Fünf Fragen an: Claudia Goede, Pfarrerin Weihnachtskirche zu Spandau

Fünf Freitagsfragen an Claudia Goede, Pfarrerin an der Weihnachtskirche zu Berlin-Spandau, über den gestrigen Heiligen Abend, das Leben als „Weihnachtsfrau“ und Gott, der mitten in der Nacht zu uns kommt.

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Claudia Goede (Bild: Weihnachtskirchengemeinde)

Claudia Goede, 1962 geboren, studierte Theologie zuerst an der Kirchlichen Hochschule in Berlin (KIHO) und wechselte dann zur Ruprechts-Karls Universität in Heidelberg. 1. Theologisches Examen im Herbst 1989 in Berlin, 2. Theologisches Examen Herbst 1992 in Berlin. Ordination am 20.12.1992 in der St. Marienkirche. Seit Dezember 1992 Pastorin im Hilfsdienst und seit April 1996 Pfarrerin in der evangelischen Weihnachtskirchengemeinde in Berlin-Haselhorst. 2006 folgte eine Ausbildung zur Mediatorin am Amt für Kirchliche Dienste in Berlin.

Rogate-Frage: Frau Pfarrerin Goede, frohe und gesegnete Weihnachten Ihnen! Wie haben Sie den Heiligen Abend verbracht und was kommt an den Weihnachtstagen auf Sie zu?

Claudia Goede: Vor allem in der Kirche. Um 14.30 Uhr begann der erste Gottesdienst mit einem Krippenspiel, das unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden gestaltet haben. Das musste ich natürlich sehen. Diesen Gottesdienst hat mein Kollege gehalten. Dann habe ich zwei Gottesdienste gehalten, den einen mit einem Krippenspiel, in dem Kinder und Eltern mitgespielt haben, und in dem anderen hat unser Chor mitgewirkt. Beide Gottesdienste waren auf ihre Art schön – der eine, in dem sich Kinder in Engel verwandeln und der andere mit viel Musik.

Ich habe mich gefreut, in den Gottesdiensten viele bekannte Gesichter zu sehen, darunter auch viele ehemalige Konfirmanden und Konfirmanden. Das ist immer schön zu hören, was sie gerade machen und wie es ihnen geht. Nach den drei Gottesdiensten haben wir gegessen und um 22.00 Uhr war ich wieder in der Kirche, diesmal zu einem besinnlichen Gottesdienst, den mein Kollege gehalten hat. Ich genieße diese Gottesdienste mit ihrer besonderen Atmosphäre.

Heute werde ich noch einen Gottesdienst halten, in dem wir viele Weihnachtslieder singen und in dem es auch um ein Weihnachtslied geht: „Es ist ein Ros entsprungen„.

Rogate-Frage: Was ist Weihnachten theologisch, kirchlich und persönlich für Sie?

Claudia Goede: Theologisch ist mir wichtig, dass Gott im Kleinen zu uns kommt, im Alltäglichen. Gott kommt zu Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Mitten in der Nacht, im Dunkeln entsteht Neues. Auch in der Schöpfung entsteht neues Leben im Dunkeln, auch in der hebräischen Bibel beginnt der neue Tag mit dem Abend, da wurde aus Abend und Morgen der erste Tag, heißt es da. „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht dunkel sein“, wird in einem modernen Lied gesungen. In einem Taize-Lied heißt es: „Inmitten unsrer Nacht entzünde ein Feuer, das nie mehr erlischt.“ Das hat für mich eine große symbolische Bedeutung.

Und drittens waren Joseph und Maria mit ihrem Kind darauf angewiesen, aufgenommen zu werden sowohl in Bethlehem als auch in auf ihrer Flucht nach Ägypten. Darum wird es in den Gottesdiensten, die ich halte, auch gehen – um Mitmenschlichkeit in Notsituationen und darauf, dass Jesus gleich zu Beginn seines Lebens mit auf die Flucht musste.

Rogate-Frage: Wie kam es zu dem Namen Ihrer Gemeinde beziehungsweise der Weihnachtskirche und wie lebt es sich damit? 

