Fotoausstellung in der Thomaskirche Neuengroden ab 5. Januar

2019 01 05 Einladung Thomaskirche

Ankündigung Ausstellung in der Thomaskirche Neuengroden

Am 5. Januar 2019 eröffnet die Foto-Ausstellung „Glaube, Liebe, Hoffnung. (M)eine Sicht auf Wilhelmshaven“ in der Thomaskirche Neuengroden. Das integrative Bilderprojekt geht der Frage nach, wie Menschen auf die Jadestadt und ihre zum Teil neue Heimat sehen und leben.

Mit Einmalkameras machten sich zwanzig Personen auf den Weg durch Parks, zum Strand und in die Einkaufszonen. Sie suchten sich Orte aus, die sie in dieser Ausstellung teilen wollten. Die Bilder zeigen, was den Einzelnen wichtig ist und was sie mögen. Wie blicken nach Wilhelmshaven Geflüchtete auf die Stadt? Gibt es Unterschiede zu den hier schon länger lebenden Menschen? Die Aufnahmen zeigen u.a. Momentaufnahmen aus Tonndeich, der Südbar, dem Nassauhafen oder Bant.

Die Ausstellung wird im Januar in der Thomaskirche, Grohstraße 9, gezeigt und am Sonnabend, 5. Januar, 17 Uhr, durch Pastor Dietrich Schneider eröffnet. Weitere Öffnungszeiten sind nach den Gemeindegottesdiensten sowie sonnabends zwischen 15:00 und 17:00 Uhr.

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Nassaubrücke in Wilhelmshaven (Foto: Marianne Janss)

Mit Unterstützung der Nordwest-Zeitung, der Diakonie Friesland-Wilhelmshaven, der Agentur Nolte Kommunikation und dem Rogate-Kloster Sankt Michael konnte das Fotoprojekt „Glaube, Liebe, Hoffnung. (M)eine Sicht auf Wilhelmshaven“ realisiert werden. Als Schirmherr wurde der in Wilhelmshaven geborene Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, gewonnen. Wieland über das Projekt: „“Wir können keinem der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, die Heimat ersetzen. Aber wir können gemeinsam dazu beitragen, dass sie sich bei uns willkommen – und vielleicht sogar ein bisschen zuhause fühlen.“

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten:

  • Sonntag, 26. Mai 2019|10:00 Uhr, Eucharistie am Sonntag Rogate. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Mittwoch, 10. Juli 2019|19:00 Uhr, Politikerkanzel: „Was mich treibt?“, Ort: Banter Kirche, Werftstr. 75, Wilhelmshaven-Bant. Bus-Line 2, Haltestelle „Banter Kirche“.

Foto-Ausstellung „Glaube, Liebe, Hoffnung. (M)eine Sicht auf Wilhelmshaven.“ ab dem 1. Advent

RogateKl_Postkarte A6 hoch_Wanderausstellung_151118-2Viele Menschen, die als Geflüchtete nach Wilhelmshaven kamen, haben in der Jadestadt ein neues Zuhause gefunden. Nordseestadt und Küstenregion sind ihnen zur Heimat geworden, in der sie sich eine neue Lebenswelt aufgebaut haben und diese gestalten. Doch mit welchem Blick sehen die Neubürger ihre neue Umgebung und wie nehmen sie die Stadt am Meer wahr? Gibt es Unterschiede zu Wilhelmshavenern, die vor Ort schon lange leben?

Die Flüchtlingsarbeit des Kirchenkreises Friesland-Wilhelmshaven entwickelte aus dieser Idee ein Fotoprojekt. Mit Unterstützung der Nordwest-Zeitung, der Diakonie Friesland-Wilhelmshaven, der Agentur Nolte Kommunikation und des Rogate-Klosters Sankt Michael konnte das Fotoprojekt „Glaube, Liebe, Hoffnung. (M)eine Sicht auf Wilhelmshaven“ realisiert werden. Als Schirmherr wurde der in Wilhelmshaven geborene Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, gewonnen.

