interesse zu begegnen, das sollte unser gemeinsames Ziel sein. Von einer solchen Haltung profitieren nicht nur Jüdinnen und Juden und unser gesellschaftlicher Zusammenhalt, sondern auch jede und jeder Einzelne, die bzw. der sich für den Dialog öffnet.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, diesen Dialog zu beginnen oder zu vertiefen. Anknüpfungspunkte bieten zum Beispiel die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die sich seit rund 70 Jahren in der Begegnungs- und Versöhnungsarbeit engagieren und zahlreiche Projekte und Veranstaltungen durchführen. Auch das aktuelle Jubiläumsjahr lädt dazu ein, jüdische Vergangenheit und Gegenwart zu entdecken und einander persönlich zu begegnen.

Rogate-Frage: Was wünschen Sie sich von den Kirchen, den Kirchengemeinden und den Christen in Bezug auf den historischen und aktuellen Antisemitismus in unserem Land?

Felix Klein: Die Kirchen, viele Kirchengemeinden und Christen setzen sich schon lange sehr engagiert für die Bekämpfung von aktuellem und historischem Antisemitismus ein. Nach der Schoah haben sich die evangelische und katholische Kirche deutlich davon distanziert und ihre Schuld bekannt. Die Aufarbeitung des historischen Antisemitismus in der Kirche ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Ein Beispiel ist die heute noch bestehende Benennung einiger Kirchen nach erwiesenen Judenfeinden, unter anderem die Pfarrkirche St. Johann von Capistran in München. Diese Namenspatronate sollten noch stärker problematisiert und Gegenstand einer breiten, offenen Debatte werden. Die Kirchen nehmen ihre Verantwortung auch im Hinblick auf aktuellen Antisemitismus ernst.

Eine sehr gelungene aktuelle Aktion in diesem Zusammenhang ist aus meiner Sicht die Kampagne „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Gemeinsamkeiten beziehungsweise Ähnlichkeiten zwischen Judentum und Christentum aufzeigt. 

Die Verdeutlichung von Gemeinsamkeiten und die Stärkung des christlich-jüdischen Dialogs sollte in diesem Sinne auch künftig weit oben auf der kirchlichen Agenda stehen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Klein, für das Gespräch!

Weitere Interviews in der Reihe Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

Feiertag: Heute ist IDAHOBIT.

Am 17. Mai dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) erinnern Menschen rund um den Erdball mit vielfältigen Aktionen an den 17.05.1990, der Tag, an dem Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestrichen wurde. Seitdem gilt sie offiziell nicht mehr als Krankheit. der 17. Mai erinnert auch an den §175, der Homosexualität in Deutschland unter Strafe stellte. Unzählige Menschen haben furchtbar darunter gelitten.

Das Rogate-Kloster hat sich seit Beginn seines Bestehens gegen IGBTIQ-Menschenfeindlichkeit eindeutig positioniert und eigene Aktivitäten entwickelt bzw. sich mit Andachten und Gedenkfeiern für die Opfer von Hasskriminalität daran beteiligt. Wir haben in der Kirche noch viel zu tum, damit es wirklich ein Ort der Akzeptanz der Liebenden wird.

Fünf Fragen an: Pastorin Pamela Hansen, Helgoland

Fünf Freitagsfragen an Pamela Hansen, Pastorin auf Helgoland, über die Veränderungen durch die Pandemie, ein ruhigeres Inselleben und die theologische Dimension von Covid-19.

Pastorin Pamela Hansen (Bild: Jens Kohaupt)

Pamela Hansen stammt aus der Nähe von Plön, studierte in Kiel Theologie, war fünf Jahre lang in den USA als Pastorin tätig, bevor sie auf Helgoland ihre Stelle als Inselpastorin antrat, wo sie auch aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist.
 
Rogate-Frage: Frau Pastorin Hansen, wie hat sich das Leben auf Helgoland seit März 2020 durch die Corona-Pandemie verändert?

Pamela Hansen: Es ist viel ruhiger geworden, da während der Lockdown Phasen keine Feriengäste oder Tagestourist*innen nach Helgoland kommen dürfen. Der Vorteil ist, dass wir durch unsere Abgeschiedenheit, Einreisebeschränkungen und intensives Testen bisher sehr wenige Ansteckungen hatten.

Rogate-Frage: Und wie sieht das Leben Ihrer Kirchengemeinde angesichts der Pandemie aus?

Pamela Hansen: Leider sind die Gottesdienstbesucherzahlen bei den Präsenzgottesdiensten eingebrochen. Dafür gibt es ein größeres digitales Angebot, was den Vorteil hat, dass dies auch von denen genutzt werden kann, die sonst ihren Urlaub hier verbringen. Mit vielen Ortsansässigen versuche ich, telefonisch Kontakt zu halten. Open Air Angebote gestalten sich schwierig, da hier das Wetter dafür oft nicht optimal ist.

Rogate-Frage: Wie geht es Ihnen in dieser Situation?

Pamela Hansen: Es geht mir soweit ganz gut. Natürlich belastet auch mich die Pandemie und es ist mitunter anstrengend, all die menschlichen Abgründe auszuhalten, die sich durch die Pandemie auftun, aber zum größten Teil kann ich gelassen damit umgehen.

Es motiviert mich, dass neue Ideen wie der „Segen To Go“ so guten Anklang finden. Ich habe mich darauf verlegt, Tüten mit Segenssprüchen und einer kleinen Überraschung in der Kirche auszulegen bzw. diese Tüten im Strauch vor dem Pfarramt aufzuhängen. Die werden gerne im Vorbeigehen mitgenommen. Und es motiviert mich, dass plötzlich auch ganz viel gegenseitige Hilfsbereitschaft da ist.

Rogate-Frage: Hat das Virus beziehungsweise die weltweite Situation für Sie eine theologische Dimension?

Pamela Hansen: Ein bisschen: Das Gebot „Liebe deinen Nächsten“ ist für mich zu „Schütze deinen Nächsten“ und damit einfach konkreter geworden. Ich halte die Pandemie aber nicht für eine Strafe Gottes. Nichtsdestotrotz bietet sie die Chance, dass wir uns wieder über die wirklichen Werte bewusst werden und aufhören, falsche Götter wie den Konsum anzubeten.

Rogate-Frage: Wie werden Sie das zweite Corona-Ostern in diesem Jahr begehen?

