Fünf Fragen an: Studienleiterin llsabe Alpermann, Amt für kirchliche Dienste

Fünf Freitagsfragen an Pfarrerin Ilsabe Alpermann, Studienleiterin im Amt für kirchliche Dienste in der EKBO, über die Ordnung der Lesungen im evangelischen Gottesdienst, kleine und große Veränderungen in der Liturgie und die Kunst des Vorlesens der biblischen Texte.

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Dr. Ilsabe Alpermann (Bild: AKD)

Biografie: Dr. Ilsabe Alpermann, geb. 1959, Studium der evangelischen Theologie am Sprachenkonvikt, der Theologischen Hochschule in Ostberlin. Assistentin bei Prof. Jürgen Henkys und Dissertation zu einem hymnologischen Thema. Mitglied des Liturgischen Ausschusses der Evangelische Kirche der Union (EKU)/Union Evangelischer Kirchen (UEK), Herausgeberin der Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Seit 2007 Studienleiterin für Gottesdienst, Prädikanten– und Lektorenausbildung im Amt für kirchliche Dienste Berlin.

Rogate-Frage: Nach welcher Ordnung sind die Lesungen im evangelischen Gottesdienst gegliedert? Welche Systematik steht dahinter?

Ilsabe Alpermann: Der traditionell wichtigste Text ist das Evangelium. Die ausgewählten Evangelientexte stehen in engem Zusammenhang mit den hohen Festen des Kirchenjahres. Zu Ostern und Weihnachten werden die entsprechenden Festerzählungen gelesen. Passend dazu wurden dann die Texte im Oster- und Weihnachtsfestkreis ausgewählt. Die Evangelien und Episteln unserer Leseordnung basieren noch auf den sogenannten altkirchlichen Lesereihen, die jedoch unabhängig voneinander entstanden sind. Die Texte aus den neutestamentlichen Briefen hatten ursprünglich keinen direkten Bezug zu den Evangelien. Sie sind darum später auch immer wieder einmal verändert worden, um eine Verbindung zwischen den Texten herzustellen. Die Texte des Alten Testaments sind erst im 19. Jahrhundert in die Leseordnung eingefügt worden. Noch Luther konnte von vielen Gottesdiensten in der Woche und mindestens einem Frühgottesdienst am Sonntag ausgehen. Hier gab es also reichlich Gelegenheit, biblische Texte außerhalb des sonntäglichen Hauptgottesdienstes zu lesen und zu hören.

Rogate-Frage: Vor nicht langer Zeit wurden mindestens vier, fünf biblische Texte im Gottesdienst verlesen: Der Psalm, ein Text aus dem 1. Testament, eine Epistel, das Evangelium und manchmal auch ein weiterer Predigttext. In der heutigen Praxis der Sonntagsgottesdienste kommen oft nur noch ein, zwei Texte vor. Ist die Reduktion der Texte sinnvoll?

Ilsabe Alpermann: Liturgie und Gottesdienst sind nie statisch, sondern ständig kleinen oder größeren Veränderungen unterworfen. Gerade beim Psalm lässt sich das gut zeigen: er gehört als sogenannter Eingangspsalm (Introitus) in den Anfang des Gottesdienstes lutherischer Prägung, wurde aber als Psalm des Liturgen mit nur wenigen Versen gebetet. Mit der Einführung des Evangelischen Gesangbuchs ab 1993 stand den Gemeinden eine große Zahl an Psalmen zur Verfügung, die übrigens als häuslicher Betpsalter gedacht waren. Sie wurden jedoch sogleich als Psalmgebet des Wochenpsalms in den Beginn des Gottesdienstes übernommen. Viele Psalmen erscheinen hier in voller Länge. So ergibt sich hier also quasi eine alttestamentliche Lesung, die es so früher nie gegeben hat. Die Lesung aus dem Alten Testament hat es hingegen schwer in unseren Gottesdiensten. Als Reihe war sie Ende des 19. Jahrhunderts auch zunächst zum Predigen und nicht als Lesung gedacht. In der heutigen Agende ist für jeden Sonn- und Feiertag eine alttestamentliche Lesung vorgesehen. Es gibt aber nur wenige Gemeinden, die regelmäßig neben den beiden neutestamentlichen Lesungen eine dritte Lesung zu Gehör bringen.

Nach meiner Erfahrung ist das Hauptproblem der Lesungen schlicht das Lesen selber. Lesen ist eine Kunst, die nicht nur ausgeübt sondern vor allem auch eingeübt werden will. Daran mangelt es vielerorts. Und das ist schade! Wo ausgezeichnet gelesen wird, werden auch drei Lesungen gern gehört.

Manchmal allerdings gibt es auch praktische Gründe für eine Reduktion der Lesungen. Wenn in ländlichen Gemeinden mehrere Gottesdienste nacheinander in einem relativ engen Zeittakt in verschiedenen Orten von einer Pfarrerin geleitet werden, spielt dann eben doch auch die Länge des Gottesdienstes verständlicherweise eine Rolle.

Rogate-Frage: Es kommt nun zu einer Neuordnung der Perikopen. Wie ist es dazu gekommen, wer hat wie eine Neuauswahl getroffen und was soll damit erreicht werden?

Ilsabe Alpermann: Die Perikopenordnung, also die Ordnung der Lese- und Predigttexte, hat eine lange Geschichte und war immer wieder kleinen oder größeren Veränderungen unterworfen. Zu den Evangelien und Episteln traten die Texte aus dem Alten Testament hinzu und jeweils eine weitere Reihe aus Evangelien und Episteln, die als Predigttexte dienten. So der Stand am Ende des 19. Jahrhunderts. 1958 wurde dann auf dieser Basis eine Ordnung eingeführt, die aus sechs Reihen besteht. Für jeden Sonntag gibt es also Evangelium und Epistel und einen Text aus dem Alten Testament und dazu drei weitere Texte aus dem Neuen Testament. Zu diesem sogenannten Proprium des Sonntags gehören dann auch der Wochenpsalm, der Wochenspruch und das Wochenlied. In einer bestimmten Reihenfolge wechseln sich nun die Predigttexte ab, so dass erst nach sechs Jahren ein Text wieder neu ausgelegt und gepredigt wird. Die Lesetexte bleiben stabil und wiederholen sich jährlich. Das führt dazu, dass im ersten Predigtjahr nur Evangelien und im zweiten durchgängig die Episteln gepredigt werden – wie gerade im aktuellen Kirchenjahr. In den Predigtjahren drei bis sechs wechseln sich dann Texte aus Altem Testament, Episteln und Evangelien ab. Gemeinden, die keine regelmäßige Lesung aus dem Alten Testament haben, vernehmen dann in den ersten beiden Predigtjahren kaum alttestamentliche Texte außerhalb der Psalmen.