Zehn geflüchtete und zehn in Wilhelmshaven geborene oder schon länger lebende Menschen wurden gebeten, ihre Sicht auf die Stadt festzuhalten. Mit Einmalkameras machten sie sich auf den Weg und schauten, welche Orte sie in dieser Ausstellung teilen wollen. Die Bilder sollen zeigen, was den Menschen wichtig ist – wie sie ihre Stadt sehen und was sie mögen. Die Aufnahmen zeigen u.a. Momentaufnahmen aus den Stadtteilen, vom Strand und Alltagsleben.

Die Ausstellung wird in der Friedenskirche erstmalig gezeigt und im Gemeindegottesdienst zum 1. Advent, am 2. Dezember, 10 Uhr, durch Pastor Kai Wessels eröffnet. Weitere Öffnungszeiten sind ab dem 3. Dezember von Montags bis Freitags von 9:00 bis 12:00 und von 14:00 bis 16:00 Uhr.

Mitte Dezember endet die Ausstellung in Fedderwardergroden. In Wilhelmshaven-Neuengroden ist sie dann in der Thomaskirche ab dem 5. Januar zu sehen.

 

Zehn Reden für die Stadt: Mittwoch spricht Florian Wiese

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Florian Wiese (Bild: Rogate-Kloster)

Am Mittwoch, 1. August, wird Ratsherr Florian Wiese, eine „Rede für die Stadt“ in der Citykirche Wilhelmshaven, Am Kirchplatz 1, halten.

„Endstation oder Hoffnungsregion Jadebusen?“ fragt sich der Kommunalpolitiker. Der 23jährige gehört seit November 2016 dem Wilhelmshavener Stadtrat an. Mit seinem Redebeitrag will der Buchhändler Mut machen, die Zukunft der Stadt Wilhelmshaven mitzugestalten. Wichtig ist ihm dabei, weniger in Stadtgrenzen, sondern „vielmehr überregional“ zu denken und zu handeln.

„Es geht darum, Stadt und Region zu stärken und Impulse zu geben. Gerade junge Menschen, die in der Regel nach ihrem Schulabschluss wegziehen, müssen wir Perspektiven bieten“, sagt der gebürtige Wilhelmshavener. „Bloß weg hier“ ist dabei ein Satz, den er überhaupt nicht leiden kann. Der Kontakt zu kreativen und engagierten Menschen bestärken ihn darin, anzupacken und eine Vision aufzuzeigen. Kreativität sei dabei eine „große Chance und keine Bedrohung“ für die Stadt, so der zweitjüngste Redner der Impulsreihe. Für eine neue Offenheit in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft für Veränderungen möchte er werben.

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Der Abend ist Teil der Sommerreihe „Zehn Reden für die Stadt“ zum 150jährigen Stadtjubiläum Wilhelmshavens. Sie werden veranstaltet vom Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, der Citykirche Wilhelmshaven (Christus- und Garnisonkirche) und vom Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin. Bruder Franziskus vom Rogate-Kloster lebt in der Jadestadt und war Ideengeber für die Reihe. Er hält die Andacht, die den halbstündigen Vortrag umrahmt. Die Orgel spielt Stadtkantor Markus Nitt. Beginn aller Reden ist jeweils um 19:00 Uhr.

Der Eintritt ist frei. Am Ausgang wird eine Kollekte für die Stiftung „Diakonie am Meer“ gesammelt, die innovative soziale und kirchliche Projekte in Friesland-Wilhelmshaven initiert und durchführt.

Die noch folgenden „Reden für die Stadt“ und die Region Friesland-Wilhelmshaven:

  • Mittwoch, 8. August, Ratsherr Martin Ehlers, Stadt Wilhelmshaven. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt.
  • Montag, 13. August, Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, Birgit Honé, Hannover. Orgel: Florian Bargen.
  • Dienstag, 21. August, Diakonie-Präsident Ulrich Lilie, Berlin. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Anschließend WohnzimmerXXL-Konzert mit Majanko, Soziales Kaufhaus, Banter Weg 12a, Wilhelmshaven-Bant.

Fünf Fragen an: Regisseurin Tatjana Rese, Regisseurin und Autorin

Fünf Freitagsfragen an Tatjana Rese, Regisseurin und Autorin, über Martin Luther als „Rebel wider Willen“, über den kulturellen Hintergrund unseres Lebens und das Verhältnis des Reformators zum Teufel.