Pamela Hansen: Ich habe mich dabei ertappt, dass ich es gerne so ruhig wie möglich feiern möchte: mit drei kleinen Präsenzgottesdiensten an Gründonnerstag, Karfreitag, und Ostersonntag sowie einer Osterandacht auf Facebook. Predigtvideos zu Gründonnerstag und Ostersonntag werden über unsere Internetseite verfügbar sein.

Privat hoffe ich, dass das Wetter es zulässt, dass mein Mann und ich den Garten ein bisschen genießen und „angrillen“ können. Die Grillkohle steht schon bereit.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Hansen, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

Andacht „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am 25. März

Die aktuelle Situation des Wilhelmshavener Einzelhandels steht im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am Donnerstag im Mittelpunkt. Bianca Ewering-Janßen (Kurvenhaven) und Marc Ewering (Spiel + Baby Dannmann) schildern in der Andacht, wie sie als Geschäftsinhaber mit den Herausforderungen in der Pandemie umgehen. Die ökumenische Andacht beginnt um 18:30 Uhr in der Sankt Willehad-Kirche. Das Gebet für die Stadt wird live auf dem Youtube-Kanal der St. Willehad-Gemeinde gestreamt.

Die katholische Kirchengemeinde und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael erinnern mit der Andachtsreihe an das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kommen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort.

Das Gebet für die Stadt wird live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Termin: Donnerstag, 25. März 2021 | 18:30 Uhr, Gebet für die Stadt – in der Coronakrise. Mit Bianca Ewering-Janßen und Marc Ewering, Kurvenhaven und Spiel + Baby Dannmann. Musik: Andreas Marth. Liturgie: Pastoralreferentin Daniela Surmann und Br. Franziskus. Ort: Sankt Willehad-Kirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven. Am Ausgang wird eine Kollekte für United4Rescue erbeten.

Hinweis: Die Gemeinde St. Willehad weist auf das geltende Hygienekonzept hin. Vor dem Besuch der Kirche besteht eine Anmeldepflicht vor Ort. Es sind medizinische Masken (OP- oder FFP2-Masken) zu tragen. Weitere Infos hängen vor Ort aus sowie auf Willehad.de.

Fünf Fragen an: Frederic Riedel, Kiezworker in Berlin-Schöneberg

Fünf Fragen an Frederic Riedel, Berlin-Schöneberg, über seine Arbeit als Kiezworker, Veränderungsprozesse in einer Großstadtkirchengemeinde und die Coronapandemie als Treiber der Digitalisierung..

Frederic Riedel (Bild: privat)

Frederic Riedel kommt aus Uelzen in Niedersachsen. Zum BWL- und „Wirtschaft und Recht“-Studium zog er zunächst nach Brandenburg, um sich dann in Berlin zu verlieben. Durch das Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ wurde er auf eine Stellenausschreibung der Apostel-Paulus-Gemeinde in Berlin-Schöneberg aufmerksam. Zu seinen Aufgaben gehört die Koordination der Offenen Kirche, der Besuchsdienst und die Öffentlichkeitsarbeit.

Rogate-Frage: Herr Riedel, Sie sind „Kiezworker“ in einer evangelischen Großstadtgemeinde. Welche Aufgabe haben Sie dort?

Frederic Riedel: „Kiezworker“ ist der Begriff für die Gesamtheit aller meiner Aufgaben im Rahmen der Gemeinde und im Kiez – auch ist er meine offizielle Jobbezeichnung.

Meine Aufgaben sind tatsächlich sehr vielfältig und abwechslungsreich, sodass es mir stets schwer fällt meine beziehungsweise die eine Aufgabe hier auf das Wesentliche herunterzubrechen: Wohlmöglich bin ich an all den Maßnahmen beteiligt, die Kirche und Kiez stärker miteinander verzahnen lassen sollen: Von Ehrenamtskoordination über Betreuung und Ausgestaltung der Offenen Kirche, bis hin zu Besuchsdiensten, die aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Gefahr für Risikogruppen momentan leider pausieren müssen. Auch unterstütze ich die Pfarrerin, Küsterin und den Haus- und Kirchwart in vielen Angelegenheiten, sodass ich in gewisser Weise oftmals Bindeglied und helfende Hand in Personalunion bin.

In der Zukunft soll auch für mich wesentlich mehr in Richtung Kultur, Veranstaltungen und Social Media geschehen – aber auch hier sind uns momentan leider noch die Hände gebunden – pandemiebedingt.     

Rogate-Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich kirchlich engagieren und was hat es mit dem Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ zu tun?

Frederic Riedel: Es hat eine Menge damit zu tun, denn offen gestanden bin ich nur dadurch auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam geworden. Frau Pfarrerin Steffen-Elis hat mir von Anfang an zu Verstehen gegeben, dass die Gemeinde sich einem Wandel unterzieht und sicherlich schmeichelte mir die Idee, meinen Beitrag dazu leisten zu können. Schwer vorstellbar, dass ich in einer (Einstiegs-)Position, an einem anderen Ort mehr Einfluss auf die Entwicklungen um mich herum und auch auf meine eigene nehmen könnte. Ich würde mich nicht als strenggläubigen Menschen bezeichnen und für meinen Bereich ist Religion ehrlich gesagt auch gar nicht so maßgeblich. Entscheidend sind für mich vielmehr Wertevorstellungen, ein würdevolles und freundliches Menschenbild. Dazu zählt auch das Bedürfnis, aufgefangen zu werden, wenn man fällt. Auch Ich habe eine kleine persönliche Krise der Arbeitslosigkeit und Frustration nun zugunsten der Hilfe und Unterstützung Anderer hinter mich bringen können. Mein Team hat hier zweifellos, und zwar in ausnehmendem Maß, Anteil daran. Im Übrigen gefällt mir sehr wohl die Idee von Spiritualität, weil ich denke, dass sie jeder Mensch in sich trägt und braucht. Auch hatte ich wohlmöglich immer schon ein kleines Faible für Kunst, Geschichte, Architektur und den weiträumigen Klang von Sakralmusik. All das vereint die Apostel-Paulus-Kirche in recht beeindruckender Art und Weise.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit gehabt und wie haben Sie darauf reagiert?

Frederic Riedel: Das lässt sich nur schwer einschätzen, da ich das Arbeiten hier bisher noch gar nicht unter „normalen Rahmenbedingungen“ erleben durfte!

