Frank Moritz: Fallen wir nicht auf Putins Propaganda rein!

Der Überfall Putins auf die Ukraine verleitet zu einem Schwarz-Weiß-Denken. Kein Wunder, jeder Krieg provoziert das Freund-Feind-Schema. Vorsicht Falle! Wir sollten es uns nicht zu einfach machen und etwa alle Menschen mit russischem Hintergrund vorschnell einzuordnen und zu verurteilen.

Pastor Frank Moritz (Bild: Banter Kirche Wilhelmshaven)

Eine Konfirmandin hat mich auf unserer letzten Konfirmandenfreizeit zum Nachdenken gebracht. Wir hatten eine kleine Olympiade mit verschiedenen Spielen organisiert. Dafür sollten sich jeweils Teams mit vier Mitgliedern zusammenfinden. Eine Aufgabe war es auch, ein Wappen für das eigene Team zu malen. Die Konfirmandin, die ich vor Augen habe, malte für ihr Wappen eine russische und eine deutsche Fahne. Dazu zwei Hände, die miteinander verschränkt waren. Sie erklärte ihr Bild mit den Worten: „Wir sind in unserem Team je zwei Kinder, die in Deutschland und die in Russland geboren sind. Ich will, dass wir Freunde sind.“ Ihre Äußerung hat mich bewegt, denn ich habe mich gefragt, was sie denn wohl zu dieser Aussage veranlasst hat.

Die Kleine stammt aus einer russlanddeutschen Familie aus der sibirischen Großstadt Omsk und ist mit ihren Eltern und ihren Großeltern vor acht Jahren nach Deutschland gekommen.

Wir haben in unserer Banter Kirchengemeinde seit dreißig Jahren viele Kontakte zu russlanddeutschen Familien. So habe ich auch viel über das Schicksal dieser Menschen erfahren. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie von Stalin zu Feinden erklärt, nur weil sie Deutsche waren. Sie wurden aus ihrer angestammten Heimat an der Wolga oder in der Ukraine weit in den Osten deportiert. Unter den unwürdigen Verhältnissen sind unzählige Menschen umgekommen. Einige mussten damals in Erdlöchern hausen, um zu überleben. Man zwang die Menschen in die sogenannte Trudarmee, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Alle standen unter der ständigen Kommandatur, d.h. sie durften ihren Ort in der Regel nicht verlassen. Jeder beschimpfte sie als „Fritzen“ und „Faschisten“ Erst nach Stalins Tod war es ihnen möglich, etwa nach Kasachstan umzusiedeln, um sich endlich ein eigenes Leben aufzubauen.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ergab sich die Möglichkeit, in das Land der Vorfahren, nach Deutschland zurückzukehren. Doch wurde man in Russland als „Deutsche“ beschimpft, folgte hier oft das Gegenteil, man bezeichnete sie als „Russen“. Doch die insgesamt ca. 2,5 Millionen Russlanddeutschen bewiesen eine große Bereitschaft, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren und es ist den meisten in wenigen Jahren auch gut gelungen. Wie bei jeder Einwanderungsgruppe gab es sicher auch hier Menschen, denen die Eingewöhnung schwerer fiel und die auch mit der deutschen Sprache nicht so gut zurechtkamen. So kam es, dass einige nur russische Medien konsumierten und daher auch Putins Ideologie aufgesessen sind.

Doch bitte bitte setzen wir nicht alle gleich!

Wir versammeln uns hier, um gemeinsam für den Frieden in der Ukraine zu beten. Putin hat das Interesse, unsere Gesellschaft zu spalten. Fallen wir nicht auf seine Propaganda herein, betrachten wir unsere Russlanddeutschen als die, die sie sind, unsere Nachbarinnen und Nachbarn, unsere Kolleginnen und Kollegen, ja und auch unsere Freundinnen und Freunde.

Ihre Familien haben viel durchgemacht und auf sich genommen und sich mit großem Einsatz in unsere Gesellschaft eingebracht, um mit uns gemeinsam als Deutsche zu leben.

Ein Beispiel aus unserer Gemeinde kommt mir vor Augen. Damals, Anfang der Neunziger Jahre, haben wir in unsere Kleiderkammer für die neu Eingewanderten geöffnet. Heute sind wir für die Ukrainerinnen und Ukrainer da und es ist von Bedeutung, dass wir unter den Ehrenamtlichen in der Kleiderkammer auch zwei russlanddeutsche Frauen haben. Wie gut, denn nicht alle Ukrainerinnen sprechen Englisch oder gar Deutsch. Russisch verstehen aber alle.

„Ich will, dass wir Freunde sind“, sagte die Konfirmandin, die einst mit ihrer Familie aus Omsk nach Deutschland gekommen ist. Ich habe ihren Worten nichts hinzuzufügen.

Intervention von Pastor Frank Moritz; Banter Kirche Wilhelmshaven, im ökumenischen Friedensgebet am Dienstag, 26. Juli 2022, in der Sankt WIllehad-Kirche. Zu den Friedensandachten wird seit Kriegsbeginn im Februar von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael eingeladen.