Claudia Goede: Die Weihnachtskirche sollte zu Weihnachten 1935 eröffnet werden. Sie wurde am Epiphaniastag 1936 eingeweiht – mit einer kleinen Verspätung- beim Namen blieb es trotzdem. Der Name ist ziemlich einmalig, es gibt nur noch eine Weihnachtskirche und die befindet sich in Bethlehem. Einmalig zu sein, ist doch nett.

Bis Anfang der 90er Jahre arbeiteten drei Pfarrer in der Weihnachtskirche. Dass sie auch als „Weihnachtsmänner“ tituliert wurden, gefiel ihnen allerdings wenig. Ich finde es dagegen nett, „Weihnachtsfrau“ genannt zu werden.

Manchmal frage ich Kinder nach ihren Ideen, warum wir Weihnachtskirche genannt werden. Sie meinen, dass unsere Kirche nur zu Weihnachten geöffnet hat. Doch das wäre recht wenig.

Rogate-Frage: Jede Woche gibt es bei Ihnen ein Weihnachtscafé. Erinnert irgendwie an die Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ von Heinrich Böll, oder?

Claudia Goede: Ein Techniker fragte neulich, ob bei uns wohl ständig Weihnachten sei. Nein, auch im Weihnachtscafé, das jeden Mittwoch stattfindet, gibt es nicht dauernd Stollen. Ehrenamtliche Frauen backen jede Woche andern Kuchen. In der Sommerzeit sitzen wir gerne im Garten und genießen die Sonne. Nein, auch in der Weihnachtskirche wird Weihnachten nur in der Weihnachtszeit gefeiert.

Rogate-Frage: Welche Themen haben Ihre Gemeinde und Sie in diesem Jahr besonders beschäftigt und worauf freuen Sie sich im kommenden Jahr?

Claudia Goede: Anfang des Jahres haben wir einen Imam in die Gemeinde eingeladen, um von ihm einen Vortrag über den Islam zu hören. Eigentlich wollten wir in den folgenden Monaten eine Moschee besuchen, aber das haben wir immer wieder verschoben.

Natürlich hat uns auch die Flüchtlingsthematik beschäftigt. Wir haben im Stadtteil gemeinsam mit dem Gemeinwesenverein Kleidung wie auch Spielzeug, Schulsachen, Schuhe und vieles andere mehr gesammelt, was jede Woche in ein Heim gefahren wurde. In Haselhorst soll im nächsten Jahr ein Flüchtlingsheim aufgebaut werden. Da werden wir auch Kontakte knüpfen.

Eine weitere Thematik war der Prozess Spandau 2020. Hier sollen mehrere Gemeinden in unserem Kirchenkreis eine Region bilden mit circa 10 000 Gemeindegliedern. Da Gemeinden nur noch in der Lage sind, Teilzeitstellen zu besetzen, können Gemeinden, die sich zusammentun, ganze Stellen besetzen. Damit kann verhindert werden, dass prekäre Arbeitsverhältnisse geschlossen werden. Der Prozess der Regionenbildung ist für unsere Gemeinde noch nicht abgeschlossen. Wir haben aber schon viele Gespräche mit unseren Nachbargemeinden geführt. Mit dem neuen Sollstellen 2016-2020 gehen Personal-Einsparungen einher. Keiner unserer Mitarbeitenden hat eine ganze Stelle bei uns. Unsere Sozialpädagogin mussten wir mit 50 Prozent abordnen. Sie arbeitet nun mit 50 Prozent in einem Beratungsladen für ausländische Frauen. Unser Haus- und Kirchwart hat auch nur noch eine halbe Stelle. Diese Einschnitte mussten wir erst einmal verkraften.

In diesem und im nächsten Jahr arbeitet ein Pfarrer in der Entsendung bei uns. Er hat viele neue Ideen eingebracht. Abendgebete, Bibelgesprächskreis, Abendgottesdienste kamen dazu. Das hat viel Spaß gemacht. Eine unserer Kitas wurde umgebaut, im Januar ist das hoffentlich überstanden und die Kita sieht hell und ansprechend aus.