Aber ja, auch wir mussten absagen und umdenken: Kontaktbeschränkungen und Hygieneauflagen machen vor der Kirche keinen Halt. Wie in vielen Bereichen ist Corona aber auch für uns Treiber der Digitalisierung: Aufgezeichnete Gottesdienste und Veranstaltungen, Livestreams, Zoom-Meetings. Insbesondere seitens Pfarrerin Andrea Kuhla sind hier mittlerweile Online-Formate und Podcasts ins Leben gerufen worden. Kontaktaufrechterhaltung zu älteren Gemeindegliedern erfolgt telefonisch oder postalisch. Das Schönste ist, dass wir die Kirche – unter Wahrung der Abstands- , Hygiene- und Lüftungsregeln – seit dem Beginn der Pandemie und durch die Hilfe eines mittlerweile breiter aufgestellten Teams an ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen nahezu durchgängig offen halten konnten. Mit äußerst positiver Resonanz der Besucher:innen.

Rogate-Frage: Welchen Unterschied nehmen Sie grundsätzlich im kirchlichen Umfeld im Vergleich zu anderen Arbeitgebern war?

Frederic Riedel: Der Umgang miteinander ist familiär, bedächtig und herzlich. Das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft sicherlich kein Selbstläufer.

Wissen Sie, es gibt Arbeitgeber:innen, die ihre Mitarbeiter:innen quasi im Monatstakt auf hippe Team-Building-Seminare beziehungsweise – Maßnahmen schicken, geradezu wissenschaftliche Ansätze dabei verfolgen, und in der Praxis bleibt dann schlussendlich oft Nichts von all dem hängen. Wasser predigen und Wein trinken. Mir ist aufgefallen, dass das hier –  vielleicht aus dem Selbstverständnis, dem äußeren Rahmen und dem eigenen Wertesystem heraus –  auch ganz wunderbar ohne funktionieren kann.

Rogate-Frage: Wenn sie die Kirche in Berlin und überhaupt neu erfinden und gestalten würden, wie sähe sie dann aus?

Frederic Riedel: Das wäre ziemlich anmaßend! (lacht)

Aber sicherlich muss die Kirche – wie jede andere Institution im Laufe der Zeit – in verschiedenen Bereichen umdenken, neue Anreize schaffen, Programminhalte diversifizieren, Barrieren abbauen, auf die Leute zugehen, noch bevor sie sich entfernen. Berlin per se ist eine Stadt mit sehr modernem und dynamischem Zeitgeist und da wirkt die Kirche auf viele schlichtweg etwas aus der Zeit gefallen. Vor allem auf die jüngeren Generationen, die Zukunft. Glaube allein ist kein Kriterium mehr für die Ausrichtung und Gestaltung des Lebens. Dabei gibt es in vielen Gemeinden so viel Potential, einzigartige Räume und Gebäude in Ihrer Nutzung so zu gestalten, dass sich wieder mehr Menschen angesprochen fühlen und ihren persönlichen Zugang finden. Ich finde es etwas kurios wenngleich interessant, dass im Subkultur-Jargon ausgerechnet der wohl berüchtigtste Berliner Techno-Club landläufig gerne als „Tempel“ oder „Church“ bezeichnet wird. Und auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick noch so skurril wirken mag: Vermutlich lechzt jeder Mensch nach einem Raum, einem Ort der Geborgenheit und Zuflucht, der Gemeinschaft, des Gesangs und der Feier und auch der Spiritualität – und offenbar bedeutet Kirche im Kern nach wie vor all das.

Rogate: Vielen Dank, Herr Riedel, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Wilhelmshaven: Gebet für die Stadt – in der Coronakrise.

Die Coronakrise belastet viele Menschen auf unterschiedliche Weise. Das gesamte gesellschaftliche Leben ist betroffen: Kontaktbeschränkungen, Schließungen von Bildungs- und Kultureinrichtungen, Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft, den Gesundheitsbereich, Schulen und Kindertagesstätten und den Alltag zuhause. Viele leiden darunter. Andere haben eine durch das Virus verursachte Krankheit überstanden oder sind daran gestorben. Über 70.000 Verstorbene alleine in der Bundesrepublik haben zu großer Trauer geführt und hinterlassen Lücken in Familie, Freundeskreisen und der Gesellschaft des Landes. 

Die römisch-katholische Pfarrgemeinde Sankt Willehad in Wilhelmshaven und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael wollen in einer Andachtsreihe an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnern. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kommen selber zu Wort, schildern ihre Situation und die Unmöglichkeiten dieser Zeit. Sie berichten über die eigene Not und die Lage ihrer Patienten oder Mitarbeitenden und Kollegen*innen. Es sollen die Nöte benannt werden, auch die Wut zur Sprache kommen und für die Menschen in den Notlagen gebetet werden. „Wir laden gemeinsam zu einem solidarischem Gebet ein, hören zu und geben der Klage der Menschen vor Gott Raum“, so Bruder Franziskus und Pfarrer Bolten.

Das Lied „Jenseits von Ebbe und Flut“ wird in jedem der drei Andachten „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise.“ zu hören sein.

Die Termine der Reihe:

Einladungsplakat für das „Gebet in der Stadt – in der Coronakrise.“ (Agentur Nolte Kommunikation, Berlin)

Die Gemeinde St. Willehad weist auf das geltende Hygienekonzept hin. Vor dem Besuch der Kirche besteht eine Anmeldepflicht vor Ort. Es sind medizinische Masken (OP- oder FFP2-Masken) zu tragen. Weitere Infos hängen vor Ort aus sowie auf Willehad.de.

Fünf Fragen an: Apl. Prof. Dr. Ursula Rudnick

Fünf Fragen an Apl. Prof. Dr. Ursula Rudnick, Beauftragte für Kirche und Judentum im Haus für kirchliche Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, über eine Religionen verbindende Kampagne der Kirchen, Gemeinsamkeiten von Pfingsten und Schwawout sowie Plakate, die ab sofort in vielen Schaukästen zu sehen sind.

Ursula Rudnick stammt aus Hannover und studierte Theologie und Judaistik in Göttingen, Tübingen, Jerusalem und New York, wo sie am Jewish Theological promovierte. Sie engagiert sich seit vielen Jahren im christlich-jüdischen Dialog.

Apl. Prof. Dr. Ursula Rudnick (Bild: privat)

Rogate-Frage: Frau Professorin Rudnick, unter dem Titel „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ startet in diesem Monat eine Kampagne der katholischen und evangelischen Kirche. Was soll damit erreicht und welche Botschaften vermittelt werden?