Ein Hauptanliegen der Revision ist die Stärkung des Alten Testaments (AT). Wir haben im Vorschlag nun nicht mehr einen, sondern zwei Texte für jedes Proprium. Nun ist fast durchgängig eine Ausgewogenheit von 2:2:2 zwischen Texten aus AT, Evangelien und Episteln erreicht. Damit wird es möglich, die Predigttexte zu mischen. Es sollen zukünftig nicht mehr Reihen von Evangelien und Episteln (Jahr I und II) gepredigt werden. Vielmehr werden die Reihen gemischt, so dass sich eine regelmäßige Abwechslung zwischen Texten aus AT, Epistel und Evangelium für das Predigen ergibt.

Wichtige Texte, die bisher gar nicht Bestandteil der Perikopen waren, sind nun dabei. So beispielsweise der Besuch der drei Männer bei Abraham (1.Mose 18,1-2.9-15) als alttestamentliche Lesung am 4. Advent und die Verleugnung des Petrus (Lk 22, 54-62) als Predigttext am Sonntag Judika. Bei der Auswahl war der Gedanke des „Textraums“ leitend, in dem für die Gemeinde hörbar alle Texte möglichst zusammenklingen.

Die Arbeit ist von einer gemischten Kommission geleistet worden, die durch die EKD, die UEK und die VELKD berufen wurde. Im vergangenen Kirchenjahr hat eine Erprobung stattgefunden, die nun gerade ausgewertet wird. Danach wird der Entwurf überarbeitet.

Rogate-Frage: Inwiefern gibt es eine Abstimmung der Sonntagstexte in der Ökumene?

Ilsabe Alpermann: Ein wichtiger Einschnitt in der Entwicklung der Leseordnung war das Zweite Vatikanische Konzil, das sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt hat. Als Neuerung wurden in der römisch-katholischen Kirche drei Lesejahre nach Matthäus, Markus und Lukas eingeführt. Das Johannesevangelium kommt in jedem Jahr in den Festzeiten zu Gehör. Mit dieser Ordnung hat sich die römisch-katholische Kirche von den altkirchlichen Traditionen getrennt. Allerdings ist diese Leseordnung in der Folgezeit auch von protestantischen Kirchen weltweit übernommen worden und daher heute von hohem ökumenischem Rang. Es stand ernsthaft in der Diskussion, ob mit der Überarbeitung der Perikopenordnung auch ein Systemwechsel verbunden werden soll. Aber letztlich wurde auf einer vorbereitenden Tagung 2010 mehrheitlich entschieden, das bisherige System beizubehalten und eine moderate Revision anzustreben. Im Prozess der Erarbeitung und bei der ganz konkreten Suche nach Texten lag es nahe, die römisch-katholische Ordnung und auch das Perikopenmodell der Konferenz der landeskirchlichen Arbeitskreise Christen und Juden (2009) immer wieder zu befragen. Die Kirchen der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa, die unsere Leseordnung nutzen, waren eng in den Bearbeitungsprozess eingebunden.

Rogate-Frage: Welche liturgischen Einrahmungen bei gottesdienstlichen, biblischen Lesungen halten Sie für sinnvoll?

Ilsabe Alpermann: Die Liturgie ist wie ein kunstvolles Gewebe, in das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder einmal neue Fäden eingefügt werden und verschlissene alte entfernt. Das gelingt umso überzeugender, je deutlicher der praktische und theologische Sinn einzelner Stücke vor Augen steht. Der evangelische Gottesdienst hat zwei Grundgestalten, die lutherische Messform und den reformierten Predigtgottesdienst. Der unierte Gottesdienst, den es seit dem 19. Jahrhundert gibt, basiert ebenfalls auf der Messform. Die Frage der Rahmungen für einzelne liturgische Stücke stellt sich nur in der Grundform I. Dies wird besonders deutlich am Gloria Patri, das den Psalm beschließt. Die reformierte Tradition kennt es ebenso wenig wie andere Rahmenverse, während in der lutherischen Tradition Psalmgebete und Psalmlieder mit dem Gloria Patri (Ehre sei dem Vater) schließen. Die in unseren Gottesdiensten bekannte musikalische Gestalt ist hingegen durchaus auch einmal durch eine andere Form ersetzbar.

Fest eingebürgert sind in unierten Gottesdiensten die Rahmenverse zum Evangelium „Ehr‘ sei dir, o Herre und Lob sei dir, o Christe“. Das Evangelische Gottesdienstbuch (2000) hat hier eine Veränderung vorgenommen, die sprachlich moderner und musikalisch knapper ist: „Ehre sei dir, Herr und Lob sei dir, Christus“. Ich erlebe immer wieder Gottesdienste, in denen diese veränderten Versikel zwar im Gebrauch, aber von der Gemeinde nicht wirklich verinnerlicht sind. Gemeinden, die die ältere Fassung beibehalten haben, singen diese Stücke hingegen mit großer Sicherheit und Selbstverständlichkeit. Dieses Beispiel zeigt, wie empfindlich die Liturgie beziehungsweise die Gemeinden gegenüber zu raschen Veränderungen sind.

Die Agende schlägt fakultativ auch einen Abschluss für die anderen beiden Lesungen vor: die Gemeinde antwortet auf „Worte der Heiligen Schrift“ mit „Gott sei Lob und Dank“. Übrigens ist das Halleluja nach der Epistel nicht der Abschluss der Epistel als der es in den Gottesdiensten erscheint. Vielmehr ist es dem Evangelium vorgeschaltet und hat damit eigentlich die Funktion der Begrüßung des lebendigen Christus, der aus dem Evangelium spricht. Das ist auch der Grund, warum es in der Passionszeit entfällt, in der des Leidens Jesu gedacht wird. Im Gottesdienst ist die Zusammengehörigkeit von Halleluja und Evangelium nicht erlebbar, weil sich zwischen Epistel und Evangelium das Wochenlied angesiedelt hat, das in der Regel einen deutlichen Bezug zum Evangelium hat.

