Einladung zum Vortrag „Frieden und Toleranz in der Evangelisch-lutherischen Kirche“ am 18. August

Über „Frieden und Toleranz in der Evangelisch-lutherischen Kirche“ wird Dr. Tim Unger aus Wiefelstede am Sonntag, 18. August, im Küstenmuseum Wilhelmshaven sprechen. Die Vortragsveranstaltung ist Teil des Rahmenprogramms der Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt. 150 Jahre religiöse Vielfalt an der Jade.“ Beginn ist um 15:00 Uhr in der Weserstraße 58.

Dr. Tim Unger (Bild: privat)

„Martin Luther hat den Begriff der Toleranz wesentlich mitgeprägt. Niemand dürfe zum Glauben gezwungen werden“, so Unger. „Ein allgemeines Verständnis der Toleranz als grundsätzlicher Religions- und Gewissensfreiheit hat sich aber in der lutherischen Theologie und Kirche erst im 19. und 20. Jahrhundert durchgesetzt.“ Der Referent geht der Geschichte nach und beleuchtet in seinen Ausführungen, wie heute in der lutherischen Kirche das Verhältnis von eigenem Glauben und pluralistischem Gesellschaftsverständnis gewichtet wird.

Tim Unger ist Gemeindepastor in Wiefelstede und arbeitet als Kirchenhistoriker über die konfessionelle Streitkultur im westlichen Niedersachsen.

Das Rahmenprogramm „Frieden und Toleranz“ findet in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Niedersachsen (EEB) und der Katholischen Erwachsenenbildung Wilhelmshaven Friesland Wesermarsch e.V. (KEB) statt.

Die Ausstellung „Wilhelmshaven glaubt.“ ist ein Projekt der AG „Religionenhaus Wilhelmshaven“ und des Demokratieprojektes „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“ des Förderprogramms „MITEINANDER REDEN“. Sie wird gefördert vom Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, Aktion Mensch, der Ja-Wir-Stiftung, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven, der Dr. Buhmann Stiftung und dem Rogate-Kloster Sankt Michael.

Informationen: wilhelmshavenglaubt.de

Fünf Fragen an: Petra Weitzel, Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

Fünf Fragen an Petra Weitzel, 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V., über die Trans*-Definition, das Geschlecht als Kontinuum und warum dies ein Thema für Kirche und Gemeinden sein sollte.

2017 Petra Weitzel

Petra Weitzel (Bild: privat)

Petra Weitzel, 57, Dipl. Ing (FH), verheiratet (Lebenspartnerschaft), engagiert sich in der „Projektgemeinde nicht nur für Schwule und Lesben“ in Frankfurt am Main seit 2004. In der Trans*Beratung ist sie seit 2009 tätig. Seit Juli 2017 ist sie 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

Rogate-Frage: Frau Weitzel, was ist Transidentität und was Transsexualität?

Petra Weitzel: Transsexualität und Transidentität bedeutet für die Träger_innen dieser Eigenschaften das Wissen, nicht oder nicht ganz dem ihnen bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht anzugehören.

Der Begriff Transsexualität wurde von Magnus Hirschfeld, Deutschlands bekanntestem Sexualwissenschaftler um 1920 geprägt und meint, dass Psyche und Körper geschlechtlich verschieden sind, eines davon „trans“ also jenseits vom anderen liegt. Es geht also um das Sein und nicht um das Tun.

Transidentität wurde Mitte der 1980er Jahre von Transidentitas e.V., unserem Vorgängerverein, und Medizinern im Rhein-Main Gebiet geprägt und betont eben genau einen Zustand und nicht sexuelles Handeln, woran bei „transsexuell“ uninformierte Menschen gewöhnlich zuerst denken.

Heute wird Transidentität tendenziell von Fachkräften, die up-to-date sind, häufiger benutzt als Transsexualität. Beispiele sind die Institutsambulanz der Universitätsklinik Frankfurt mit der „Transidenten Sprechstunde“ und zahlreiche Veröffentlichungen von Dr. Udo Rauchfleisch, Dr. Meyenburg und vielen anderen.

