Johannestag und Klimakanzel: Gottesdienste am Wochenende.

Willkommen zu unseren Gottesdiensten am Wochenende in Berlin-Schöneberg:

Die „Klimakanzel“ ist ein Gottesdienstformat des Demokratieprojektes „FrieslandVisionen“ des Rogate-Klosters in der Klimakatastrophe und der Klimakrise.

Die Klimakatastrophe und die wachsende Beunruhigung über die Auswirkungen hat uns zu der Überlegung gebracht, die Reihe Klimakanzel ins Leben zu rufen. Wir wollen damit dazu beitragen, dass das Bewusstsein wächst, dass wir vor der Notwendigkeit eines erheblichen Wandels auch unseres eigenen Handels stehen. Es geht dabei um Politik, Nachhaltigkeit und den Mut, Dinge deutlich zu benennen. Nicht nur an der Küste weiß man, welche Auswirkungen die Erderwärmung, das Insektensterben und der steigende Meeresspiegel hat.

Wir wollen durch die Klimakanzel die Aufmerksamkeit wecken und zum Handeln motivieren. Wir hoffen mit diesem Format Impulse setzen zu können.

CSD-Wilhelmshaven: Predigt von Oberkirchenrätin Gudrun Marwick.

Oberkirchenrätin Gudrun Mawick im Eröffnungsgottesdienst zum 2. Wilhelmshavener CSD am 27. Mai 2022. (Bild: Björn Lübbe)

„Lasst euch im Herzen keine Angst machen!“ Das geht so runter, der erste Satz unserer Evangelienlesung (Johannes-Evangelium 14, 1-6). Euch auch?

Lasst euch im Herzen keine Angst machen! Das sagt nicht irgendwer, sondern Gott, der mir in der Taufe zugesprochen hat: Fürchte dich nicht! Denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Doch das zu beherzigen und danach zu leben braucht Mut. Immer. Für alle.

Gerade wird in Stuttgart der Katholikentag gefeiert. Zwar lastet Corona hier nicht mehr so schwer wie im letzten Jahr auf dem Evangelischen Kirchentag in Frankfurt. Dennoch sind die Teilnehmendenzahlen im Keller, viele so sorgfältig vorbereitete Veranstaltungen dürftig besucht.

Jedoch ist der Katholikentag ein Anlass für die Medien, kirchliche Themen zu bringen. Und so wurde an diesem Dienstag in den „Tagesthemen“ gefragt: „Was ist eigentlich aus den 125 mutigen Katholikinnen und Katholiken geworden, die bei „out in church“ mitgemacht haben?“ Bei der Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ … Wer sie noch nicht gesehen hat –  unbedingt in der ARD-Mediathek anschauen! Sie erregte im Januar großes Aufsehen, weil alle diese Schwestern und Brüder mit katholischer Kirche als Arbeitgeberin sich in diesem Film auf sehr bewegende Weise geoutet haben. Das kann sie nach aktuellem kirchlichen Arbeitsrecht ihre Stelle kosten. Wie geht es ihnen jetzt?

An manchen Tagen hatte ich schon Angst,“ sagt Ralf Klein, Priester im Schwarzwald. Aber auch: „Meine Kirche bleibt mein Zuhause, bleibt mein Zufluchtsort.“ Nicht nur geistlich innerlich, sondern er ist auch nach der Ausstrahlung der Doku an seinem Dom in seiner ländlichen Gemeinde geblieben. Weil er es will und weil er es kann – auch nach dem Film.

Lasst euch in eurem Herzen keine Angst machen. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ …

Es gehört zum Leben von Getauften immer neue Entdeckungen zu machen im Hause Gottes, im Wohnheim des Glaubens. Sich neu einrichten, ab und zu einen Tapetenwechsel vornehmen, eine andere WG suchen und oft genug lüften. Manche brauchen es auch, einmal ohne Dach über dem Kopf zu leben, auf Wanderschaft zu gehen, sich zu befreien – also aus der Kirche austreten, religiös unterwegs sein, ohne vor Anker zu gehen, vielleicht irgendwann wieder in die katholische Kirche eintreten und dann evangelisch beerdigt werden.

Mich hat beim Film „Wie Gott uns schuf“ sehr berührt, wie sicher sich die Interviewten sind, dass sie in der katholischen Kirche sind und bleiben – mein Zuhause, mein Zufluchtsort. Wie treu und wie verbunden, trotz aller Schwierigkeiten. Etliche von ihnen hätten beruflich auch etwas anderes machen und übertreten oder austreten können.  Aber die Liebe im Herzen ist größer als die Angst darin. Denn zu dieser römisch-katholischen Wohnung oder WG im Haus Gottes zählen sie sich, auch wenn es dort Zimmer gibt, die ihnen nicht gefallen, wo sie nicht willkommen sind. Weil diese Kirche kostbar ist und viel mehr als ihre Homophobie oder ihre Missbrauchsverfehlungen.