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Tatjana Rese (Bild: privat)

Die Berlinerin Tatjana Rese studierte Germanistik an der Humboldt-Universität und verschrieb sich dann dem Theater. Als Schauspieldirektorin führte sie ihr Weg nach Schwedt, Esslingen, Braunschweig und Detmold. Sie inszeniert im Bereich Schauspiel, Kabarett, Oper und Musical. Rese verfasste Bühnenbearbeitungen von Film, Roman und Märchen und realisierte eigene Musicals und Revuen, unter anderem in Leipzig, Konstanz, Eisenach und Wilhelmshaven. In ihrer Heimatstadt arbeitet sie für das Kabarett „Die Stachelschweine“ und engagiert sich seit vielen Jahren für das „Opernfestival Schloss Britz„.

Rogate-Frage: Frau Rese, Martin Luther beschäftigt Sie schon länger. Warum?

Tatjana Rese: Obgleich ich persönlich nicht konfessionell gebunden bin, sehe ich den christlichen Glauben als kulturellen Hintergrund unseres Lebens. Besonders das reformatorische Gedankengut beeinflußt uns alle bis heute, prägt unser Denken und Handeln, strukturiert den Alltag. Das zentrale Werk Luthers, seine deutsche Übersetzung der Bibel, ist seit Jahrhunderten Quelle für künstlerisches Schaffen, in der Malerei, in der Literatur, auf dem Theater. Diese Ur-Bilder lassen uns nicht los und wir schöpfen aus ihnen.

Aus diesem grundsätzlichen Interesse entstand die Spurensuche, die, zugegebenermaßen, durch die Lutherdekade forciert wurde. Inzwischen habe ich mich in das Thema soweit eingearbeitet, dass noch ein Luther-Krimi entstanden ist. Der historische Krimi „Freies Geleit für Martin Luther“ erscheint im März 2017 im Buchhandel. Hier beschäftigt uns, den Autor Matthias Eckoldt und mich, ein fiktiver Kriminalfall, in den Luther während des berühmten Reichstages 1521 in Worms verwickelt wird.

Ja, irgendwie komme ich von dem Mann wohl nicht mehr los.

Rogate-Frage: Welche Herausforderungen verbinden Sie als Regisseurin mit „LUTHER! – REBELL WIDER WILLEN“?

Tatjana Rese: Ich bin bei diesem Projekt in der besonderen Lage, sowohl Autorin als auch Regisseurin zu sein. Und in beiden Rollen interessiert mich der Mensch Luther in Konfrontation mit seiner Zeit.

Das Anachronistische der Persönlichkeit fasziniert mich: Ein Mann, noch tief verhaftet im Mittelalter, macht sich auf den Weg in eine neue Zeit und wird wider Willen zur Gallionsfigur theologischer und sozialer Umbrüche. Dabei ist er selbst eine äußerst zerrissene Persönlichkeit. Kämpfer und Zauderer, ein Protestler, der obrigkeitstreu bleibt. Er schreibt gegen den Papst an, redet dem deutschen Adel ins Gewissen, will den gütigen Gott für alle und wütet dann gegen die aufständischen Bauern. Die Untertanen werden von ihm zum Gehorsam verdonnert, sie sollen Gewalt und Unrecht schweigend erdulden.

Vor allem jedoch ist es die ungeheuerliche Zeitenwende in der Luther agiert, die das Thema für uns heute so greifbar und nachvollziehbar macht: Eine Welt die aus den Fugen ist. Eine Welt, in der viele Menschen nach Halt und Orientierung suchen. Die Zeilen des Songs des Schriftgießers Stephan, den er ganz am Schluss des Oratoriums singt, sind meine persönlichste Botschaft:

Die innre Stimme soll den Weg
Für unser Leben nennen.
Und keine irdisch‘ Macht verhüt‘,
Dass wir sie hören können.
Ganz aus dem Metrum ist die Welt,
Sie droht uns zu verschlingen.
Des Herzen Takt, das inner Maß
Nur kann uns Freiheit bringen.