Es gibt Menschen, die beide oder einen der Begriffe als Bezeichnung für sich aus sehr unterschiedlichen Gründen ablehnen und deshalb neue Begriffe kreieren oder einfach nur als Mann oder Frau bezeichnet werden wollen. Auf der anderen Seite ist „transident“ nicht exklusiv Menschen vorbehalten, die zum Beispiel eine geschlechtsangleichende Operation wünschen.

Rogate-Frage: Welche Aufgaben hat die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualiät dgti e.V. und wer engagiert sich in ihr?

Petra Weitzel: Die dgti e.V. widmet sich seit 20 Jahren der Beratung transidenter/transsexueller Menschen, der Aufklärung von Pädagogen und Erziehern sowie medizinischem und betreuendem Personal.

Diese Beratung von gleich zu gleich ist eine sozialrechtliche- und Antidiskriminierungsberatung. Hier geht es um alles von A wie „Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz“ bis Z wie „Zuspruch“.

Neu hinzugekommen sind eine umfangreiche Aus- und Fortbildungsreihe für unsere Beratenden sowie Ärzte und Therapeuten und Publikationen und Filmprojekte wie „Reformation für Alle*„, die bestimmte gesellschaftspolitisch relevante Aspekte behandeln, mit dem Ziel, die Akzeptanz transidenter Menschen zu steigern.

Rogate-Frage: Von wie vielen Geschlechtern gehen Sie aus?

Petra Weitzel: Das Geschlecht eines Menschen ist genetisch betrachtet ein Kontinuum. Nicht nur dass das Gehirn unser wichtigstes Geschlechtsorgan ist (nach Prof. Milton Diamond) und zu einem unterschiedlichem Zeitpunkt wie der Rest des Körpers während der Schwangerschaft durch Sexualhormone geprägt wird, sondern auch viele andere Merkmale wie Größe, Körperform und so weiter, sind einer großen Bandbreite unterworfen, die vielen nicht bewusst ist. Das Vorhandensein einer bestimmten statistischen Durchschnittsgröße entsprechenden primärer Geschlechtsmerkmale bei der Geburt, sagt ohne Gentest und ohne dass der betreffende Mensch sich schon äußern könnte, nichts über das Geschlecht dieses Menschen aus.

Schon im Alter von drei Jahren können transidente Kinder merken, dass sie mit der Zuweisung und/oder dem Körper nicht übereinstimmen. In der Pubertät können intergeschlechtliche Menschen sekundäre Geschlechtsmerkmale entwickeln, die sich entgegengesetzt den primären Geschlechtsmerkmalen entwickeln oder sie kommen schon mit nicht eindeutigen Merkmalen auf die Welt.

Wir können daher nur von den Polen männlich und weiblich und jeder möglichen Zwischenstufe mit Bezeichnungen wie zum Beispiel nicht-binär sprechen. Folgerichtig, wenn beide rechtlich vorhandenen Geschlechter tatsächlich auch rechtlich überall gleichgestellt wären, könnten man im Idealfall auf eine „amtliche“ Sortierung des Geschlechts verzichten und damit jeder Person die Freiheit lassen, sich in einer Kategorie wohl zu fühlen oder nicht.

Rogate-Frage: Warum ist Transidentität und Transsexualität Thema für die Kirche?

Petra Weitzel: Kirche, dass sind im Falle der römisch-katholischen und evangelischen Landeskirchen in Deutschland in weltlicher Hinsicht Institutionen, die derzeit circa 60 Prozent der deutschen Bevölkerung auf sich vereinen. Das hat uns veranlasst uns mit der evangelischen Kirche zu beschäftigen, da wir hier schon viele Samenkörner sehen, aus denen etwas gutes wachsen kann.

Kirche ist für alle da. In dem Moment wo sie das nicht ist, hört sie auf Kirche zu sein.

In jeder Kirchengemeinde gibt es welche, die bei Abneigung gegen eine bestimmte Personengruppe, das passende Bibelzitat finden und wenn das nicht klappt, darauf vertrauen, dass ein wörtliches Zitat aus der Bibel, die Unkenntnis des hebräischen Urtextes vorausgesetzt, schon die gewünschte Wirkung hat.