Willkommen zu den nächsten Rogate-Gottesdiensten und -Terminen in Berlin und Wilhelmshaven:

  • Sonntag 31. Juli 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Liturgie und Predigt: Br. Franziskus. Organist: Gabriel Pech. Lektor: Jürgen Doster. Kirchdienst: Gesine Schmithals. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Dienstag, 9. August 2022 | 19:00 Uhr. Vesper, das Abendgebet. Orgel: Malte Mevissen. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Dienstag, 9. August 2022 | 20:00 Uhr. (Mitgliederöffentliche) Mitgliederversammlung Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin e.V.. Ort: Pfarrhaus, Garten, An der Apostelkirche 3, Berlin-Schöneberg.
  • Donnerstag, 11. August 2022 | 19:30 Uhr. Komplet, das Nachtgebet. Orgel: Felicitas Eickelberg. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Donnerstag, 11. August 2022 | 20:00 Uhr. (Mitgliederöffentliche) Mitgliederversammlung Förderverein Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin e.V.. Ort: Pfarrhaus, Pfarrgarten, An der Apostelkirche 3, Berlin-Schöneberg.
  • Dienstag, 30. August 2022 | 18:00 Uhr, ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.
Bezirksevangelist Eike Rosentreter (von links), Lektorin Susanne Klenk, Pastoralreferentin Daniela Surmann, Bianca Bolle, Bürgermeisterin Gesche Marxfeld, Bruder Franziskus und Pastor Frank Moritz nach dem Friedensgebet am 26. Juli 2022 vor der Sankt WIllehad-Kirche (Bild: Klenk).

Friedensgebet in der Russlandkrise: Dienstag in der Sankt Willehad-Kirche Wilhelmshaven.

Zu einem ökumenischen Friedensgebet wird am Dienstag, 26. Juli 2022, in die Wilhelmshavener Sankt WIllehad-Kirche eingeladen. Anlass sind der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, aber auch wachsende Spannungen mit China in Asien und die weltweite Klimakatastrophe.

Beginn der Andacht um 18:00 Uhr in der Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven. An der Liturgie beteiligt sind u.a. Pastoralreferentin Daniela Surmann, Ratsfrau Heidi Bosse, Lektorin Susanne Klenk, Pastor Frank Moritz und Bruder Franziskus. Florian Bargen spielt die Orgel.

Zu den Friedensandachten wird seit Kriegsbeginn im Februar von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael eingeladen. Sie finden an jedem letzten Dienstag im Monat n der Nordseestadt statt.

Gebet: Fürbitte aus dem Stadtfestgottesdienst 2022.

Lebendiger Gott, schütze und stärke all diejenigen, die Ablehnung erleben, die unter Gewalt und Unterdrückung leiden, die in Angst und Unfriede leben müssen, die Opfer sind von Hass und Terror, denen nach dem Leben getrachtet wird. Gott, Stärke unseres Lebens: WIR BITTEN DICH ERHÖRE UNS. 

Lebendiger Gott, wir bitten dich, schenke uns die Kraft und den Mut Stellung zu beziehen und zu zeigen, dass Rassismus, Trans- und Homophobie und Hass gegenüber dem Anderssein keinen Platz haben in dieser Welt. Gott, Stärke unseres Lebens: WIR BITTEN DICH ERHÖRE UNS. 

Lebendiger Gott, lehre uns respektvoll miteinander umzugehen. Lass uns einsetzen für Recht und Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden und Versöhnung. Gott, Stärke unseres Lebens: WIR BITTEN DICH ERHÖRE UNS. 

Lebendiger Gott, hilf uns alle in Einheit zusammen zu leben und jegliche Verschiedenheit als Bereicherung zu erkennen. Gott, Stärke unseres Lebens: WIR BITTEN DICH ERHÖRE UNS. 

Lebendiger Gott, wir bitten dich, schenke uns das Vertrauen in deine Liebe und die Hoffnung auf Frieden. Lass uns alle verantwortungsvoll leben und denen beistehen, die angefeindet, ausgegrenzt und verfolgt werden. Lass uns alle zu Boten deiner Liebe werden. Gott, Stärke unseres Lebens: WIR BITTEN DICH ERHÖRE UNS. 

Lebendiger Gott, um all das und die vielen nicht ausgesprochenen Bitten in unseren Herzen – dich den dreifaltigen Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist. AMEN. 

Der Text des Fürbittengebets aus dem ökumenischen Eröffnungsgottesdienst zum 28. Lesbisch-schwulen Stadtfest am 15. April 2022 in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg, formuliert von Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-katholische Pfarrgemeinde Berlin).
Mitwirkende und Teile der Gemeinde aus dem ökumenischen Eröffnungsgottesdienst zum 28. Lesbisch-schwulen Stadtfestgottesdienst 2022 in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg. (Bild: Rogate-Kloster)

Gottesdienst: Eröffnung des lesbisch-schwulen Stadtfestes Berlin

Seit 2010 richtet das ökumenische Rogate-Kloster den jährlichen Gottesdienst zum lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin aus, dem populären Straßenfest in der Motz-, Fugger- und Eisenacherstraße. Nach der zweijährigen Coronapause kann endlich wieder fröhlich und bunt gefeiert werden. Der traditionelle Eröffnungsgottesdienst in der Zwölf-Apostel-Kirche steht wieder am Beginn. 

