Fünf Fragen an: Thomas Kersten, Pastor in Nordhorn/Niedersachsen

Pfarrer Thomas Kersten

Pastor Thomas Kersten, Geistlicher in Nordhorn/Niedersachsen, über eine überkonfessionell genutzte Kirche im Dorf, gelingende Ökumene an der Basis und die Jahreslosung 2015.

Thomas Kersten stammt aus Niedersachsen und wuchs in Altenau im Harz auf. Sein Theologiestudium führte ihn nach Bethel und Göttingen. Nach einem Auslandsvikariat leitete er vn 1999 – 2004 eine zweisprachige Gemeinde in Kelowna, British Columbia/Kanada. Seit 2005 ist Thomas Kersten Pastor der Evangelisch-Lutherische Christus- und Kreuz-Kirchengemeinde Nordhorn in der Grafschaft Bentheim. Er engagiert sich für den ökumenischen Dialog und für ein neu gegründetes Evangelisches Gymnasium vor Ort.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Kersten, zu Ihrem Gemeindebezirk gehört die von drei Konfessionen genutzte Michaeliskirche. Wie ist es zu dieser ökumenischen Form gekommen?

Thomas Kersten: Im Jahr 2008 hat mich mein römisch-katholischer Kollge darüber informiert, dass die Filialkirche Sankt Ludgerus aufgrund der erheblichen Kosten und einer dünner werdenden Personaldecke geschlossen werden soll. Damit Gottesdienste und ein Gemeindeleben in Klausheide weiter stattfinden können, haben wir Lutheraner gemeinsam mit den Reformierten ein Signal zur Kooperation gegeben. Für alle drei Konfessionen war klar, dass die Kirche im Dorf bleiben muss.

Rogate-Frage: Welche Verabredungen haben Sie mit den beteiligten Kirchen getroffen, um das Miteinander zu organisieren und allen Interessen gerecht zu werden?

Thomas Kersten: Ganz pragmatisch wurde im Jahr 2009 eine Nutzungsvereinbarung geschlossen. Diese Vereinbarung regelt, dass die Gottesdienste der drei Gemeinden im Wechsel gefeiert werden. An jedem 4. Sonntag im Monat gibt es einen gemeinsamen Wortgottesdienst und im Anschluss trifft sich die Gemeinde zu einem lockeren Austausch bei Kaffee und Tee. Auch das stärkt die Gemeinschaft und das Kennenlernen vor Ort.

Rogate-Frage: Was hat sich im Kirchenraum praktisch verändert? Eine reformierte Kanzel über römischen Tabernakel und lutherischem Altar? Werden die spezifischen Symbole und Zeichen der Konfessionen jeweils weggeräumt oder verhangen?

Thomas Kersten: Die Praxishilfe „Ökumenisch genutzte Kirchenräume“, herausgegeben von von der Konferenz der leitenden Geistlichen der evangelisch-lutherischen Kirchen, der evangelisch-reformierten Kirche und der römisch-katholischen Bistümer in Niedersachsen und Bremen, war wegweisend für unsere Praxis und für die Vvränderungen im Kirchenraum. So wurde zum Beispiel der Altar von der Wand gerückt und das Weihwasserbecken aus der abgerissenen Ludgeruskirche im Eingangsbereich installiert. Auch ein Kirchenfenster aus der katholischen Kirche wurde im Rahmen einer Kirchenrenovierung in den Gottesdienstraum integriert. Für die katholische Gemeinde hatte der Priester Handzettel nach dem Umzug in die „neue Kirche“ an seine Gemeindeglieder ausgelegt: „Zu bedenken bei einer Eucharistiefeier in einer evangelischen Kirche. … Da in der evangelischen Kirche die Eucharistie nicht aufbewahrt wird – es gibt keinen Tabernakel – , entfällt das Zeichen mit der Kniebeuge, die ja vor dem Leib Christi vollzogen wird. Statt dessen wird die Verehrung Christi am Kreuz durch eine Verneigung ausgedrückt. In den Bänken gibt es keine Möglichkeit zum Knien. So wird das Hochgebet stehend mitvollzogen. Statt der üblichen Kollektenkörbe, werden „Klingelbeutel“ benutzt.“
In den letzten Jahren hat sich das alles gut eingespielt und wir denken immer noch über ein Marienbild nach, das einen christologischen Bezug hat.