So kommt es, dass uns „Gott schuf Mann und Frau, nach seinem Bilde“, vorgehalten wird. Der zweite Halbsatz wird weggelassen sowie die Tatsache, dass im hebräischen Adam, Mensch bedeutet und es dort männlich UND weiblich heißt. Als männlich und weiblich schuf er sie (die Menschen). Aus dem Urtext ist klar erkennbar: Am Anfang waren die Menschen beides. Etwas später gab Gott diesem Menschen eine Gefährtin. Aber heißt das nun, dass diese beiden Geschöpfe keine Anteile vom jeweils anderen haben dürfen?

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Cover der Broschüre „Reformation für Alle*“

Hat Gott nur Tag und Nacht geschaffen und Abendrot, Morgendämmerung sowie den Übergang nicht?

Wie könnten diese Geschöpfe zusammenkommen, wäre da keine Seelenverwandtschaft?

Über die Jahrhunderte hat sich die Kirche, seit der Reformation, immer wieder darauf besonnen, dass sie für alle da ist.

Ohne Luther, wo wären da Frauen in der Kirche heute? Die Ordination von Frauen, Segnung und Trauung gleichgeschlechtlicher Paare sind Errungenschaften der letzten 70 Jahre. Mit der Aufklärung nimmt die Inklusion zu. Die Kirche reformiert sich weiter, ecclesia semper reformanda, und dass muss sie auch.

Menschen als krank zu bezeichnen, die eine Eigenschaft haben, die man nicht verstehen kann, das hat in der Geschichte der Menschheit Tradition. Fugitivismus nannte man einst im 19. Jahrhundert die Tendenz von Sklaven, fliehen zu wollen. Es gab bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts christliche Glaubensgemeinschaften, die die Messlatte, wer in der Gemeinde akzeptiert ist, auf der Höhe der Hautfarbe angesiedelt haben. Auch dafür hatte man eine theologisch überzeugende Begründung. Darüber sind wir inzwischen weitestgehend hinweg und dies weist uns Weg.

Niemand hat es sich ausgesucht, transident zu sein. Es wurde uns mitgegeben und wir haben als transidente Menschen die Aufgabe verantwortungsvoll aber eigenverantwortlich damit umzugehen. Gott hat den Menschen die Fähigkeiten verliehen, hier etwas hinzuzulernen und das kann auch dazu benutzt werden den Körper der Seele anzupassen. Gott kann in die Herzen der Menschen hineinsehen und wird es verstehen.

Rogate-Frage: Was wünschen Sie sich von den Kirchen und den Kirchengemeinden?

Petra Weitzel: Das Annehmen des Anderseins als etwas Schönes und Gottgegebenes, dass wäre meine Definition von Reformation im 21. Jahrhundert. Jeder Mensch, gleich welcher Herkunft, Alter, Leistungsfähigkeit, sozialem Status, geschlechtlichem Zustand oder sexueller Orientierung sollte gleich in den Kirchengemeinden willkommen sein. Jeder Mensch ist anders, mal mehr oder weniger offensichtlich. Das zu Begreifen ist eine Herausforderung, aber es gibt einen Lohn dafür, der sich nicht berechnen lässt und sich in Frieden, Freiheit und Glück ausdrückt.

Rogate: Vielen Dank, Frau Weitzel, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

In folgenden Youtube-Video kommen Menschen, die mit der Kirche verbunden sind, zum Thema „Kirche und Transsexualität“ zu Wort.  Er wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Reformationsjubiläums gefördert.

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen:

Meinung: #dazusteheich – ein Wort der Kirche in Köln

„Dazu stehe ich“ #dazusteheich – das sagen die Superintendentin und die Superintendenten des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region zu Rechtspopulismus und anderen Themen unserer Zeit.
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – „Ihr sollt die Fremdlinge lieben“ – mit diesen beiden Bibelworten aus dem Ersten und dem Zweiten Testament beginnen die Statements der Superintendenten und Superintendentin des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. Die Aussagen zu den Themen „Nächstenliebe“, „Schöpfung“, Luthers „Goldener Regel“ und „Europa“ setzen ein Zeichen unter dem Motto #dazusteheich.

 

Fünf Fragen an: Regisseurin Tatjana Rese, Regisseurin und Autorin

Fünf Freitagsfragen an Tatjana Rese, Regisseurin und Autorin, über Martin Luther als „Rebel wider Willen“, über den kulturellen Hintergrund unseres Lebens und das Verhältnis des Reformators zum Teufel.