Zwölf-Apostel-Kirche (Bild: Rogate-Kloster)

Am Freitag, 15. Juli 2022 | 19:30 Uhr, wird unter dem Titel „Wenn ich ein Engel wäre, dann….“, zum ökumenischen queeren Eröffnungsgottesdienst zum 28. Stadtfest Berlin eingeladen. 

Die Predigt hält Pfarrer_in Anna Trapp, Evangelischer Pfarrsprengel Bad Wilsnack. Mitwirkende: Christopher Schreiber (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V.), Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-katholische Pfarrgemeinde Berlin), Pfarrer Burkhard Bornemann (Evangelische Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Lektor: Michael Feitel (Rogate-Kloster). Kruziferarin: Uta Willers Urban (Rogate-Kloster). Orgel: Gabriel Pech. Kirchdienst: Michael Behr. Empfang. Melanie Hochwald (Rogate-Kloster).

Kollekte: Wir sammeln je zur Hälfte die Fortsetzung der queeren ökumenischen Stadtfestgottesdienste sowie für den Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V. für seine Arbeit für queere ukrainische Geflüchtete aus der Ukraine & Russland. Mit seinem Zentrum für Migrant*innen, Lesben und Schwule (MILES) bietet der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg psychosoziale und rechtliche Beratungen für LSBTI* mit Flucht- und Migrationsbiografien sowie deren Angehörige an. Aufgrund der immer stärker werdenden Verfolgung von queeren Menschen in Russland und insbesondere seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine wenden sich immer mehr ukrainische und russische Geflüchtete an MILES. Der Umfang der Anfragen übersteigt allerdings die Kapazitäten der hauptamtlichen Beratungs- und Hilfsstrukturen. Queere Geflüchtete finden deswegen in einem Mentor*innenprogramm weiterführende Unterstützung und Anbindung. Im Rahmen des Programms entstehen ehrenamtliche Pat*innenschaften, die queere Geflüchtete aus Russland und der Ukraine im Alltag unterstützen. Mit Ihrer Kollekte soll ein Beitrag zum Erfolg dieses wichtigen ehrenamtlichen Engagements. Konkret die Durchführung von Gruppen- und Vernetzungsangeboten, Befähigungsworkshops sowie regelmäßigen gemeinsamen Freizeitaktivitäten unterstützt werden.

Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Nachtrag: Die Kollekte des Gottesdienstes erbrachte 253,34 Euro und eine Miele-Waschmünze.

Fünf Fragen an: Christiane Schulz, Brot für die Welt

Fünf Fragen an Christiane Schulz, Leiterin des Regionalbüros von „Brot für die Welt“ (BfdW) in Costa Rica, zu vielfältigen Visionen von Armut, lokalen Massnahmen gegen die Klimafolgen und die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine für Mittelamerika. Ein Interview von Florian Wiese im Rahmen des Rogate-Demokratieprojekts „FrieslandVisionen: Wie wollen wir morgen leben?“.

Christiane Schulz, Brot für die Welt (Bild: privat)

Dr. Christiane Schulz ist Politikwissenschaftlerin und leitet die Verbindungsstelle von BfdW in Costa Rica seit Anfang 2018. Zuvor war sie beim Deutschen Institut für Menschenrechte verantwortlich für das Programm „Schutz vor gewaltsamem Verschwindenlassen“. Ihr geographischer Schwerpunkt liegt in Lateinamerika, ihr inhaltlicher Schwerpunkt bei den Menschenrechten.

Rogate-Frage: Sie arbeiten für „Brot für die Welt“. Was hat Sie in das Berufsfeld Entwicklungszusammenarbeit und schließlich nach Costa Rica geführt?

Christiane Schulz: Das Gewaltniveau in mehreren Ländern Zentralamerika zählt weltweit zu den Höchsten. Politische Entscheidungsträger agieren in unterschiedlichen Konstellationen mit Banden der organisierten Kriminalität und den wirtschaftlichen Eliten. Die in diesem Kontext entstehenden sozialen Konflikte werden seit Jahren gewaltsam unterdrückt. Vor Ort ansässige regional tätige Partnerorganisationen und die politische Stabilität in Costa Rica bieten das geeignete Umfeld, um von hier aus in den Ländern Guatemala, El Salvador, Honduras und Nicaragua zu arbeiten. Wir können dank der regionalen Nähe und Präsenz eng mit der hiesigen Zivilgesellschaft zusammen arbeiten. Ich habe bereits Anfang der 1990er Jahre Menschenrechtsarbeit in Guatemala geleistet und auch in den Folgejahren lag mein Arbeitsschwerpunkt in Lateinamerika. Nun habe ich die Möglichkeit der direkten Zusammenarbeit mit der hiesigen Zivilgesellschaft in ganz Zentralamerika und gleichzeitig übernehmen wir als regionale Verbindungsstelle von Brot für die Welt eine Brückenfunktion für die Anliegen der Partner nach Deutschland.