Die Versikel (Verslein) tragen dazu bei, die dialogische Gestalt des Gottesdienstes wahrnehmbar zu machen. Sie brauchen allerdings eine feste Verankerung in der Gemeinde.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pfarrerin Dr. Alpermann, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

Fünf Fragen an: Stephan Weyer-Menkhoff, Professor an der Universität Mainz

Fünf Freitagsfragen an Prof. Dr. Stephan Weyer-Menkhoff, Universität Mainz, über den Unterschied von Gottesdienst, Andacht und Stundengebet, wie das Evangelium gottesdienstlich den Einzelnen trägt und das Stehen in den Horen.

Stephan Weyer-Menkhoff

Prof. Dr. Stephan Weyer-Menkhoff (Bild: privat)

Prof. Dr. Stephan Weyer-Menkhoff wurde 1953 in Berlin-Schöneberg geboren. Er studierte in Göttingen Evangelische Theologie, war Lehrer, Pfarrer, Studienleiter und lehrt seit 1997 Praktische Theologie an der Universität in Mainz.

Rogate-Frage: Herr Professor Weyer-Menkhoff, was sind Stundengebete und wie unterscheiden sie sich von einer Andacht oder einem Gottesdienst?

Stephan Weyer-Menkhoff: Das Stundengebet führt Heilige Schrift auf. Bis auf das Lied, dem Hymnus, besteht das ganze Stundengebet ausschließlich aus biblischen Sätzen. Die Psalmen haben dabei besonderes Gewicht. Ihren Namen gemäß, Psalmos heißt Gesang, wird im Stundengebet alles gesungen. Das führt zu einer festen Form, die Einfälle und Überraschungen ausschließt, andererseits aber den Einzelnen ungestört in den Raum der Heiligen Schrift eintauchen lässt. Die feste Form unterscheidet das Stundengebet von der Andacht. Vom Gottesdienst unterscheidet sich das Stundengebet, weil es hier keinen herausgehobenen Liturgen gibt, sondern vielmehr alle gleichmäßig beteiligt sind.

Rogate-Frage: Welche Tradition hat das Stundengebet in der evangelischen Kirche und wo kommt es (noch) vor?

Stephan Weyer-Menkhoff: Das Stundengebet ist der wochentägliche Gottesdienst und gibt der Heiligen Schrift unter der Woche Raum. Da die Reformation nur die Messe betrifft, ist das Stundengebet evangelischerseits unverändert und so auch im Evangelischen Gesangbuch (EG-Nummer 783-786) zu finden. Es gibt immer wieder Kirchengemeinden, die das Stundengebet halten. In Berlin kenne ich die Annen-Kirche in Wilmersdorf und das Rogate-Kloster in Schöneberg.

Was schätzen Sie an den Horen für Ihre Frömmigkeit?

Stephan Weyer-Menkhoff: Weil das Stundengebet Heilige Schrift zum Klangraum werden lässt, muss ich nicht denken, anwenden, beschließen, kurz: leisten, sondern erfahre mich hineingenommen und aufgehobene in den Klangraum Heiliger Schrift. Nicht mein Glaube trägt das Evangelium, sondern die Heilige Schrift trägt und umhüllt mich.

Rogate-Frage: Wie können Einzelne diese Gebetsform lernen? Was würden Sie Interessierten raten?

Stephan Weyer-Menkhoff: Für den Einzelnen ist diese Gebetsform deswegen ungeeignet, weil die Form, die vom Psalter vorgegeben ist, das Gegenüber verlangt. Im Gegenüber singen zwei − einzelne oder Gruppen − abwechselnd so, dass in der Mitte ein freier Raum der Stille entsteht. Es ist ähnlich wie im Kirchbau, wo zwei Pfeiler oder Wände das Gewölbe spannen, unter dem sich der freie Raum des Kirchenschiffs bildet. Ein Einzelner kann kein Gewölbe spannen.

Rogate-Frage: Welche Gebetsgesten, Körperhaltungen und Bewegungen sind dem Gebet dienlich und fördern die eigene Spiritualität?

Stephan Weyer-Menkhoff: Das Stundengebet wird im Stehen gehalten. Das Stehen ist nicht nur die dem Singen angemessene Körperhaltung, sondern stellt auch den Menschen in seiner Grundsituation dar. Mit beiden Füßen auf der Erde, aber mit dem Kopf zum Himmel, ist er weder Tier noch Engel. Die Aufrechte zeugt von Wunder der Auferstehung. Der im Stehen gespannte Rücken wird entspannt, wenn sich so tief verbeugt wird, dass der Oberkörper in die Waagerechte kommt. Diese Verbeugung geschieht immer dann, wenn der dreieine Gottesname genannt wird, sodass dieser Name in die Körperhaltung eingeht und der Leib zum Tempel wird. Der gemeinsame Ein- und Auszug markieren den besonderen Ort des Klangraums Heiliger Schrift in Mitten der wöchentlichen Alltagswelt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Dr. Stephan Weyer-Menkhoff, für das Gespräch.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Zum Thema Gottesdienst siehe auch:

