Fünf Fragen an: Prof. Dr. Sabine Hark, Technische Universität Berlin

Fünf Fragen an Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der Technischen Universität Berlin, über das Verbot der Gender Studies in Ungarn, die Bedeutung von Freiheit in der Forschung und einer wichtige Wissensquelle für die gesellschaftliche Entwicklung.

2018 Prof Dr Sabine Hark
Prof. Dr. Sabine Hark (Bild: privat)

Die Berliner Soziologin Sabine Hark ist eine der profiliertesten Geschlechterforscherinnen in Deutschland, die sich selbst als „notorische (In-)Fragesteller_in“ beschreibt. Sie schrieb früh über „Grenzen lesbischer Identitäten“; sie beschäftigt sich u.a. mit europaweit stärker werdenden homophoben und antifeministischen Bewegungen. Seit 2009 leitet Hark das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. In Mainz und Frankfurt am Main studierte sie Politikwissenschaft und Soziologie. 1995 wurde sie an der Freien Universität Berlin promoviert.

Rogate-Frage: Frau Professorin Hark, was wissen Sie über das Verbot der Genderstudies in Ungarn?

Sabine Hark: Bereits im August dieses Jahres hatte die ungarische Regierung angekündigt, die Gender Studies aus der Liste der genehmigten Studiengänge an ungarischen Universitäten streichen zu wollen. Es gäbe zu wenig Studierende – was nicht stimmt, die Programme sind ausgelastet –, vor allem aber stellten die Gender Studies einen „Angriff auf den gesunden Menschenverstand“ dar, der nur Männer und Frauen kenne und dies sei alles, was es hier zu wissen gäbe, so der Stabschef der ungarischen Regierung, Gergely Gulyas. Aufgrund des starken internationalen Protestes, der dies als Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre wertete, vertagte die Regierung die Entscheidung, um sie jetzt gewissermaßen still und heimlich einfach umzusetzen. Gender Studies wird in Ungarn an zwei Universitäten in akkreditierten Master-Studiengängen gelehrt, an der staatlichen Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest und der privaten, aber staatlich anerkannten Central European University (CEU) ebenfalls in Budapest. Diese dürfen jetzt keine neuen Studierenden mehr aufnehmen, wobei das Progamm an CEU immer noch eine US-amerikanische Akkreditierung hat.

Rogate-Frage: Was wissen Sie über die Situation und Lage Ihrer Kolleginnen und Kollegen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Studierenden vor Ort?

Sabine Hark: Unmittelbar betroffen sind erst einmal die Kolleginnen und Kollegen, die in diesen Programmen unterrichten. Ob ihre Anstellungen an diesen Studiengängen hängen, weiß ich nicht. Das wird aber sicher in einigen Fällen so sein. Und natürlich verstärkt eine solche Entscheidung den Rechtfertigungsdruck, unter dem die Gender Studies ohnehin seit einigen Jahren europaweit stehen. Die Studierenden, die jetzt eingeschrieben sind, können ihr Studium noch zu Ende führen, es werden aber keine neuen aufgenommen. Die ungarischen Kolleginnen und Kollegen informieren und mobilisieren derzeit weltweit den Protest gegen diese Entscheidung. Auch ein internationaler Streik der Gender Studies ist im Gespräch.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat ein nationales Verbot für die Genderstudies international?

Sabine Hark: Im besten Fall rüttelt das Verbot die internationale Staatengemeinschaft noch stärker auf und erkennt, dass der Angriff auf die Gender Studies strategisch gesehen sowohl ein Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre ist als auch Teil des weltweiten Kampfes gegen Selbstbestimmung, sexuelle Freiheit und reproduktive Rechte. Es ist ein Pfeiler des nationalautoritären Angriffs auf die Demokratie. Das erleben wir ja weltweit in vielen Staaten, dass Angriffe auf die Pressefreiheit und die Wissenschaftsfreiheit Teil der neoreaktionären Landnahme der Demokratie sind. Das europäische Parlament hat ja bereits ein Verfahren gegen Ungarn eingeleitet, in dem es darum geht, ob Ungarn gegen die Werte und Prinzipien der Europäischen Union verstößt. Die Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit sind hier explizit genannt. Auch die Gender Studies organisieren sich international derzeit noch einmal stärker, um solchen Anfeindungen entgegen treten zu können. Wir dürfen die Situation nicht unterschätzen. Hier sind Kräfte am Werk, die größer sind als die ungarische Regierung.