Rogate-Frage: Wie definieren Sie Entwicklungszusammenarbeit und welche Ziele verfolgt „Brot für die Welt“ damit konkret?

Christiane Schulz: Entwicklungszusammenarbeit beinhaltet vor allem das Schaffen von gleichberechtigten Zugängen zu Ernährung, Wohnraum, Gesundheit, Bildung – also zu einem menschenwürdigen Leben ohne Armut. Dabei gilt es die vielfältigen Dimensionen von Armut aufzuheben. Die Möglichkeiten, Veränderungen im Sinne der Betroffenen herbeizuführen, sind vielfältig und je nach Kontext unterschiedlich. In Guatemala beispielsweise fördert Brot für die Welt den Aufbau dezentraler kommunaler Minikraftwerke und sichert so eine Minimalversorgung mit Strom in entlegenen ländlichen Regionen. In El Salvador liegt ein Schwerpunkt der partnerschaftlichen Kooperation in der nachhaltigen Ressourcennutzung und Umsetzung agrarökologischer Praktiken. In Honduras begleitet eine Frauenorganisation Arbeiter*innen aus Teilfertigungsfabriken (Maquiladoras), um arbeitsrechtliche und gesundheitliche Missstände zu beheben. Wichtig ist neben der Umsetzung lokaler Maßnahmen vor Ort die regionale und überregionale Zusammenarbeit, um beispielsweise die Folgen des Klimawandels zu bearbeiten.

Rogate-Frage: Was genau macht eine „Brot für die Welt“-Verbindungsstelle und insbesondere Ihr Büro in Costa Rica?

Christiane Schulz: Die Verbindungsstelle von Brot für die Welt begleitet in Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica Partnerorganisationen. Das heißt wir führen den Dialog mit den Nicht-Regierungsorganisationen, bearbeiten die eingehenden Anträge und stehen während der Projektumsetzung in einem regelmäßigen Austausch mit den Partnerorganisationen. Maßnahmen der Rechenschaftslegung sichern die Transparenz über die Verwendung der Projektgelder. Wir unterstützen lokale Organisationen im Rahmen der finanziellen Förderung als auch der personellen Förderung, das heißt der Entsendung von Fachkräften. Zudem begleitet das Büro die lokalen Organisationen inhaltlich. Aktuell bearbeiten wir gemeinsam mit Partnerorganisationen vier inhaltliche Themenbereiche: Klimawandel, Migration, Schutz für Menschenrechtsverteidiger*innen, sowie der zunehmend eingeschränkte Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft.

Rogate-Frage: Welche Art Projekte begleiten Sie aktuell in Zentralamerika und welche Ziele sollen erreicht werden?

Christiane Schulz: Der zentralamerikanische Kontext ist aktuell von vielfältigen Armutsproblematiken, gravierenden Folgen durch den Klimawandel bei einem gleichzeitig stark eingeschränktem Handlungsspielraum für zivilgesellschaftliche Akteure geprägt. Unter diesen Bedingungen sind insbesondere Maßnahmen wichtig, die die Ernährungssicherheit der Bevölkerung sichern, Aktivitäten zum Schutz vor Klimawandel und Menschenrechtsarbeit. Diese drei Bereiche stehen in einem engen Zusammenhang miteinander. Nur eine Überwindung der Armutsproblematik bietet der Bevölkerung auch mittel- und langfristige Perspektiven. Leider sind gerade jene, die sich an demokratischen Gestaltungsprozessen beteiligen und sich für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte einsetzen, besonders häufig von Übergriffen durch staatliche oder private Akteure bedroht. Neben der lokalen Verbesserung der Lebenssituation muss es also auch darum gehen, sicher zu stellen, dass die Betroffenen aktiv und ohne Sorge um Leib und Leben an den entsprechenden politischen Prozessen zur Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens beteiligt sein können.

Rogate-Frage: Wie hat sich Ihr Arbeit vor Ort und die der von Ihnen betreuten Projekte durch die Corona-Pandemie und Russlands Angriffskrieg geändert und wird sich die Entwicklungszusammenarbeit durch diese multiplen Krisen verändern?

