Fünf Fragen an: Gregor Gysi, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag

Fünf Freitagsfragen an Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender Die Linke, über die Heiligkeit des Lebens, Barmherzigkeit und die Rolle der Kirche heute.

Dr. Gregor Gysi (Bild: Fraktion Die LINKE im Deutschen Bundestag)

Gregor Gysi wurde in Berlin geboren und hat an der Humboldt Universität zu Berlin Jura studiert. 2002 war er Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen des Landes Berlin. Er ist seit 2005 Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Mit dem Amtsantritt des dritten Kabinetts Merkel am 17. Dezember 2013 ist Gysi Oppositionsführer im Deutschen Bundestag. Am 7. Juni 2015 gab er bekannt, dass er nicht erneut für den Fraktionsvorsitz der Linken kandidieren wird. Am 13. Oktober finden die Neuwahlen für den neuen Vorsitz statt. Gysi engagiert sich als Politiker, Rechtsanwalt und Publizist und Moderator, insbesondere für Frieden, für Chancengleichheit in Bildung und für soziale Gerechtigkeit.

Rogate-Frage: Herr Dr. Gysi, was ist Ihnen heilig?

Gregor Gysi: Heilig sind mir die Würde und das Leben der Menschen.

Rogate-Frage: Elendiges Sterben im Mittelmeer, neue Grenzzäune werden mit Stacheldraht an den EU-Außengrenzen errichtet, Staaten wie Polen die flüchtende Menschen nicht aufnehmen… Was wird aus der europäischen Idee?

Gregor Gysi: In der gesamten Europäischen Union muss jedes Land bereit sein, Flüchtlingen wirksam zu helfen. Sie müssen anständig behandelt und untergebracht werden. Niemand, der versucht, zu uns zu fliehen, darf künftig im Mittelmeer sterben. Die Kosten für die Unterbringung der Flüchtlinge sind im Rahmen der Europäischen Union gerecht zu verteilen. Alle Industriestaaten müssen sich endlich verpflichtet fühlen, wirksam gegen die Ursachen der Flucht, gegen Krieg, Hunger, Elend und Rassismus etwas zu unternehmen.

Rogate-Frage: Wie sieht eine gerechte, ethisch gestaltete Politik aus und woran scheitert sie derzeit?

Gregor Gysi: Eine gerechte und ethisch gestaltete Politik, würde mit deutlichen Schritten versuchen, die Armut zu überwinden und Chancengleichheit für die Kinder, vor allem in Kultur und Bildung herzustellen. Davon sind wir meilenweit entfernt, weil die Reichen in unserer Gesellschaft eine zu starke Lobby im Verhältnis zu den regierenden Politikerinnen und Politikern bilden.

Rogate-Frage: Papst Franziskus hat ein Jahr der Barmherzigkeit für das kommende Jahr ausgerufen. Was ist Barmherzigkeit für Sie? Und wie zeigt sie sich in der Kirche?

Gregor Gysi: Zur Barmherzigkeit gehört wirkliche Nächstenliebe, gehört die Bereitschaft, etwas für andere, denen es schlechter geht, abzugeben, gehört die Fähigkeit, nicht wegzuschauen, sondern die gravierenden Probleme vieler Menschen auf der Erde zur Kenntnis zu nehmen. Die Kirche muss versuchen, eigene Wege zu gehen. Sie muss versuchen, ein Beispiel zu sein. So finde ich Kirchenasyl ebenso richtig wie die Hilfe für jene Menschen, die ansonsten keine Hilfe bekämen. Die Kirche muss immer wieder an das Gewissen der Gläubigen appellieren, sich anders als bisher zu verhalten.

Rogate-Frage: Wie ist Ihr Verhältnis zu Gott, dem religiösen Glauben und der Kirche?

Gregor Gysi: Ich bin nicht religiös, aber ich habe ein gutes Verhältnis zu religiösem Glauben und zur Kirche. Kirchen wird es solange geben, solange die Menschen religiös glauben und ich kann mir keine Zeit vorstellen, in der die Menschen aufhörten, dies zu tun. Nur durch die Religionsgemeinschaften haben wir zum Beispiel in Deutschland allgemein verbindliche Moralvorstellungen. Dabei spielt die Bergpredigt eine besondere Rolle. Der Kapitalismus setzt auf Konkurrenz und Wettbewerb, erzeugt also keine Moral. Die Linken sind im letzten Jahrhundert so gescheitert, dass auch sie zur Zeit nicht fähig sind, allgemein verbindliche Moralformen aufzustellen. Nur dank der Religionsgemeinschaften verfügt unsere Gesellschaft noch über solche.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Gysi, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: gregorgysi.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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2 Antworten zu Fünf Fragen an: Gregor Gysi, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag

  1. Alt-Katholische Gemeinde Berlin schreibt:

    Danke!

    „Die Linken sind im letzten Jahrhundert so gescheitert, dass auch sie zur Zeit nicht fähig sind, allgemein verbindliche Moralformen aufzustellen. Nur dank der Religionsgemeinschaften verfügt unsere Gesellschaft noch über solche.“

    Das sind doch starke Worte!

    Liebe grüße, Ulf

  2. Felix schreibt:

    Erstaunlich gut, Gysi überrrascht immer wieder.

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