Ich freue mich, im nächsten Jahr interreligiöse Gespräche weiter zu führen und mit meinem Kollegen zusammenzuarbeiten. Ich freue mich, die Weihnachtskirchengemeinde mit unserem kleinen Team der Weihnachtskirche, mit unserem Gemeindekirchenrat und mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch die Zeiten zu schippern. Ich freue mich auf viele Begegnungen und auf Gespräche über den Glauben.

Das ist ja das Schöne am Pfarrberuf, dass man vielen Menschen begegnet, etwas von ihrer Lebensgeschichte oder Lebensweise erfährt und gemeinsam mit anderen Gemeinde gestalten kann.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pfarrerin Goede, für das Gespräch und Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit!

Mehr über die Weihnachtskirchengemeinde Spandau finden Sie hier: ev-weihnachtskirche.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Kapelle der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Gottesdienstliche Winterpause bis zum 12. Januar
  • Dienstag, 12. Januar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, ohne Gesang/Musik
  • Dienstag, 19. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Dienstag, 26. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Sonntag, 31. Januar 16 | 10:00 Uhr, Predigtgottesdienst, in der Zwölf-Apostel-Kirche. Liturgie: Bruder Willehad Kaleb RGSM
  • Dienstag, 2. Februar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, mit Posaunenmusik
  • Dienstag, 9. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Dienstag, 16. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Dienstag, 23. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier.
  • Hier unser Monatsplan Dezember 15/Januar 16.

Fünf Fragen an: Pamela Hansen, Pastorin auf Helgoland

Pastorin Pamela Hansen (Foto: Hartmuth Schröder)

Fünf Freitagsfragen an Pamela Hansen, Pastorin auf Helgoland, über Frömmigkeit und Abenteuer auf der Hochseeinsel, den Unterschied zwischen Sommer und Winter in Ihrer Gemeinde und das Patronat von St. Nikolaus.

Pamela Hansen kommt aus Schleswig-Holstein, studierte Theologie an der Christian Albrechts Universität zu Kiel und engagiert sich für Gott und die Welt (im wahrsten Sinne des Wortes).

Rogate-Frage: Frau Pastorin Hansen, glaubt man an der See und auf einer Insel anders?

Pamela Hansen: Glaubensinhalte betreffend, denke ich, dass es hier nicht viel anders ist als auf dem Festland oder im Binnenland. Vielleicht gibt es ein etwas beharrlicheres Festhalten an bestimmten Sichtweisen, aber ansonsten sehe ich, wie gesagt, keinen Unterschied. Die Art und Weise, wie Glaube gelebt wird, hat in ein paar Dingen sicherlich eine eigene Prägung. Ich habe den Eindruck, dass hier noch stärker auf Traditionen Wert gelegt wird. Und die Seefahrt spielt natürlich immer eine Rolle, auch in Glaubensdingen. Mir fallen da die Votivschiffe ein, die in unserer Kirche hängen und die von Kapitänen gestiftete Zeichen des Dankes an Gott für Schutz oder die Rettung aus Seenot sind. Und diese Tradition lebt noch: Vor zwei Jahren erst haben wir ein neues Votivschiff bekommen, ein Modell des Bäderschiffes „Atlantis“.

Rogate-Frage: Hat das Leben auf einer Insel Auswirkungen auf die eigene Spiritualität und die Frömmigkeit der Gemeinde?