Auch in anderen Kirchen sind queere Mitbewohner*innen nicht oder nur mit Abstrichen willkommen. Noch in den 90er Jahren hat mich hat als Oldenburger Vikarin gerettet, dass ich im dortigen queeren Verein „Na und“ dabei war, bei der Zeitschrift „Rosige Zeiten“ mitgearbeitet habe und da durchaus auch als Theologin darin schreiben konnte. Das fanden manche im Verein ein bisschen seltsam, aber es war in Ordnung.

In meiner Kirche aber habe ich mich damals als sperrige Mitbewohnerin gefühlt und wurde auch so behandelt. Und dies galt für viele Evangelische und ich manchen evangelischen Landeskirchen in Deutschland ist dies so geblieben. Unser Bischof hat sich 2018 öffentlich dafür im Namen der oldenburgischen Kirche  entschuldigt.

Lieb doch, wen du willst! In der Bibel wird von Jesus erzählt, dass er liebt wen er will. Vielleicht nicht im sexuellen Sinne, darüber wird einfach nichts berichtet. Aber in dem, wie er sich Menschen ganz zuwandte. Und zwar denen, die von der herrschenden Gesellschaft einen Stempel aufgedrückt bekamen: Du giltst weniger oder du lebst falsch. So der Steuereintreiber Zachäus. „Komm herunter von deinem Baum, auf dem du dich versteckst – heute muss ich bei einkehren!“ Jesus suchte genau diese Leute auf und ließ sie merken: Du bist von Gott geliebt, er will, dass du bei ihm wohnst. So wie Jesus dies tat, ist es wirklich schon eine Lebensform, seine Lebensform: Ich liebe, wen ich will.

Ich werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, wo ich hingehe.“ Da erhebt sich Protest bei Jesu Jüngerinnen und Jüngern: Wie sollen wir den Weg finden? Und dann antwortet Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es gibt keinen anderen Weg zum Vater als mich.

Ich höre das so, dass er damit diese seine Lebensform meint. Doch oft wird dieser Satz als in Stein gemeißelter Absolutheitsanspruch des Christentums verstanden. Dabei gehört zum Wort „Weg“ Bewegung und lernen und weitergehen. Wie die verschiedenen Wohnungen ist dieser Weg mit reichen Früchten, aber auch mit Dornen ausgestattet. Diese Rede Jesu setzt der Evangelist Johannes an den Anfang seiner Passionsgeschichte. Mit ihm beginnen Jesu Abschiedsreden, sein Weg zum Kreuz. Denn er liebt, wen er will.

Lasst euch in euren Herzen keine Angst machen! Dieses Motto seiner Lebensform gibt er seinen Jüngerinnen und Jüngern mit auf den Weg. Und die haben diese Art zu leben beherzigt, mal mit mehr und mal mit weniger Angst im Herzen. Und weitergegeben an alle Getauften, an Christinnen und Christen durch die Jahrhunderte. An diejenigen, die Wohnung haben und wechseln und nehmen im Haus Gottes – mein Zuhause, mein Zufluchtsort Dazu gehört: Den anderen, die andere merken zu lassen, wie Jesus sich zuwendet: Du bist von Gott geliebt. Wie Gott uns schuf.

So können wir gehen auf dem Weg mit der Wahrheit in das Leben. Uns verirren, mit oder ohne Angst im Herzen, verwundet und wieder geheilt. Wir werden stets willkommen sein.

Auszüge aus der Predigt von Oberkirchenrätin Gudrun Mawick (Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg) im ökumenischen Eröffnungsgottesdienst zum 2. Wilhelmshavener Christopher-Street-Day (CSD) am Freitag, 27. Mai 2022 in der Lutherkirche.

Russlandkrise: Ukraine-Friedensgebet der Wilhelmshavener Ökumene am Dienstag.

Die wöchentlich durchgeführten Ukraine-Friedensgebete in der Sankt Willehad-Kirche enden am Dienstag, 31. Mai, 18:00 Uhr. Die Andacht wird zusätzlich über den Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt. 

Seit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges haben die Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael dazu eingeladen und sich mit verschiedenen Vertreter*innen beteiligt. 

Künftig soll es einen monatlichen Friedensgottesdienst am letzten Dienstag im Monat geben. Der erste Termin ist am 28. Juni.

Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.

Übersicht der Friedensgebete auf dem Youtube-Kanal der Sankt-Willehad-Gemeinde Wilhelmshaven.

Hier die Aufzeichnung des Friedensgebetes vom 31. Mai 2022:

CSD-Wilhelmshaven: „Lieb doch wen DU willst“-Eröffnungsgottesdienst am Freitag.

Die Glocken der Lutherkirche läuten am Freitag, 27. Mai 2022, den Eröffnungsgottesdienst zum 2. Wilhelmshavener Christopher-Street-Day (CSD) ein. Oberkirchenrätin Gudrun Mawick (Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg) wird die Predigt halten.

