Frank Moritz: Fallen wir nicht auf Putins Propaganda rein!

Der Überfall Putins auf die Ukraine verleitet zu einem Schwarz-Weiß-Denken. Kein Wunder, jeder Krieg provoziert das Freund-Feind-Schema. Vorsicht Falle! Wir sollten es uns nicht zu einfach machen und etwa alle Menschen mit russischem Hintergrund vorschnell einzuordnen und zu verurteilen.

Pastor Frank Moritz (Bild: Banter Kirche Wilhelmshaven)

Eine Konfirmandin hat mich auf unserer letzten Konfirmandenfreizeit zum Nachdenken gebracht. Wir hatten eine kleine Olympiade mit verschiedenen Spielen organisiert. Dafür sollten sich jeweils Teams mit vier Mitgliedern zusammenfinden. Eine Aufgabe war es auch, ein Wappen für das eigene Team zu malen. Die Konfirmandin, die ich vor Augen habe, malte für ihr Wappen eine russische und eine deutsche Fahne. Dazu zwei Hände, die miteinander verschränkt waren. Sie erklärte ihr Bild mit den Worten: „Wir sind in unserem Team je zwei Kinder, die in Deutschland und die in Russland geboren sind. Ich will, dass wir Freunde sind.“ Ihre Äußerung hat mich bewegt, denn ich habe mich gefragt, was sie denn wohl zu dieser Aussage veranlasst hat.

Die Kleine stammt aus einer russlanddeutschen Familie aus der sibirischen Großstadt Omsk und ist mit ihren Eltern und ihren Großeltern vor acht Jahren nach Deutschland gekommen.

Wir haben in unserer Banter Kirchengemeinde seit dreißig Jahren viele Kontakte zu russlanddeutschen Familien. So habe ich auch viel über das Schicksal dieser Menschen erfahren. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie von Stalin zu Feinden erklärt, nur weil sie Deutsche waren. Sie wurden aus ihrer angestammten Heimat an der Wolga oder in der Ukraine weit in den Osten deportiert. Unter den unwürdigen Verhältnissen sind unzählige Menschen umgekommen. Einige mussten damals in Erdlöchern hausen, um zu überleben. Man zwang die Menschen in die sogenannte Trudarmee, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Alle standen unter der ständigen Kommandatur, d.h. sie durften ihren Ort in der Regel nicht verlassen. Jeder beschimpfte sie als „Fritzen“ und „Faschisten“ Erst nach Stalins Tod war es ihnen möglich, etwa nach Kasachstan umzusiedeln, um sich endlich ein eigenes Leben aufzubauen.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ergab sich die Möglichkeit, in das Land der Vorfahren, nach Deutschland zurückzukehren. Doch wurde man in Russland als „Deutsche“ beschimpft, folgte hier oft das Gegenteil, man bezeichnete sie als „Russen“. Doch die insgesamt ca. 2,5 Millionen Russlanddeutschen bewiesen eine große Bereitschaft, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren und es ist den meisten in wenigen Jahren auch gut gelungen. Wie bei jeder Einwanderungsgruppe gab es sicher auch hier Menschen, denen die Eingewöhnung schwerer fiel und die auch mit der deutschen Sprache nicht so gut zurechtkamen. So kam es, dass einige nur russische Medien konsumierten und daher auch Putins Ideologie aufgesessen sind.

Doch bitte bitte setzen wir nicht alle gleich!

Wir versammeln uns hier, um gemeinsam für den Frieden in der Ukraine zu beten. Putin hat das Interesse, unsere Gesellschaft zu spalten. Fallen wir nicht auf seine Propaganda herein, betrachten wir unsere Russlanddeutschen als die, die sie sind, unsere Nachbarinnen und Nachbarn, unsere Kolleginnen und Kollegen, ja und auch unsere Freundinnen und Freunde.

Ihre Familien haben viel durchgemacht und auf sich genommen und sich mit großem Einsatz in unsere Gesellschaft eingebracht, um mit uns gemeinsam als Deutsche zu leben.

Ein Beispiel aus unserer Gemeinde kommt mir vor Augen. Damals, Anfang der Neunziger Jahre, haben wir in unsere Kleiderkammer für die neu Eingewanderten geöffnet. Heute sind wir für die Ukrainerinnen und Ukrainer da und es ist von Bedeutung, dass wir unter den Ehrenamtlichen in der Kleiderkammer auch zwei russlanddeutsche Frauen haben. Wie gut, denn nicht alle Ukrainerinnen sprechen Englisch oder gar Deutsch. Russisch verstehen aber alle.

„Ich will, dass wir Freunde sind“, sagte die Konfirmandin, die einst mit ihrer Familie aus Omsk nach Deutschland gekommen ist. Ich habe ihren Worten nichts hinzuzufügen.

Intervention von Pastor Frank Moritz; Banter Kirche Wilhelmshaven, im ökumenischen Friedensgebet am Dienstag, 26. Juli 2022, in der Sankt WIllehad-Kirche. Zu den Friedensandachten wird seit Kriegsbeginn im Februar von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael eingeladen.

Willkommen zu den nächsten Rogate-Gottesdiensten und -Terminen in Berlin und Wilhelmshaven:

  • Sonntag 31. Juli 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Liturgie und Predigt: Br. Franziskus. Organist: Gabriel Pech. Lektor: Jürgen Doster. Kirchdienst: Gesine Schmithals. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Dienstag, 9. August 2022 | 19:00 Uhr. Vesper, das Abendgebet. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Dienstag, 9. August 2022 | 20:00 Uhr. (Mitgliederöffentliche) Mitgliederversammlung Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin e.V.. Ort: Bibliothek im Pfarrhaus, An der Apostelkirche 3, Berlin-Schöneberg.
  • Donnerstag, 11. August 2022 | 19:30 Uhr. Komplet, das Nachtgebet. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Donnerstag, 11. August 2022 | 20:00 Uhr. (Mitgliederöffentliche) Mitgliederversammlung Förderverein Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin e.V.. Ort: Bibliothek im Pfarrhaus, An der Apostelkirche 3, Berlin-Schöneberg.
  • Dienstag, 30. August 2022 | 18:00 Uhr, ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.
Bezirksevangelist Eike Rosentreter (von links), Lektorin Susanne Klenk, Pastoralreferentin Daniela Surmann, Bianca Bolle, Bürgermeisterin Gesche Marxfeld, Bruder Franziskus und Pastor Frank Moritz nach dem Friedensgebet am 26. Juli 2022 vor der Sankt WIllehad-Kirche (Bild: Klenk).