Pamela Hansen: Dass hier mehr gebetet wird, weil wir den Elementen so ausgesetzt sind, habe ich nicht erlebt.
Die Frömmigkeit hier scheint mir genauso viel oder wenig vorhanden zu sein wie auf dem Festland. Hier ist sie saisonbedingt nur anders aufgeteilt. Im Winter sehe ich mehr Insulaner im Gottesdienst und in anderen kirchlichen Veranstaltungen als im Sommer, weil dann Zeit dafür ist.
Ich habe bei mir selbst schon festgestellt, dass mich diese Insel zu mehr Spiritulität inspiriert. „Hier fühlt man sich dem Himmel irgendwie näher“, ist ein Satz, den ich hier häufiger höre, allerdings mehr von Feriengästen und Besuchern als von den Insulanern. Auch in mir finde ich dieses Gefühl wieder. Woran das aber genau liegt, kann ich gar nicht sagen. Vielleicht an den vielen ruhigen Orten, die trotz des Trubels, der hier manchmal herrscht, zu finden sind und die zur inneren Einkehr einladen. Es gibt so einige Stellen am Klippenrandweg, an denen ich auf meinen Spaziergängen mit dem Hund eine Pause einlege, aufs Meer schaue und ein stilles Gebet spreche. In der Praxis meiner Gemeindearbeit sieht es so aus, dass ich eine wöchentliche Taizé-Andacht und einen monatlichen Heilungssegen mit Salbung und Handauflegung im Sonntagsgottesdienst eingeführt habe. Besonders auf die Heilungsgottesdienste gibt es sehr positive Resonanz.

Rogate-Frage: Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Helgoland gezogen und was hat sich davon erfüllt?

Pamela Hansen: Ich hatte befürchtet, dass es mir zu eng werden würde auf so einer kleinen Insel. Als ich zum ersten persönlichen Vorstellugsgespräch hier war, dachte ich: „Meine Güte, die Insel ist doch kleiner, als ich dachte!“

Zu eng ist es mir bisher nicht geworden. Ich hatte gehofft, dass gerade durch den sehr begrenzten Raum mehr Nähe zu den Menschen hier möglich ist und es einen engeren Kontakt geben wird. Das hat sich bewahrheitet und ich genieße es sehr, dass hier alles viel weniger anonym ist. Das hat natürlich auch seine Schattenseiten. Als Pastor oder Pastorin lebt man ohnehin schon auf dem Präsentierteller und hier verstärkt sich das um ein Vielfaches. Das geht allerdings jedem so, der hier lebt, nicht nur den Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Jeder weiß von jedem immer alles. Das ist hier eben so und das kam für mich nicht wirklich überraschend. Was die gemeindliche Arbeit und auch mein Leben hier  betrifft, hatte ich eigentlich gar keine konkreten Erwartungen, sondern war einfach nur neugierig auf das, was ich vorfinden würde. Wenn man überhaupt von Erwartung sprechen kann, dann würde ich sagen: Ich hatte erwartet, dass es ein Abenteuer wird. Und das ist es! Und ich liebe es!

Rogate-Frage: Ihre Gemeindekirche trägt den Namen des Heiligen Nikolaus. Inwiefern hat diese Namensgebung und das Patronat dieses Heiligen Auswirkung auf die Gemeinde und Ihre Arbeit?

Pamela Hansen: Als Schutzpatron der Seefahrer ist der heilige Nikolaus durchaus sehr präsent in der Gemeinde. Da ist zum Beispiel unsere alljährliche Nikolausfeier, die am Vorabend zum Nikolaus, dem 5. Dezember, mit großem Programm für unsere Senioren und Patienten des Krankenhauses stattfindet. Am 5. Dezember gehen die Kinder hier auch „umlaufen“, was vergleichbar ist mit der Tradition des „Rummelpottlaufens“ oder das Umherziehen der Kinder an Halloween. Auch bei uns sind sie verkleidet, singen Nikolauslieder (oft sogar auf Helgoländisch) und sammeln Süßigkeiten ein.
Allerdings setze ich den Nikolaus und seine Geschichte nicht bewusst in meiner Arbeit ein. Er kommt immer mal wieder vor, einfach deshalb, weil sich hier viel um die Seefahrt dreht: es gibt viele Seebestattungen, es gibt einmal im Jahr einen Gottesdienst im Gedenken an die Seebestatteten, wir gedenken jährlich der auf See gebliebenen Besatzung des Seenotrettungskreuzers Adolph Bermpohl, ich habe guten Kontakt zu den Seenotrettern und habe immer wieder mit Kapitänen oder ehemaligen Kapitänen zu tun. Da taucht natürlich auch der Nikolaus thematisch und als Vorbild auf. Allerdings würde ich vermuten, dass es eigentlich anders herum ist:  Das durch die Seefahrt geprägte Gemeindeprofil hatte Auswirkungen auf die Namensgebung der Kirche.

