Fünf Fragen an: Dr. Andrea Schrimm-Heins

Fünf Fragen an Dr. Andrea Schrimm-Heins, Leiterin der Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, über die Befreiung aus Rollenstereotypen, die Möglichkeiten der Bildungsarbeit in der Pandemie und Diversität der Lebensformen als kirchliche Herausforderung.

Dr. Andrea Schrimm-Heins (Bild: privat)

Andrea Schrimm-Heins stammt aus Stuttgart und studierte Evangelische Theologie und Latein in Tübingen und Bern sowie Soziologie in Bayreuth. Sie engagiert sich in verschiedenen frauenspezifischen Bezügen, zum Beispiel im Vorstand der Oldenburger „Stiftung Evangelische Frauen helfen Frauen“, im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen- und Gleichstellungsarbeit der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen und in der Frauenkommission der Norddeutschen Mission.

Rogate-Frage: Frau Dr. Schrimm-Heins, was genau verstehen Sie unter Evangelischer Frauenarbeit und wie funktioniert diese in der Oldenburger Kirche?

Andrea Schrimm-Heins: Unter Frauenarbeit verstehe ich die (Bildungs-)Arbeit mit Frauen in unserer Kirche. Frauen gestalten aktiv und ehrenamtlich auf vielfältige Weise Gemeinde, Kirche und Gesellschaft. Wir unterstützen und fördern dieses Engagement. Die Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg richtet sich mit ihren Angeboten an alle Frauen, bietet qualifizierte Fortbildungen an, lädt ein zur aktiven Mitarbeit, ermutigt zur Übernahme von Verantwortung in Kirche und Gesellschaft, ermöglicht Gemeinschaft und pflegt eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung.

Wir ermutigen Frauen, ihre Perspektiven einzubringen und für ihre Anliegen einzutreten. Wir möchten in unserer Arbeit etwas von der befreienden Botschaft des Evangeliums sichtbar werden lassen und den an unseren Angeboten teilnehmenden Frauen Orientierung in Sinn- , Glaubens- und Lebensfragen geben, Frauenbewusstsein stärken und zum Nachdenken anregen. Wir stehen für eine Theologie, die Frauen und Männer aus Rollenstereotypen befreit. Wir wollen den Blick schärfen für Ungerechtigkeit und gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen sowie die Vielfalt von Lebensformen und Kulturen.

Unser Themenspektrum reicht von der Weltgebetstagsarbeit über Tagesseminare zu theologischen oder ethisch relevanten Themen und Einkehrtage oder einwöchige Bildungsurlaube und Pilgertouren bis zu interkulturellen Begegnungen und dem „Fernstudium Theologie geschlechterbewusst“, bei dem wir mit den Evangelischen Frauen in Bremen und der Frauenarbeit der evangelisch-reformierten Kirche kooperieren.

Rogate-Frage: Was hat sich für Ihre Arbeit durch Corona verändert?

Andrea Schrimm-Heins: Unsere Arbeit lebt von der Begegnung und in Zeiten des Lockdowns sind diese vor Ort leider nicht möglich. Einige geplante Veranstaltungen finden daher als Online-Seminare statt. Das ist besser als nichts, aber es fehlt Wesentliches. Die meisten unserer Seminare haben einen spirituellen Rahmen, ermöglichen den persönlichen Austausch in kleinen Gruppen, sind geprägt von einem Wechsel an Methoden, die Kopf, Herz und Hände ansprechen. Viele dieser prägenden Elemente unserer Arbeit sind digital gar nicht erlebbar. Als wir im Sommer nach dem ersten Lockdown wieder mit Veranstaltungen vor Ort starten konnten, erlebten wir einen wahrhaften Andrang auf unsere Einladungen. Die Teilnehmerinnen erzählten dann auch zum Beispiel bei unseren Auszeit-Tagen im August im wunderschön gelegenen Blockhaus Ahlhorn, wie sehr sie die Gemeinschaft und den Austausch mit anderen Frauen vermisst haben und dass sie die Begegnungen dadurch wieder ganz besonders zu schätzen wissen. Was Frauen zur Zeit besonders zu schaffen macht, kommt bei fast allen Treffen zur Sprache, nämlich die Erfahrung, dass sich durch Corona längst überwundene Rollenmuster wieder eingeschlichen haben. Was sich durch Corona verbessert hat, ist natürlich der Umgang mit den sozialen Medien. Selbst Frauen, die bislang keine Erfahrungen mit Video-Chats hatten, haben sich technisch neu ausgestattet und eingearbeitet, um auch an Video-Formaten teilnehmen zu können zum Beispiel an den WGT-Bundeswerkstätten. Die Onlineveranstaltungen der Frauenarbeiten innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) werden auch über ihre landeskirchlichen Grenzen hinaus wahrgenommen. Das empfinde ich natürlich als große Bereicherung.  Positiv habe ich auch erlebt, dass verschiedene überregionale Gremien, bei denen Anfahrtszeit und Tagungsdauer bislang sehr unverhältnismäßig waren, nun online tagen und damit Zeit und Fahrtkosten eingespart werden können ohne an Effizienz einzubüßen.

Rogate-Frage: Die Evangelische Frauenarbeit engagiert sich im interreligiösen Dialog. Warum?