IDAHOBIT 2022: Intervention von Thomas Beckmann (Ökum. Arbeitsgruppe HuK)

Ist doch alles gut jetzt. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz – also unsere Landeskirche – hat sich letztes Jahr sogar entschuldigt, für ihre Fehler im Umgang mit queeren Mitarbeitenden und Gemeindegliedern. Der Bischof selbst hat Umdenken gelernt, wie er in seiner bewegenden Predigt kund tat. Es hat jemand die Geschichte aufgearbeitet und es gibt einen Ansprechpartner.

Thomas Beckmann (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche – Bild: Rogate-Kloster)

Alles gut jetzt? Oder doch nicht? Ja, es ist vieles zum Guten gewendet, die Trauung für alle entwickelt sich zur Selbstverständlichkeit, wie ich vorgestern noch abkündigen durfte.

Es sind nicht mehr die großen Dinge, die in der Landeskirche weh tun, sondern die kleinen, spitzen Bemerkungen, aber sie stechen tief. Sei es in Gemeindekreisen, bei der Chorprobe, wenn ein Sänger sich im Smalltalk der Pause nicht traut, von seinem Urlaub mit seinem Mann zu erzählen, oder im Konfi-Kreis, wenn ein Mädchen laut sagen möchte, dass es als Mädchen fühlt und nicht als Junge, wie es noch außen noch ausschaut, aber Angst hat vor den Reaktionen der anderen Konfis. Sei es, dass ein lesbisches Paar im Gottesdienst alleine sitzt – „weil die ja anders sind“.

Die Selbstverständlichkeit der bunten Fülle des Regenbogens in den Gemeinden muss auch weiterhin eingeübt werden. Und das gilt nicht nur in der Landeskirche sondern auch und besonders in vielen der Freikirchen.

Vom völligen Tabu in den orthodoxen Kirchen gar nicht erst zu reden. Sonntag sagte mir noch eine Frau aus unserer Gemeinde, deren Sohn bei uns seinem Mann heiratete, dass in ihrer rumänischen Heimat ein Outing fast tödlich wäre…

Auch in der weltweiten Ökumene, in der Zusammenarbeit mit den Kirchen der Partner*innenschaft –  wie z.B. Tansania – ist deren Umgang mit queeren Themen anzusprechen.

Auch und gerade in den kleineren Formen der Verständigung bleibt noch viel zu tun und aufzuarbeiten, bis die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht zu unserer Zeit. Erbarme dich, Gott.

Thomas Beckmann (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche) im ökumenischen Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022 in Anwesenheit von Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) und Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbistum Berlin) in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg.

Hinweis Presseschau: Über die Predigt des Berliner Erzbischofs in unserem Gottesdienst hat katholisch.de berichtet. Sie finden den Artikel hier. Siehe auch „Kirche und Leben“ hier.

Martin Ehlers: Wir sind nicht tatenlos. Aber, haben wir genug getan?

Es ist Krieg mitten in Europa. Mitten unter uns geschieht das Unfassbare. Russland überfällt die Ukraine. Russland zieht über Monate hinweg Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen. Die Warnungen sind nicht zu übersehen. Die westlichen Demokratien versuchen auf allen diplomatischen Kanälen, Putin zum Truppenabzug zu bewegen.

Ratsherr Martin Ehlers (Bild: privat)

Wir sind nicht tatenlos. Aber, haben wir genug getan?

Vier Tage nach dem Ende der Olympischen Winterspiele am 24. Februar 2022 greift Russland die Ukraine trotz aller diplomatischen Bemühungen an. Wir sind am Morgen des 24. Februar in einer Welt aufgewacht, die Putin so wollte, die wir aber nicht wahrhaben wollten. Westliche Demokratien beginnen, der Ukraine Waffen zu liefern. Panzerfäuste, Flugabwehrwaffen, Maschinengewehre, Helme, Schutzwesten und Sanitätsmaterial.

Wir sind nicht tatenlos. Aber, haben wir genug getan?

Putin droht der NATO mit nie dagewesenen Konsequenzen, wenn sie der Ukraine militärisch beisteht. Die westlichen Demokratien verhängen Sanktionen gegen Russland. Die Ukraine erhält wirtschaftliche Hilfen. Der Westen schließt aber eine militärische Beteiligung bei der Verteidigung der Ukraine kategorisch aus. Aus Angst vor Putins Drohkulisse will der Westen nicht provozieren.

Wir sind nicht tatenlos. Aber, haben wir genug getan?

Russland führt einen Krieg gegen Städte. Wohnviertel, Krankenhäuser, Schulen und die technische Infrastruktur wie Gas-, Wasser und Stromleitungen werden angegriffen. Zivile menschliche Opfer werden dabei in die Angriffe einbezogen. Die Staaten in West- und Mitteleuropa nehmen Millionen geflüchteter Ukrainerinnen und Ukrainer, darunter viele Kinder auf. Ein schier unendlich großes Engagement von Helferinnen und Helfern ist für die verzweifelten Menschen aus der Ukraine da, um ein kleines Licht in dieser Dunkelheit zu spenden.

Wir sind nicht tatenlos. Aber, haben wir genug getan?

An dieser Stelle danke ich aber ausdrücklich den vielen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helferinnen und Helfern, die bei der Feuerwehr, dem THW, den Wohlfahrtsverbänden, der Stadt Wilhelmshaven sowie den ungezählten privaten Initiativen alles tun, um die bei strandenden Menschen aus der Ukraine aufzufangen.

Seit sechs Wochen herrscht Krieg in der Ukraine. In den vergangenen Tagen erreichen uns verstörende Bilder von ermordeten, zum Teil gefesselten Frauen, Männern und Kindern aus der Stadt Butscha. Am Straßenrand liegen Leichen, Massengräber mit Frauen, Männern und Kindern wurden entdeckt. Die westlichen Staaten erhöhen den Druck auf Russland, liefern noch mehr Waffen an die Ukrainer, weisen russische Diplomaten aus und kündigen schärfere Sanktionen an.

Wir sind nicht tatenlos. Aber, haben wir genug getan?

