Fünf Fragen an: Prälatin Gabriele Arnold Ev. Landeskirche in Württemberg

Fünf Fragen an Prälatin Gabriele Arnold, Prälatur Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, über die Rolle als CSD-Schirmfrau, die Ehe für alle und den schmerzhaften Auszug von LSBTTIQ aus der Kirche.
2017 Prälatin Gabriele Arnold

Prälatin Gabriele Arnold (Bild: Landeskirche)

Gabriele Arnold ist 1961 in Stuttgart geboren. Sie hat in Tübingen, Mainz und Berlin evangelische Theologie studiert und in Laichingen (Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen) und Berlin ihr Ausbildungsvikariat gemacht. Nach Pfarrstellen in Hengstfeld (Kirchenbezirk Blaufelden) und Stuttgart war sie seit 2009 geschäftsführende Pfarrerin in Bad Mergentheim (Kirchenbezirk Weikersheim). Gabriele Arnold engagierte sich auch über ihre Kirchengemeinde hinaus. So war sie vier Jahre stellvertretende Dekanin und ist seit 2007 Vorsitzende der Evangelischen Mütterkurheime. Außerdem gehört sie dem Präsidium der Evangelischen Frauen in Württemberg (efw) an. In ihrer Freizeit sind ihr die Familie und der Freundeskreis wichtig. Zu ihren Hobbys zählt sie Lesen – „aber keine Krimis!“ –, Gartenarbeit, Reisen im Mittelmeerraum auf den Spuren der Antike, Kochen sowie Shoppen mit Schwiegertochter und Freundinnen.

Rogate-Frage: Frau Prälatin Arnold, der Stuttgarter CSD hat Sie angefragt, ob Sie Schirmherrschaft des diesjährigen CSD übernehmen. Wie ist es dazu gekommen und welche Gedanken haben Sie dabei bewegt?

Gabriele Arnold: Diese Anfrage kam im Jahr des Reformationsjubiläums; der CSD Stuttgart hat mit dem Leitwort des Perspektivwechsel einen Perspektivwechsel innerhalb der Kirche anregen wollen aber auch einen Perspektivwechsel innerhalb der Community auf die Kirche hin initiieren wollen.

Da ich in der Community einige Freunde und Bekannte habe und schwule Kollegen, die im CSD engagiert sind, wussten die Organisatoren des CSD sicher von meiner Einstellung zu LSBTTIQ.

Meine Zusage habe ich gerne gegeben, denn der CSD als bürgerschaftliche Bewegung hilft Menschenrechtsverletzungen aufzuzeigen und ermutigt alle, die sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzen, in welcher Gruppe, in welcher Partei in welchem Verein auch immer und eben auch in der Kirche. Die CSD-Bewegung hat schon viel erreicht und das gesellschaftliche Klima nachhaltig verändert.

Rogate-Frage: Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrer Schirmherrschaft an Kirche, Gesellschaft und LGBTIQ-Community senden?

Gabriele Arnold: Vor 500 Jahren begann mit der Reformation ein ganz entscheidender Perspektivwechsel, der die Kirche aber auch die mittelalterliche Gesellschaft zutiefst verändert hat. Daran erinnern wir uns in diesem Jahr und feiern die Reformation.“… da ist Freiheit“ – so lautet das Motto des Reformationsjubiläums in der württembergischen Landeskirche. Damit dieser Satz aus dem Neuen Testament aber nicht nur ein frommer Wunsch ist, sind wir alle immer neu gefordert. Der Geist der Freiheit gibt Vorurteilen und Ausgrenzung keinen Raum. Er ermutigt uns, vorgefasste Denkmuster und Einstellungen in Frage zu stellen. So wie Martin Luther das in Bezug auf den Glauben und die Beziehung der Menschen zu Gott und damit immer auch zu den anderen gedacht und gelebt hat. Der CSD passt hervorragend zu diesem Motto der Landeskirche. Denn auch in der Kirche wurden Lesben, Schwule und LSBTTIQ ausgeschlossen oder verachtet und viele lesbische und schwule Christen mussten sich verstecken und ihre Sexualität verleugnen. Nicht wenige haben deshalb die Kirche verlassen. Das tut mir sehr leid. Aber es tut sich etwas.  Für den Perspektivwechsel und den Geist der Freiheit gegen Vorurteile und Verschweigen, Weggucken und Doppelmoral fanden und finden sich viele Unterstützerinnen und Unterstützer in vielen Teilen der Gesellschaft und damit auch der Kirche.