Rogate-Frage: Wie leben Sie vor Ort die Ökumene? Welche Veränderungen haben sich für die Gemeinden und die beteiligten Pfarrer ergeben?

Thomas Kersten: Wir beten mit- und füreinander. Im Dorf stehen die Gruppen und Kreise allen offen und es gibt viele Vernetzungen. Auch personell sind wir über die Konfessionsgrenzen hinweg gut aufgestellt. Die Küsterin ist römisch-katholisch, die Leiterin des Singkreise ist altreformiert. Gemeindefeste werden gemeinsam vorbereitet und gefeiert. Und im Advent gibt es die „Klausheider Adventsstille“, ein spezielles Andachtsangebot, welches die Konfessionen gemeinsam tragen und auch dazu in ihren Gemeindebriefen einladen.

Rogate-Frage: Warum sind Sie selbst Pfarrer geworden und was schätzen Sie an Ihren Aufgaben in der Gemeinde?

Thomas Kersten: Durch die Jugendarbeit bin ich in die Gemeinde hineingewachsen und konnte so eine Freude an Glaubensfragen entwickeln. Durch Menschen, die meine Gaben erkannt haben, bin ich ermutigt worden, dass Theologiestudium in Betracht zu ziehen. Damals war mir allerdings noch nicht klar, dass das Erlernen der drei alten Sprachen eine solche Qual sein wird. Gottesdienst und persönliches Gebet haben mich dann immer wieder getragen. Heute bin ich gerne Pfarrer und die seelsorgerliche Begleitung von Menschen an Wendepunkten in ihrem Leben ist mir eine Herzensangelegenheit.

Rogate-Frage: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ (Brief an die Römer 15.7). Was sagt Ihnen dieses Bibelwort?

Thomas Kersten: Die Jahreslosung 2015 der Herrnhuter Brüdergemeinde! Als Christ begleiten mich die Losungen seit meinem 14. Lebensjahr. Das ist die eiserne Ration des Wortes Gottes für jeden Tag. Im Hinblick auf das Wort aus dem Römerbrief denke ich an den viel beschäftigten Familienvater, der sich trotz knapper Zeit um die Flüchtlingsfamilie in der Nachbarschaft kümmert. Mir fallen aber auch diejenigen ein, die sich um eine junge Witwe in der Straße kümmern, ihr regelmäßiges Mittagessen bringen und sie zu trösten versuchen. Wenn ich mich von Christus bedingungslos angenommen weiß, kann ich auch einem anderen Menschen dienen mit den Gaben, die Gott mir anvertraut hat. Das ist gar nicht so schwer und macht einen gewaltigen Unterschied im Leben aus.

Rogate: Herr Pfarrer Kersten, vielen Dank für das Gespräch!

Mehr über die Michaeliskirche Nordhorn erfahren Sie hier: Michaeliskirche.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Zwischen dem 27. Dezember 2014 und dem 13. Januar 2015 halten wir eine gottesdienstliche Winterpause.
  • Dienstag, 13. Januar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 20. Januar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 27. Januar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 3. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 10. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 17. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Den Monatsplan Januar finden Sie hier.
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Eine Antwort zu Fünf Fragen an: Thomas Kersten, Pastor in Nordhorn/Niedersachsen