Russland führt einen Vernichtungskrieg. Für Putins Armee sind Zivilisten ein militärisches Ziel. Mariupol wird völkerrechtswidrig ausgehungert und bombardiert. Die Vernichtung der Ukraine ist das Ziel. Die gesamte Bandbreite von Kriegsverbrechen geschieht vor unseren Augen in Europa. Politiker der westlichen Welt sprechen davon, dass Rote Linien überschritten wurden. Die führenden Politiker aus NATO und EU treffen sich.

Wir sind nicht tatenlos. Aber, tun wir das Richtige?

Die Hoffnungslosigkeit der Menschen wird immer größer. Viele von uns haben Geld gespendet, vielleicht haben sie auch Geflohene aufgenommen oder haben versucht, einem Menschen aus der Ukraine Trost zu spenden. Wir demonstrieren zu Hunderttausenden für den Frieden und versammeln uns zu Gebeten.

Wir sind nicht tatenlos. Aber, haben wir genug getan?

Der nächste Putin wartet schon und schaut genau, wie die freie Welt in dem Kampf der Ukraine um Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie agiert und wo unsere Schwächen sind.

Wir brauchen jetzt Mut, unser Land auf große Kraftanstrengungen vorzubereiten. Was muss noch passieren, dass wir aus unserer Komfortzone herauskommen.

Vor diesem Hintergrund ist ein von mir in Bezug auf die Ukraine abgewandeltes Zitat von Ernst Reuter aus dem Jahre 1948 zum Zeitpunkt der Berlinblockade durch die Sowjetunion in den Sinn gekommen: „Ihr Völker der Welt schaut auf dieses Land und schaut auf dieses Volk und erkennt, dass ihr dieses Land und dieses Volk nicht preisgeben könnt und nicht preisgeben dürft.“ Damit rief er der freien Welt zu, ihr dürft uns nicht im Stich lassen! Die Ukraine braucht jede Unterstützung, die die Gemeinschaft der freien und demokratischen Staaten leisten kann. Die Menschen brauchen die Unterstützung, die jeder einzelne von uns leisten kann. Wir dürfen die Ukraine nicht im Stich lassen.

Das gilt heute, das galt aber schon vor sechs Wochen und das gilt auch in Zukunft. Das unermessliche Leid der Ukraine mahnt uns.

Wir sind nicht tatenlos. Aber, tun wir genug? Ich bin nicht tatenlos. Aber, tue ich genug?

Martin Ehlers, Ratsherr und Vorsitzender der CDU Wilhelmshaven, am 5. April 2022 im ökumenischen Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine in der Sankt Willehadkirche zu Wilhelmshaven.

Die nächsten geplanten Rogate-Gottesdienste in Jever, Wilhelmshaven und Berln:

Jever, Friesland.

Wilhelmshaven, Niedersachsen.

  • Karwoche, Dienstag, 12. April 2022 | 18:00 Uhr, ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. emeindeglieder der Kirche St. Maria und St. Mauritius (Koptisch-orthodoxe Gemeinde) singen eine Friedensbitte. Die Friedensgebete werden getragen von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael. Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.

Berlin, Schöneberg.

  • Ostersonntag, 17. April 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Predigt: Br. Franziskus. Lektorendienst: Jürgen Doster. Kirchdienst: Gesine Schmithals. Orgel: Harald Klaus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Sonntag Rogate, 22. Mai 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Orgel: Martin Küster. Lektor: Jürgen Doster. Kirchdienst: Jörg Freudenberg. Liturgie und Predigt: Br. Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Astrid Zaage: Die Welt ist zusammengerückt.

Frieden in Europa, bis vor einer Woche war dies für uns eine Selbstverständlichkeit, aber wir alle mussten mit Entsetzen feststellen, dass ein einziger machtgieriger Despot ausreicht, um unser Weltbild auf den Kopf zu stellen.

Bürgermeisterin Astrid Zaage (Wilhelmshaven) im ökumenischen Friedensgebet am 1. März 2022 (Bild: Screenshot Youtube-Kanal der Sankt Willehad-Gemeinde)

Krieg in Europa ist seit fünf Tagen eine Gewissheit, die für uns alle unfassbar ist. Unsere Gedanken sind bei den mutigen Menschen, bei den Frauen, Männern und jungen Erwachsenen die sich mutig der russischen Armee entgegenstellen und Frieden, Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Menschen, die entschlossen für ihre Rechte kämpfen und sich verbittert gegen Unterdrückung und Machtherrschaft wehren.

Unsere Gebete gelten den Vätern, Müttern und Kinder, die in einen Angriffskrieg Putins hineingezogen wurden, wobei sie nur in Frieden leben wollten.

Das größte Land in Europa wird durch Granaten in Schutt und Asche gelegt. All das was die Menschen sich in Generationen aufgebaut haben, ist über Nacht verschwunden. Menschen verlieren ihr Leben in einem völlig sinnlosen Krieg. Es gibt keine Rechtfertigung für einen Krieg, im 21 Jahrhundert müssen Konflikte durch Diplomatie und niemals durch Waffen gelöst werden. 

Aber die Welt hat sich erhoben, und in einer beispiellosen Protestwelle wird rund um den Erdball für Frieden, Freiheit und ein Ende des Krieges in Europa demonstriert.

Die Welt ist zusammengerückt und steht Schulter an Schulter mit der Bevölkerung der Ukraine. Länder wie zum Beispiel Polen und Ungarn, die sich immer strikt geweigert haben, Flüchtlinge aufzunehmen, stehen jetzt an Ihren Landesgrenzen und empfangen die Geflüchteten mit offenen Armen.

Auch wir hier in unserer Stadt sind bereit, wir haben Platz und werden allen helfen, wo wir nur können.  

Der Krieg muss beendet werden sofort, Herr Putin ziehen sie Ihre Armee zurück, und lassen Sie die Menschen in Europa wieder in Frieden und Freiheit leben.

Bürgermeisterin Astrid Zaage (Wilhelmshaven) am 1. März 2022 im ökumenischen Friedensgebet in der Sankt Willehad-Kirche zu Wilhelmshaven. Die Friedensgebete werden getragen von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael.
Bürgermeisterin Astrid Zaage (Wilhelmshaven) am 1. März 2022 im ökumenischen Friedensgebet

Die nächsten Rogate-Gottesdienste und Gebete:

Wilhelmshaven, Niedersachsen.