Christiane Schulz: Die Bevölkerung Zentralamerikas und jeweiligen Organisationen vor Ort waren und sind vielfältig von der Corona-Pandemie betroffen. Erstens ist das staatliche Gesundheitswesen hier schlecht ausgebaut. Es gab weder Desinfektionsmittel noch medizinische Masken, um sich vor der Ansteckung zu schützen. Der Zugang zu einer Behandlung im Krankheitsfall war und ist für die Bevölkerungsmehrheit nicht sichergestellt. Entsprechend hoch sind auch die Todesfälle, besonders in Guatemala. Hier sind über 18.000 an COVID Erkrankte verstorben. Zweitens gab es in fast allen Ländern der Region repressive Maßnahmen unter dem Vorwand die Pandemie einzuschränken: Personen die sich angeblich ohne Berechtigung im auf der Straße bewegten, wurden willkürlich in sogenannte Quarantänelager gesteckt, die Hafteinrichtungen glichen. Viele Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Während der Pandemie verwüsteten zudem im November 2020 zwei Tropenstürme weite Landstriche von Nicaragua und Honduras sowie in Guatemala. Die Infrastruktur, Straßen, Brücken, Krankenhäuser, Schulen, Wohnraum wurde ebenso zerstört wie die Ernte. Die Schäden sind bis heute nicht behoben.

Diese prekäre Situation wird durch die Folgen des Angriffskrieges von Russland auf die Ukraine weiter verschärft. Lieferengpässe sowohl für Industriegüter als auch für Düngemittel verschlechtern die wirtschaftliche Situation. Die Inflationsraten sind seit Beginn der Pandemie extrem gestiegen. Für weite Teile der Bevölkerung in Zentralamerika bedeutet dies, dass sie Hunger leiden und unter den vielfältigen Folgen von Armut leiden.

Rogate: Vielen Dank, Frau Schulz, für das Gespräch!

Weitere Interviews in der Reihe Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.


Willkommen zu unseren nächsten Rogate-Gottesdiensten und Terminen:

  • Freitag, 15. Juli 2022 | 19:30 Uhr, „Wenn ich ein Engel wäre, dann….“, ökumenischer Eröffnungsgottesdienst zum 28. lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin. Predigt: Pfarrer_in Anna Trapp, Evangelischer Pfarrsprengel Bad Wilsnack. Mitwirkende: Christopher Schreiber (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V.), Dekan Ulf-Martin Schmidt (Alt-katholische Pfarrgemeinde Berlin), Pfarrer Burkhard Bornemann (Evangelische Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde) und Br. Franziskus (Rogate-Kloster). Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Dienstag, 26. Juli 2022 | 18:00 Uhr, ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Die Friedensgebete werden getragen von den Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael. Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.
  • Sonntag 31. Juli 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Predigt: Br. Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Sonntag, 4. September 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Predigt: Br. Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.

Johannestag und Klimakanzel: Gottesdienste am Wochenende.

Willkommen zu unseren Gottesdiensten am Wochenende in Berlin-Schöneberg:

Die „Klimakanzel“ ist ein Gottesdienstformat des Demokratieprojektes „FrieslandVisionen“ des Rogate-Klosters in der Klimakatastrophe und der Klimakrise.

Die Klimakatastrophe und die wachsende Beunruhigung über die Auswirkungen hat uns zu der Überlegung gebracht, die Reihe Klimakanzel ins Leben zu rufen. Wir wollen damit dazu beitragen, dass das Bewusstsein wächst, dass wir vor der Notwendigkeit eines erheblichen Wandels auch unseres eigenen Handels stehen. Es geht dabei um Politik, Nachhaltigkeit und den Mut, Dinge deutlich zu benennen. Nicht nur an der Küste weiß man, welche Auswirkungen die Erderwärmung, das Insektensterben und der steigende Meeresspiegel hat.

Wir wollen durch die Klimakanzel die Aufmerksamkeit wecken und zum Handeln motivieren. Wir hoffen mit diesem Format Impulse setzen zu können.

CSD-Wilhelmshaven: Predigt von Oberkirchenrätin Gudrun Marwick.

Oberkirchenrätin Gudrun Mawick im Eröffnungsgottesdienst zum 2. Wilhelmshavener CSD am 27. Mai 2022. (Bild: Björn Lübbe)

„Lasst euch im Herzen keine Angst machen!“ Das geht so runter, der erste Satz unserer Evangelienlesung (Johannes-Evangelium 14, 1-6). Euch auch?

Lasst euch im Herzen keine Angst machen! Das sagt nicht irgendwer, sondern Gott, der mir in der Taufe zugesprochen hat: Fürchte dich nicht! Denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Doch das zu beherzigen und danach zu leben braucht Mut. Immer. Für alle.

Gerade wird in Stuttgart der Katholikentag gefeiert. Zwar lastet Corona hier nicht mehr so schwer wie im letzten Jahr auf dem Evangelischen Kirchentag in Frankfurt. Dennoch sind die Teilnehmendenzahlen im Keller, viele so sorgfältig vorbereitete Veranstaltungen dürftig besucht.