  • Landesbischof Gerhard Ulrich, Nordkirche und Leitender Bischof der VELKD, über die Definition eines lutherischen Gottesdienstes, situationsgemäße Liturgie und die Relevanz der Tradition.
  • Prof. Dr. Alexander Deeg, Universität Leipzig, über gute Gottesdienste, überzeugende Feierformen und die Wertschätzung der Eucharistie.
  • Pastorin Anita Christians-Albrecht, Plattdeutschbeauftragte der Landeskirche Hannovers, über ‚Gott up Platt – Wat sall dat?‘, ‚Gott sien Lüüd‘ und „Gott deep mitföhlen deit“.
  • Kirchenrat Klaus Rieth, Evangelische Landeskirche in Württemberg, über die Reaktion der Gemeinden im Ländle auf den Zustrom geflüchteter Menschen und eine bundesweit gefragte mehrsprachige Gottesdienst-Hilfe.
  • Prof. Traugott Roser, Universität Münster, über das Segnen im Lebenslauf, eine neue kirchliche Sensibilität für das Thema „Lebensformen“ und warum das Nichtsegnen Fluch ist.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDonnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Dienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER (in der Ordnung des Ev. Gesangbuchs Nr. 785), mit Gedenken an die Opfer der Kernkraftkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.
  • Sonntag Rogate, 1. Mai 16 | 10:00 Uhr, Eucharistie, Predigt: Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Theologische Fakultät an der Humboldt-Universität
  • Dienstag, 3. Mai 16|19:00 Uhr, VESPER am Tag der Apostel Philippus und Jakobus das Abendgebet, in der Kirche
  • Donnerstag, 5. Mai 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE an Christi Himmelfahrt

Fünf Fragen an: Eberhard Amon, Deutsches Liturgisches Institut Trier

Fünf Freitagsfragen an Dr. Eberhard Amon, Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts, über biblische Liturgie, die Definition eines guten Gottesdienstes und die vielfältige Zukunft römisch-katholischer Messfeiern. Ein Beitrag zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit 2016.

Dr. Eberhard Amon (Bild: Deutsches Liturgisches Institut)

Dr. Eberhard Amon wurde 1948 geboren in Neckarsulm/Baden-Württemberg. Im Jahr 1967 gegann er das Studium der katholischen Theologie in Tübingen und Innsbruck. Es folgte 1974 die Priesterweihe. Er war zuerst Seelsorger in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. 1983 promovierte er. 1998 wurde er Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts. Die Ernennung zum Päpstlichen Ehrenprälaten folgte 2002.

Rogate-Frage: Herr Dr. Amon, wie biblisch ist Liturgie oder wie liturgisch ist die Bibel aus Ihrer Sicht?

Eberhard Amon: „Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift.“ Dieser Satz aus der Liturgiekonstitution (Art. 24) des Zweiten Vatikanischen Konzils beschreibt den Stellenwert der Bibel für die Liturgie. Zugespitzt könnte man formulieren: Das einzige wirklich notwendige liturgische Buch ist die Bibel!

In der Bibel selbst wird von vielfältigen Gottesdiensten berichtet: Vom Opfer des Melchisedek (Genesis 14) über Kult und Gottesdienst in Tempel und Synagoge bis zu den Feiern der ersten christlichen Gemeinden (Apostelgeschichte 2; 1. Korinther 11).

Rogate-Frage: Was ist das Deutsche Liturgische Institut und wie arbeiten Sie?

Eberhard Amon: Das Deutsche Liturgische Institut (DLI), gegründet 1947, ist eine Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz und eine Studienstätte zur Förderung des Gottesdienstes der katholischen Kirche in Deutschland und im deutschen Sprachgebiet. Es versteht sich als Schnittstelle von wissenschaftlicher Theologie und liturgischer Praxis, von kirchlichen Institutionen und Gemeinden. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen und pastoralen Arbeit steht die Sorge um Formen des Gottesdienstes, in denen Menschen von heute ihren Glauben in der Gemeinschaft der Kirche ausdrücken und feiern können. Das DLI verfügt über eine liturgiewissenschaftliche Spezialbibliothek mit 75.000 Bänden, gibt die Zeitschriften „Liturgisches Jahrbuch“, „Gottesdienst“ und „praxis-gottesdienst“ heraus, bietet mit „Liturgie im Fernkurs“ ein Fernstudium an, veröffentlicht Handreichungen für die liturgische Praxis und koordiniert die Herausgabe der liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet.

Rogate-Frage: Was macht einen guten Gottesdienst aus?

Eberhard Amon: Ein „guter Gottesdienst“ lässt die Menschen die Nähe und Gegenwart Gottes und die Gemeinschaft der Kirche erfahren. Er befähigt sie zu einem Leben aus dem Glauben und zum Dienst am Nächsten.

Rogate-Frage: Wie sieht die Zukunft des römisch-katholischen Gottesdienstes aus? Welche Rollen nehmen die Laien künftig ein, welche die der Geistlichen?

Eberhard Amon: Die Zukunft des römisch-katholischen Gottesdienstes wird vielfältiger sein. Nach einer gewissen Konzentration auf die Feier der Eucharistie werden andere Gottesdienstformen mehr Gewicht bekommen: Wort-Gottes-Feiern, Wortgottes­dienste, Tagzeitenliturgie, Andachten, niederschwellige gottesdienstliche Feiern. Grund dafür sind der Priestermangel und damit zusammenhängend die Veränderung der pastoralen Strukturen sowie die wachsende Zahl der kirchlich Distanzierten. Haupt- und ehrenamtlich tätige Laien werden auch im Bereich des gottesdienstlichen Lebens mehr Verantwortung übernehmen (müssen). Aufgabe der Geistlichen wird es zunehmend werden, die Laien für ihre Dienste zu befähigen und sie zu begleiten.

Rogate-Frage: Der Papst hat für dieses Jahr 2016 ein Heiliges Jahr ausgerufen. Welche Auswirkungen hat eine solche Ausrichtung auf die Liturgie? Wie wird Barmherzigkeit erfahrbar?

Eberhard Amon: Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit dürfte vergleichsweise wenig Auswirkungen auf das gottesdienstliche Leben einer Pfarrei haben, da weder Veränderungen des Liturgischen Jahres noch der Leseordnung und der Tagzeitenliturgie zu erwarten sind. Üblicherweise stellen die zuständigen römischen Dikasterien Arbeitshilfen zur Verfügung, die auch liturgische Anregungen und Impulse enthalten. Das Thema Barmherzigkeit wird wohl häufiger in Predigten, Wortgottesdiensten und Andachten angesprochen werden.

Erfahrbar wird die Barmherzigkeit Gottes vor allem in den Texten der Heiligen Schrift, im Beispiel Jesu, in den Sakramenten und Segnungen und im Umgang miteinander.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Dr. Amon, für das Gespräch und Ihnen Gottes Segen für das neue Jahr!