  • Dienstag, 5. April 2022 | 18:00 Uhr, ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Intervention: Ratsherr Martin Ehlers (CDU Wilhelmshaven). Liturgie: Pastor Frank Moritz (Banter Kirche), Kaplan George Thomas (Sankt Willehad), Monika Stamm (Caritas) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Diakon Dr. Roushdy Tadros Michael und ein Gemeindechor von St. Maria und St. Mauritius (Koptisch-orthodoxe Kirchengemeinde) singen eine Friedensbitte. Die Friedensgebete werden getragen von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael. Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.

Jever, Friesland. Termine des Demokratieprojektes „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“

Berlin, Schöneberg.

  • Ostersonntag, 17. April 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Predigt: Br. Franziskus. Lektorendienst: Jürgen Doster. Kirchdienst: Gesine Schmithals. Orgel: Harald Klaus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Klimakanzel der FrieslandVisionen: Versuch einer theologischen Einordnung

Kreispfarrer Christian Scheuer, Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven (Bild: Axel Biewer)

„Klimakanzel“, das klingt gut und stimmig in meinen Ohren. Es ist dran, den Raubbau an Gottes Schöpfung zu thematisieren und Wege aufzuzeigen, wie das, was Gott einst gut gemacht hat, bewahren und erneuern zu helfen.

Andererseits: Darüber wurde doch schon oft genug geredet. Der Worte sind genug gewechselt, es ist Zeit etwas zu tun. Wenn jetzt keine Taten folgen, schließt sich der schmale Korridor, um das 1,5 Grad-Ziel noch zu erreichen, um dem Abschmelzen der Polkappen, der Erhöhung des Meeresspiegels, der Versteppung und Verödung des Landes und der unwiederbringlichen Zerstörung der Biodiversität Einhalt zu gebieten.

Schließlich: Muss die Kirche jetzt auch noch darüber reden? Haben die nicht genug eigene Probleme, haben die nicht selbst die Krise, sind sie in existentiellen Fragen für uns überhaupt noch ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner? Oder springen sie gar auf den Zeitgeist auf, um sich bei denen anzubiedern, die sie längst verloren haben?

Ohne eine ordentliche Begründung und ohne ein gründliches Nachdenken kann und soll hier keine „Klimakanzel“ an den Start gehen und in die Landschaft gesetzt werden. Nachplappern, anbiedern, nur reden und heiße Luft produzieren, dafür ist das Thema zu wichtig und zu dringlich, als dass wir damit fahrlässig umgehen sollten. 

Deshalb einige Thesen zur Einordnung dessen, was hier passiert:

  • Die Kirchen beschäftigen sich seit fast 50 Jahren mit dem Thema der „Bewahrung der Schöpfung“. Auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1975 in Nairobi wurde die Zusammen-gehörigkeit von ökologischem Gleichgewicht und sozialer Gerechtigkeit betont. In Vancouver 1983 wurde der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung begründet usw. Bis heute bleibt die Frage umstritten, wie es gelingen kann, eine Haltung zu entwickeln, die sich als Auslegung biblischer Texte im Licht des Evangeliums, als sachlich begründete Wahrnehmung heutiger Herausforderungen und als Beitrag zur öffentlichen Debatte in einer pluralen Gesellschaft vertreten lässt.
  • Den Kirchen kommt in Sachen Umweltschutz keine eigene Expertise zu. Sie sind auf das Expertenwissen anderer angewiesen, um sich dazu verhalten zu können. Genau diese Absicht verfolgen wir mit der Klimakanzel. Wir laden ein, geben unsere Kanzel frei und lassen andere zu Wort kommen, die sich als Wissenschaftler, Politiker, Aktivisten dazu aus berufenem Munde äußern können. Wir reihen uns ein in den Kreis der Lernenden, Hörenden, Mitdenkenden und Mitdiskutierenden, anstatt anderen vorzupredigen, was sie zu tun oder lassen haben. Dies möchte ein Lernort, kein Belehrort sein. Ein Ort, an dem wir einander Raum zur Orientierung geben. Geprägt wird dieser Raum durch das Kreuz, er ist also nicht wertfrei, sondern wertvoll, indem die Werte eines christlichen Weltverständnisses in der Diskussion mitschwingen. 
  • Der in den biblischen Schöpfungsberichten gegebene Gestaltungsauftrag des Menschen gegründet in einer Sicht der Erde als gute Gabe Gottes, der das, was er erschaffen hat, dem Menschen anvertraut. In der Auslegungsgeschichte von Genesis/1. Buch Mose 1, 28 (dominium terrae) ist daraus der bekannte Herrschaftsauftrag „Machet euch die Erde untertan“ geworden. Viel zu lange ist dies als Unterwerfung der Natur unter die Willkür des Menschen verstanden worden. Das Christentum förderte so eine anthropozentrische Sicht auf die Welt. Allein an den Möglichkeiten und Bedürfnissen des Menschen ausgerichtet, wurden Umwelt und Natur zur Ausbeutung freigegeben.
  • Die Geschichte des Christentums hat dazu beigetragen, dass das Verhältnis von uns Menschen zu unserer belebten und unbelebten Umwelt zu stark in den Hintergrund geraten konnte. Diese Erkenntnis muss zu einem gewandelten Verständnis führen, wonach der Mensch dem Schöpferwillen durch Fürsorge für die geschöpfliche Welt nachkommen soll. Wir Menschen sind eingebunden in die Gemeinschaft aller Kreaturen, sollen als gute Haushalter bewahren, schützen und erhalten.
  • Vor zehn Jahren hat meine Kirche ein integriertes Klimaschutzkonzept aufgelegt, eine Klimaschutz-beauftragte gibt uns in diesen Wochen Material und gute Ideen zum Fasten für den Klimaschutz an die Hand. Was heißt das konkret im Blick auf den Erhalt der Artenvielfalt? Im Blick auf die Schaffung von Blühweisen und Insektenhotels auf unseren Friedhöfen? Was heißt das im Blick auf die Verschmutzung der Meere und das Müllsammelprojekt mit der Konfirmanden- oder Kommuniongruppe? Was heißt das im Blick auf die weltweite Klimagerechtigkeit, auf den Einkauf fair gehandelter Waren in unseren Gemeinden und Gemeindehäusern?
  • Reicht das oder hilft das alles schon längst nicht mehr? Muss es auch um die Frage von Sonnenkollektoren auf denkmalgeschützten Gebäuden und Kirchen gehen, die wir in großer Anzahl betreiben, um Wind- und Sonnenenergie auf Ländern und Pachten, die uns in großer Fläche gehören?
  • Und wenn auch das alles nicht reicht? Schlechte Prognosen in Sachen Klimaneutralität lähmen viele Menschen, die an sich bereit sind, ihr Verhalten und die Verhältnisse zu ändern. Das Gefühl „ich kann ja doch nichts tun“ frustriert und macht Angst. Eine erhitzte Sicht der Dinge schadet der öffentlichen Debatte und einer sachgerechten Aushandlung der Argumente.
  • Nach dem Selbstverständnis unseres Glaubens ist uns nicht ein Geist der Furcht gegeben, sondern „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7). Vielleicht liegt hier am ehesten der Beitrag der christlichen Kirchen. Weil wir darauf vertrauen dürfen, dass es Gottes guter Wille ist, „das Antlitz der Erde zu erneuern“, wie es in Psalm 104,30 heißt, haben wir eine über uns selbst hinausgreifende Hoffnung und Antriebsfeder, zu einem beharrlichen, konsequenten und leidenschaftlichen Schutz des Klimas und der Umwelt beizutragen. Dazu möchten wir möglichst vielen anderen wieder und neu Mut machen!