Rogate-Frage: Wie gestaltet sich Ihr Arbeitstag? Gibt es zeitliche und organisatorische Unterschiede im Vergleich zu einem Pfarramt auf dem Festland?

Pamela Hansen: Zeitliche und organisatorische Unterschiede zum Festland gibt es auf jeden Fall. Ich kann mich nicht mal eben ins Auto setzen, um an einem Konvent der Pastorinnen und Pastoren, einem Kirchspieltreffen, einer Fortbildung oder einem Partnerschaftstreffen teilzunehmen oder andere dienstliche Termine wahrzunehmen. Wenn alles gut klappt, ist es für mich nur eine Tagesreise: Morgens mit dem Flugzeug aufs Festland, abends wieder zurück. Manchmal lässt es sich aber auch nicht vermeiden, dass ich über Nacht drüben bleiben muss. Mir ist es auch schon passiert, dass ich witterungsbedingt ein paar Tage auf dem Festland festsaß. Da musste dann mit Helgoland ganz viel per Telefonat oder SMS geregelt werden. Zum Glück gibt es die moderne Technik, die es mir ermöglicht per Videokonferenz dabei zu sein, wenn ich von Helgoland nicht wegkomme. Ich muss auch immer berücksichtigen, dass es mit der Post etwas länger dauert, die ja erstmal mit dem Schiff unterwegs ist. Da kann man gut einen Tag extra einplanen. Um Weihnachten hatten wir den Fall, dass tagelang keine Post kam, weil das Schiff wegen Sturm nicht fuhr. Da passiert es leicht, dass Fristen nicht eingehalten werden können. Eine Beisetzung musste ich auch schon kurzfristig verschieben, weil Urne und Angehörige wegen des schlechten Wetters Helgoland nicht erreichen konnten. Termine sind hier also nicht in Stein gemeißelt. Die werden ganz schnell mal über den Haufen geworfen.
Mein Arbeitstag sieht aber im Großen und Ganzen nicht viel anders aus, als der einer Pastorin auf dem Festland, nur dass ich etwas mehr organisieren und akribischer planen muss. Ich ertappe mich dabei, dass ich versuche, ganz viel vorzuarbeiten, so wie heute zum Beispiel, weil ich weiß, dass ich übermorgen den ganzen Tag unterwegs sein werde: Ein Festlandstermin steht an.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Hansen, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: kirche-helgoland.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 25. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 27. August 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 1. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, anschließend Rogate-Abend zum Monat der Diakonie “Geschlechtsanpassung, wie? Schritte in ein neues Leben” zum Thema der Behandlung transidenter Menschen, mit Dr. Sascha Bull, leitender Oberarzt der Abteilung Plastische und Handchirurgie in der Evangelischen Elisabeth Klinik der Paul-Gerhardt-Diakonie.
  • Donnerstag, 3. September 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (jeden Donnerstag im Sept.)
  • Sonnabend, 5. September 15 | 14:00 Uhr, Führung mit der Hamburger Fotografin Kathrin Stahl durch die Ausstellung “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”, ein Foto- und Textprojekt-Engagement über und für transidente Menschen. Eine Veranstaltung zum Monat der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz​. Die Ausstellung ist bis zum 13. September sonnabends, zwischen 11:00 und 15:00 Uhr, während der “Offenen Kirche” sowie vor und nach den Gottesdiensten zu sehen.
  • Dienstag, 8. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, anschließend (ca. 19:45 Uhr) Rogate-Abend zum Monat der Diakonie: “Alkohol– und Medikamentenabhängigkeit erkennen und Angehörigen helfen“. Mit Dipl.-Sozialpädagogin Anja Wenzel-Otto, Notdienst Berlin e.V.
  • Den Fördervereinsflyer finden Sie hier. Unseren August-Plan finden Sie hier. Unseren September-Flyer finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Manfred Gailus, Zentrum für Antisemtismusforschung an der TU Berlin

Fünf Freitagsfragen an Manfred Gailus, außerplanmäßiger Professor im Zentrum für Antisemtismusforschung an der TU Berlin, über die Anfälligkeit der Protestanten für den Nationalsozialismus, eine „Synagoge am Nollendorfplatz“ und ihre gespaltene Gemeinde.