Weitere Informationen finden Sie hier: Liturgie.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Gottesdienstliche Winterpause bis zum 12. Januar
  • Dienstag, 12. Januar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, ohne Gesang/Musik
  • Dienstag, 19. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Dienstag, 26. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Sonntag, 31. Januar 16 | 10:00 Uhr, Predigtgottesdienst, in der Zwölf-Apostel-Kirche. Liturgie: Bruder Willehad Kaleb RGSM
  • Dienstag, 2. Februar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, mit Posaunenmusik
  • Dienstag, 9. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Dienstag, 16. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Dienstag, 23. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier.
  • Hier unser Monatsplan Dezember 15/Januar 16.

Gottesdienst: Andachten an diesem Wochenende.

Willkommen zu unseren Rogate-Gottesdiensten am Wochenende: Sonnabend, 28. Mai, 12.oo Mittagsgebet vor der Kirche. 18.oo Uhr Vesper. Sonntag, 29. Mai, 10.oo Uhr Evangelische Messe. Die Ordnung der Rogate-Messe finden Sie hier.

Unsere Vesper hat heute Abend um 18.oo Uhr den folgende Liturgie:

18.oo Uhr Einläuten des Sonntags Rogate.


Orgelvorspiel
EG (Evangelisches Gesangbuch) Lied-Nr. 785.1
EG 785.2
Lesung und Stille
Lied 196, 1-4 Herr, für dein Wort sei hoch gepreist

Kurzansprache
Lied 133, 1-4 Zieh ein zu deinen Toren

Lied 309, 1-4 Der Lobgesang der Maria
EG: 785,7
EG: 785,8
EG: 785,9
EG: 785,10
EG: 785,11
EG-Lied 196, 5 – 6 Herr, für dein Wort sei hoch gepreist
Orgelnachspiel

Herzlich willkommen!

Aktuell: 200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum. Teil 5.

Der schwarze Talar wurde vor 200 Jahren eingeführt. Wir würdigen dies mit einer kleinen Reihe und haben Frauen und Männer, Katholiken und Protestanten, Geistliche und Laien um ihre Meinung gefragt. Hier Teil 5 mit Beiträgen aus Hannover, Brandenburg an der Havel, Potsdam und Lüdenscheid.

Wilhelm Hüffmeier, 69 Jahre, Präsident des Gustav-Adolf-Werks – Diasporawerk der EKD, evangelisch. „Bei aller Sympathie für Farben und Feste und bei aller Einsicht in die unterschiedlichen Traditionen liturgischer Gewänder auch innerhalb der weltweiten evangelischen Christenheit habe ich meine Mühe mit der bunten Vielfalt, die heute um sich greift. Mir ist angesichts der Notwendigkeit einer Ökumene der Profile der gute alte schwarze Talar mit den konfessionell unterschiedlichen Beffchen neu lieb und wert geworden. Das ist ja nicht nur eine Stilfrage, sondern ein Ausdruck reformatorischen Selbstverständnisses, ein protestantisches Markenzeichen in Deutschland und darüber hinaus.“ Den Beitrag von Wilhelm Hüffmeier finden Sie in voller Länge hier.

Hanna Kreisel-Liebermann, 55 Jahre, Hannover, Pastorin an der Marktkirche Hannover, evangelisch-lutherisch.„Wie der Talar 2211 aussieht? Vielleicht ist es dann im Zuge der Erderwärmung und Klimaveränderung nötig, hauchdünne Talare zu tragen, die auch nicht mehr diese Stofffülle haben, sondern schmal sind. Vermutlich aus High-Tech-Material, das aus Milch oder Algen gefertigt wird. Möglicherweise haben auch längst Modeschöpfer sich diesem Kleidungsstück gewidmet und es gibt den Designer und den Kasual-Talar. Aber auch mit der Frauenordination hat er sich doch nicht grundsätzlich verändert. Der Talar und seine Form und Funktion sind seit der Reformation annähernd identisch geblieben.  Ich denke daher nicht, dass er abgeschafft wird.“  Sie finden den Beitrag in ganzer Länge hier.

André Wiethölter, 48 Jahre, Dompfarrer, Brandenburg an der Havel, evangelisch.“Der schwarze Talar trägt zum Gelingen eines Gottesdienstes bei. Er ist eine freundliche, deutliche Gehhilfe christlicher Frömmigkeit. Dies trägt nicht zuletzt dazu bei, dass der Gottesdienst mit schwarzem Gewand neben seiner eigenen, traditionsgeschwängerten Würde auch Freude ausstrahlt, wo Menschen sich nach Beständigkeit, Wurzeln und Schlichtheit sehnen. Der schwarze Faltenwurf, im rechten Lichte besehen, ist Glanz und Feier des Lebens.

Wie der Talar 2211 aussehen wird, vermag keiner zu sagen. Wir wissen nicht, was nachfolgende Generationen umtreiben wird? So bleibt nur zu wünschen, dass es ein Talar sein wird, der fern aller kurzfristigen Modeerscheinungen und selbstverliebten Selbstdarstellungen das möglich macht, was wir mit dem schwarzen Talar haben: eine Hilfe, in Bescheidenheit auf das Wesentliche klar, deutlich und in ästhetischer Gestalt feierlich hinzuweisen.“ Sie finden den Beitrag in ganzer Länge hier.

Christian Peter Barthelmes, 56 Jahre alt, Wuppertal, Inhaber der Fa. Assmann, evangelisch. „Nüchtern betrachtet ist der Talar zunächst die Dienstkleidung des Pfarrers. Für mich als Talarhersteller ist es jedoch ein besonderes Kleidungsstück, in dem ich immer wieder die Tradition seit 120 Jahren Talare zu schneidern wiederfinde. Die Vielfalt der einzelnen Talarformen in den einzelnen Landeskirchen beeindruckt mich immer wieder und bringt auch eine gewisse Abwechslung in den täglichen Produktionsablauf. Bei jedem Gottesdienst, den ich vor allem außerhalb meiner Heimatkirche besuche, schaue ich immer zuerst auf den Talar (meinen erkenne ich sofort) und stelle die Unterschiede in der Verarbeitung fest. Bei einem Gottesdienst ohne Talar habe ich das Gefühl, mir fehlt etwas. Zu besonderen Anlässen (z.B. Taufe, Konfirmation, Hochzeit etc.) finde ich das Tragen einer Albe mit passender Stola wunderbar; auch zum schwarzen Talar gefällt mir eine Stola sehr. Ich stelle in den vergangenen Jahren zunehmend eine Tendenz in der evangelischen Kirche fest, dass an besonderen Tagen etwas mehr „Farbe“ gezeigt wird. Aus meiner Sicht ist dieser Trend nur positiv zu beurteilen. Viele junge Menschen werden nach meiner Einschätzung auch durch diese Öffnung der liturgischen Vorschriften wieder zu einem Gottesdienstbesuch animiert.“ Den Text finden Sie hier.