Rogate-Frage: Was macht ein „Rock-Oratorium“ aus? Ist „Luther“ nicht eher ein Musical?

Tatjana Rese: Der Komponist Erich Adalbert Radke und ich haben 2013 ein Auftragswerk für das Theater Eisenach geschrieben und auf Wunsch des Hauses sollte es die Form eines populären Genres haben, so ist unser Musical entstanden, das ab Mai bis Juli 2017 wieder im Spielplan des Theaters Eisenach ist. Der Form des Musicals folgend gibt es ein Orchester, große Ballettszenen und ein sehr opulentes Bühnenbild einschließlich Videoperformance.

Das Theater Wilhelmshaven wünschte sich eine kleinere Form. So haben wir das Material nochmals bewegt und umgeschrieben, für eine Rock-Band, zehn Sänger und einen Chor. Das Format des Oratoriums schien uns dafür besonders geeignet: ein Erzähler führt durch die Geschichte, die sehr emtional durch Arien, Duette, Terzette, Quartette gestaltet wird, ein Chor reflektiert das Geschehen. Die Rockmusik ist eine moderne wie auch archaische Musik, die den Bogen von der Musik der Lutherzeit ins Heute wunderbar schlagen kann.

Rogate-Frage: Warum führen Sie das Stück ausschließlich in Kirchen auf und welche Wirkung haben die Sakralräume auf das Stück, die Darsteller und das Publikum?

Tatjana Rese: Die Kirche ist die Heimat des Oratoriums. Dort kommt diese Musikform ursprünglich her. Hierhin wollten wir mit diesem modernen Oratorium zurückkehren. Dabei entstand die Idee, den Chor aus Sängerinnen und Sängern aus der Region zu formen. So ist es in der Tat die Gemeinde, die bei der Aufführung mitwirkt. Und schließlich geht es Luther ja vor allem um die Auseinandersetzung mit der Kirche.

Die Kirchenhäuser sind geschichtsträchtige Orte. Ihre Mauern beherbergen viele Schicksale, oft über Jahrhunderte. Diesen Geruch atmet man bei den Proben und Vorstellungen mit ein. Die christlichen Gotteshäuser mit einer modern erzählten Geschichte zu konfrontieren, ist ein sehr sinnlicher Prozess.

Die besondere und streitbare Geschichte der Christus- und Garnisionskirche in Wilhelmshaven, mit der das Theater kooperiert und in der unsere Premiere stattfand, hat mich sehr bewegt; sie erzählt heute noch von den Kriegen und Schlachten, die wir zu Unrecht geschlagen haben. Für das Publikum ist die Aufführung, hoffe ich, an so authentischen Orten ein besonderes Erlebnis.

Rogate-Frage: Im Stück werden der Teufel und Johann Tetzel mit Attributen darstellt, die vermuten lassen, sie seien schwul oder trans*. So werden gleichgeschlechtliche Sexpraktiken zwischen Satan und dem Dominikaner angedeutet und genannt. Welches Ziel wird in der Inszenierung und beim Publikum damit verfolgt?

Tatjana Rese: Ehrlich gesagt, das Thema hat uns eigentlich gar nicht interessiert.

Aber wenn dieser Eindruck entstehen sollte, dann versuche ich ihn mir zu erklären: Der Anmutung des Homoerotischen entsteht vielleicht dadurch, dass der Teufel Luther in unserem Oratorium im wahrsten Sinne des Wortes ständig im Nacken sitzt. Mitunter scheint es, als gingen die beiden eine körperliche Symbiose ein. Das ist für mich eine Metapher für den inneren Kampf gegen das Böse, den die Figur führt.

Luther selbst hatte offensichtlich, viele Schriften und Briefe belegen das, eine sehr persönliche Beziehung zum Teufel, der ihn lebenslang zu verfolgen schien.