An der Gestaltung beteiligen sich Pastor Benno Gliemann (Lutherkirchengemeinde), Pastoralreferentin Daniela Surmann (Sankt Willehad-Kirche) und Bruder Franziskus (Rogate-Kloster Sankt Michael). Teammitglieder des CSD-Freiwilligenteams sprechen in inhaltlichen Voten über das Motto „Lieb doch wen DU willst“. Die Musik in der ökumenischen Andacht gestaltet Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser (Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg).

Beginn ist um 19:30 Uhr in der Brommystr. 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.

Die Kollekte des Gottesdienstes ist für Quarteera e. V., einen Verein russischsprachiger LGBTIQ+-Menschen in Deutschland, die sich unter anderem für Geflüchtete aus der Ukraine einsetzen, bestimmt.

IDAHOBIT 2022: Intervention von Christopher Schreiber (LSVD Berlin-Brandenburg)

Üblicherweise beginnt eine Ansprache mit den Anreden. Entsprechend lang wäre die Liste der Personen, die ich heute besonders grüßen möchte, allen voran Bruder Franziskus vom Rogate-Kloster, der diesen einzigartigen Gottesdienst ins Leben gerufen hat. Mit Blick auf die vielen wichtigen Wortbeiträge und die Predigt, die noch folgen werden, möchte ich diesen Teil jedoch abkürzen und habe mich also auf die Suche nach einer Anrede gemacht, mit der sich möglichst alle von Ihnen angesprochen fühlen. Die Suche war – meine ich – erfolgreich und so möchte ich Sie alle nun grüßen mit den Worten: Liebe Gemeinde!

Christopher Schreiber (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg – Bild: Rogate-Kloster)

Gemeinde – interessanterweise ein Wort, dass nicht nur im kirchlichen Bereich eine besondere Bedeutung hat, sondern auch für die queere Community. Immerhin lässt sich Community ins Deutsche nicht nur mit Gemeinschaft, sondern auch mit Gemeinde übersetzen. Und trotzdem scheint es so, dass sich mit der queeren Gemeinde und der kirchlichen Gemeinde oft zwei völlig verschiedene Welten gegenüberstehen.

Die Frage steht im Raum, wer gehört zur Gemeinde, wer darf zur Gemeinde gehören? Wer darf zur Bremer St. Martini Gemeinde gehören, wenn deren Pastor im Gemeindebrief seinen Hass über queere Menschen ausschüttet? Was versteht die katholische Glaubenskongregation unter Gemeinde, wenn sie die christliche Gemeinschaft dazu aufruft, Menschen mit homosexuellen Neigungen zu respektieren? Für mich hört sich das so an, als gehörten queere Menschen nicht zur christlichen Gemeinde dazu – als stünden sie ihr vielmehr gegenüber.

Auf die Frage, wer zur Gemeinde gehört und wer nicht, gibt es mindestens zwei Antworten.

Die erste ist eine theologische Antwort. Die kann ich Ihnen heute leider nicht geben, weil ich kein Theologe bin. Umso mehr bin ich dankbar, dass es in der katholischen und evangelischen Kirche Menschen gibt, die Verantwortung für ihre queeren Glaubensgeschwister übernehmen, indem sie in kirchlichen Gremien um theologische Antworten ringen. Zumindest unter deutschen Theolog*innen scheint sich dabei die Position durchzusetzen, dass die Behauptung, dass Homosexualität, auch die gelebte Homosexualität, Sünde sei, keinerlei theologische Berechtigung hat. Die Herausforderung, diese Erkenntnis in die Weltkirche zu tragen, sind enorm. Das erkenne ich an. Christus spricht aber: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Queerfeindlichkeit schadet der Seele, auch dann, wenn als Argument die weltkirchliche Einheit in Feld gezogen wird – so meine laienhafte Exegese dieses Verses aus Matthäus, Kapitel 16.

Die andere Antwort auf die Frage, wer zur Gemeinde gehört, ist eine bürgerrechtliche. Diese kann ich Ihnen durchaus geben und sie ist kurz und lautet ganz einfach: Alle Menschen haben das Recht zur Gemeinde zu gehören, so sie unsere freiheitliche demokratische Grundordnung anerkennen und achten. Und deswegen darf es nicht sein, dass gerade das Antidiskriminierungsgesetz, eine so wichtige Errungenschaft unserer freien Gesellschaft, im kirchlichen Arbeitskontext nicht vollumfänglich gelten soll. Auch hier bin ich dankbar für den Mut queerer Christ*innen, allen voran die Initiative #OutInChurch, die lautstark auf diesen Missstand hinweisen.

Wir werden nun gleich die dritte Strophe des Liedes „Sonne der Gerechtigkeit“ singen. Darin heißt es: „Schaue die Zertrennung an, der sonst niemand wehren kann; sammle großer Menschenhirt, alles was sich hat verirrt.“ Wer hat sich hier verirrt, wen muss der Menschenhirt einsammeln?