Den 1. Teil der Reihe „200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum“ mit Beiträgen u.a. von Maria Jepsen und Hans-Jochen Jaschke finden Sie hier. 2. Teil mit Statements Monika Grütters und Ulrich Fischer finden Sie hier. Einen Teil 3, mit Beiträgen von Wolfgang Gern und Ulrich Rüß ist hier zu finden. Teil 4 hier.

Schwarz ging es nicht immer in evangelischen Gottesdiensten zu. Die Dokumentation „Historische Bilder zum Evangelisch-lutherischen Gottesdienst“ von Helmut Schatz zeigt es. Sie finden sie hier zum kostenlosen Download.

In der St. Marienkirche in Berlin-Mitte findet am 2. April 2011 eine kleine Ausstellung zu liturgischen Gewändern statt. Den Einladungsflyer finden Sie hier.

Aktuell: 200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum. Teil 1.

Am 20. März 2011 kann die evangelische Kirche unserer Breiten ein Fest feiern: Der schwarze Talar wurde vor 200 Jahren eingeführt. 1811 erfolgte eine entsprechende Kabinettsorder von König Friedrich Wilhelms III. in Preußen, gültig für christliche wie jüdische Geistliche, Richter und andere königliche Beamte. In der Reformationszeit waren  im Bereich der lutherischen Kirchen die Messgewänder häufig in Gebrauch geblieben.

Nach 1811 ist der Talar in Deutschland zur Amtstracht und durch ihren Gebrauch zur gewohnten liturgischen Kleidung der evangelischen Pfarrer geworden. Prädikanten tragen in der Rheinischen, Westfälischen und Badischen Landeskirche sowie in der Kirchenprovinz Sachsen ebenfalls den Pfarrertalar.

Wir möchten die Einführung und den Gebrauch in einer kleinen Reihe würdigen und baten Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen um einen Beitrag für die Würdigung. Hier der erste Teil unserer kleinen Reihe:

Maria Jepsen, 66 Jahre, Husum, Bischöfin i. R., evangelisch-lutherisch. „Meinen Talar bekam ich als Theologiestudentin von meiner Großmutter geschenkt; er bedeutete für mich Einstieg in das geistliche Amt, zuerst als Vikarin, dann als Pastorin. Wichtig war mir, den Talar mit einem „Damenkragen“ zu tragen. Das Beffchen lehnte ich als zu männlich ab.

Als junge Pastorin trug ich den Talar nur in den Gottesdiensten in echten kirchlichen Räumen; im Altenheim und bei Gottesdiensten im Freien bevorzugte ich die zivile Kleidung, in der Meinung, damit den Gemeindegliedern näher zu sein. Doch dann spürte ich die Wichtigkeit amtlicher Kleidung – ich trat nicht als Privatperson auf, sondern als Vertreterin der Institution Kirche. Das befreite zu deutlicherer Verkündigung.

Als Bischöfin von Hamburg trug ich das Hamburger Ornat, mit Halskrause und in der Regel mit Stola. Die Hansestädte waren niemals preußisch! Die weiße Albe wählte ich für besondere Gottesdienste, so im Gefängnis, mit Frauen, auf langen Dienstreisen – da die weiße Farbe nicht so streng wirkt und die Albe leichter ist als das Ornat mit seinem schweren Unter- und Obergewand. Ich halte viel von Traditionen, auch im gottesdienstlichen Leben, aber die gottesdienstliche Kleidung sollte nicht einschüchternd wirken. Zu viele schwarzgewandete Menschen im Gottesdienst lassen das Priestertum aller Glaubenden zurücktreten. Ohne klare liturgische Aufgabe trage ich dann lieber zivile Kleidung.

Ich hoffe, dass wir weiterhin in der Ökumene unsere eigenen Traditionen einbringen und zugleich uns gegenseitig bereichern und verändern.“

Dr. Hans-Jochen Jaschke, 69, Hamburg, Weihbischof, römisch-katholisch. „Gegen den Muff unter den Talaren haben wir in den 68ern gekämpft, gegen ein Amt, das als Fassade erfahren wird, egal was darunter steckt.

Katholische Geistliche tragen im eucharistischen Gottesdienst, bei der Messe, das Messgewand, nicht von Preußens Gnaden, sondern gemäß unserer eigenen Tradition. Es soll zeigen: Der Priester steht nicht mit seiner eigenen Person vor der Gemeinde, sondern an Christi statt (2 Kor 5,20). Die Farben des Kirchenjahrs setzen die unterschiedlichen Akzente: Jubel und Freude (weiß), Buße und Trauer (violett), das Feuer des Geistes und des Zeugnisses (rot), Dank für den Glauben im Lauf des Kirchenjahres (grün).

Ich bin froh über die Messgewänder. Natürlich verschwinde ich nicht dahinter. Ich bleibe immer auch meine Persönlichkeit. Aber die Gemeinde darf durch mich auf einen anderen schauen, ihn hören.

Für den Alltag gibt es die Priesterkleidung – durchaus im Wandel, auch vom Geschmack der einzelnen abhängig. Aber ich halte es für gut, wenn ein Priester – ohne Übertreibung – erkennbar ist. Das ist auch für ihn eine Herausforderung.