Wie gut, dass wir uns in der Ökumene unserer Kirchen im Schulterschluss anbieten als Forum für eine solche Klimakanzel, hier in der Kirchengemeinde St. Bonifatius in Varel des katholischen Dekanats, im zweiten Teil der Reihe in Jevers Stadtkirche des evangelischen Kirchenkreises. Ein herzlicher Dank für die Initiative des Rogate-Klosters im Rahmen der FrieslandVisionen, ein herzliches Dankeschön allen Fachleuten für Ihre Mitwirkung und die damit verbundenen Impulse. Und Dank für Ihr Interesse, liebe Gemeinde, in Zeiten, die die drängenden Fragen des Klimaschutzes nun schon seit zwei Jahren überlagern. Hören, nachdenken, still werden, beten und dann machen. Sie sind eingeladen, sich dazu auf den Weg zu machen. Die Reihe ist hiermit eröffnet, Gottes guter Segen begleite und geleite Herzen, Mund und Hände.

Ansprache von Kreispfarrer Christian Scheuer, Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven, zur Eröffnung der „Ökumenischen Klimakanzel“ des Demokratieprojektes FrieslandVisionen am 11. Februar 2022 in der Sankt Bonifatiuskirche zu Varel/Friesland. Siehe auch: „Die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen„, EKD-Grundlagentext 2021, S. 97 -109.

Hinweise zur Klimakanzel

Die „Klimakanzel“ ist ein Gottesdienstformat der„FrieslandVisionen“ des Rogate-Klosters in der Klimakrise. Eingebettet ist der erste neunteilige Durchgang der Reihe in ein Andachtsformat, d.h. die Rede wird durch liturgische Elemente wie Musik, eine Lesung, Gebet und Segen gerahmt. Dieser Teil wird von örtlichen Pastor:innen und Br. Franziskus vom Rogate-Kloster gestaltet.

Die „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“ sind ein Demokratie-Projekt des Rogate-Klosters Sankt Michael für die Region Friesland (Niedersachsen). Das Projekt wird aus Bundesmitteln (Programm MITEINANDER REDEN für den ländlichen Raum) gefördert.

Übersicht der folgenden Termine der Klimakanzel:

In Varel, Friesland.

  • Donnerstag, 17. Februar 2022 | 19:30 Uhr, Ökumenische Klimakanzel mit Jürgen Rahmel, Varel, Dezernent Biosphärenreservat in der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Mitwirkende: Pfarrer Manfred Janssen (St. Bonifatius-Gemeinde) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Ort: Sankt Bonifatiuskirche, Bürgermeister-Heidenreich-Str. 4, 26316 Varel.
  • Donnerstag, 24. Februar 2022 | 19:30 Uhr, Ökumenische Klimakanzel mit Siemtje Möller, Varel, Mitglied des Deutschen Bundestages und Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium der Verteidigung. Mitwirkende: Pfarrer Manfred Janssen (St. Bonifatius-Gemeinde), Pastor Benno Gliemann (Luther-Kirchengemeinde Wihelmshaven/Studierendenseelsorge) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Ort: Sankt Bonifatiuskirche, Bürgermeister-Heidenreich-Str. 4, 26316 Varel.

In Jever, Friesland.

In Berlin, Schöneberg.

  • Sonntag Rogate, 22. Mai 2022 | 18:00 Uhr, Ökumenische Klimakanzel. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-katholische Gemeinde Berlin) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Ort: Dorfkirche Schöneberg, Hauptstraße 47–48, 10827 Berlin-Schöneberg.
  • Sonnabend, 25. Juni 2022 | 18:00 Uhr, Ökumenische Klimakanzel. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Meinung: Wort zum Israel-Sonntag

Morgen ist Israelsonntag. Er wird in den evangelischen Gottesdiensten gefeiert. Elf Wochen nach Pfingsten ging es früher darum, Juden zur Taufe zu bewegen. Der Zeitpunkt bleibt gut gewählt, begehen doch jüdische Gemeinden den Gedenktag der Zerstörung des ersten Tempels am 9. Tag des jüdischen Monats Av, der in die gleiche Zeit fällt.

Kreispfarrer Christian Scheuer (Bild: Axel Biewer)

Die inhaltliche Ausrichtung hat sich hingegen auf dem Hintergrund der Shoa, so der jüdische Begriff für den Holocaust, grundlegend gewandelt. Der jahrhundertealte Antijudaismus der Kirchen wird kritisch aufgearbeitet. Wenn unter dem Deckmantel der politischen Empörung Rassismus und die Infragestellung der vom Grundgesetz verbrieften Freiheit für Menschen aller Glaubensrichtungen wieder salonfähig gemacht werden sollen, sind Christen und Christinnen gerade in diesen Tagen gefordert, sich solidarisch an die Seite von Juden und Jüdinnen zu stellen.

Aus lediglich 15000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland im Jahr 1989 sind 30 Jahre später wieder über 300.000 geworden, was angesichts der Geschichte fast an ein Wunder grenzt. Gerade deshalb kann es nicht hingenommen werden, dass jüdische Gotteshäuser in Deutschland nach wie vor besonders vor Übergriffen geschützt werden müssen.