Ursula Rudnick: Mit der Kampagne #jüdisch-beziehungsweise-christlich soll die Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum vergegenwärtigt werden. Die kurzen Texte auf den Monatsplakaten laden zum Nach-denken und Nach-fragen ein. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Ostern und Pessach? Wie wird Pessach gefeiert? Wichtig ist uns dabei, dass zum einen die engen Verbindungen wahrgenommen werden und zugleich respektvoll die „dignity of difference“, die Würde der Verschiedenheit, wie Rabbiner Jonathan Sacks sie nannte, gewahrt bleibt.

Rogate-Frage: Wie kam es zu der Idee und an welche Zielgruppe richtet sich das Projekt?

Ursula Rudnick: Die Idee dieser Share-Kampagne entstand in Berlin. Dann wurde sie an verschiedenen Orten, so auch in Niedersachsen aufgegriffen und weiterentwickelt. Daher ist die Kampagne jetzt eine ökumenische Kampagne, die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) unterstützt wird. In Niedersachsen ist auch die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACKN) dabei. Die Plakate sind in Schaukästen von Gemeinden zu finden und richten sich an alle, die an diesen Schaukästen vorbeikommen. Darüber hinaus finden sie sich auf den Internetseiten von Kirchen und Kirchengemeinden und richten sich an Gemeindemitglieder. In den vergangenen Jahrzehnten hat das christlich-jüdische Gespräch bedeutende Fortschritte gemacht. Zugleich sehen wir, dass die Einsichten zum Beispiel von Nostra Aetate und der zahlreichen Synodalerklärungen noch nicht in allen Kirchengemeinden angekommen sind. Das Verhältnis von Kirche zum Judentum ist ein lebendiges Verhältnis. Jede Generation steht vor der Aufgabe, es neu zu gestalten und mit Leben zu füllen.

Rogate-Frage: Geht es mehr um die Vergleichbarkeit der großen Feste beider Religionen oder was soll konkret durch „#beziehungsweise“ vermittelt werden?

Ursula Rudnick: Ausgangspunkt ist das Festjahr. Es gilt den Blick zum Beispiel von Pfingsten auf Schawuot zu richten. So wie Schawuot 40 Tage nach Pessach gefeiert wird, so wird Pfingsten 40 Tage nach Ostern gefeiert. Hier gibt es Parallelen in der Struktur und auch im Inhalt. Manchmal gibt es Parallelen in der Struktur, aber Unterschiede im Inhalt, so wie zum Beispiel bei Purim und Karneval. Die Bezüge und Beziehungen sind vielfältig und komplex. Sie zu entdecken, helfen die Hntergrundinformationen auf der Internetseite #jüdisch-beziehungsweise-christlich. Darüber gibt es monatlich stattfindende Dialoge von jüdischen und christlichen Gelehrten, an denen jede/r kostenfrei teilnehmen kann. Wer sich auf der Homepage anmeldet, erhält den Link für die Online-Teilnahme.

Rogate-Frage: Warum ist der Interreligiöse Dialog für Sie so wichtig?

Ursula Rudnick: Als Christ*innen sehen wir alle Menschen als Geschöpfe Gottes. In unserer globalisierten und vernetzen Welt ist es wichtig, dass wir miteinander im Gespräch sind. Der christlich-jüdische Dialog ist für Christ*innen aus mehreren Gründen unverzichtbar: zunächst um der eigenen Integrität willen. Judenfeindschaft durchzieht die Geschichte der Kirche von ihren Anfängen an. Sie ist so tief in unserer relgiösen Tradition und Kultur verwurzelt und wir erleben ein neues Aufflammen von Judenfeindschaft. Es gilt auf vielfältigen Ebenen sich ihr entgegenzustellen: in der Bildungsarbeit, in der politischen Arbeit und auch im Alltag. Zum anderen ist mir der christlich-jüdische Dialog wichtig, weil es spannend ist, zu sehen, wie die jüdische Tradition die Bibel liest. Hier habe ich viel gelernt und viel entdeckt. Und: eine wichtige Frucht des Dialogs sind vielen Freundschaften, die ich im christlich-jüdischen um im interreligiösen Dialog habe schließen dürfen.

Rogate-Frage: Wie sieht der Dialog der Religionen in der Zukunft aus? Was wünschen Sie sich von den Dialogbeteiligten?

Ursula Rudnick: Ich bin keine Hellsehrerin, deshalb kann ich nicht sagen, wie der Dialog in der Zukunft aussehen wird. Ich wünsche Zusammenarbeit und Austausch auf vielfältige Weise: beim Lesen der Bibel, beim Einsatz für Gerechtigkeit und auch bei Fragen der Klimakrise. Es gibt bereits zahlreiche Aktivitäten: Ich wünsche mir, dass sie weiter zunehmen.

Rogate: Vielen Dank, Frau Prof. Rudnick, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Coronakrise und Beten? Zitate zum Sonntag Rogate 2020

„Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich. Brüder sein und dich rufen an. Und willst das Beten von uns han. Gibt, dass nicht bet allein der Mund. Hilf, daß es geh von Herzensgrund.

Geheiligt werd der Name dein. Dein Wort bei uns hilf halten rein, dass wir auch leben heiliglich, nach deinem Namen würdiglich. Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr, dass arm verführet Volk belehr.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 1+2

„Corona heißt für mich: Noch einsamer sein. Alleine zu Hause bin ich. Die Fernsehnachrichten machen mich traurig. Oft stelle ich schon den Fernseher aus, weil ich es nicht mehr ertrage. Ich muss viel weinen. Das Gebet fällt mir nicht leicht. Irgendwann dachte ich mir: Meine Tränen sind mein Gebet. Dann also habe ich viel gebetet. Ich hoffe auf Gott, dass er uns beisteht, mir aber auch allen Kranken in diesen Tagen.“

Anonym, Wilhelmshaven, Mai 2020

„Ich bin mir sicher, dass es für viele Menschen wichtiger gewesen wäre, Kirchen zu öffnen statt Baumärkte. Die Ruhe, der Frieden und Besinnung in dieser Zeit, die wie ein schwankendes Schiff ist, festigt. – Ich bin nicht sehr religiös. Die Ruhe und die Konzentration auf mich selbst und das Wesentliche habe ich weit abseits von dem nervösen panischen Geflirre gefunden. – Mit meinem Hund; draussen vor der Stadt. Der Wald und der Himmel über mir wie eine Kathedrale. 