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Tatjana Rese (Bild: privat)

Die Berlinerin Tatjana Rese studierte Germanistik an der Humboldt-Universität und verschrieb sich dann dem Theater. Als Schauspieldirektorin führte sie ihr Weg nach Schwedt, Esslingen, Braunschweig und Detmold. Sie inszeniert im Bereich Schauspiel, Kabarett, Oper und Musical. Rese verfasste Bühnenbearbeitungen von Film, Roman und Märchen und realisierte eigene Musicals und Revuen, unter anderem in Leipzig, Konstanz, Eisenach und Wilhelmshaven. In ihrer Heimatstadt arbeitet sie für das Kabarett „Die Stachelschweine“ und engagiert sich seit vielen Jahren für das „Opernfestival Schloss Britz„.

Rogate-Frage: Frau Rese, Martin Luther beschäftigt Sie schon länger. Warum?

Tatjana Rese: Obgleich ich persönlich nicht konfessionell gebunden bin, sehe ich den christlichen Glauben als kulturellen Hintergrund unseres Lebens. Besonders das reformatorische Gedankengut beeinflußt uns alle bis heute, prägt unser Denken und Handeln, strukturiert den Alltag. Das zentrale Werk Luthers, seine deutsche Übersetzung der Bibel, ist seit Jahrhunderten Quelle für künstlerisches Schaffen, in der Malerei, in der Literatur, auf dem Theater. Diese Ur-Bilder lassen uns nicht los und wir schöpfen aus ihnen.

Aus diesem grundsätzlichen Interesse entstand die Spurensuche, die, zugegebenermaßen, durch die Lutherdekade forciert wurde. Inzwischen habe ich mich in das Thema soweit eingearbeitet, dass noch ein Luther-Krimi entstanden ist. Der historische Krimi „Freies Geleit für Martin Luther“ erscheint im März 2017 im Buchhandel. Hier beschäftigt uns, den Autor Matthias Eckoldt und mich, ein fiktiver Kriminalfall, in den Luther während des berühmten Reichstages 1521 in Worms verwickelt wird.

Ja, irgendwie komme ich von dem Mann wohl nicht mehr los.

Rogate-Frage: Welche Herausforderungen verbinden Sie als Regisseurin mit „LUTHER! – REBELL WIDER WILLEN“?

Tatjana Rese: Ich bin bei diesem Projekt in der besonderen Lage, sowohl Autorin als auch Regisseurin zu sein. Und in beiden Rollen interessiert mich der Mensch Luther in Konfrontation mit seiner Zeit.

Das Anachronistische der Persönlichkeit fasziniert mich: Ein Mann, noch tief verhaftet im Mittelalter, macht sich auf den Weg in eine neue Zeit und wird wider Willen zur Gallionsfigur theologischer und sozialer Umbrüche. Dabei ist er selbst eine äußerst zerrissene Persönlichkeit. Kämpfer und Zauderer, ein Protestler, der obrigkeitstreu bleibt. Er schreibt gegen den Papst an, redet dem deutschen Adel ins Gewissen, will den gütigen Gott für alle und wütet dann gegen die aufständischen Bauern. Die Untertanen werden von ihm zum Gehorsam verdonnert, sie sollen Gewalt und Unrecht schweigend erdulden.

Vor allem jedoch ist es die ungeheuerliche Zeitenwende in der Luther agiert, die das Thema für uns heute so greifbar und nachvollziehbar macht: Eine Welt die aus den Fugen ist. Eine Welt, in der viele Menschen nach Halt und Orientierung suchen. Die Zeilen des Songs des Schriftgießers Stephan, den er ganz am Schluss des Oratoriums singt, sind meine persönlichste Botschaft:

Die innre Stimme soll den Weg
Für unser Leben nennen.
Und keine irdisch‘ Macht verhüt‘,
Dass wir sie hören können.
Ganz aus dem Metrum ist die Welt,
Sie droht uns zu verschlingen.
Des Herzen Takt, das inner Maß
Nur kann uns Freiheit bringen.