Im Dialog der Religionen geht es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Das erste Testament unserer Bibel ist die Tora der Juden. Das Christentum wurzelt in der Botschaft des Juden Jesus von Nazareth. Der deutsch-israelische Publizist Schalom Ben-Chorin hat es einmal so auf den Punkt gebracht: Der Glaube Jesu verbindet Christen und Juden, der Glaube an Jesus trennt beide.

Die Begegnung von Christen und Juden ist in der Praxis keine bedrückende, weil vor allem schuldbeladene Angelegenheit, sondern ein fruchtbarer, lebendiger Dialog. Davon können viele Israel-Reisende aus unseren Kirchengemeinden begeistert berichten. Davon geben aber auch vor unserer Haustür in vorbildlicher Weise eine Reihe friesischer Erinnerungsorte wie das Gröschler-Haus in Jever und die ehemalige Synagoge in Neustadtgödens oder die gegenwärtig im Küstenmuseum laufende, interessante Ausstellung zur religiösen Vielfalt an der Jade „Wilhelmshaven glaubt.“ Zeugnis.

Ein Beitrag von Christian Scheuer, Kreispfarrer in Friesland und Wilhelmshaven

Meinung: Trauung für alle

cw 9511 1 RegenbogenfahneDie Glocken der Kirchen läuten in diesen Wochen besonders häufig. Ab Mai bis in den August wird viel geheiratet. Viele suchen sich einen Heiratstermin in der schönen Jahreszeit, wenn alles blüht und die Feste sogar draußen gefeiert werden können – sofern das Wetter mitspielt. Zumindest ist die Chance auf schöne Hochzeitsfotos größer.

Wir Menschen sehen uns nach Nähe. Sich zu verlieben ist wunderbar – ein Traum, wenn die Liebe erwidert wird. Der Wunsch nach Verbindlichkeit und Ritualen ist groß. Viele erfahren zudem, Gottes Segen beflügelt, stärkt die Verbindung und das Miteinander.

Doch stellen Sie sich mal vor, Ihnen wäre es verboten zu heiraten. Wie fühlt es sich an, wenn Staat und Kirche sagen: „Ihr dürft nicht!“ Lesbischen und schwulen Paaren ging es lange so. Ihnen ist weiter die staatliche Ehe untersagt. Viele fordern lange schon gleiche Rechte und die Öffnung zu einer Ehe für alle. Dadurch würde niemanden etwas genommen werden. Keiner heiratet weniger, weil andere heiraten dürfen.

Lange genug waren die Kirchen nicht Teil der Lösung, sondern haben durch Ausgrenzung von Lesben und Schwulen schwere Schuld auf sich geladen. Die evangelische Kirche ist einen langen Weg gegangen: In der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ist die Gleichberechtigung hergestellt. Die Synode der Oldenburger Kirche hat vergangene Woche beschlossen, die Diskriminierung zu beenden und gleichgeschlechtliche Paare in allen Rechtstexten gleich zu stellen. Dazu gehört die „Trauung für alle“, die Öffnung der Traugottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare.

Gesellschaft und die Kirche werden lebenswerter, wenn alle gleichberechtigt sind, volle Bürgerrechte haben, Liebe Respekt erfährt und Vielfalt als Bereicherung verstanden wird. Vielleicht hören wir künftig noch öfter Hochzeitsglocken. Frauen- und Männerpaare heiraten und bitten um Gottes Segen bitten. Eingeladen sind sie. Es gibt genug „Trauung für alle“. Und das ist gut so.

Ein Meinungsbeitrag von Bruder Franziskus Aaron RGSM

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten und Terminen:

Fünf Fragen an: Daniel Bröckerhoff, Journalist und „heuteplus“-Moderator

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Daniel A. Bröckerhoff (Foto: danielbroeckerhoff.de)

Fünf Freitagsfragen an Daniel Bröckerhoff, ZDF-Moderator, über die Berufung zum Journalismus, eine Nachrichtensendung als Lebenstraum und die Distanz zu organisierter Religion.

Daniel Bröckerhoff ist gebürtiger Duisburger und Wahl-Hamburger, pendelt aber seit einem Jahr regelmäßig nach Mainz, um dort die neue Nachrichtensendung heuteplus zu moderieren. Der Vater von zwei Töchtern ist bekennender Sambista und hat sich jahrelang in der Naturschutzjugend engagiert.

Rogate-Frage: Herr Bröckerhoff, was hat Sie in den Journalismus getrieben? Eine Berufung?

Daniel Bröckerhoff: Journalismus ist sicher eine Art Berufung für mich. Ich war immer sehr neugierig, wollte verstehen, was die Welt im Innersten zusammen hält, war für Physik aber zu rechenfaul. Und ich wollte Menschen immer erklären, was ich herausgefunden habe. Außerdem stehe ich seit meiner frühen Kindheit gern auf Bühnen, wäre ich nicht Journalist geworden, hätte es mich zu einer Musikerkarriere gezogen. Als Moderator kann ich jetzt beides gut miteinander vereinen.

Rogate-Frage: Sie moderieren „heuteplus“. Was ist für Sie das Besondere an diesem Format?

Daniel Bröckerhoff: heuteplus ist die erste Nachrichtensendung, die sich an ein jüngeres oder jung gebliebenes Publikum richtet und vor allem im Internet stattfindet. Wir senden zwar auch im „großen“ ZDF,  aber unsere Internetpräsenz hat eigentlich Vorrang. Das heisst, dass wir unsere Beiträge immer zuerst in die sozialen Medien hochladen und uns dort an den Diskussionen beteiligen. Wir senden auch zuerst im Internet, jeden Abend um 23:00 Uhr auf heute.de und auf Facebook, die TV-Sendung ist quasi der letzte Arbeitsschritt. Auch wenn wir dort immer noch das größere Publikum erreichen.

Für mich ist diese Sendung ein Stück weit wahr gewordener Lebenstraum. Denn sie nimmt das Internet wirklich ernst, aber sich selber nicht immer so sehr. Wir können Dinge machen, die andere Nachrichtensendungen nicht machen würden, wir dürfen flappsiger und unterhaltsamer, aber auch kantiger sein und Haltung zeigen. Als Moderator bin ich nicht der klassische Nachrichtenmann, sondern zeige auch ein Stück meiner Persönlichkeit. Das ist natürlich auch anspruchsvoller und anstrengender als „nur“ die News zu verkünden, aber es macht mir unheimlich großen Spaß.