Barbara Nolte, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Es kommt dein Reich zu dieser Zeit und dort hernach in Ewigkeit. Der heilig Geist uns wohnet bei. Mit seinen Gaben mancherlei. Des Satans Zorn und groß Gewalt, zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 3
Schwester M. Stella (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„In der Zeit, als wir keine Gottesdienste haben konnten, hatten wir Öffnungszeiten für das stille Gebet in unseren Kirchen angeboten.

Man konnte sich  „verankern“. An dem Platz ,wo man gern in der Kirche sitzt, konnte man einen Anker anbringen und ihn gestallten; zum Beispiel mit Symbolen, etwas drauf schreiben, oder nur mit Namen versehen.

Eine Frau sagte: „Es gefällt mir sehr gut, diese Betstunde. Diese Ruhe, eine innere Gelassenheit macht sich breit. Man kann über alles nachdenken, über den grauen Alltag, der plötzlich viel heller wird. Ich spüre bei mir: Die Betstunde macht mich stark. Ich kann sie nur empfehlen! Lieber Gott, segne mich und meine Familie. Liebe Gottesmutter, ich vertraue auf Dich, Danke! Vielen Dank, für alles Gute, dass ich empfangen durfte!“

Schwester M. Stella, Marienschwester in Wilhelmshaven-Fedderwardergroden, Mai 2020

Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich, auf Erden und im Himmelreich. Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid. Wehr und steur allem Fleisch und Blut, dass wider deinen Willen tut.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 4

„Täglich höre ich von Menschen, die sich in dieser Krise große Sorgen machen. Ihr Arbeitsplatz ist bedroht, nahe Angehörige oder auch sie selbst sind krank oder sie leiden unter der Einsamkeit durch die Kontaktbeschränkungen. Im Gebet bitte ich Gott um seinen Beistand für uns alle. Und danke für die vielen gerade auch in der Diakonie, die in dieser Zeit für andere da sind. Gott, bleib Du bei ihnen und gib uns allen Zuversicht.“

Pfarrerin Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Mai 2020
Pfr. Andreas Erdmann (Bild: privat)

„Beten ist für mich wie atmen: Es gehört zu meiner Beziehung mit Gott schlicht dazu. Das war vor der Pandemie nicht anders als jetzt. Es tut mir gut, über das, was geschieht, mit Gott im Gespräch zu bleiben und gestärkt durch seinen Zuspruch an mich und seine Schöpfung diesen Zuspruch anderen zuteilwerden zu lassen. Dabei fühle ich gerade auch durch das gemeinsame Gebet in dieser Zeit eine starke Verbundenheit mit meinen christlichen Geschwistern im Glauben.“

Pfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Berlin, Mai 2020

„Ein brauchbares Zitat fällt mir zwar nicht ein, aber ich kann sagen, dass der Glaube auch in schwierigen Zeiten stärkt. Viel schlimmer als die Einschränkungen empfinde ich den Verlust jeglicher beruflichen Perspektive. Insbesondere erfüllt es mich mit Schrecken, wie viele Jobs in der Gastronomie verloren gehen.“

Michael Oberseider, Bayern, Mai 2020

„Mir geht es gut. Nach anfänglicher Sorge und Angst kann ich Gott danken, für die Kraft und Zuversicht, dass es mir auch weiterhin gut geht und bitte ihn auch für alle, die auf ihn vertrauen, sie zu stärken in dieser schweren Zeit. Meine Gedanken drehten sich um die Menschen, die ich in dieser außerordentlichen Zeit nicht im der Gemeinde treffen konnte. Wie kamen sie zurecht, wie fühlten sie sich, brauchten sie Unterstützung? Mit Anrufen, Grußkarten und später auch Besuchen hielten wir Kontakt im gegenseitigen Austausch. Als deine Kinder bist du immer für uns da. Danke, lieber Gott.“

Heidrun Helbich, Wilhelmshaven-Neuengroden, Mai 2020

„Gib uns heut unser täglich Brot und was man darf zur Leibesnot. Behüt uns, Herr, vor Unfried und Streit, vor Seuchen und vor teurer Zeit, dass wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizes müßig gehn.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 5
Michael Feitel (Bild: privat)

„Mir ist (in dieser Zeit) das folgende Gebet eines anderen Schreibers wichtig geworden: Bleibe bei uns, Herr, in dieser Zeit, in der wir zweifeln, aber nicht verzweifeln wollen, Fragen stellen, ohne Antworten zu haben, Probleme sehen, ohne Lösungen zu kennen. Bleibe bei uns, wenn wir die Dunkelheit fürchten und lass uns den neuen Morgen, das neue Ostern, erwarten.“

Michael Feitel, Berlin, Mai 2020
Dekan Ulf-Martin Schmidt (Bild: privat)

„Angesichts der vielfältigen Dynamiken, die der Umgang mit Corona in unserer Gesellschaft ausgelöst hat (von Entschleunigung bis Aggression), fällt mir das freie Beten von Tag zu Tag schwerer und ich bin froh, dass ich auf verschriftlichte Gebete anderer Menschen und Gemeinschaften zurückgreifen kann. Als Pfarrer werden jeden Tag Gebetsanliegen an mich herangetragen, die ich bei Gott geborgen weiß wenn ich sie im-Namen-nennen vor ihn bringe – mein persönliches Bitten kann ich aber nicht mehr gut in Worte fassen und versuche im Meditieren innere Ruhe zu finden.“

Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin, Mai 2020

„All unser Schuld vergib uns. Herr, dass sie uns nicht betrüben mehr. Wie wir auch unsern Schuldigern ihr Schuld und Fehl vergeben gern. Zu dienen mach uns all bereit, in rechter Lieb und Einigkeit.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 6
Heide Grünefeld (Bild: Wilhelmshavenglaubt)

„Ich glaube, dass Wort „Corona“ ist in meinen Gebeten nicht ein einziges Mal gefallen. Meine eigenen Zwiegespräche mit Gott haben mit Corona eigentlich nichts zu tun. Ich sehe zur Zeit viele andere Menschen, die nicht an Corona, sondern an der Angst davor oder an Folgen der Pandemieregeln leiden. Aber ich bin nicht gut darin, lange Gebete in Ruhe zu sprechen. Ich bin eher diejenige, die sich nach einem Besuch wieder ins Auto setzt, verzweifelt und wütend über die erlebte Traurigkeit oder Perspektivlosigkeit o.ä. ist, und dann nach oben schaut und in sehr ungeduldigem Tonfall sagt: „Du siehst das, oder? Du hast ihn/sie im Blick? Und ich hoffe sehr, Du hast einen Plan und weisst, wozu diese ganzen Schwierigkeiten gut sind, denn ich sehe das nicht, und das geht da schief, hilf ihm/ihr, Du musst da hinsehen, bitte!!!“