Nicht queere Menschen sind verirrt, sondern die die queerfeindlich sind. Diese verirrten Menschen muss der Menschenhirt einsammeln, die müssen Sie, sehr geehrter Herr Erzbischof, sehr geehrte Frau Pröpstin, zurück in die Gemeinde holen, damit wann immer eine Predigt oder ein Gemeindebrief mit den Worten „liebe Gemeinde“ beginnt, sich alle angesprochen fühlen können.

Christopher Schreiber (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg) im ökumenischen Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022 in Anwesenheit von Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) und Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbistum Berlin) in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg.

Hinweis Presseschau: Über die Predigt des Berliner Erzbischofs in unserem Gottesdienst hat katholisch.de berichtet. Sie finden den Artikel hier. Siehe auch „Kirche und Leben“ hier sowie die Meldung auf der Seite von „Radio Vatikan“ hier.

Ökumenischer Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022. (Bild: Rogate-Kloster)

Willkommen zu den nächsten Rogate-Gottesdiensten.

Berlin, Schöneberg.

  • Sonntag Rogate, 22. Mai 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Orgel: Martin Küster. Lektor*innen: Melanie Hochwald und Jürgen Doster. Kirchdienst: Michael Behr. Liturgie und Predigt: Br. Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Freitag, 24. Juni 2022 | 18:00 Uhr, ökumenische Eucharistie zum St. Johannis-Tag. Predigt: Br. Franziskus. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin, und Br. Franziskus. Ort: Dorfkirche Schöneberg, Hauptstraße 47–48, 10827 Berlin-Schöneberg.

Wilhelmshaven, Niedersachsen.

  • Freitag, 27. Mai 2022 | 19:30 Uhr, ökumenischer Gottesdienst zur Eröffnung des 2. Wilhelmshavener CSDs. Predigt: Oberkirchenrätin Gudrun Mawick, Oldenburg, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Liturgie: Pastor Benno Gliemann, Lutherkirchengemeinde, Pastoralreferentin Daniela Surmann (Sankt Willehad) und Br. Franziskus, Rogate-Kloster. Mitwirkende: Engagierte des CSD-Teams. Musik: Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Oldenburg, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Ort: Lutherkirche, Brommystr. 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.

IDAHOBIT 2022: Intervention von Veronika Gräwe (#OutInChurch)

Heute, am 17. Mai, erinnern wir auch an den 17. Mai 1990, den Tag an dem die WHO Homosexualität als Krankheit aus dem Diagnoseschlüssel gestrichen hat. Heute am 17. Mai 2022 ist meine Kirche noch nicht so weit. Im Katechismus meiner Kirche heißt es, homosexuelle Neigungen seien objektiv ungeordnet. Die Rede ist von Homosexualität als schlimmer Abirrung und von homosexuellen Handlungen, die nicht zu billigen sind. Im englischen sind die Wörter disordered im Sinne des Katechismus und disorder im Sinne einer medizinischen Erkrankung erschreckend nahe beieinander.

Veronika Gräwe (#OutInChurch– Für eine Kirche ohne Angst – Bild Rogate-Kloster)

Heute am 17. Mai, am Tag gegen Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit gedenken wir auch der Menschen, die durch eben jene Feindlichkeit ihr Leben verloren haben. Weltweit sind es besonders schwarze trans Frauen und hier Sexarbeiterinnen, die ein hohes Risiko tragen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität ermordet zu werden. Aber auch in Deutschland sind die Zahlen – dort wo sie überhaupt erfasst werden – zu LSBTIQ*-feindlicher Gewalt erschreckend. Die Anlaufstelle Maneo listet allein für Berlin im Jahr 2021 731 Fälle von Beleidigung und Gewalt gegen queere Menschen. Die Dunkelziffer nicht miteingeschlossen. Die liturgische Farbe dieses Gottesdienstes ist rot. Dieses Rot kann auch als Erinnerung an die Toten, die Verwundeten und die Überlebenden LSBTIQ*-feindlicher Gewalt verstanden werden.

Vor einigen Monaten konnte ich an einem Online-Treffen mit Aktivisten des Interfaith Diversity Network of West Africa teilnehmen. Die Aktivisten aus Ghana, die selbst Christen sind, leisten wichtige Aufklärungsarbeit. Sie arbeiten mit religiösen Führungspersönlichkeiten zusammen, um diese für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu sensibilisieren. Ich wünsche unseren Geschwistern in Ghana, dass ihre Saat aufgeht und reiche Frucht trägt.

Die Aktivisten aus Ghana haben uns auch davon erzählt, wie einige von ihnen aufgrund ihres Einsatzes im Gefängnis saßen. Dort unter schrecklichen Bedingungen inhaftiert waren ohne Zugang zu HIV-Medikamenten. Sie haben uns erzählt, wie sie in kein Kirchengebäude fliehen können, da es die Kirchen selbst sind, die sich für die Kriminalisierung von LSBTIQ* Personen einsetzen. In Matthäus 25,43 heißt es: „Ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt euch nicht um mich gekümmert“. Dieser Gottesdienst ist auch eine Möglichkeit unsere queeren Geschwister in der Weltkirche sowie die globale Schuldgeschichte der Kirchen vor Gott zu bringen.