Schon im Jahr 2000 wurde eine Studie („Gesichtspunkte im Blick auf die Situation homosexueller kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“) der württembergischen Landeskirche veröffentlicht in der es unter anderem heißt:

  • Die Kirche muss deutlich machen, dass entgegen früheren Verhaltensweisen und Vorbehalten auch homosexuelle Menschen fraglos zu unserer Kirche gehören und dieselbe Liebe und Zuwendung Gottes empfangen wie alle anderen Mitglieder der Kirche auch“.
  • „Unsere württembergische Landeskirche anerkennt, dass sie an der Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte homosexueller Menschen einen Schuldanteil zu übernehmen hat. Sie ist sich bewusst, dass manche Schwule und Lesben durch belastende Erfahrungen in der Kirche in schwere Lebens- und Glaubenskrisen geraten sind. Sie bittet alle Schwulen und Lesben, an denen sie schuldig geworden ist, um Vergebung“.
  • „Die Landeskirche bringt zum Ausdruck, dass die gemeinsame Zugehörigkeit von Homo- und Heterosexuellen zur Kirche keine Bedrohung, sondern Bereicherung ist.“

Rogate-Frage: Ungewöhnlich scharf haben manche Kreise auf Ihre positive Haltung und Akzeptanz sexueller Minderheiten reagiert. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Gabriele Arnold: Gerade Menschen, die dem CSD kritisch gegenüber stehen, will ich ermutigen sich, auf einen Perspektivwechsel einzulassen. Wir müssen den Perspektivwechsel miteinander einüben. Miteinander werden wir überlegen: Wie kann es gelingen, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen miteinander reden statt übereinander? Wie können wir lernen, den anderen, die andere mit ihren eigene Erfahrungen ernst zu nehmen und wert zu schätzen? Wie schaffen wir ein Klima der Akzeptanz und nicht der Intoleranz? Diese Fragen bewegen uns im Hinblick auf viele gesellschaftliche Themen. Ich bin froh, dass der CSD hier seinen Beitrag leistet.
Rogate-Frage: Am Freitag stimmt der Deutsche Bundestag über die Ehe für alle ab. Welche Bedeutung hat diese Entscheidung für Kirche und Gesellschaft?
Gabriele Arnold: Die Entscheidung für die Ehe für alle ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Akzeptanz. Aber zunächst einmal handelt es sich dabei ja um eine staatliche Angelegenheit. Aber diese Entscheidung wird das Bewusstsein der Menschen in unserem Land verändern. In den Kirchenleitungen und Synoden muss auf diesem Hintergrund sicher nachgedacht werden, ob und was das für die kirchliche Trauung bedeutet. Im ökumenischen Kontext wird das viele Fragen aufwerfen.
Rogate-Frage: Wann und wie kann eine Gleichstellung lesbischer und schwuler Paare in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg folgen?
Gabriele Arnold: Lesben und Schwule können in unseren kirchlichen Ämtern – Haupt und Ehrenämtern arbeiten. Es gibt Gemeinden, in denen lesbische und schwule Pfarrer/innen mit ihren Partner/innen im Pfarrhaus leben. An der Frage der Segnung arbeiten unsere synodalen und kirchenleitenden Gremien. Auch in vielen Gemeinden finden Gespräche darüber statt.
 Rogate: Vielen Dank, Frau Prälatin Arnold, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Meinung: Trauung für alle

cw 9511 1 RegenbogenfahneDie Glocken der Kirchen läuten in diesen Wochen besonders häufig. Ab Mai bis in den August wird viel geheiratet. Viele suchen sich einen Heiratstermin in der schönen Jahreszeit, wenn alles blüht und die Feste sogar draußen gefeiert werden können – sofern das Wetter mitspielt. Zumindest ist die Chance auf schöne Hochzeitsfotos größer.

Wir Menschen sehen uns nach Nähe. Sich zu verlieben ist wunderbar – ein Traum, wenn die Liebe erwidert wird. Der Wunsch nach Verbindlichkeit und Ritualen ist groß. Viele erfahren zudem, Gottes Segen beflügelt, stärkt die Verbindung und das Miteinander.

Doch stellen Sie sich mal vor, Ihnen wäre es verboten zu heiraten. Wie fühlt es sich an, wenn Staat und Kirche sagen: „Ihr dürft nicht!“ Lesbischen und schwulen Paaren ging es lange so. Ihnen ist weiter die staatliche Ehe untersagt. Viele fordern lange schon gleiche Rechte und die Öffnung zu einer Ehe für alle. Dadurch würde niemanden etwas genommen werden. Keiner heiratet weniger, weil andere heiraten dürfen.

Lange genug waren die Kirchen nicht Teil der Lösung, sondern haben durch Ausgrenzung von Lesben und Schwulen schwere Schuld auf sich geladen. Die evangelische Kirche ist einen langen Weg gegangen: In der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ist die Gleichberechtigung hergestellt. Die Synode der Oldenburger Kirche hat vergangene Woche beschlossen, die Diskriminierung zu beenden und gleichgeschlechtliche Paare in allen Rechtstexten gleich zu stellen. Dazu gehört die „Trauung für alle“, die Öffnung der Traugottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare.