In unserer Aufführung erscheint der Teufel mitunter in geborgten Gewand, so in einer großen Marktszene als Ablaßhändler Tetzel. Das ist eine Verführungsszene. Der Teufel will die Leute zum Geldausgeben verführen um sich von ihren Sünden freizukaufen. Dabei ist ihm jedes Mittel recht und er holt mit dem „Tanz des Mammon“ zur großen Showeinlage aus. Mit seinem Kompagnon Jahnn Zacke veranstaltet er einen anzüglichen, von fleischlicher Lust getrieben Tanz, um die Leute aufzugeilen. Seine Sprache ist schnodderig und heutig. Den „Tanz ums goldene Kalb“ tanzen wir alle doch fast täglich, oder?

Rogate: Vielen Dank, Frau Rese, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Fünf Fragen an: Gulya Sultanova, russische Menschenrechtlerin und Filmfestival-Organisatorin

Fünf Freitagsfragen an Gulya Sultanova, russische Menschenrechtlerin und Organisatorin von Filmfestivals, über die aktuelle Lage der Zivilgesellschaft unter Präsident Wladimir Putin, ein religionsoffenes, demokratieförderndes Filmfestival und die bedrohliche Situation für LGBT im Land.

Gulya Sultanova (Foto: Luba Kozorezova)

Gulya Sultanova studierte in St. Petersburg Germanistik und arbeitete lange Zeit als Übersetzerin und Dolmetscherin, dann als Organisatorin von interkulturellen Schüleraustauschprogrammen zwischen Russland und Deutschland.
Sie setzt sich für die Rechte der Lesben und Schwulen in Russland ein, nimmt an Demonstrationen teil, veranstaltet Aufklärungsseminare und Kultur-Events. Seit Oktober 2008 unterstützt sie das erste russische lesbisch-schwule Filmfestival Side by Side (in russischer Sprache: bok-o-bok.ru).

Rogate-Frage: Frau Sultanova, Sie organisieren in St. Petersburg und anderen russischen Städten das Filmfestival Bok o Bok (Side by Side). Wie kam es dazu und welche Schwerpunkte setzen Sie?

Gulya Sultanova: Das LGBT-Filmfestival „Side by Side“, russisch „Bok o Bok“, wurde 2008 von Manny de Guerre gegründet. Das Ziel des Filmfestivals ist es, einen kulturellen Raum zu schaffen, in dem LGBT-Themen diskutiert werden kӧnnen. Das Filmfestival schafft einen Dialog mit der breiten Öffentlichkeit und unterstützt die russische LGBT-Community in ihrem Kampf für die kulturelle, soziale und rechtliche Akzeptanz in der Gesellschaft.

Im Jahre 2008, als Side by Side gegründet wurde, gab es in Russland kaum andere LGBT-Initiativen oder Organisationen: Homosexuelle und Transmenschen trafen sich in Gay Clubs, und das war es. Außer des Versuches, die Gay-Pride-Demo in Moskau zu organisieren, die jedes Jahr verboten und sehr negativ beladen worden war, gab es keine öffentlichen Events, die LGBT-Menschen und ihre Lage in Russland thematisiert hätten.

Gerade in einer solchen Situation war und bleibt bis jetzt ein Filmfestival von enorm grosser Bedeutung als Anlaufstelle, Informationsquelle, Kultur-Event und politischer Akt zugleich.

Rogate-Frage: Im Programm des Festivals fällt auf, dass Sie jeweils auch einen religiösen Film zeigen. Warum? Und welche Erfahrung machen Sie damit?

Gulya Sultanova: Side by Side zeigt LGBT-Filme über unterschiedliche Themen: erste Liebe, Coming Out, Geschlechtsidentität, Akzeptanz im Familien- und Freundeskreis, Familien mit Kindern, Gewalt, Diskriminierung, Migration und viele andere. Das Thema der Religion ist natürlich sehr wichtig für uns: unter LGBTs gibt es nicht weniger gläubige Menschen als in der heterosexuellen Welt, nur wird unsere Community oft auch im Gotteshaus diskriminiert, beschimpft, erniedrigt und ausgestossen, was Millionen Menschen starke seelische Schmerzen bereitet.