Gewänder sind zum Glück nicht kirchentrennend. Achten wir darauf, wer drinsteckt und vor allem, für welchen Inhalt sie stehen!“

Dr. Karl-Heinz Schell, 50, Peking, Pfarrer, evangelisch. „Meine beiden Talare sind inzwischen durch die Welt gereist und nach 18 Jahren in 2008 wieder in Asien gelandet. Ich trage als Pfarrer einer deutschsprachigen Auslandsgemeinde in mehrheitlich nichtchristlichem Umfeld meinen Talar sehr bewusst, und er hat bis heute für mich mit Würde zu tun: mit der Würde, die Gott uns als Menschen gibt. Mein Talar hat auch mit Heimat zu tun: mit der Heimat, die ich in Jesus Christus habe, und die meine irdische (nationale, regionale, kulturelle, kirchliche) Heimat mit einschließt. Und schließlich symbolisiert  mein Talar Verantwortung; die Verantwortung für mir anvertraute Menschen, denen ich in der Kraft des Heiligen Geistes die frohmachende Botschaft verkündigen und sie segnen darf.

Der Talar macht deutlich: Hier lebe und handle zwar ich persönlich, aber ich bin getragen durch ein Amt, das älter und größer ist als ich, und das mich deshalb tragen kann. Das ist sehr entlastend.“ Den ganzen Beitrag finden Sie hier.

Albrecht Kunz, 50, Friedrichroda in Thüringen, Oberpfarrer, evangelisch-lutherisch. „Mittlerweile sind es fast 20 Jahre, die mich mit dem schwarzen Talar sprichwörtlich in Tuchfühlung bringen. Unterschiedlich sind die Berührungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Die Palette reicht von der Ansicht bei jedem Kirchgang, über die wissenschaftliche Arbeit an ihm im Studium der Theologie, bis zu seiner Benutzung in eigener Ausübung des geistlichen Amtes der Kirche als Pfarrer.
Je länger diese Art der Berührung währt, um so größer wurde allerdings die Distanz zu ihm.
Davon unberührt gilt uneingeschränkt, dass der schwarze Talar ein Amtskleid ist, das seinen Träger in einen Deutungsrahmen stellt, der außerhalb von ihm gegründet ist und der sich in beidem gleich – entlastend wie beschwerend – auf ihn legt.
Aus des Pfarrers Sicht, setzt der Talar den Akzent auf Predigt und Lehre, was die Nähe zu den Ornaten an Universität, Gericht oder den Ministeralen jeweiliger Obrigkeit intendiert. Dem kann man sich kaum entziehen, weil die symbolische Kraft ihre eigene, vom Träger unabhängige, Wirkung hat. Jeder zusätzliche Akzent als dieser der ernsten Unterweisung, muß einer andersartigen Quelle entstammen: Regungen wie Freude und Jubel oder Impulse, die den Charakter eine Festes und Feier würdigen, liegen dem Talar fern. Der Graben, der sinnfällig kaum überbrückt werden kann, reicht tiefer als gewünscht, weil der Verstand, der allein angeregt wird, alle anderen Sinne des Menschen weder auf sich in Gänze konzentriert noch diese sublimiert, ohne daß sich ein – mehr oder weniger bewußter – Eindruck des Mangels verhindern lässt. In solcher Eigenschaft steht der Talar eher konträr zum Charakter der von seinem Träger zu verkündigenden Botschaft wie – noch mehr – zur Zelebration und Ausspendung der Sakramente.
Er ist zudem das stoffgewordene Symbol des im Zuge seiner obrigkeitlichen Einführung manifestierten Konfessionalismus und insofern unrühmliches Symbol der getrennten Kirche. Um diese Trennung zu überwinden, was in weiteren 200 Jahren hoffentlich längst passiert ist, gehört auch die Rückkehr zu den liturgischen Gewändern in jenen Katalog, der auflistet, was die evangelischen Kirchen alles vorzuarbeiten haben. Obwohl es in diesen – für die lutherischen Kirchen ist es in den letzten Jahren in den liturgischen Ordnungen meistenteils aufgenommen – auch manche Mischformen gibt, die etwa eine Stola zulassen oder gar den Chorrock, entsteht damit doch keine befriedigende Situation, weil ein gesamtes und damit eindeutiges Auftreten und Erscheinen ad absurdum geführt ist. Nur alles in das Belieben der jeweiligen Person oder Gemeinde zu stellen, gefährdet die Einheit.
Es ist – zusammenfassend – äußerst wünschenswert, wenn hierfür und überhaupt in den Dingen der Liturgie die evangelischen Landeskirchen nur einen einzigen Gedanken zum Maßstab ihrer Ordnungen anlegen: Alles zu befördern, was der Einheit der Christenheit – ein Herr, eine Kirche – dient – „ut unum sint“!

George Turner, geb. 1935, Berlin; em. Universitätsprofessor, früherer Universitätspräsident und parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung, evangelisch: „Mein Verhältnis zu Talaren ist gespalten: in der Kirche ist er für mich ein Element der Distanz, der Würde, auch der Besinnung, dass der Träger dahinter zurücksteht.
Als ich im Jahr 1970 mit 35 Jahren Universitätspräsident wurde, waren die Talare gerade ins Gerede gekommen (Unter den Talaren – Muff von 1.000 Jahren). In meiner 16jährigen Amtszeit habe ich den Talar nur bei Veranstaltungen in Ostblockstaaten getragen. Dort hatte man ein unverkrampftes Verhältnis zu Symbolen. Wenn heute jüngere Amtsträger in den Universitäten mit Talar und Amtskette erscheinen, wirkt das auf mich immer ein wenig lächerlich. Sie sind die Nutznießer der Reformen und gerieren sich jetzt wie diejenigen, die seinerzeit bekämpft worden sind.“

Dr. Michael Bünker, geb. 1954, Wien, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Evangelisch A.B. (lutherisch). „In meinem Kleiderschrank hängt der alte Talar meines Großvaters. Er ist noch in Wien hergestellt worden, in den Tagen der untergegangenen Habsburgermonarchie, als es in den vielen evangelischen Kirchen des Donauraumes noch eine entsprechende Nachfrage für Talare gegeben hat. Durch den Geistlichen im Talar wurde in Österreich die evangelische Kirche nach außen sichtbar. Das ist für eine Diasporakirche, die zudem auf eine lange Zeit der Unterdrückung zurückblickt, an Bedeutung nicht gering zu achten.

Aber der Talar ist kein evangelisches Heilsgut. Deshalb hat unsere Kirche schon vor einigen Jahren die Möglichkeit eröffnet, dass Pfarrer und Pfarrerinnen mit Zustimmung der Presbyterien ihrer Gemeinden bei besonderen Anlässen (etwa Taufen, Trauungen, Osternacht u.a.m.) anstatt des Talars eine weiße Alba tragen.