Rogate-Frage: Der Bayerische Rundfunk hat in einer Studie zum Thema „Vertrauen in die Medien“ festgestellt, 65 Prozent der Befragten der Ansicht sind, dass Journalisten nicht immer das sagen dürfen, was sie wirklich denken. Wie frei sind Sie in Ihrer Arbeit? Wo halten Sie Ihre Meinung hinter dem Berg, wo nicht?

Daniel Bröckerhoff: Wir sind so frei, wie man es in einem Land mit Pressefreiheit nur sein kann. Tabuthemen gibt es für uns nicht und wir zeigen auch mal sehr klar unsere Haltung zu bestimmten Themen. Das kommt nicht immer gut an, uns wird deswegen auch Progaganda und Manipulation vorgeworfen. Von daher finde ich die Ergebnisse auch ein Stück weit erstaunlich.

Aber auf der anderen Seite finde ich es so ehrlich und demokratischer, weil wir immer auch zum Dialog einladen. Den wirklich objektiven Journalismus kann es ja gar nicht geben, weil er immer von Menschen gemacht wird.

Ich halte mich allerdings mit einer zu starken Bewertung von Themen zurück. Dafür ist die Welt zu komplex und zu vielschichtig, als dass ich mit simple Urteile fällen möchte.

Rogate-Frage: Klaus Kleber stockte in seinen Moderationen angesichts des aktuellen Flüchtlingselends manchmal die Stimme. Wann gehen Ihnen Meldungen so nah, dass Sie Mühe in der Präsentationen von Live-Sendungen haben? Wo und wann möchten Sie öffentlich schreien, Wut zeigen oder weinen?

Daniel Bröckerhoff: Es ist immer schwierig, das Elend anzumoderieren. Bislang konnte ich immer die professionelle Distanz wahren, aber viele Themen berühren mich so sehr, dass ich es manchmal schwer zu etragen finde darüber nüchtern zu berichten. Sei es das Thema „sexueller Missbrauch“, Armut, Umweltverschmutzung und die generelle Ungerechtigkeit auf der Welt, von der wir in Deutschland auch noch profitieren. Wir versuchen in unserer Sendung immer wieder auf diese Themen hinzuweisen und auch Lösungen zu zeigen, wohlwissen, dass das immer nur ein Tröpfchen sein kann.

Rogate-Frage: Gott, Glaube, Spiritualität und Kirche, wie nah oder fern sind Ihnen diese Themen? Und was ist Ihnen heilig?

Daniel Bröckerhoff: Es sind ehrlich gesagt schwierige Themen für mich, weil ich in einer Familie groß geworden bin, die nach schlechten Erfahrungen sehr bewusst mit der katholischen Kirche gebrochen hatte und mich konfessionslos erzogen hat. Im Laufe meines Lebens habe ich mich immer wieder versucht, mich mit Kirche und organisierter Religion anzufreunden, aber es blieb mir fremd. Gerade die sehr in sich gekehrte, ja fast bedrückende Atmosphäre in der westlichen christlichen Kirche hat mich immer mit einem Kloß im Hals aus den Feiern gehen lassen. Erst in den letzten Jahren bin ich durch meine Lebensgefährtin wieder an Gottesdienste heran geführt worden. Vor allem die internationalen Gospel-Gottesdienste in der Hamburger Hl. Dreieinigkeitskirche Borgfelde gefallen mir sehr. Denn sie sind lebendiger, bunter und lauter als die, die ich bislang kennen gelernt habe. Ich nenne sie aber lieber „Lebensfeiern“, denn an eine göttliche Entität zu glauben fällt meinem Ratio schwer. Sie gänzlich zu verleugnen hielte ich dagegen für anmaßend. Ich weiss, dass ich nichts weiss. Ich würde mich daher im besten Sinne als Agnostiker bezeichnen, der jeden etwas beneidet, der sich in seinem Glauben so sicher ist, dass er ein Bekenntnis ablegen kann.

Rogate: Vielen Dank, Herr Bröckerhoff, für das Gespräch!

Weitere Informationen finden über und von Daniel Bröckerhoff finden Sie hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

Meinung: Die Tötung eines Menschen ist kein Grund zum Jubel.

Von Frater Franziskus.

Als Mensch bin ich irritiert: Muss man so jubeln über die Tötung eines Menschen, auch wenn der offenbar hinter furchtbaren Verbrechen steht? Wären nicht Trauer über die Verbrechen wie am 11. September, die Kriege und alle Folgen daraus angebrachter? Die Verbrechen der Terroristen machen betroffen, aber der Jubel der Massen und der politisch Verantwortlichen in den westlichen Regierungen auch.

Und ich gestehe zudem: Mir fällt es heute sehr schwer in der Fürbitte Gott um sein Erbarmen für ihn, den getöteten Osama Bin Laden, zu bitten. Da bin ich ein so schwacher und sündiger Christ. Da stehen mir vor Augen meine Erinnerungen an meine Besuche in New York City vor 2001 und danach, im World Trade Center und später am Ground Zero. Da ist noch der Schmerz zu spüren und die Bilder, die nicht verschwinden wollen. Auch nicht zehn Jahre danach. Da brauche ich nun keinen weiteren „entscheidenden Schlag“, sondern den Willen zu Gerechtigkeit und Frieden. Verbrecher gegen die Menschlichkeit sehe ich lieber vor Gericht und nicht deren Bilder nach der Tötung.

Wie sollte ich mich über einen weiteren Toten freuen? Es sind zu viele Menschen durch den Terror gestorben, Muslime, Juden, Buddhisten, Christen, Angehöriger so vieler Nationen, Männer, Frauen und Kinder… Über die Schuld und die Sühne entscheide nicht ich, sondern allein Gott. Vielmehr müssen wir über die große Verantwortung eines jeden vor Gott und den Mitmenschen nachdenken.

Es ist überall von Erleichterung wegen Tötung von heute Morgen in Parkistan zu hören. Erleichtert und frei gemacht hat mich nur der Tod eines einzigen Menschen und zwar am Karfreitag, es war der Erlösungstod von Jesus Christus für die Menschheit. Jede Tötung danach ist ein Mord zuviel. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Verfahren, egal wie schlimm seine Verbrechen sind. Jedem stehen Menschenrechte zu. Der Hass ist kein guter Ratgeber. Und der Mord auch kein Instrument auf dem Weg zu einer besseren Welt.