Jedoch ist der Katholikentag ein Anlass für die Medien, kirchliche Themen zu bringen. Und so wurde an diesem Dienstag in den „Tagesthemen“ gefragt: „Was ist eigentlich aus den 125 mutigen Katholikinnen und Katholiken geworden, die bei „out in church“ mitgemacht haben?“ Bei der Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ … Wer sie noch nicht gesehen hat –  unbedingt in der ARD-Mediathek anschauen! Sie erregte im Januar großes Aufsehen, weil alle diese Schwestern und Brüder mit katholischer Kirche als Arbeitgeberin sich in diesem Film auf sehr bewegende Weise geoutet haben. Das kann sie nach aktuellem kirchlichen Arbeitsrecht ihre Stelle kosten. Wie geht es ihnen jetzt?

An manchen Tagen hatte ich schon Angst,“ sagt Ralf Klein, Priester im Schwarzwald. Aber auch: „Meine Kirche bleibt mein Zuhause, bleibt mein Zufluchtsort.“ Nicht nur geistlich innerlich, sondern er ist auch nach der Ausstrahlung der Doku an seinem Dom in seiner ländlichen Gemeinde geblieben. Weil er es will und weil er es kann – auch nach dem Film.

Lasst euch in eurem Herzen keine Angst machen. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ …

Es gehört zum Leben von Getauften immer neue Entdeckungen zu machen im Hause Gottes, im Wohnheim des Glaubens. Sich neu einrichten, ab und zu einen Tapetenwechsel vornehmen, eine andere WG suchen und oft genug lüften. Manche brauchen es auch, einmal ohne Dach über dem Kopf zu leben, auf Wanderschaft zu gehen, sich zu befreien – also aus der Kirche austreten, religiös unterwegs sein, ohne vor Anker zu gehen, vielleicht irgendwann wieder in die katholische Kirche eintreten und dann evangelisch beerdigt werden.

Mich hat beim Film „Wie Gott uns schuf“ sehr berührt, wie sicher sich die Interviewten sind, dass sie in der katholischen Kirche sind und bleiben – mein Zuhause, mein Zufluchtsort. Wie treu und wie verbunden, trotz aller Schwierigkeiten. Etliche von ihnen hätten beruflich auch etwas anderes machen und übertreten oder austreten können.  Aber die Liebe im Herzen ist größer als die Angst darin. Denn zu dieser römisch-katholischen Wohnung oder WG im Haus Gottes zählen sie sich, auch wenn es dort Zimmer gibt, die ihnen nicht gefallen, wo sie nicht willkommen sind. Weil diese Kirche kostbar ist und viel mehr als ihre Homophobie oder ihre Missbrauchsverfehlungen.

Auch in anderen Kirchen sind queere Mitbewohner*innen nicht oder nur mit Abstrichen willkommen. Noch in den 90er Jahren hat mich hat als Oldenburger Vikarin gerettet, dass ich im dortigen queeren Verein „Na und“ dabei war, bei der Zeitschrift „Rosige Zeiten“ mitgearbeitet habe und da durchaus auch als Theologin darin schreiben konnte. Das fanden manche im Verein ein bisschen seltsam, aber es war in Ordnung.

In meiner Kirche aber habe ich mich damals als sperrige Mitbewohnerin gefühlt und wurde auch so behandelt. Und dies galt für viele Evangelische und ich manchen evangelischen Landeskirchen in Deutschland ist dies so geblieben. Unser Bischof hat sich 2018 öffentlich dafür im Namen der oldenburgischen Kirche  entschuldigt.

Lieb doch, wen du willst! In der Bibel wird von Jesus erzählt, dass er liebt wen er will. Vielleicht nicht im sexuellen Sinne, darüber wird einfach nichts berichtet. Aber in dem, wie er sich Menschen ganz zuwandte. Und zwar denen, die von der herrschenden Gesellschaft einen Stempel aufgedrückt bekamen: Du giltst weniger oder du lebst falsch. So der Steuereintreiber Zachäus. „Komm herunter von deinem Baum, auf dem du dich versteckst – heute muss ich bei einkehren!“ Jesus suchte genau diese Leute auf und ließ sie merken: Du bist von Gott geliebt, er will, dass du bei ihm wohnst. So wie Jesus dies tat, ist es wirklich schon eine Lebensform, seine Lebensform: Ich liebe, wen ich will.

Ich werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, wo ich hingehe.“ Da erhebt sich Protest bei Jesu Jüngerinnen und Jüngern: Wie sollen wir den Weg finden? Und dann antwortet Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es gibt keinen anderen Weg zum Vater als mich.

Ich höre das so, dass er damit diese seine Lebensform meint. Doch oft wird dieser Satz als in Stein gemeißelter Absolutheitsanspruch des Christentums verstanden. Dabei gehört zum Wort „Weg“ Bewegung und lernen und weitergehen. Wie die verschiedenen Wohnungen ist dieser Weg mit reichen Früchten, aber auch mit Dornen ausgestattet. Diese Rede Jesu setzt der Evangelist Johannes an den Anfang seiner Passionsgeschichte. Mit ihm beginnen Jesu Abschiedsreden, sein Weg zum Kreuz. Denn er liebt, wen er will.