MANFRED GAILUSManfred Gailus, geboren in Winsen/Luhe (Niedersachsen), studierte Geschichtswissenschaft und Politischen Wissenschaften an der FU Berlin. 1988 Promotion zum Dr. phil. an der TU Berlin. 1999 ebenda Habilitation. Seine Forschungsschwerpunkte sind:  Sozialer Protest und soziale Bewegungen, Politik- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Geschichte des Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert, Protestantismus und Nationalsozialismus, Antijudaismus und Antisemitismus sowie Religionsgeschichte im 20. Jahrhundert.

Rogate-Frage: Herr Professor Gailus, was machte die Protestanten so anfällig für die Ideologie der Nationalsozialisten und warum haben bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 in fast allen Kirchengemeinden die „Deutschen Christen“ (DC) die Mehrheit gewonnen?

Manfred Gailus: Die große Anfälligkeit der Protestanten resultierte vor allem aus ihrer starken Neigung zum Nationalismus; spätestens im Ersten Weltkrieg war ein großdeutscher Nationalismus zur zweiten, politischen Religion der deutschen Protestanten geworden. Das Völkische empfanden sie als sehr attraktiv, dort schlossen sie sich an. Gegen Ende der Weimarer Republik gingen dann die protestantischen Optionen von der stark schrumpfenden DNVP zur NSDAP über. Das Jahr 1933 empfanden sie als eine religiös-politische Erweckung und fügten sich vielfach freudig ein in den „nationalen Aufbruch“.

Rogate-Frage: Große Teile der Berliner Pfarrerschaft wollten eine völkische Umwandlung. Was hat die Mehrheit der evangelischen Pfarrer der Berliner Kirche dazu getrieben? Und warum waren römisch-katholische Priester weniger anfällig für diese Ideologie?

Manfred Gailus: Was generell für die Protestanten zutraf, das lässt sich allemal für die evangelischen Theologen, die Pfarrer, sagen. Als Deutsche Christen waren sie auf doppelte Weise gläubig – Christen waren sie und wollten sie bleiben, zugleich glaubten sie an Hitler und den Nationalsozialismus als wahre Erlösung der leidgeprüften Deutschen. Katholiken, insbesondere Priester, waren Bestandteil der von Rom aus geleiteten, übernationalen Weltkirche. Politischer Nationalismus hatte hier wenig Geltung. In der streng hierarchisch aufgebauten katholischen Kirche konnte sich eine Massenbewegung wie die Deutschen Christen nicht ausbreiten. Es gab zwar auch einige „braune Priester“, aber im Vergleich mit den Protestanten blieb ihr Anteil verschwindend gering. Das schloss nicht aus, dass in rein katholischen Regionen wie Süd- und Südwestdeutschland die katholische Bevölkerung ebenfalls weitgehend am NS teilnahm und mitmachte, siehe München!

Rogate-Frage: Die Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche wurde in Nazi-Kreisen auch „Synagoge am Nollendorfplatz“ genannt. Warum?

Manfred Gailus: Dieser Name resultierte aus dem Wirken von Pfarrer Adolf Kurtz und seiner „nichtarischen“ Ehefrau; sie zeigten viel Zuwendung gegenüber den Verfolgten, so dass das Pfarrhaus Kurtz für ganz Berlin den Ruf erhielt: hier erhalten Juden und andere „Nichtarische“ Hilfe. Es lassen sich eine Reihe von Beispielen für diese Hilfe aufzählen, das wird Hartmut Ludwig in seinem Vortrag sicher berichtet haben. „Synagoge am Nollendorfplatz“ war für die Nazis ein herabwürdigender Spottbegriff, um diese – in ihren Augen unerwünschten – Tätigkeiten zu denunzieren.