Die liturgische Farbe dieses Gottesdienstes ist rot. Rot wie die Farbe des Blutes. Blut an den Händen? („Blood on its hands?“) lautet der Titel einer Publikation der britischen Wissenschaftlerin Dr. Carol A. Shepherd. Sheperd zeigt darin auf, wie eine toxische kirchliche Umgebung die Gesundheit von LSBT Jugendlichen zerstört und im schlimmsten Fall zu Suiziden führt. Ein Phänomen, das sich so immer wieder in Studien findet. Blut an den Händen? Minderheitenstress und toxische kirchliche Lehren sind oft ebenso unsichtbar wie die psychischen Schäden, die sie anrichten. Ich bin jenen sehr dankbar, die im Zuge von #OutInChurch über ihr Leiden und ihre Suizidgedanken gesprochen haben. Sie stehen für viele. Sie stehen auch für jene, die jahrelang gelitten haben, die in Folge kirchlicher LSBTIQ*-Feindlichkeit erkrankt sind. Für jene, die in Therapie sind und für jene, deren Therapiestunden aufgebraucht sind, ohne dass ihre Seele heil ist und die sich jetzt fragen, wer zahlt? Zu einer Aufarbeitung der institutionellen Schuldgeschichte gehört auch für das hier entstandene Leid Verantwortung zu übernehmen.

Die liturgische Farbe dieses Gottesdienstes ist rot und zugleich sehen wir auch Hoffnungsschimmer. Im Februar forderten elf Generalvikare darunter der Berliner Generalvikar das kirchliche Arbeitsrecht und die Grundordnung zu reformieren. So soll unter anderem das Eingehen einer gleichgeschlechtlichen zivilen Ehe für kirchliche Mitarbeitende keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen mehr haben. In einigen Bistümern so in Würzburg oder Limburg haben die Bischöfe sich selbst verpflichtet, gegen LSBTIQ* Personen keine arbeits- oder disziplinarrechtlichen Maßnahmen aufgrund der persönlichen Lebensführung, einer Partnerschaft oder der geschlechtlichen Identität zu ergreifen. Für das Erzbistum Berlin gibt es von Ihnen, Herr Erzbischof, meines Wissens nach noch keine Selbstverpflichtung.

Kommen wir zu einem weiteren Hoffnungsschimmer: In vielen Bistümern, im Erzbistum Berlin leider noch nicht, gibt es inzwischen Beauftragte für LSBTIQ* Pastoral. Denn – und das hat #OutInChurch auch gezeigt – es gibt sie die queeren Menschen, die katholisch sind. Und für diese braucht es kompetente pastorale Mitarbeitende. Es kann nicht sein, dass Menschen in pastoralen Begleitgesprächen dazu geraten wird, ihre sexuelle Orientierung nicht auszuleben. Es kann nicht sein, dass jungen trans Männern in katholischen Kontexten erklärt wird, sie müssten nicht trans sein, weil man könne ja auch als Frau heute Karriere machen. Damit Minderheitenstress und kontinuierliche Mikroaggressionen ein Ende haben, braucht es für kirchliche Mitarbeitende entsprechende Fortbildungen, braucht es entsprechende Aufklärungsarbeit.

Ob diese Hoffnungsschimmer also tragen? Ich bin letztens auf eine sehr schöne Formulierung gestoßen, da war von „hoffnungstrotzig“ die Rede. Ich möchte hoffnungstrotzig sein, dass uns Kraft und Mut nicht ausgehen werden. Ich möchte hoffnungstrotzig sein, dass G*tt reiche Frucht aufgehen lässt, wo Menschen heute noch unter Tränen säen. Ich möchte hoffnungstrotzig sein, dass wir eine Kirche ohne Angst erleben werden.

Veronika Gräwe (#OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst) im ökumenischen Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022 in Anwesenheit von Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) und Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbistum Berlin) in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg.

Hinweis Presseschau: Über die Predigt des Berliner Erzbischofs in unserem Gottesdienst hat katholisch.de berichtet. Sie finden den Artikel hier. Siehe auch „Kirche und Leben“ hier.

Ökumenischer Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022. (Bild: Rogate-Kloster)

Willkommen zu den nächsten Rogate-Gottesdiensten.

Berlin, Schöneberg.

  • Sonntag Rogate, 22. Mai 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Orgel: Martin Küster. Lektor*innen: Melanie Hochwald und Jürgen Doster. Liturgie und Predigt: Br. Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Freitag, 24. Juni 2022 | 18:00 Uhr, ökumenische Eucharistie zum St. Johannis-Tag. Predigt: Br. Franziskus. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin, und Br. Franziskus. Ort: Dorfkirche Schöneberg, Hauptstraße 47–48, 10827 Berlin-Schöneberg.