Gesellschaft und die Kirche werden lebenswerter, wenn alle gleichberechtigt sind, volle Bürgerrechte haben, Liebe Respekt erfährt und Vielfalt als Bereicherung verstanden wird. Vielleicht hören wir künftig noch öfter Hochzeitsglocken. Frauen- und Männerpaare heiraten und bitten um Gottes Segen bitten. Eingeladen sind sie. Es gibt genug „Trauung für alle“. Und das ist gut so.

Ein Meinungsbeitrag von Bruder Franziskus Aaron RGSM

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Fünf Fragen an: Bernd Mesovic, Abteilung Rechtspolitik von ProAsyl

2017 Bernd Mesovic C Philipp Eichler

Bernd Mesovic (Bild: Philipp Eichler/Pro Asyl)

Fünf Freitagsfragen an Bernd Mesovic, Leiter der Abteilung Rechtspolitik in der Menschenrechtsorganisation PRO ASYL, über Abschiebungen nach Afghanistan, Risiken im Lande und die Gefahr für konvertierte Christen vor Ort.

Bernd Mesovic befasst sich unter anderem mit der Analyse asylrechtlicher Praxis und der Situation in den Herkunftsländern. Als diplomierter Sozialarbeiter leitete er zuvor eine überregionale Flüchtlingsberatungsstelle eines Wohlfahrtsverbandes.

Rogate-Frage: Herr Mesovic, was genau ist Pro Asyl und wofür engagieren Sie sich?

Bernd Mesovic: PRO ASYL ist eine unabhängige Menschenrechtsorganisation, die sich für die Menschenrechte und den Schutz von Flüchtlingen in Deutschland und Europa einsetzt. Gegründet wurde PRO ASYL 1986 von Mitarbeitenden aus Flüchtlingsräten, Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Menschenrechtsorganisationen, um der sich damals ausbreitenden rechten und rassistischen Hetze gegenüber Asylsuchenden entgegenzutreten und für den Schutz von verfolgten Menschen zu kämpfen.

Rogate-Frage: Wie arbeitet Ihre Organisationen und wie wird sie finanziert?

Bernd Mesovic: PRO ASYL realisiert konkrete Hilfsmaßnahmen für Flüchtlinge, die Einzelfall- und Rechtshilfe sowie Projekte, Dokumentationen und Recherchen. Wir organisieren politische Kampagnen, die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit und die Vernetzung mit nationalen und internationalen Hilfs- und Menschenrechtorganisationen. Ermöglicht wird unser Einsatz von unseren vielen Fördermitgliedern, Spenderinnen und Spendern, Stifterinnen und Stiftern. Dank ihrer Unterstützung sind wir politisch und finanziell unabhängig.

Rogate-Frage: Wie stehen Sie zu den Bemühungen von Bund und Ländern, Menschen verstärkt nach Afghanistan abzuschieben?

Bernd Mesovic: Abschiebungen nach Afghanistan gefährden Menschenleben. Ungeachtet der sich immer weiter verschlechternden Sicherheitslage hat die Bundesregierung dennoch mit den ersten Sammelabschiebeflügen nach Kabul begonnen – ein Tabubruch, nachdem zwölf Jahre lang kaum Abschiebungen in dieses Kriegs- und Krisengebiet stattgefunden haben. Afghanistan ist kein sicheres Land für Flüchtlinge. Ein bundesweiter Abschiebestopp wäre das einzig Richtige.

Rogate-Frage: Wie ist die Lage in Afghanistan? Gibt es sichere Regionen?

Bernd Mesovic: Die Lage in Afghanistan hat sich 2016 nochmal deutlich verschlechtert: Der UNHCR stellt in seinem jüngsten Bericht fest, dass das gesamte Staatsgebiet Afghanistans von einem »innerstaatlichen bewaffneten Konflikt« im Sinne des europäischen Flüchtlingsrechtes betroffen sei. Aufgrund der sich ständig ändernden Sicherheitslage könne man gar nicht zwischen sicheren und unsicheren Regionen in dem Bürgerkriegsland entscheiden. Mit 11.418 zivilen Opfern der Kampfhandlungen wurde 2016 ein trauriger Rekordwert erreicht. Kämpfe und Gewalt in fast allen Teilen des Landes treiben Tausende Menschen in die Flucht. Mittlerweile dürfte die Gesamtzahl der Binnenvertriebenen innerhalb Afghanistans auf 1,8 Millionen angestiegen sein. Dazu kommen die Flüchtlinge, die seit vielen Jahren außer Landes in Iran oder in Pakistan ihr Dasein fristen und jetzt zunehmend unter Druck gesetzt werden, nach Afghanistan zurückzukehren. Von Afghanistan als »sicher« zu sprechen, wie die Bundesregierung das gebetsmühlenartig wiederholt, ist absurd und realitätsfern.

Rogate-Frage: Welche Risiken sind nach Afghanistan abgeschobene Menschen ausgesetzt, die hier getauft und so Christen wurden?

Bernd Mesovic: Zunächst einmal können die meisten Abgeschobenen in Afghanistan mit keinerlei Unterstützung rechnen. Dass Abschiebungen nach Afghanistan lebensbedrohlich sind, zeigt der Fall eines Betroffenen, der nur kurze Zeit nach seiner Abschiebung nach Kabul bei einem Selbstmordanschlag verletzt wurde. Für Angehörige religiöser Minderheiten wie beispielsweise Hindus oder Sikhs ist die Lage zusätzlich kritisch. Religiöse Minderheiten gibt es in Afghanistan kaum noch, weshalb es für betroffene Abgeschobene schwer werden dürfte, Anschluss an eine Community zu finden – für das Überleben in Afghanistan unabdingbar. Das zeigt auch der Fall eines kürzlich aus Deutschland nach Afghanistan abgeschobenen Hindus: Der Betroffene lebt weitestgehend isoliert und traut sich nicht auf die Straße.

Fälle der Konversion zum Christentum sind im Vergleich zu iranischen Flüchtlingen sehr viel seltener. In Afghanistan ist der Islam Staatsreligion, eine Abkehr vom Islam wird oft als massiver Verstoß gegen eine Grundregel des Islam angesehen. Ein Glaubenswechsel, ist, wenn er im Herkunftsland bekannt wird, ein erhebliches Risiko – zumal ja nach dem christlichen Selbstverständnis der Gläubige auch einen Auftrag hat, seine Glaubensüberzeugung nach außen zu bekunden. Deshalb sollten Abschiebungen von Konvertiten nach Afghanistan nicht stattfinden. Problematisch ist, das in einer Reihe von Fällen Bundesamt und Gerichte davon ausgehen, dass die Konversion nicht auf religiöser Überzeugung beruht.

Rogate: Vielen Dank, Herr Mesovic, für das Gespräch.

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  • rogatekl_aushang-a4_lichtvesper2017_111116Sonnabend, 13. Mai 2017 |16:00 Uhr, Taufe. Ort: Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.
  • Sonnabend, 20. Mai 2017 |18:00 Uhr, Lichtvesper, mit der Alt-Katholischen Gemeinde Berlin. Ort: Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.
  • Sonntag Rogate, 21. Mai 2017 | 10:00 Uhr, Eucharistie, mit der Zwölf-Apostel-Gemeinde. Predigt: Bruder Franziskus. Predigttext: 1. Petrus 4, 7-10. Orgel: Kreiskantor Christoph Hagemann. Lektorin: Mechthild Rawert, MdB. Ort: Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.
  • Himmelfahrt, Donnerstag, 25. Mai 2017 | 11:00 – 13:00 Uhr, Workshop „Am Anfang war die Sehnsucht. Erfahrungen bei der Suche nach einer Geistlichen Gemeinschaft„. Ort: Deutscher Evangelischer Kirchentag, Messegelände.
  • Himmelfahrt, Donnerstag, 25. Mai 2017 | 22:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet. Ort: Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg.

Fünf Fragen an: Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, über eine zupackende Zivilgesellschaft für geflüchtete Menschen, die Wahrung der Menschenwürde in der Krise und die Wechselwirkungen mit populistischer Politik.

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Michael Chalupka (Bild: Luiza Puiu)

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz/Österreich geboren und studierte evangelische Theologie in Wien und Zürich. Weitere Ausbildungen folgten in den Bereichen Erwachsenenbildung und NPO-Management. Nach einem zweijährigen Italienaufenthalt als Studienleiter am “Centro Ecumenico d’Agape” in Prali (Torino) arbeitete er von 1989 bis 1994 als evangelischer Pfarrer. Seit 1994 ist Michael Chalupka als Direktor der Diakonie Österreich tätig. Er ist Mitinitiator der Armutskonferenz (1995). Seit 2000 ist Michael Chalupka außerdem Präsident des „Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit“ (ÖKSA) und seit 2006 auch Vorsitzender des Evangelischen Schulwerkes A.B. Wien.

Rogate-Frage: Herr Direktor Chalupka, wie geht es den geflüchteten Menschen heute in Österreich?

Michael Chalupka: Die Situation für die Geflüchteten hat sich, nach dem großen Flüchtlingszustrom 2015 mit über 88.000 Asylanträgen, weitestgehend normalisiert.
Das Positive, das wir aus 2015 mitnehmen können, war eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität, die jedoch weniger von der Regierung ausgegangen ist, sondern von der Zivilgesellschaft, die nach dem Motto: „Da muss man doch helfen!“ einfach zugepackt hat und unglaubliche Initiativen auf die Beine gestellt hat. Das hat sogar uns als professionelle Hilfsorganisation, die schon viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, manchmal überrascht. Bis heute sind sehr viele ehrenamtliche MitarbeiterInnen und nach wie vor viele private Initiativen – mehr als jemals zuvor in der jüngeren Geschichte Österreichs – in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Rogate-Frage:  Wie sind in Österreich die Kirchen, Caritas und Diakonie auf die Situation mit den Herausforderungen umgegangen und was hat sich dadurch verändert?

Michael Chalupka: Es war natürlich auch für die angestammten Hilfsorganisationen eine große Herausforderung. Caritas und Diakonie haben versucht äußerst flexibel auf die Situation zu reagieren. Dennoch hat sich alleine in der Diakonie der MitarbeiterInnenstand in der Flüchtlingsarbeit sowohl bei den hauptamtlichen, als auch bei den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass auch viele Leitungsstrukturen im laufenden Betrieb permanent nachgebaut werden mussten.
Dennoch war es uns wichtig, nicht einfach unsere Qualitätsstandards zu begraben und die Menschenwürde, der uns anvertrauten Menschen auch in einer Zeit großen Andranges im Vordergrund stehen zu lassen. Viele MitarbeiterInnen im Flüchtlingsbereich sind in diesem Jahr an das Limit ihrer Belastbarkeit gestoßen. Vor allem aber auch deshalb, weil Politik und Verwaltung kein gutes Krisenmanagement geleistet haben und viele sehr schwierige Situationen vermeidbar gewesen wären.
Leider wurde die konstruktive Kritik sämtlicher Hilfsorganisationen am staatlichen Aufnahmesystem kaum aufgegriffen, sodass wir befürchten müssen, beim nächsten Zuzug einer größeren Zahl von Flüchtlingen wieder exakt vor den gleichen strukturellen Problemen zu stehen wie im Jahr 2015.

Rogate-Frage: Auch Österreich erlebt das Aufleben des rechten Populismus, das Erstarken der Identitären und eine schwierige Bundespräsidentenwahl… Was ist los in Ihrem Land?

Michael Chalupka: Es gibt in Österreich nach wie vor eine schweigende Mehrheit von Menschen, die das Gemeinsame vor das Trennende, die Nächstenliebe vor den Hass, das Positive vor das Negative stellt. Letztendlich wurde das auch im sehr deutlichen Ausgang der Bundespräsidentenwahl sichtbar.
Dieser Umstand ist aber für die Politik scheinbar schwer verständlich. Eine schweigende Mehrheit ist auch für sie weniger hörbar, als die sehr negativen, lauten, xenophoben bis rassistischen Töne, die auch gerne durch Boulevardmedien aufgegriffen und reproduziert werden.
Dadurch entsteht eine Wechselwirkung mit populistischer Politik, die ihrerseits glaubt durch symbolpolitische Verschärfungen der Gesetzeslage und Kürzungen von Leistungen einen politischen Vorteil erringen zu können. Oft wird dabei übersehen, dass es, sobald man auf diesen Zug aufspringt, keine Bremse mehr gibt. Es ist wie ein Karussell, das sich immer weiter dreht: Die Hetzer verlangen immer mehr und sozialpolitisch immer Abstruseres. Eine Politik, die in dieses Karussell einsteigt, verliert unweigerlich die Orientierung im eigenen Wertegerüst. Irgendwann gibt es im Asylrecht gar nichts mehr zu verschärfen, das noch menschenrechtlich kompatibel wäre. Doch die nächste Verschärfung muss her, man glaubt es dem Wählerwillen schuldig zu sein.
Ja, es gibt einen starken Zulauf zu rechtspopulistischer Politik, die einfachste Antworten auf komplexeste Fragen gibt.
Die wahre Frage ist jedoch, ob der Zulauf zu dieser Politik größer oder kleiner wäre, wenn christlich soziale und sozial demokratische PolitikerInnen sich mit der ganzen Kraft der Grundprinzipien ihrer Gesinnungsgemeinschaften entgegenstemmen würden.

Rogate-Frage: Wie können Christen und wie die Kirchen darauf reagieren?

Michael Chalupka: Viele Christinnen und Christen sind heute stark in ehrenamtlichen Projekten engagiert und engagieren sich auch für ihre Mitmenschen.
Wichtig ist, dass sie sich aber auch zu Wort melden und spürbar werden lassen, dass Nächstenliebe stärker ist als Hass, Neid und Missgunst.
Die evangelischen Kirchen in Österreich stehen seit vielen Jahren sehr deutlich auf der Seite der Flüchtlinge und es gibt kaum ein Jahr, in dem die Generalsynode keine Resolution mit einem klaren Bekenntnis zum Flüchtlingsschutz beschließt.
Die Flüchtlingsarbeit ist den Kirchen ein besonderes Anliegen in Österreich. Evangelische Kirche A und H.B. sind gemeinsam mit der Diakonie Österreich Trägerorganisationen des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Dieser ist inzwischen die größte Rechtsberatungsorganisation für Flüchtlinge in Österreich. Angesichts der wenigen Evangelischen in Österreich ist das eine bemerkenswerte und für das Selbstverständnis der Kirchen wichtige Entwicklung.

Rogate-Frage: Was können wir in Deutschland von Österreich lernen, um die spürbare gesellschaftliche Spaltung und eine Gefährdung der Demokratie zu verhindern?

Michael Chalupka: Österreich hat seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen des Rechtspopulismus zu tun. Es zeigt sich deutlich, dass die Strategie, der vormals großen Parteien, immer mehr Anliegen der FPÖ in die eigene Programmatik zu übernehmen in den Diskurs der Rechtspopulisten eingezahlt hat. Die Erwartungen, dass sich durch eine schärfere Rhetorik und Abschottungspolitik WählerInnen für die Parteien der Mitte halten ließen haben sich nicht erfüllt. Wir ÖsterreicherInnen blicken umgekehrt immer etwas neidisch nach Deutschland, weil wir glauben dort mehr Sachpolitik und doch eine Spur weniger Populismus und Symbolpolitik zu erkennen. Trotz aller Probleme – von Pegida bis hin zu brennenden Flüchtlingsheimen – existiert doch auch in Deutschland eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung, wie jüngst eine Studie der EKD zur Haltung in der Flüchtlingsfrage gezeigt hat. Selbstverständlich ist die politische Lage in beiden Ländern sehr angespannt und ist es ein Auftrag an uns Christinnen und Christen, sehr wachsam zu sein und der Demagogisierung und Radikalisierung täglich entgegenzutreten.

Rogate: Vielen Dank, Herr Direktor Chalupka, für das Gespräch.

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten:

Fünf Fragen an: Benjamin Melzer, Transgender-Mann

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Benjamin Melzer (Foto: privat)

Fünf Freitagsfragen an Benjamin Melzer, Transgender-Mann und „Men’s Health“-Covermodel, über den Weg von einer Frau zum Mann und die Notwendigkeit, öffentlich zu werden.

Ben Melzer stammt aus Nordrhein-Westfalen und arbeitet als freier Handelsvertreter.

Rogate-Frage: Herr Melzer, warum haben Sie Ihre Lebensgeschichte, den Weg von Yvonne zu Ben, öffentlich gemacht?

Benjamin Melzer: Als ich am Anfang meiner Reise stand, war dort niemand der mir Fragen beantworten, oder mich inspirieren hätte können. Dieser jemand möchte ich gerne sein! Ich möchte Mut machen und Hoffnung schenken!

Rogate-Frage: Wie und wann haben Sie gemerkt, dass Sie im falschen Körper geboren wurden?

Benjamin Melzer: Recht früh, im Alter von drei/vier Jahren wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Was genau nicht stimmte, konnte ich in dem Alter allerdings noch benennen. Das erste Mal hörte vom Thema „transgender“ als ich 18 war. Leider hatte ich erst mit 23 Jahren die Kraft, den harten Weg zu bestreiten.

Rogate-Frage: Wie reagierte Ihr Umfeld und was hat Ihnen geholfen?

Benjamin Melzer: Da ich nie das typische Mädchen war, war eigentlich niemand so richtig überrascht. Ich wurde von Anfang an unterstützt und zwar von allen Seiten. Sowohl Familie, als auch Freunde. Sicherlich hängt das auch irgendwo mit meiner offenen Art zusammen.

Rogate-Frage: Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft, den Medien, der Politik…?

Benjamin Melzer: Niemand hat sich dieses Schicksal ausgesucht und jeder sollte das verstehen. Aufklärung sowie Normalisierung des Themas finde ich wichtig. Menschen mit diesem Schicksal in die Medien zu holen, vor die Kamera zu stellen und zu zeigen, dass auch wir nur Menschen mit Träumen und Zielen sind.

Rogate-Frage: Haben Sie Erfahrung mit der Kirche gemacht? Wie sollten sich die Kirchen und ihren Gemeinden verhalten, um Transmenschen zu unterstützen?

Benjamin Melzer: Vielleicht könnte man darüber predigen und auch hier das Thema ganz offen und normal ansprechen. Wir sind alle Kinder Gottes und jeder hat das Recht glücklich zu sein!

Rogate: Vielen Dank, Herr Melzer, für das Gespräch.

Mehr über Benjamin Melzer finden Sie hier.

Mehr zum Thema:

  • Dr. Gerhard Schreiber, Dozent für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, über Transsexualität als Thema der Theologie, den Variationsreichtum des Lebens und die wirkmächtige, aber problematische Lehre von den Schöpfungsordnungen.
  • Fotografin Kathrin Stahl über “Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”, ein Foto- und Textprojekt-Engagement über und für transidente Menschen. Ein Projekt, das mit einem Fotoshooting mit ihrer Tochter Marie begann, die einmal ihr Sohn war.


Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 5. April 16|19:00 Uhr, VESPER, Verkündigung des Herrn, in der Kapelle (Sakristei)
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDonnerstag, 7. April 16|19:30 Uhr, ANDACHT in der Osterzeit, in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 12. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Nächstenliebe“, in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 14. April 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE, mit Prozessionsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Dienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.

 

Aktuell: EKBO-Abendforen zur Gleichstellung von Traugottesdiensten

Wir möchten gern einer Bitte der Landeskirche nachkommen und auf die folgenden Veranstaltungen hinweisen:

Landeskirchenweite Abendforen zur rechtlichen und liturgischen Gleichstellung von Traugottesdiensten für Paare in eingetragener Lebenspartnerschaft mit Gottesdiensten aus Anlass einer Eheschließung

Wenn zwei eins werden wollen, dann gehört es zu den schönsten Aufgaben von Pfarrerinnen und Pfarrer, für Paare da zu sein, die um Gottes Segen bitten. Auch wenn sich Partnerschaft und Ehe in unserer Zeit immer wieder wandeln, so bleiben sie doch randvoll gefüllt mit Sehnsüchten, Hoffnungen und einem großen Versprechen. Darum feiern wir sie in unseren Kirchen, wissend, wie gefährdet und begrenzt gemeinsame Lebenszeit sein kann.

Ehepartner haben die Möglichkeit, in einem Traugottesdienst ihre gemeinsame Zukunft unter Gottes Gebot und Verheißung zu stellen. Gleichgeschlechtliche Paare lassen sich in Gottesdiensten für ihren gemeinsamen Lebensweg Gottes Segen zusprechen.

Propst Dr. Christian Stäblein (Bild: EKBO)

Propst Dr. Christian Stäblein (Bild: EKBO)

Die von der Landessynode der EKBO beabsichtigte rechtliche und liturgische Gleichstellung von Traugottesdiensten für Ehe als auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaft hat gute Gründe. Ihnen ist der Diskurs verschiedener Abende gewidmet.

Reden Sie mit Propst Stäblein über das Vorhaben, Paare zu trauen, die als Mann und Mann oder Frau und Frau verbunden leben. An mehreren Abenden wird er dazu an verschiedenen Orten unserer Landeskirche bereit sein.

Abendforen im Sprengel Berlin:

  • Dienstag, 12. Januar 2016, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Breitscheidplatz, 10787 Berlin, 19-21 Uhr

Abendforen im Sprengel Potsdam:

  • Montag, 25. Januar 2016, Ev. Stadtkirche St. Nicolai, Havelstraße 28, 16515 Oranienburg, 19-21 Uhr
  • Montag, 22. Februar 2016, Ev. Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg, Klosterkirchplatz 20, 14797 Kloster Lehnin, 19-21 Uhr

Abendforen im Sprengel Görlitz:

  • Dienstag, 05. Januar 2016, Haus Plitt, Bauzener Straße 21, 02906 Niesky, 19-21 Uhr
  • Freitag, 22. Januar 2016, Kirchengemeinde Werben/Spreewald, Am Anger 2, 03096 Werben, 19-21 Uhr
  • Dienstag, 26. Januar 2016, Dom St. Marien, Domplatz 10, 15517 Fürstenwalde/Spree, 19-21 Uhr
  • Mittwoch, 17. Februar 2016, Ev. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde Lübben, Paul-Gerhardt-Straße 2, 15907 Lübben, 19-21 Uhr

Fünf Fragen an: Josef Annen, Generalvikar Kantone Zürich und Glarus (Schweiz)

Generalvikar Josef Annen (Bild: Christoph Wider)

Generalvikar Josef Annen (Bild: Christoph Wider)

Fünf Freitagsfragen an Josef Annen, Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus (Bistum Chur/Schweiz), über die Notwendigkeit von eigenen Entschuldigungsbitten, die Schicksalsgemeinschaft der Kirchen und die Suche des Glaubens nach der Vernunft.

Geboren wurde Josef Annen 1945 in Küssnacht am Rigi. Nach dem Studium in Theologie und Philosophie in Chur und Tübingen erfolgte 1973 die Priesterweihe. Es folgte ein Promotionsstudium in Münster. Danach war er Vikar und Jugendseelsorger in Winterthur und Zürich, 1987 – 2000 Pfarrer in St. Peter und Paul in Winterthur, 2000 – 2009 Regens am Priesterseminar in Chur. Seit 2009 ist Josef Annen als Generalvikar der Stellvertreter des Bischofs von Chur für die Kantone Zürich und Glarus. Josef Annen wandert gern und liest viel.

Rogate-Frage: Herr Generalvikar Annen, im August 2015 haben Sie sich – zusammen mit dem Synodalrat – öffentlich für Ihre Kirche und diskriminierende Äußerungen von Bischöfen entschuldigt. Was hat Sie dazu bewogen?