Mit der Vorführung des grossartigen Animationsfilmes “Fish out of Water” und des wunderbaren Spielfilmes “In the Name of…” wollten wir der Minderheit in der Minderheit – den Gläubigen – den Freiraum zur Diskussion und Stärkung geben. Die beiden Filme sind sehr gut wahrgenommen worden und die Diskussionen danach zählen zu den Höhenpunkten unseres Filmfestivals – so tief, lebhaft und inspirierend waren sie.

Rogate-Frage: In den vergangenen Jahren wurden Sie und das Festival bedrängt und bedroht. Manche Veranstaltung musste abgesagt werden. Side by Side wurde verklagt. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Behörden gemacht? 

Gulya Sultanova: Wir hatten ja von Anfang an Schwierigkeiten mit Behörden: im Jahre 2008 wurde auf drei Veranstaltungsorte politischer Druck ausgeübt, um Side by Side zu stoppen. Zuerst auf das staatliche Kino („Dom Kino“ im Zentrum der Stadt), dann auf das private Kino „Pik“ und dann auf kleinere alternative Räumlichkeiten – Musikklubs, die das Festival für Veranstaltungen in ihre Räume aufnehmen wollten. So, kann man sagen, sind wir gewohnt an Schwierigkeiten solcher Art mit Behörden. Trotzdem konnten wir in der kommenden Zeit von 2008 bis 2011 das Festival in St. Petersburg und anderen Städten Russlands etablieren.

Hauptprobleme kamen dann im Jahre 2011 mit dem Start des Hass-Kampagne gegen die LGBT-Community zuerst in St. Petersburg, dann in ganz Russland. Die Organisation wurde angeklagt als “ausländischer Agent”, während der Filmveranstaltungen 2013 gab es fünf Bombendrohungen, es kamen Provokationen der verschiedener Politiker, die Minderjährige und den Jugendschutz nutzen wollten, um das Filmfestival wegen der “Propaganda” anzuklagen. Zu diesem Zeitpunkt waren aber viele Journalisten völlig auf unserer Seite, beleuchteten all die Ereignisse sehr gut und führten sogar journalistische Recherchen über die Situation durch, so dass diese Politiker uns nicht mehr angreifen konnten.

Rogate-Frage: Wie hat sich die Lage in den vergangenen Monaten verändert? Wie geht es den russischen Nichtregierungsorganisationen (NGO) und den Aktivisten, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen? Wie diskutiert die russische Gesellschaft die Entwicklung?

Gulya Sultanova: Die Zivilgesellschaft in Russland wird mit jedem Monat schwächer: 70 Nichtregierungsorganisationen wurden mittlerweile in die Liste der “ausländischen Agenten” eingetragen. Wir, Side by Side, haben den gemeinnützigen Verein 2013 zugemacht und arbeiten weiter als GmbH, deshalb konnten wir diese Schicksal vermeiden. Die meisten von diesen 70 NGOs sind im Prozess der Liquidierung, die anderen kämpfen in Gerichten. Einzelne Aktivistinnen und Aktivisten sowie Initiativen der Zivilgesellschaft werden bedroht und oft verhaftet, wenn sie Kritik am Staat wagen. Hier steht das Thema der Ukraine auf dem ersten Platz: jede Art kritischer Äußerungen an der Invasion in die Ukraine werden vermieden, bestraft, weggelassen. All diese Massnahmen des Staates werden dann offiziell als “Patriotismus” und “Putintreue” verpackt. Und in der Sprache der staatlichen Propaganda ist das das Gleiche.

Die Frage der öffentlichen Diskussion ist in diesem Kontext bedeutend: der freie Raum wird stets eingeschränkt, unabhängige Medien wurden zugemacht, neue Gesetze zur Einschränkung der Presse verabschiedet, private Fernseh- oder Radiosender von staatlichen Konzernen oder regimetreuen Geschäftsleuten übernommen.

Aber auch im Internet wird es steriler: diese Sphäre wird stärker kontrolliert und von der staatlichen Propaganda immer mehr beeinflusst.

In dieser Situation verdrängt sich die einigermassen freie Diskussion auf private Pages im Facebook oder auf Internetportale der russischen Medien, die im Ausland platztiert sind. Und die meisten Menschen in Russland werden dem staatlichen Informationseinfluss mehr und mehr ausgeliefert – durch Fernsehen, Radio, Mainstream-Internet.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation für lesbische, schwule und trans* Menschen derzeit in Russland? Hat sich die Lage verschlechtert? Wie können LGBTI-Organisationen arbeiten?