Rogate-Frage: Was macht ein „Rock-Oratorium“ aus? Ist „Luther“ nicht eher ein Musical?

Tatjana Rese: Der Komponist Erich Adalbert Radke und ich haben 2013 ein Auftragswerk für das Theater Eisenach geschrieben und auf Wunsch des Hauses sollte es die Form eines populären Genres haben, so ist unser Musical entstanden, das ab Mai bis Juli 2017 wieder im Spielplan des Theaters Eisenach ist. Der Form des Musicals folgend gibt es ein Orchester, große Ballettszenen und ein sehr opulentes Bühnenbild einschließlich Videoperformance.

Das Theater Wilhelmshaven wünschte sich eine kleinere Form. So haben wir das Material nochmals bewegt und umgeschrieben, für eine Rock-Band, zehn Sänger und einen Chor. Das Format des Oratoriums schien uns dafür besonders geeignet: ein Erzähler führt durch die Geschichte, die sehr emtional durch Arien, Duette, Terzette, Quartette gestaltet wird, ein Chor reflektiert das Geschehen. Die Rockmusik ist eine moderne wie auch archaische Musik, die den Bogen von der Musik der Lutherzeit ins Heute wunderbar schlagen kann.

Rogate-Frage: Warum führen Sie das Stück ausschließlich in Kirchen auf und welche Wirkung haben die Sakralräume auf das Stück, die Darsteller und das Publikum?

Tatjana Rese: Die Kirche ist die Heimat des Oratoriums. Dort kommt diese Musikform ursprünglich her. Hierhin wollten wir mit diesem modernen Oratorium zurückkehren. Dabei entstand die Idee, den Chor aus Sängerinnen und Sängern aus der Region zu formen. So ist es in der Tat die Gemeinde, die bei der Aufführung mitwirkt. Und schließlich geht es Luther ja vor allem um die Auseinandersetzung mit der Kirche.

Die Kirchenhäuser sind geschichtsträchtige Orte. Ihre Mauern beherbergen viele Schicksale, oft über Jahrhunderte. Diesen Geruch atmet man bei den Proben und Vorstellungen mit ein. Die christlichen Gotteshäuser mit einer modern erzählten Geschichte zu konfrontieren, ist ein sehr sinnlicher Prozess.

Die besondere und streitbare Geschichte der Christus- und Garnisionskirche in Wilhelmshaven, mit der das Theater kooperiert und in der unsere Premiere stattfand, hat mich sehr bewegt; sie erzählt heute noch von den Kriegen und Schlachten, die wir zu Unrecht geschlagen haben. Für das Publikum ist die Aufführung, hoffe ich, an so authentischen Orten ein besonderes Erlebnis.

Rogate-Frage: Im Stück werden der Teufel und Johann Tetzel mit Attributen darstellt, die vermuten lassen, sie seien schwul oder trans*. So werden gleichgeschlechtliche Sexpraktiken zwischen Satan und dem Dominikaner angedeutet und genannt. Welches Ziel wird in der Inszenierung und beim Publikum damit verfolgt?

Tatjana Rese: Ehrlich gesagt, das Thema hat uns eigentlich gar nicht interessiert.

Aber wenn dieser Eindruck entstehen sollte, dann versuche ich ihn mir zu erklären: Der Anmutung des Homoerotischen entsteht vielleicht dadurch, dass der Teufel Luther in unserem Oratorium im wahrsten Sinne des Wortes ständig im Nacken sitzt. Mitunter scheint es, als gingen die beiden eine körperliche Symbiose ein. Das ist für mich eine Metapher für den inneren Kampf gegen das Böse, den die Figur führt.

Luther selbst hatte offensichtlich, viele Schriften und Briefe belegen das, eine sehr persönliche Beziehung zum Teufel, der ihn lebenslang zu verfolgen schien.

In unserer Aufführung erscheint der Teufel mitunter in geborgten Gewand, so in einer großen Marktszene als Ablaßhändler Tetzel. Das ist eine Verführungsszene. Der Teufel will die Leute zum Geldausgeben verführen um sich von ihren Sünden freizukaufen. Dabei ist ihm jedes Mittel recht und er holt mit dem „Tanz des Mammon“ zur großen Showeinlage aus. Mit seinem Kompagnon Jahnn Zacke veranstaltet er einen anzüglichen, von fleischlicher Lust getrieben Tanz, um die Leute aufzugeilen. Seine Sprache ist schnodderig und heutig. Den „Tanz ums goldene Kalb“ tanzen wir alle doch fast täglich, oder?