Lasst euch in euren Herzen keine Angst machen! Dieses Motto seiner Lebensform gibt er seinen Jüngerinnen und Jüngern mit auf den Weg. Und die haben diese Art zu leben beherzigt, mal mit mehr und mal mit weniger Angst im Herzen. Und weitergegeben an alle Getauften, an Christinnen und Christen durch die Jahrhunderte. An diejenigen, die Wohnung haben und wechseln und nehmen im Haus Gottes – mein Zuhause, mein Zufluchtsort Dazu gehört: Den anderen, die andere merken zu lassen, wie Jesus sich zuwendet: Du bist von Gott geliebt. Wie Gott uns schuf.

So können wir gehen auf dem Weg mit der Wahrheit in das Leben. Uns verirren, mit oder ohne Angst im Herzen, verwundet und wieder geheilt. Wir werden stets willkommen sein.

Auszüge aus der Predigt von Oberkirchenrätin Gudrun Mawick (Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg) im ökumenischen Eröffnungsgottesdienst zum 2. Wilhelmshavener Christopher-Street-Day (CSD) am Freitag, 27. Mai 2022 in der Lutherkirche.

Russlandkrise: Ukraine-Friedensgebet der Wilhelmshavener Ökumene am Dienstag.

Die wöchentlich durchgeführten Ukraine-Friedensgebete in der Sankt Willehad-Kirche enden am Dienstag, 31. Mai, 18:00 Uhr. Die Andacht wird zusätzlich über den Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt. 

Seit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges haben die Gemeinden der St. Willehad-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirche, der Banter Kirche und der Luther-Kirche, der Caritas im Dekanat Wilhelmshaven, dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven und dem Rogate-Kloster Sankt Michael dazu eingeladen und sich mit verschiedenen Vertreter*innen beteiligt. 

Künftig soll es einen monatlichen Friedensgottesdienst am letzten Dienstag im Monat geben. Der erste Termin ist am 28. Juni.

Ort: St. Willehadkirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.

Übersicht der Friedensgebete auf dem Youtube-Kanal der Sankt-Willehad-Gemeinde Wilhelmshaven.

Hier die Aufzeichnung des Friedensgebetes vom 31. Mai 2022:

CSD-Wilhelmshaven: „Lieb doch wen DU willst“-Eröffnungsgottesdienst am Freitag.

Die Glocken der Lutherkirche läuten am Freitag, 27. Mai 2022, den Eröffnungsgottesdienst zum 2. Wilhelmshavener Christopher-Street-Day (CSD) ein. Oberkirchenrätin Gudrun Mawick (Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg) wird die Predigt halten.

An der Gestaltung beteiligen sich Pastor Benno Gliemann (Lutherkirchengemeinde), Pastoralreferentin Daniela Surmann (Sankt Willehad-Kirche) und Bruder Franziskus (Rogate-Kloster Sankt Michael). Teammitglieder des CSD-Freiwilligenteams sprechen in inhaltlichen Voten über das Motto „Lieb doch wen DU willst“. Die Musik in der ökumenischen Andacht gestaltet Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser (Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg).

Beginn ist um 19:30 Uhr in der Brommystr. 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.

Die Kollekte des Gottesdienstes ist für Quarteera e. V., einen Verein russischsprachiger LGBTIQ+-Menschen in Deutschland, die sich unter anderem für Geflüchtete aus der Ukraine einsetzen, bestimmt.

IDAHOBIT 2022: Intervention von Christopher Schreiber (LSVD Berlin-Brandenburg)

Üblicherweise beginnt eine Ansprache mit den Anreden. Entsprechend lang wäre die Liste der Personen, die ich heute besonders grüßen möchte, allen voran Bruder Franziskus vom Rogate-Kloster, der diesen einzigartigen Gottesdienst ins Leben gerufen hat. Mit Blick auf die vielen wichtigen Wortbeiträge und die Predigt, die noch folgen werden, möchte ich diesen Teil jedoch abkürzen und habe mich also auf die Suche nach einer Anrede gemacht, mit der sich möglichst alle von Ihnen angesprochen fühlen. Die Suche war – meine ich – erfolgreich und so möchte ich Sie alle nun grüßen mit den Worten: Liebe Gemeinde!

Christopher Schreiber (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg – Bild: Rogate-Kloster)

Gemeinde – interessanterweise ein Wort, dass nicht nur im kirchlichen Bereich eine besondere Bedeutung hat, sondern auch für die queere Community. Immerhin lässt sich Community ins Deutsche nicht nur mit Gemeinschaft, sondern auch mit Gemeinde übersetzen. Und trotzdem scheint es so, dass sich mit der queeren Gemeinde und der kirchlichen Gemeinde oft zwei völlig verschiedene Welten gegenüberstehen.