Rogate-Frage: Was geht der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Entwicklung verloren, wenn dieser Wissenschaftsbereich fehlen würde?

Sabine Hark: Die Gender Studies beschäftigen sich ja mit vielen Fragen und Thematiken, nicht nur dem Verhältnis der Geschlechter und Fragen individueller geschlechtlicher Identität, sondern auch mit Fragen der Organisation von Familie und Verwandtschaft, mit Erwerbsarbeit und Entlohnung, mit Gewalt, Krieg und Terror, mit der gerechten Organisation von Gesellschaft etwa im Bereich Bildung, Erziehung, Pflege und Sorge für andere, mit Technikentwicklung, Kunst, Literatur und vielem anderen. Wenn all dies nicht mehr aus der Perspektive der Geschlechterordnung betrachtet werden kann, verlieren Gesellschaften eine wichtige Wissensquelle, die sie für ihre Entwicklung und die Gestaltung eines guten, von Zwang und Gewalt freien Lebens für alle dringend brauchen.

Rogate-Frage: Welche Entwicklungen befürchten Sie für andere Länder und wie nehmen Sie die politische Diskussion in der Bundesrepublik wahr?

Sabine Hark: In der Bundesrepublik sind die Gender Studies ja schon seit bald fünfzehn Jahren Unterstellungen ihrer Unwissenschaftlichkeit und dem Vorwurf, dass sie Ideologie produzierten und keine wissenschaftlichen Ergebnisse, ausgesetzt. Das reicht leider teilweise bis weit in die bürgerliche Mitte hinein. Immer wieder finden sich auch in seriösen Zeitungen und Magazinen wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ oder auch der „Süddeutschen Zeitung“ und dem „Spiegel“ Artikel, die argumentieren, dass Geld für die Gender Studies eine Verschwendung von Steuergeldern sei und in der Byzantinistik oder der Meteorologie besser eingesetzt wären. Selbst Stimmen im Feminismus, allen voran Alice Schwarzer, behaupten immer wieder, wir würden eine wirklichkeitsfremde Ideologie propagieren, die mit der Lebensrealität der Menschen nichts zu tun hätte. Und seit die AfD in den Parlamenten sitzt, nutzen sie intensiv das Mittel kleiner und großer parlamentarischer Anfragen, um ihrem Ziel der Abschaffung von Geschlechterforschungs-Studiengängen näher zu kommen. All dies ist, wie gesagt, Teil des nationalautoritären Angriffs auf die Demokratie. Das müssen wir erkennen und die Gender Studies als Teil einer offenen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft verteidigen.

Rogate: Vielen Dank, Frau Professorin Hark, für das Gespräch!

Mehr über das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung finden Sie hier: zifg.tu-berlin.de

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten:

Fünf Fragen an: Dr. Eva Högl, stellv. Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion

Fünf Fragen an Dr. Eva Högl, MdB und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, über eine Strafanzeige gegen einen Weihbischof, ihren Einsatz gegen menschenverachtende Äußerungen und die Erwartungen an die Kirchen.

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MdB Dr. Eva Högl (Bild: SPD-Fraktion)

Dr. Eva Högl wurde 1969 in Osnabrück geboren, studierte Rechtswissenschaften in Osnabrück und im niederländischen Leiden. Sie ist evangelisch, verheiratet und lebt im Wedding in Berlin-Mitte. Seit 2009 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages und vertritt den Wahlkreis Berlin-Mitte als direkt gewählte Abgeordnete der SPD. Die Themen Frieden, soziale Gerechtigkeit und sozialer Zusammenhalt haben sie vor genau 30 Jahren zur SPD gebracht.

Rogate-Frage: Warum haben Sie einen Strafantrag gegen den Salzburger Weihbischof Laun gestellt.

Eva Högl: Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat am 24. März 2017 auf der Internetseite „kath.net“ einen als „Hirtenbrief“ bezeichneten Text veröffentlicht, der hetzerische und menschenrechtsverletzende Passagen und Vergleiche enthält. Bischof Laun bezeichnet darin Homosexuelle als „gestörte Männer und Frauen“ mit „anatomischer Missbildung“ und unterstellt ihnen, die Rechte des Artikels 6 Grundgesetz sowie die demokratische Grundordnung in „autoritärer“ Weise angreifen zu wollen. Zudem rückt er Homosexualität in die Nähe von Pädophilie. Darüber hinaus beschreibt Bischof Laun Homosexualität und Genderstudien, in ihren Handlungsweisen und Zielen, als auf einer Stufe mit dem Nationalsozialismus und seiner Rassen- und Vernichtungsideologie stehend. Er hängt damit homosexuellen Menschen Begriffe an, die sowohl für Christen*innen als auch für Nicht-Christen*innen als Hassbegriffe verständlich sind.

Solch homophobe und menschenverachtende Äußerungen müssen bestraft werden. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit meinen Kollegen Karl-Heinz Brunner und Johannes Kahrs sowie dem stellvertretenden Landesvorsitzenden von SPDqueer in Berlin, Christopher Jäschke, Strafantrag gegen den Bischof und die Betreiber der Internetseite bei der Staatsanwaltschaft in Berlin gestellt.

Rogate-Frage: Ist ein Strafverfahren das richtige Instrument, um inhaltliche Auseinandersetzungen mit Kirchenleuten zu führen?

Eva Högl: Wenn jemand in einer Art und Weise gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen hetzt, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören und zum Hass gegen diese Gruppe aufstachelt, dann ist das keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr, sondern strafbar. Wo Recht verletzt wird, müssen wir auch mit den Mitteln des Rechtsstaates reagieren.

Rogate-Frage: Auch an der Seite kath.net üben Sie Kritik und haben ebenfalls einen Strafantrag gestellt. Warum?

Eva Högl: Wir haben bei der Berliner Staatsanwaltschaft auch Strafantrag gegen die Betreiber*innen der Internetseite „kath.net“ mit Sitz in Linz und deren verantwortlichen Redakteur Roland Noé gestellt. Die Internetseite ist für deutsche Nutzer*innen ohne Einschränkung zugänglich und verbreitet nach unserer Auffassung Schriften, die zum Hass und zu Gewalt gegen Menschen aufstachelt. Wir Antragsteller*innen waren auch der Meinung, dass die Seite den Nationalsozialismus verharmlost und homosexuelle Menschen verächtlich macht sowie in der Öffentlichkeit herabwürdigt. Aus diesen Gründen haben wir bei der Staatsanwaltschaft beantragt, diese Sachverhalte zu prüfen.

Rogate-Frage: Sie kritisieren die Positionen des römisch-katholischen Bischofs. Welche Erwartungen haben Sie an die Kirche in Bezug auf LGBTIQ?

Eva Högl: Die Evangelische Kirche in Deutschland begrüßt die Ehe für alle. Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat in der Vergangenheit die Gleichwertigkeit homosexueller Beziehungen verteidigt. Auf dem vergangenen Kirchentag in Berlin wurden homo- und heterosexuelle Paare öffentlich getraut. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz bietet zudem Trauungen für homosexuelle Paare an. Drei weitere Landeskirchen in Deutschland haben ähnliche Angebote und ich sehe die evangelische Kirche auf einem guten Weg.

Ich respektiere, dass die katholische Kirche eine andere Auffassung hat und die Ehe ein Sakrament ist. Jede Familienform verdient Anerkennung, Zuspruch und rechtliche Absicherung. Das sind sehr christliche Werte. Wir als Staat und Gesetzgeber stellen uns dieser Realität: Es gibt vielfältige Formen des Zusammenlebens. Und das sollten alle Kirchen akzeptieren.

Rogate-Frage: Nach und nach sind evangelische Landeskirchen dabei, die völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen umzusetzen. Wann werden der deutsche Staat und der Bundestag soweit sein?

Eva Högl: Der Deutsche Bundestag hat am 30. Juni 2017 mit dem Beschluss zur Ehe für alle den Weg zur vollständigen Gleichstellung Homosexueller freigemacht. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) wird künftig stehen: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen“. Damit ist es Homosexuellen ab Inkrafttreten des Gesetzes möglich, eine Ehe auf den Standesämtern zu schließen – genau wie heterosexuelle Paare. Damit erlangen schwule oder lesbische Ehepaare auch das volle Adoptionsrecht, was bedeutet: Sie können gemeinsam Kinder adoptieren.

Die SPD hat sich lange für die Abstimmung eingesetzt, die der Koalitionspartner aber nicht wollte. Vier Jahre lang haben wir in der SPD-Bundestagsfraktion tagtäglich mit unserem Koalitionspartner geredet, argumentiert, diskutiert und harte Überzeugungsarbeit geleistet. Denn auf diese wichtige gesellschaftliche Entscheidung haben viele Menschen lange gewartet. 82 Prozent der Deutschen befürworten die Ehe für alle. Für mich war es eine nicht zu rechtfertigende Diskriminierung, hier nach dem Geschlecht zu unterscheiden.

Ich freue mich sehr, dass der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit für die Ehe für alle gestimmt hat. Die Diskriminierung homosexueller Paare wird endlich aufgehoben. Das ist ein Grund zum Feiern!

Rogate: Vielen Dank, Frau Dr. Högl, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aktualisierung: Die Ermittlungsverfahren gegen Andreas Laun und Roland Noé sind im Mai 2017 durch die Staatsanwaltschaft Berlin eingestellt worden.

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Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

  • Freitag, 14. Juli 2017 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum 25. Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin. Predigt: Bischof Dr. Matthias Ring (Katholisches Bistum RogateKl_Aushang A4_Stadtfest2017_111116der Alt-Katholiken in Deutschland). Predigttext: 1. Petrus 4, 7-10. Weitere Mitwirkende: Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit), Die Schwestern des Hospizdienstes Tauwerk, Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-Katholische Gemeinde Berlin), Pastorin Dagmar Wegener (Baptistische Gemeinde Schöneberg), Geschäftsführer Jörg Steinert (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, LSVD) und Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert (SPD).  Ort: RogateKl_DINlang_Wilhelmshaven_RZ140617_Front KopieZwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Malte Mevissen. Kirchdienst: Christopher Chandler (Zwölf-Apostel-Gemeinde). Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, Berlin-Schöneberg.
  • Montag, 17. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Achim Postert, AfD. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 24. Juli 2017 | 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Alexander von Fintel, Bündnis 90/Die Grünen. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 19:00 Uhr, Gebet für Stadt und Land. Anschließend: „Warum wählen?“, im Gespräch mit Dr. Holger Onken, Die Linken. Ort: Christus- und Garnisonkirche; Gemeindehaus, Wilhelmshaven.
  • Montag, 31. Juli 2017, 21:00 Uhr, Mondandacht zu „Der Mond ist aufgegangen”. Orgel: Stadtkantor Markus Nitt. Ort: Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven.

Fünf Fragen an: Fernando Enns, Professor für Friedenstheologie an der Universität Hamburg

Fünf Freitagsfragen an Fernando Enns, Professor an der Freien Universität Amsterdam, über die Mennoniten, ihre Kirche, Theologie und die Frage, ob Christen töten dürfen.

Prof. Dr. Fernando Enns

Dr. Fernando Enns ist Professor für (Friedens-)Theologie und Ethik an der Freien Universität Amsterdam und Leiter der „Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen“ an der Universität Hamburg. Geboren ist er in Brasilien, studierte Evangelische Theologie in Heidelberg und Mennonitische Theologie in Elkhart/Indiana. F. Enns engagiert sich seit vielen Jahren vor allem im Weltkirchenrat für Frieden und Gerechtigkeit sowie für die Ökumene.

Rogate-Frage: Herr Prof. Dr. Enns, was macht die Mennoniten und Ihre Kirche aus? Woher kommt diese Konfession und wo findet man deren Gemeinden?

Fernando Enns: Mennoniten entstammen der Täuferbewegung der Reformation des 16. Jahrhunderts – manchmal auch als „linker Flügel“ der Reformation bezeichnet. Es ist die älteste Evangelische Freikirche in Deutschland. Mennonitengemeinden gibt es überall in Deutschland: im Norden eher die alten Stadtgemeinden, wie Hamburg oder Emden, im Süden eher in ländlichen Gebieten, der Pfalz oder in Bayern. Seit den 1970er Jahren sind viele Mennoniten aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen und haben vor allem in Nordrhein-Westfalen große Gemeinden gegründet.

Rogate-Frage: Was glaubt ein Mennonit? Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten gibt es im Vergleich zu Lutheranern oder Katholiken?

Fernando Enns: Mit den anderen Kirchen der Reformation glauben die Mennoniten auch, dass der Mensch allein aus der Gnade Gottes zum Glauben an Christus kommt.

Im Unterschied zu anderen Traditionen taufen Mennoniten keine Babys, sondern Jugendliche und Erwachsene, die sich für den Glauben und die Mitgliedschaft in der Kirche aus freien Stücken entscheiden. Mennoniten stehen für eine klare Trennung von Kirche und Staat, zahlen daher keine Kirchensteuer, sondern überlassen dies der freiwilligen Einschätzung der Einzelnen.

Es gibt auch keine Kirchenhierarchien, das reformatorische „Priestertum aller Gläubigen“ wird tatsächlich gelebt. In der Ökumene engagieren wir uns seit vielen Jahrzehnten für ein förderliches Miteinander.

Rogate-Frage: Wie sind mennonitische Gottesdienste aufgebaut? Welche Rolle spielt der Kultus?

Fernando Enns: Der Gottesdienst am Sonntagmorgen ist der zentrale Treffpunkt der Gemeinde. In Liedern, Musik, Gebeten und Predigt findet die Gemeinde Stärkung, Tröstung und Orientierung.

Die Liturgie ist einfach gehalten. Wichtig ist der persönliche Austausch, die gegenseitige Anteilnahme und die gemeinsame Verantwortung für die Ortsgemeinde.

Rogate-Frage: Warum wissen sich mennonitische Christen in besonderer Form dem Frieden verpflichtet? Woher kommt der Begriff der Friedenskirche?

Fernando Enns: Wie bereits die Täufer des 16. Jahrhunderts, so meinen auch die Mennoniten heute, dass Christen nicht zuerst an ihren Worten, sondern vor allem an ihren Taten erkennbar sein sollten. Ein Leben in der Nachfolge Jesu bedeutet, den Lebensweg Jesu und seine Lehre (wie in der Bergpredigt) tatsächlich so ernst zu nehmen, dass man versucht, das eigene Leben entsprechend zu gestalten. Ein zentrales Element ist die Gewaltfreiheit. Sie meint nicht Passivität oder Rückzug aus der Gesellschaft, sondern aktive Suche und Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, im nahen Umfeld wie auch in der globalen Menschheitsfamilie, und einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung. Da Mennoniten in Europa vor allem durch ihre Kriegsdienstverweigerung und Nothilfe für Andere bekannt sind, nannte man sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts „historische Friedenskirche“ – neben den Quäkern und der Church of the Brethren.

Rogate-Frage: Dürfen Christen töten?

Fernando Enns: Nein. Die biblischen Zeugnisse im Alten wie Neuen Testaments sind hier eindeutig. Nicht nur darf der Mensch nicht andere Menschen töten, sondern er soll – so die Weisungen Jesu – sogar die Feinde lieben. Es ist der Respekt und die Anerkennung, dass das Leben Gott, dem Schöpfer, allein gehört und der Mensch, als Teil der Schöpfung, sich nicht zum „Herrn über Leben und Tod“ machen sollte.

Daher wird militärische Gewalt – auch als sogenannte „ultima ratio“ – im Allgemeinen abgelehnt. Stattdessen sollen Christen sich für einen aktiven Friedensdienst einsetzen, so weit es in ihrer Macht steht.

Aber: es gibt in Mennonitengemeinden keine bindende Vorschrift, dies so zu vertreten. Das freie Gewissen der Einzelnen wird stets geachtet.

Rogate-Frage: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ (Brief an die Römer 15.7). Was sagt Ihnen dieses Bibelwort?

Fernando Enns: In Jesus Christus hat Gott gezeigt, wie er alle Menschen annimmt: in Liebe, die durch Vergebung befreit von aller Schuld, aber auch vor aller Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Wie Jesus die Menschen annahm – meistens Menschen am Rande der Gesellschaft, Verpönte, Selbstgerechte, Arme, Hungrige, Ausländer, Männer und Frauen, ja sogar Feinde, so können auch wir uns gegenseitig annehmen – weil uns die Gewissheit der Liebe Gottes zu solch einem Leben befreit, die den Blick auf die Ängste und Nöte der Nächsten, auch der weit Entfernten, richten lässt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Enns, für das Gespräch!

Weitere Information: Mehr zur Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen finden Sie hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 5. Mai 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink.
    Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink.

    Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink. Mit Pastorin Ann-Katrin Bosbach, Victoria-Gemeinde. Orgel: Malte Mevissen.

  • Freitag, 8. Mai 15 | 18:15 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands, Dorfkirche, Alt-Schöneberg.
  • Sonntag, 10. Mai 15 | 10:00 Uhr, Eucharistie am Sonntag Rogate, Thema des Gottesdienstes “Spiritualität in der Pflege“, Predigt: Pastorin Dr. Astrid Giebel, Diakonie Deutschland. Anschließend Eröffnung der Fotoausstellung „Gepflegt in der Gegenwart“ des Paritätischen Berlin in den Seitenschiffen der Kirche. Sie läuft bis zum 2. Juni 2015. Öffnungszeiten: Offene Kirche, Sonnabends, 11:00 bis 15.00 Uhr und vor und nach den Gottesdiensten.
  • Unseren Mai-Plan finden Sie hier.