Rogate: Vielen Dank, Frau Rese, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Fünf Fragen an: Gunther Wenz, Professor für Systematische Theologie in München

Professor Gunther WenzFünf Freitagsfragen an Professor Gunther Wenz über das Verhältnis der Reformatoren zu den Klöstern, den evangelischen Dienst der Kommunitäten und die Wahrnehmung von Taizé.

Geboren wurde Gunther Wenz 1949 im mittelfränkischen Weißenburg. Er ist ordinierter Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Seit 1995 hat er den Lehrstuhl für Systematische Theologie I an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München inne und ist Direktor des Instituts für Fundamentaltheologie und Ökumene.

Rogate-Frage: Herr Professor Wenz, Mitgliedern evangelischer geistlichen Gemeinschaften wird nicht selten gesagt: „Klöster sind unevangelisch“ und „Luther war ein Gegner aller Klöster“. Ist da was dran?

Gunther Wenz: Luther und die anderen Reformatoren haben sich bei aller Kritik niemals grundsätzlich gegen ein klösterliches Leben ausgesprochen, sondern dessen Wert stets zu schätzen gewusst. Dies belegt unter anderem der 27. Artikel der Confessio Augustana, der von den Klostergelübden handelt. Kritisiert wird, dass viele und namentlich junge Leute nicht aus eigenem Antrieb und Willensentschluss, sondern etwa aus Versorgungsgründen ins Kloster gelangten. Kritisiert wird ferner der Anspruch, das Klosterleben stehe höher als andere von Gott eingesetzte Stände, wie etwa der Ehestand. Von diesen und vergleichbaren Einwänden bleibt aber die prinzipielle reformatorische Hochschätzung des Klosters als einer spezifischen Lehr- und Lernanstalt christlichen Glaubens unbetroffen.

Rogate-Frage: Keine evangelische Kirchenzeitung kommt heute ohne Texte von Pater Anselm Grün oder anderen katholischen Ordensleuten aus. Fehlt der evangelischen Kirche die Spiritualität eigener Klöster? Und welchen Platz haben Kommunitäten und Klöster in heutigen Protestantismus?

Gunther Wenz: Es ist auch für einen Protestanten sehr gut und nützlich zu wissen, dass es Menschen gibt, die ihr Leben primär dem gemeinschaftlichen Gottesdienst und dem Gebet widmen. Wie keine sinnvolle Tätigkeit ohne Muße und Ruhe auskommt, so bedarf die christliche Kirche bestimmter Horte der Abkehr von aller äußeren Geschäftigkeit und der inneren Konzentration. Wenn zu solch gesammelter Konzentration auf den fundierenden Grund unserer selbst und unserer Welt katholische oder orthodoxe Klöster und Ordensleute beitragen, dann tun sie an uns und an der Welt einen evangelischen Dienst.

Rogate-Frage: Manche sagen, dass die ökumenische Gemeinschaft von Taizé nur in Frankreich groß werden konnte. In Deutschland hätten die verfassten Kirchen die Entwicklung einer solchen Institution verhindert. Ist diese These abwegig?

Gunther Wenz: Ich habe mit der ökumenischen Gemeinschaft von Taize keine persönlichen Erfahrungen und kann auch nicht sagen, ob und gegebenenfalls warum sie nur in Frankreich groß werden konnte. Deshalb nur folgende Anmerkung: In diesen Tagen ist meiner Fakultät eine empirische Studie zum Einfluss von Taize auf die Spiritualität Jugendlicher als Dissertation vorgelegt worden. Als besonders bedeutsam wird von allen Befragten das Leben in Einfachheit, die geistliche Strukturierung des Alltags, der gemeinsame Gesang als dichte Ausdrucksform des Glaubens (Luther sagt: „Zweimal betet, wer singt!“), der Zusammenhang von Schweigen und Existenzwahrnehmung, die Zuwendung zu den Armen und Benachteiligten sowie die Offenheit für andere Konfessionen und religiöse Bekenntnisse hervorgehoben. Auch dem gemeinsamen Theologisieren wird von den Jugendlichen ein überraschend hoher Stellenwert zuerkannt. Als besonders eindrucksvoll wird in der Regel die Gestaltung der Abendmahlsfeiern empfunden. Inwieweit die ökumenische Gemeinschaft von Taize ein Vorbild für die ökumenischen Beziehungen der christlichen Kirchen insgesamt sein kann, lasse ich dahingestellt; eine spirituelle Bereicherung des Kirchenlebens stellt sie auf jeden Fall dar.