Und nach einer Weile, wenn ich mich abgeregt habe, kann ich etwas ruhiger sagen „Ja, gut, ich vertraue Dir und ich versuche weiter mein Bestes.“ Und dann, weil ich es doch nicht lassen kann und lieber auf Nummer sicher gehe, sage ich in wieder energischem Tonfall noch ein weiteres Mal „…aber Du guck dahin! Danke.“

Ob das als Beten durchgeht, weiss ich nicht. Ich hoffe es. Und ich hoffe, Gott guckt dann da hin.“

Heide Grünefeld, Theologin und Sozialarbeiterin, Hooksiel (Wangerland, Friesland), Mai 2020

„Führ uns, Herr, in Versuchung nicht, wenn uns der böse Geist anficht. Zur linken und zur rechten Hand, hilf uns tun starken Widerstand. Im Glauben fest und wohlgerüst und durch des heilgen Geistes Trost.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 7

„In der Corona-Krise sitze ich vor einem Arbeitsberg, der einfach nicht kleiner wird. Durch das Zuhause-Arbeiten im Homeoffice fällt es mir noch schwerer, wirklich Feierabend oder Wochenende zu machen und abzuschalten. Die Ruhe des Gebets würde mir hier sehr guttun. Aber mir diese Ruhe zu geben, fällt mir schwer.“

Anonym, Berlin, Mai 2020
Rechts: Edmund Mangelsdorf (Bild: privat)

„Unser Vater im Himmel weiß, was er uns auf der Erde zumutet und zumuten kann, um unserer Entwicklung willen. So bitte ich nicht um Einzelnes, sondern nur: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!“ und denke dabei auch an Corona. Und wo ich mein persönliches ewiges Leben dann verbringen soll, ob nun hier oder drüben, das überlasse ich Seiner Weisheit.“

Edmund Mangelsdorf, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

„Von allem Übel uns erlös, es sind die Zeit und Tage bös. Erlös uns vom ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not. Bescher uns auch ein seligs End. Nimm unser Seel in deine Händ.

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 8
Pfr. Burkhard Bornemann (Bild: privat)

„Ich weiß, wie privilegiert und geborgen ich diese Krise erleben darf. Aber das war und ist auch Verantwortung. Wie viele Gespräche mit sehr unglücklichen, verstörten, psychisch zutiefst verletzten Menschen habe ich in den letzten Wochen geführt, in der offenen Kirche oder anderen Orten, manchmal auch einfach, wenn ich mit dem Mopsduo unterwegs war. Aber immer fühlte ich mich geführt auf der rechten Straße um seines Namens willen – im Namen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Im Namen von Trost, Zuwendung und Halt.“

Pfarrer Burkhard Bornemann, Evangelische Zwölf-Apostel-Gemeine, Berlin-Schöneberg, Mai 2020

Amen, das ist: Es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar. Auf das wir ja nicht zweifeln dran, dass wir hiemit gebeten han. Auf dein Wort in dem Namen dein, so sprechen wir das Amen fein.“

Martin Luther, 1539, Lied „Vater unser im Himmelreich“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 344, 9

Hinweis zu dieser Zitatesammlung: Zum Sonntag Rogate 2020 haben wir verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Berufsgruppen um einen Beitrag zu „Coronakrise und das Beten“ angefragt. Die aufgeführten Zitate fanden Eingang in den Gemeindegottesdienst des Rogate-Klosters Sankt Michael zu Berlin am 17. Mai 2020 in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg und werden hier dokumentiert. Ursprünglich war für den fünften Sonntag nach Ostern eine ökumenische Eucharistie gemeinsam mit der Alt-katholischen Gemeinde Berlin geplant. Diese konnte aufgrund der Einschränkungen der Gottesdienste in der Pandemie nicht stattfinden, daher fand ein Gottesdienst ohne Abendmahl statt.

Fünf Fragen an: Pfarrer Lothar Vierhock, St. Elisabeth-Gemeinde Moskau

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Lothar Vierhock, St. Elisabeth-Gemeinde Moskau, über die Vorteile digitaler Kirche, orthodoxe Ostern in der Coronakrise und die Erreichbarkeit der Herzen der Gemeindeglieder.

Pfarrer Lothar Vierhock (Bild: privat)

Lothar Vierhock, 1956 geboren in Gera (Thüringen). Beruf: Facharbeiter für Bergbautechnologie, Bausoldat bei der NVA, Studium der Theologie/Philosophie am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt. Priesterweihe 1984 in Dresden; Wirkungsstätten in Zwickau/Sachsen, Erfurt, Dresden, Leipzig und Hongkong. Jetzt Pfarrer der Deutschsprachigen Katholischen St. Elisabeth-Gemeinde in Moskau und Religionslehrer an der Deutschen Schule Moskau. Engagiert beim Malteser-Hilfsdienst Moskau.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Vierhock, wie sieht kirchliches Leben in Ihrer Gemeinde aktuell aus?

Lothar Vierhock: Seit reichlich vier Wochen können auch wir in Moskau aufgrund der Corona-Pandemie keine öffentlichen Gottesdienste und Veranstaltungen abhalten. Das Verständnis für diese Maßnahme ist sehr groß. Nunmehr feiern wir unsere Gottesdienste über das Internet, also online. Der „Vorteil“: Auch unsere Gemeindemitglieder, die derzeit nicht in Moskau sind, können an der Heiligen Messe und am anschließenden Gemeindeplausch teilnehmen, ebenfalls unsere Kranken, vor allem unsere älteren Menschen, die nicht mehr zum Gottesdienst kommen können. Natürlich leiden viele darunter, nur „geistlich“ kommunizieren zu können.

Jeweils Mittwochs „treffen“ wir uns online zu Begegnung und Austausch. Täglich um 19.00 Uhr beten wir das Gebet des Herrn und bitten darin für die an Corona Erkrankten und Infizierten, für ihre Angehörigen und für alle Helferinnen und Helfer. Wir bitten, dass Gott diese Geisel bald von uns nehmen möge. Natürlich bleiben die privaten Kontakte – auf Distanz gehalten – weiterhin erhalten.