  1. Wie entgegenkommend einerseits, daß man den „verwaisten“ römischen Katholiken sozusagen „Kirchenasyl“ gewährt, so daß sie, obwohl ihre Kirche abgerissen werden mußte, auch weiterhin vor Ort ihre Gottesdienste feiern können. Und das mein ich ganz ehrlich. Es ist dankenswert, daß man dafür sogar bereit war, den evangelischen Kirchenraum moderat umzugestalten (Altar von der Wand weggerückt, Installation eines Weihwasserbeckens aus der abgerissenen katholischen Kirche). Dankenswert auch das Nachdenken von evangelischer Seite, ein „Marienbild“ anzuschaffen. (Freilich die Bemerkung, „Marienbild … , das einen christologischen Bezug hat“ ist putzig und spricht Bände für die Unbedarftheit evangelischer Theologie im Blick auf die Gottesmutter. Schließlich erfüllt so gut wie jede x-beliebige Gottesmutterikone oder selbst die kitschigste Marienstatue mit Kind diese Bedingung. Abgesehen davon, daß von der Gottesmutter mehr als nur in ihrem „christologischen Bezug“ zu reden ist).
    Es ist also dankenswert, daß sich die evangelischen und evangelisch-reformierten Christen vor Ort auf diesen gemeinsamen Gottesdienstraum, der auch für sie Veränderungen gebracht hat, eingelassen haben, damit die katholischen Christen weiterhin vor Ort ihre Gottesdienste feiern können.
    Traurig allerdings ist aus meiner Sicht, daß mit diesem neuen Zuhause für die Katholiken dort ein Trend unterstützt wird, der sich leider – nach meiner Erfahrung – begonnen hat in katholische Gemeinden einzuschleichen: eine „Verprotestantisierung“ der katholischen Gottesdienst- und Glaubenspraxis. Die Begrüßung der Gottesmutter oder in der Kirche dargestellter Heiliger, das Verweilen dort im Gebet, das Anzünden einer Kerze, wird nur noch von wenigen Gottesdienstbesuchern praktiziert. Selbst die Kniebeuge vor dem gegenwärtigen Herrn in der Kirche ist, wie ich es erlebt habe in der letzten Zeit, auch längst nicht mehr für alle Katholiken selbstverständlich. Daß man bei bestimmten Gebeten während der Eucharistiefeier kniet, auch nicht. Es gibt nicht mehr zwingend in der Messe eine Prozession mit dem Evangelium zum Ambo. Es gibt Gemeinden, die freiwillig und bewusst auf die Glöckchen bei der Wandlung verzichten. Weihrauch wird eher in Ausnahmefällen verwendet. Und wahrscheinlich könnte der in römischer Tradition Aufgewachsene noch so Einiges mehr aufzählen, was so nach und nach weggefallen ist und nicht mehr als so wichtig erachtet wird. All das führt dazu, daß sich mancherorts die katholische Messe dem nüchternen und blutleeren protestantischen Gottesdienst immer mehr anpaßt. Ich sehe das wirklich als eine bedrohliche Entwicklung, als eine Verarmung des Glaubens, weil dadurch Leben und Beten immer mehr nur zu einer Sache des Kopfes werden, und das ganzheitliche Geschehen, das Beten mit Leib und Seele, mit allen Sinnen, immer mehr zurückgeht. Vom Verlust des Feierlichen und Erhabenen mal ganz zu schweigen.
    Und das wird nun praktisch für die Katholiken, die mit den Protestanten eine gemeinsame Kirche nutzen, festgeschrieben. Wenn kein Tabernakel da ist, vor dem man ehrfürchtig in die Knie geht, wenn nicht mehr gekniet werden kann beim Beten, wenn das Aufstellen von Gottesmutter- und Heiligenstatuen zu einem Problem wird, dann geht so manches Wichtige verloren. Dann kann man gleich einen evangelischen oder ökumenischen Gottesdienst besuchen. Und man gewöhnt sich gezwungenermaßen vieles ab, wird es irgendwann gar nicht mehr vermissen und nicht einmal merken, wie sehr die eigene Glaubenspraxis verarmt ist.
    Sorry, aber ökumenische Beziehungen dieser Art kann ich für die katholischen Christen nicht als Bereicherung, sondern nur als Verarmung ihrer Glaubenspraxis betrachten.

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