Rogate-Frage: Sie sagten in einem Vortrag, dass es sich bei Zwölf-Apostel um eine „gespaltene Gemeinde“ handelte. Wie war es möglich, dass überhaupt Widerstand deutlich wurde. Wie konnte man im Nationalsozialismus in dieser Kirchengemeinde offen streiten, wo doch der Staat auf der Seite der Deutschen Christen stand?

Manfred Gailus: „Gespaltene Gemeinde“ war die Gemeinde, weil die zwei Richtungen – Deutsche Christen und Bekennende Kirche (BK) – hier präsent waren und gegeneinander um Geltung und Vorherrschaft stritten. Die Haltung der BK bedeutete nicht Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern Opposition in der Kirche gegen den Machtanspruch der Deutschen Christen, die man als Häretiker, als Irrlehrer, ansah. Gespalten war auch das evangelische Berlin insgesamt durch diesen Kirchenstreit, so dass die Verhältnisse der Zwölf-Apostel-Gemeinde das Geschehen in der Reichshauptstadt insgesamt widerspiegeln.

Rogate-Frage: Sie beschreiben die Sicht der meisten Protestanten kurz vor dem Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 so: „Verbreitete Ängste vor Überfremdung, vor den Folgen angeblich schrankenloser Freiheit und Verweltlichung, vor dem Verfall von Glaube, Moral und Sitte, eine drohende Vorherrschaft der so genannten „Gottlosen“ – alles dies gehörte zu den Grundmustern konservativ-kirchlicher Wahrnehmung in einer dynamischen Metropole wie Berlin um 1930.“ Inwiefern ist diese Sicht nicht auch ähnlich mit dem Weltbild von christlichen Fundamentalisten, Populisten und Protestwählern unserer Tage?

Manfred Gailus: Ja, manche Ähnlichkeiten könnte man wohl sehen, aber heute sind es doch Minoritäten, kleinere Gruppen, die sich so stark von Überfremdung, Säkularisierung et cetera bedroht fühlen. Um 1930 dachte die gesamte Kirche – von wenigen Ausnahmen abgesehen – so oder ähnlich. Heute haben wir – Gott sei Dank – eine ganz andere Kirche. Sie macht nicht bei Pegida mit, sondern stellt sich mit anderen gegen Pegida und gegen die gefährlichen Ressentiments, die durch solche aktuellen Bewegungen bedient werden.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Gailus, für das Gespräch!

Weitere Informationen: Zentrum für Antisemtismusforschung an der TU Berlin sowie über Manfred Gailus hier: manfred-gailus.de.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 24. März 15 | 19:00 Uhr, Vesper. Wir beten für die Opfer des Absturzes von 4U9525‬ und ihre Angehörigen. Später dann unser Bibelgespräch.
  • Donnerstag, 26. März 15 | 20:30 Uhr, Meditative Passionsandacht, in der Kapelle
  • Sonnabend, 28. März 2015 | 18:00 Uhr, ökumenische Vesper in der Kirche, mit der Alt-katholischen Gemeinde
  • Sonntag Palmarum, 29. März 15 | 10:00 Uhr, Gottesdienst in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße)
  • Unseren März-Plan finden Sie hier. Den April-Plan hier.

Fünf Fragen an: Sieghard Wilm, Pastor in Hamburg-St. Pauli

Fünf Freitagsfragen an Pastor Sieghard Wilm über Nothilfe für Flüchtlinge aus Afrika, Kirche im sozialen Brennpunkt und die Sehnsucht nach Stille mitten auf St. Pauli in Hamburg.

Pastor Sieghard WilmSieghard Wilm ist seit 2002 Pastor in Hamburg-St. Pauli. 1965 in Bad Segeberg geboren, studierte er in Heidelberg, Accra/Ghana und Hamburg Ev. Theologie und Ethnologie. Er ist Landessynodaler der Nordkirche und wurde 2014 für sein Engagement in der Flüchtlingsarbeit mit dem „Helmut-Frenz-Preis für Mitmenschlichkeit“ ausgezeichnet.