Rogate-Frage: Was ist die Besonderheit von Klöstern und Kommunitäten und welche inneren und äußeren Freiheiten brauchen sie – auch von der Amtskirche – zur eigenen Entwicklung?

Gunther Wenz: Die Kirche ist insgesamt eine Kommunität, nämlich die Gemeinschaft derjenigen, die im Glauben an Wort und Sakrament und mittels der Heilsmedien an dem in Jesus Christus in der Kraft seines Heiligen Geistes offenbaren Gott teilhaben. Klösterliche Kommunitäten stehen innerhalb dieser Gemeinschaft und haben entsprechend die institutionellen Grundregeln zu achten, die für die ganze Kirche gelten. Unter dieser Voraussetzung ist ihnen jede Freiheit zu gewähren, die Christenmenschen zukommt, um je an ihrem Ort die spezifischen Aufgaben zu erfüllen, die ihnen von Gott gestellt sind.

Rogate-Frage: Was schätzen Sie persönlich an Ihnen bekannten Kommunitäten und Klöstern?

Gunther Wenz: Ich war als Mitherausgeber der Zeitschrift „Una sancta“ häufig in Kloster Niederaltaich an der Donau. Jeder Besuch war für mich ein Erlebnis: die Lage des Ortes, die historische Dimension, die er zu erkennen gibt, die geschwisterliche Atmosphäre, die ökumenische Offenheit, die Bedeutung, die jedem Einzelnen in der Gemeinschaft beigemessen wird. In der Kirche Jesu Christi stehen Individualität und Sozialität paritätisch in Geltung. Um dies einzusehen, muss man nichts ins Kloster gehen; aber man kann es dort, wie ich denke, in besonderer Weise erfahren.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Wenz, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 2. September 14 |19:00 Uhr, VESPERGamle Oslo kro og kirkekor
  • Donnerstag, 4. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Sonnabend, 6. September |18:00 Uhr, musikalische Vesper mit dem «Gamle Oslo kro og kirkekor». Gemeinsam veranstaltet mit der Norwegischen Kirche in Berlin (Sjømannskirken).
  • Unseren Gottesdienstplan für den September finden Sie hier.

 

Fünf Fragen an: Rainer Kampling, Professor für Biblische Theologie an der FU Berlin

Fünf Freitagsfragen an Prof. Rainer Kampling über die Gottesgebärerin Maria, Vorbilder im Glauben und den Unterschied zwischen Anbetung und Anrufung.

Univ.-Prof. Dr. Rainer KamplingRainer Kampling wurde 1953 im Münsterland (Nordrhein-Westfalen) geboren. Nach dem Zivildienst studierte er Katholische Theologie, Lateinischen Philologie und Judaistik an der Westfälische-Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1992 ist er Professor für Biblische Theologie/Neues Testament am Seminar für Katholische Theologie an der Freien Universität Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Theologie und Geschichte der Jüdisch-Christlichen Beziehungen. Er ist derzeit Sprecher des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS).

Rogate-Frage: Herr Prof. Kampling, welche Rolle hat Maria in der römisch-katholischen Kirche und Theologie? Bleibt da noch Platz für Christus und den Heiligen Geist?

Rainer Kampling: Wenn wir in die Spätantike zurückgehen, finden wir den Beschluss des Konzils von Ephesos von 431. Dort wird ausgesagt, Maria sei „Gottesgebärerin“. Damit ist freilich nicht vorrangig eine Aussage über Maria gemacht worden, sondern über Jesus Christus. Von hierher lässt sich Ihre Frage beantworten: Alles, was über Maria gesagt werden kann, hat seinen Grund und sein Ziel im Handeln Gottes in und durch den, den Christinnen und Christen als seinen Sohn glauben und bekennen. Zugleich aber wird mit Ephesos überdeutlich ausgesagt, dass Maria in dieses Handeln mithineingenommen ist. Von hierher erklärt sich ihre Verehrung, die aber immer der Hinwendung zum trinitarischen Gott untergeordnet bleibt.