Wilhelmshaven, Niedersachsen.

  • Freitag, 27. Mai 2022 | 19:30 Uhr, ökumenischer Gottesdienst zur Eröffnung des 2. Wilhelmshavener CSDs. Predigt: Oberkirchenrätin Gudrun Mawick, Oldenburg, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Liturgie: Pastor Benno Gliemann, Lutherkirchengemeinde, Pastoralreferentin Daniela Surmann (Sankt Willehad) und Br. Franziskus, Rogate-Kloster. Mitwirkende: Engagierte des CSD-Teams. Musik: Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Oldenburg, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Ort: Lutherkirche, Brommystr. 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.

IDAHOBIT 2022: Intervention von Thomas Beckmann (Ökum. Arbeitsgruppe HuK)

Ist doch alles gut jetzt. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz – also unsere Landeskirche – hat sich letztes Jahr sogar entschuldigt, für ihre Fehler im Umgang mit queeren Mitarbeitenden und Gemeindegliedern. Der Bischof selbst hat Umdenken gelernt, wie er in seiner bewegenden Predigt kund tat. Es hat jemand die Geschichte aufgearbeitet und es gibt einen Ansprechpartner.

Thomas Beckmann (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche – Bild: Rogate-Kloster)

Alles gut jetzt? Oder doch nicht? Ja, es ist vieles zum Guten gewendet, die Trauung für alle entwickelt sich zur Selbstverständlichkeit, wie ich vorgestern noch abkündigen durfte.

Es sind nicht mehr die großen Dinge, die in der Landeskirche weh tun, sondern die kleinen, spitzen Bemerkungen, aber sie stechen tief. Sei es in Gemeindekreisen, bei der Chorprobe, wenn ein Sänger sich im Smalltalk der Pause nicht traut, von seinem Urlaub mit seinem Mann zu erzählen, oder im Konfi-Kreis, wenn ein Mädchen laut sagen möchte, dass es als Mädchen fühlt und nicht als Junge, wie es noch außen noch ausschaut, aber Angst hat vor den Reaktionen der anderen Konfis. Sei es, dass ein lesbisches Paar im Gottesdienst alleine sitzt – „weil die ja anders sind“.

Die Selbstverständlichkeit der bunten Fülle des Regenbogens in den Gemeinden muss auch weiterhin eingeübt werden. Und das gilt nicht nur in der Landeskirche sondern auch und besonders in vielen der Freikirchen.

Vom völligen Tabu in den orthodoxen Kirchen gar nicht erst zu reden. Sonntag sagte mir noch eine Frau aus unserer Gemeinde, deren Sohn bei uns seinem Mann heiratete, dass in ihrer rumänischen Heimat ein Outing fast tödlich wäre…

Auch in der weltweiten Ökumene, in der Zusammenarbeit mit den Kirchen der Partner*innenschaft –  wie z.B. Tansania – ist deren Umgang mit queeren Themen anzusprechen.

Auch und gerade in den kleineren Formen der Verständigung bleibt noch viel zu tun und aufzuarbeiten, bis die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht zu unserer Zeit. Erbarme dich, Gott.

Thomas Beckmann (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche) im ökumenischen Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022 in Anwesenheit von Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) und Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbistum Berlin) in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg.

Hinweis Presseschau: Über die Predigt des Berliner Erzbischofs in unserem Gottesdienst hat katholisch.de berichtet. Sie finden den Artikel hier. Siehe auch „Kirche und Leben“ hier.

IDAHOBIT 2022: Ökumenischer Gottesdienst mit Erzbischof Koch in Berlin.

17. Mai, 18 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst mit Erzbischof Koch zum IDAHOBIT

Gemeinsam mit der Initiative #OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst

Am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT), erinnern Menschen rund um den Erdball mit vielfältigen Aktionen an den 17.05.1990. An diesem Tag wurde Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestrichen. Seitdem gilt sie offiziell nicht mehr als Krankheit. Der 17. Mai ist auch ein Tag der Solidarität mit allen Menschen, die aufgrund der sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Identität Diskriminierung und Verfolgung erfahren.

Zum diesjährigen IDAHOBIT lädt das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin zu einem gemeinsamen Gottesdienst mit dem Erzbischof von Berlin, Dr. Heiner Koch, dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, Vertreter*innen der Initiative #OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst, der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) und der Evangelischen Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde ein.

Ökumenischer Gottesdienst zum IDAHOBIT

Dienstag, 17. Mai 2022, 18:00 Uhr, Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg

Besondere Aktualität gewinnt der Gottesdienst durch die Forderungen der Initiative #OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst nach Anerkennung, Akzeptanz und Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts, mit denen zu Jahresbeginn 125 queere Mitarbeiter*innen der katholischen Kirche an die Öffentlichkeit gingen.