Rogate-Frage: Herr Pastor Wilm, Ihre St. Pauli-Kirchengemeinde und Sie wurden bundesweit durch die humanitäre Nothilfe für afrikanische Flüchtlinge bekannt. Wie ist es zu dieser Maßnahme gekommen?

Sieghard Wilm: Es war die unmittelbare Not der Menschen, die vor unserer Kirchentür standen: Nässe und Kälte ausgesetzt, hustend und hungrig, müde und schutzlos.

Es ist eigentlich so einfach und naheliegend, die Kirche für die Flüchtlinge zu öffnen. Ich bin meinem Herzen gefolgt – aber natürlich habe ich mich mit dem Kirchengemeinderat abgestimmt.

Rogate-Frage: Über Wochen hinweg haben Sie mit den Flüchtlingen gelebt und Sie unterstützt. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Sieghard Wilm: Ein halbes Jahr war unsere Kirche 24 Stunden am Tag geöffnet – im Oktober bekamen wir dann endlich die Genehmigung für die Container des Winternotprogramms. Diese Maßnahme endete am 2. Juni, ein Jahr nachdem wir die Nothilfe begonnen hatten. Ich habe gelernt, dass es gut ist, eine Sache anzufangen von der ich überzeugt bin – auch wenn ich nicht überblicken kann, ob alles gut gehen wird. In diesem Moment des Kontrollverlusts steckt die schönste Gotteserfahrung. Wir haben improvisiert im freien Fall und immer wieder erfahren, dass wir getragen werden.

Rogate-Frage: Hat sich für die Kirchengemeinde etwas verändert? Was ist heute anders in der St. Pauli-Gemeinde?

Sieghard Wilm: Die Hilfe ist noch nicht beendet, aber mittlerweile strukturiert und verstetigt. Wir sind noch am Sortieren, was das für uns hier vor Ort bedeutet. Als Kirche im sozialen Brennpunkt wird Flucht und Migration für uns weiterhin ein wichtiges Thema sein.

Wir haben viele Ehrenamtliche gewonnen und sind deutlich mehr geworden in den Gottesdiensten.

Rogate-Frage: Sie legen großen Wert darauf, dass es kein Kirchenasyl war. Worin liegt der Unterschied?

Sieghard Wilm: Kirchenasyl ist eine Möglichkeit, um einem Menschen zu helfen, dessen rechtliche Lage schon geklärt ist. Hier gilt es dann, Zeit zu gewinnen, um Rechtsmittel einlegen zu können. Die Flüchtlinge, die zu uns kamen, sind keine Asylantragssteller. Ihre grundsätzliche Schutzbedürftigkeit ist schon von der italienischen Republik festgestellt worden.

Rogate-Frage: Hat sich Ihre eigene Spiritualität durch die Nothilfe verändert? Wenn ja, wie?

Sieghard Wilm: Wir haben ja ein sehr lautes Jahr erlebt – da entsteht schon eine tiefe Sehnsucht nach Stille. Aktion und Kontemplation muss immer wieder eine Balance finden. Wir bitten: Gott segne unser Tun und unser Lassen. Gerade den Engagierten rate ich, nicht heißzulaufen im Einsatz für andere und dann auszubrennen. Das Lassen will genauso gesegnet werden.

Und noch etwas: Wir sind immer so schön strukturiert und durchorganisiert. Etwas mehr Gottvertrauen, dass sich der heilige Geist auch im Chaos zurechtfindet würde uns alle von Zwanghaftigkeit erlösen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pastor Wilm!

Mehr über die St. Pauli-Kirchengemeinde hier: stpaulikirche.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de. Dabei auch ein Gespräch mit Pastorin Fanny Dethloff, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche, über humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen, Asyl in der Kirche und die Bibel als Buch der Migranten.

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Sonnabend, 9. August 2014, 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuen-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Orgel: Malte Mevissen
  • Dienstag, 12. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 14. August 14 |19:30 Uhr, Konventsamt
  • Dienstag, 19. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Unseren August-Plan finden Sie hier.