Die Frage steht im Raum, wer gehört zur Gemeinde, wer darf zur Gemeinde gehören? Wer darf zur Bremer St. Martini Gemeinde gehören, wenn deren Pastor im Gemeindebrief seinen Hass über queere Menschen ausschüttet? Was versteht die katholische Glaubenskongregation unter Gemeinde, wenn sie die christliche Gemeinschaft dazu aufruft, Menschen mit homosexuellen Neigungen zu respektieren? Für mich hört sich das so an, als gehörten queere Menschen nicht zur christlichen Gemeinde dazu – als stünden sie ihr vielmehr gegenüber.

Auf die Frage, wer zur Gemeinde gehört und wer nicht, gibt es mindestens zwei Antworten.

Die erste ist eine theologische Antwort. Die kann ich Ihnen heute leider nicht geben, weil ich kein Theologe bin. Umso mehr bin ich dankbar, dass es in der katholischen und evangelischen Kirche Menschen gibt, die Verantwortung für ihre queeren Glaubensgeschwister übernehmen, indem sie in kirchlichen Gremien um theologische Antworten ringen. Zumindest unter deutschen Theolog*innen scheint sich dabei die Position durchzusetzen, dass die Behauptung, dass Homosexualität, auch die gelebte Homosexualität, Sünde sei, keinerlei theologische Berechtigung hat. Die Herausforderung, diese Erkenntnis in die Weltkirche zu tragen, sind enorm. Das erkenne ich an. Christus spricht aber: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Queerfeindlichkeit schadet der Seele, auch dann, wenn als Argument die weltkirchliche Einheit in Feld gezogen wird – so meine laienhafte Exegese dieses Verses aus Matthäus, Kapitel 16.

Die andere Antwort auf die Frage, wer zur Gemeinde gehört, ist eine bürgerrechtliche. Diese kann ich Ihnen durchaus geben und sie ist kurz und lautet ganz einfach: Alle Menschen haben das Recht zur Gemeinde zu gehören, so sie unsere freiheitliche demokratische Grundordnung anerkennen und achten. Und deswegen darf es nicht sein, dass gerade das Antidiskriminierungsgesetz, eine so wichtige Errungenschaft unserer freien Gesellschaft, im kirchlichen Arbeitskontext nicht vollumfänglich gelten soll. Auch hier bin ich dankbar für den Mut queerer Christ*innen, allen voran die Initiative #OutInChurch, die lautstark auf diesen Missstand hinweisen.

Wir werden nun gleich die dritte Strophe des Liedes „Sonne der Gerechtigkeit“ singen. Darin heißt es: „Schaue die Zertrennung an, der sonst niemand wehren kann; sammle großer Menschenhirt, alles was sich hat verirrt.“ Wer hat sich hier verirrt, wen muss der Menschenhirt einsammeln?

Nicht queere Menschen sind verirrt, sondern die die queerfeindlich sind. Diese verirrten Menschen muss der Menschenhirt einsammeln, die müssen Sie, sehr geehrter Herr Erzbischof, sehr geehrte Frau Pröpstin, zurück in die Gemeinde holen, damit wann immer eine Predigt oder ein Gemeindebrief mit den Worten „liebe Gemeinde“ beginnt, sich alle angesprochen fühlen können.

Christopher Schreiber (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg) im ökumenischen Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022 in Anwesenheit von Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) und Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbistum Berlin) in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg.

Hinweis Presseschau: Über die Predigt des Berliner Erzbischofs in unserem Gottesdienst hat katholisch.de berichtet. Sie finden den Artikel hier. Siehe auch „Kirche und Leben“ hier sowie die Meldung auf der Seite von „Radio Vatikan“ hier.

Ökumenischer Gottesdienst gegen Queerfeindlichkeit des Rogate-Klosters zum IDAHOBIT 2022. (Bild: Rogate-Kloster)

Willkommen zu den nächsten Rogate-Gottesdiensten.

Berlin, Schöneberg.

  • Sonntag Rogate, 22. Mai 2022 | 10:00 Uhr, Eucharistie. Orgel: Martin Küster. Lektor*innen: Melanie Hochwald und Jürgen Doster. Kirchdienst: Michael Behr. Liturgie und Predigt: Br. Franziskus. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, Berlin-Schöneberg.
  • Freitag, 24. Juni 2022 | 18:00 Uhr, ökumenische Eucharistie zum St. Johannis-Tag. Predigt: Br. Franziskus. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin, und Br. Franziskus. Ort: Dorfkirche Schöneberg, Hauptstraße 47–48, 10827 Berlin-Schöneberg.

Wilhelmshaven, Niedersachsen.

  • Freitag, 27. Mai 2022 | 19:30 Uhr, ökumenischer Gottesdienst zur Eröffnung des 2. Wilhelmshavener CSDs. Predigt: Oberkirchenrätin Gudrun Mawick, Oldenburg, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Liturgie: Pastor Benno Gliemann, Lutherkirchengemeinde, Pastoralreferentin Daniela Surmann (Sankt Willehad) und Br. Franziskus, Rogate-Kloster. Mitwirkende: Engagierte des CSD-Teams. Musik: Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Oldenburg, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Ort: Lutherkirche, Brommystr. 71, 26384 Wilhelmshaven-Villenviertel.