„Das Verhältnis der Kirchen zur LGBTIQ-Menschen ist durch Jahrhunderte elendiger Ausgrenzung, Berufsverbote und Diskriminierung geprägt. Mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten ändert sich endlich die Sicht der westlichen Kirchen, Schuld wurde eingestanden, Änderungen eingeleitet und zum Teil völlige Gleichberechtigung beschlossen. Vieles ist auf dem Weg und verbessert sich. Dazu soll unser Gottesdienst beitragen und Brücken bauen.“

Bruder Franziskus (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin)

Die Kollekte des Gottesdienstes ist für Quarteera e. V., einen Verein russischsprachiger LGBTIQ+-Menschen in Deutschland, die sich unter anderem für Geflüchtete aus der Ukraine einsetzen, bestimmt.

Termin: IDAHOBIT 2022, Dienstag, 17. Mai 2022 | 18:00 Uhr, ökumenischer Gottesdienst. Mit Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbistum Berlin), Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Pfarrer Burkhard Bornemann (Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde), Christopher Schreiber (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg), Veronika Gräwe (#OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst), Thomas Beckmann (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche) und Bruder Franziskus (Rogate-Kloster). Orgel: Dimitar Dimitrov. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Umwelt-Minister*innentagung: Klimakanzel am Dienstag.

Anlässlich der in Wilhelmshaven tagenden Umweltminister*innen des Bundes und der Länder findet am Dienstag, 10. Mai 2022, eine ökumenische Klimakanzel, verbunden mit einem Ukraine-Friedensgebet, statt. Beginn ist um 18:00 Uhr im Veranstaltungszelt des Klima- und Umweltcamps im Banter See-Park (gegenüber Hotel Atlantic) an der Jadeallee.

Mitwirkende der Andacht: Pastoralreferentin Daniela Surmann (Sankt Willehad), Pfarrer Meik Barwisch (Alt-katholische Gemeinde Wilhelmshaven), Student Florian Wiese (Brot für die Welt/Rogate-Kloster) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Gemeindeglieder der Kirche St. Maria und St. Mauritius (Koptisch Gemeinde) sprechen und singen eine Friedensbitte aus ihrer orthodoxen Liturgie. Der Posaunenchor Jever spielt unter der Leitung von Kreiskantor Klaus Wedel.

Am Klimacamp beteiligen sich u.a. die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, die Evangelisch-reformierte Kirche, die Regionalgruppe von Brot für die Welt, NABU und Greenpeace mit Vorträgen und Infoständen. Die „Klimakanzel“ ist ein Veranstaltungsformat des Demokratieprojektes „FrieslandVisionen“ des Rogate-Klosters in der Klimakatastrophe.

Ort: Klima- und Umweltcamp im Banter See-Park, Jadeallee, Wilhelmshaven.

Heide Grünefeld: Versuchen wir weiter, Teil der guten Nachrichten zu sein.

Heide Grünefeld (Bild: privat)

Ich soll in Worte kleiden, was mich bewegt. Ein Thema herausgreifen, einen Aspekt, ihn beleuchten und darüber hier sprechen. Etwas, das wichtig ist gerade, und etwas, was vermutlich nicht nur mich bewegt, sondern auch Sie.

Aber wissen Sie was? Ich weiß nicht, was ich hier sagen kann oder sollte oder müsste. Es ist so viel gerade, ich kann die Dinge in meinem Kopf nicht mehr sortieren, die Bilder nicht mehr verarbeiten, die Aufgaben nicht mehr priorisieren, die Herausforderungen nicht mehr bewältigen, so scheint es mir. Es ist so viel.

Ich arbeite bei der Migrationsberatung im Diakonischen Werk. Die Ukraine beschäftigt uns, die abendlichen Nachrichten übersetzen wir in Zahlen und Aufgaben und sie erreichen uns in menschlichen Schicksalen.

Ich habe vor zwei Wochen hier bereits berichtet von den Menschen, die vor einigen Jahren zu uns geflüchtet sind, aus verschiedensten Ländern, und die jetzt getriggert sind und verängstigt vom Krieg in der Nachbarschaft. Ich könnte berichten von ihren Ängsten jetzt, nun Flüchtlinge zweiter Klasse zu sein, als Muslime, als diejenigen, die vielleicht schon einige Jahre hier sind, und immer noch nicht auf die Beine gekommen sind und sich schwer tun mit Sprache, Arbeit, Kultur und die nun damit rechnen müssen, kaum noch Toleranz von den Deutschen zu erhalten, denn „nun müssten sie doch so langsam mal wirklich…“. Ich könnte berichten von denen, die immer noch im Mittelmeer ertrinken.

Ich könnte berichten von den neuen Fluchtgeschichten der Ankommenden aus der Ukraine, von ihrer Reise, ihrer Müdigkeit, ihrer Sorge um die Männer und Verwandten, die noch in der Ukraine sind. Ich könnte berichten von Ihrer Fassungslosigkeit und Verzweiflung darüber, dass sie zu Flüchtlingen ohne ein Zuhause geworden sind. Jede Geschichte einzigartig und neu und doch immer von den gleichen Farben der Angst und Erschöpfung unterlegt.