Rogate-Frage: Der biblische Befund ist nicht unbedingt umfassend, wenn es um Jesu Mutter geht. Wie konnte es dann zu der großen Rolle kommen, die man ihr im katholischen Kontext eingeräumt hat?

Rainer Kampling: Nun, immerhin steht Maria nach dem lukanischen Werk am Anfang der Geschichte Gottes in Jesus Christus und am Anfang der Kirche. Beides bildet die zwei Säulen der Marienverehrung der katholischen Kirche: Maria ist dem Geheimnis nahe und der Kirche verbunden. An ihr wird Wirklichkeit, was wir berechtigt hoffen und glauben dürfen: die vollkommene Annahme in der Gnade Gottes.  Die unerwartete Erfahrung der Gnade Gottes ohne Ansehung der Person findet bis heute ihre Antwort in der Verehrung der Frau aus Nazaret (Lukas-Evangelium 1,48: „denn hingesehen hat er auf die Niedrigkeit seiner Magd“) als Mutter der Gläubigen („Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter“).

Rogate-Frage: Es heißt, Maria, die Apostel und Heiligen werden nicht angebetet, sondern angerufen. Wo ist der Unterschied?

Rainer Kampling: Hier helfen die Worte selbst: Wer etwas anbetet, anerkennt, dass der oder das grösser ist als man selbst. Die Geschichte hat gezeigt, dass man gewiss Menschen, Ideologien und Dinge angebetet und vergötzt hat und darin untergegangen ist. Aber nur dem Einen kommt Anbetung zu: „Denn es steht geschrieben: Zum Herrn, deinem Gott, sollst du beten und ihm allein dienen.“ (Matthäus-Evangelium 4,10) Die Verehrung der Heiligen, besonders die der Jungfrau Maria, beruhen auf der Anerkenntnis ihrer Vollkommenheit, die Gott ihnen geschenkt hat. Und weil sie in der Kirche gegenwärtig – der Tod trennt niemanden in der Gemeinschaft Gottes – sind, können sie angerufen werden als Fürsprecher vor Gott, damit sich ihre Bitte mit der unsrigen verbindet.

Rogate-Frage: Welche Rolle haben die Heiligen in Ihrer eigenen Frömmigkeit und Glaubenspraxis?

Rainer Kampling: Der selige Rainer von Osnabrück ist mein Namenspatron, und ich blicke ein wenig scheu und mit viel Demut auf ihn. Meine Lieblingsheiligen sind Filippo Neri und Josef von Copertino. Man lese nach, wie sehr sie die Freude Gottes lebten. Und schon als kleines Kind lernte ich das Ave Maria; es begleitet mich durch manchen Alltag.

Rogate-Frage: Welche Schnittmengen sehen Sie in der Frage der Marienverehrung und Heiligenfrömmigkeit in der Ökumene zu den Protestanten?

Rainer Kampling: Bei dem Luthertext „Das Magnificat“ verdeutscht und ausgelegt (WA 7, 546–601) könnte man wohl anfangen. Und während eines Aufenthalt in Sachsen-Anhalt konnte ich doch viele sehen, die den Lutherpilgerweg gingen. Kann es nicht sein, dass es eine größere Sehnsucht nach Vorbildern im Glauben gibt, als man manchmal denkt…

Rogate: Herr Prof, Kampling, herzlichen Dank!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Ausstellung "Töten aus Überzeugung"Sonntag, 20. Juli 14|10:00 Uhr, Gottesdienst zur Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“, Predigt: Pfarrerin Barbara Eschen, Direktorin Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Hier der Einladungsflyer „Töten aus Überzeugung“.
  • Dienstag, 22. Juli 14|19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 24. Juli 14|19:30 Uhr, EUCHARISTIE, Vorabend Tag Apostel Jakobus d. Älteren
  • Dienstag, 29. Juli 14|19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet