Fünf Fragen an: Dr. Eva Högl, stellv. Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion

Fünf Fragen an Dr. Eva Högl, MdB und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, über eine Strafanzeige gegen einen Weihbischof, ihren Einsatz gegen menschenverachtende Äußerungen und die Erwartungen an die Kirchen.

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MdB Dr. Eva Högl (Bild: SPD-Fraktion)

Dr. Eva Högl wurde 1969 in Osnabrück geboren, studierte Rechtswissenschaften in Osnabrück und im niederländischen Leiden. Sie ist evangelisch, verheiratet und lebt im Wedding in Berlin-Mitte. Seit 2009 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages und vertritt den Wahlkreis Berlin-Mitte als direkt gewählte Abgeordnete der SPD. Die Themen Frieden, soziale Gerechtigkeit und sozialer Zusammenhalt haben sie vor genau 30 Jahren zur SPD gebracht.

Rogate-Frage: Warum haben Sie einen Strafantrag gegen den Salzburger Weihbischof Laun gestellt.

Eva Högl: Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat am 24. März 2017 auf der Internetseite „kath.net“ einen als „Hirtenbrief“ bezeichneten Text veröffentlicht, der hetzerische und menschenrechtsverletzende Passagen und Vergleiche enthält. Bischof Laun bezeichnet darin Homosexuelle als „gestörte Männer und Frauen“ mit „anatomischer Missbildung“ und unterstellt ihnen, die Rechte des Artikels 6 Grundgesetz sowie die demokratische Grundordnung in „autoritärer“ Weise angreifen zu wollen. Zudem rückt er Homosexualität in die Nähe von Pädophilie. Darüber hinaus beschreibt Bischof Laun Homosexualität und Genderstudien, in ihren Handlungsweisen und Zielen, als auf einer Stufe mit dem Nationalsozialismus und seiner Rassen- und Vernichtungsideologie stehend. Er hängt damit homosexuellen Menschen Begriffe an, die sowohl für Christen*innen als auch für Nicht-Christen*innen als Hassbegriffe verständlich sind.

Solch homophobe und menschenverachtende Äußerungen müssen bestraft werden. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit meinen Kollegen Karl-Heinz Brunner und Johannes Kahrs sowie dem stellvertretenden Landesvorsitzenden von SPDqueer in Berlin, Christopher Jäschke, Strafantrag gegen den Bischof und die Betreiber der Internetseite bei der Staatsanwaltschaft in Berlin gestellt.

Rogate-Frage: Ist ein Strafverfahren das richtige Instrument, um inhaltliche Auseinandersetzungen mit Kirchenleuten zu führen?

Eva Högl: Wenn jemand in einer Art und Weise gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen hetzt, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören und zum Hass gegen diese Gruppe aufstachelt, dann ist das keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr, sondern strafbar. Wo Recht verletzt wird, müssen wir auch mit den Mitteln des Rechtsstaates reagieren.

Rogate-Frage: Auch an der Seite kath.net üben Sie Kritik und haben ebenfalls einen Strafantrag gestellt. Warum?

Eva Högl: Wir haben bei der Berliner Staatsanwaltschaft auch Strafantrag gegen die Betreiber*innen der Internetseite „kath.net“ mit Sitz in Linz und deren verantwortlichen Redakteur Roland Noé gestellt. Die Internetseite ist für deutsche Nutzer*innen ohne Einschränkung zugänglich und verbreitet nach unserer Auffassung Schriften, die zum Hass und zu Gewalt gegen Menschen aufstachelt. Wir Antragsteller*innen waren auch der Meinung, dass die Seite den Nationalsozialismus verharmlost und homosexuelle Menschen verächtlich macht sowie in der Öffentlichkeit herabwürdigt. Aus diesen Gründen haben wir bei der Staatsanwaltschaft beantragt, diese Sachverhalte zu prüfen.

Rogate-Frage: Sie kritisieren die Positionen des römisch-katholischen Bischofs. Welche Erwartungen haben Sie an die Kirche in Bezug auf LGBTIQ?

Eva Högl: Die Evangelische Kirche in Deutschland begrüßt die Ehe für alle. Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat in der Vergangenheit die Gleichwertigkeit homosexueller Beziehungen verteidigt. Auf dem vergangenen Kirchentag in Berlin wurden homo- und heterosexuelle Paare öffentlich getraut. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz bietet zudem Trauungen für homosexuelle Paare an. Drei weitere Landeskirchen in Deutschland haben ähnliche Angebote und ich sehe die evangelische Kirche auf einem guten Weg.

Ich respektiere, dass die katholische Kirche eine andere Auffassung hat und die Ehe ein Sakrament ist. Jede Familienform verdient Anerkennung, Zuspruch und rechtliche Absicherung. Das sind sehr christliche Werte. Wir als Staat und Gesetzgeber stellen uns dieser Realität: Es gibt vielfältige Formen des Zusammenlebens. Und das sollten alle Kirchen akzeptieren.

Rogate-Frage: Nach und nach sind evangelische Landeskirchen dabei, die völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen umzusetzen. Wann werden der deutsche Staat und der Bundestag soweit sein?

Eva Högl: Der Deutsche Bundestag hat am 30. Juni 2017 mit dem Beschluss zur Ehe für alle den Weg zur vollständigen Gleichstellung Homosexueller freigemacht. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) wird künftig stehen: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen“. Damit ist es Homosexuellen ab Inkrafttreten des Gesetzes möglich, eine Ehe auf den Standesämtern zu schließen – genau wie heterosexuelle Paare. Damit erlangen schwule oder lesbische Ehepaare auch das volle Adoptionsrecht, was bedeutet: Sie können gemeinsam Kinder adoptieren.

Die SPD hat sich lange für die Abstimmung eingesetzt, die der Koalitionspartner aber nicht wollte. Vier Jahre lang haben wir in der SPD-Bundestagsfraktion tagtäglich mit unserem Koalitionspartner geredet, argumentiert, diskutiert und harte Überzeugungsarbeit geleistet. Denn auf diese wichtige gesellschaftliche Entscheidung haben viele Menschen lange gewartet. 82 Prozent der Deutschen befürworten die Ehe für alle. Für mich war es eine nicht zu rechtfertigende Diskriminierung, hier nach dem Geschlecht zu unterscheiden.

Ich freue mich sehr, dass der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit für die Ehe für alle gestimmt hat. Die Diskriminierung homosexueller Paare wird endlich aufgehoben. Das ist ein Grund zum Feiern!

Rogate: Vielen Dank, Frau Dr. Högl, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aktualisierung: Die Ermittlungsverfahren gegen Andreas Laun und Roland Noé sind im Mai 2017 durch die Staatsanwaltschaft Berlin eingestellt worden.

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Freitag, 14. Juli 2017 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum 25. Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin. Predigt: Bischof Dr. Matthias Ring (Katholisches Bistum RogateKl_Aushang A4_Stadtfest2017_111116der Alt-Katholiken in Deutschland). Predigttext: 1. Petrus 4, 7-10. Weitere Mitwirkende: Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit), Die Schwestern des Hospizdienstes Tauwerk, Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-Katholische Gemeinde Berlin), Pastorin Dagmar Wegener (Baptistische Gemeinde Schöneberg), Geschäftsführer Jörg Steinert (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, LSVD) und Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert (SPD).  Ort: RogateKl_DINlang_Wilhelmshaven_RZ140617_Front KopieZwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Malte Mevissen. Kirchdienst: Christopher Chandler (Zwölf-Apostel-Gemeinde). Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin-Schöneberg.
  • Montag, 17. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Achim Postert, AfD. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 24. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Alexander von Fintel, Bündnis 90/Die Grünen. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Dr. Holger Onken, Die Linken. Ort: Christus- und Garnisonkirche; Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Der Mond ist aufgegangen”. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.

Fünf Fragen an: Dr. Christoph Meyns, EKD-Beauftragter zu den evangelischen Kommunitäten

Fünf Freitagsfragen an Dr. Christoph Meyns, Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten, über Orte geschwisterlicher Gemeinschaft, Schulen der Achtsamkeit und die Versuchung der Selbstabschließung.

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Landesbischof Christoph Meyns (Bild: LK BS)

Dr. Christoph Meyns stammt gebürtig aus Bad Segeberg. In Kiel und Tübingen studierte er Evangelische Theologie. Als Stipendiat der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche verbrachte er zwei Jahre bei der Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea. Nach dem Vikariat im Predigerseminar Breklum und in Husum war er Gemeindepastor in Bargum/Breklum-Nord, Krummesse und Oldenswort. Er ließ sich zum Geistlichen Begleiter bei der damaligen Communität Christusbruderschaft in Wülfinghausen ausbilden. Verschiedene Aufgaben im Kirchenamt in Kiel für die Evaluation des Reformprozesses der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche sowie als Organisations- und Personalentwickler im Kirchenkreis Dithmarschen folgten. 2013 promovierte er zum Doktor der Theologie im Fach Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Seit Juni 2014 ist er Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig und seit Juni 2016 Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten.

Rogate-Frage: Was verbinden Sie mit evangelischen Kommunitäten und Klöstern?

Christoph Meyns: Für mich stehen evangelische Kommunitäten und Klöster für eine Form des kirchlichen Lebens, in der Gottesdienst, Gebet und geschwisterliche Gemeinschaft in besonderer Intensität gepflegt werden. In einer Zeit, die von verwirrend vielen Möglichkeiten, Zerstreuung und Oberflächlichkeit gekennzeichnet ist, stehen sie ein für die Konzentration auf das Wesentliche, die Wertschätzung der Stille und das Eintauchen in die Fundamente unserer Existenz.

Rogate-Frage: Nicht selten müssen sich Angehörige evangelischer Klöster und Kommunitäten den Vorwurf anhören, ihre Lebensform sei „nicht evangelisch“. Was sagen Sie dazu?

Christoph Meyns: Die Reformation kritisierte die klösterliche Lebensform als Mittel der Werkgerechtigkeit und aufgrund der Lasten, die sich daraus für die Gesellschaft ergaben. Sie fokussierte die Aufmerksamkeit auf Familie und Beruf als gleichberechtigten Ort christlicher Existenz. Im Ergebnis führte diese „Entthronung“ mönchischer Lebensweisen zu ihrer Abschaffung. Damit wurde meines Erachtens das Kind mit dem Bade ausgeschüttet

Auch evangelische Christinnen und Christen können in der Begegnung mit dem Wort Gottes für sich Konsequenzen für die eigene Lebensführung ziehen, die sie in Anknüpfung an die Traditionen des Mönchtums in ein kommunitäres oder klösterliches Leben hinein führen.

Wichtig ist mir, dass nicht das eine gegen das andere ausgespielt wird. Beide Lebensformen haben ihre je eigenen geistlichen Vorzüge, Herausforderungen, Gefährdungen und Fehlformen.

Rogate-Frage: Welche Bedeutung haben Klöster und Geistliche Gemeinschaften in der EKD?

Christoph Meyns: Wir brauchen Orte des Rückzugs, der Stille, der Besinnung und der Kontemplation. Unsere Welt ist so laut, dass wir die leise Stimme Christi und die des eigenen Gewissens oft überhören. Kommunitäten und Klöster sind in besonderer Weise Schulen der Achtsamkeit, des Gebetes und der Liturgie. Sie leisten damit Widerstand gegen einen Zeitgeist, der mit Kopflastigkeit, Machbarkeitswahn, Leistungsdruck, Selbstüberforderung, Misstrauen und der Flucht vor Erfahrungen der Begrenztheit und Kontingenz des Lebens bis tief hinein ins kirchliche Leben Verunsicherung auslöst.

Rogate-Frage: Wie kann die Kirche ihre Klöster und deren geistliches Leben schützen und fördern?

Christoph Meyns: Ich bin noch zu wenig in meine neue Aufgabe eingearbeitet, um beurteilen zu können, was genau Klöster und Kommunitäten von der verfassten Kirche brauchen. Ein erster Schritt scheint mir darin zu liegen, ihnen Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu schenken und sie neben Ortsgemeinden, funktionalen Diensten, Kreisen, Initiativen, Vereinen, Verbänden und diakonischen Einrichtungen als wichtigen Teil des kirchlichen Lebens zu würdigen.

Wichtig scheint mir für unsere Kirche insgesamt zu sein, der Versuchung zu Selbstabschließung und Selbstgenügsamkeit entgegen zu wirken und an guten Beziehungen zwischen den verschiedenen Orten und Ebenen des kirchlichen Lebens zu arbeiten.

Rogate-Frage: Welchen Rat geben sie den Gemeinschaften auf den Weg für das Leben in, mit und für die Kirche?

Christoph Meyns: Da halte ich es mit Paulus: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Philipper 4,4

Rogate: Vielen Dank, Herr Landesbischof Dr. Meyns, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Aushang_Eucharistie 22 Sonntag n Trinitatis_160616 Kopie.jpgSonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden. Orgel: Manuel Rösler
  • Donnerstag, 20. Oktober 2016 | 19:30 Uhr, Mitgliederversammlung des Fördervereins.
  • Allerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Ökumenisches Eucharistie  mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, EKBO, Bezirksbürgermeisterin  Angelika Schöttler, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Pfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde. Chor: „Mixed Martinis – Gospel & more“, Tegel. Orgel: Manuel Rösler
  • Sonntag, 3. Advent, 11. Dezember 2016 | 17:00 Uhr, Sternenkinder-Gottesdienst für verwaiste Eltern und ihre Angehörigen zum Worldwide Candle Lighting Day, mit Pastor Engelbert Petsch, Aktion “Die Flamme der Hoffnung”, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Pfarrerin Simone Mantei, Studienzentrum der EKD für Genderfragen

Fünf Freitagsfragen an Simone Mantei, Studienzentrum der EKD für
Genderfragen in Kirche und Theologie, über soziale Kategorien, verordnete Geschlechterordnungen und den Schatz vielfältiger Gottesbilder.

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Dr. Simone Mantei (Bild: EKD)

Pfarrerin Dr. Simone Mantei, geboren 1972 in Hannover, studierte von 1991 bis 1998 evangelische Theologie in Marburg, Uppsala (Schweden) und Hamburg. Im Anschluss an ihr Examen promovierte sie im Fach kirchliche Zeitgeschichte. Nach ihren Vikariat war sie drei Jahre Pfarrerin im hessischen Bad Schwalbach. 2009 bis 2014 lehrte und forschte sie im Fachgebiet Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät Mainz und veröffentlichte zu pastoraltheologischen Fragen. Seit knapp drei Jahren ist sie Studienleiterin im Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover. Simone Mantei ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Rogate-Frage: Frau Dr. Mantei, was sind Genderfragen?

Simone Mantei: Geschlecht ist nicht nur eine biologische Kategorie, sondern auch eine soziale. Das heißt, was zu verschiedenen Zeiten oder in verschiedenen Kulturen als männlich angesehen wird oder als weiblich, unterscheidet sich. Genderfragen hinterfragen zum Beispiel, was wir heute als ‚typisch männlich oder weiblich‘ betrachten – welche Farben, Haarlängen oder Berufe werden welchem Geschlecht zugeschrieben? Warum war Reiten im Kontext von Jagd und Militär bis ins letzte Jahrhundert eine männlich konnotierte Tätigkeit und gilt heute als typischer Frauensport? Und warum vergeschlechtlichen wir diese Tätigkeit überhaupt?

Rogate-Frage: Warum beschäftigt sich die evangelische Kirche damit?

Simone Mantei: Weil die Kirche Geschlechterrollen über lange Zeit als Gottgegeben, unveränderlich und sakrosankt verstanden hat. Die Rede von sogenannten ‚Schöpfungsordnungen‘ hat jede Hinterfragung unmöglich gemacht. Heute sucht die Kirche auf der Grundlage des Evangeliums nach gerechten Verhältnissen – auch zwischen den Geschlechtern.

Rogate-Frage: Welche Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit können Kirchengemeinden und Einrichtungen nutzen?

Simone Mantei: Das Studienzentrum betreibt zunächst Grundlagenforschung. Hier wurde zum Beispiel der „Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der evangelischen Kirche in Deutschland“ erstellt. Er beschreibt wie viele Männer und Frauen in Kirchenvorständen, im Ehrenamt oder im Pfarrdienst aktiv sind und dient damit zum Beispiel Synoden als Grundlage für weitere Befassungen.

Als Beitrag zum Reformationsjubiläum gibt es Frauenmahle, in denen anregende Gespräche gesucht werden über die Zukunft von Kirche und Theologie.

Zudem steht derzeit die Studie „Verhasste Vielfalt“ vor dem Abschluss. Dabei geht es um die Auswirkungen von Hassmails im kirchlichen Raum. Von den Ergebnissen erhoffen wir uns, dass deutlich wird, welche Ängste und Aggressionen mit Genderfragen und anderen kirchlichen Themenfeldern verbunden sind.

Rogate-Frage: Welche Aufgaben und Entwicklungen im Bereich der Genderfragen kommen in der Zukunft auf die Kirche zu?

Simone Mantei: Beispielsweise der interreligiöse Dialog zu theologischen Geschlechter- und Familienbildern; die Vermittlung von geschlechterbewusstem biblisch-theologischen Grundlagenwissen oder auch Arbeits- und Lebensmodelle der Zukunft. Aber auch Fragen nach religiöser oder sexueller Identität (Trans-und Intersexualität) müssen aus theologischer Perspektive reflektiert werden. Und nicht zuletzt wird die Kirche sich mit der Frage nach der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Kirche und Gesellschaft auseinandersetzen müssen.

Rogate-Frage: Und was sollte sich im Gottesdienst und in der Theologie ändern?

Simone Mantei: Es hat sich schon viel geändert. Die Gemeinden sitzen nicht mehr nach Geschlechtern getrennt in der Kirche. Wir haben den Schatz vielfältiger – auch weiblicher – Gottesbilder wieder entdeckt. Es gibt sogar ein Gesangbuch und eine Bibel in gerechter Sprache. Selbst die neue Lutherübersetzung hat ein Bewusstsein für Sprache – genauso wie viele Geistliche und Ehrenamtliche.

Wünschen würde ich mir, dass Genderfragen in Kirche und Theologie noch ein wenig unideologischer verhandelt würden und selbstverständlicher, beispielsweise in theologischen Seminaren oder Bibelkreisen, aufgegriffen würden – wie ich es im Studium in Schweden erlebt habe.

Als evangelische Pfarrerin wünsche ich mir auch katholische Kolleginnen, Priesterinnen, die Ihrer Berufung folgen und nicht wegen ihres Geschlechts vom Dienst am Wort Gottes abgehalten werden.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pfarrerin Dr. Mantei, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Postkarte_Mensch+Tier2016_080316 Kopie 2 Sonnabend, 1. Oktober 2016 | 16:00 Uhr, Mitgliederversammlung des Trägervereins
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 11:00 Uhr, Rogate-Zukunftsworkshop, Moderation Pfarrerin Andrea Richter
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt: Pfarrerin Andrea Richter
  • Donnerstag, 6. Oktober 2016 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Sonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden
  • Allerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Gottesdienst mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Bezirksbürgermeisterin  Angelika Schöttler, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, EKBO, Pfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde
  • Sonntag, 3. Advent, 11. Dezember 2016 | 17:00 Uhr, Sternenkinder-Gottesdienst für verwaiste Eltern und ihre Angehörigen zum Worldwide Candle Lighting Day, mit Pastor Engelbert Petsch, Aktion “Die Flamme der Hoffnung”, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirche

Fünf Fragen an: Prof. Traugott Roser, Universität Münster

Fünf Freitagsfragen an Prof. Traugott Roser, Universität Münster, über das Segnen im Lebenslauf, eine neue kirchliche Sensibilität für das Thema „Lebensformen“ und warum das Nichtsegnen Fluch ist. Ein Beitrag zur heute begonnenen Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).

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Prof. Traugott Roser (Bild: privat)

Traugott Roser studierte Theologie in Erlangen, München sowie in Gettysburg (USA). Er promovierte bei Trutz Rendtorff in München, bei ihm arbeitete er auch als Assistent. Er war Gemeindepfarrer in München und teilzeitlich als Leiter der Koordinationsstelle Medizinethik der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern bis ins Jahr 2004. Seit 1. März 2013 ist er Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sein besonderes Interesse gilt der Palliative Care und Hospiz-Arbeit, ihrer Einführung in Pflegeeinrichtungen, sowie der Entwicklung einer Kultur von Spiritual Care im Gesundheitswesen. Zu seinen Schwerpunktthemen gehört auch Religion im Film.

Rogate-Frage: Herr Professor Roser, was ist Segen und was segnet die Kirche?

Traugott Roser: Wörtlich meint segnen – benedicere – „Gutes sagen“, im Zwischenmenschlichen immer dann, wenn es Not-wendig ist, weil das Gute im Leben gefährdet oder doch zumindest in Frage gestellt ist. Entsprechend sind Segen und Segnen an Übergängen im Leben angebracht, vom Aufbruch in einen neuen Tag am Morgen (Beispiel: Luthers Morgensegen) über den Aufbruch in eine neue Lebensphase, wie bei der Einschulung, und zu Beginn einer Lebenspartnerschaft bis hin zum Übergang vom Leben in das Leben nach dem irdischen Leben durch die „Aussegnung“. Jeder Mensch kann segnen, genauso wie jeder Mensch auch fluchen kann!

Wer segnet, stellt das Gegenüber und sich selbst in eine Beziehung, die unter der Verheißung Gottes steht; darum kann segnen auch immer nur Gutes meinen: Shalom in der ganzen Vielfalt der Bedeutungen. Nicht nur in den alten Geschichten, sondern auch in der konkreten Lebenswelt von heute, geben Menschen den Segen weiter, den sie selbst empfangen und aus dem sie gelebt haben. In diesem Sinn macht segnen auch immer deutlich, dass wir nicht aus uns selbst und für uns selbst leben, sondern Bittende und Empfangende sind. Kirche segnet im Übrigen nicht anders als Menschen segnen. Auch Kirche ist Empfangende und Bittende. Aber Kirche erinnert darüber hinaus, dass kirchlicher Segen immer zurück erinnert an die Verheißung der Taufe. Dort ist vielleicht so etwas wie der Ur-Segen, an den wir mit jedem weiteren Segen erinnern. Die unverbrüchliche Zusage Gottes, der bei uns ist und will, dass alles, was wir tun, Gutes wirkt.

Rogate-Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich mit der Frage zur Segnungen gleichgeschlechtlich liebender Menschen beschäftigen?

Traugott Roser: Offen gesagt, aus Eigeninteresse. Ich habe das Glück, zweimal um den Segen für eine Lebenspartnerschaft bitten zu dürfen und dabei nicht abgelehnt worden zu sein. Beim ersten Mal habe ich durch den Tod meines Mannes erlebt, wie wichtig der Segen gerade dann war, als es um Leben und Tod ging und der irdische Tod unser beider gemeinsames Leben beendete. Die Verheißung, dass dennoch Gutes auf uns wartet, hat uns der Segen gezeigt. Und auch in meiner jetzigen Lebenspartnerschaft zehren mein Mann und ich immer wieder von dem Segen, der uns geschenkt wurde. Am besten aber ist, dass der Segen bei unserer Segungsfeier nicht auf uns beschränkt war, sondern alle Gäste Segen zugesprochen bekamen, an dem Punkt, wo sie in ihrem Leben waren. Mein dritter Bruder wurde auch gesegnet, als Single. Es war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen habe. Wie tröstlich, dass er nicht ungesegnet starb, egal ob in oder nicht in einer Partnerschaft!

Rogate-Frage: Was bedeutet es, wenn der Segen Menschen und Paaren verwehrt wurde und wird?

Traugott Roser: Wer anderen Menschen nicht „Gutes sagt“, sagt ihnen damit Nichts. Da halte ich es mit Michael Ende („Die unendliche Geschichte„): „Das Nichts verzehrt das, was ist.“ Oder mit Paul Watzlawick („Man kann nicht nicht kommunizieren„) – wer nicht segnet, sagt nicht einfach nichts, sondern spricht einen Nichtsegen – und das ist für mich ein Fluch.

Rogate-Frage: Die Evangelische Kirche im Rheinland traut nun lesbische und schwule Paare. Die Landessynode der EKBO will morgen eine revidierte und erweiterte Trauagende verabschieden, die gleichgeschlechtliche Paar gleich behandelt und Tauungen ermöglich… Welche neuen Initiativen nehmen Sie in der evangelischen Kirche wahr, um Diskriminierungen zu beenden?

Traugott Roser: Ich erlebe in der Kirche bei vielen Gesprächen eine neue Sensibilität für das Thema „Lebensformen“ allgemein. Die Wahrnehmung dessen, dass es viele Weisen des Lebens als Christin und als Christ gibt, dass der Glaube auch Menschen wichtig ist, die nicht in das Raster der bürgerlichen Familie und bürgerlichen Existenz passen, gehört für mich dazu. Transgender beispielsweise ist ein Thema, dem Kirchen sich öffnen und das sie nicht länger ausschließen. Zur Beendigung von Diskriminierung gehört meines Erachtens aber auch, dass die Kirchen und Kirchenleitungen sich nicht nur helfend und diakonisch anderen Lebensformen zuwenden, sondern von deren Erfahrungen lernen, was Glaube in der Gegenwart ist und welche Konsequenzen Glaubenserfahrungen für Glaubenslehre haben kann. Kommunikation des Evangeliums ist eine Zweibahnstraße, ein Inklusions-Diskurs. Wir haben noch viel zu lernen, auch wenn Diskriminierung längst hinter uns liegt!

Rogate-Frage: Wie sollte ein Segnungs- beziehungsweise Traugottesdienst für homosexuelle Paare aussehen? Was ist dabei wichtig?

Traugott Roser: Nicht anders als ein normaler Traugottesdienst. Es kommt auf die Verbindung von Zeichen, Symbolen und Worten und Deutung an; es braucht immer einen engen Anknüpfungspunkt an die Biografie der beteiligten Menschen, denn der Segen und Zuspruch ereignet sich im Leben, in konkreten Lebenssituationen. Deshalb ist mir ganz wichtig, dass ein Gottesdienst durch gute Gespräche (Kasualgespräche) vorbereitet ist, in denen es nicht nur um Deko und Zeremonie geht, sondern darum, warum genau diese beiden Menschen segensbedürftig sind. Im Traugottesdienst ist es immer auch wichtig, neben all dem Schönen auch das zu sehen, was gefährdet ist. Da braucht es Segen. Dafür beten wir als Gemeinde. Alles Weitere wie Licht, Freude, Helligkeit, Musik und Schönheit ergeben sich von selbst.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Roser, für das Gespräch!

Weitere Informationen über Prof. Roser finden Sie hier.

Mehr zum Thema Synodentagung der EKBO hier:

  • Fünf Freitagsfragen an Sigrun Neuwerth, Präses der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über Wege zum Ziel in der Sitzungsleitung, die Frage um die kirchenrechtliche Gleichstellung homosexueller Paare und das Interesse am Zusammenwirken von ehrenamtlichen und beruflichen Kräften.
  • Fünf Freitagsfragen an Kevin Jessa, Freiwilliger in der evangelischen Kirche, über ein ehrenamtliches Engagement trotz Widrigkeiten, die Sicht eines hineinwachsenden  Jugendlichen und die Stärke des Christentums, sich auf Neues einzulassen.

Zum Thema Gottesdienst siehe auch:

  • Landesbischof Gerhard Ulrich, Nordkirche und Leitender Bischof der VELKD, über die Definition eines lutherischen Gottesdienstes, situationsgemäße Liturgie und die Relevanz der Tradition.
  • Prof. Dr. Alexander Deeg, Universität Leipzig, über gute Gottesdienste, überzeugende Feierformen und die Wertschätzung der Eucharistie.
  • Pastorin Anita Christians-Albrecht, Plattdeutschbeauftragte der Landeskirche Hannovers, über ‘Gott up Platt – Wat sall dat?’, ‘Gott sien Lüüd’ und “Gott deep mitföhlen deit”.
  • Kirchenrat Klaus Rieth, Evangelische Landeskirche in Württemberg, über die Reaktion der Gemeinden im Ländle auf den Zustrom geflüchteter Menschen und eine bundesweit gefragte mehrsprachige Gottesdienst-Hilfe.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 12. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Nächstenliebe“
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDonnerstag, 14. April 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE, mit Prozessionsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Dienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.
  • Sonntag Rogate, 1. Mai 16 | 10:00 Uhr, Eucharistie, Predigt: Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Theologische Fakultät an der Humboldt-Universität
  • Dienstag, 3. Mai 16|19:00 Uhr, VESPER am Tag der Apostel Philippus und Jakobus das Abendgebet, in der Kirche

Fünf Fragen an: Dr. Gerhard Schreiber, Goethe-Universität Frankfurt

Fünf Freitagsfragen an Dr. Gerhard Schreiber, Dozent für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, über Transsexualität als Thema der Theologie, den Variationsreichtum des Lebens und die wirkmächtige, aber problematische Lehre von den Schöpfungsordnungen.

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Dr. theol. Gerhard Schreiber (Foto: Ralf Stieber/Ev. Akademie Baden)

Dr. theol. Gerhard Schreiber wurde 1978 in Neuendettelsau/Mittelfranken geboren. Auf ein Studium der Evangelischen Theologie in Neuendettelsau, München und Heidelberg folgte ein fünfjähriger Forschungsaufenthalt am Søren-Kierkegaard-Forschungszentrum in Kopenhagen. Seit 2009 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionsphilosophie der Goethe-Universität Frankfurt. Er hat Lehraufträge für Philosophie und Theologie an den Universitäten in Bochum, Darmstadt, Düsseldorf und Reykjavík wahrgenommen. In einem gegenwärtigen Forschungsprojekt beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Sexualität und Identität aus theologischer und neurowissenschaftlicher Sicht.

Rogate-Frage: Herr Dr. Schreiber, wie sind Sie auf das Thema Transsexualität gekommen?

Gerhard Schreiber: Als Dozent für Systematische Theologie biete ich auch Lehrveranstaltungen zu Fragen der Sozialethik, einschließlich der Sexualethik an. In einem Seminar zum Thema „Kann denn Liebe Sünde sein? Sexualität und Sünde“ war im Januar 2015 die transsexuelle Pfarrerin Dorothea Zwölfer zu Gast, um einen Vortrag über Glaubensfragen, Ethik und Transsexualität zu halten. Bei der Vorbereitung auf diesen ebenso spannenden wie inspirierenden Vortrag wurde mir deutlich, dass es von Seiten der (Evangelischen) Theologie und Kirche noch immer so gut wie keine Stellungnahme oder Expertise zum Phänomen der Transsexualität sowie zum Umgang mit transsexuellen Menschen als Teil nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der kirchlichen Gemeinschaft gibt. Diesem Desiderat der kirchlich-theologischen Reflexion wollte ich Anfang Februar 2016 mit einer Konferenz über Transsexualität an der Goethe-Universität Frankfurt begegnen. Expertinnen und Experten aus den Neuro-, Bio- und Rechtswissenschaften einerseits, Vertreterinnen und Vertreter von Theologie und Kirche andererseits sind in einen, wie sich zeigen sollte, erfreulich offen geführten Dialog sowohl miteinander als auch mit Betreffenden über einen ethisch, politisch und rechtlich angemessenen Umgang mit Transsexualität getreten. Zudem beschäftige ich mich in einem Forschungsprojekt mit dem Verhältnis von Sexualität und Identität aus theologischer und neurowissenschaftlicher Sicht, wofür das Phänomen der Transsexualität herausragende Bedeutung hat.

Rogate-Frage: Was genau ist Transsexualität? Ist sie angeboren und Teil der Schöpfung?

Gerhard Schreiber: Bei transsexuellen Menschen stimmen die körperlichen Geschlechtsmerkmale nicht mit der im Gehirn verankerten Geschlechtsidentität überein – und das von Geburt an. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft werden Strukturen und Funktionen des Gehirns als bestimmend für das subjektiv und objektiv entsprechende Geschlecht betrachtet. Milton Diamond, Professor für reproduktive Biologie an der Universität von Hawaii, hat das einmal so formuliert: „Unser wichtigstes Geschlechtsorgan haben wir nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren.“ Der mit dem Begriff „Transsexualität“ bezeichnete Sachverhalt hat aber nichts mit sexueller Orientierung oder Präferenz zu tun, sondern mit der Identität, mit dem Wesenskern eines Menschen. Man kann sich den Unterschied zwischen Transsexualität und z.B. Hetero- oder Homosexualität, salopp gesprochen, so verdeutlichen: Hetero- oder Homosexualität sagt etwas darüber aus, mit wem ich ins Bett gehen möchte. Transsexualität hingegen darüber, als wer ich mit jemandem ins Bett gehen möchte. Bei Letzterem geht es also um die Geschlechtsidentität als bestimmenden Faktor, weshalb verschiedentlich dem Begriff der „Transidentität“ der Vorzug gegeben wird.

Transsexuelle Menschen im angedeuteten Sinne besitzen ein tiefes inneres Wissen, zu welchem Geschlecht sie wirklich gehören, unabhängig davon, welches Geschlecht ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde und wie z.B. ihre Genitalien ausgeprägt sind. Die Genitalien sind bei transsexuellen Menschen in gewisser Weise geschlechtlich „diskrepant“ zum Gehirn, besitzen diese Menschen doch die unerschütterliche Gewissheit, ein Geschlecht zu haben, das ihnen bei der Geburt vorenthalten wurde. Der Geschlechtskörper ist insgesamt durch Inkongruenz charakterisiert. Von daher ist das explizite Bedürfnis vieler – keineswegs aller – Betreffenden nach Angleichung von Körper und Lebensweise an das eigentliche Geschlecht nur allzu verständlich und auch intersubjektiv gut nachvollziehbar. Transsexualität als solche hat nichts mit psychischer Erkrankung oder Störung zu tun, wie man lange Zeit glaubte. Als eine biologische Variante, als ein typisches Muster innerhalb der individuellen geschlechtlichen Vielfalt verdeutlicht uns das Phänomen der Transsexualität vielmehr eindrücklich, dass es, theologisch gesprochen, unter Gottes Regenbogen wesentlich mehr gibt als das, was wir zum Beispiel aufgrund der körperlichen Geschlechtsmerkmale als ‚den Mann‘ und ‚die Frau‘ klassifizieren.

Rogate-Frage: Welche Folgerungen ziehen Sie daraus für die Schöpfungstheologie und warum sollte sich die Theologie damit beschäftigen?

Gerhard Schreiber: Zur Feststellung des biologischen Geschlechts eines Menschen gibt es zwar objektive Kriterien, doch ist das biologische Geschlecht keineswegs immer eine eindeutige Größe. So kann zum Beispiel die Beschaffenheit der Genitalien – lange Zeit der einzige Anhaltspunkt für die Geschlechtszuweisung (Hebammengeschlecht) – durchaus ambivalent sein. Auch durch eine Chromosomenanalyse lässt sich das biologische Geschlecht eines Menschen nicht immer eindeutig klären. Die genetische Forschung hat längst nachgewiesen, dass es auch Menschen gibt, die ein männliches Erscheinungsbild aufweisen, deren beide Geschlechtschromosomen aber X-Chromosomen sind, während Menschen mit weiblichem Phänotyp auch einen XY-Karyotyp besitzen können. Solche intersexuellen Menschen (das heißt Menschen zwischen den Geschlechtern) passen ebenso wenig wie transsexuelle Menschen (das heißt Menschen unterwegs in den richtigen Körper) in ein binäres, zumal feststehendes Schema von „Mann“ und „Frau“, wie dieses die traditionelle theologische Lehre von den Schöpfungsordnungen nahelegt. Gottes Schöpfung ist wesentlich variantenreicher, als es den Anschein hat. Die Ansicht, das biologische Geschlecht eines jeden Menschen – geschweige denn das Geschlecht, dem er sich zugehörig fühlt – werde durch die Genitalien oder Chromosomen exakt und unzweideutig angezeigt, ist überholt. Dadurch ist aber nicht die zentrale Aussage des Schöpfungsberichts widerlegt, dass wir den Grund unseres Seins nicht in uns selbst, sondern von Gott her haben, zumal wir qualitativ verschiedene Deutungs- und Erklärungsebenen nicht miteinander vermischen dürfen. Die biologische Tatsache der geschlechtlichen Vielfalt des Menschen sollte uns allerdings dafür sensibilisieren, biblische Aussagen zu Leiblichkeit, Geschlechtlichkeit und Sexualität des Menschen, die den damaligen Wissens- und Erkenntnisstand widerspiegeln, nicht unreflektiert auf die heutige Lebenswirklichkeit zu übertragen. „Vielfalt“ bedeutet nicht „Beliebigkeit“, mithin auch kein „anything goes“, wenn es um Fragen und Formen des Zusammenlebens von Menschen geht. Doch wird geschlechtliche Vielfalt in einigen religiösen Kreisen geradezu als Kampfansage an die Schöpfungsordnung und als Bedrohung der menschlichen Ordnungsstrukturen betrachtet. Ich möchte diesen zum Teil mit abstrusen Argumenten befeuerten Ängsten und Befürchtungen mit den Worten Regina Ammicht Quinns entgegnen: „Warum verstört es uns so sehr, wenn Gott sich nicht an die von Menschen gemachten Gesetze hält?“ Warum kann Vielfalt nicht auch als heilsame Un-Ordnung und die Tatsache besonderer Schöpfungsvarianten als Bereicherung und Ergänzung zu unserem bisherigen Denken verstanden werden? Die wirkmächtige, aber problematische Lehre von den Schöpfungsordnungen ist zu revidieren. Überhaupt sollte in Bezug auf Geschlechtlichkeit weniger von Ordnungen als vielmehr von typischen Mustern gesprochen werden. Es bedarf hierzu einer prinzipiellen, systematisch- und praktisch-theologischen Aufarbeitung.

Rogate-Frage: Was kann und sollten die Kirchen und ihre Gemeinden tun? 

Gerhard Schreiber: Transsexuelle Menschen wurden jahrhundertelang benachteiligt, ausgegrenzt und diskriminiert. Die persönliche Überzeugung, einem anderen Geschlecht anzugehören als dem genital „festgelegten“, wurde als eine Art Wahn oder Ähnliches betrachtet. Der durch die neurobiologische Forschung ausgelöste Paradigmenwechsel bei der Beurteilung von Transsexualität ist mit Entpsychiatrisierung und Entpsychopathologisierung verbunden. Doch noch immer rechnet die gegenwärtig geltende Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Transsexualität als „Störung der Geschlechtsidentität“ zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. Ändern wird sich dies vermutlich erst 2017/18 mit der neuen Klassifikation ICD-11, in der Transsexualität als Inkongruenz (des Geschlechtskörpers) eingestuft wird.

Ähnlich problematisch wie die unhaltbare Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen ist deren damit einhergehende Bevormundung durch Medizin und Psychiatrie. Warum aber sollte nicht ein Betreffender selbst, der sein Wissen über sich selbst sozusagen aus erster Hand hat, der beste Experte über sein eigentliches Geschlecht sein können? Zur Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung von transsexuellen Menschen auch in unserer Gesellschaft kommen nicht zuletzt finanzielle Sorgen und Nöte, da die Arbeitslosigkeit unter transsexuellen Menschen erschreckend hoch ist. Als gesellschaftlich noch immer wirkmächtiger Faktor muss die Kirche gegen jede Form der Diskriminierung und für Akzeptanz eintreten, alle Menschen als Geschöpfe Gottes unterschiedslos und unbesehen der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität willkommen heißen, die im besten Sinne nebensächlich ist (vergleiche Galater 3,28). Das Verhältnis der Kirche zu intersexuellen und transsexuellen Menschen bedarf dringend einer Revidierung.

Gewiss wird der Einwand nicht lange auf sich warten lassen, dass Menschen, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht der gängigen Norm entsprechen, doch „nur“ eine Minderheit in unserer Gesellschaft seien. Zunächst: Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) geht von etwa 250.000 transsexuellen und intersexuellen Menschen in Deutschland aus. Sodann: Am Umgang mit Minderheiten entscheidet sich nicht nur in einer Gesellschaft, sondern gleichermaßen auch in einer kirchlichen Gemeinschaft, wie offen sie ist und wofür sie wirklich einsteht. Der Umgang mit Minderheiten ist Prüfstein für die Botschaft der Kirche. Daher erscheint es mir angeraten, transsexuelle Menschen in den Fokus zu rücken und den ethisch, politisch und rechtlich angemessenen Umgang mit ihnen als eine paradigmatische Herausforderung zur gesellschaftlichen Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt zu verstehen. Den kirchlichen Gemeinden kommt hierbei eine Leuchtturmfunktion mit Ausstrahlungskraft zu.

Noch ein Weiteres ist von Gewicht: Der Prozess der Bewusstwerdung einer Diskrepanz zwischen äußerlich sichtbarem und innerlich bestimmendem, zwischen zugewiesenem und empfundenem Geschlecht kann sehr leid- und schmerzvoll sein. Die sich aufdrängende Frage, warum manche Geschöpfe Gottes diesen besonderen, oft langwierigen und beschwerlichen Weg der Selbst-Erkenntnis gehen müssen, ist müßig zu beantworten. Der Prozess der Transition hat gravierende Auswirkungen auch auf die Partnerschaften der Betreffenden und deren Familien. Deshalb ist es ungemein wichtig, auch die kirchlichen Seelsorger und die Telefonseelsorger dafür zu sensibilisieren, um transsexuelle Menschen auf ihrem Lebensweg gut und kompetent geistlich begleiten zu können.

Rogate-Frage: Gibt es eine spirituelle, geistliche Dimension in dieser Frage? 

Gerhard Schreiber: Gerade für religiöse Menschen hat der Transitionsprozess als Weg der Angleichung von Körper und Lebensweise an das eigentliche Geschlecht eine tiefe geistliche Dimension, wird dadurch die Frage des Mitseins Gottes doch auf radikale Weise neu gestellt. Joachim Neander hat in der zweiten Strophe des bekannten Kirchenliedes „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ gedichtet: „…der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?“ Wer aber ist dieses Ich, das dies verspüren soll? Selbst wenn bei transsexuellen Menschen, wie es in einer sehenswerten Dokumentation des Bayerischen Rundfunks in der Reihe „Brückenschlag“ von November 2014 heißt, „im Herzen alles gleichbleibt“, berührt der Transitionsprozess, der formal beziehungsweise äußerlich von einer Vornamensänderung bis hin zu chirurgischen geschlechtsangleichenden Maßnahmen reichen kann, selbstverständlich auch die spirituelle, geistliche Dimension des Lebens. Viele transsexuelle Menschen haben ein besonderes Bedürfnis nach seelsorglicher Begleitung und Zuspruch. Eine gegenwärtig diskutierte Frage ist jedoch, ob und inwieweit der Transitionsprozess über eine geistliche Lebensbegleitung hinausgehend zum Beispiel auch in einer kirchlichen Feier begleitet werden sollte und wie dem, was das Leben im Innersten ausmacht und betrifft, auch in kultisch-rituellen Formen Ausdruck verschafft werden sollte, um das Angenommensein durch Gott von Neuem beziehungsweise unter anderen Vorzeichen zu bejahen. Auch bei dieser Frage stehen wir in den Kirchen, Gemeinden, Kirchenleitungen und theologischen Fakultäten erst am Anfang und werden gut daran tun, die Bedürfnisse transsexueller Menschen wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben. Die bedingungslose Annahme durch Gott wird allerdings immer Indikativ sein und bleiben, auch wenn die kirchliche Begleitung der Gestaltung und Ausgestaltung privater Lebensformen in neuen Gesellschaftskontexten jeweils neu zu verantworten sein wird.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Schreiber, für das Gespräch!

Mehr über Dr. Gerhard Schreiber finden Sie hier.

Mehr zum Thema:

  • Benjamin Melzer, Transgender-Mann und „Men’s Health“-Covermodel, über den Weg von einer Frau zum Mann und die Notwendigkeit, öffentlich zu werden.
  • Fotografin Kathrin Stahl über “Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”, ein Foto- und Textprojekt-Engagement über und für transidente Menschen. Ein Projekt, das mit einem Fotoshooting mit ihrer Tochter Marie begann, die einmal ihr Sohn war.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDienstag, 5. April 16|19:00 Uhr, VESPER, Verkündigung des Herrn, in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 7. April 16|19:30 Uhr, ANDACHT in der Osterzeit, in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 12. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Nächstenliebe“, in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 14. April 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE, mit Prozessionsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Dienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.

Fünf Fragen an: Fernando Enns, Professor für Friedenstheologie an der Universität Hamburg

Fünf Freitagsfragen an Fernando Enns, Professor an der Freien Universität Amsterdam, über die Mennoniten, ihre Kirche, Theologie und die Frage, ob Christen töten dürfen.

Prof. Dr. Fernando Enns

Dr. Fernando Enns ist Professor für (Friedens-)Theologie und Ethik an der Freien Universität Amsterdam und Leiter der „Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen“ an der Universität Hamburg. Geboren ist er in Brasilien, studierte Evangelische Theologie in Heidelberg und Mennonitische Theologie in Elkhart/Indiana. F. Enns engagiert sich seit vielen Jahren vor allem im Weltkirchenrat für Frieden und Gerechtigkeit sowie für die Ökumene.

Rogate-Frage: Herr Prof. Dr. Enns, was macht die Mennoniten und Ihre Kirche aus? Woher kommt diese Konfession und wo findet man deren Gemeinden?

Fernando Enns: Mennoniten entstammen der Täuferbewegung der Reformation des 16. Jahrhunderts – manchmal auch als „linker Flügel“ der Reformation bezeichnet. Es ist die älteste Evangelische Freikirche in Deutschland. Mennonitengemeinden gibt es überall in Deutschland: im Norden eher die alten Stadtgemeinden, wie Hamburg oder Emden, im Süden eher in ländlichen Gebieten, der Pfalz oder in Bayern. Seit den 1970er Jahren sind viele Mennoniten aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen und haben vor allem in Nordrhein-Westfalen große Gemeinden gegründet.

Rogate-Frage: Was glaubt ein Mennonit? Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten gibt es im Vergleich zu Lutheranern oder Katholiken?

Fernando Enns: Mit den anderen Kirchen der Reformation glauben die Mennoniten auch, dass der Mensch allein aus der Gnade Gottes zum Glauben an Christus kommt.

Im Unterschied zu anderen Traditionen taufen Mennoniten keine Babys, sondern Jugendliche und Erwachsene, die sich für den Glauben und die Mitgliedschaft in der Kirche aus freien Stücken entscheiden. Mennoniten stehen für eine klare Trennung von Kirche und Staat, zahlen daher keine Kirchensteuer, sondern überlassen dies der freiwilligen Einschätzung der Einzelnen.

Es gibt auch keine Kirchenhierarchien, das reformatorische „Priestertum aller Gläubigen“ wird tatsächlich gelebt. In der Ökumene engagieren wir uns seit vielen Jahrzehnten für ein förderliches Miteinander.

Rogate-Frage: Wie sind mennonitische Gottesdienste aufgebaut? Welche Rolle spielt der Kultus?

Fernando Enns: Der Gottesdienst am Sonntagmorgen ist der zentrale Treffpunkt der Gemeinde. In Liedern, Musik, Gebeten und Predigt findet die Gemeinde Stärkung, Tröstung und Orientierung.

Die Liturgie ist einfach gehalten. Wichtig ist der persönliche Austausch, die gegenseitige Anteilnahme und die gemeinsame Verantwortung für die Ortsgemeinde.

Rogate-Frage: Warum wissen sich mennonitische Christen in besonderer Form dem Frieden verpflichtet? Woher kommt der Begriff der Friedenskirche?

Fernando Enns: Wie bereits die Täufer des 16. Jahrhunderts, so meinen auch die Mennoniten heute, dass Christen nicht zuerst an ihren Worten, sondern vor allem an ihren Taten erkennbar sein sollten. Ein Leben in der Nachfolge Jesu bedeutet, den Lebensweg Jesu und seine Lehre (wie in der Bergpredigt) tatsächlich so ernst zu nehmen, dass man versucht, das eigene Leben entsprechend zu gestalten. Ein zentrales Element ist die Gewaltfreiheit. Sie meint nicht Passivität oder Rückzug aus der Gesellschaft, sondern aktive Suche und Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, im nahen Umfeld wie auch in der globalen Menschheitsfamilie, und einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung. Da Mennoniten in Europa vor allem durch ihre Kriegsdienstverweigerung und Nothilfe für Andere bekannt sind, nannte man sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts „historische Friedenskirche“ – neben den Quäkern und der Church of the Brethren.

Rogate-Frage: Dürfen Christen töten?

Fernando Enns: Nein. Die biblischen Zeugnisse im Alten wie Neuen Testaments sind hier eindeutig. Nicht nur darf der Mensch nicht andere Menschen töten, sondern er soll – so die Weisungen Jesu – sogar die Feinde lieben. Es ist der Respekt und die Anerkennung, dass das Leben Gott, dem Schöpfer, allein gehört und der Mensch, als Teil der Schöpfung, sich nicht zum „Herrn über Leben und Tod“ machen sollte.

Daher wird militärische Gewalt – auch als sogenannte „ultima ratio“ – im Allgemeinen abgelehnt. Stattdessen sollen Christen sich für einen aktiven Friedensdienst einsetzen, so weit es in ihrer Macht steht.

Aber: es gibt in Mennonitengemeinden keine bindende Vorschrift, dies so zu vertreten. Das freie Gewissen der Einzelnen wird stets geachtet.

Rogate-Frage: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ (Brief an die Römer 15.7). Was sagt Ihnen dieses Bibelwort?

Fernando Enns: In Jesus Christus hat Gott gezeigt, wie er alle Menschen annimmt: in Liebe, die durch Vergebung befreit von aller Schuld, aber auch vor aller Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Wie Jesus die Menschen annahm – meistens Menschen am Rande der Gesellschaft, Verpönte, Selbstgerechte, Arme, Hungrige, Ausländer, Männer und Frauen, ja sogar Feinde, so können auch wir uns gegenseitig annehmen – weil uns die Gewissheit der Liebe Gottes zu solch einem Leben befreit, die den Blick auf die Ängste und Nöte der Nächsten, auch der weit Entfernten, richten lässt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Enns, für das Gespräch!

Weitere Information: Mehr zur Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen finden Sie hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 5. Mai 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink.
    Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink.

    Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink. Mit Pastorin Ann-Katrin Bosbach, Victoria-Gemeinde. Orgel: Malte Mevissen.

  • Freitag, 8. Mai 15 | 18:15 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands, Dorfkirche, Alt-Schöneberg.
  • Sonntag, 10. Mai 15 | 10:00 Uhr, Eucharistie am Sonntag Rogate, Thema des Gottesdienstes “Spiritualität in der Pflege“, Predigt: Pastorin Dr. Astrid Giebel, Diakonie Deutschland. Anschließend Eröffnung der Fotoausstellung „Gepflegt in der Gegenwart“ des Paritätischen Berlin in den Seitenschiffen der Kirche. Sie läuft bis zum 2. Juni 2015. Öffnungszeiten: Offene Kirche, Sonnabends, 11:00 bis 15.00 Uhr und vor und nach den Gottesdiensten.
  • Unseren Mai-Plan finden Sie hier.

Fünf Fragen an: Gunther Wenz, Professor für Systematische Theologie in München

Professor Gunther WenzFünf Freitagsfragen an Professor Gunther Wenz über das Verhältnis der Reformatoren zu den Klöstern, den evangelischen Dienst der Kommunitäten und die Wahrnehmung von Taizé.

Geboren wurde Gunther Wenz 1949 im mittelfränkischen Weißenburg. Er ist ordinierter Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Seit 1995 hat er den Lehrstuhl für Systematische Theologie I an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München inne und ist Direktor des Instituts für Fundamentaltheologie und Ökumene.

Rogate-Frage: Herr Professor Wenz, Mitgliedern evangelischer geistlichen Gemeinschaften wird nicht selten gesagt: „Klöster sind unevangelisch“ und „Luther war ein Gegner aller Klöster“. Ist da was dran?

Gunther Wenz: Luther und die anderen Reformatoren haben sich bei aller Kritik niemals grundsätzlich gegen ein klösterliches Leben ausgesprochen, sondern dessen Wert stets zu schätzen gewusst. Dies belegt unter anderem der 27. Artikel der Confessio Augustana, der von den Klostergelübden handelt. Kritisiert wird, dass viele und namentlich junge Leute nicht aus eigenem Antrieb und Willensentschluss, sondern etwa aus Versorgungsgründen ins Kloster gelangten. Kritisiert wird ferner der Anspruch, das Klosterleben stehe höher als andere von Gott eingesetzte Stände, wie etwa der Ehestand. Von diesen und vergleichbaren Einwänden bleibt aber die prinzipielle reformatorische Hochschätzung des Klosters als einer spezifischen Lehr- und Lernanstalt christlichen Glaubens unbetroffen.

Rogate-Frage: Keine evangelische Kirchenzeitung kommt heute ohne Texte von Pater Anselm Grün oder anderen katholischen Ordensleuten aus. Fehlt der evangelischen Kirche die Spiritualität eigener Klöster? Und welchen Platz haben Kommunitäten und Klöster in heutigen Protestantismus?

Gunther Wenz: Es ist auch für einen Protestanten sehr gut und nützlich zu wissen, dass es Menschen gibt, die ihr Leben primär dem gemeinschaftlichen Gottesdienst und dem Gebet widmen. Wie keine sinnvolle Tätigkeit ohne Muße und Ruhe auskommt, so bedarf die christliche Kirche bestimmter Horte der Abkehr von aller äußeren Geschäftigkeit und der inneren Konzentration. Wenn zu solch gesammelter Konzentration auf den fundierenden Grund unserer selbst und unserer Welt katholische oder orthodoxe Klöster und Ordensleute beitragen, dann tun sie an uns und an der Welt einen evangelischen Dienst.

Rogate-Frage: Manche sagen, dass die ökumenische Gemeinschaft von Taizé nur in Frankreich groß werden konnte. In Deutschland hätten die verfassten Kirchen die Entwicklung einer solchen Institution verhindert. Ist diese These abwegig?

Gunther Wenz: Ich habe mit der ökumenischen Gemeinschaft von Taize keine persönlichen Erfahrungen und kann auch nicht sagen, ob und gegebenenfalls warum sie nur in Frankreich groß werden konnte. Deshalb nur folgende Anmerkung: In diesen Tagen ist meiner Fakultät eine empirische Studie zum Einfluss von Taize auf die Spiritualität Jugendlicher als Dissertation vorgelegt worden. Als besonders bedeutsam wird von allen Befragten das Leben in Einfachheit, die geistliche Strukturierung des Alltags, der gemeinsame Gesang als dichte Ausdrucksform des Glaubens (Luther sagt: „Zweimal betet, wer singt!“), der Zusammenhang von Schweigen und Existenzwahrnehmung, die Zuwendung zu den Armen und Benachteiligten sowie die Offenheit für andere Konfessionen und religiöse Bekenntnisse hervorgehoben. Auch dem gemeinsamen Theologisieren wird von den Jugendlichen ein überraschend hoher Stellenwert zuerkannt. Als besonders eindrucksvoll wird in der Regel die Gestaltung der Abendmahlsfeiern empfunden. Inwieweit die ökumenische Gemeinschaft von Taize ein Vorbild für die ökumenischen Beziehungen der christlichen Kirchen insgesamt sein kann, lasse ich dahingestellt; eine spirituelle Bereicherung des Kirchenlebens stellt sie auf jeden Fall dar.

Rogate-Frage: Was ist die Besonderheit von Klöstern und Kommunitäten und welche inneren und äußeren Freiheiten brauchen sie – auch von der Amtskirche – zur eigenen Entwicklung?

Gunther Wenz: Die Kirche ist insgesamt eine Kommunität, nämlich die Gemeinschaft derjenigen, die im Glauben an Wort und Sakrament und mittels der Heilsmedien an dem in Jesus Christus in der Kraft seines Heiligen Geistes offenbaren Gott teilhaben. Klösterliche Kommunitäten stehen innerhalb dieser Gemeinschaft und haben entsprechend die institutionellen Grundregeln zu achten, die für die ganze Kirche gelten. Unter dieser Voraussetzung ist ihnen jede Freiheit zu gewähren, die Christenmenschen zukommt, um je an ihrem Ort die spezifischen Aufgaben zu erfüllen, die ihnen von Gott gestellt sind.

Rogate-Frage: Was schätzen Sie persönlich an Ihnen bekannten Kommunitäten und Klöstern?

Gunther Wenz: Ich war als Mitherausgeber der Zeitschrift „Una sancta“ häufig in Kloster Niederaltaich an der Donau. Jeder Besuch war für mich ein Erlebnis: die Lage des Ortes, die historische Dimension, die er zu erkennen gibt, die geschwisterliche Atmosphäre, die ökumenische Offenheit, die Bedeutung, die jedem Einzelnen in der Gemeinschaft beigemessen wird. In der Kirche Jesu Christi stehen Individualität und Sozialität paritätisch in Geltung. Um dies einzusehen, muss man nichts ins Kloster gehen; aber man kann es dort, wie ich denke, in besonderer Weise erfahren.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Wenz, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 2. September 14 |19:00 Uhr, VESPERGamle Oslo kro og kirkekor
  • Donnerstag, 4. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Sonnabend, 6. September |18:00 Uhr, musikalische Vesper mit dem «Gamle Oslo kro og kirkekor». Gemeinsam veranstaltet mit der Norwegischen Kirche in Berlin (Sjømannskirken).
  • Unseren Gottesdienstplan für den September finden Sie hier.