Gulya Sultanova: Die Lage der LGBT-Community ist in dieser allgemein schlechten Situation alles andere als rosig. LGBTs werden öffentlich als “innere Feinde”, “Sünder”, “Perverse”, “amoralische” oder “kranke” Menschen gebrandmarkt, je nach dem Geschmack des jeweiligen Fernseh-Moderators oder Staatsduma-Abgeordneten. Momentan erleben wir einen Strom der LGBT-Emigration in den Westen. Besonders dramatisch ist die Lage der Minderjährigen und der Lehrerenden – in Familien, Schulen, Hochschulen, anderen Institutionen für Kinder. Das Propaganda-Gesetz macht es unmöglich, mit Kindern über die Homosexualität oder Transthemen zu sprechen, sich gegen  Hetze, Hass und Ressentiments – wir sagen Bulling – in Schulen einzusetzen, LGBT-Kindern zu unterstützen.

Es gibt bei uns das Projekt “Kinder 404” für LGBT-Kinder. Die Zahl 404 kommt aus dem Internet, wenn es “den entsprechenden Link nicht gibt”, so wie es offiziell die LGBT-Kinder “nicht gibt” in Russland. Das ist fast das einzige Projekt, dass sich ausschliesslich mit der Hilfe für Minderjährige beschäftigt – es gibt psychologische Hilfe für die Kinder, ihre Eltern, sogar Lehrer. Alles läuft über das Internet. Und seit der Gründung des Projektes gibt es immer Attacken: die Gründerin Elena Klimova wird ständig wegen “Propaganda” angeklagt, es gibt immer mehr Versuche, die Web-Site und andere Internet-Resourcen des Projektes zu schließen. Bis jetzt aber lebt diese Initiative immer noch und vergrössert soger die Anzahl ihrer Teilnehmenden.

Ähnlich geht es anderen LGBT-Organisationen und Initiativen: je mehr Druck und Attacken, desto stärker Widerstand, Kampf, Ausdauer und ja Optimismus.

Es ist nicht alles verloren, wir kämpfen weiter!

Rogate: Vielen Dank, Frau Sultanova, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: Side by Side (in russischer Sprache: bok-o-bok.ru). Das Festival ist auf Unterstützung und Spenden angewiesen. Mehr dazu hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 11. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Andacht “Der Mond ist aufgegangen. Musik – Wort – Sommerabendsegen”

    Donnerstag, 13. August | 20:30 Uhr, Andacht “Der Mond ist aufgegangen. Musik – Wort – Sommerabendsegen”. Impuls: Renate Künast, MdB, Bündnis 90/Die Grünen, zu „Und lass uns ruhig schlafen“.

  • Dienstag, 18. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, anschließend Mitgliederversammlung des Trägervereins
  • Donnerstag, 20. August 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 25. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 27. August 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 1. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, anschließend Rogate-Abend zum Monat der Diakonie “Geschlechtsanpassung, wie? Schritte in ein neues Leben” zum Thema der Behandlung transidenter Menschen, mit Dr. Sascha Bull, leitender Oberarzt der Abteilung Plastische und Handchirurgie in der Elisabeth Klinik der Paul-Gerhardt-Diakonie.
  • Donnerstag, 3. September 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (jeden Donnerstag im Sept.)
  • Sonnabend, 5. September 15 | 14:00 Uhr, Führung mit der Hamburger Fotografin

    “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”

    Kathrin Stahl durch die Ausstellung “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”, ein Foto- und Textprojekt-Engagement über und für transidente Menschen. Eine Veranstaltung zum Monat der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz​. Die Ausstellung ist bis zum 13. September sonnabends, zwischen 11:00 und 15:00 Uhr, während der “Offenen Kirche” sowie vor und nach den Gottesdiensten zu sehen.

  • Den Fördervereinsflyer finden Sie hier. Unseren August-Plan finden Sie hier. Unseren September-Flyer finden Sie hier.