Josef Annen: Ich habe mich für die Äusserung des Churer Bischofs Dr. Vitus Huonder, die er in Fulda gemacht hat, entschuldigt. Kritiker haben mir daraufhin entgegnet: Wie kann man sich für etwas entschuldigen, das man selber nicht getan hat? Die Frage ist berechtigt. Diese habe ich mir selber auch gestellt. Aber ich weiss mich mit meiner Kirche und meinem Bistum und auch mit dem Bischof verbunden. Ich sitze im selben Boot, wenn mein Bischof sich öffentlich äussert. Sein Wort betrifft mich und die ganze Öffentlichkeit. Homosexuelle Menschen, Seelsorger und engagierte Gläubige aus Pfarreien haben sich bei mir gemeldet. Sie waren verletzt. Als Repräsentant des Bischofs im Generalvikariat Zürich-Glarus konnte ich nicht anders, als diesen Menschen sagen: Es tut mir leid, ich entschuldige mich.

Rogate-Frage: Will die katholische Kirche in Ihrem Bistum mit homosexuellen Menschen Frieden schließen?

Josef Annen: Ich kann nur für mich sprechen, nicht für die katholische Kirche in meinem Bistum. Persönlich will ich den homosexuellen Menschen begegnen wie allen anderen Menschen: mit Respekt und Hochachtung. Gott selber gibt ihnen Würde und Ansehen. Wo immer Menschen ihr Leben in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen gestalten, habe ich ihren Lebensentwurf zu respektieren, selbst wenn mir dieser persönlich fremd bleiben mag. Homosexuelle Menschen sind wertvolle Glieder unserer Kirche und bringen nicht selten besondere Charismen in die kirchliche Gemeinschaft ein.

Rogate-Frage: Wie kann vor dem Hintergrund der katholischen Tradition ein Glaube gelebt werden, der das Gespräch mit der Vernunft sucht und vor ihr bestehen kann?

Josef Annen: „Fides quarens intellectum“ – Der Glaube sucht die Vernunft – hat Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert formuliert. Diese Aussage bleibt bis heute aktuell. Ein Glaube, der nur auf Erfahrung gründet und nicht nach Begründung für die Glaubenserfahrung sucht, gleitet leicht in Fideismus ab. Umgekehrt wirkt ein Glaube, der sich nur auf die Lehrsätze stützt, intellektualistisch und nicht überzeugend. Es ist gute Tradition der katholischen Kirche, Glaube und Vernunft stets miteinander ins Gespräch zu bringen. Nach 1 Petrus 3,15 sollen wir stets „bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt“, die uns erfüllt. Heutige Zeitgenossen finden kaum Zugang zum Glauben, wenn ihnen dieser Glaube nicht einleuchtet und vor der Vernunft nicht bestehen kann. Nur ein Glaube, der überzeugt, hat Zukunft.

Rogate-Frage: Sie haben geschrieben: „Mit Sorge stellen wir fest, dass das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Kirche grossen Schaden nehmen.“ Wie kann verlorenes Vertrauen wiedergewonnen werden?

Josef Annen: Vertrauen gewinnt, wer Vertrauen schenkt.

Rogate-Frage: In Ihre Entschuldigungsbitte haben Sie zudem die Mitglieder der evangelisch-reformierten Kirche genannt. Warum?

Josef Annen: Wir sind im Kanton Zürich als Christen in säkularer Gesellschaft eine einzige Schicksalsgemeinschaft. Als katholische, evangelisch-reformierte und christkatholische Christen bilden wir miteinander (zusammen mit den orthodoxen Kirchen und den vielen freien christlichen Gemeinschaften) den einen Leib der Kirche Jesu Christi, der leider gespalten ist. Dennoch leiden alle Glieder, wenn ein Glied leidet. Unsere säkulare Welt unterscheidet nicht mehr zwischen katholisch und reformiert. Wenn ein Bischof sich in der Öffentlichkeit äussert, dann äussert sich für viele einfach die Kirche. So verzeichnet beispielsweise die reformierte Kirche auch Kirchenaustritte, wenn sich die katholische Kirche in nicht überzeugender Weise zu einer umstrittenen Frage verlautbaren lässt. Es gehört darum zu einem guten ökumenischen Miteinander, dass ich mich bei der Schwesterkirche entschuldige, wenn sie wegen Äusserungen der katholischen Kirche Schaden nimmt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Tatsache, dass sich auch die jüdische Religionsgemeinschaft in Zürich über die Äusserungen des Bischofs beklagt hat.

Rogate: Vielen Dank, Herr Generalvikar Annen, für das Gespräch!

Mehr über römisch-katholische Kirche im Kanton Zürich finden Sie hier: zh.kath.ch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Kapelle der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Gottesdienstliche Winterpause bis zum 12. Januar. Wir besuchen in unseren Heinatgemeinden die Andachten und Feiern.
  • Dienstag, 12. Januar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, ohne Gesang/Musik
  • Dienstag, 19. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Dienstag, 26. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Sonntag, 31. Januar 16 | 10:00 Uhr, Predigtgottesdienst. Liturgie: Bruder Willehad Kaleb RGSM
  • Dienstag, 2. Februar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, mit Posaunenchor.
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier.
  • Hier unser Monatsplan Dezember 15/Januar 16.