Andrea Schrimm-Heins: In unserer Zuwanderungsgesellschaft gilt es mit kulturellen und religiösen Unterschieden so umgehen zu lernen, dass ein gutes Leben für alle möglich ist. Es braucht Menschen, die Brücken bauen können. Interreligiöser Dialog ermöglicht es einander in gegenseitigem Respekt mit Interesse und Wertschätzung zu begegnen und so miteinander und voneinander zu lernen. Vor dem Hintergrund der je verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen der beteiligten Frauen bietet sich die Möglichkeit, sich mit gesellschaftlichen Fragenstellungen zum Beispiel über Freiheit und Tradition, über Religion und Emanzipation vertieft auseinanderzusetzen und Vorurteile abzubauen sowie Unterschiede zu respektieren.

Rogate-Frage: Sie haben das Projekt „Was glaubst du denn“ mit ins Leben gerufen. Was genau passiert da und wer kann daran teilnehmen?

Andrea Schrimm-Heins: Die Fortbildung zur Kulturmittlerin „Was glaubst du denn?“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bischöflichen Beauftragten für den interreligiösen Dialog im Offizialatsbezirk Oldenburg, der Frauenseelsorge und Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) im Offizialatsbezirk Oldenburg und der Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg. Sie orientiert sich am Modellprojekt „Kulturmittlerinnen“ der kfd auf Bundesebene, bei dem es jedoch nur um den christlich-islamischen Dialog ging. Wir haben unser Projekt auf alle drei abrahamitischen Religionen und auf das Yezidentum ausgeweitet, da in unserer Region auch viele yezidische Mitmenschen leben.

Die Grundidee war, dass aus jeder Religion beziehungsweise Konfession mindestens eine Frau im Planungsteam mitwirkt. Eingeladen waren Teilnehmerinnen aus den verschiedenen Religionen. Bei den Veranstaltungen ging es um die Grundlagen und kulturellen Hintergründe der jeweiligen Religionen und ganz besonders um den Austausch über den eigenen Glauben. Leider konnten wir nur das Startwochenende und einen Studientag vor Ort stattfinden lassen. Die nachfolgenden Termine mussten wegen der Pandemie durch Online-Veranstaltungen ersetzt werden. Das wurde als sehr schade erlebt, weil durch die direkten Begegnungen Interesse und Lust geweckt worden war auf weitere persönliche Gespräche und gemeinsames Erleben. Dennoch waren auch die Zoom-Treffen lebendig und fruchtbar. Die Fortbildungsteilnehmerinnen wurden dazu ermutigt, in religionsübergreifenden Kleingruppen interkulturelle Projekte zu planen und durchzuführen. Dafür gibt es schon vielfältige Pläne, die aber in der gegenwärtigen Situation noch nicht in die Tat umgesetzt werden konnten. Wir sind schon gespannt auf die Erfahrungen bei der Umsetzung, von denen wir bei einem Auswertungstag hören werden.

Rogate-Frage: Wie wird sich die Evangelische Frauenarbeit in Hinblick auf Diversität, Kirchenaustrittszahlen und dem resultierenden Sparzwängen und einer sich stärker spaltenden Gesellschaft entwickeln?

Andrea Schrimm-Heins: Die Diversität der Lebensformen und Lebensbedingungen erweist sich als immer größere Herausforderung bei der Ausgestaltung unserer Arbeit, da die traditionelle kirchliche Sozialisation und Bindung von Frauen nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Hauptmotivation zur Teilnahme an Veranstaltungen ist der Wunsch nach ganzheitlicher Bildung, Anregung, Austausch, Vernetzung, Unterstützung, Orientierung, Vergewisserung, gegenseitiger Stärkung und Gemeinschaft. Den veränderten Lebensbedingungen und Lebenslagen von Frauen muss durch vielfältige und neue Veranstaltungsformate und eine Ausweitung projektorientierter Angebote Rechnung getragen werden, wobei die Verknüpfung von Bildung und Freizeit sowie erfahrungsbezogene und auch erlebnispädagogische Elemente in Zukunft in der Frauenbildung eine noch größere Rolle spielen werden.

Die aus dem Rückgang der Kirchensteuern resultierenden Sparzwänge gefährden alle übergemeindlichen Arbeitsbereiche – also auch die Frauenarbeit – und stellen sie auf den Prüfstand. In vielen Landeskirchen erfuhr die Arbeit mit Frauen schon starke Kürzungen. Auch auf EKD-Ebene drohen dem Evangelischen Zentrum Frauen und Männer – zu dem unser Dachverband EFiD (Evangelische Frauen in Deutschland) gehört – Kürzungen, die langfristig zur Handlungsunfähigkeit führen würden. Aber Kirche braucht Räume für Geschlechterdialoge und geschlechtsspezifische Angebote. Ich hoffe, den Kirchenleitenden der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg ist bewusst, dass engagierte Frauen zum Fundament unserer Kirche gehören und Frauenarbeit unverzichtbar bleibt, um aktive Frauen zu unterstützen und auch neue für Kirche zu interessieren.  Evangelische Frauenarbeit muss sich in Zukunft weiter vernetzen, um ihre Stimme und Positionen in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen.

Rogate: Vielen Dank, Frau Dr. Schrimm-Heins, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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