Ich könnte sprechen über die Kriege und Krisen, die in der Welt gerade weniger gesehen werden, Afghanistan, Sudan, Syrien, Eritrea, Myanmar, Irak, Jemen.

Und ich muss all das ja nur sehen und hören und nicht selber durchleiden. Da sollte es mir doch gut gehen, denke ich.

Aber es ist trotzdem schwierig, weil die Probleme so riesengroß sind, das man nicht mehr weiß, wo man anfangen soll, und der Klimawandel ist da, und Corona, und dann sind da ja auch immer noch die Fragen nach vielen alltäglichen Problemen, die ja auch nicht plötzlich weg sind.

Es ist zu viel. Und ich gestehe, wenn es mir zu viel wird, dann wird mein Beten wütend, und ich vergreife mich im Ton und herrsche unseren Gott an und werde laut. „Siehst Du es nicht? Wir Menschen verreißen es hier völlig, tu doch was, wo bist Du?

Und dann wünschte ich, ich könnte eine Stopptaste drücken, und alles würde innehalten, und ich könnte mich mit einem Kaffee in die Sonne setzen und den Vögeln zuhören und den Wolken zusehen und ich würde an gar nichts denken und gar nichts tun. Außer: Ein – und wieder ausatmen.

Nun, das mit der Stopptaste funktioniert nicht, aber das Innehalten, das ist wichtig. Denn dann wird mein Blick wieder klarer.

Und ich kann sie wieder sehen, die anderen Nachrichten. Und ich höre Gott antworten, der sagt, oh doch, ich war nie weg, sieh hin. Ich kann zwischen den Bildern der Flüchtenden auch wieder die Helfenden sehen, die Suppe und Getränke reichen, die Betten bauen und Transfers einrichten.

Ich kann sie sehen, die Menschen, die sich sogar in Russland immer wieder öffentlich gegen den Krieg und gegen die Regierung stellen, obwohl es lebensgefährlich ist. Menschen demonstrieren, erklären ihre Solidarität mit der Ukraine, mit ukrainischen Freunden und Verwandten. Viele hier lebende russischstämmige Menschen haben uns ihre Hilfe beim Dolmetschen zugesagt und den Krieg gegen die Ukraine scharf verurteilt.

In Moskau hat sich eine Mitarbeiterin des staatlichen Fernsehens während der Live-Nachrichten mit einem „Stop war“ Schild hinter die Sprecherin gestellt, haben Sie es gesehen? Unglaublich, was es für mutige Menschen gibt.

Syrische Migranten, die für mich häufiger bei neu ankommenden arabisch sprechenden Flüchtlingen dolmetschen, sagten die Tage zu mir, ich könne sie auch bei den Ukrainern anrufen. Sprechen können sie dann zwar nicht mit ihnen, aber sie wüssten, was Flüchtlinge hier brauchen, wenn sie neu ankommen, das bekämen sie auch ohne Sprache hin.

Ein deutscher Anrufer bei mir im Büro antwortet auf meine Frage, wie lange er die ukrainische Familie, die er bei sich beherbergt, weiter unterbringen kann, mit „Das kann ich ja nun nicht sagen, wie lange es da unten dauert“. sagt er. „Das wissen wir ja nicht. Wir kommen hier schon klar.“ Ganz undramatisch und bescheiden sagt er zu mir: „Na, rufen Sie man an, wenn Sie noch mehr Leute unterbringen müssen, ein paar kriegen wir hier schon noch unter.

Und wenn ich noch ein bisschen weiter ein und ausatme, dann sehe ich die Menschen wieder mit anderem Blick. Und kann mich wieder freuen über die Freundlichkeit der Sachbearbeiterin am Telefon. Ich ärgere mich weniger über politisch aggressive Statements, sondern freue mich über jede einzelne kluge und demonstrative Gegenstimme. Ich sehe sie wieder, die Menschen, die besonnen bleiben und ruhig und die weiter versuchen, das Beste zu geben, jeden Tag.

Und dann entschuldige ich mich für meinen Tonfall und sage, ok, Gott, tut mir leid. Es geht wieder.

Versuchen wir weiter, Teil der guten Nachrichten zu sein. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Und Du Gott, bist da, am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Theologin Heide Grünefeld, Migrationsberaterin des Diakonischen Werks Friesland-Wilhelmshaven, im Ukraine-Friedensgebet am 15. März 2022 in der Sankt Willehad-Kirche Wilhelmshaven.

Heide Grünefeld im Ukraine-Friedensgebet am 15. März 2022 in der Sankt Willehad-Kirche Wilhelmshaven.


Willkommen zum nächsten Friedensgebet in Wilhelmshaven:

  • Dienstag, 26. April 2022 | 18:00 Uhr, ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Die Friedensgebete werden getragen von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael. Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.