Rogate-Frage: Die Russisch-orthodoxe Kirche feierte vor wenigen Tagen das Osterfest. Wie anders wurden die Feiertage in Moskau begangen und welche Einschränkungen gibt es aktuell?

Lothar Vierhock: Wie wir, so konnten auch unsere orthodoxen Geschwister ihr Osterfest am vergangenen Sonntag nicht öffentlich miteinander feiern. Aus der Christ-Erlöser-Kirche, der Hauptkirche der Orthodoxie in Russland, wurde der feierliche Gottesdienst im Fernsehen übertragen. Viele Gläubigen haben diese Feier mitverfolgen können. Am Morgen des orthodoxen Ostersonntags habe ich viele Grüße erhalten: „Christus ist auferstanden!“ – „Christus ist wahrhaft auferstanden!“

Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu vermeiden gilt: Kontakt zum Nächsten nur mit 1,5 Metern Abstand. Man kann sich von seiner Wohnung aus im Umkreis von 100 Metern frei bewegen, um Wichtiges zu erledigen: Einkauf, Bank, Arzt und Apotheke. Weitere Wege, die durchaus bedeutsam sind, müssen beantragt werden. Das funktioniert meines Wissens unbürokratisch.

Rogate-Frage: Was beschäftigt Sie persönlich im Moment besonders und wie hat sich Ihr Leben verändert?

Lothar Vierhock: Mich beschäftigt sehr, wie wir als Gemeinde weiterhin gut vernetzt bleiben. Niemand soll sich am Virus infizieren und erkranken. Da ich auch als Religionslehrer an der Deutschen Schule in Moskau tätig bin, unterrichte ich online meine Schülerschaft. Ich bin ein durchaus sozialer Mensch. Mir fehlt der direkte Kontakt zu meinen Mitmenschen. Mir fehlt die gemeinsame Feier der Gottesdienste. Die Sorgen von Gemeindemitgliedern bewegen mich ebenso.

Rogate-Frage: Welche Hoffnung trägt Sie durch diese Zeit und was können Sie Ihrer Gemeinde mitgeben?

Lothar Vierhock: Mich trägt in dieser Zeit vor allem mein Glaube. Manchmal wird er auch durch verschiedene Umstände kritisch hinterfragt. Da ermutigt mich das Beispiel vieler Mitmenschen und Freunde, die mich durch ihr Vorbild widerum ermutigen. Das verbindende Gebet trägt in dieser Zeit. Ich schreibe einmal in der Woche einen Newsletter an die Gemeinde. Darin versuche ich, im Glauben zu ermutigen, neue Chancen und Möglichkeiten zu sehen und sie zu realisieren. Was ich nicht kann, was ich aber sehr gut vorbereite, ist, durch den Gottesdienst die Herzen der Gemeindemitglieder mit Freude und Hoffnung in Jesus Christus zu erfüllen.

Rogate-Frage: Würden Sie uns ein Gebet schenken?

Lothar Vierhock: Allmächtiger Gott, dir ist nichts verborgen. Du kennst uns und unsere Sorgen und Nöte. Du hast dich uns als der „Gott mit uns“ geoffenbart, vor allem in Jesus Christus, deinem Sohn. Er war besonders für die Menschen da, die seiner Hilfe bedurften. In seiner Auferweckung hast du uns Zeugnis gegeben, dass du ein Gott des Lebens bist. In der Sendung des Heiligen Geistes, schenkst du uns Hoffnung und Stärke. Dafür danken wir dir aus ganzem Herzen.

Herr, unser Gott, unser guter Wille reicht nicht aus und unsere Hände für eine wirksame Hilfe greifen mitunter zu kurz. Stärke unsere Hoffnung in dieser Krise. Beende in Kürze die Pandemie. Sei allen Kranken und Leidenden, besonders den am Corona-Virus Erkrankten, nahe. Hilf dort, wo Menschen nicht mehr weiterwissen. Unterstütze alle Bemühungen um Frieden und um mehr Gerechtigkeit in unserer Welt. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus im Heiligen Geist.

Rogate: Amen. Vielen Dank, Herr Pfarrer Vierhock, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin oder Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Dar es Salaam/Tansania

Fünf Fragen an Pastorin Almut Birkenstock-Koll, Deutschsprachige Gemeinde Dar es Salaam, über das Leben in ihrer durch Ausreisen verkleinerten Kirchengemeinde in Tansania, die Veränderungen durch die Corona-Pandemie und die Sehnsucht nach offenen Grenzen.

Pastorin Almut Birkenstock-Koll (Bild: privat)

1954 in Hamburg geboren wuchs Almut Birkenstock-Koll im Ruhrgebiet und Rheinland auf. Sie studierte in Wuppertal und Göttingen. In den USA und Italien folgte das Auslandsvikariat. Sie lebte Kenia und im Iran. Sie engagiert sich in der Friedens- und Versöhnungsarbeit, u.a. in Aktion Sühnezeichen Ost und West), in der Diakonie (Hospizarbeit und Altenseelsorge) sowie in der interreligiösen und interkulturellen Arbeit. Zuletzt war sie in Deutschland in der Flüchtlingsarbeit tätig. Aktuell engagiert sie sich in der sozialdiakonischen Arbeit in Tansania. Sie ist Pastorin der Deutschsprachigen Gemeinde Dar es Salaam in Tansania.

Rogate-Frage: Frau Pastorin Birkenstock-Koll, in welcher Situation befindet sich Ihre Kirchengemeinde aktuell?

Almut Birkenstock-Koll: Unsere Kirchengemeinde hat sich dezimiert wie hier die gesamte Expatcommunity. Zwei Familien sind im Abstand von drei Wochen ausgereist. Dazu gehörte unser Musiker, der fast immer unsere Gottesdienste begleitet hat. Er und seine Familie hat quasi die letzte Chance ergriffen, nach Deutschland zu fliegen, da sie ihren Hund mitnehmen konnten auf dem Flug. Sie hatten Sorge, dass der 13 Jahre alte Hund in Tansania bleiben muss, wenn es am Ende eventuell ganz plötzlich geht. Wir waren in Vorbereitung eines Osterkonzertes über Zoom, das wird nun über Email organisiert. Denn aufgeben will ich die Idee noch nicht. Wir haben Kantate oder Himmelfahrt ins Auge gefasst, wo dieses Konzert abrufbar sein soll für unsere Gemeinde.