Darum bete ich heute um so entschiedener zum barmherzigen Gott:

Verleih‘ uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unser’n Zeiten,
es ist doch ja kein Ander‘ nicht,
der für uns könnte streiten,
…denn du, unser Gott alleine.

In these our days so perilous,
Lord, peace in mercy send us;
no God but thee can fight for us,
no God but thee defend us;
thou our only God and Saviour.

O God of all, with wonderful diversity of languages and cultures you created all people in your image. Free us from prejudice and fear that we may see your face in the faces of people around the world, through Jesus Christ, our Savior and Lord. Amen. (Evangelical Lutheran Worship, p. 79)

Meinung: „Menschen sterben nicht nur durch einen Hammer.“

Wenn ich öffentliche Ereignisse besuche, frage ich mich, der ich zu einer Augustiner-Kongregation gehöre: Gehst du in zivil oder im Habit? Bist du da privat oder bist du da als Ordensbruder?

Der Verlauf der furchtbaren Trauerfeier am Freitag für David Kato hat dann entschieden. Ich stehe hier im Habit als Zeichen der Demut vor Gott. Ich stehe hier als Zeichen als Zeichen der Dankbarkeit für euer Erscheinen hier.

Ich stehe hier im Habit als Zeichen der Ehrerbietung für David, der am Mittwoch grausam erschlagen wurde. Ich stehe hier als Christ und Mitglied des Rogate-Klosters.

Ich stehe hier, weil ich es leid bin, dass meine Religion für Hasspredigten und für die Ausgrenzung Andersliebender benutzt wird.

Ich stehe hier, weil ich den Worten Jesu glaube, wie wir sie eben in der Lesung (Johannes 15. und 16. Kapitel, 26-27 & 1 – 4) gehört haben: Sie tun dies, weil sie weder Gott noch Christus kennen, weil ihnen die Liebe Gottes fremd ist.

Ich stehe hier, weil ich mir von meinen Glaubensgeschwistern Einsatz für das Leben, für das bedrohte Leben von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern einfordere. Ich stehe hier, weil sie in zu vielen Ländern vom Tode bedroht sind, weil sie in so vielen Ländern diskriminiert, ausgegrenzt, verstoßen, gejagt, bespuckt und beschimpft werden.

Ich stehe hier und ihr mit mir, weil die Zeit enden muss, wo anders Liebende geächtet werden. Ich stehe hier, weil es ein Ende haben muss mit dem Kastensystem auch in unserer Kultur, wo bestimmte Prägungen als gut und anerkannt, andere als anrüchig gesehen und auch (noch) in den Gesetzen benachteiligt werden.

Ich stehe hier, weil meine Bibel nicht zum Hass gegen Lesben, Schwule und alle anders Geprägten aufruft. Da steht nirgendwo: „Tötet, demütigt Homosexuelle und greift sie an.“

Sogar bei seiner Beerdigung hat es ein Vertreter meines Glaubens, hier war es mal ein Pfarrer der anglikanischen Kirche, nicht unterlassen, zur Tötung von Homosexuellen aufzurufen, sie zu demütigen, David Kato zu demütigen. Menschen zu demütigen, wie Gott sie schuf und prägte.

Es erfüllt mich immer mit Trauer, wenn unsere Kirchen nicht Liebe, sondern Hass, nicht Nächstenliebe, sondern Ausgrenzung, nicht Annahme sondern Ablehnung verkündigen.

Zeit meines Lebens als Christ muss ich mich wieder und wieder entschuldigen, weil nicht nur Fundamentalisten, sondern auch mancher gemäßigte Kirchenmensch vermittelt, lesbische, schwule, bisexuelle, Transgender- Menschen seinen weniger wertvoll.

Vor noch nicht einmal einem Jahr haben wir hier an dieser Stelle ebenfalls gestanden. Es wurde zu einem Kiss-In gegen die drohende Todesstrafe für Homosexuelle in Uganda geladen. Küsse für das gleiche Recht auf Liebe, Küsse gegen Hass. Die weltweiten Aktivitäten gegen das Gesetz, auch vom Europäischen Parlament, zeigten Wirkung. Das Gesetz ist in der Schublade verschwunden, vorerst jedenfalls. Küsse und Zärtlichkeit gegen den Tod!

Im Christentum steht der Kuss leider nicht nur für die Liebe. Judas, der Verräter küsste Jesus und verriet den Menschensohn (Lukas 22, 47-48). Menschen sterben nicht nur durch einen Hammer.

Es erfüllt mich mit Trauer, wenn in unserem Land eine Fernsehsendung aus einem fernen Wald die größte Beachtung findet und Traumquoten für die Veranstalter erreicht, weil ein vermeintlich schwuler Mann durch Küsse versucht, seine Heterosexualität zu beweisen. Große Teile der Bevölkerung kannten tagelang kaum Wichtigeres, als diesen krampfhaften Versuch in Farbe und Großaufnahme.

Es muss ein Ende haben, es ist unwürdig, dass die sexuelle Prägung eines Menschen einen Makel bedeutet.

Liebe Freundinnen und Freunde, ich stehe auch hier, weil ich euch bitten möchte, uns, die wir uns in den verschiedenen Glaubensgemeinschaften engagieren, zu bestärken. Der Zug derer, die die Kirchen wegen der oft homophoben Praxis und vieler schlimmer Äußerungen verlassen, zieht auch die mit, die für die Offenheit stehen. Ich bitte euch um Solidarität mit denen, die wieder und wieder Bereiche des öffentlichen Lebens öffnen wollen, die sich ohne Rast wieder und wieder für die Akzeptanz anderer Lebensformen einsetzen. Es gibt in den Kirchen viele Menschen guten Willens, großer Weite und guter Herzensbildung.

Wenn wir den Weg und den Kampf gegen Homophobie in all seinen Formen gemeinsam und solidarisch gehen, dann war der Tod von David Kato nicht umsonst.

Dann kann ein Kuss wieder uneingeschränkt Zeichen der Liebe, der wahrhaften Intimität, der Freude, der Nähe und der Zuwendung werden.

Votum von Frater Franziskus beim Gebet für David Kato vor der Botschaft von Uganda am Sonnabend, 29. Januar 2011.