Im Gottesdienst schätze ich den Talar für seine Klarheit, Einfachheit und Schlichtheit. Es liegt nicht an diesem oder jenem Gewand und seiner Farbe, ob die frohmachende Botschaft des Evangeliums die Menschen erreicht. Dass es ein evangelischer Gottesdienst ist, wird in Österreich für die Gemeinden und die Öffentlichkeit auch daran erkennbar, dass der Pfarrer oder die Pfarrerin den Talar tragen.

Den Talar meines Großvaters habe ich nur einmal getragen, als ich zum ersten Mal von der Kanzel predigen konnte, von der er über vierzig Jahre lang das Evangelium verkündet hat. Ich habe es gerne und mit großer Dankbarkeit getan.“

Bernward Müller, Berlin-Marzahn, 72, Studiendirektor a.D., römisch-katholisch: „Als Katholik von Geburt und geprägt durch meine katholische Familie ist mir der evangelische Talar immer ein wenig fremd geblieben. Ganz neu war mir, dass er durch königlich preußische Kabinettsorder erst verbindlich vorgeschrieben wurde. Interessant, dass der Talar vom König auch jüdischen Geistlichen vorgeschrieben wurde. Einerseits finde  es etwas befremdlich, dass ein christlicher König den Anhängern jüdischen Glaubens ihre Amtstracht vorschreibt, andererseits kann man darin auch eine Vorstufe der Judenemanzipation sehen.

Auf mich wirkt der Talar mit seinem nüchternen Schwarz immer etwas trist. Gern sehe ich ihn bei ökumenischen Gottesdiensten, weil so die Verschiedenheit der im Gebet vereinten Kirchen sichtbar wird. Geprägt durch  meine katholischen Seh-Gewohnheiten freue ich mich, wenn evangelische Pfarrerinnen (was es bei uns leider noch nicht gibt) oder Pfarrer über ihrem Taler eine weiße oder farbige Stola tragen oder sogar einen weißen Mantel mit farbiger Stola. Am schönsten finde ich ökumenische Gottesdienste, bei denen auch Vertreter der Ostkirchen mitwirken. Einmal weil das Bild noch bunter wird und zum anderen, weil so die Vielfalt der einen der wahrhaft katholischen, also umfassenden, Kirche noch deutlicher  wird, von der die römisch-katholische nur eine Teilkirche ist.“

Heiko Schulz, Jg. 1962, Berlin-Kreuzberg, Gemeindepfarrer, evangelisch. „Ich habe den Talar immer ausgesprochen gerne getragen. Er ist für mich Zeichen meines pastoralen Dienstes, zeigt, dass es bei meinem Auftreten nicht um mich geht, und hilft dabei, zwischen Person und Amt trennen zu können, ohne die enge Bezogenheit beider aufeinander aufgeben zu wollen. Ziehe ich ihn über, empfinde ich nicht die Last seiner problematischen Geschichte, das Nachwirken der Zeit engster Verbindung und „Verbandelung“ von Kirche und Staat. Er fördert eher Demut als Hochmut. Insofern ist er dem gottesdienstlichen geschehen förderlich, da er eine Ausgewogenheit zwischen Nähe und Distanz auch für die Gemeinde ermöglicht.“ Den Beitrag von Pfarrer Heiko Schulz finden Sie hier.

Dr. Nils Petersen, Pastor, Hamburg, evangelisch-lutherisch. „Es ist nicht egal was wir am Körper haben. Talare machen PastorInnen. Wir kleiden uns für einen bestimmten Augenblick und stellen uns in eine Tradition und bekennen uns (auch durch unser Beffchen) zu einer Konfession im Glauben. Das ist äußerlich. Doch die Talare wirken auch nach innen. Über meine Talare habe ich Beziehung zu drei Pastoren, die ich nie kennen gelernt habe. Zu Pastor i.R. Schmitt und Pastor i.R. Müller, und zu unserem verstorbenen evangelikalen Bruder, dessen Name auf einem kleinen Schild in den Talar eingenäht ist. Auch wenn ich ihn vielleicht nicht gemocht hätte, ich habe das Schild nicht herausgetrennt und werde es auch nicht tun. Auch wenn es nun mein Talar ist, er bleibt auch immer seiner. Über unsere konfessionellen und theologischen Dispute, die wir nie geführt haben, hin weg, gab es Situationen, wo nicht ich den Talar getragen habe, sondern er mich getragen hat. Ich denke da besonders an Beerdigungen; an die von Kilian. Sein Vater hat den kleinen Sarg getragen, und der Talar mich. Ich erinnere mich an die Gottesdienste im Gedenken an die Befreiung von Ausschwitz und an die Taufe von Nori in der Kapelle des Rendsburger Krankenhauses. Was wäre ich da ohne meinen Talar gewesen?

Ich denke an die vielen Bräute, die ungeübt in ihren langen Kleidern, von mir gezeigt bekommen haben, wie sie elegant und ohne zu stolpern, die Stufen zum Altar hinaussteigen. Ich denke an die Beerdigung in Alt-Duvenstedt, bei der ich mein Beffchen vergessen hatte. „Ein Talar ist auch ohne Beffchen ein Talar“, hatte ich der Küsterin gesagt und deren nettes Angebot abgelehnt, mir aus Papier eines zu basteln. Trotzdem fühlte ich mich etwas nackt.“ Den ganzen Artikel finden Sie hier.

“Herzog Albrecht von Preußen empfängt in der Domkirche zu Königsberg  zum ersten Mal das Abendmahl nach protestantischem Ritus”  Aquarell von Karl Ludwig Julius Rosenfelder (1817 – 1881)

Schwarz ging es nicht immer in evangelischen Gottesdiensten zu. Die Dokumentation „Historische Bilder zum Evangelisch-lutherischen Gottesdienst“ von Helmut Schatz zeigt es. Sie finden sie hier.

Teil 2 der Reihe „200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum“ finden Sie hier. Eine schriftliche Zusammenfassung aller Beiträge der Talarreihe finden Sie hier (pdf).