Rogate-Frage: Wie hat das Coronavirus Ihre Gottesdienste und die Seelsorge in den letzten Wochen verändert?

Almut Birkenstock-Koll: Wir haben heute gerade in einer kurzen webex Konferenz mit dem Kirchenvorstand der Gemeinde beschlossen, den nächsten Gottesdienst – wir halten zweimal im Monat deutschsprachigen Gottesdienst – nicht analog zu halten. Bislang konnten wir dies noch tun, da hier in Tansania noch Gottesdienste in den Kirchen stattfinden. Wir wollten nicht die ersten sein, die dies nicht mehr anbieten. Es wurde jedoch zunehmend schwieriger, da viele unsere Mitglieder verständlicherweise nicht mehr kommen wollten. Einige Aufrechte gab es noch. Nun aber haben wir von allen Hiergebliebenen das Einverständnis, zu pausieren und stattdessen haben wir eine WhatsApp-Liste aller Gemeindeglieder und Interessierten gegründet. Wir werden versuchen, mit anderen Medien Andachts- und Gottesdienstangebote zu verschicken.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation im Land, welche gesundheitlichen Massnahmen gibt es und wie steht es um das Gesundheitswesen vor Ort?

Almut Birkenstock-Koll: In Tansania hat man ja lange die Pandemie nicht wirklich wahrhaben wollen. Man hat alle Verschwörungstheorien diskutiert oder auch als Krankheit des weißen Mannes beziehungsweise der weißen Frau. Man hat sich gefreut, dass das arme Afrika dieses Mal nicht den „schwarzen Peter“ habe….und so weiter.

Nun sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Die Zahlen der Infektionen steigen, der Toten auch, aber die sind noch einstellig. Die Infektionen lagen gestern bei 147. Der Staat geht eigentlich ganz gut mit der Situation um. Man veröffentlich die aktuellen Zahlen, die man hat – es gibt ja kaum Tests -, man fordert nun in der Stadt zum Tragen eines Mundschutzes auf. Ich nähe Mundschutz(-masken) ohne Ende mit meiner Gruppe von Teenage Mothers und verkaufe sie für wenig Geld, sodass unsere Mädels etwas Geld für sich erwirtschaften können. Das Gesundheitssystem ist äußerst schwach. Es gibt private Krankenhäuser, wo es vielleicht Beatmungsgeräte gibt, aber nur, wer zahlen kann, kann dies auch nutzen. 

Rogate-Frage: Wie geht es Ihnen persönlich mit der Situation, welche Fragen stellen Sie sich und was macht Ihnen Hoffnung?

Almut Birkenstock-Koll: Nun, ich gehöre mit 65 Jahren zur Risikogruppe, mein Mann ist 69. Wir haben uns entschlossen, hier zu bleiben, als es noch Flüge gab. Nun gibt es keine mehr. Ich denke, im Zweifelsfall geht es uns hier besser als in Deutschland, im Krankheitsfall eher nicht oder halt mit Glück doch. Ich hatte letztes Jahr Dengue-Fieber und war im privaten Aga Khan Hospital gut aufgehoben. Das war eine Erfahrung, die auch in der jetzigen Situation Hoffnung machen kann, dass eine Infektionslage bewältigt werden kann.

Ich schwanke jedoch immer wieder mal beziehungsweise sehne mich danach, dass die Grenzen wieder geöffnet werden und es auch wieder internationale Flüge gibt. Unser ältester Sohn ist Diplomat und arbeitet an der Botschaft in Nairobi, wo wir alle früher Jahre gelebt haben. Unsere Enkel sind jetzt auch dort und ich würde sie so gern besuchen. Ich drehe jeden Tag ein kleines Video für die beiden, die fünf und zwei Jahre alt sind. So bleiben wir in Kontakt. Auch zu unseren anderen Kindern in Deutschland und in den USA halten wir intensiven Kontakt.

Ich sehne mich nach unserem geplanten Familientreffen in Frankreich im Juli, aber das scheint wohl nichts zu werden. Das, wozu wir Menschen bestimmt sind: in Beziehung zu treten und Beziehung zu suchen zum Gegenüber, Kontakt über Berührung, der Nähe herstellt zum Nächsten und auch zum Fernen, gerade dies wird nun verwehrt, das schmerzt mich persönlich sehr.

Mir macht Hoffnung, dass die Liebe in unserer Familie uns trägt, dass ich auch in so einer irrealen Situation Gottes Gegenwart als real empfinde und mich nicht scheue, jeden Tag zu beten. Ich denke an viele Menschen, die allein sind und solche Zuwendung wenig oder gar nicht spüren. Ich bete intensiv für Menschen in all den schrecklichen Situationen, die ich kenne. Ich habe Flüchtlingsarbeit gemacht, so denke ich an diese heimatlosen Menschen. Ich habe im Iran gelebt – in der Zeit, in der sich die Beschränkungen schon anbahnten, musste ich mich entscheiden, ob ich den sterbenden Freund im Iran besuche oder meine 99 Jahre alte Tante, für die ich die Vorsorge habe… das war sehr schwer für mich. 

Rogate-Frage: Wenn Sie ein Gebet für uns in der Gemeinde Berlin für den nächsten Gottesdienst schreiben würden, wie würde es lauten?

Almut Birkenstock-Koll: Ach, ich weiß es nicht… Ein Gebet kommt aus dem Herzen… Ich bete in meinen Gottesdiensten oft frei… Vielleicht einen Dank an Gott, dass wir durch diese Situation auch wieder neu lernen können, wie wichtig seine Liebe zu uns ist und wie sehr wir den Mitmenschen brauchen. Ich habe mich dieses Ostern viel ernsthafter und intensiver gefragt, was der Tod Jesu beziehungsweise was Jesus Christus mit seinem Leben für mich eigentlich bedeutet… Und mir ist klar, wie leer und ohne Hoffnung die Welt ohne ihn wäre… Alles, was der Mensch an Gutem vollbringen kann, hat doch seinen Grund in Gottes Liebe, die durch Christus vorgelebt wird.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Birkenstock-Koll, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Angesichts der Corona-Pandemie können wir leider keine verlässlichen Angaben machen, wann wir wieder zu Rogate-Gottesdiensten in Berlin und Veranstaltungen wie dem Wangerlandsofa in Friesland einladen können. Der Eröffnungsgottesdienst zum diesjährigen Stadtfest des Regenbogenfonds ist abgesagt. Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier.